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Die Belfast Mission - Kapitel 52

Romane/Serien · Fantastisches
Kapitel 52 – Der Big Brother


Während Ike mit seinem Pferd über die hüglige Wiesenlandschaft galoppierte, wurde er nachdenklich. Der Reiter am Friedhof beschäftigte ihn sehr und nun hatte sich sogar Vincenzo gemeldet, obwohl er doch suspendiert wurde. Scheinbar war es ihm irgendwie gelungen, eine Bordkamera des Satelliten unter Kontrolle zu bringen.
Für Signore Vincenzo Falcone schien einfach nichts unmöglich zu sein. Er zählte zu den bekanntesten Menschen in United Europe und zu den Pionieren der Zeitreisen. Sein Bekanntheitsgrad war mit dem eines berühmten, verruchten Schauspielers oder Rockstars vergleichbar. Die Hindenburg-Affäre wurde insbesondere unter der jungen Generation als eine legendäre Tat bezeichnet, zugleich regte es aber auch zum Nachdenken an, dass die geschichtlichen Ereignisse nicht einfach verändert werden dürften.
Zwar war Vincenzo damals noch nicht für den UE-Secret Service tätig gewesen, als dreißig Jahre zuvor der Checkpoint für die kommerziellen Zeitreisen freigegeben wurde, dafür hatte er aber in der Entwicklung des Archives mitgewirkt und sich überdies des Öfteren als Testperson zur Verfügung gestellt, um durch das Zeitfenster zu steigen, um das gefährliche Ungewisse herauszufinden. So mancher hatte sich damals freiwillig zur Verfügung gestellt, unter anderem Simon Barnes und Henry Gudimard, aber einige kehrten auch nie wieder zurück und waren im Raum-Zeitkontinuum einfach für immer verschollen geblieben. Mancher stieß sogar fürchterlich gegrillt wieder aus dem Zeitfenster heraus oder zerschellte jäh an einem freistehenden Eichenbaum oder Felsen, weil das Energiefeld des Zeitfensters, aufgrund technischer Mängel, versagt hatte.
Zudem pflegte Vincenzo zwielichtige Kontakte und handelte mit Gegenständen aus der vergangenen Welt, dies absolut verboten war. Zu seiner Kundschaft zählten hauptsächlich zahlungskräftige Sammler sowie auch Personen, die in United Europe mit der Regierung oder mit der Mount-Sekte in Schwierigkeiten geraten waren. Dieser Mann war im Laufe der Jahrzehnte sehr einflussreich geworden und eigentlich war er mit Henry befreundet, aber nun schien es so, dass er seine Macht missbraucht hatte und wurde somit zum Staatsfeind.
Er hatte italienische Wurzeln – sein unangefochtenes Vorbild war Al Capone, weil er seine Raffinesse bewunderte – und war auch besonders stolz darauf. Trotzdem sah er das Centrum als seine Heimat an und sprach, wie jeder Einheimischer der Staatscity, die europäische Sprache mit einem ausgeprägten holländischen Akzent. Aber wehe dem wenn er sich mit Landsleuten traf, dann plapperte er perfekt italienisch und zudem: Laut, hektisch und gestikulierend, so wie es sich für einen waschechten Italiener gehörte.
Vincenzo war eine Person, die alles rund um die Zeitreisen wusste, ebenso über die Möglichkeiten sowie Gefahren, welche auftreten könnten und ahnte immer im Voraus, falls ein Zeitparadox entstehen könnte. Jedes Mal, wenn eine Mission geplant war, wurde er dazu beauftragt ein Konzept für die Schleuser zu erstellen, damit sie in eine Zeitepoche problemlos integriert werden konnten. Vincenzo war ein äußerst ausgetüftelter Kerl und für den Secret Service äußerst wertvoll, weshalb man über seine Machenschaften des Öfteren drüber hinweg sah. Nun hatte er den Bogen der Toleranz jedoch überspannt, als er in flagranti dabei erwischt wurde, wie er einem Time Thief mithilfe einer Zeitfernsteuerung, einen sogenannten Beamer, zur Flucht verhalf. Für Ike war er die einzige Hoffnung, dass er Eloise wieder in das Leben zurück bringen könnte. Es war allgemein bekannt und insbesondere war es Henry stets ein Dorn im Auge, dass sich Vincenzo hartnäckig für die Rechte der Akteure einsetzte und wenn es sein musste, war er imstande gegen den Geheimdienst gerichtlich vorzugehen. Aber konnte Ike ihm nach diesen ungeheuerlichen Anschuldigungen überhaupt noch trauen?

