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Die Belfast Mission - Kapitel 54

Romane/Serien · Fantastisches
Kapitel 54 – Der letzte Auftrag


Nicole hatte den Rasselwecker vorsorglich eine halbe Stunde früher gestellt, sodass Ike schon um 2:30 Uhr aus seinen Schlaf gerissen wurde. Er hockte erschöpft am Bettrand und strich sich mit beiden Händen durch sein Haar. Sein gestriger Exzess stand ihm in dieser frühmorgendlichen Stunde wiedermal im Gesicht geschrieben.
Ikes weißes Hemd sowie seine Hose waren verschmutzt. Sogar die Schuhe hatte er angelassen. Wie war er diesmal überhaupt ins Bett gekommen, fragte er sich, während er seine Hosenträger richtete. Sein zweiter Gedanke war, wie jeden Morgen wenn er erwachte: Ich brauche unbedingt einen Beamer. Doch plötzlich wurde er putzmunter, weil er sich daran erinnerte, dass gestern Abend ein Cyborg zu Besuch kam und diese biologische, menschliche Maschine bestimmt noch im Haus war.
Ike blickte starr aus der geöffneten Schlafzimmertür hinaus – in der Wohnküche leuchtete Licht. Als er die Treppenstufen hinunter taumelte, staunte er. Alles war ordentlich aufgeräumt und obendrein war der Fußboden geputzt worden. Auf dem Tisch lag ein Brettchen mit einem belegten Käsebrot und aus der Tasse dampfte frischer Kaffeeduft.
Er schnappte die Kaffeetasse und ging langsam in das Wohnzimmer. Das Kaminfeuer knisterte und Nicole hockte im Schneidersitz barfüßig auf der Couch. Sie beugte sich über den Wohnzimmertisch, darauf drei aufgeschlagene Bücher lagen und einige technische Utensilien. Sie war gerade dabei ihre zerlegte Waffe zu säubern, während sie gleichzeitig konzentriert die aufgeschlagenen Schmöker studierte. Sie blätterte die Seiten der Bücher abwechselnd um und reinigte dabei gemächlich den Verschluss ihrer Waffe.
„Morgen“, begrüßte sie Ike, ohne ihn dabei anzublicken. „Du stinkst und siehst widerlich aus. Geh baden und rasiere dich, sonst bist du gleich unten durch, dein Boss schmeißt dich raus und du hast deine Mission vermasselt. Ich habe das komische Holzfass im Badezimmer mit Wasser aufgefüllt. Das ist doch zum Baden da, oder?“
„Hast du etwa noch nicht geschlafen? Was machst du da eigentlich? Liest du tatsächlich drei Bücher gleichzeitig?“, fragte er müde.
Nicole blickte ihn kauend an, lächelte und zwinkerte auffällig mit den Augenlidern. Immer diese blöden Fragen seitens des Homo sapiens.
„Während meines Auftrags bin ich selbstverständlich im Wachmodus geschaltet, Schnucki. Moby Dick und 20.000 Meilen unter dem Meer sind wirklich spannend.“ Sie tippte mit ihren langen Fingernagel auf ihre panzerverglasten Augen. „Diese Bücher werde ich in meiner privaten Bibliothek speichern. Und „The Time Machine“, von H.G. Wells, ist geradezu köstlich. Hey, als ich in der alten Fabrik war, hab ich einen alten Kumpel von dir getroffen. Marko Rijken. Er hat behauptet, dass du das Bankkonto geplündert hast. Stimmt das?“, fragte sie geradeheraus.
„Rijken ist ein Vollidiot“, antwortete Ike abfällig.
„Komisch, dasselbe behauptet er von dir. Ihr aus dem Centrum seid doch alle gleich. Arrogant, angeberisch und jeder von euch will immer der Beste sein. Darum macht ihr euch auch ständig gegenseitig fertig. Ihr Centrum-Heinis seid doch allesamt nur karrieregeil“
Ike sah sie starr an und trat einige Schritte zurück, um eventuell flüchten zu können. Dies schien ihm sicherer und angebracht zu sein, wenn er ihr seine offene Meinung zu unterbreiten gedachte, zudem mit einem frechen Unterton. Die Art und Weise, wie sie ihn gestern durch die Küche gewirbelt hatte, hatte er nicht vergessen und war ihm nun eine Lehre gewesen.
„Und ihr aus dem Allemande-Sektor habt alle eine große Fresse. Du bist das beste Beispiel.“
Nicole aber grinste nur, während eine Kaugummiblase aus ihrem Mund aufblähte und zerplatze.
„Wo willst ‘n hin? Haste etwa Schiss vor mir? Keine Angst, so lange du brav bist, tu ich dir auch nix.“
Ike überblickte kurz den Tisch. Darauf lagen ein schwarzes Blasrohr mit einer Zielvorrichtung und die dazugehörigen Pfeilen. Diese bestanden aus Kapseln, die mit Nadeln ausgestattet waren. Über dem Sessel lag ihr ausgebreiteter Schutzanzug mit der gelben Aufschrift: UE-SEK. Die Maske lag auf der Sessellehne und ihr schwarzer Koffer war unter dem Tisch verstaut.
