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Die Erste der „Stahldora´s“ - meine große Liebe – (Eine wahre Geschichte)

Kurzgeschichten · Erinnerungen
magische Momente im Untergrund Berlins...
Wie oft hört man, dass Matrosen ihre Schiffe verehren oder gar lieben? Manche Seeleute halten ihrem Schiff sogar die Treue, bis dass der Tod sie scheidet oder für immer vereint. So wurde es jedenfalls in einem alten Seemannslied besungen. Da heißt es im Refrain:

Sie hieß Mary – Ann und war sein Schiff,
er hielt ihr die Treue was keiner begriff.
Es gab so viele Schiffe so schön und groß,
die Mary – Ann aber ließ ihn nicht los.

Ich konnte nie nachvollziehen, wie ein Mensch sich in eine Maschine verlieben kann. Doch eines Tages sollte ein Triebwagen der Berliner Untergrundbahn, und zwar der Prototyp der ersten Nachkriegsserie, mir den Verstand für derartige Beziehungen öffnen. Es war am späten Nachmittag oder war es Abend? Egal, ich war auf dem Heimweg und wartete auf meine U-Bahn. Auf dem Display der elektronischen Fahrgastinformation war „Bitte nicht einsteigen“ zu lesen. Da meine U-Bahn eh erst in 7 Minuten fuhr, hatte ich die Ruhe weg. Ein leichter Luftzug, der langsam aber stetig zunahm kam aus dem Tunnel, Scheinwerfer waren bereits zu erkennen, dazu war das Fahrgeräusch eines sich langsam, mit zirka 40 Km/h nähernden Triebwagens zu hören. Ein grünes Licht, über dem mittleren Führerstandsfernster, wo sonst das Fahrziel angezeigt wurde näherte sich ebenfalls. Als der Triebwagen das Dunkel des Tunnels verließ war mir klar, dass es sich hierbei um kein gewöhnliches U-Bahnfahrzeug handeln konnte. Vorn auf der Tür an der Stirnseite war die Nummer 2000 zu lesen. Weiterhin besaß das Fahrzeug dicht unter den Fenstern und an der Dachkante eine silberne Zierleiste, die mit einem schwarzen Streifen unterlegt war. Am merkwürdigsten war jedoch, das Fehlen der Türgriffe an allen Fahrgasttüren. Etwa 9 Sekunden später hatte das seltsame Fahrzeug den Bahnsteig passiert und war wieder im Dunkel des Tunnels verschwunden. Auf der hinteren Stirnseite konnte ich nur noch die Nummer 2001 erkennen. Ich war mir nicht ganz sicher was ich da soeben erlebt hatte, doch ich wusste, dass mir dieses Ereignis keine Ruhe lassen würde, eh ich nicht mehr über diese seltsame Bahn erfahren habe. Anhand der Nummern durchwühlte ich das Internet. Dort fand ich heraus, dass dieser Triebwagen 1956 als Prototyp der Serie D, von der Firma „Orenstein & Koppel“ an die BVG übergeben wurde. Die Serie D war die erste Nachkriegsserie von U-Bahnfahrzeugen. Sie war sehr schnell, für ihre Zeit, bis zu 70 Km/h erreichte sie. Erstmals zu größeren Ehren kam die Serie D auf der 1961 eröffneten Linie G zwischen Leopoldplatz und Spichernstraße. Diese Linie war wie für die Serie D gemacht, ihre gestreckten Kurven machten es möglich sie mit nahezu maximaler Geschwindigkeit zu befahren. Auf dieser Linie wurde erstmals die magnetische Fahrsperre eingesetzt. Die Fahrsperre verhindert, dass ein U-Bahnzug ohne weiteres ein rotes Signal passieren kann. Dies alles machte die Linie G zu einer der modernsten in Europa. Sogar einen stolzen Namen hatten die Züge der Serie D, aufgrund ihrer Stahlblechbauweise wurden sie von den Mitarbeitern der BVG liebevoll „die Stahldora“ genannt. Ihre Nachfolger – die Serie DL nannte man „Die Dora’s“. Wie schon erwähnt waren die Stahldora´s sehr schnell, das hatten sie ihren kräftigen Fahrmotoren zu verdanken. Ein Doppeltriebwagen der D – Serie besaß vier Fahrmotoren mit je 150 KW, und jeder Fahrmotor trieb zwei Achsen an.

Auf die Familie der Stahldora´s kann man mit Stolz zurückblicken, obwohl leider nur noch zwei vollständige Einheiten in Berlin existieren. Da wäre zum einen meine große Liebe die Einheit 2000 – 2001, andererseits befindet sich irgendwo im U-Bahnnetz ein Gleis auf dem die Einheit 2020 – 2021 steht. Diese beiden Einheiten oder auch Doppeltriebwagen, wie man sie bei der BVG nennt, sind die letzten von einst 115 Einheiten. Von beiden Zügen weiß ich, dass sie mit Anlagen zum Schmieren der Gleisbögen ausgerüstet wurden und seitdem ihr Gnadenbrot als Arbeitszüge verdienten.

