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Die Belfast Mission - Kapitel 11

Romane/Serien · Fantastisches
Kapitel 11 – Die Auserwählte

Nordirland, November 1909

Ike holte mit der Axt weit aus und schlug wuchtig auf einen Holzklotz, dieser zugleich in kleine Keile zersplitterte. Sein Schäferhund bellte bei jedem Axthieb und lauerte auf die Gelegenheit, einen der Holzkeile zu stibitzen.
„Aus Laika, lass das!“, keuchte er. „Ich hacke gewiss nicht, damit du es mir ständig wegnimmst.“
Ike wischte sich den Schweiß von der Stirn und blickte erschöpft auf den vollbeladenen Fuhrwagen. Einen Baum umzuholzen und den Stamm zu zersägen war schon anstrengend genug, aber nun musste all das Holz kamingerecht gehackt werden. Er kniff die Lippen zusammen und richtete seine Schirmmütze. Was getan werden muss, muss getan werden. Wenn er und Eloise über den Winter bis zum Frühjahr nicht frieren wollten, benötigten sie genügend Brennholz, was bedeutete, dass er die nächsten Wochen hauptsächlich mit Baumfällen und Hacken beschäftigt sein würde, wenn er von einem anstrengenden Arbeitstag nach Hause zurückkehrte. Die Erfindung einer benzinbetriebenen Kettensäge lag ja noch in ferner Zukunft, was Ike momentan sehr bedauerte. Laika nutzte die Unaufmerksamkeit ihres Herrchens schamlos aus, schnappte sich blitzschnell einen der Holzkeile und flitzte damit einfach davon. Die Hündin blieb erst am Hühnergehege stehen, als sie den schrillen Pfiff ihres Herrchens vernahm. Schwanzwedelnd blickte sie ihn an.
„Laika, hierher. Das ist kein Stöckchen!“, rief Ike und deutete mit dem Finger vor seine Füße. Aber der Hund, sonst ein sehr gehorsames Tier, dachte nicht im Traum daran sein Diebesgut freiwillig wieder herzugeben. Laika streckte sich bäuchlings nieder, legte ihren Kopf auf die Pfoten und blickte erwartungsvoll aus ihren Hundeaugen, während ihr Schwanz permanent wedelte und sie den Holzklotz genüsslich ankaute. Dasselbe Spiel wie immer, wenn Ike die Axt schwang. Du willst mein Stöckchen zurückhaben? Dann fang mich doch!
Ike zog seine Schirmmütze ab, richtete seine Hosenträger und jagte dem Hund mit ausgebreiteten Armen lachend hinterher. Die Schäferhündin flitzte unermüdlich ihre Runden um das Haus herum und Ike versuchte sie hartnäckig einzufangen.
Anfangs hatte Ike sich tatsächlich eingebildet, dass es ein Leichtes wäre den Hund irgendwie einzuholen. Sein sportbegeistertes Ego wurde aber jäh enttäuscht und er musste sich schließlich selbst eingestehen, dass Laika erheblich flinker war als er es sich vorgestellt hatte. Das wollte Ike aber nicht auf sich sitzen lassen. Also musste der Hund irgendwie überlistet werden. Er versuchte Laika wieder auszutricksen, indem er sich abermals geduckt hinter das Regenfass versteckte und ihr auflauerte, bis sie vorbei laufen würde. Aber seitdem ihr Herrchen neulich hinter der Regentonne plötzlich hervor gehechtet kam, sie gepackt und ihre Errungenschaft wieder abgenommen hatte, schlich sich Laika nur noch vorsichtig um die Hausecken herum. Als sie das Regenfass erblickte, setzte sie sich und wartete einfach schwanzwedelnd ab, was passieren würde. Ike verlor alsbald die Geduld und trat schließlich hervor. Er zeigte wieder mit dem Finger bestimmend vor seine Füße und erteilte Laika einen energischen Befehl, woraufhin der Hund langsam mit gesenktem Kopf auf ihn zutrabte und ihm den Holzklotz artig vor die Füße legte. „So ist`s brav“, lobte Ike und klopfte anerkennend auf ihren Körper. Laika legte ihre spitzen Lauscher an, schmiegte sich gegen seine Beine und genoss die Streicheleinheiten.

Der junge Mann aus der Zukunft hatte sich sofort seit ihrer ersten Begegnung in den Schäferhund verliebt. Es war offensichtlich Liebe auf den ersten Blick, die Laika wohlmöglich genauso empfunden hatte. Als Ike im März über den menschenbelebten Belfaster Frühjahrsmarkt geschlendert war, vorbei an etlichen Los- und Schießbuden, hinter dem Zirkuszelt nachgeschaut hatte, davor ein Clown gestanden und allen Kindern bunte Luftballons verschenkt hatte, entdeckte er ein mit farbigen Wimpeln geschmücktes Gehege, darin dutzende Hundewelpen verschiedener Rassen miteinander gespielt hatten. Entzückt hatte er zugesehen, wie sie ihre nassen Schnauzen gierig aus den Gitterstäben herausgestreckt hatten. Ein Hündchen war niedlicher als der andere gewesen. Bis dato hatte er noch nie zuvor einen Hund oder ein anderes Tier leibhaftig zu Gesicht bekommen, geschweige denn, hatte er jemals zuvor einen Hund gestreichelt. Diese Geschöpfe kannte er nur aus dem theoretischen Unterricht der Universität im Centrum und studierte ihre Verhaltensweisen genauso nüchtern, wie die komplizierten mathematischen Formeln, die für eine Berechnung eines Raum-Zeitsprungs benötigt wurden. Aber als er direkt vor diesen kleinen vierbeinigen Geschöpfen gekniet und diese freudig seine Hand abgeschleckt hatten, war sein Herz verzaubert gewesen. Plötzlich war eines der Hundebabys aufgesprungen und hatte nach seiner Schirmmütze geschnappt. Der Welpe hatte seine Mütze knurrend durch die Gitterstäbe gezerrt und war dann rücklings über die anderen Welpen gepurzelt. Ike hatte daraufhin sogleich mit seinen Fingern geschnalzt und nach dem Hundezüchter gerufen. Die Würfel waren gefallen.
„Wie viel kostet der kleine Hund da, der eben meine Mütze geklaut hat?“
Nachdem Ike 25 Pence gelöhnt hatte, hatte ihm der Hundezüchter seine Laika überreicht, die immer noch seine Schirmmütze im Maul gehalten und sie wie besessen geschüttelt hatte.