Plötzlich erstarrte Ike. Auf dem Tisch, direkt neben ihrer zerlegten Waffe, lag doch tatsächlich ein Beamer. Was für ein glücklicher Zufall, dachte er. Das war die Lösung seines Problems, damit könnte er Eloise vor ihrem Schicksal bewahren und sie wieder lebendig machen. Aber das Cyborgfräulein würde das begehrte Gerät sicherlich nicht freiwillig hergeben wollen.
Ike nahm eine der Pfeilkapseln auf und betrachtete diese. Das Geschoss sah nicht sonderlich spektakulär und gefährlich aus und ihre Waffe lag gerade in allen Einzelteilen säuberlich auf dem Tisch. Das wäre die einmalige Chance, ihr jetzt die EM23 unter das Kinn zu halten und sie dazu zwingen, die Zeitfernsteuerung freiwillig herzugeben.
„Würde ich an deiner Stelle nicht wagen. Schlag es dir besser gleich aus den Kopf. Ist gesünder für dich“, sagte sie, ohne ihn dabei zu beachten. Es schien, als würde sie Gedanken lesen können, dabei war es aber nur so, dass sie ihn trotzdem beobachten konnte, obwohl sie in die Bücher vertieft war. Seine Absicht war ihm zudem anzumerken.
„Es gibt da eine ganz wichtige Regel, Darling, die du unbedingt befolgen solltest, wenn du mit mir gut auskommen willst.“
Nicole starrte ihn mit ihren riesigen Augen warnend an, während sie gemächlich kaute.
„Pfoten weg von meinem Zeug! Du rührst meine Waffen nicht an und erst recht nicht meinen Beamer. Na los, leg das sofort wieder hin, aber ganz vorsichtig, mein Lieber. Die Kapsel ist äußerst empfindlich und sollte sie aufplatzen, bist du tot noch bevor du registriert hast, dass dir soeben ein fataler Fehler unterlaufen ist. Diese Kapseln enthalten ein Nervengas und sind so proportioniert worden, dass es nur die Zielperson erledigt. Es verflüchtigt sich daraufhin sofort und verseucht somit die Umwelt nicht. Es würde völlig ausreichen, wenn ich meinen Feind damit in den Stiefel schießen würde.“ – Sie schnippte mit den Fingern – „Der wäre augenblicklich tot. Das Gas kriecht sekundenschnell durch alle Poren, da würde nicht einmal eine Atemschutzmaske etwas nützen. Geschnappt? Also habe etwas Respekt vor diesen kleinen Dingern und leg es ganz, aber ganz vorsichtig wieder hin. Lass dich aber von der Nadel dabei bloß nicht stechen, denn das Gas ist flüssig und dringt sofort in deine Blutbahn ein. Dann heißt es für dich ebenfalls augenblicklich Sayonara, Schätzchen.“
Ike folgte ihre Anweisung und legte das Geschoss behutsam auf den Tisch. Während Ike wortlos in das Badezimmer ging überlegte er, wie man ihr den Beamer abluchsen könnte. Plötzlich hörte sie ihn laut aus dem Badezimmer aufschreien.
„AAAAH, verflucht! Das Wasser ist ja eiskalt!“
Nicole lehnte sich zurück und blickte mit ihren großen Augen zur Decke.
„Ich hatte auch nicht beabsichtigt dich mit einem Wellnessbad zu erfreuen, Mäuschen. Nimm deine Muntermacher ein und vergiss nicht dich zu ra-sier-en!“, rief sie singend.

Als Ike die Empfangshalle des Hauptquartiers von Harland & Wolff betrat und auf die runde Firmenuhr sah, atmete er erleichtert auf. Er war überpünktlich, erst in 10 Minuten müsste er im Büro seines Chefs erscheinen. Plötzlich sah er wie Mr. Andrews mit kurzen schnellen Schritten das offene Treppenhaus hinunter eilte und direkt auf ihn zukam. Ike stockte. Mr. Andrews wirkte an diesem frühen Morgen wiedermal angespannt, wie ein gehetztes Tier. Man sah es ihm an, dass er innerlich gerade etliche Probleme zu bewältigen versuchte. Beinahe wäre der Direktor der Konstruktionsabteilung sogar an ihm vorbeigelaufen, so sehr war er in seinen Gedanken versunken gewesen, doch dann blieb er stehen und musterte Ike mit seinen dunklen, stechenden Augen.
„Schön Sie wieder zu sehen“, sagte er und klopfte Ike kurz auf die Schulter. „Sie sehen gut aus. Also, ran an die Arbeit.“
Ike blickte dem eilenden Mann mit dem braunen Herrenanzug, der von der Sicherheitszentrale als ein Hauptakteur eingestuft wurde, wortlos hinterher. Und noch bevor er durch die Drehtür verschwunden war, wandte sich Mr. Thomas Andrews ihm entgegen, und er fasste sich an die Stirn.