Ein Großteil der Stahldora´s wurde an die Metro der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang verkauft. Einige Jahre zuvor, im Jahre 1988 als Berlin noch geteilt war, hatte die BVG 54 Einheiten an die BVB im Osten verkauft. Man kann sich bestimmt denken, wie die Geschichte weiterging: Die Mauer fiel, es kam die Wiedervereinigung von Deutschland, von Berlin und die BVG wurde mit der BVB vereint. Plötzlich waren die 54 Einheiten wieder da. Nun will ich ja nicht übertreiben, aber man kann sagen daß diese 54 Doppeltriebwagen an der Verbesserung der deutsch – deutschen Beziehungen speziell in Berlin beteiligt waren.

Im Laufe der Zeit sah ich die Stahldora mit den Nummern 2000 und 2001 noch einige Male. Mein Wissen über ihre Vergangenheit und ihre Leistung, aber auch ihr Design mit der silberfarbenen Zierleiste waren wohl daran schuld, dass ich mich in die alte Dame verliebte. Jedenfalls warte ich jetzt immer, wenn ich den Schriftzug „Bitte nicht einsteigen“ auf einem Bahnhof wo normalerweise keine U-Bahnfahrt endet lese, ob sich mir die Gelegenheit bietet meinen Star, die allererste Stahldora zu sehen. Ich wünsche ihr noch ein langes Leben, dass sie noch lange fahrtüchtig bleibt, und noch viele Menschen mit ihrer Schönheit, ihrer Geschichte und dem Design der späten 50er Jahre verzaubern kann.

Alte Freunde kann man nicht trennen!

Es war an einem Donnerstagabend, als ich auf dem Weg zu meiner Stammkneipe war. Am U-Bahnhof Heinrich-Heine-Straße stieg ich aus. Irgendwas bewegte mich dazu, mich noch einmal umzuschauen, da entdeckte ich auf der Fahrtrichtungsanzeige des U-Bahnhofs den Schriftzug: "Bitte nicht einsteigen". Sollte es möglich sein, dass gerade zu diesem Zeitpunkt eine Durchfahrt des Zuges meiner Träume stattfindet? Ich beschloss zu warten, da ich lange nichts mehr von meinem Lieblingstriebwagen gehört bzw. gesehen hatte. Meine Neugier sollte belohnt werden, langsam näherte sich ein Triebfahrzeug, im Dunkel des Tunnels waren bereits zwei runde Scheinwerfer und ein grünes Licht, oben in der Mitte zu erkennen. Ich war glücklich, endlich wieder meine große Liebe, die allererste Stahldora zu sehen. Doch etwas war anders als bei den vergangenen Begegnungen, das Signal am Ende des Bahnsteigs zeigte ein rotes Licht. Da die U-Bahn mit der ich angekommen war bereits einige Minuten entfernt war, erschien es mir unwahrscheinlich, dass es sich hierbei um den klassischen Stau handelte. Auch das Fahrgeräusch war anders, es schien, als ob ein Fahrzeug sich mit sinkender Geschwindigkeit näherte. Dann fuhr die Legende auf Rädern in den Bahnhof Heinrich-Heine-Straße ein und kam in der Mitte des Bahnsteigs zum Halten.
Ich konnte es nicht fassen, der Triebzug den ich bisher nur für etwa 9 Sekunden zu Gesicht bekam stand plötzlich direkt vor mir. Es war eine seltsame Atmosphäre auf dem Bahnhof, nur das Geräusch des Umformers war zu hören. Ein leises Summen oder Brummeln, welches man normalerweise wegen des hohen Geräuschpegels auf Bahnhöfen nicht hört. Der gelbe Lack und die Silbernen Zierleisten auf schwarzen dünnen Streifen glänzten, wie bei einem Auto, das man gerade aus dem Autohaus abgeholt hatte. Es waren sogar noch die Schilder für das Raucher- und Nichtraucherabteil vorhanden. So stand der Prototyp der ersten Nachkriegsserie, wie ein Star auf seiner Bühne.