Als Ike die Kommunikationssysteme im Haus aktivierte, meldete sich Vincenzo sogleich zu Wort.
„Uns bleiben nur noch knapp zehn Minuten, bis der Satellit wieder hinter der Erdkrümmung verschwindet und die Funkverbindung unterbrochen wird. Ich habe gehört, was geschehen ist. Das bedaure ich sehr.“
Ike stand in der Wohnküche, blickte starr gegen die Decke und wanderte langsam um den Küchentisch herum. Ike konnte ihn nicht sehen, nur hören, aber Vincenzo war es in der fernen Zukunft möglich ihn auf einem Monitor zu betrachten. Vincenzos Stimme hallte leicht und es kam Ike vor, als wenn die mächtige Stimme des Big Brothers zu ihm sprach, der ihn immerzu beobachten und jede Handlung vorausschauen könnte. Dies hatte Ike, seit seinem Aufenthalt in Nordirland, eine gewisse Sicherheit vermittelt und vertraute dieser Stimme wie einen Freund, der ihn jederzeit Feuerschutz geben würde.
„Du stehst nun im Finale und da wird meist unfaire gespielt. Die Anderen müssen genauso gewinnen, wie wir. Ich weiß genau, was jetzt in dir vorgeht. Lass dir aber von mir gesagt sein, dass ich niemals gegen dich gehandelt habe, gar die Interessen der TT`s unterstützt hatte. Das ist absurd. Die Sicherheitszentrale sucht nur einen Sündenbock, falls die Mission dennoch scheitern sollte und ich komme ihnen da gerade recht. Du solltest wissen, dass die Time Travel Agentur ein unglaubliches Vermögen in das Projekt Titanic investiert hat und sollte etwas schief laufen, müsste der Präsident Klaasen zurücktreten. Das wollen gewisse Politiker auf gar keinen Fall. Ich ebenso nicht aber der Schuldige will ich genauso nicht sein. Ike, Jonge, ich warne dich … Sie werden über Leichen gehen, damit das Titanic Projekt im Reiseprogramm der TTA aufgelistet wird. Du kannst dir nicht vorstellen, was hier los ist. Die Leute campieren bereits massenweise vor dem Time Travel Agentur Gebäude, weil sie unbedingt die Nächsten sein wollen, um diese legendäre Fahrt in die Hölle hautnah mitzuerleben. Das Titanic-Fieber scheint sich immer wieder zu verbreiten. Damals im 21. Jahrhundert sind vermögende Touristen hinunter zum Wrack getaucht und heute ist es möglich, bei der Jungfernfahrt wahrhaftig dabei zu sein. Nun ist der absolute Höhepunkt dieser Hysterie angelangt und Henry würde dich auf der Stelle opfern, wenn dies zum Erfolg der Mission führen würde. Sein Herz schlägt ausschließlich für United Europe. Die Sicherheitszentrale ist es, die du nicht trauen darfst“, behauptete Vincenzo. Er seufzte.
„Verständlicherweise wurde mir der Zugriff auf das Archiv mittlerweile verweigert, sodass ich praktisch handlungsunfähig bin. Ich könnte nicht einmal einen Brief in dein Jahrhundert transferieren lassen. Nun sitze ich hier, in Vincenzo`s Bar, in meinem eigenen Internetcafé und habe mich in die Bordkamera des Satelliten mit einem einfachen Gast-Account eingeloggt. Ike, sicherlich hattest du erhofft, dass ich dir behilflich sein werde, um deine Eloise wieder in das Leben zu integrieren. Ich habe mich aber leider nur gemeldet, weil ich deine Hilfe unbedingt benötige. Aber vielleicht können wir uns gegenseitig helfen.“
Während Ike zuhörte, öffnete er eine Whiskeyflasche und schenkte sich ein Glas ein.