„Ach ja, bevor ich es vergesse, Ike. Nachher, um neun Uhr, werden die Rettungsboote auf ihre maximale Kapazität geprüft. Die Schiffsbauer hatten mir versichert, dass die Boote mindestens sechzig Passagiere aufnehmen können. Trommeln Sie eine Mannschaft zusammen und begeben Sie sich dann zum Victoria-Channel. Ich will dass die Boote mit siebzig Mann getestet werden und Sie …“, sagte Mr. Andrews, wobei er mit dem Finger auf ihn zeigte und verschmitzt lächelte, „Sie werden jeweils als Erster die Rettungsboote besteigen.“
„Siebzig?“, entwich es Ike aufgebracht, wobei er diesmal aber darauf achtete, dass er sachlich blieb und seine Stimme nicht erhob. „Ja aber, aber Mister Andrews … Sir. Das ist zu viel Gewicht. Die Boote könnten durchbrechen.“
„Keine Angst, das wird nicht passieren. Es müssen so viele Menschen in die Boote passen, wie möglich. Ich brauche diese Gewissheit, weil man mich überstimmt hat. Ich verlangte mehr Sicherheit, mehr Boote, aber es wird jetzt doch nur die gesetzlich vorgeschriebene Mindestzahl der Rettungsboote für die Titanic vorgesehen. Diese reichen aber nur für die Hälfte aller Passagiere aus. Diese Narren wollen einfach nicht begreifen, dass die festgelegte Rechtsnorm lediglich für die standardgemäßen Ozeandampfer gedacht war, jedoch für die Olympic-Liner völlig irrelevant ist.“ Mr. Andrews zuckte mit der Schulter. „Platzverschwendung, argumentierten die hohen Herren von der White Star Line. Das A-Deck würde nur unnötig zugestellt werden, wenn wir nochmal so viele Rettungsboote unterbringen müssten. Sie meinen, die wasserdichten Schotten seien Sicherheit genug. Falls eines der Boote aber tatsächlich durchbrechen oder aufgrund der Last volllaufen und sinken wird, sehn Sie es einfach positiv, mein lieber Ike. Denn dann brauchen Sie heute Abend nicht mehr zu baden“, zwinkerte er ihm zu und verschwand durch die Drehtür.
„Ich habe heute Morgen bereits gebadet“, brummelt Ike mürrisch.
Die Rettungsboote wurden damals in Belfast jeweils mit 68 Männern beladen und getestet. Keines der Boote zerbrach oder lief voll. In der Katastrophennacht waren die meisten der zwanzig Rettungsboote trotzdem unterbesetzt, von denen vierzehn reguläre Rettungsboote, zwei Notfallkutter und vier Faltboote waren.

Ike preschte sein Fuhrwagengespann über den Feldweg, als wäre der Teufel hinter ihm her, um so früh wie möglich Zuhause zu erscheinen. Zuerst hatte er es nur für einen Zufall gehalten aber je mehr er darüber nachgedacht hatte, desto überzeugter wurde er. Die Pfeilgeschosse mit dem Nervengas sowie der gepanzerte SEK-Schutzanzug über dem Sessel hatten ihm die Erleuchtung gebracht: Nicole war möglicherweise einer der mysteriösen Retter gewesen.
Kaum hatte er die Haustür geöffnet, rief er nach ihr und stürmte in die Wohnstube hinein. Der Beamer und ihre Waffe lagen auf dem Tisch und der SEK-Anzug lag immer noch über dem Sessel. Das Reh stand am Kamin, zuckte mit seinem Lauscher und guckte mit seinen dunklen Augen nur zu, wie Laika ihn freudig ansprang und dabei bellte. Doch Nicole war nirgends zu finden.
„Nicole?!“, rief er nochmal. „Hier oben, Schätzchen!“, antwortete sie endlich.
Ikes Blick verfinsterte sich, während er auf die Fernsteuerung starrte. Was hatte sie oben in seinem privaten Bereich zu suchen, fragte er sich, und eilte sofort die Treppenstufen hinauf.
Nicole stand im Schlafzimmer vor dem Mahagonischranktisch, hielt einen karierten Schottenrock an ihrem Leib und betrachtete sich im Spiegel. Eloise hatte der Rock bis zu den Knöcheln geragt, Nicole dagegen gerade einmal knapp über den Knien.
„Wie cool“, sprach sie Kaugummi knatschend.
„Leg diesen Rock auf der Stelle wieder weg!“, brüllte Ike. Er ging auf sie zu, entriss ihr den karierten Rock und ging gleich einige Schritte zurück. Möglich war es, dass er gleich flüchten musste.
„Dieser Rock gehört Eloise! Du rührst ihn nicht an! Und was in den Schubladen sowie Kleiderschrank liegt, geht dich ebenfalls nichts an. Das sind alles Sachen, die Eloise gehören!“
„Hey Baby, komm mal wieder runter und höre mir genau zu. Dieses Haus und die komplette Einrichtung gehören weder dir noch deiner verstorbenen Frau, sondern dem Staat. Das hier ist eine Basis und ich muss mich einkleiden. Ich will mich draußen etwas umsehen, und so …“ – Sie deutete mit den Händen auf ihre hautenge schwarze Latexkleidung – „ … So kann ich schlecht raus gehen. Der Nachbar wird sonst denken: Entzückend, eine kleine süße Domina von einem anderen Stern. Aber diese Mickey-Maus-Größe im Kleiderschrank passt mir nicht. Alles viel zu kurz. Sag, war deine Frau etwa ein Zwerg?“
„Nehm dir, was du willst, aber du lässt die Finger von ihren Sachen! Geh nach unten in Annes Zimmer. Sie hat extra ein paar Klamotten da gelassen. Diese werden dir wohl eher passen, denke ich.“
Ike beruhigte sich und sprach wieder mit einem normalen Ton. Nicht unbedingt weil er ihren Würgegriff fürchtete, sondern eher, weil er ab sofort ihre Hilfe benötigte.