Bislang hielt sich der Winter relativ mild, jedoch sein Nachbar, Mr. McEnrey, der gleich nebenan eine kleine Farm bewirtschaftete prophezeite ihm, dass spätestens im Dezember sich die Temperaturen merklich senken werden. Der Bauer rechnete diesmal sogar mit erheblichem Schneefall und riet ihm, genügend Brennholz im Wald zu schlagen und reichliche Wasservorräte aus dem Brunnen zu schöpfen, bevor die Wasserleitung einfrieren würde. Ike folgte mittlerweile seinen gut gemeinten Ratschlägen, denn die außergewöhnlichen Vorhersagen, die Mr. McEnrey lediglich anhand verschiedener Verhaltensweisen der Tiere, dem Wind und sogar allein nur an den Formen der Wolken bestimmte, verblüfften ihn mittlerweile, statt wie anfänglich seine Weisheiten nur als eine abergläubische Bauernregel abzutun.
Eines Tages, irgendwann im August diesen Sommers, Ike war grade dabei die Dachstreben an seinem Haus anzubringen, kam McEnrey auf ihn zu und warnte bereits frühmorgens vor ein bevorstehendes Gewitter. Die Sonne war feuerrot aufgegangen und außerdem flogen die Vögel tief, was bisher immer den Regen vorhergesagt hatte, behaupte er. McEnrey riet am heutigen Tag vom Dachausbau abzusehen oder zumindest damit zu warten, bis das Gewitter vorübergezogen war, weil ansonsten die anmontierten Balken eine tagelange Trocknungszeit benötigen würden, bevor diese gestrichen werden könnten. „Morgenrot, schlecht Wetter droht“, hatte er gebrummelt. Doch der junge Holländer hatte damals seine Prognose nur belächelt, denn der wolkenlose Himmel strahlte hellblau und die feuerrote Sonne schien bereits um 7 Uhr aus vollen Kräften. Ike hatte nur abgewinkt und augenzwinkernd gescherzte, stets einen großen Regenschirm mit sich zu tragen und gegen jedes Unwetter gewappnet zu sein. Doch schon gegen Mittag, die wichtigsten Balkenträger waren derweil mithilfe einiger seiner Arbeitskollegen montiert worden, verdunkelte sich der Himmel verdächtig. Selbst seine Kollegen hatten versucht ihm auszureden, als sie die bedrohliche Unwetterfront erblickt hatten, die Arbeit fortzusetzen und stattdessen die bereits montierten unbehandelten Balken mit Leinentüchern schleunigst abzudecken, doch Ike war absolut nicht davon überzeugt, dass es aus Eimern gießen würde. Zwar hatte Ike selbst gelegentlich skeptisch zu den wölbenden Wolken hinauf geschaut, wenn er sich unbeobachtet gefühlt hatte, dennoch hatte er es nicht wahrhaben wollen und war davon abgeneigt, die Arbeit vorübergehend einzustellen.
„Die paar Wölkchen machen gar nichts. Weiter geht`s, Männer. Die Schlechtwetterfront wird vorbei ziehen. Ihr werdet es schon sehen!“, hatte er optimistisch prophezeit, obwohl selbst seine Arbeitskollegen verständnislos mit dem Kopf geschüttelt hatten und sie irische Landesmänner waren, die das Klima ihres Landes eindeutig besser einschätzen konnten. Aber Ike wollte unbedingt vorankommen und noch bevor die Sonne am Horizont versinken würde, sollte mit dem Richtfest begonnen werden. Ein bewölkter Himmel über Irland, kombiniert mit dem relativ rauen Klima, war nun auch für Ike längst zur Gewohnheit geworden und besagte noch lange nicht, dass es auch regnen würde, war seine Meinung gewesen. Aber letztendlich hatte es dann doch fürchterlich geregnet, und Ike hatte alleine im strömenden Regen die letzten Nägel ins Gebälk geschlagen, wobei er wild niederländisch geflucht hatte.
Sam Brady, Matthew McKelley und die anderen Arbeitskollegen saßen derweil in der Pferdescheune, im Trockenen, und schmunzelten schadenfreudig vor sich hin, während sie sich von seiner Lebensgefährtin verköstigen ließen.

