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29 Seiten

Llää!

Trauriges · Kurzgeschichten · Winter/Weihnachten/Silvester
„Backes! Was zum Teufel haben Sie sich dabei gedacht?“ Metzinger brüllte quer durch das Großraumbüro, damit jeder mitbekam, wie er Dominik durch den Wolf drehte. Metzinger liebte es, seine Untergebenen vor aller Augen zur Sau zu machen. Er kam angelaufen und legte los. Dominik hörte nur mit halbem Ohr hin. Er hatte nichts falsch gemacht. Er hatte den Antrag der Saar-Schrauben GmbH weisungsgemäß bearbeitet.
Metzinger spielte sich bloß wieder auf. Wussten doch alle, dass er stinksauer war, weil er nicht befördert worden war. Stattdessen ging Weber in die Zentrale und bekam den lukrativen Job. Weil Weber fleißig war, ein Händchen für Großkunden hatte und mit Untergebenen umgehen konnte. Letzteres war nicht unbedingt die Stärke von Anton Metzinger.
Wenn er immer rumbrüllt wie ein gereizter Stier, muss er sich nicht wundern, wenn er nicht befördert wird, dachte Dominik, während er das Gewitter stumm über sich ergehen ließ. Gegenreden brachte nichts, im Gegenteil. Dann legte Metzinger erst recht los. Am besten war, man ließ ihn toben. Wenn er fertig war mit Brüllen, verzog er sich von selbst. So auch diesmal. Nachdem er Dominik vor allen Mitarbeitern zur Schnecke gemacht hatte, verzog sich Metzinger grummelnd in sein Büro.
Frohe Weihnachten, du Arsch!, dachte Dominik, während er seinen Schreibtisch aufräumte. Wenigstens sehe ich dich dieses Jahr nicht mehr.
Metzinger hatte heute am 23. Dezember seinen letzten Arbeitstag. Er würde erst im Neuen Jahr wiederkehren und Leute schikanieren.
Mit einen Seufzer verließ Dominik das Großraumbüro. Feierabend. Morgen, am 24. noch einen halben Tag, und dann war Schluss für dieses Jahr. Leider würde er im neuen den doofen Metzinger wiedersehen.
Ich sollte mich versetzen lassen. Bei dem Gedanken musste Dominik unfroh grinsen. Er arbeitete bei der großen Versicherungsgesellschaft, seit er dreiundzwanzig war. Heute war er dreißig Jahre alt. In den sieben Jahren hatte er sich zweimal versetzen lassen, weil er Vorgesetzte hatte, die sich aufführten wie die letzten Ärsche. Und hatte es etwas gebracht? Nein. Jetzt hatte er den blöden Metzinger vor der Nase sitzen. Versetzenlassen konnte er sich höchstens noch in die Konzernzentrale nach Trier. Dazu würde er rund hundert Kilometer weit wegziehen müssen. Nicht, dass ihn das sonderlich störte. Früher vielleicht, heute nicht mehr. Nicht, nachdem Eva-Maria das mit Eugen abgezogen hatte.
Das Problem war, dass Dominik sich abwehrend geäußert hatte, als der Oberboss ihm eine Stelle in Trier angeboten hatte. Der olle Lerchenberg hatte Dominik zugleich eine Gehaltserhöhung in Aussicht gestellt. Aber damals hatte Dominik noch mit Eva-Maria zusammengelebt und sich nicht vorstellen können, Saarbrücken je zu verlassen.
So ein Mist!, dachte er, während er seinen Wagen aufschloss. Hätte ich doch Lerchenbergs Angebot angenommen! Morgen geh ich zu ihm. Der Alte ist am 24. immer im Haus und macht den Jahresabschluss. Vielleicht bekomme ich eine zweite Chance.
Er stieg ein, startete den Motor und fuhr los. Auf den Straßen herrschte dichter Verkehr. Vorweihnachtszeit. Alle Welt wuselte eifrig durch die Stadt auf der Jagd nach letzten Geschenken.
Pfeif auf Weihnachten!, dachte Dominik. Ihm war kein bisschen weihnachtlich zumute. Nicht nach der Sache mit Metzinger und der Pleite mit Eva-Maria.
Dass er einen Parkplatz vor dem Haus fand, in dem er wohnte, grenzte schon fast an ein Wunder. Er trug die Aktentasche nach oben. Die Wohnung wirkte kalt und leer. Es gab keinen Weihnachtsschmuck. Noch nie hatte Dominik seine Wohnung weihnachtlich geschmückt. Seit er mit Anfang zwanzig von zu Hause ausgezogen war, hatte es keinen festlichen Schmuck mehr gegeben. Weihnachten und Weihnachtsschmuck - das war längst tot in ihm. Es war nicht mehr wie früher, als seine Mutter noch gelebt hatte.
Dominik holte seine Einkaufstasche. Zu Fuß machte er sich auf den Weg. Es war sinnlos, den Wagen zu benutzen. Er würde keinen Parkplatz finden. Er brauchte eh nicht viel. Ein Brot, Salat und noch ein paar Sachen, Walnüsse zum Beispiel.
Auf dem Weg zum Supermarkt dachte er an Eva-Maria. Vier Jahre waren sie zusammen gewesen, bevor sie in die gemeinsame Wohnung zogen. Dominik war zu Eva-Maria gezogen. Seine Wohnung konnte er jedoch erst zum Ende des Jahres kündigen. Eva-Maria hatte die große Wohnung von einer Tante übernommen, die ausgezogen war, um mit ihrem neuen Lebensgefährten zusammenzuleben. Nun musste Dominik zweimal Miete zahlen: für seine alte Wohnung und seinen Anteil an der neuen. Geflucht hatte er. Hinterher aber war er froh gewesen, die alte Wohnung noch zu haben. Die brauchte er nämlich.
Eines Tages kam er früher von der Arbeit und fand Eva-Maria mit seinem besten Freund Eugen im Bett. Es war ein Schock. Wie hypnotisiert hatte er den auf und ab wippenden Hintern Eugens angeglotzt. Sein bester Freund trieb es mit seiner Partnerin.
Er hatte Eugen von Eva-Maria herunter gepflückt und ihn rausgeschmissen. Was nicht so leicht war, wie es sich anhörte. Bei der Prügelei hatte Dominik ziemlich was eingesteckt, ehe es ihm gelang, Eugen zur Wohnungstür hinaus zu dreschen. Er hatte tagelang ein Veilchen spazieren getragen und er hatte gehumpelt, weil er bei der Keilerei mit dem Knie auf die Bettkante aufgeschlagen war.
Anschließend hatte Dominik wortlos seine Sachen gepackt und war in seine alte Wohnung zurückgekehrt. Er hatte Glück. Er konnte die Wohnung behalten. Er verlor seinen besten Freund und seine Freundin, aber die Wohnung blieb ihm.
Im November war das gewesen.
Allzu weihnachtlich war Dominik wirklich nicht zumute. Er hatte keine Augen für die Weihnachtsbeleuchtung und den Weihnachtsschmuck in den Geschäften. Er wollte nur einkaufen und dann schleunigst nach Hause. Eilig drängelte er sich durch die engen Regalfluchten im Supermarkt.
„Llää!“ Kindergeplärr von rechts. „Llää! Die will ich nicht! Ich will die da!“
Vor einem Regal mit Spielsachen stand eine sichtlich genervte Mutti mit einem kleinen Mädchen von vielleicht fünf Jahren. Das Kleine plärrte laut. Offensichtlich wollte es eine Puppe mit Klamotten zum Wechseln, die in einem großen Karton mit Klarsichtfolie eingepackt war. Die Mutti lehnte ab und bot ein billigeres Spielzeug an, ein simples Püppchen ohne zusätzliche Accessoires.
„Llää!“, heulte das Mädchen lauthals. „Die will ich nicht. Ich will die da!“
„Du hast schon so viel, was du zu Weihnachten bekommst“, sagte die Mutti, um Beherrschung bemüht. „Die Puppe ist zu teuer. Nimm dann doch das kleine Püppchen hier.“
„Llääää!“, schluchzte das kleine Mädchen. Es weinte, als ginge es um sein Leben, als Dominik seinen Einkaufswagen an ihm vorbei steuerte. „Llää! Das will ich nicht!“
Llää. Dominik machte sich auf zur Kasse. Llää …
Eigentlich hieß es Nää. Nää, das breite, saarländische Wort für Nein. Aber wenn man ordentlich heulte und die Nase Weinen verstopft war, wurde ein genuscheltes Llää daraus.