Allzu groß war die Klamottenauswahl jedoch nicht. Anne hatte bloß ihren alten blauen Rüschenrock und einen Pelzmantel da gelassen. Zudem musste Nicole, wegen ihres gebleichten Bürstenhaarschnittes (hauptsächlich war ihr rasierter Nacken für eine Frau dieser Zeitepoche absolut undenkbar), unbedingt ein Kopftuch tragen. Nicole äußerte den Wunsch, wenn sie schon ein Kopftuch tragen müsste, dann bitteschön ein mit Tarnfarben oder wenigstens ein schlicht Schwarzes. Leider übergab Ike ihr jedoch ein rotes Kopftuch mit weißen Punkten, welches sie ihm daraufhin mit regungsloser Miene ruppig aus der Hand riss.
Zu guter Letzt überreichte Ike ihr eine dunkle Pilotenbrille, die ihre großen Augen völlig abdeckten. Nicole protestierte, als sie die Kleidung angezogen hatte und meinte, dass die Sonnenbrille viel zu auffällig wäre, weil es solche im Jahre 1911 noch gar nicht geben würde. Aber Ike konterte, dass ihre Computeraugen, wie er sich ausdrückte, um einiges auffälliger wären.
Nicole betrachtete sich im Spiegel und kaute gemächlich ihren Kaugummi. Bekleidet mit einem Pelzmantel, einem Rüschenrock, ein rotes Kopftuch, das unter ihrem Kinn zugebunden war und mit der Sonnenbrille, machte sie keinen besonderen glücklichen Eindruck. Regungslos sah sie in den Spiegel.
„Mit diesem lächerlichen Outfit kann ich mich ja selbst nicht mal ernst nehmen.“

Nicole war ihr Missmut deutlich anzumerken, weshalb Ike es für angebracht hielt, sie über seine Vermutung etwas später in Kenntnis zu setzen. Sie war über ihre Kleidung äußerst verärgert und ließ ihren Frust ab, indem sie den Hühnerstall in einer Rekordzeit von nur 35 Minuten vollständig herstellte. Ike war damals einen halben Tag damit beschäftigt gewesen, wobei man beachten musste, dass er am Abend zuvor noch stundenlang einen Konstruktionsplan erstellt hatte.
Ein konzentrierter Blick auf das zerstörte Gehege hatte ausgereicht, um den Hühnerstall mithilfe ihres integrierten Computers gedanklich zu rekonstruieren. Sie benötigte dazu weder ein Maßband, irgendeine hilfreiche Skizze und erst recht nicht Ikes gut gemeinte Ratschläge. Sie sägte die neuen Bretter auf den Millimeter genau zurecht und versenkte die 10 Zentimeter langen Nägel jedes Mal mit einem einzigen Hieb. Ike war beeindruckt, weil der Hühnerstall letztendlich exakt aussah, wie er zuvor war. Sogar etwas perfekter, diese Anerkennung er aber für sich behalten hatte.
Als sie abends in der Wohnstube am Kamin saßen, schien ihr Groll wieder verflossen zu sein. Sie verschlang die Romane, wie ein Kind ein Comicheftchen. Während Nicole weiter in den Büchern las, gestattete sie Ike, ihre Personalien mit einem Augenscanner zu überprüfen.
Nicole befand sich gerade auf einen Offizierslehrgang und strebte den Dienstgrad eines Lieutenant an. Sie hatte den Checkpoint im Jahre 2471 verlassen und war seit zwei Jahren beinahe ununterbrochen auf Zeitreisen unterwegs. Ausschließlich in den sogenannten modernen Kriegsgebieten, wie Korea, Irak oder Vietnam, um vermögende zeitreisende Herrschaften, die bei der Time Travel Agentur eine kostspielige Lebensversicherung abgeschlossen hatten, aus der Gefangenschaft zu befreien.
Der Auftrag, dieses Haus vor einer Brandkatastrophe zu beschützen, war ihr letzter Befehlseinsatz. Danach durfte sie wieder nach Hause in das 25. Jahrhundert, in die Kuppelstadt Neu Cologne, und würde später in der Militärakademie im Centrum ihren theoretischen Unterricht und Prüfungen absolvieren. Dies war der Grund weshalb sie im Besitz eines älteren Waffenmodels, einer EM21, war. Ike unterhielt sich mit ihr völlig unbefangen und erfuhr, dass sie, nachdem sie ein Lieutenant wäre, das SEK verlassen und zur MP gehen würde. „Die Zeitreisen gehen mir auf den Keks“, begründete sie ihren Entschluss, außerdem wäre es in den Citys viel spannender. Die Beiden unterhielten sich über ihre Ausbildungen und tauschten sich gegenseitig aus. Ike erzählte ihr, was er in den vergangenen drei Jahren in Nordirland erlebt und wie er Eloise kennen gelernt hatte. Sie lachten miteinander, die Stimmung war nun endgültig ausgelassen.