Mr. McEnrey zählte zu den typisch mürrischen Bauern, die zuallererst alles Neue und jeden Fremden argwöhnisch betrachteten. Dieser junge Niederländer war ihm anfangs gar nicht geheuer. Heimlich beobachtete McEnrey ihn beim akkuraten Abmessen seines Grundstückes und penibler Planung. Sein ungewöhnliches, rasches Vorankommen, meist nur mit der Unterstützung einer jungen Frau, urteilte McEnrey eher skeptisch, als das der Bauer für solch eine Leistung Hochachtung empfand. Der fremde Bursche gab seinen Arbeiter in allen Fachbereichen stets konkrete Anweisungen, obwohl einige von ihnen offensichtlich sogar älter waren als er, löste rasch Probleme und schien einfach nicht zu ermüden. Irgendwann, die Mauern der Außenfassade standen bereits im Lot, kam Ike dem Bauer entgegen und ersuchte freundlich das Gespräch. Er war an seiner Schlachtung, Milch und Eiern interessiert und schlug Mr. McEnrey einen Tausch vor, nachdem er sich in seiner spärlich beleuchteten Scheune umgesehen hatte.
Ike unterbreitete ihm das verlockende Angebot, eine elektrische Beleuchtung im Kuhstall anzubringen, damit er nicht weiterhin früh morgens im diesigen Licht einer Öllampe seine Kühe melken und die Schweine füttern musste. Als Gegenleistung verlangte Ike nur hin und wieder etwas von der frisch gemolkenen Milch und regelmäßig ein paar Sonntagseier, gegebenenfalls noch etwas von seiner Schlachtung, falls dies nicht zu viel verlangt wäre. Aber trotz des großzügigen Angebots, dass McEnrey nach der Installation sogar kostenlos sein Stromaggregat nutzen durfte, war der Bauer weiterhin misstrauisch. Ike versuchte ihn daraufhin zu überzeugen.
„Stell dir mal vor, McEnrey, mit einer elektrischen Lichtanlage, die deine Scheune wie einen Tag erhellt, wärst du der modernste Bauer in ganz Ulster (Nordirische Provinz). Was gibt es da noch zu überlegen?“
Aus Mr. McEnreys Mund entwich nach dieser Bemerkung aber lediglich ein heiseres Gelächter, wobei er sich amüsiert seinen dicken Bauch hielt. „Pah … modern“, entgegnete er abwertend und zeigte ihm mit dem Zeigefinger einen Vogel. Alles was als neumodisch oder modern bezeichnet wurde, lehnte der Bauer prinzipiell ab. Die Farmer ringsherum aus den Nachbardörfern würden sich sicherlich wegen der elektrischen Anlage über ihn lustig machen, befürchtete Mr. McEnrey. Für den griesgrämigen Bauer war die Elektrizität, genauso wie für einige andere Farmer aus der gegend, bloß ein überflüssiger Schnickschnack.
„Freilich, den reichen Herrschaften ist dieser Firlefanz gewiss nützlich, aber die gute alte Petroleumlampe tat schon seit je her gute Dienste und so wird es auch weiterhin bleiben!“
Zwar gab er zu, dass seine Augen im Zwielicht oft schmerzten, aber er sehe weiterhin von der Elektrizität strikt ab, weil er mit einer Petroleumlampe 65 Jahre lang gut ausgekommen war, betonte er.
„Die Leute erzählen sich, wer mit Elektrizität handhabt, dem blühen gefährliche Stromschläge und die sollen nicht ohne sein, junger Holländer“, grummelte der Bauer.
„Ach, komm schon, McEnrey, sei vernünftig. Beinahe in jedem Haushalt von Belfast leuchtet bereits elektrisches Licht und du hantierst immer noch mit Öllampen und Kerzen rum. Begreife doch endlich, das ist viel zu gefährlich“, argumentierte Ike.
Er sprach ihm ins Gewissen, dass in einem Kuhstall nur das geringste Ungeschick mit dem Umgang einer Petroleumlampe ausreichen würde, eine verheerende Katastrophe auszulösen. Schließlich war es keine Seltenheit, dass eine umgefallene Öllampe einen ganzen Bauernhof vernichtete und dies das Ende eines Farmers bedeutete. Er wäre ruiniert, falls er überhaupt mit dem Leben davon kommen würde.
Ike hielt ihm zusätzlich vor Augen, da sie jetzt unmittelbare Nachbarn wären, dass beim Falle eines Brandes auch sein Haus gefährdet und er aufgrund einer Fahrlässigkeit mitschuldig wäre. McEnrey kraulte sich grübelnd den Bart, während er ihm zuhörte. Der junge Holländer klang überzeugend und so willigte McEnrey dann doch letztlich per Handschlag diesen Deal ein.
Ike besorgte also die nötigen Stromkabel und ein paar Glühbirnen mit Fassungen, die er in einem der Müllcontainer aufgesammelt hatte, die zahlreich auf dem Gelände von Harland & Wolff herumstanden, und machte sich eines Sonntages, nach der heiligen Messe wohlbemerkt – Eloise bedrängte ihn stets, jeden Sonntagmorgen mit ihr gemeinsam die Kirche zu besuchen, weil es sich so gehörte –, an die Arbeit. Eloise, seine fleißige Lebensgefährtin, stand ihm wie immer tatkräftig zur Seite, und noch am selben Abend präsentierten sie dem staunenden Bauer einen hell beleuchteten Kuhstall. McEnrey überdachte daraufhin den vereinbarten Deal und kam zum Entschluss, dass der junge Holländer sicherlich ein Vermögen für diese elektrische Lichtanlage gelöhnt hatte und meinte, dass es mit ein bisschen Milch, Schlachtung und Eiern nicht getan sei. Seitdem waren Ike und Eloise im Besitz von zwei Dutzend Hühner, die der Bauer ihnen zum Dank geschenkt hatte.

Ike richtete seine Schirmmütze zurecht, spuckte in seine Hände und rieb sie. Auf seinen Handflächen hatten sich mittlerweile Schwielen gebildet, die er zwar ohne weiteres mit Salben aus seinem Medikit hätte behandeln können, aber er beabsichtigte die Hornhaut an seinen Händen regelrecht zu züchten. Auf der Schiffswerft wurde generell ohne Handschuhe gearbeitet – außer bei den Schweißarbeiten – ein arbeitender Mann hatte demnach also Hände wie Löwenpranken. Er bemerkte, dass die Leute von damals oftmals allererst auf die Hände stielten, daran urteilten sie, ob derjenige einer Arbeit nachging oder nicht. Nur die Reichen und Faulenzer hatten zarte Hände. Zudem war es üblich, sich mit einem Händedruck zu begrüßen und je fester der Handgriff war, desto respektvoller behandelten ihn die Leute. Ein Schwächling hatte kaum Chancen, tatsächlich ernst genommen zu werden. Ike war ein Vorarbeiter und leitete immerhin ein Schreinerteam von über dreißig Männern uralten Schlages, da war es unbedingt notwendig, jedem hart an die Schulter zu packen und ihm stechend in die Augen zu schauen, wenn man demjenigen Anweisungen zu erteilen hatte oder ihn gar zurecht weisen wollte. Diese Männer mussten und verlangten es auch, in jeder Hinsicht geführt zu werden. Es kam durchaus vor, dass ein junger exzellenter Vorarbeiter, obwohl seine fachmännische Kompetenz überdurchschnittlich überzeugend war, wieder kapitulierend kündigte, nur weil ihn das eigene Team für einen Schwächling hielt und sie den Vorarbeiter daraufhin nach Dienstende manches Mal sogar auflauerten und ihn verprügelten.
Jeden üblichen Körperkontakt sowie Gesten hatte Ike in seiner Ausbildung auf der Akademie im Centrum lernen müssen. Besonders trug eine kräftige Stimme immens dazu bei sich durchzusetzen, denn zu jener Zeit schüchterte ein lautes Organ oftmals ein. Lautstärke imponierte und überzeugte damals, nach dem Motto, wer laut brüllend herumkommandiert, der muss auch zwangsweise recht haben.