„Llää!“ Genauso hatte Monika immer geklungen, wenn sie weinte. „Llää!“
Seine Schwester war sechs Jahre jünger als Dominik und sie hatte nahe am Wasser gebaut, schon als Kind. Monika weinte oft, vor allem, seit die Mutter gestorben war. Acht Jahre alt war sie da gewesen und nach dem Tod der Mutter war sie ein sehr stilles und empfindsames Kind geworden, das leicht ins Weinen kam. Wenn dann ihre Nase vom Heulen verstopft war, brachte sie die Worte nur noch nuschelnd hervor, vor allem das saarländische Nää.
„Mensch, Moni, jetzt hör auf zu heulen!“
„Llää!“ Und dann wurde erst recht losgeschluchzt.
Draußen stapfte Dominik durch den Schnee nach Hause. Moni. Monika. Seine kleine Schwester.
Seit er zu Hause ausgezogen war, hatte sie ihm zu Ostern, zum Geburtstag und zu Weihnachten immer eine Karte geschickt, immer von ihr zusätzlich verziert. Auf die Osterkarten hatte sie kleine, lächelnde Häschen gezeichnet und auf die Weihnachtskarten kleine Engelchen und Schneemänner und Sterne und lauter solches Zeugs.
Dominik hatte nie zurückgeschrieben. Karten schreiben lag ihm nicht. Er ließ sich auch kaum bei seiner Schwester blicken, seit er von zu Hause weggezogen war. Sie rief ihn einmal im Monat an und er gab am Telefon einsilbige Antworten. Immer bat sie ihn, doch mal vorbeizukommen, aber er bügelte sie fast immer ab. Er konnte nicht mal sagen, warum er das tat. Irgendwie hatte er mit allem abgeschlossen, als er damals nach Saarbrücken gegangen war, um Karriere bei der großen Versicherung zu machen. Er wollte seine Familie hinter sich lassen. Es war ja eh nichts mehr davon übrig.
Die Mutter war seit vielen Jahren tot; der Vater inzwischen auch verstorben, und von seiner Stiefmutter hielt er nichts. Die konnte ihm gestohlen bleiben, der Eisklotz. Außerdem war auch der Eisklotz tot. Sonst war niemand da. Keine weiteren Verwandten. Ihre Mutter war im Waisenhaus aufgewachsen – als Baby ausgesetzt. Sie hatte nie Verwandte gehabt. Und der Vater war ein Einzelkind gewesen, genau wie seine Eltern, die früh verstarben. Es gab weder Onkel noch Tanten. Es war niemand da.
Blieb Monika. Seine Schwester hing an ihn, das wusste er, aber er entzog sich ihr. Er hatte keine Lust, Mutterersatz für sie zu spielen.

Gleich nach dem Tod des Vaters hatte Moni, kaum volljährig, nichts Besseres zu tun gehabt, als sich vom erstbesten Großmaul schwängern zu lassen. Natürlich hatte der Typ sie sitzengelassen und nun hauste Monika in einer kleinen Wohnung und konnte nicht arbeiten gehen. Sie machte etwas mit Übersetzungen, hatte sie ihm am Telefon erzählt. Irgendwas mit Englisch.
„Übersetzen kann ich auch zu Hause“, hatte sie gesagt. „Man kann gutes Geld mit Übersetzungen verdienen.“
Dominik gab ein Schnauben von sich. Ob das stimmte? Heutzutage gab es im Internet kostenlose Übersetzungsmaschinen. Wer brauchte da noch echte Übersetzer? Aber seine Schwester musste selbst wissen, was sie tat. Da hockte sie nun allein in der winzigen Wohnung mit einem Kind, das seinen Vater nie gesehen hatte. Vier Jahre war die Kleine inzwischen.
„Was hat sie sich auch ausgerechnet mit diesem Angeber eingelassen?“, murmelte Dominik. „Wusste doch jeder, dass der nix taugt!“
Aber Monika war einsam und allein gewesen, und sie hatte verzweifelt nach Liebe und Zuneigung gesucht, so wie sie es ein Leben lang getan hatte.
Als sie noch jünger waren, hatte Dominik ihr das alles gegeben, doch als er älter wurde, hatte er damit aufgehört. Er hatte eingesehen, dass er nicht Monis Mutter war, und dass er sein eigenes Leben leben musste. Dazu war noch der Druck aus seiner Clique gekommen.
Als sie noch jung waren, hatte er nach dem frühen Tod der Mutter deren Stelle für Moni eingenommen, ein bisschen jedenfalls.
Dominik schaute die weihnachtliche Straßenbeleuchtung an. Früher war er mit seiner kleinen Schwester durch den Ort gelaufen und hatte ihr die Weihnachtsbeleuchtung gezeigt, und die kleine Monika war ganz vernarrt gewesen in die schönen Lichter. Er war sogar einige Male mit dem Zug mit ihr nach Saarbrücken gefahren. In der großen Stadt war die Weihnachtsbeleuchtung noch viel eindrucksvoller gewesen als bei ihnen zu Hause in der Kleinstadt. Und erst der große Weihnachtsmarkt!
Wie sie sich gefreut hatte! Sie hatte an seiner Hand gehangen und war vor Aufregung auf und abgehopst. Mit großen Augen hatte sie die Weihnachtslichter betrachtet. Auf dem Weihnachtsmarkt waren sie an all den vielen, bunt beleuchteten Buden vorbei spaziert und hatten sich alles angesehen. Er hatte Moni eine Waffel spendiert und später einen Becher heißen Kakao. Mehr hatte sein karges Taschengeld nicht hergegeben. Aber sie war glücklich mit dem bisschen gewesen. Sie war froh, dass er für sie da war, sich mit ihr abgab und sie mitnahm. Richtig dankbar war sie gewesen.
Dominik war mit seiner Schwester spazieren gegangen. Er hatte sie mit in die Wildnis hinter der Ortschaft genommen, in der sie wohnten, und ihr Eidechsen und Frösche gezeigt und die Tiere in den kleinen Tümpeln. Im Sommer hatte er Moni mit ins Freibad genommen und im Winter mit ins Hallenbad. Sie waren zur Saar gelaufen und hatten den vorbeifahrenden Schiffen zugeschaut. Moni hatte den kleinen Kajütbooten zugewunken und sich gefreut, wenn die Leute zurück winkten.
Am liebsten hatte sie mit ihrem geliebten Bruder im Bach neben ihrem Wohnort eine Flaschenpost auf die Reise geschickt. Dominik sammelte leere Gläser, in denen vorher Ananas und Aprikosen gewesen waren oder Sauerkraut oder Rote Beete. Er wusch sie und trocknete sie, und dann kam ein von Monika gemaltes Bild in so ein Glas nebst einem kleinen Brief, in dem stand, wann und wo sie die Flaschenpost abgeschickt hatte und dass sie sich freuen würde, Antwort zu bekommen. Das Glas wurde fest zugeschraubt und in den Bach geworfen. Dann liefen sie nebenher und sahen zu, wie die Flaschenpost, auf dem Wasser tanzend, dahinschwamm, bis der Bach schließlich in die Saar mündete, die Monis Glas mit sich forttrug.
Es brauchte viele Flaschenpostgläser, aber eines schönes Tages trudelte ein kleines Päckchen ein. Ein Ehepaar hatte eines von Monis Wasserpostgläsern in der Nähe von Trier aus der Mosel gefischt. In dem Päckchen befand sich ein Malbuch mit einer Packung Farbstifte und ein lieber Brief. Wie Moni sich gefreut hatte!
Zu Hause hatte Dominik mit ihr gespielt. Sie hatten „Mensch ärgere dich nicht“ gespielt und „Malefiz“ oder „Spitz pass auf“. Sie hatten zusammen Bilder gemalt oder mit ihren Stofftieren gespielt. Zu Ostern hatte Monika ihrem geliebten großen Bruder geduldig dabei zugeschaut, wie er aus Holz und einer alten Nylontüte ein kleines Segelschiffchen bastelte. Das ließen sie anschließend auf einem kleinen Weiher hinterm Ort schwimmen.
Monika hing an Dominik, besonders nach dem frühen Tod der Mutter. Da war sie gerade acht Jahre alt gewesen und Dominik dreizehn.
Wie lange das her war. Damals waren sie regelmäßig für den alten Grantler einkaufen gegangen, Herrn Huber, der ein paar Straßen weiter am Rand der Kleinstadt wohnte. Der olle Huber war gehbehindert und konnte Kindern gegenüber ein echtes Ekel sein, doch bei Dominik und Monika benahm er sich beinahe freundlich. Sie durften sogar im Sommer Kirschen von seinen Bäumen ernten und einen Teil für sich behalten. Zu Hause hatten sie einen Teil der Kirschen zu Marmelade eingekocht – nach dem Rezept in Muttis altem Kochbuch, eine echte englische Cherry-Marmelade.