Plötzlich blickte Nicole ihn überrascht an, wobei sich ihre Augen weiteten. Die Freude, sowie Neugier, stand ihr im Gesicht geschrieben.
„Sag mal, wenn du aus dem Jahr 73 bist, dann hast du doch bestimmt noch die Fußballmeisterschaft mitbekommen, bevor du deine Mission angefangen hast. Wer ist Europameister geworden und wie hat Neu Cologne gespielt? Haben wir wenigstens das Viertelfinale erreicht?“ Nicole packte seinen Arm, zwinkerte und schaute ihn erwartungsvoll an. „Oder haben wir gar den Titel gewonnen?“
Ike lehnte sich langsam in den Sessel zurück und verschränkte seine Arme hinter den Kopf.
„Darf ich dir leider nicht verraten“, grinste er.
„Wieso das nicht?“
„Du kommst aus dem Jahre 71 und ich würde dir somit etwas aus der Zukunft verraten. Das ist untersagt. Niemand darf etwas über die Zukunft erfahren, so steht es im UE-Gesetzbuch geschrieben. Ich würde mich ansonsten strafbar machen.“
Nicole lachte kurz auf, aber ihre Belustigung verstummte sogleich, als sie merkte, dass es Ike scheinbar ernst meinte.
„Hey, mach kein Quatsch und sag mir, wie Neu Cologne gespielt und wer gewonnen hat.“
„Nein, sag ich dir nicht.“
Nicole kniff ihre Augen zusammen.
„Was soll das? Wenn ich diesen letzten Auftrag erledigt habe, wird mich die Sicherheitszentrale sowieso in die Gegenwart, also in das Jahr 73, zurückholen. Du würdest mir somit gar nichts über die Zukunft verraten, sondern mich nur über aktuelle Neuigkeiten informieren. Das steht mir zu!“, argumentierte sie energisch.
„Dann warte einfach ab bis man dich zurück beordert, oder frag die Sicherheitszentrale, mal sehen, was die dir antworten werden“, konterte Ike.
Nicole kaute Kaugummi und blickte ihn säuerlich an.
„Die bescheuerten Centrum-Heinis haben mir den gleichen Bockmist erzählt, welchen du mir eben verzapft hast. Jedoch hatte ich in meiner Zeitrechnung letztes Jahr nachgefragt und somit hatte ich es akzeptiert. Also, du wirst mir jetzt auf der Stelle sagen, wer den Titel gewonnen hat!“, forderte sie energisch.
Einen Moment starten beide sich nur wortlos an, dann holte Ike die Aktenmappe hervor und schleuderte sie auf den Tisch.
„Les das. DAS ist unsere Gegenwart und wahrlich wichtiger, als Fußballergebnisse zu erfahren. Das ist der Bericht über die Geschehnisse des zweiten Oktobers. Beachte insbesondere meine Aussage und mit welchen Waffen die amerikanischen Soldaten getötet wurden. Nervengas aus United Europe … Genau dasselbe, welches du bei dir hast.“

Nicole blätterte die dreißig Seiten des Berichts durch, klappte die Akte zusammen und blickte ihn ausdruckslos an. Jetzt war sie über das Geschehen am 2. Oktober 1911 vollständig informiert.
„Verstehe. Du glaubst also, dass ich der unbekannte SEK-Beamte gewesen war. Langsam gehst du mir tierisch auf den Sack. Zuerst soll ich an einem Friedhof rumgelungert haben und jetzt behauptest du sogar, ich habe ein paar Amis zur Hölle geschickt. Und wer ist deiner Meinung nach der andere? Sie waren schließlich zu zweit.“
„Mit großer Wahrscheinlichkeit … Ich.“
Nicole kaute und grinste dabei.
„Ach ja, wirklich, in der Tat? Da frag ich mich, wie das gehen soll. Ein Zeitsprung für dich zurück zum zweiten Oktober würde das Archiv blockieren, weil du dir dort nämlich unmittelbar begegnen würdest, Hase. Außerdem ist der Funkpeilsender deiner Sonde defekt, weshalb eine Zeitreise für dich, wohin auch immer, ohnehin zurzeit nicht möglich ist.“
„Mein Funkpeilsender ist eigentlich nicht defekt, das Archiv hat nur ein Störsignal gesendet, nachdem ich irgendwann in ferner Zukunft auf eine Zeitreise gegangen war. So hat es mir Vincenzo erklärt. Ich hatte es nicht verstanden aber jetzt macht es für mich einen Sinn. Es wird diese Zeitreise zum zweiten Oktober sein, weshalb das Archiv das Störsignal sendet. Somit wird verhindert, dass plötzlich ein Agent auftaucht und mich zum Checkpoint transferiert, weil diese Operation zur Mission gehört und ich diese Zeitreise unbedingt unternehmen muss.“
Ike erhob sich aus dem Sessel, wanderte langsam in der Wohnstube umher und blickte dabei apathisch vor sich her, während er redete.