Ike verzerrte sein Gesicht und schlug mit der Axt kräftig auf ein weiteres Holzklotz ein. Es spaltete sich nicht auf Anhieb. Noch mal holte er mit dem Beil weit aus und schlug wuchtig drauf. Das Holzschlagen beanspruchte seine Kraft, wie das Verdreschen eines Sparringpartners.
Etwa eineinhalb Jahre seiner Zeitrechnung waren nun vergangen, seitdem er durch das Zeit-Tor am Checkpoint verschwunden war. Sein Körper nahm in dieser Zeit wegen der deftigen Mahlzeiten, die ihm seine Liebste täglich zubereitete, etwas an Gewicht zu, aber da Ike sich ständig mit harter Arbeit in Bewegung hielt, setzte bei ihm nirgendwo Fett an, sondern es stählte seinen bereits athletisch gezüchteten Körper zusätzlich. Das raue irische Klima hatte zudem dafür gesorgt, dass Ike nicht mehr wie ein geleckter hübscher Bursche aussah, sondern wie ein kerniger junger Mann. Seine Armmuskeln zeichneten sich deutlich am Hemd ab und die eng anliegenden Hosenträger untermalten seine breiten Schultern. Seine Statur war ihm sein lebelang heilig gewesen und er war es stets gewohnt, Kondition und Kraft mit Hightechgeräten aufrecht zu erhalten. Das war nun schon lange nicht mehr möglich, also suchte Ike nach Alternativen.
Es hatte nicht lange gedauert, bis Ike sein Fitnesstraining mit Jimmy vermisste. Also ließ er sich von seiner Freundin einen großen Sack aus Rinderleder nähen, füllte den Boxsack mit Sägespänen, knüpfte diesen dann an einen Trägerbalken in der Pferdescheune auf und setzte sein Boxtraining auf diese Weise fort. Nach einer gewissen Zeit aber musste er sich eingestehen, dass der Bau des Hauses und seine Arbeit als Vorarbeiter bei der Schiffswerft genügend Zeit sowie Kraftaufwand von ihm abverlangte, was dazu führte, dass er in seiner ohnehin mageren Freizeit irgendwann vom Boxsack abgelassen hatte. Ebenso hatte er längst das stundenlange Joggen durch die Wälder aufgegeben, denn sein Job bei Harland & Wolff entpuppte sich gegen seine anfängliche Erwartung überraschend als eine harte körperliche Arbeit. Sein privilegierter Posten als Vorarbeiter forderte nämlich weitaus mehr, als lediglich ausgezeichnete Sachkenntnisse über Holzmontage, Innenausbau, Tischlerei und Polsterei zu verfügen und von seinem Büro am Schreibtisch aus zu dispositionieren. Die Geschäftsführung benötigten seine hervorragende Kenntnisse in jeder Hinsicht, denn auch zum Bau der bevorstehenden riesigen Gerüstkonstruktionen, die zum Anmontieren der stählernen Außenhaut der Schiffe dienen sollte, wurde jede Arbeitskraft gebraucht und dabei spielte es keine Rolle, ob man eigentlich nur für den Innenausbau, für die Elektrizität, Tüncherei oder ausschließlich für den Gerüstbau zuständig war. Der Zeitdruck war enorm und an Arbeit mangelte es nie. Der Bau der drei geplanten Ozeanriesen, die von der Rederei White Star Line in Auftrag gegeben wurden, mussten vertraglich schnellstmöglich abgeschlossen werden und damit man in der Zeit blieb, wurde jede Arbeitskraft benötigt und eingesetzt.

Wie es der Auftrag von ihm abverlangte, gelang es Ike einen Job bei der Schiffswerft Harland & Wolff als ein Vorarbeiter der Schreiner zu ergattern. Er trat professionell und derartig selbstsicher auf, dass seine erschwindelten dreißig Lebensjahre niemand in Frage gestellt hatte, obwohl Ike anfangs beim Vorstellungsgespräch erst 24 Jahre alt gewesen war. Seine hervorragenden Referenzen und Diplome, die ihm Vincenzo vorweg beschafft hatte, überzeugten die Geschäftsführung und so stellte man den katholischen Ausländer guten Gewissens ein, ungeachtet davon, dass die aktuellen Differenzen zwischen den dominierenden Protestanten gegenüber den Katholiken mittlerweile als kritisch eingeschätzt wurde. Aber Harland & Wolff war ein weltbekanntes Unternehmen, worüber die Presse regelmäßig berichtete und für den betagten Werfteigner Lord Pirrie zählte alleinig nur die Leistungen. Jeglicher Übergriff wurde mit einer fristlosen Kündigung vergolten. Trotzdem schlummerte in beidseitigen Parteien der langgehegte Hass aneinander und so mancher Arbeiter wagte es dennoch, heimtückisch seinen Kontrahenten zu mobben. Harland & Wolff war ein riesiges unüberschaubares Imperium, das immerhin über 15.000 Angestellte einen Arbeitsplatz sicherte. Eine völlige Kontrolle auf den Helgen über gewisse Machenschaften war einfach ausgeschlossen.

In der Werkstatt bewies Ike, dass er über ein außergewöhnliches Talent und Wissen im Handwerk verfügte, was weit über seinen Zuständigkeitsbereich hinausging, weshalb sogar einige Maschinenbauer, Schlosser, Sanitärmonteure, Installateure oder Nieter seinen Rat befolgten, obwohl er anfänglich bei den meisten Vorarbeiterkollegen und Untertanen auf Granit gebissen und sie ihn verteufelt hatten. Wie jeder Neuling hatte auch er es zu Beginn schwer gehabt, akzeptiert zu werden, und hatte oftmals mit seinen gutgemeinten Ratschlägen angeeckt, zumal ihn die Leute alsbald für besserwisserisch und arrogant verurteilt hatten. Außerdem verriet sein ausgeprägter Akzent, dass er offensichtlich kein irischer Landsmann war, was ihm ohnehin wenig Sympathie einbrachte. Die meisten Iren hassten die Ausländer, insbesondere wenn sie ihnen etwas zu sagen hatten, dann spielte die Konfession sogar dabei wenig eine Rolle. Viele neideten ihn um seinen gut bezahlten Posten als Vorarbeiter. Selbst unter den eigenen Reihen kursierte große Missgunst. Einige Protestanten wiederum verspotteten ihn hinter seinen Rücken, hauptsächlich seiner katholischen Konfession wegen und belächelten diesen Schönling, mit seinem ungewöhnlich gut erhaltenen Gebiss und machten sich aufgrund seiner fremd klingenden Aussprache heimlich über ihn lustig. Manche Köpfe malten sich doch tatsächlich insgeheim aus, wie ihre Fäuste auf sein hübsches Gesicht einschlagen würden, aber niemand traute sich diesen einsachtzig großen Muskelmann wenigstens nur einmal provozierend anzurempeln, geschweige denn, ihn von Gesicht zu Gesicht die wahre Meinung zu offenbaren. Selbst nach Dienstende nicht. Dafür war ihnen dieses Unterfangen doch etwas zu riskant, nachdem Ike eines Tages in der Schreinerwerkstatt veranschaulicht hatte, wie man mit einem einzigen Fausthieb eine 30 Zentimeter dicke Holzdiele aus reiner Buche durchbricht – die er vorher heimlich angesägt hatte –, um schon vorab eindrucksvoll gewissen prügelfreudige Herren zu demonstrieren, was ihnen eventuell blühen könnte.