„Ich bin ganz Ohr“, entgegnete er, wobei ein misstrauischer Unterton herauszuhören war. „Erkläre mir erst Mal, weshalb du den TT Eric einen Beamer verschafft und ihm somit wiedermal entkommen gelassen hattest. Hätten wir ihn erwischt, wäre dieser tragische Zwischenfall am zweiten Oktober vielleicht gar nicht geschehen und Eloise wäre noch am Leben. Ich beschuldige dich hiermit am Tod meiner Frau. Was sagst du dazu?“
„Jonge, meine Ermittlungsmethoden sind oft illegal, ohne dass sogar Henry davon informiert wird, und beginnen meist dann, wenn dem Geheimdienst die nötigen Genehmigungen verweigert werden. Ich hatte einen Kopfgeldjäger namens Elija angeheuert, einen Mount, der den TT schließlich in Sin City ausfindig machen konnte. Dieser war sechs Monate in die Vergangenheit geflüchtet, daher macht es den Anschein ich hätte diesen Kerl bereits vor der Belfast Mission gekannt. Das ist aber nicht wahr. Unglücklicherweise waren die Agenten Maikel und Dave ebenfalls vor Ort und Elija ging davon aus, dass ich die zwei Geheimagenten zur Unterstützung geschickt hätte. Das war ein typisches Missverständnis, welches während einer Zeitreise durchaus vorkommen kann. Genauso wie es dir in Southampton vor dem Hotel passiert war, als dir plötzlich Marko Rjiken begegnete und behauptet hatte, du hättest das Bankkonto geplündert. Es war eure gemeinsame Gegenwart aber Rjiken war aus der Zukunft gekommen.“
„Ich hab das verdammte Geld nicht veruntreut!“, antwortete Ike barsch. Es dauerte einen Moment bevor Vincenzo fortfuhr.
„Darauf will ich auch gar nicht weiter eingehen. Es wird sich spätestens im April 1912 herausstellen, was mit dem Bankkonto geschehen wird. Lass mich also weiter erklären“, sprach seine knurrige Stimme. „Als Eric anfangs auf der Titanic verhaftet wurde, bist du zeitgleich mit seiner Leiche am Checkpoint erschienen. Das war zuerst sehr verwirrend. Der einzige Unterschied zwischen der toten und der lebenden Person war, dass das Gesicht der Leiche übel zugerichtet wurde. Die Mediziner hatten in ihren Obduktionsbericht angegeben, dass diese Verletzungen aufgrund des tödlichen Kopfschusses resultierten. Du jedoch hattest behauptet, dieser Mann hätte schon vorher ein geschundenes Gesicht gehabt. Deine Aussage wurde auch nicht angezweifelt, immerhin hattest du den TT dabei ertappt, wie er William Murdoch erdrosseln wollte. Die Mediziner gingen also davon aus, dass ihm einige Gesichtsverletzung der Schiffsoffizier während des Gerangels zugefügt haben musste. Somit wurde diese Akte geschlossen und der lebende Eric wurde in den Inhaftierungsbunker abgeführt. Dort wurde er von Agent Maikel verhört, der mitunter seine Fäuste einsetzt, um die Wahrheit herauszufinden. Letztendlich war es Eric gelungen, zu fliehen.“

Ike nickte, hob sein Whiskeyglas und prostete der Dielendecke entgegen.
