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Manchmal dauert ´s länger - Teil 7

Romane/Serien · Nachdenkliches
Mittwochmorgen, acht Uhr. Thomas betrat den Klassenraum und ging zu seinem Platz. Pannek war noch nicht da, traf aber zwei Minuten später ein. Thomas wusste schon, dass dieser sich zuerst erkündigen würde, ob er die Hausaufgaben gemacht habe, und er hatte Recht.
„Ist doch schon mal gut, dass du schon mal etwas selbständig gelöst hast“, lobte Pannek. Sie verglichen die Hausaufgaben, und es zeigte sich, dass das, was Thomas berechnet hatte, sogar richtig war. Es sei denn Panneks Lösungen wären falsch, aber das konnte Thomas sich kaum vorstellen, soweit er sich erinnern konnte, hatte Pannek nur ein einziges mal etwas Falsches gesagt, und das war nicht mal ein gravierender Fehler.
Thomas war auch dieses Mal wieder derjenige, der den Anfang machen konnte, als die Hausaufgaben besprochen wurden. Hesslings stolzer Blick über die gemachten Hausaufgaben war nicht zu übersehen. Die zweite Aufgabe sollte Thorsten Asdorf, jemand der die 13 wiederholte, vortragen. Dieser hatte sie zwar gemacht, allerdings war sein Ergebnis nicht richtig. Die Aufgabe wurde dann von Tanja Möhring, dem einzigen Mädchen im Kurs, richtig gestellt. Sie war blond, blauäugig – und blöd? Nein, blöd war sie absolut nicht, ganz im Gegenteil, sie war sehr gut in der Schule. Zwar sagen Schulnoten nicht immer etwas über Intelligenz aus, aber schon aus ihrem Verhalten, wie sie sich ausdrückte, konnte man erkennen, dass sie nicht auf dem Kopf gefallen war. Ulrichsen drückte sich zwar auch immer gut im Unterricht aus, hatte oft gute Ideen zu vertreten und war auch kein schlechter Schüler, aber er würde sich ja nicht immer zum Kasper machen, wenn er wirklich intelligent wäre. Zumindest müsste er merken, wie idiotisch sein Verhalten war, aber er dachte scheinbar, dass er beliebt sei.
Nachdem die Hausaufgaben besprochen waren, machten Hesslings mit dem Stoff weiter. In dieser Stunde verstand Thomas mal wieder gar nichts, er war froh, als es zur Fünf-Minuten-Pause läutete. Pannek fragte ihn, ob er zurecht gekommen sei. Thomas schüttelte nur verzweifelt den Kopf.
Grünwald hatte wieder „Besuch“, wie immer waren alle möglichen Mädchen aus den anderen Kursen zur Pause hineingekommen und um ihn herum versammelt. Nur Nadja war diesmal nicht dabei, ob sie wohl krank war? Aber vielleicht musste sie noch Hausaufgaben machen, spätestens in der fünften Stunde würde er merken, ob sie da war oder nicht, denn da stand Deutsch auf dem Stundenplan, was sie zusammen hatten.
Schneller als ihm lieb war, war die Pause vorbei und Hesslings zog direkt seinen Stoff durch. Zu allem Unglück sollten die Schüler jetzt auch noch selbst Aufgaben rechnen oder vielmehr lösen, denn Mathematik habe ja eigentlich gar nichts mit Rechnen zu tun, sondern mit Struktur, so sagte Hesslings immer. Damit hatte er auch eigentlich Recht, denn es kam ja darauf an, wie man vorgeht, die Zahlen spielten dabei nur eine Nebenrolle.
Thomas konnte von Glück reden, dass er neben Pannek saß. Dieser sagte ihm zwar nicht alles vor, aber er half ihm auf die Sprünge und gab ihm Tipps. Anschließend verabredeten sie sich gleich schon mal für den nächsten Tag, um zu lernen.
Zur Pause gingen die beiden in die Cafeteria. Thomas holte sich ein mit Salami belegtes Brötchen und einen Kaffee, Pannek ebenfalls ein Salamibrötchen mit einem Tee. Sie setzen sich zum Essen an einem Tisch und redeten über dieses und jenes, Thomas erfuhr dabei z.B., dass Panneks Vater Anwalt war und fand, dass er das typische Gesicht eines Anwalts habe. Er konnte zwar selbst nicht erklären, wie ein typischer Anwalt aussieht, trotzdem fand er, dass dieser so aussah.