Marlene, die neue Frau im Haus, hatte dabei gestanden und so eisig geschaut, dass die Geschwister Angst bekamen, die von ihrer Stiefmutter ausstrahlende Kälte würde die kochende Marmelade zu Eis erstarren lassen. Monika fühlte sich nicht wohl, wenn der Eisklotz in der Nähe war.
Anfangs war die neue Frau ihres Vaters eigentlich recht nett gewesen, wenn sie auch niemals ein Ersatz für ihre Mutter sein konnte. Sie hatte sich bemüht, ein gutes Verhältnis zu Monika und Dominik aufzubauen. Doch dann stellte sich heraus, dass sie keine Kinder bekommen konnte. Das hatte sie hart und kalt gemacht.
Sie war nicht bösartig Monika und Dominik gegenüber, aber total unterkühlt. Dominik nannte sie hinter ihrem Rücken den Eisklotz.
Vielleicht hatte seine Schwester sich deswegen so an ihn gehängt – weil sie bei der Stiefmutter keinerlei Wärme fand. Auch beim Vater nicht.

Er schloss die Haustür auf und nahm seine Post mit hinauf in die Wohnung. Nur Werbung, wie es aussah. Er warf die Briefe auf den Küchentisch und verstaute die Einkäufe. Dann ging er duschen.
Danach zog er ein frisches Flanellhemd aus dem Schrank. Er stieß irgendwo an und von oben aus dem flachen Fach, wo er Wintermützen und Schals aufbewahrte, kam ein Käppchen herunter gesegelt. Geschickt fing er es auf.
„Das ist ja …! Wo kommt das denn her?“ Er hielt das kleine Käppi in Händen, das seine Schwester für ihn gehäkelt hatte, als er noch zu Hause wohnte. Er erkannte die dunkelgrüne und rote Wolle mit dem kleinen weißen Bommel obenauf.
Leise Wehmut befiel ihn. Das Käppi. Das Käppi, das Monika für ihn gehäkelt hatte, damals vor Ewigkeiten. Alle in der Schule hatten solche Käppchen getragen, kleine runde Dinger, wie wie Untertassen aus Wolle schräg auf ihren Köpfen gethront hatten. Jeder musste so ein Ding haben. Also hatte Dominik seine kleine Schwester gefragt, ob sie ihm eines machen könne.
Monika hatte begeistert Ja gesagt und ihm das Ding gehäkelt – in seinen Lieblingsfarben Dunkelgrün und Rot.
„Das Käppi“, sagte Dominik leise. Er fühlte sich plötzlich ganz komisch. In seinem Inneren tat es weh. Mit dem Käppchen in der Hand marschierte er in die Küche. Er legte es neben die Briefe und zog das Hemd an. Dann setzte er sich an den Tisch und ging die Post durch.
Es waren tatsächlich nur Werbesendungen. Ganz zum Schluss hielt er einen roten Umschlag in der Hand. „Von Moni.“
Seine Schwester hatte ihm geschrieben. Wie immer zu Weihnachten. Er öffnete den Umschlag. Zum Vorschein kam eine Weihnachtskarte zum Aufklappen. Vorne zeigte sie das Motiv einer weihnachtlich beleuchteten Stadt, ein Nachdruck eines Gemäldes aus dem vorvorigen Jahrhundert. Innen war alles von Moni ausgemalt. Es gab Tannenbäume mit Lichtern, einen lachenden Weihnachtsmann, der eine Herde kleiner Kinder beschenkte, leuchtende Kerzen, Glöckchen, kleine Engelchen und Sterne.
Wie immer hatte seine Schwester sich viel Mühe gegeben, ihm die Weihnachtskarte von Hand zusätzlich zu verschönern.
„Ich wünsche dir Frohe Weihnachten, Bruderherz. Einen Gruß von deiner Schwester Monika und deiner Nichte Leonie.“ Neben die Unterschrift war ein Herz gemalt.
Zusätzlich zur Karte gab es einen Brief.
„Lieber Dominik“, stand da in der sauberen runden Mädchenschrift seiner Schwester. „Ich wünsche dir Frohe Weihnachten. Wie geht es dir? Ich hoffe, gut. Sag, möchtest du nicht Weihnachten mal vorbeischauen? Leonie würde sich sehr freuen, ihren Onkel mal zu sehen.“
So ging es weiter. Ein kleiner Lagebericht. Es ging voran mit ihren Übersetzungsarbeiten. Leonie war gesund und ging in den Kindergarten. Und zwischen den Zeilen immer wieder die schüchterne Anfrage, ob er nicht bitte-bitte zu Weihnachten zu Besuch kommen möchte.
„Ich koche uns auch was Gutes.“
Und immer wieder, beinahe versteckt, die Bitte, er möchte doch mal vorbeikommen.
Er nahm das Käppi in die Hand, ließ die Finger über die weiche Wolle streichen. Siebzehn war er gewesen, noch in der Schule, und Moni war elf. Sie hatte sich so gefreut, etwas für ihn tun zu dürfen. Sie war mit Feuereifer an die Arbeit gegangen. Sie hatte ihm verschiedene Wollfarben vorgelegt und er musste die Wolle aussuchen. Dann hatte sie losgelegt. Schon einen Tag später hatte sie ihm das Käppchen in die Hand gedrückt: „Für dich, Dominik.“
Und er hatte bloß ein kurzes Danke gegrunzt.
Er erinnerte sich noch haargenau an ihren Blick. Sie hatte ihn aus großen Augen angeschaut, schüchtern und ein bisschen flehend. „Hab mich doch bitte ein bisschen lieb, so wie früher“, hatten ihre Augen gebettelt. „Bitte, Dominik!“
Doch das war nicht möglich. Er musste sein eigenes Leben leben. Hatte er sich eingeredet, immer und immer wieder. Er wurde erwachsen. Er musste sich loslösen von zu Hause. Wenn Vögel flügge werden, verlassen sie das Nest.
Er war nach Saarbrücken gegangen, sowie er das Geld für eine kleine Wohnung aufbringen konnte. Direkt nach der Ausbildung hatte er sich davongemacht und die Kleinstadt hinter sich gelassen. Er wollte weg. Er wollte selbstständig sein. Zu Hause war es nicht mehr gut, mit dem Eisklotz und seinem Vater, der angefangen hatte zu trinken, nachdem seine Firma in Konkurs gegangen war.
Weg. Nur weg!

Als sie noch Kinder waren, hatte Monika an ihm gehangen. Er war ihr großer Bruder, zu dem sie aufsah und den sie anhimmelte, schon als die Mutter noch lebte. Moni hatte ihn abgöttisch geliebt und hätte sich für ihn glatt in Stücke hacken lassen.
Er hatte mit Moni gespielt. Sie waren zusammen Rad gefahren und hatten die Gegend erkundet. Er hatte ihr die Tiere in den Tümpeln gezeigt, Kaulquappen, Molchlarven, Rückenschwimmer, Molche und Frösche und andere Kleintiere.
Er hatte sie mitgenommen, wenn er die Natur durchstreifte und mit ihr zusammen im Hennerforst ein Häuschen gebaut.
Zu Hause hatte er mit ihr gemalt und mit den Stofftieren gespielt. Er hatte Geschichten von Peter Pingpong für sie erfunden, dem kleinen Jungen, der wie ein Tischtennisball springen und mit Tieren sprechen konnte. Dann hatte sie mit leuchtenden Augen gelauscht und ihn um mehr Geschichten angebettelt, auch noch, als die Mutter nicht mehr lebte, und der Eisklotz bei ihnen eingezogen war.
Monika hatte oft geweint. Wenn sie hinfiel, wenn sie sich erschreckte und manchmal einfach so, vielleicht weil sie ihre Mutter so schrecklich vermisste.
„Och, hör doch auf zu heulen“, sagte er und sie: „Llää!“, mit der vom Weinen verstopften Nase.
Solange sie Kinder waren, akzeptierte er, dass Monika ihm nachlief wie ein Hündchen. Nachdem die Mutter gestorben war, klammerte sie sich regelrecht an ihn.
Dann kam er in die Pubertät. Er begann sich von zu Hause zu lösen, machte sich auf in die Selbstständigkeit und er sorgte für Abstand zwischen sich und seiner kleinen Schwester. Er spielte seltener mit ihr und nahm sie nicht mehr überall hin mit. Er wurde älter und er konnte einfach nichts mehr mit Moni anfangen.