Während seines Studiums auf der Universität im Centrum empfand Ike stets große Schadenfreude, wenn ihm die Einsätze seiner früheren Schulrivalen, die ihm ein paar Semester voraus waren und bereits mitten in der Ausbildung als Schleuser steckten, zu Ohren gekommen waren und es sich herausstellte, dass diese in einem langweiligen Jahrhundert abgesetzt wurden und ab sofort eine jahrelange, hart körperliche Arbeit sie dort erwartete. Eine besonders verhöhnende Belustigung zeichnete sich in seinem Gesicht ab, als Ike erfuhr, dass ausgerechnet sein Erzrivale, und seiner Meinung nach der größte Aufschneider aller Zeitepochen, Marko Rijken, der früher täglich auf dem Pausengelände ständig mit ausgezeichneten Klausurnoten geprahlt hatte – genauso wie Ike es damals üblich tat –, nun im Mittelalter in erbärmlicher Umgebung observieren musste. Ike und sein bester Kumpel François hatten daraufhin im Hörsaal laut lachend ihre Hände abgeklatscht und sich über dieses Opfer belustigt, wie beide ihre Rivalen gerne stets betitelt hatten.
„Welch ein bitteres Pech Rijken mit offenen Arme erwartet hatte. Fünf Jahre lang hatte er nur gebüffelt und seine Freizeit geopfert, geile Partys versäumt und somit Obamamiezen sausen gelassen. Stattdessen hatte er nächtelang gepaukt, um letztlich nur als Hanswurst irgendwo im vierzehnten Jahrhundert verdonnert zu werden. Jetzt schindet sich Rijken mit umständlichem Neandertalerwerkzeug herum, tritt dauernd in Pferdescheiße und badet im Schweiß, während er zugleich observieren muss. Und Zuhause erwartet ihn lediglich ein braves Mauerblümchen mit Kopftuch, die sich sogar für einen Zungenkuss ziert, stattdessen ständig nur ihre Götter anbetet und sich nicht einmal nackt vor einem auszieht“, hatten sie damals gelacht.
Aber nun schaute Ike andächtig auf sein eigenes Haus hinauf, dass er mit seinen bloßen Händen erschaffen und er sehr viel Schweiß und Kraft dafür investiert hatte. Lediglich sogenanntes Neandertalerwerkzeug hatte ihm zur Verfügung gestanden. Er stützte seine Hände gegen die Hüfte und betrachtete stolz das Dach, wobei ihm auffiel, dass noch einige zerbrochene Ziegeln ersetzt werden mussten. Der Gedanke, dass er dieses Haus binnen wenigen Wochen an die Auswanderer übergeben müsste, erfüllte ihn ein wenig mit Schwermut. Er seufzte. Es war nun sein eigenes Zuhause geworden, welches ihn mit Stolz erfüllte und er sich an diesen Ort nun seit eineinhalb Jahren geborgen fühlte.
„Das Holz müsste doch erstmal reichen“, entriss ihm eine liebliche Frauenstimme aus seinen abschweifenden Gedanken. Freudig bellend stürmte Laika auf Eloise zu und sprang sie an. Sie kniete, packte ihren Hals und drückte Laika beherzt an sich heran. Ihr langer karierter Schottenrock schmiegte sich auf den kalten Boden nieder.
„Was für einen lieben Hund wir doch haben“, sagte sie, wobei sie Ike verliebt anblickte. Der Hund schleckte über ihre Wange, woraufhin Eloise leicht ihr Gesicht verzog und mit dem Ärmel abwischte.
Noch nie war Ike solch eine unkomplizierte und genügsame Frau begegnet, die ihn obendrein vom ganzen Herzen liebte und ihn äußerst bewunderte. Er schaute sie immer wieder gerne faszinierend an. Diese Akteurin war einfach bezaubernd. Sie stellte ihm bisher keine unangenehmen Fragen über seine Vergangenheit, akzeptierte stets seine Vorschläge und scheute sich niemals auch mal hart anzupacken, obwohl man ihr dies augenscheinlich aufgrund ihrer zarten Erscheinung nicht unbedingt auf Anhieb zutraute. Außerdem bewunderte er ihren Optimismus, dieser ihr glaubwürdig aus der Seele sprach.
„Ach Ike, auch das werden wir gemeinsam schaffen. Ich bin doch auch noch da und werde dir helfen“, entgegnete sie ihm stets, wenn er wiedermal ermüdet von der Arbeit nach Hause kam, niedergeschlagen wirkte und ihn nochmals, bis die Dunkelheit seinen endgültigen Feierabend einläutete, das Haus körperliche Anstrengung von ihm abverlangte.