Als es gongte machten die beiden sich auf dem Weg zur nächsten Stunde. Thomas hatte eine Doppelstunde Englisch und Pannek zwei Stunden Geschichte vor sich. Die Englischstunden liefen ab wie immer. Thomas hatte zwar keine Hausaufgaben gemacht, aber das war kein Problem, Herr Bexler wählte nie Schüler aus, die ihre Hausaufgaben vortragen sollten, wie es Herr Heßlings machte, sondern ging nur auf Meldungen ein, und davon gab es immer genügend. Die beiden Stunden waren richtig angenehm, schade nur, dass sie nur so einen ungünstigen Abschluss fanden, denn als Thomas anschließend die Klasse verließ, lief er unglücklicherweise Ulrichsen über dem Weg. Hätte er doch nur ein paar Sekunden eher oder früher den Raum verlassen, ärgerte er sich. Aber eines begriff er nicht, wieso begriff Ulrichsen nicht, dass er ihn nervte? Ständig bequatschte er ihn aufs Neue. Oder wollte er ihn nur verarschen? Nee, der nicht.
„Hallo“, sagte Ulrichsen. Thomas verzog nur eine Miene, antwortete aber nicht.
„Was hattest du jetzt?“, fragte Ulrichsen. Thomas gab einen genervten Seufzer von sich und antwortete schließlich: „Spanisch.“
„Häh? Ach soll das jetzt ´n Scherz sein?“
„Nein, ich hatte wirklich Spanisch, das kann man hier auch wählen, wusstest du das noch nicht?“
„Das gibt ´s doch gar nicht…Haha, natürlich ist das ´n Scherz“, lachte Ulrichsen, nachdem er für einen Moment verwirrt war und klopfte ihn auf die Schulter.
„Lass das“, fuhr Thomas ihn ungehalten an. Da sah er Frau Langers, die auch dort her ging und grüßte sie. Wenigstens ein erfreulicher Anblick.
„Sieht gut aus, oder?“, bemerkte Ulrichsen, der sie auch gesehen hatte. „Die würde ich auch gern mal ficken.“ Thomas glaubte nicht richtig zu hören. „Sag mal“, brüllte er, hielt aber inne, denn er sah Nadja, die die letzte Bemerkung von Ulrichssen mitbekommen haben musste und Ulrichsen entsetzt ansah, der es aber nicht bemerkte. Grünwald war bei ihr, der es wohl auch gehört hatte und erstaunt grinste. Wahrscheinlich hatten die beiden den restlichen Dialog auch mitbekommen, da sie hinter ihnen gegangen waren. Aber die letzte Bemerkung von Ulrichsen war wirklich der absolute Hammer. So etwas hatte Thomas ihn nie zugetraut. Er dachte das, was Ulrichsen ausgesprochen hatte, zwar selbst, aber er wäre nie auf die Idee gekommen, das mitten im Flur auszusprechen, wo es jeder Schüler hören könnte.
Nadja vergaß sogar ihre Höflichkeit, indem sie nicht auf Ulrichsens Gruß einging und wandte sich direkt an Thomas, um ihn zu befreien.
„Hi“, lächelte sie ihn an. „Wir wollten zur Kantine, kommst du mit?“
„Ja klar, gern“, antworte Thomas und fühlte sich richtig geehrt, dass sie ihn gefragt hatte, auch wenn sie ihn nur aufgrund der Situation gefragt hatte. Aber immerhin schien sie ihn doch irgendwie zu mögen. Schade nur, dass Grünwald dabei war, aber das würde er auch noch überleben.
„Redet der eigentlich öfter so eine Scheiße, wen er ficken will und so weiter“, fragte Nadja, nachdem sie Ulrichsen los waren.
„Nein, so etwas hab ich von ihm noch nicht gehört. Ich dachte auch, ich höre nicht richtig. Aber dafür hab ich sonst schon einiges erlebt, das kann man gar nicht beschreiben. Ich hab ihn ja ständig am Hals.“
„Wieso polierst du ihm nicht einfach die Fresse?“, schaltete sich Grünwald ein.
„Ich mach mir doch nicht die Hände schmutzig“, antwortete Thomas.
„Dann zieh dir Handschuhe an, jedenfalls braucht der das mal. Ich hab ihn auch schon mal eine gescheuert, seitdem lässt er mich ihn Ruhe.“
„Du tatest mir gerade richtig leid, als ich dich mit ihm gesehen habe und das Gespräch mitgekriegt hab“, meinte Nadja. „Ich konnte dich einfach nicht mehr leiden sehen und musste dich retten.“
„Danke, du solltest öfter in meiner Nähe sein und mich retten“, antwortete Thomas lachend.
„Schrei einfach, wenn du mich brauchst“, lachte sie.
Es schellte, die drei machten sich auf dem Weg zum Unterricht. Thomas hatte nun mit Nadja Deutsch. Grünwald, der nun Sozialwissenschaft hatte, verabredete sich mit Nadja für Schulschluss. Pannek, der auch Deutsch hatte, tauchte auf und sah sehr genervt aus. Thomas fragte, was los sei.
„Zwei Worte“, meinte Pannek. „Markus Ulrichsen!“ Thomas fing an zu lachen.