„Sláinte, mein lieber Vincenzo. Das ist ein irischer Trinkspruch und ist gälisch.“
Vincenzo beobachtete, wie Ike grinsend seinen Whiskey hinunterkippte. „Genauso war es“, fuhr Ike fort, nachdem er sich kurz schüttelte und sein Gesicht verzog. „Er hatte bereits ein geschwollenes Auge und seine Schiffsoffiziersjacke war mit seinem eigenen Blut getränkt, schon bevor ich ihn eliminiert hatte. Möglich, dass William Murdoch ihm paar Mal eine verpasst hatte, aber wirklich glauben konnte ich das nie. Der TT musste Murdoch völlig überrascht haben, denn er war wahrscheinlich urplötzlich in seiner Suite erschienen, hatte ihn mit einem Seil von hinten stranguliert und wäre ich nicht dazwischen gegangen, wäre der erste Schiffsoffizier noch vor dem Untergang ermordet worden.“ Ike griff an seine Schläfe und tastete das Pflaster ab. „Sag Mal, wenn dieser Eric selbst ein Zeitreisender ist, weshalb benötigte er dann überhaupt einen Beamer?“
„Das kann ich dir erklären. Wie du mittlerweile weißt, ist er ein Agent der Vereinigten Staaten von Amerika. Die USA existiert aber nicht in unserer Welt, jedenfalls nicht auf unseren Radarschirmen. Ebenso ist United Europe nicht in ihrer Welt existent. Wir hatten Eric in unsere Welt entführt und nun war er praktisch gefangen. Du erinnerst dich noch an deine Entdeckung, an den zermalmten Felsen? Sie reisen mit einem Flugobjekt durch die Zeit, wahrscheinlich ist es ein Raumschiff wobei sie die Wurmlöcher im All als Zeittore benutzen. Sobald die Mannschaft aber aussteigt, können sie sich eigenständig allerhöchstens sechs Monate in die Vergangenheit transferieren. Für weitere Entfernungen reicht ihr Funksignal nicht aus. Das Basisschiff der Amis ist mit unserem Satelliten vergleichbar und da Eric nun völlig außer Reichweite war, musste er unbedingt wieder zurück in das Jahr 1912. Dort schwebt das Flugobjekt irgendwo im Tarnkappenmodus geschaltet über Southampton. Du musst verstehen, dass wir zwar zwei verschiedene Welten sind, aber wir haben trotzdem eine gemeinsame Vergangenheit. Irgendwann hatte sich die Zukunft beider Staaten scheinbar entzweit. Vermutlich beruhte dies auf ein Zeitparadox. Ein kleiner Ratschlag von mir … Lass die Sauferei, denn du wirst ab sofort einen absolut klaren Kopf benötigen.“
Ike setzte das Glas erneut an, schüttete den Whiskey runter, füllte es sogleich wieder voll und ignorierte seine Bemerkung.
„Trotzdem hättest du ihm niemals unsere Zeitreisemethode aushändigen dürfen. Vincenzo, du offenbarst mir nur Vermutungen. Simon Barnes wollte mir schon weismachen, dass es ein paralleles Universum gibt, erschaffen allein dadurch, weil irgendjemand, irgendwann, während einer Zeitreise Scheiße gebaut hatte. Mich überzeugt dieser Bullshit nicht, aber der verdammte TT ist nun unterwegs durch Zeit und Raum und wer weiß, was er als nächstes anrichten wird“, antwortete Ike.
„Nein, Jonge. Der ist gewiss nicht mehr unterwegs sondern liegt im Memorial Hospital mausetot in einem Leichenkühlfach. Für immer. Das garantiere ich dir. Als Elija den TT zu mir brachte, fiel mir sein geschundenes Gesicht und die blutverschmierte Offiziersjacke auf. Er stand vor mir, genauso wie du ihn beschrieben hattest. Maikel hatte ihn kurz vor seiner spektakulären Flucht vermöbelt und da wurde mir klar, dass Eric die Zeitreise nach Southampton noch gar nicht unternommen hatte. Er war zudem ganz erpicht darauf von mir zu erfahren, wo sich William Murdoch am Mittwoch den zehnten April, ab zehn Uhr im Jahre 1912 aufhalten wird, woraufhin ich ihm die genauen Koordinaten in seine Suite im South Western Hotel einprogrammiert hatte. Verstehst du es jetzt? Ich habe ihn in die Vergangenheit geschickt, damit du ihn erledigen konntest.“

Während Ike an seinem Whiskey nippte, wanderten seine Augen die Decke entlang. Vincenzo klang sehr überzeugend und eigentlich war es auch einleuchtend. Irgendeine Erklärung für Erics Leiche musste es schließlich eines Tages geben und Vincenzos Version war ihm zugegeben auch sehr angenehm, weil er ihm glauben wollte, weil er unbedingt seine Hilfe benötigte. Aber eine Angelegenheit schien dennoch ungereimt zu sein.