Hinzu kam der Druck seiner Clique. Seine Kumpels fingen an, ihn zu verarschen, weil Monika ihm nachlief. Sie nannten ihn Kindermädchen oder Kindergartentante. So etwas hält ein pubertierender Jugendlicher nur schwer aus.
Eines Tages, er war fünfzehn und Monika neun, kam es zum Eklat. Ihm platzte der Kragen und er blökte sie an: „Hör auf, mir ständig hinterher zu laufen! Lass mich in Ruhe!“
Sie hatte angefangen zu weinen. „Ich habe doch nur noch dich“, schluchzte sie.
„Lass mich in Frieden!“, raunzte er. „Geh gefälligst zu deinen Schulfreundinnen und lauf mir nicht dauernd nach!“
„Dominik!“, schluchzte sie. „Bitte! Ich habe doch nur noch dich!“ Sie weinte, als gelte es ihr Leben.
„Ich bin nicht deine Mutter!“, rief er. „Bleib mir von der Pelle! Komm nicht dauernd in mein Zimmer! Und hör auf zu flennen!“
„Llää!“, schluchzte sie und weinte weiter. Sie stand vor ihm, ein dünnes neunjähriges Mädchen. Die Arme hingen an ihren Seiten herab wie gebrochene Flügel. „Dominik! Bitte!“ Sie hob die Hand in einer flehenden Geste. „Bitte Dominik! Nicht!“
„Ich will, dass du aufhörst, mir hinterher zu rennen!“, schimpfte er. „Meine Freunde verarschen mich deswegen! Lass mich in Ruhe! Ich bin nicht dein Kindermädchen! Spiel mit deinen Freundinnen!“
Sie schluchzte haltlos. „Llää!“ Sie weinte noch lauter.
Da schloss er die Tür zu seinem Zimmer hinter sich und sperrte ab.
Sie blieb draußen stehen und weinte ohne Unterlass. „Dominik! Bitte! Bitte-bitte!“
„Zieh Leine!“, rief er.
Er hörte sie nebenan in ihrem Zimmer weinen. Sie weinte eine Ewigkeit lang.
Sie hat kein Recht, mich zu nerven!, dachte er. Ich habe jedes Recht, mich zu befreien!

Dominik hielt das Käppi in der Hand und schaute die sauber ausgeführte Häkelarbeit an.
Ja, dachte er, ich hatte das Recht, mich zu befreien. Aber damals ging es nicht um Recht, es ging um Gefühle. Ich habe ihr schrecklich wehgetan. Ich habe sie verletzt, um sie auf Abstand zu bringen.
Er fühlte ein schmerzhaftes Ziehen im Herzen. Er hatte seiner Schwester weggetan, um sie loszuwerden. Weil er die Spötteleien seiner Freunde nicht länger ertrug und weil er nicht mehr die alten Kinderspiele spielen wollte.

Nach diesem Vorfall wurde Monika zurückhaltender. Sie lief ihm nicht mehr nach. Sie traute sich nicht mal mehr in sein Zimmer. Aber wenn sie an seiner offenstehenden Tür vorbeiging, schien sie darauf zu warten, dass er sie rief. Das merkte er sehr wohl, aber er rief sie nicht.
Wie oft stand sie mit großen, traurigen Augen da und schaute ihn flehend an. Wie verletzt sie aussah!
Dominik reagierte nicht darauf. Er machte sich innerlich hart und hielt Abstand.
Es gab keine gemeinsamen Unternehmungen mehr, keine Radtouren, kein gemeinsames Zeichnen am Küchentisch, kein Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel, kein Schwimmbadbesuch.
Manchmal stand sie an der Tür seines Zimmers und schaute schüchtern zu ihm herein. „Dominik? Gehst du mit mir Rad fahren? Gehen wir ins Hallenbad? Malen wir was zusammen?“
Seine Antwort war fast immer ein Nein.
Dann stand sie da mit hängenden Armen, das traurigste Kind der Welt. Er hätte sie mit einem einzigen Wort trösten können, aber er wollte nicht. Er befürchtete, dass sie dann sofort wieder an ihm kleben würde. Er wollte sein eigenes Leben leben und in diesem Leben gab es keinen Platz für kleine Schwestern.

Seufzend drehte Dominik das Käppchen in seinen Händen. Es muss ihr furchtbar wehgetan haben, dachte er. Sie hat bestimmt sehr unter meiner Ablehnung gelitten.
Er dachte an den Tag in der Vorweihnachtszeit zurück. Sechzehn war er gewesen und Monika zehn.
Sie war an der Tür zu seinem Zimmer aufgetaucht und hatte ihn ganz verschüchtert gefragt: „Dominik? Wollen wir Weihnachtsschmuck basteln?“
Er hatte nur ein barsches Nein für sie. „Wir haben mehr als genug von dem Zeug!“
Sie hatte ihn flehend angesehen: „Bitte, Dominik!“
„Nein!“
Da ging sie. Stumm. Niedergedrückt. Er sah die Tränen in ihren Augen.
Er schaffte es an jenem Tag nicht, die Härte in seinem Inneren gegen sie zu richten.
Abends setzte er sich mit ihr an den Küchentisch und sie bastelten aus Goldpapier, Stroh und halben Walnussschalen Schmuck für den Weihnachtsbaum.
Monika freute sich wie irre. Immer wieder hatte sie ihn mit einem scheuen Lächeln angeschaut und sich manchmal an ihn angelehnt. Wie eifrig sie beim Basteln mithalf!

„Sie hat einfach nur verzweifelt nach ein bisschen Halt und Zuwendung gesucht“, flüsterte Dominik. Er starrte das Käppchen an. „Nur ein wenig Zuwendung. Sie muss entsetzlich einsam gewesen sein damals. Und ich habe sie immerzu weg geekelt.
Er fühlte einen dicken Kloß in seinem Hals aufsteigen.
Er schaute das Käppi an. Es war alles, was er noch hatte. Alles andere hatte er bei seinem Auszug weggeworfen, all die Karten und Bilder, die Monika ihm zu Weihnachten und Ostern gemalt hatte.
Plötzlich tat ihm das wahnsinnig leid. Ja, die erste Wohnung, in die er zog, war sehr klein und eng gewesen, aber er hätte trotzdem den Karton mit den Karten und Bildern nicht wegwerfen brauchen. Ob Moni wusste, was er getan hatte?
Dann hat es sie sicher schrecklich verletzt, dachte er. Mann, warum habe ich das gemacht?! Die Karten, die sie mir nach meinem Auszug schickte, habe ich aufgehoben.
Er nahm Monikas Brief und las ihn noch einmal. Ganz vorsichtig und kleinlaut bat sie ihn, sie zu Weihnachten zu besuchen. Es klang, als hätte sie Angst, ihn mit ihrer Bitte zu belästigen, als fürchte sie, er könne sie anblöken: „Nein! Keinen Bock! Lass mich in Ruhe! Feier dein Weihnachten allein!“
Er erkannte die Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung zwischen den Zeilen.
„Ich habe doch nur noch dich!“ Das stand nicht in ihrem Brief, aber er konnte es zwischen den Zeilen lesen. Er erkannte die Einsamkeit, die ihn aus jeder Zeile ansprang.
Wie schüchtern sie fragte!
„Dominik, bitte!“
Mit einem Mal wurde ihm klar, wie einsam sie nach dem Tod der Mutter gewesen war.
Und es war schlimmer geworden. Marlene starb und kein halbes Jahr darauf der Vater. Es gab niemanden mehr. Monika und er waren buchstäblich allein auf der Welt. Es gab sonst keine Verwandten.
Dominik las den Brief ein weiteres Mal. Das Würgen in seinem Hals wurde stärker. Sein Herz verkrampfte sich. „Monika!“, sagte er in die leere Küche. „Mensch, Moni!“ Es tat weh, richtig gemein weh.
Er holte sein Mobiltelefon und wählte ihre Nummer. Er konnte nicht anders. Er musste es tun. Auf der Stelle.
Beim zweiten Klingelton nahm sie das Gespräch an: „Hallo?“
„Hallo Moni. Ich bin’s.“
„Dominik!“ Er hörte die Freude aus ihrer Stimme heraus, aber auch eine gewisse Ängstlichkeit.
Sie erwartet, dass ich absage, dachte er. Sie hat sich erst gar keine Hoffnungen gemacht. Sie sitzt in ihrer Wohnung und wartet mit wundem Herzen darauf, dass ich ihr eine Ausrede vorsetze und ihr sage, dass ich nicht komme. Wie jedes Jahr.
