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Herbstwind

Nachdenkliches · Kurzgeschichten · Herbst/Halloween
Herbstwind

Es fühlt sich an wie Frühling. Ein milder Wind vom Westen streicht den Wartenden auf dem Bahnsteig um die Gesichter. Die grauen Wolken ziehen rasch nach Osten ab, das Blau des Himmels zeigt sich und helle, warme Sonnenstrahlen beginnen den nassen Asphalt zu trocknen. Aber es ist kein Frühling, es ist Herbst. Der Wind treibt nicht nur die Wolken, er reisst auch bunte Blätter von Bäumen ab, vermischt sie mit den rostbraunen, schon am Boden liegenden toten Blättern und weht alles durch Strassen, gegen Hauswände, über Brücken und Plätze. Kinderbeine pflügen durch die raschelnden Laubhaufen mit den toten und sterbenden Blättern und viele der alten Leute schauen traurig.
Damals, als ihre Kinderbeine durch ´s Laub wetzten und die sterbenden und toten Blätter zum Rascheln brachten, war es ihnen einerlei, dass die Tage kürzer, die Nächte länger wurden. Es war gut für die Rübengeister die sie in ihren kleinen Händen hielten und durch Strassen, über Brücken und Plätze, nach draussen vor der Stadt über die Felder trugen. Auch in den Häusern, den Wohnungen, in den Zimmern saßen und standen kleine Geister, geformt aus Kastanien, Hagebutten und Zahnstochern. Sie standen auf Tischen, lehnten im Regal oder saßen neben Puppen und Teddybären.
In den Obstschalen lagen damals wie heute frische Mandarinen, Äpfel und Nüsse und auch damals drang während der darauffolgendnen Wochen der Geruch von Zimt, Anis und Lebkuchen aus Küchen und Wohnzimmern. Man aß wieder Wirsing und Grünkohl und auch damals schauten viele der alten Leute traurig.
Bei manchen ziehen Gäste ein um diese Zeit. Sie kommen mit dem Wind der durch die Baumkronen rauscht.
Die Gäste heißen Vergangenheit, heißen Wehmut, heißen Endlichkeit und sitzen bei den Alten, hören ihnen zu und nehmen manche mit.
Die Alten mögen den Wind nicht mehr hören, wie er durch die Baumkronen weht, die Blätter von den Bäumen reißt und sie durch Strassen, gegen Hauswände über Brücken und Plätze weht.
Auch wenn es ein milder Wind ist und er sich anfühlt wie der Frühling.
Die Alten wissen, es ist der Herbstwind.


Ende
 
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Sehr einfühlsam und sehr beschaulich, nimmst du dich mit dieser nachdenklich machenden Kurzgeschichte einem sehr wichtigen und doch oft verdrängten Lebensthema an. Du lässt in ihr Vergangenheit, Gegenwart und bevorstehende Zukunft miteinander verschmelzen und zur Realität des Lebens werden, würdigend und ohne Angst zu erzeugen. Den sanften Wind erklärst du zum ständigen Begleiter und das tut gut und schafft Raum und Möglichkeit, das unvermeidliche geduldig zu tragen. Jede Zeit hat ihre Farben, jede Zeit hat ihren Wind und die in der Zeit erlittenen Narben, am Ende dann Erinn'rung sind.
Deine Geschichte hat mich berührt und gut unterhalten, sie schenkt meinen herbstlichen Gedanken einen beschützten Raum.
Ein schönes Wochenende wünsche ich dir und all deinen Lieben.
VG Rolf


Siehdichfuer (05.11.2016)

Bildlich und eindrucksvoll beschrieben. Zudem macht es nachdenklich. Gerne mehr davon.

Christian Dolle (24.10.2016)

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