„Na schön“, antwortete Ike. „Angenommen du sprichst die Wahrheit. Du hast dem TT eine Kapsel verabreicht und ihm einen Beamer ausgehändigt, allein nur mit dem Hintergedanken, dass ich ihn dann ausschalte, weil du es ja gewusst hattest, das dies geschehen wird. Merkwürdig an der Geschichte ist nur, dass ich damals in der Suite 413 nirgendwo einen Beamer gefunden habe. Ich durchsuchte die Leiche wirklich gründlich, sowie ich auch die Blutlachen entfernt und das Hotelzimmer aufgeräumt hatte. Wo also ist das Ding dann geblieben?“, fragte er.
„Das genau ist das eigentliche Problem, Ike. Der Beamer muss immer noch im Hotelzimmer sein … Irgendwo. Erinnere dich bitte, denn das ist für mich sehr wichtig. Meine Rechtsanwälte benötigen unbedingt die Koordinaten der Zeitschaltung des Beamers, damit mich die Staatsanwaltschaft freispricht. Jeder Zeitsprung wird in der Zeitschaltung gespeichert und ist nachvollziehbar, somit könnte ich beweisen, dass ich den TT direkt in seinen Tod geschickt habe und ihm nicht, wie man es mir vorwirft, zur Flucht verholfen hatte. Nur diese Koordinaten können meine Unschuld beweisen. Du weißt schließlich, dass ich damals, vor knapp dreißig Jahren das Luftschiff Hindenburg gekapert und vor dem Absturz bewahrt hatte. Die Regierung wird mich diesmal aus allen Citys verbannen, wenn ich wiedermal in eine Zeitmanipulation verstrickt wäre.“ Vincenzo atmete schwermütig auf, bevor er fortfuhr. „Ike, bitte erinnere dich. Ich bin mittlerweile auch nicht mehr der Jüngste und würde in den Ruinen von Den Haag, umgeben von Mutanten und dem Abschaum unserer Zivilisation, die darauffolgende Nacht nicht überleben. Es war zwar erst vor drei Tagen geschehen, als du Murdoch gerettet und Eric erschossen hattest, aber in deiner Zeitrechnung ist es beinahe drei Jahre her. Konzentriere dich also und überlege, wo dieser verdammte Beamer liegen könnte, wo du eventuell nicht nachgeschaut hattest. Dieser Beamer wird zugleich deine einzige Chance sein, deine Ehefrau zu retten. Das muss dir doch klar sein! Wenn du diesen Beamer gefunden und mir die die Daten der Zeitschaltung überliefert hast, soll das Ding dein sein. Dann kannst du damit machen was du willst, und ich wäre auch aus dem Schneider.“

Ike verharrte einen Augenblick und überlegte. Es war eine logische Schlussfolgerung. Die begehrte Fernbedienung musste sich zwangsläufig noch im Hotelzimmer befinden, genauer gesagt, würde diese in einem halben Jahr dort irgendwo liegen. Es leuchtete ihm ein, dass er damals offensichtlich irgendetwas übersehen und nicht gründlich genug aufgeräumt hatte. Der TT war direkt in der Suite von William Murdoch erschienen, nirgendwo anders, demnach musste der TT unweigerlich im Besitz des Beamers gewesen sein.
„Ike, Jonge, hör mir jetzt gut zu … Lass doch Mal endlich dieses verdammte Trinken!“, sprach Vincenzo energisch in das Mikrofon, als er Ike dabei beobachtete, wie er sein Glas abermals leerte.