„Dominik?“, fragte sie. Ihre Stimme war dünn und leise. „Kommst du? Bitte!“
„Ich muss morgen Vormittag nochmal ran“, sagte er. „Muss dem ollen Lerchenberg helfen, den Jahresabschluss vorzubereiten. Ich bin bis eins eingespannt.“
„Aber danach“, sagte sie. Sie klang schüchtern und flehend.
„Mmjaa“, sagte er. „Danach könnte ich eigentlich ...“
„Dann komm doch!“ Plötzlich war Hoffnung in ihrer Stimme. Er meinte beinahe, ihre Augen durch das Telefon leuchten zu sehen. „Ich koch uns was Gutes. Bitte, Dominik!“
„Ja, okay. Geht klar. Wird wohl zwei werden, bis ich aufkreuze.“
„Das ist in Ordnung. Wann immer du kannst. Leonie freut sich, wenn du kommst.“ Pause. Dann: „Und ich mich auch, Dominik.“
„Ja … dann bis morgen“, sagte er. Er spürte, wie sich sein Hals zuschnürte und hatte Angst, dass er kein Wort mehr hervorbringen könne.
„Bis morgen, Dominik. Danke für deinen Anruf. Ich freue mich auf dich.“
Er saß am Küchentisch und starrte das verstummte Mobiltelefon an. Die Stimme seiner Schwester tönte in seinem Ohr nach – durchsetzt von Schüchternheit und Hoffnungslosigkeit und – ja – aufkommender Freude.
„Ich freue mich auf dich.“ Sie hatte noch immer eine Kinderstimme.

*

Als er am nächsten Morgen aufstand, hatte er ein seltsames Gefühl in der Brust, eine Mischung aus Schmerz, Wehmut und Vorfreude. Ihm war ganz eigenartig zumute. Er hatte das Gefühl, neben sich zu stehen.
Es fiel ihm an diesem Heiligabend schwer, sich auf die Arbeit zu konzentrieren. Er musste ständig an seine Schwester denken. All die vielen Begebenheiten fielen ihm wieder ein, wenn er sie zurückgewiesen hatte, wenn er auf Abstand zwischen sich und Monika geachtet hatte, wenn er sie hatte links liegen lassen.
Er dachte an ihre kleine Tochter. Leonie. Er kannte die Kleine praktisch nicht. Er wusste nicht viel über sie, eigentlich überhaupt nichts.
Es tat ihm von Stunde zu Stunde mehr leid, dass er seine Schwester all die Jahre von sich gewiesen hatte. Das Würgen in seinem Hals wurde ständig stärker. Das Herz wurde ihm wund.
Könnte ich nur die Zeit zurück drehen!, dachte er voller Wehmut.
Er konnte mit einem Mal nicht mehr verstehen, warum er so kalt und abweisend Moni gegenüber gewesen war. Okay, die Kumpels hatten ihn böse verarscht, ihn Kindermädchen genannt. Na und?! Drauf gepfiffen! Die Nulpen hatten ihm gar nichts vorzuschreiben!
Außerdem hätte ich ja wenigstens daheim was mit ihr unternehmen können, überlegte er. Wenigstens das!
Wie oft hatte sie an seiner Zimmertür gestanden und ihn mit großen Augen fragend angesehen, Augen, in denen bereits tiefste Hoffnungslosigkeit stand, Augen die wussten, er würde nichts für sie übrighaben als ein kaltes Nein.
Wir hätten gemeinsam die Blumenkästen bepflanzen können, dachte er, während er Tabellen wälzte und Zahlenkolonnen durchging. Wie früher, als Mama noch bei uns war. Dann hätte Moni wenigstens einen Miniaturgarten auf der Fensterbank gehabt. Wo sie sich doch immer so sehr einen richtigen Garten gewünscht hatte.
Dominik dachte an die Zeit, als sie in Hubers Garten gearbeitet hatten. Sie hatten für den alten Mann Einkäufe gemacht und sich um seinen Garten gekümmert. Der olle Grantler schaffte das nicht mehr mit seiner bösen Hüfte.
Moni hatte den Garten geliebt, vor allem die vielen Blumen, die dort blühten und sie hatte sich immer einen solchen Garten gewünscht – genau wie ihre Mutter, die ein Leben lang von einem Häuschen im Grünen mit einem großen Garten träumte.
Der Vater war anderer Meinung. Er fand, dass es extrem schwer war, ein Haus abzuzahlen. Die Mietwohnung war viel praktischer. Dort musste er nicht selbst Hand anlegen, wenn der Gasboiler im Bad kaputt ging oder wenn das Dach undicht wurde. Der Vater war dagegen gewesen, ein Haus anzuschaffen.
Dominik wusste, dass das seine Mutter sehr traurig gemacht hatte. Sie hatte im Waisenhaus in England nicht viel gehabt, aber dort hatte es einen Garten gegeben, um den die Kinder sich gemeinsam mit den Erziehern kümmerten. Sie bauten ihr eigenes Gemüse an und jedes Kind hatte eine eigene kleine Ecke, wo es anpflanzen durfte, was es wollte.
Die Mutter und ihre Freundinnen hatte bunte Blumen ausgesät und sich an den Hunderten und Aberhunderten Blüten erfreut. Wie oft hatte sie Monika und Dominik davon erzählt! Und Moni hatte mit leuchtenden Augen gelauscht und sich einen solchen Garten gewünscht.
Ja, dachte Dominik. Der Garten. Danach war sie verrückt, genau wie unsere Mutter.
Und Weihnachten. Monika war ein richtiges Weihnachtskind. Das hatte sie von der Mutter. Die war auch weihnachtsverrückt. Am 1. Advent ging es los. Auf dem Adventskranz leuchtete die erste Kerze. Natürlich war der Kranz selbstgebastelt, genau wie fast der gesamte Christbaumschmuck. Nur die funkelnden Glaskugeln waren im Geschäft gekauft. Alles andere hatten Dominik und Monika zusammen mit der Mutter selbst gemacht. Aus halben Walnussschalen hatten sie Segelboote gebastelt, mit Masten aus Streichhölzern und Segeln aus Goldpapier. Den Rumpf der kleinen Weihnachtsschiffchen hatten sie teilweise mit Goldbronze oder mit Silberfarbe angestrichen.
Sie hatten aus Goldpapier kleine Engelchen gebastelt, die sie auf die Zweige des Christbaumes setzten und „halbe Igel“. So nannte Dominik, die stacheligen halbkugelförmigen Dinger, die die Mutter aus kreisförmigem Goldpapier ausschnitt und denen mithilfe eines Kugelschreibers die Stacheln drehte. Es war Monis Idee, zwei der Dinger zusammenzukleben und dadurch eine Stachelkugel zu erschaffen.
Wie stolz war sie gewesen, als die Mutter das dem Vater erzählte, als er von der Arbeit kam.
Dann kamen noch die vielen Weihnachtskarten an die Reihe. Die Mutter schickte jedes Jahr drei oder vier Dutzend nach England. Sie war als Baby ausgesetzt worden und im Waisenhaus aufgewachsen. Sie hatte keine Verwandten. Auch der Vater nicht. Er war ein Einzelkind, genau wie seine Eltern, die früh verstarben. Es gab sonst keine Verwandten. Sie waren eine kleine, recht einsame Familie.
Umso mehr Aufwand betrieb die Mutter in der Vorweihnachtszeit, um ihre ehemaligen Freundinnen aus dem Waisenhaus mit Weihnachtskarten zu erfreuen. Jede bekam eine ausgesuchte Karte mit schönem Weihnachtsmotiv und die aufgeklappten Innenseiten wurden großzügig ausgemalt mit Häschen, die Zipfelmützchen trugen, Weihnachtsbäumchen, Engelchen, Kerzen, Sternen, dem Weihnachtsmann, der im Rentierschlitten über den Himmel flog und all den vielen Weihnachtsmotiven, die ihnen einfielen. Monika hatte wacker mitgemalt. Schon als kleines Kind hatte sie ein Talent für Zeichnungen. Sie hatte es von der Mutter geerbt.
Internet hin, Internet her – die Karten wurden von Hand verschönert und altmodisch mit der Post verschickt. Die Freundinnen der Mutter sollten etwas Schönes in der Hand halten können.
Dann ging es ans Plätzchenbacken. Auch das liebte Moni. Sie war selig, wenn sie mit der Mama zusammen backen durfte, erst recht, wenn ihr geliebter großer Bruder mit von der Partie war.
Und dann, meist in der Woche vor Weihnachten, kamen Grußkarten aus England. Jede englische Waisenhausfreundin hatte der Mama und ihren zwei Kindern zurückgeschrieben. Auch die Karten aus England waren von Hand verziert mit Zeichnungen, selbstgebastelten Strohsternen und aus Goldpapier geschnittenen Sternen, die man aufklappen und ans Fenster hängen konnte.