„Ich hatte zuerst das Vergnügen mit ihm, Nadja hat mich dann gerettet. Du warst somit sein Ersatzopfer.“
„Du meinst, ich hätte ihn eigentlich gar nicht auf dem Hals gehabt?“, fragte Pannek, musste dann aber selbst lachen.

Für den Rest des Tages musste Thomas ständig an Nadja denken. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass sie ihn wohl ganz gut leiden konnte. Natürlich sollte das nicht heißen, dass sie sich näher für ihn interessierte, aber wenn sie ihn einfach nur zu mögen schien, war das für ihn schon etwas Positives, er hatte ja so gut wie keinen Kontakt zu Mädchen. Er war nun einmal sehr schüchtern und unsicher und gehörte dadurch nicht zu den Beliebtesten, und das war der Grund, warum sie ihn nicht beachteten. Er wusste, dass er an sich selbst unbedingt etwas ändern musste, aber so einfach war das auch nicht, um selbstsicher zu sein, musste man ja auch einen Grund haben, etwas bieten können, was er nicht konnte. Ihm fehlte einfach ein Erfolgserlebnis. Die heutige Begegnung mit ihr war ja schon mal ein kleines Erfolgserlebnis. Wenn er auch selbst nichts von ihr wollte, aber er mochte sie sehr gern.
In der Nacht träumte er sogar von ihr, aber das war alles so konfus, dass er es am nächsten Morgen, als er aufwachte, gar nicht mehr auf die Reihe bekam. Das einzige, was er noch wusste, war, dass es ein sehr schöner Traum war.
Als er sie in der Schule sah, bekam er plötzlich Herzklopfen. Seltsam, dachte er. Was ist nur los mit mir, ich hab doch sonst auch kein Herzklopfen, wenn ich sie sehe. Er ließ sich aber natürlich nichts anmerken und wollte sich so verhalten, wie er es immer tat, nur hier und da wollte er ihr mal das ein oder andere kleine Kompliment machen, wenn es angebracht war. Das hatte er vorher auch öfter mal getan, aber heute bot sich dazu leider keine Gelegenheit. Irgendwie beachtete sie ihn heute auch gar nicht. Er fragte sich, ob sie irgendetwas bemerkt haben könnte. Nein, dachte er, das war ausgeschlossen, zumal es ja nicht mal etwas zu bemerken gab. Schließlich wollte er ja nichts von ihr. Aber vielleicht dachte sie, er wolle etwas von ihr? Aber das hielt er auch für ausgeschlossen, schließlich hatte es ja vorher auch schon Tage gegeben, an denen sie ihn nicht beachtet hatte, erinnerte er sich.
Nachmittags fuhr er wieder zu Pannek, mit dem er sich zum Lernen verabredet hatte. Aber irgendwie hatte er heute gar keine wirkliche Lust dazu, die hatte er zwar vorher auch nie, aber heute war es besonders schlimm, er wollte einfach lieber allein sein.
„Was ist heute los mit dir?“, fragte Pannek, der merkte, dass Thomas nicht richtig bei der Sache war.
„Eh…Was?“, fragte Thomas, der aus seinen Gedanken gerissen wurde.
„Du bist so abwesend, gar nicht bei der Sache, was ist denn los?“
„Oh, ich hab ein wenig Kopfschmerzen und fühle mich nicht gut, so als würde ich eine Grippe kriegen“, behauptete Thomas.
„Ach so. Sollen wir denn noch kurz die Hausaufgaben für morgen machen? Oder geht es heute gar nicht?
„Ja, doch, das können wir noch machen.“
Thomas war erleichtert, als sie fertig waren und er wieder fahren konnte. Heute konnte er sich wirklich gar nicht konzentrieren, er wusste selbst nicht, was mit ihm los war.
Zu Hause nahm er wieder seine Gitarre, um ein wenig zu komponieren. Er bekam Lust, eine Ballade zu komponieren, aber auf der Gitarre fand er keine interessante Melodie. Für eine Ballade eignete sich wahrscheinlich das Klavier sowieso besser, also legte er die Gitarre wieder in den Koffer und ging ins Wohnzimmer ans Klavier. Seine Eltern waren glücklicherweise nicht da, so konnte er in Ruhe spielen. Nach einer halben Stunde etwas hatte er auch schon eine schöne Melodie gefunden, die er immer wieder spielte, dabei überlegte er sich einen Text, dem er Nadja widmete. Erst nachdem er ein paar Zeilen getextet hatte, wurde er sich klar darüber, was er da eigentlich tat. „Bin ich jetzt total bescheuert?“, fragte er sich laut. Jetzt schreib ich ihr schon Liebeslieder. Ich will doch nichts von ihr. Sofort beendete er das Klavierspiel, ging in sein Zimmer, um zu lesen. Er konnte sich aber kein bisschen ablenken, im Fernsehen lief auch nichts, wie er der Fernsehzeitschrift entnehmen konnte, so hörte er für den Rest des Tages Musik.
 
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