„Wenn du diesen Beamer gefunden und mir die gespeicherten Daten übermittelt hast, werde ich dir helfen und dir die nötige Software zukommen lassen, damit du deine ID deaktivieren kannst. Um Eloise zu retten, musst du unweigerlich zum zweiten Oktober zurück aber das Archiv würde diesen Zeitsprung blockieren, weil du dir selbst begegnen würdest. Das ist eine Sicherheitsvorkehrung des Archives, die du nur mit meiner selbst entwickelten Software aufheben könntest. Du musst dir das ungefähr so vorstellen, als wenn du ein und dieselbe Computerdatei in einen gleichen Ordner verschieben willst. Dann erscheint die Meldung: ID ersetzen oder löschen? Dann musst du unbedingt auf ersetzen klicken, bloß nicht auf löschen, sonst würdest du deine komplette Sonde deaktivieren und wirst ein Akteur sein, der nie wieder durch Raum und Zeit reisen könnte. Hast du erstmal deine ID deaktiviert, wird das Archiv denken, du wärst nur ein Gegenstand und würde deine Zeitreise immerzu akzeptieren. Verstanden? Die ID niemals löschen sondern nur ersetzen!“
Ike hob sein Glas und lächelte.
„Klar Vince, so machen wir`s. Fragt sich nur, wie du mir diese Software zustecken willst. Per Post geht ja nicht mehr, schließlich bist du suspendiert worden und hast somit weder eine Befehlsgewalt, noch weiterhin Zugriff auf das Archiv. Wie also willst du mir deinen technischen Krempel zukommen lassen?“
Ike wirkte plötzlich, aufgrund seines Alkoholkonsums, verändert. Er schien Vincenzo gar nicht ernst zu nehmen und nahm scheinbar alles für lächerlich. Der Alkohol oder gar die Drogen waren typische Krankheiten der Schleuser, die jahrelang in einer Mission verharrten und Schicksalsschläge bewältigen mussten.
„Es gibt noch eine Sache, die nicht eindeutig geklärt werden konnte. Deine injizierte Sonde ist entweder defekt oder das Archiv sendet ein Störsignal, wovon ich eigentlich eher ausgehe. Scheinbar wirst du dich in deiner jetzigen Gegenwart in einer Zeitreise begeben, somit wird verhindert, dass man dich einfach aus der Mission herausholt. Dies ist ebenfalls eine Sicherheitsmaßnahme des Archives, um ein Zeitparadox zu verhindern. Die Agenten in der Sicherheitszentrale sind aber keine Techniker und handeln somit so, wie es ihnen die Computer empfehlen. Sollten sie jedoch bemerken, dass du deine Sonde eines Tages manipulierst, werden sie dich aufhalten zu versuchen. Sobald man dir die elektronischen Handschellen anlegt, so wie sie es mit Eric getan hatten, wird man dich ungehindert zum Checkpoint transferieren können. Lass dich also niemals von ihnen fangen!“
„Niemand fängt mich, bevor Eloise wieder lebt“, antwortete Ike grinsend, wobei er sein Glas erneut in die Höhe ragte. „Also schieß schon los und sag mir, wie wir das mit deiner sagenumwobenen Software deichseln werden. Ich lausche und bin tierisch gespannt.“
„Ich hätte da eine Idee … Vielleicht sogar einen Plan“, antwortete Vincenzo. „Wir benutzen für unsere Zwecke einfach die zeitreisenden Akademiker, die ihren Urlaub auf der Titanic gebucht haben. Ich werde die Software zu einem Zahlencode komprimieren, sodass diese leicht mit einem Augenscanner einprogrammiert und auch heruntergeladen werden kann. Selbstverständlich werde ich dafür sorgen, dass die Computer der TTA diesen Zahlencode nicht entschlüsseln. Wir benötigen lediglich einen Freund, der diesen Zahlencode den Akademikern übermitteln wird. Vorzugsweise sollte dieser Freund ein Agent oder Schleuser sein, weil dieser im Besitz eines Augenscanners ist. Besser wäre noch, dass dieser sogenannte Freund bei der MP tätig ist.“

Ike erhabenes Grinsen entschwand. Seine Gedanken rumorten und einen Augenblick dachte er, Vincenzo wäre nicht ganz bei Trost oder würde ihn salopp gesagt, verarschen wollen. Die zeitreisenden Akademiker waren schließlich kurz nach ihm am Checkpoint durch das Zeitfenster in das Jahr 1912 gegangen und waren längst im Raum-Zeitkontinuum verschwunden. In diesem Augenblick, also genau jetzt, waren sie bereits auf der Titanic, längst fern von Queenstown und überquerten höchstwahrscheinlich schon den Nordatlantik. Wie also sollten die Akademiker diese Software noch in Empfang nehmen können?