All diese Karten und Basteleien wurden aufgehoben wie ein unbezahlbarer Schatz und nach dem Tod der Mutter hatte Monika die Sammlung übernommen.
Sie war noch keine acht Jahre alt, als die Mutter starb und mit der Mutter starben auch die Weihnachtsgrüße aus. Ein, zwei Jahre kamen noch Karten, im dritten Jahr noch drei Stück und dann nichts mehr. Monika war todunglücklich.
Moni besaß neben den alten Karten auch die Adressensammlung der Mutter. Mit sechzehn Jahren fing sie an, wieder Weihnachtskarten nach England zu schicken. In einem beigelegten Brief schilderte sie die Umstände und den frühen Tod der Mutter und dass es ihr leid täte, dass sie sich damals nicht gemeldet hätte, aber sie sei ja noch so klein gewesen und so bitter traurig, weil ihre Mama gestorben war.
Und es kamen Antworten! Bis Weihnachten in jenem Jahr trudelten gut dreißig Karten aus Großbritannien ein. Seitdem schrieb Monika regelmäßig nach England. Sie kannte jede der Freundinnen ihrer Mutter und man tauschte Briefe, Karten und Emails aus.
Monika hatte Dominik gebeten, auch was Schönes in die Karten zu zeichnen. Das hatte er rundweg abgelehnt. Das war Kinderkram. Damit hatte er nichts zu schaffen. Er war höchstens bereit, mal eine Unterschrift unter einen solchen Kartengruß zu setzen, mehr nicht. Schließlich war er erwachsen und gab sich nicht mehr mit Kinderkram ab. Basta.

Dominik stand auf. Er ging nach draußen auf den Flur, um sich einen Kaffee aus dem Automaten zu holen.
Als er das Großraumbüro wieder betrat, blökte Metzinger aus der hintersten Ecke: „Backes! Was zum Teufel haben Sie sich dabei gedacht?“
Dominik verdrehte die Augen. Metzinger! Metzinger war hier. Das durfte doch nicht wahr sein! Oh, verdammt!
„Backes, was haben Sie sich dabei gedacht? Das ist der größte Mist, den ich je gelesen habe! Wollen Sie mich verarschen?“ Metzinger brüllte exakt die gleichen Sätze wie am Tag zuvor. „Backes! Ich rede mit Ihnen! Sie brauchen gar nicht so zu tun!“
Dominik seufzte innerlich. Ihm blieb wirklich nichts erspart. Der alte Quälgeist sollte doch in Urlaub sein! Was machte der am 24. Dezember hier?
„Mein Gott, Backes, Sie sind zu dumm, um aus dem Bus zu winken! Sie sind eine wandelnde Katastrophe!“
Plötzlich erstarb Metzingers blökende Stimme. Ganz hinten fing einer an zu lachen. „Frohe Weihnachten, Backes und zwar mit Schmackes!“, grölte er. Es war Ebelshäuser, die alte Kanalratte. Der kriegte sich nicht mehr ein.
„Frohe Weihnachten, Backes“, prustete er. „Und lern mal fleißig, wie man richtig aus dem Bus winkt!“ Neben ihm ringelte sich Jakoby vor Lachen wie ein Wurm am Angenhaken.
„Backes!“, brüllte er unter wilden Lachsalven. „Backes! Sie werden auf der Stelle lernen, wie man besonders dumm aus dem Bus winkt, sonst kriegen Sie kein Weihnachtsgeld!“
Ebelshäuser und Jakoby lachten sich schimmelig.
Mitten in dem Gejohle beugte sich Ebelshäuser vor und klickte mit der Maus etwas auf seinem Computerschirm an. Schon dröhnte Metzingers trompetendes Organ aus den Lautsprechern: „Backes! Was zum Teufel haben Sie sich dabei gedacht?“
„I-i-ich habe ihn heimlich aufgenommen“, kicherte Ebelshäuser. „Mit meinem neuen Diktiergerät. Hahahaaa! Jetzt können wir dir jedes Jahr zu Weihnachten Metzingers liebliche Tiraden vorspielen.“
Dominik seufzte lautstark. „Ihr seid mir vielleicht ein paar Komiker!“, sagte er. Dann musste er selbst lachen. Zu dritt hockten sie an Ebelshäusers Arbeitsplatz und wieherten.
„Spiels noch mal ab!“, verlangte Jakoby und wischte sich die Lachtränen aus dem Gesicht. „Los doch! Noch mal!“
Ebelshäuser startete die Aufnahme. „Backes!“, brüllte es aus den Stereolautsprechern. „Was zum Teufel haben Sie sich dabei gedacht?“
„Ich hab gedacht, ich könnte dich Arsch mal zu Weihnachten so richtig drankriegen!“, krakeelte Ebelshäuser.
„Wenn schon, dann Sie Arsch, ja?“, rief Jakoby dazwischen. „Wir wollen doch bitteschön höflich bleiben!“
Der alte Lerchenberg schaute zur Tür herein: „Meine Herren, was geht hier vor?“
„Ni-nichts, Herr Direktor“, prustete Jakoby. „Nur ein privater kleiner Scherz. Keine Angst, Chef, die Arbeit leidet nicht darunter.“
„Dann ist es ja gut“, meinte Lerchenberg. Er schmunzelte. „Ach, Backes, kommen Sie doch mal mit in mein Büro, ja?“
Dominik stand auf und folgte seinem Chef. Was sollte das nun wieder? Würde Lerchenberg ihm eine Zigarre verpassen? Das hätte noch gefehlt!
In seinem Büro bat Lerchenberg ihn, Platz zu nehmen. Sie setzten sich in die bequemen Ledersessel.
„Ich will es kurz machen, Backes“, begann Lerchenberg. „Ich habe Ihnen neulich eine bessere Stelle in Trier angeboten. Sie waren nicht begeistert. Hängen wohl an der Heimat, was? Wie ein richtiger saarländischer Bub, hm? Kann ich verstehen. Bin ja genauso.
Wie wäre es, wenn Sie in Zukunft von zu Hause aus arbeiten würden? Ich würde Ihnen die Abteilung Südwest und Bayern übertragen. Sie könnten in Ruhe arbeiten und ...“ Lerchenberg grinste und machte eine Geste in Richtung Großraumbüro, „... Sie müssten sich solche Tiraden nicht mehr anhören. Der gute Metzinger ist eins meiner besten Arbeitspferde, aber mit Menschen kann der nicht umgehen. Daheim wären sie vor ihm sicher.
Um ehrlich zu sein: Sie waren schon immer einer, der am besten allein arbeitet. Sie sind nicht der Team-Typ. Sie sind kein Rudel-Tier. Sie gehen Ihren eigenen Weg und das mit Beharrlichkeit und vollem Einsatz. Genau das brauche ich!“ Dann nannte er Dominik, wie hoch die mit dem Wechsel einhergehende Gehaltserhöhung sein würde.
Dominik blieb die Spucke weg. Er konnte gar nicht anders. Er sagte zu.
„Fein“, sagte Lerchenberg. „Dann wäre das ja geklärt. Sie werden alles Nötige Anfang Januar bekommen, Computer inklusive. Die Firma stellt alles, auch die Büroeinrichtung.“ Er erhob sich und reichte Dominik die Hand: „Dann wünsche ich Ihnen Erfolg, Backes. Gehen Sie nach Hause. Die zwei Schwerenöter im Büro werden den Rest auch ohne Sie erledigen. Frohe Weihnachten.“
„Frohe Weihnachten“, erwiderte Dominik. Er machte sich auf den Heimweg.
Unterwegs hielt er an einem Supermarkt an. Vielleicht konnte er noch ein Geschenk für Monikas Kleine kaufen. Er stromerte durch die Regale. Aus den Lautsprecher tönte eine Stimme, die freundlich aber unmissverständlich aufsagte, dass der Markt in zehn Minuten schließen würde und man sich bitte zu den Kassen begeben möchte.
Dominik bog um die Ecke eines Regals mit Spielwaren. Das Regal sah ziemlich leer aus. In der Mitte stand einsam ein Pappkarton mit einer Klarsichtfolie vorne. Hinter der dicken Folie stand ein kleines Püppchen in einem einfachen Dirndlkleidchen und schaute irgendwie traurig aus dem Karton hervor. Dominik schaute das Püppchen an. War das nicht die billige Puppe, die das kleine Mädchen am Tag zuvor weinend abgelehnt hatte? „Llää! Die will ich nicht!“
„Du Armes!“, murmelte er und holte den Karton aus dem Regal. Wieder eine Lautsprecherdurchsage. Fünf Minuten noch. Bitte gehen Sie zu den Kassen, liebe Kunden.