Der Triebfahrzeugführer verließ seinen Führerstand und ging zum entgegengesetzten Ende, wo er den anderen Führerstand betrat. Wenig später wurde das Signal am Bahnsteigende, für die Fahrtrichtung aus welcher die Sonderfahrt den Bahnsteig erreicht hatte grün. Langsam setzte sich die stählerne Dame in Bewegung, die Lüfter für die Fahrmotoren sprangen an. Es klang etwa so, als ob unter einer geschlossenen Tür der Wind hindurch pfeift. So fuhr der Doppeltriebwagen wieder in das Dunkel des Tunnels. Ich schaute ihm noch lange nach, bis die beiden roten Schlusslichter verschwanden.
Später begriff ich, dass der Bahnhof Heinrich-Heine-Straße für derartige Begegnungen ideal war. Zwischen diesem Bahnhof und dem Bahnhof Jannowitzbrücke zweigt nämlich der Verbindungstunnel zur Abstellanlage am Alexanderplatz auf der Ebene der U5 ab. Wahrscheinlich war der alte Triebwagen zum Betriebshof, oder der Hauptwerkstatt Friedrichsfelde unterwegs. Da er aus Richtung Wittenau kam, mußte er am Bahnhof Heinrich-Heine-Straße umkehren. Glück für mich, so konnte ich mir den Prototypen der ersten Nachkriegsserie, der mich so faszinierte mal richtig ansehen. Es ist mir egal wer, oder was mich bewegt hat mich noch einmal umzusehen. Hätte ich es nicht getan, wäre mir dieses Ereignis entgangen. Aus meinem regen Emailverkehr mit einigen Mitarbeitern der "Arbeitsgemeinschaft Berliner U-Bahn" erfuhr ich, dass dieser seltene U-Bahnzug seine Fahrt durchs U-Bahnnetz dreimal pro Woche absolvierte. So wurde ein festes Ritual geboren, U-Bahngucken Dienstags und Donnerstags zwischen 20:32 und 20:45 und Sonnabend Vormittag auf dem Bahnhof Heinrich-Heine-Straße.
Es war eine schöne Zeit, zwischen mir und dem alten Triebwagen entstand so etwas wie eine Beziehung, jenes Phänomen, welches oft in Seemannsliedern besungen wird. Die tiefe Verehrung welche ein Mensch für eine scheinbar leblose Maschine empfindet. Bei den Triebfahrzeugführern des alten Zuges muss ich wohl schon bekannt wie ein bunter Hund gewesen sein.
Doch für alles und jeden gibt es ein Ende oder einen Abschied, in diesem Fall war es am 11.12.2004 der Fahrplanwechsel. Mit dieser Änderung wurden alle Züge älterer Bauart aus dem Dienst genommen. Da die neueren Züge in den Kurven ihre Räder selbst schmieren, gab es auch keine Verwendung mehr für einen Gleisbogenschmierzug. Es war wohl die schwerste Vorweihnachtszeit die ich je erlebt hatte. Ich fühlte mich, als ob ein Mensch, der mir lieb und teuer geworden war plötzlich an einen unbekannten Ort umzog. Alles was mir blieb waren schöne Erinnerungen und die Informationen, welche ich über den legendären Zug zusammengetragen hatte.
In dieser Zeit suchte ich oft Trost auf der Internetseite der Arbeitsgemeinschaft Berliner U-Bahn
(www.ag-berliner-u-bahn.de). Dort hatte ich viel über die erste Nachkriegsserie von U-Bahnfahrzeugen gelernt. Anfang des Jahres 2005 fiel meine Aufmerksamkeit auf die Termine für Sonderfahrten für das Jahr 2005. Unter anderem war dort auch eine Aktion zum 75. Jahrestag des Bestehens der Strecke Gesundbrunnen - Neanderstraße (heutige U8 Gesundbrunnen - Heinrich-Heine-Straße) angepriesen. Ich traute meinen Augen kaum, es war geplant an diesem Tag mit vier Wagen der Serie B2 und zwei Doppeltriebwagen der Serie D im regulären Verkehr zwischen den Bahnhöfen Gesundbrunnen und Hermannplatz zu pendeln. Ich war so glücklich wie ein kleiner Junge, dem der Weihnachtsmann eine elektrische Eisenbahn gebracht hat.
Es sollte mir tatsächlich möglich sein mit dem Zug, den ich schon so lange aus der Distanz verehrte mitzufahren! Ich war so dankbar den Mitarbeitern der AG Berliner U-Bahn, der BVG und allen die es ermöglicht hatten, dass diese Fahrt stattfinden konnte.
Am Tage der Sonderfahrt bin ich tatsächlich den ganzen Tag mit meinem „Star der Schiene" hin und her gefahren. Es war der Schönste Tag seit langem. Ich glaube fest daran, dass die Stahldora und ich uns einmal wiedersehen. Wer weiß, vielleicht werde ich dieses legendäre Fahrzeug unter Anleitung fachkundigen Personals selbst einmal ein paar Meter bewegen dürfen. Träumen ist schließlich die Triebfeder der Menschheit.
 
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Kommentare  

Dieser Triebwagen war meine Inspiration, man könnte auch sagen das Vorbild für den schwarzen Triebwagen in meinen zwei Bahnmärchen. Er ist wirklich was ganz besonderes!

Andreas Kretschmann (18.02.2013)

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