Eloise war nicht ansatzweise mit den Frauen zu vergleichen, die er im Centrum oder in einer anderen City kennengelernt hatte. Insbesondere die Frauen aus dem Centrum galten als überaus anspruchsvoll und er hatte die bittere Erfahrung gemacht, je gutaussehender die Dame seines Herzens war, desto kostspieliger entpuppte sich ihre Freundschaft. Außerdem geriet Ike ständig an launische und überaus zickige Frauen, die sich zwar anfangs lieblich präsentierten und ihn anhimmelten, aber sobald nach einigen Wochen der Alltag sie heimgesucht hatte und Ike nicht mehr gar so verschwenderisch mit dem Euro umgegangen war, hatten seine Herzdamen oftmals ein hässlicheres Gesicht gezeigt. Und wenn er einmal einen schlechten Tag erwischt hatte, sein Boxtrainer Jimmy ihn im Ring besiegte, hatte ihn seine eigene Freundin verachtend angeblickt und den ohnehin niedergeschlagenen Ike zusätzlich gestraft, indem sie jegliche Berührung seinerseits zickig abgewehrt hatte.
Eloise dagegen, das Mädchen vom Land, war sehr geradlinig, sagte immerzu ihre offene Meinung und verabscheute Heuchelei. Sie munterte ihn in schlechten Zeiten erst recht auf und stand ihm dann insbesondere treu beiseite, trieb ihn beharrlich voran und schenkte ihn abends ihre lustvolle Leidenschaft, was Ike wiederum augenblicklich aufbaute. Eloise liebte ihren starken klugen Mann abgöttisch, besonders in jenen Augenblicken, wenn er verletzlich und hilflos wirkte. Sie war ausgesprochen großherzig, dies sie jedoch naiv wirken ließ. Nach der Vorstellung ihrer Eltern sollte die Neunzehnjährige längst mit dem Nachbarsburschen Peter Callaghan verheiratet sein, aber Eloise hatte sich bislang haarsträubend gegen eine Vermählung gewehrt. Ihrem Vater schien ihr trotziges Verhalten nicht sonderlich zu stören, weil er Peter Callaghan nicht unbedingt als Schwiegersohn haben wollte, weshalb er sich bezüglich dieser Angelegenheit nur selten dazu geäußert hatte. Ihm wäre es genauso recht gewesen, wenn seine Tochter weiterhin im Elternhaus wohnen geblieben wäre, solang sie keinen fremden Mann mit nach Hause bringen würde oder sie sich nachts herumgetrieben hätte. Das hätte er keinesfalls geduldet. Die Erziehung ihrer Kinder hatte der Vater ganz und gar seiner Frau überlassen. Er verlangte ausschließlich Gehorsamkeit. In seinem Haus herrschte Zucht und Ordnung und wehe dem nicht, dann gab es eben eine Tracht Prügel. Die Mutter blieb stets auf der Hut und achtete peinlichst darauf, dass hauptsächlich ihre Tochter sich nicht herumtreiben würde. Eloise hatte Rede und Antwort zu geben, wohin immer sie auch ging und musste sich zeitig wieder Zuhause melden, damit die Nachbarschaft nicht tuschelte, dass sich das junge Fräulein O’Brian wohlmöglich in fremde Schlafgemächer vergnügte. Dieser Schmach, welche die Familienehre zunichte machen würde, wollte die Mutter keinesfalls ausgesetzt werden. Allein solch ein Gerücht wäre entsetzlich. Nur eine Heirat würde das Geschwätz der Leute verstummen. Es gehörte sich nun Mal für ein anständiges, katholisches Mädchen ihres Alters, mit einem ebenfalls katholisch gläubigen Mann verheiratet zu sein. Aber Eloise zeigte bisher kein besonderes Interesse an Männern, bis auf das eine oder andere heimliche Techtelmechtel geschah nicht viel. Höchstens ein Kuss auf dem Mund. Ihre aufrichtige Liebe und Aufmerksamkeit schenkte sie seit ihrer Kindheit ausschließlich ihren Pferden, was so manchen Dorfburschen frustriert hatte und diese sich daraufhin sowieso rasch in ein anderes Mädchen verguckt hatten.
„Eloise, ich verstehe dich nicht. Peter Gallaghans Stammbaum ist tadellos. Er erbt später ein angesehenes Familienunternehmen und wird durchaus in der Lage sein, eine Familie zu ernähren. Kind, sei doch nicht so töricht. Peter ist offensichtlich nicht von dir abgeneigt und wird für dich sorgen können. Mag ja sein, dass er ein wenig unbeholfen wirkt, aber das könntest du dir zunutze machen und hättest stets die Oberhand in deinem Haus.“
„Unbeholfen? Ich bitte dich, Mutter. Der ist dumm wie drei Ballen Heu. Der kann nicht einmal gescheit lesen und schreiben. Den will ich nicht und werde ihn niemals nehmen. Ich heirate nur einen Mann, den ich auch liebe. Damit Basta!“, giftete sie aufmüpfig, sobald ihre Mutter nur ansatzweise dieses Thema erwähnt hatte.
Besonders das Verhältnis zu ihrer strengen Mutter war seit längerem angespannt, seitdem Eloise merklich zu einer jungen Frau herangereift war und sie nicht mehr alles bedingungslos hinnahm, was man ihr vorschrieb. Zudem musste sich Eloise gegen ihre beiden jüngeren Brüdern, Paddy und Albert, die die Lieblinge der Mutter waren, sich ständig durchsetzen, was ihr trotz alledem immer erfolgreich gelungen war.
„Von euch Rotzblagen lasse ich mir noch lange nichts bieten!“, wies sie ihre frechen Brüder stets zurecht. Ihr jahrelanges zähes Durchsetzungsvermögen bekräftigte eines Tages ihren Mut, sogar gegen die strengen Eltern in jeder Hinsicht zu rebellieren. Vor ihrer großen Schwester hatten die beiden Brüder wahrlichen Respekt. Wenn Eloise ihre Hand hob kuschten sie sofort, denn sie scheute sich auch nicht mit den Nachbarsburschen zu raufen, falls irgendjemand sie dazu bedrängte.
Aber die Geschwister liebten aneinander und trotz häufiger Unstimmigkeiten, die in der Vergangenheit durchaus vorgekommen waren, fiel niemals ein derartiges böses Wort, sodass sie sich nicht mehr anblickten. Nachdem öfters ein paar Ohrfeigen schallten – hauptsächlich provozierte der vierzehnjährige Paddy seine Schwester gerne – hielten sich die Geschwister im nächsten Augenblick wieder liebevoll in den Armen und baten aneinander um Verzeihung.