„Jetzt verstehe ich. Vincenzo ist es irgendwie gelungen, mir in ferner Zukunft die Software zu übermitteln, woraufhin ich meinen ID-Chip deaktiviere und dann zum zweiten Oktober reisen werde. Wir beide sind es, du und ich, die die amerikanischen Soldaten ausschalten werden … Oder eher gesagt, ausgeschaltet hatten.“
Ike drehte sich ihr entgegen und sah sie verblüfft an.
„Es ist seltsam, unsere Operation in der Vergangenheitsform zu erzählen, obwohl wir diese noch gar nicht vollbracht haben. Man könnte dabei beinahe verrückt werden.“
Nicole aber wankte nur mit dem Kopf und widmete sich wieder ihren Romanen.
„Das ist lächerlich und völliger Blödsinn. Du bist für solch eine militärische Blitzaktion gar nicht ausgebildet worden. Du müsstest ein Naturtalent sein. Das ist eine Terroreinheit, die wir angreifen würden, und die würden dich im Handumdrehen massakrieren. Lass dir etwas Besseres einfallen, Mäuschen. Deine Absicht ist viel zu transparent. Du willst nur deine Eloise retten und dabei ist dir jedes Mittel recht. Du hoffst nur, dass ich dorthin gehe und sie aus dem brennenden Auto hole. Vergiss es. Deinetwegen werde ich mir meine Offizierslaufbahn ganz sicher nicht vermasseln lassen. Jeder Zeitsprung ist in der Zeitschaltung gespeichert, wofür ich mich später verantworten muss. Glaub mir, ein Missbrauch mit dem Beamer wird etwas härter bestraft, als wenn man Fußballergebnisse aus der Zukunft ausplaudert.“
Ike griff an seine Schläfe. Die Wunde des Streifschusses war zwar längst verheilt, trotzdem war der rötliche Strich noch sichtbar.
„Sag mal, deine Eagle Eyes sind doch bestimmt zielsicherer als jedes Zielfernrohr eines Scharfschützengewehrs. Wie gut kannst du schießen? Bist du in der Lage, jemanden einen Streifschuss zu verpassen?“
Nicole blickte auf. Selbstverständlich waren ihre Eagle Eyes weitaus effektiver, als jedes technologisches Zielfernrohr. Keine Frage. Jetzt hatte Ike ihre Eitelkeit am Schopf gepackt. Sie hielt ihren angewinkelten Arm in die Höhe und drehte langsam mit dem Handgelenk hin und her.
„Allein ein hervorragendes Gewehr mit einem ausgezeichneten Zielfernrohr nützt einem wenig, wenn man damit nicht umgehen kann. Ein Meisterschütze zeichnet sich nicht nur allein wegen seiner Zielgenauigkeit aus, vielmehr benötigt man dazu eine ausgesprochene ruhige Hand. Auf eine ausgeglichene Atmung kommt es ebenso darauf an“, sagte sie. „Das ist ausschlaggebend. Außerdem sind meine Reflexe viermal schneller als die eines Menschen. Ich halte sogar eine 20 Millimeter Schnellfeuerkanone so ruhig in meiner Hand, als würde sie auf einem Ambos liegen. Ich habe noch niemand einen Streifschuss verpasst, weil ich noch nie daneben geschossen habe. Ein Streifschuss ist das Pech des Schützen und das Glück des Opfers.“
„Aber du kannst es“, fiel Ike ihr ins Wort, „und du hast es geschafft. Du warst es, die mich mit einem Streifschuss außer Gefecht gesetzt hatte. Du wirst gegen meine Schläfe schießen müssen. Das wird notwendig sein, denn mein anderes Ich wird unmittelbar vor mir stehen und muss ausgeknipst werden, sodass er sein Bewusstsein verliert.“
„Du hast sie wohl nicht mehr alle“, empörte sich Nicole. „Du verlangst von mir, dass ich auf deinen Kopf schieße? Der Streifschuss hat dir offensichtlich den Verstand geraubt.“
„Nein, du sollst nicht mir, sondern meinem anderen Ich einen Streifschuss verpassen.“
„Halt die Klappe, ich bin nämlich nicht blöde und weiß genau, was du meinst“, wies sie ihn zurecht.
Nicole presste ihren Daumen und Zeigefinge zusammen um Ike zu erläutern, dass seine Idee purer Wahnsinn ist.
„Wir reden hier von einen Millimeter, Darling, der über dein Leben oder Tod entscheiden würde. Trifft die Kugel einen Millimeter zu tief in deinen Kopf, ist es aus. Sollte das Projektil aber einen Millimeter an der Schläfe deines anderen Ichs vorbei sausen, würde er nur einen kurzen Windhauch spüren, sich dann selbst erblicken, und sofort in ein Wachkoma fallen. Das ist ein ungeklärtes Phänomen und würde bedeuten, dass du ebenfalls ins Koma fällst. Dann wäre es mit dir genauso vorbei.“
Ike kniete vor ihr nieder, nahm ihre kühle Hand und sah sie verheißungsvoll an, während er flüsterte: „Das wird aber nicht geschehen, Nicole, denn ich bin doch noch hier. Vertraue mir, es wird funktionieren. Ich vertraue dir doch ebenso, sonst würde ich dich nicht darum bitten.“
Nicole aber schüttelte ihren Kopf.