„Und wie willst du das deiner Meinung nach anstellen? Die Lehrer befinden sich bereits auf der Titanic und ich weiß nicht einmal, wie sie aussehen“, antwortete er zornig. „Ich dachte du wärst eine reale Chance, dabei unterbreitest du mir nur irrealen Schwachsinn! Du willst nur deine verfluchten Daten haben, und ich kann dann zusehen, wie ich alleine fertig werde. Ohne deine Software ist der Beamer für mich wertlos. Du bist mir wirklich eine wahrliche Hilfe“, fügte er zynisch bei. „Dein Vorhaben ist unmöglich!“
Vincenzo hielt einen Moment inne und beobachtete ihn im Monitor mit Skepsis, bevor er weitersprach.
„Ich sagte doch, dass du deinen Alkoholkonsum zügeln sollst, um einen klaren Kopf zu bewahren! Um die kompletten Möglichkeiten einer Zeitreise völlig ausschöpfen zu können, musst du in einem größeren Spektrum denken, Jonge“, antwortete Vincenzo mit strenger Stimme. „Nichts ist unmöglich, sobald du diesen Beamer in deinen Händen hast, sondern allein der richtige Moment diesen einzusetzen ist entscheidend. Wir müssen nur jemanden in die Vergangenheit schicken, um die Akademiker abzufangen, bevor sie in der TTA einchecken werden. Mir scheint der geeignete Zeitpunkt zu sein, wenn sie frühmorgens am Bahnhofsterminal in Nieuw Bruxelles stehen und auf ihren ICE warten. Eine Polizeikontrolle könnte ihnen mithilfe eines Augenscanners diese Software mühelos auf ihren ID-Chip einprogrammieren. Du musst dich also auf die Titanic begeben und die Zeitreisenden ausfindig machen. Mit deinem Augenscanner kannst du dann die Software herunterladen, deine ID deaktivieren und Eloise irgendwie retten. Sei dabei auf der Hut. Die Titanic Mission ist bereits im Gange. Auf dem Schiff befinden sich zurzeit einige Agenten, die das Zeitgeschehen überwachen und praktisch nur eine Kontrollfahrt machen. Lass dich keinesfalls von ihnen erwischen, insbesondre nicht von Marko Rijken, weil er dein Gesicht kennt und diese Mission anführt. “

Die Funkverbindung rauschte, weil der Satellit langsam hinter der Erdkrümmung verschwand. Ike sah seiner Rettungsaktion skeptisch entgegen, weil er keinen geeigneten Freund hatte, der seinetwegen diese Gesetzwidrigkeit auf sich nehmen würde. Sein bester Kumpel, François, mit dem er damals die Akademie im Centrum besuchte, hätte diese Angelegenheit ohne weiteres übernommen. Aber leider war François ebenfalls in einer Mission im Dritten Deutschen Reich tätig und Marko Rijken, da war er sich sicher, würde ein Teufel tun, um ihm einen Gefallen zu erweisen.
„Denk daran. Nur der richtige Moment ist entscheidend, um deine Ehefrau wieder das Leben zu ermöglichen“, waren Vincenzos letzte verzerrte Worte, bevor der Satellit über Europa hinweg geflogen war.
 
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Kommentare  

Und weiter geht es...diesmal sehr technisch und mit etlichen Personen und Zeitverschiebungen. Leider bin ich nicht der Typ, der ganz besonders an technischen Dingen interessiert ist, aber ich denke , dass es schon so einige Leute gibt , die das sehr interessant finden und du lässt dir ja da wirklich Einiges einfallen. Letztendlich muss ja auch alles logisch zusammen hängen und erklärt werden, vor allem, wenn es Ike doch noch gelingen soll, zumindest den Tod seiner geliebten Eloise wieder rückgängig zu machen.

Evi Apfel (31.03.2015)

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