Dominik ging. Er hätte gerne noch etwas anderes für Monis Tochter ausgesucht, aber es blieb nicht genug Zeit.
Er bezahlte und ging nach draußen. Es fing an zu schneien. Dichte Flocken wirbelten durch die Luft.
Moni wird sich freuen, dachte er. Weiße Weihnachten. Das hat sie immer geliebt. Dann sehen die Weihnachtslichter in der Stadt noch schöner aus. Hoffentlich bleiben die Straßen passierbar.
Er fuhr nach Hause und duschte in aller Ruhe. Dann zog er sich bequeme Klamotten an. Er setzte sich mit einer Tasse Tee an den Küchentisch und ging seine Post durch. Wie üblich waren es nur Werbesendungen. Der letzte Brief war von einem Dr. Langenfeldt. Die Adresse war aufgestempelt. Notariat stand dabei.
„Was ist das denn?“, murmelte Dominik. Er öffnete den Umschlag. Ein Brief kam zum Vorschein. Der Notar teilte ihm mit, dass ihm ein Herr Adolf Huber eine Doppelhaushälfte vererbte nebst einer recht anständigen Summe Geld.
„Da sieh man einer an!“, sagte Dominik laut. „Der olle Grindler!“
Natürlich musste es Grantler heißen, doch Moni hatte den Ausdruck falsch ausgesprochen, als sie erst sechs Jahre alt war und seitdem nannten sie den ollen Huber hinter seinem Rücken den Grindler. Nun war er tot und er hatte ihm und seiner Schwester sein Doppelhaus hinterlassen und eine hübsche Summe Geld dazu.
Dominik erinnerte sich dunkel, dass Monika ihm drei oder vier Jahre zuvor am Telefon gesagt hatte, dass das ältere Ehepaar aus der zweiten Haushälfte ausgezogen war – ins Altersheim. Der alte Grindler hatte Moni erzählt, dass er nicht dran denke, die freiwerdende Hälfte seines Doppelhauses erneut zu vermieten. „Er hat gesagt, auf seine alten Tage will er sich nicht mehr an neue Leute gewöhnen“, hatte Monika ihm mitgeteilt. „Du kennst ihn ja, den ollen Grindler. Nun hockt er ganz allein in dem Haus. Ich gehe jede Woche für ihn einkaufen wie früher. Stell dir vor, inzwischen kann er sogar Danke sagen, wenn ich das tu.“
„Der olle Grindler“, sagte Dominik noch einmal. „Das hätte ich nicht von dem Brummbär gedacht.“ Er trank seinen Tee aus und machte sich auf den Weg zu seiner Schwester.
Er fuhr vorsichtig. Inzwischen lag der Schnee fast zehn Zentimeter hoch, aber es schneite kaum noch.
Wenn es so bleibt, soll es mir recht sein, dachte Dominik. Vielleicht gehen wir später, wenn es dunkel wird, mit Leonie die Weihnachtslichter anschauen, überlegte er. Ich könnte ein paar Fotos machen. So wie früher, wenn ich mit Moni hinging.
Er presste die Lippen zusammen. Wenn er denn mit ihr hingegangen war. Das war wirklich früher gewesen. Sehr viel früher. Später hatte er nichts mehr mit seiner Schwester zusammen unternommen.
Er musste an den Tag eine Woche vor Weihnachten denken, als er siebzehn gewesen war und Monika elf. Es war das letzte Mal gewesen, dass seine Schwester ihn um etwas bat.
Dominik zog es das Herz zusammen. Das letzte Mal. War das wirklich so gewesen? Ja. Danach hatte sie es nie wieder gewagt, ihn zu fragen. Sie hatte ihn später, als sie erwachsen waren, immer wieder eingeladen und ihn regelmäßig angerufen. Sie hatten ihm getreulich ihre handverzierten Weihnachtskarten geschickt, doch sie hatte ihn nie wieder gefragt, ob er etwas mit ihr unternehmen würde.
Das Würgen kehrte in seinen Hals zurück. In seinem Herzen spürte er ein krampfartiges Ziehen.
Es war eine Woche vor Weihnachten gewesen.
Sie waren allein zu Hause. Der Vater war in der Arbeit und der Eisklotz war einkaufen gegangen.
Moni war an der Tür zu seinem Zimmer erschienen. Sie hatte ihn bittend angeschaut: „Dominik? Gehst du mit mir auf den Weihnachtsmarkt? Wollen wir die Weihnachtslichter anschauen gehen?“ Ganz leise und verschüchtert hatte sie geklungen und sie hatte traurig und voller Hoffnung zugleich ausgesehen. Traurig, weil sie befürchtete, dass er Nein sagen würde und hoffnungsvoll, weil sie eben hoffte, er möge Ja sagen.
Alles was sie von ihm bekam, war ein geblafftes „Nää!“
Ganz still hatte sie da gestanden, ein dünnes kleines elfjähriges Mädchen mit traurigen Augen und ihn angeschaut, als warte sie auf eine weitere Antwort. Doch er hatte geschwiegen und in seiner Zeitschrift geblättert und sie nicht weiter beachtet.
Da ging sie weg. Sie drehte sich um, langsam und schwerfällig wie eine alte Frau. Sie ging, ohne etwas zu sagen.
Dominik stellte seinen CD-Player an. Aber er konnte sich nicht auf die Musik konzentrieren. Es gab ein störendes Hintergrundgeräusch. Er konnte es sich nicht erklären. Er stellte den Player ab. Nun hörte er es. Er hörte seine Schwester in ihrem Zimmer weinen. Monika schluchzte gotterbärmlich.
Dominik hockte in seinem Zimmer. Wie erstarrt lauschte er dem trostlosen Weinen aus dem Nebenzimmer. Es hörte und hörte nicht auf.
Hör auf!, dachte er. Er wollte Musik hören. Doch er ließ die Finger vom Startknopf des Players. Stattdessen hörte er auf das verzweifelte Weinen Monikas. Sie weinte ohne Unterlass. Sie hörte nicht auf.
„Gib endlich Ruhe!“, flüsterte er. Ihr Schluchzen machte ihn irre. „Ich werde nicht eine Mama für dich sein! Das geht nicht!“
Monika weinte weiter. Sie hörte nicht auf. Seine Schwester weinte nicht, weil er ihr die Bitte abgeschlagen hatte. Sie weinte, weil sie endgültig wusste, dass sie ihren Bruder verloren hatte.
Schließlich ertrug er es nicht länger. Er zog sich an und floh aus der Wohnung. Ihr bestürzendes Weinen verfolgte ihn draußen im Treppenhaus bis nach unten zu Haustür.
Sogar als er draußen war, glaubte er, ihr Schluchzen zu hören – ein Geräusch vollkommener Verlassenheit.
Am Tag danach hatte er sie nach der Schule gefragt, ob sie mitwolle in die Eishalle in Saarbrücken und danach noch zum Weihnachtsmarkt. Er erinnerte sie genau an ihre Augen. Groß und fragend. Aufkommende Freude leuchtete in ihnen. Aber auch leise Furcht.
„Wirklich?“, hatte sie gefragt.
„Klar doch“, hatte er schnodderig geantwortet.
„Ja. Ja, Dominik!“, hatte sie geantwortet. Sie war total aufgeregt gewesen.
Er nahm sie mit zur Eishalle und sie liefen eine Stunde lang Schlittschuh. Danach gingen sie quer durch die Stadt und schauten sich die Weihnachtslichter an. Zum Schluss liefen sie über den Weihnachtsmarkt.
Monika lief an seiner Hand neben ihm her. Manchmal hängte sie sich bei ihm ein. Sie sprühte vor Freude. Sie war überglücklich. Sie wäre auch glücklich gewesen, wenn er sie mitgenommen hätte, um Hundehaufen zu fotografieren. Zu Hause hatten sie am Küchentisch Weihnachtsschmuck gebastelt.
Es war ein fröhlicher Tag gewesen, fast wie in alten Zeiten, als die Mutter die Wohnung mit ihrer Fröhlichkeit und Warmherzigkeit erfüllt hatte. Der Eisklotz hatte gelegentlich misstrauische Blicke aus dem Wohnzimmer heraus in die Küche geworfen, wenn er sie lachen hörte. Auch der Vater hatte komisch dreingeschaut, als er vom Kartenspielen bei Herberts Eckkneipe nach Hause kam.
Dominik bog von der Landstraße ab, die parallel zum Saarufer verlief. Er schnaufte laut. Komisch dreingeschaut war gut! Besoffen war er gewesen wie an vielen Tagen.