„Du vertraust einen Cyborg? So was habe ich ja noch nie gehört. Bei diesem Schwachsinn mache ich nicht mit.“
„Du musst aber, sonst werden sie mich töten. Außerdem würde das SEK-Kommando in eine Falle laufen. Die Scharfschützengewehre wurden getestet. Die Projektile bestehen aus einem unbekannten chemischen Metall, welches die Amerikaner offensichtlich entwickelt hatten. Die Wucht der Geschosse ist enorm und sogar fähig, massive Baumstämme und sogar euren Schutzanzug zu durchschlagen. Henry wäre der Erste, der fallen würde, denn er war nur mit einem Herrenanzug bekleidet“, redete Ike energisch auf sie ein.
Sie wankte abermals mit dem Kopf.
„Du hast einen mächtigen Knall, weiß du das überhaupt? Wie kann man nur dazu bereit sein, sich freiwillig gegen seinen Kopf schießen zu lassen, und das allein nur wegen einer Akteurin?“
Ike seufzte.
„Du verstehst es scheinbar nicht. Der Erfolg der Mission hängt davon ab. Sicher, ich gebe es zu. Selbstverständlich beabsichtige ich Eloise zu retten.“
Er blickte sie einen Moment nur an, bevor er sich erhob. Sie saß im Schneidersitz auf der Couch, streichelte Laika und küsste ihr auf die lange Schnauze.
„Ich kann es dir nicht verübeln. Was weißt du schon von Zuneigung und Liebe.“
„Was soll ‘n das heißen? Nur zu deiner Info … Ich habe einen Freund und er wartet auf mich.“
„Ach ja?“, erwiderte Ike, wobei ein sachtes Schmunzeln seine Mundwinkel verzierte. „Und wer ist das? Der Terminator oder Robocop?“
Nicole blickte ihn stirnrunzelnd an.
„Den Witz schnapp ich jetzt nicht. Was soll das alles auch? Weshalb höre ich dir überhaupt zu? Im Bericht steht eindeutig, dass einer der Scharfschützen unkonzentriert gewesen war und deshalb deinen Todesschuss vermasselt hatte. Das alles klingt für mich nach einem hektischen Gerangel, wie es schon im Bericht erwähnt wurde. Das ging blitzschnell. Schnappst du eigentlich, dass mir allerhöchstens ein Augenschlag Zeit bleiben würde, um solch einen präzisen Schuss hinzubekommen? Ich will nicht sagen, dass ich es nicht gebacken kriege aber …“
„Nicole“, unterbrach er sie, „Überleg doch Mal. Glaubst du tatsächlich, dass ein ausgebildeter Scharfschütze, mit einem technologischen Schnellfeuergewehr, aus einer lächerlichen Entfernung von weniger als dreißig Metern daneben schießt?“
Nicole blickte ihn nur ratlos an. Darauf hatte sie keine Antwort.

Nicole von seiner Ansicht und seinen Plan zu überzeugen, war schwieriger, als er es sich vorgestellt hatte. Er konnte es aber auch nachvollziehen, denn sie müsste ein großes Risiko eingehen, welches er persönlich selbstverständlich ohne weiteres dazu bereit wäre. Die Zukunft war immerzu ungewiss und es bestünde die Gefahr, dass die andere Partei ebenfalls ein Soldatenzug zum 2. Oktober schicken würde, um wiederum Nicole und Ike aufzuhalten, um ihre eigenen Leute zu retten und die Schlacht im Wald endgültig für sich zu entscheiden. Aber Ike war sich hundertprozentig sicher, dass sie es schaffen werden, schließlich war der verfasste Aktenbericht der Beweis dafür. Nicole aber würde sich nur mit einem handfesten Beweis überzeugen lassen, welcher für sie ausschlaggebend wäre. Den Bericht jedoch sah sie keineswegs als einen Beweis dafür, dass beide die unbekannten Retter gewesen waren, beziehungsweise, sein werden.
Nicole lächelte, kaute Kaugummi und blies eine mächtige Blase, bis sie zerplatzte.
„Nur mal angenommen, du hättest Recht. Trotzdem würde ich einen Teufel tun, meinen Beamer zu benutzen, um mich mit acht ausgebildeten Soldaten anzulegen. Ich sagte doch, deinetwegen werde ich mich bestimmt nicht in die Nesseln setzen. Bin zwar fünfundvierzig Prozent ein Cyborg, aber lange nicht hundertprozentig eine Idiotin und obendrein lebensmüde.“
„Sei unbesorgt. Selbstverständlich würde ich dein Passwort auf deine ID speichern. Somit würdest du meinem Befehl unterstehen und wärst von jeglicher Verantwortung befreit. Glaub mir doch endlich … Ich trage alleine die Verantwortung für diese Operation.“
„Pah, woher willst du mein Passwort wissen?“
Ike antwortete lediglich mit einem schelmischen Grinsen, schließlich waren die wichtigsten Dateien des UE-Geheimdienstes in seiner Nickelbrille gespeichert. Unter anderem auch sämtliche Passwörter aller Personen, die sich gerade auf einer Zeitreise befinden oder es vor langer Zeit waren.