Eine unverheiratete junge Frau ihres Alters war eine Seltenheit, weshalb nicht nur die dörfliche Burschenschaft, sondern auch einige ältere ledige Herren ihr nachstellten. Aber ihr quirliges, temperamentvolles Wesen verlangte nach einem gescheiten Mann, der ihr mehr zu zeigen vermochte und verlangte, als nur Kühe zu melken und den Haushalt aufrecht zu halten. Dieser sollte mindestens einen Jules Verne gelesen, sich etwas in der Astronomie auskennen und eine starke Schulter haben, an der sie sich anlehnen könnte. Außerdem sollte der Mann ihrer Träume unbedingt fähig sein auch mal konsequent mit der Faust auf den Tisch zu hauen. Obendrein wünschte sich Eloise bedingungslos geliebt zu werden, wobei sie sich selbst eingestand, dass ihre Ansprüche vielleicht etwas zu hoch angesetzt waren und ihr solch ein Mann möglicherweise niemals begegnen würde. Jedenfalls nicht in einen der umliegenden Dörfer von Belfast.
Für einen modernen Stadtburschen mochte sie jedoch vielleicht etwas zu unscheinbar wirken. Eloise war ein typisches irisches Mädel, mit naturblasser Haut. Ihre Nase sowie Wangen waren mit Sommersprossen verziert und ihr langes, kupferrotes Haar trug sie meistens schlicht zu einem geflochtenen Zopf. Oftmals, wenn sie im Haushalt tätig war, beispielsweise Wäsche in einer Blechwanne schrubbte und ihr am Morgen wenig Zeit zum Frisieren blieb, wuschelte sie ihre dichte Mähne kurzerhand nach oben und steckte es mit Wäscheklammen zusammen. Hauptsache praktisch, lautete ihre Devise. Ihre Mutter aber dagegen sah es nicht gerne, wenn Eloise derartig praktisch herumlief und kritisierte oftmals ihr schlampiges Erscheinungsbild, wie sie sich glimpflich auszudrücken pflegte.
„Eloise, wie du schon wieder aussiehst!“, schimpfte die Mutter dann. „Steck die Wäscheklammern gefälligst aus deinem Haar, was sollen denn die Leute nur von uns denken?!“
„Was die Leute über mich sagen, ist mir einerlei. Es zählt nur, dass ich ordentlich arbeite, Mutter!“, giftete sie daraufhin garstig zurück.
Zuhause, hauptsächlich in der Gegenwart ihrer Mutter, machte Eloise oftmals einen mürrischen Eindruck, wobei sie sich auffällig hektisch, reserviert und wortkarg gegenüber den Nachbarn verhielt. Manch einer behauptete, sie sei bloß eine erhabene Göre die meint, etwas Besseres zu sein. Kein Wunder, dass ihr die Männer nicht unbedingt in Scharen hinterher laufen, bis auf ein paar alte geile Böcke, und sie noch nicht unter der Haube sei. Aber sobald Eloise lächelte, strahlte sie eine hinreißende Heiterkeit aus, die jedes verdrossene Gemüt augenblicklich fröhlich umstimmte und genau dieselben Leute fragten sich daraufhin, weshalb ist solch ein hübsches Mädchen noch nicht verheiratet?
Die rothaarige Irin, mit den wundervollen grünen Augen und der typisch blässlichen Haut, sprach zudem perfekt gälisch und konnte sich sogar mit den Hiesigen mühelos verständigen, die weit abseits der Großstädte in den uralten Dörfern wohnten. Dies rechneten ihr die alt Eingesessenen hoch an und bewunderten sie, denn in Nordirland wurde hauptsächlich Englisch gesprochen. Aber ihre Eltern mochten es nicht, wenn sie dieses Bauernkauderwelsch sprach, wie sie es bezeichneten. Das war ein weiterer Grund, weshalb ein Stadtbursche wenig Interesse an ihr zeigte. Man gehörte doch zu England und sprach demnach ausschließlich englisch. Außerdem meinte der Mann von Welt, dass Eloise zu schlicht gekleidet, zudem einen Tick zu vorlaut war. Sie sprach generell ihre ehrliche Meinung heraus und das obendrein ungefragt, was ein Mann ohnehin für vulgär empfand und sich von solchen Damen meist distanzierte. Es galt damals zu jener Zeit außerdem nicht unbedingt als attraktiv, wenn die Frau die größeren Forellen aus dem Bach fischte, fester im Sattel saß oder gar die meisten vorbeiziehenden Enten vom Himmel schoss, was Eloise so manches Mal gelungen war, weil sie das Jagen und Fischen sowie Reiten von ihrem Vater gelernt hatte. Des Weiteren hieß es, ein Landmädchen verlangt nach dem ersten Kuss sofort geheiratet zu werden, was einen modernen jungen Herrn ebenso wenig begeisterte sowie anspornte, deren Bekanntschaft zu machen. Überdies zeigte Eloise selten Interesse an Kosmetik und um Mode scherte sie sich genauso wenig. Ihr karierter langer Schottenrock und ihre grüne Lieblingsstrickjacke waren für ein Dorffest schick genug, meinte sie, und auch sonst schneiderte sie ihre Kleider ausschließlich selbst, wenn ihr nach einem neuen Kleidungsstück zumute war. Etwas Neues kaufen kam für sie absolut nicht in Frage. Und wenn ein ihre Röcke ungeschickterweise einmal zerrissen wurde, zuckte sie bloß mit der Schulter: „Was soll`s, dann wird eben ein Flicken darauf genäht.“

Ike versuchte schon so oft, wenn sie jeden ersten Samstag im Monat mit dem Fuhrwagen in die Stadt kutschierten, ihr etwas Schickes zum Anziehen zu kaufen. Eines Samstages war es wieder soweit. Eloise war immerhin eine Frau und ließ sich von ihm selbstverständlich liebend gerne in eine Boutique führen.
„Liebes, such dir aus, was dir gefällt. Ich kaufe es dir“, flüsterte er in ihr Ohr. „Egal wieviel es kostet.“
Das Mädchen vom Lande hatte vorher noch nie eine Boutique betreten, lediglich wusste sie vom Hörensagen ihrer besten Freundin Margaretha, wie ein Modegeschäft von innen aussah. Eloise betrachtete mit großen Augen die wundervollen Damenbekleidungen, stöberte gemächlich herum, hielt sich ab und zu ein Kleid vor ihrer Brust, wankte dabei leicht umher und lächelte ihn an.
„Und, was sagst du dazu? Steht mir dieses Kleid? Ich finde es verflixt himmlisch. Ich liebe Grün“, bekundete sie freudenstrahlend.
Ike klatschte daraufhin seine Hände zusammen.
„Sehr schön. Es steht dir ausgezeichnet, Liebes. Lass es uns auf der Stelle kaufen. Los, einpacken!“
Der Verkäufer rieb sich bereits die Hände, pries den hervorragenden Stoff an und bekundete ebenfalls, wie wundervoll die hellgrüne Farbe zu der feinen Dame passen würde. Aber als Eloise das Preisschild erblickt hatte, legte sie das Kleidungsstück naserümpfend wieder zurück.
„Nö, das ist ja unverschämt teuer. Jetzt will ich es nicht mehr haben!“, blökte sie mitten im Geschäft heraus, woraufhin sie sich empörte Blicke einiger Leute und dem verdutzten Verkäufer einhandelte. Ike dagegen prustete, packte sie sogleich am Arm und beide flüchteten lachend aus dem Geschäft heraus. Als sie gemeinsam unbeschwert über die Straße schlenderten, hatte Ike ihr ständig in den Po gezwickt. Eloise hatte damals seine Neckereien kichernd abgewehrt.
„Ike, lass das doch“, giggelte sie. „Nicht vor all den Leuten!“
Ihre Bemerkung war nicht unbegründet, denn so mancher Herr sowie Dame, die an ihnen vorbei gelaufen waren, drehten sich um und blickte ihnen empört hinterher. Wie skandalös sich doch die Jugend von heute verhält, mochten sie gedacht haben.
„Weshalb wolltest du dieses Kleid wiedermal nicht haben? Die weißen Punkte auf dem hellgrünen Kleid sahen doch schickmodern aus. Irgendwie passt Grün wirklich zu dir. Sag es, sag es mir. Wieso bist du ständig so genügsam? Das ist nicht normal. Ich werde dir jetzt irgendwas kaufen. Es ist mir egal was … irgendwas muss ich dir jetzt kaufen, ob du es willst oder nicht.“
Daraufhin zerrte Eloise ihn zurück, stellte sich auf ihre Fußspitzen und blickte zu ihm hinauf. Verzweifelt versuchte sie ernst zu bleiben, doch es gelang ihr nicht. Immer wieder entwich ihr eine bezaubernde Lache, dies Ike entzückte. Sie schien rundum glücklich zu sein.
„Ike, nein! Unterstehe dich! Ich sehe nicht ein, dass wir dein sauer verdientes Geld verplempern. Du bringst mir doch ständig etwas mit. Mal eine Schachtel Pralinen, neulich diese wundervolle Spieluhr, dann eine Perlenkette, kürzlich diesen Ring, letztens erst die Stiefel, obwohl ich diese ebenfalls für zu teuer hielt, und jeden Tag einen Blumenstrauß. Ich weiß schon gar nicht mehr wohin, mit alldem verflixten Grünzeug.“
„Ach Liebes, ich beschenke dich einfach gerne und außerdem verdiene ich genug Geld. Wir beide gehören zusammen … du und ich. Also, lass mir doch diese Freude. Wenn du glücklich bist, bin ich es ebenso.“
„Nein Ike, nein!“, ermahnte sie ihn mit erhobenem Zeigefinger, wobei sie ihr Prusten nicht weiter unterdrücken konnte und abermals laut auflachte. Dann verstummte sie, neigte ihren Kopf zur Seite und blickte ihn liebevoll an. Ihre Augen glänzten.
„Ich bin doch glücklich, weil du bei mir bist, aber der liebe Gott mag keine Verschwender. Es schadet nicht, wenn wir sparsam sind. Vielleicht werden wir eines Tages schlechtere Zeiten erleben müssen und dann wird der Herr unsere Bescheidenheit belohnen.“ Sie kuschelte sich seufzend in seine Arme. „Alles was ich brauche, habe ich doch schon. Das bist du.“
Die einzigsten Wünsche die sie äußerte waren etliche einige Meter Webstoff, Garn, Wolle und Leinentücher und manchmal wünschte sie sich ein Buch. Besonders die Romane von Jules Verne hatten es ihr angetan. Aber letztlich nähte sie gar kein Kleid für sich, sondern häkelte ihm einen Pullover oder ein paar warme Socken, damit er während der Arbeit nicht frieren würde.