Nicole hatte zwar selbst, anhand des Berichtes, erkannt, dass es wirklich nur ein SEK-Beamter gewesen sein konnte, und zufällig war sie mit diesem Nervengas erschienen. Aber sie blieb skeptisch, so leicht wollte sie sich nicht überzeugen lassen, zumal Ike vorgeworfen wurde, er hätte das Gemeinschaftskonto der Schleuser veruntreut. Solch eine Anschuldigung war allerhand, aber mittlerweile glaubte sie selbst nicht mehr daran, auch wenn sie Ike für einen ausgetüftelten Windhund hielt, dem man es durchaus zutrauen konnte. Momentan hatte er wahrlich andere Probleme und es schien ihr, dass ihm seine Eloise allemal wichtiger war, als 5,5 Milliarden Dollars zu stehlen, um ein sorgenfreies Leben im 20. Jahrhundert zu verbringen. Wie auch?
Trotz alledem mochte sie Ike, weil er nicht nur seine geliebte Ehefrau um jeden Preis retten wollte, sondern auch, weil er gleichzeitig an den Erfolg seiner Mission dachte. Er beabsichtigte sogar Vincenzo zu helfen; all das versuchte er zugleich zu bewältigen, was sie beeindruckte.

„Es gibt da aber immer noch eine klitzekleine Ungereimtheit, Mäuschen. Eloise ist gestorben und wurde beerdigt. Angenommen du würdest sie tatsächlich aus dem brennenden Auto ziehen und sie ins Centrum bringen, damit sie verarztet werden kann, wer liegt dann in ihrem Grab?“
Nicole beugte sich über den Tisch und blickte ihn direkt in die Augen.
„Ja, mein Süßer. Das Grab bleibt schließlich vorhanden und irgendwer ist beerdigt worden. Da waren sogar ihre Angehörige anwesend und hatten um sie geweint. Also, wenn nicht sie, wer ist dann beerdigt worden?“
Ike erwiderte ihren durchdringlichen Blick einen Moment regungslos, dann verzierten sich seine Mundwinkel allmählich zu einem Grinsen.
„Na, wer wohl? Detective Sergeant Miller. Ich selbst hatte die Leiche gesehen. Diese war unkenntlich verbrannt, da waren nur noch Reste übrig. Selbst die Feuerwehrleute und die Ärzte konnten mir nicht bestätigen, dass es sich dabei eindeutig um eine weibliche Leiche handelte.“
Ike kniete wieder vor ihr nieder und griff nochmals nach ihrer kühlen Hand.
„Hör zu, Nicole. Es ist wie eine Erleuchtung, es ist wie, als hätte ich diesen Plan bereits im Kopf. Nachdem wir die Soldaten eliminiert haben, wirst du den Detective nehmen und ihn in das Automobil tragen. Danach zünden wir die Karre gemeinsam an, damit Henry mit seinen Leuten am Tatort erscheinen können. Das erklärt auch das Verschwinde des Detectives.“
„Wieso soll ich schon wieder die Drecksarbeit erledigen und eine Leiche spazieren tragen?“, fragte sie ärgerlich.
„Der verfluchte Detective wiegt mindestens 110 Kilo, und ein Toter wiegt gefühlsmäßig doppelt so viel … Deshalb“, antwortete Ike. „Der Kerl war ein Bär von einem Mann, meine Bandscheiben würden erheblich darunter leiden. Deine dagegen sind doch aus Titan und überdies muss das rasch geschehen“, lächelte er verlegen.
Nicole verschränkte ihre Arme und schaute ihn griesgrämig an.
„Typisch Homo sapiens. Der dumme Cyborg ist ja stark genug und wird’s schon richten. Aber wie willst du die Karre anstecken? Erzähl mir jetzt bloß nicht, dass du mit Streichhölzern zündeln willst. Das muss innerhalb einer Minute geschehen sein. Diesel ist nämlich nicht so leicht zu entzünden, wie du denkst, zumal der Sprit ohnehin bereits im Boden versickert sein wird, wenn wir soweit wären.“
Ike nickte während er sie nachdenklich anschaute.
„Das ist wahr. Wir benötigen einen Brandbeschleuniger, und davon eine Menge.“
Nicole war bald soweit. Bald würde es ihm gelingen, sie für seinen Schlachtplan zu gewinnen. Da war er sich sicher. Aber Nicole wäre wahrscheinlich immer noch nicht überzeugt, wenn er morgen Abend nach der Arbeit mit einem Kanister Petroleum erscheinen würde. Wohl erst dann, wenn ihr irgendein Brandbeschleuniger vor die Füße fallen würde.
 
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Sehr schön schmissig und lebendig geschrieben. Nicole kann einem ja direkt an Herz wachsen, obwohl sie ein Cyborg ist. Und Ikes Idee ist ganz hervorragend. Nur, wird er sie sie auch so gut in die Tat umsetzen können?

Evi Apfel (04.05.2015)

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