Das Gehalt eines Vorarbeiters war recht üppig und es reichte allemal aus, um eine fünfköpfige Familie zu sättigen. Die Schwiegereltern mit einbezogen, und da beide nur für sich waren, konnte er ihre ausgeprägte Bescheidenheit manchmal nicht nachvollziehen. Außerdem stand Ike weitaus mehr Geld zur Verfügung, als sie ahnte. Es existierte nämlich ein geheimes Bankkonto, worauf alle Schleuser und Agenten, die sich in einer Mission befanden, weltweit im Notfall zugreifen durften. Ike hatte somit hauptsächlich den Bau des Hauses sowie die notwendige Innenausstattung finanziert, wofür dieses Gemeinschaftskonto unter anderem auch gedacht war. Aber als er Eloise die äußerst wertvolle Perlenkette, die etlichen Spieluhren, Ringe sowie weitere Geschenke gekauft hatte, schonte er sein eigenes Konto und erleichterte dafür dieses sogenannte Gemeinschaftskonto mittlerweile um sage und schreibe 19.500 irisches Pfund, was ein halbes Vermögen war, wenn man berücksichtigte, dass Ike lediglich 5 Pfund pro Woche verdiente. Er versicherte ihr scheinheilig, dass er die Kette für nicht einmal 2 Pfund erworben hatte, was sie ihm bedingungslos geglaubt und sich daraufhin dankend um seinen Hals geworfen hatte. Die aufrichtige Dankbarkeit, die sie ihm ständig entgegenbrachte, wobei sie zwischen einer Schachtel Pralinen, einem Blumenstrauß oder eben einer kostbaren Perlenkette keinen Unterschied machte, überwältigte und faszinierte ihn. Und wenn Ike einmal mit leeren Händen von der Arbeit nach Hause gekommen war, rannte sie ihm trotzdem freudig entgegen, öffnete hastig das Nordtor und schmiegte sich wie gewohnt liebevoll an seinen Körper.
„Was bin ich froh, dass du wieder bei mir bist. Wie sehr ich dich doch den ganzen Tag vermisst habe“, flüsterte sie ihm dann ins Ohr.
Es entwickelte sich für Ike eine regelrechte Sucht, sie zu beschenken, denn Eloise bescherte ihm ungewohnte Glücksgefühle, sobald sie sich freute, und zahlte es ihm somit tausendfach zurück, indem sie sich einfach nur dankend um seinen Nacken schlang und ihm aufrichtige Liebesschwüre ins Ohr säuselte. Eine Frau, die ihm derartig genügsam sowie liebevoll begegnete, hatte er noch nie zuvor erlebt. Sie war es in seinen Augen wert, unendlich beschenkt zu werden. Insbesondere bekräftigte er seine Ansicht in den Momenten, wenn sie sich ihm leidenschaftlich hingab.
„Dieses Gemeinschaftskonto ist nur für den äußersten Notfall gedacht, eine Art Schutzversicherung, falls unverhoffte Kosten auf dich zukommen. Es wurde keinesfalls allein nur für dich angelegt, andere Agenten und hauptsächlich Schleuser müssen sich ebenfalls an diesem Bankkonto hin und wieder bedienen. Also, beanspruche es nicht gar so sehr. Halte dir stets vor Augen, dass du nach Missionsende jeden Groschen belegen musst. Das sind nämlich Staatsgelder, mein Lieber!“, hatte ihn Henry mehrmals darauf hingewiesen.
Ike hatte damals seine Unterweisung zwar verstanden, aber nun war er in seine Auserwählte unsterblich verliebt und diesbezüglich offensichtlich taub geworden.
 
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Kommentare  

Danke dir für deinen Kommentar. Werde mich bemühen, die Story weiterhin so zu gestallten.

Francis Dille (02.11.2012)

Hinreißend! Dieses Kapitel gefällt mir ganz besonders und davon am allermeisten der letzte Teil. Die Liebe der beiden wird wunderbar beschrieben und man kann Ike verstehen, dass er seiner jungen Frau alles mögliche schenken will. Auch insgesamt ist dieses Kapitel hervorragend gelungen. Wie du alles beschreibst, Ikes Arbeit, der Hausbau, die Landschaft und den mürrischen Nachbarn- einfach klasse. Dennoch befürchtet man eine Gefahr, denn immerhin ist Ike ja nicht von dieser Welt in der er sich gerade befindet. Wirklich toll gemacht.

Evi Apfel (31.10.2012)

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