Nach dem Tod der Mutter war es kalt geworden in der Wohnung. Es schien, als wäre mit der Mutter alle Freundlichkeit, alle Fröhlichkeit, alle Herzlichkeit, alle Liebe aus der Wohnung verschwunden. Der Vater wurde still. Er lachte nicht mehr oft. Als Marlene kam, passte sie gut zu ihm.
Zu Anfang schien es, als würde der Vater wieder wie früher. Aber als er und Marlene keine Kinder bekamen, wurden sie beide still und kalt. Dann hatte die Firma, in der der Vater arbeitete, Konkurs angemeldet und das hatte ihn aus der Bahn geworfen. Er hatte angefangen zu trinken und er und seine neue Frau hatten einander nur noch angeschwiegen.
Ja, es war kalt geworden in der Wohnung in der Kleinstadt.
Kein Wunder, dass Moni sich an mich klammerte, überlegte Dominik.
Aber er war noch so jung gewesen. Er fühlte sich überfordert und dann waren da noch die unangenehmen Spötteleien seiner Kumpels.
Arme Moni! Wie oft muss sie unter meiner abweisenden Art gelitten haben. Sie war ganz allein. Und dann sie die zwei Alten auch noch gestorben und sie hatte gar keinen Halt mehr im Leben.
Marlene war urplötzlich krank geworden. Sie kam ins Krankenhaus und drei Tage später war sie tot. Da war Monika gerade neunzehn. Kein halbes Jahr später starb der Vater seiner zweiten Frau hinterher, vielleicht, weil er niemanden mehr zum Anschweigen hatte.
Dominik brachte den Wagen vor dem Reihenhaus zum Stehen.
Sie hat sich immer einen großen Blumengarten gewünscht, dachte er, während er auf die Haustür zuging, und jetzt hockt sie in einem Reihenhaus in einer kleinen, engen Wohnung mit einem winzigen Balkon, auf dem sie ein paar kümmerliche Blümchen in Balkonkästchen zieht. Sie ist auf dieses Großmaul hereingefallen, diesen Blödmann, der sich für einen weiß wie guten Stier hielt. Sie hat verzweifelt nach Liebe, Zuneigung und Geborgenheit gesucht, aber der miese Typ hat auch bei anderen Mädels gezeigt, was für ein guter Stier er ist. Der musste sich immer beweisen. Liebe kannte der gar nicht. Als das Kind kam, hat er sich davongemacht.
Er schüttelte den Kopf, während er auf den Klingelknopf drückte. Seine Schwester hatte aber auch immer nur Pech gehabt im Leben. Arme Moni!
Summend öffnete sich die Tür. Er trat ein und stapfte die Treppe hoch in den ersten Stock. Monika erwartete ihn an der Wohnungstür.
„Hallo, Dominik.“ Sie umarmte ihn und zog ihn mit sich: „Komm rein. Komm, Dominik.“ Sie führte ihn in die Wohnung. Sie wirkte irgendwie komisch und nervös.
Ihm wurde klar, dass sie versuchte, nicht zu deutlich zu zeigen, wie sehr sie sich freute, dass er da war, vielleicht aus Angst, ihn abzuschrecken, ihn zu vertreiben, kaum dass er gekommen war. Er sah ihr deutlich an, wie sehr sie sich wünschte, er möge öfter vorbeikommen.
Sie hatte die Wohnung festlich geschmückt. Nicht nur den Weihnachtsbaum, auch die Fenster und an den Wänden hingen Fichtenzweige mit selbstgebasteltem Weihnachtsschmuck. Teilweise waren es Stücke aus der Zeit, als die Mutter noch lebte, teils war es Neugebasteltes.
„Schön sieht das aus“, sagte er, um überhaupt etwas zu sagen. „In meiner Wohnung gibt es nichts Weihnachtliches.“ Er zuckte die Achseln. „Bin irgendwie nie dazu gekommen, mir was anzuschaffen und ich wollte mir die Arbeit nicht machen. Schade eigentlich. Jetzt, wo ich es sehe, wo ich sehen kann, wie gemütlich und schön es bei dir aussieht, vermisse ich so was bei mir zu Hause.“ Er legte ein schiefes Grinsen auf. Mehr brachte er nicht fertig.
Dann stand plötzlich Leonie vor ihnen. Sie kam aus ihrem kleinen Zimmerchen und schaute aus großen Augen zu ihm auf. Die Kleine war genauso schüchtern und verhuscht wie ihre Mutter. Sie sah Moni sehr ähnlich, aber noch viel ähnlicher sah sie seiner verstorbenen Mutter. Dem Kind in die Augen zu blicken, war beinahe ein Schock für ihn.
Sie hat die gleichen Augen. Sie sieht aus wie Mutter auf ihren Kinderfotos vom Waisenhaus.
Er holte das kleine Päckchen hervor. Er hatte es nicht in Geschenkpapier gewickelt. Er hatte keines zu Hause gehabt. „Ich habe da etwas für dich, Leonie.“
Er ging in die Knie, um mit dem kleinen Mädchen auf Augenhöhe zu kommen. „Ich weiß aber nicht, ob du es haben möchtest. Es ist was ganz Jämmerliches und Billiges.“ Er zeigte Leonie den Karton mit der kleinen Puppe. „Als ich heute morgen im Supermarkt war, da stand dieser Karton ganz allein im Regal. Es war alles weg. Die Leute hatten alles gekauft. Nur dieses kleine Püppchen war noch da. Es hat mich aus seinem Karton heraus mit großen Augen angesehen, und mich angefleht, es mitzunehmen.
Bitte nimm mich mit, hat sie gefleht. Ich bin ein Waisenkind. Niemand will mich haben, weil ich so klein und unscheinbar bin und nur so billige Kleider anhabe. Bitte-bitte nimm mich mit, sonst werde ich nach Weihnachten weggeworfen. Dann komme ich in den Müll und werde in der Verbrennungsanlage verbrannt, weil niemand mich haben will. Bitte-bitte nimm mich mit!
So hat sie gebettelt, die arme kleine Puppe. Sieh mal, Leonie, sie hat nicht mal Kleider zum Wechseln. Sie ist ein ganz armes Waisenkind, das keiner haben will.“
„Das Arme“, sagte Leonie. Sie verging vor Mitgefühl. Vorsichtig nahm sie den Karton in Empfang. Dominik half ihr, ihn zu öffnen und die kleine Puppe herauszunehmen. Leonie nahm sie in die Arme und drückte sich an sich. „Du Armes! Ein Waisenkind bist du. Wie die Oma, die ich nur von Fotos kenne.“ Sie gab der Puppe einen Kuss. „Es macht nichts, dass du keine Kleider zum Wechseln hast. Die Mama und ich machen dir welche. Wir stricken und häkeln dir ganz viele. Dann bist du immer schön angezogen und ich werde dich immer lieb haben.“ Sie lief ins Wohnzimmer. „Komm, Puppi, ich zeige dir den Weihnachtsbaum.“
Dominik erhob sich. Er schaute Leonie nach.
„Sie ist ganz vernarrt in das Püppchen“, sagte Monika. Sie hatte feuchte Augen. „Du hast das perfekte Geschenk für Leonie mitgebracht.“
„Ehrlich gesagt, bin ich auf den allerletzten Drücker ins Geschäft und hatte keine Zeit, was Besonderes auszusuchen“, sagte er. „Da sah ich das Püppchen allein im Regal stehen.“
„Du hast ihr eine große Freude gemacht. Man muss nicht immer teure Sachen schenken. Es kommt auf anderes an. Die kleine Geschichte, die du dazu geliefert hast, hat das Geschenk erst richtig wertvoll gemacht.“
„Für dich habe ich leider nichts“, entschuldigte er sich.
Sie umarmte ihn und drückte sich an ihn: „Das macht nichts, Dominik. „Dein Besuch ist das schönste Weihnachtsgeschenk für mich.“
Er erwiderte die Umarmung unbeholfen. Er kam sich seltsam vor. Sie war kein kleines Mädchen mehr. Sie war eine erwachsene Frau. Aber er hielt das kleine Mädchen im Arm, das seine Schwester einst gewesen war. Dieses kleine Mädchen hielt sich an ihm fest, als hätte es Angst, ihn wieder zu verlieren.
Schon gut, Moni, ich geh nicht mehr weg. Ich wimmel dich nicht mehr ab. Ich …
Er brachte es nicht fertig, die Worte laut auszusprechen. „Was macht deine Übersetzerei?“, fragte er stattdessen.
„Mit der geht es voran“, antwortete sie. Sie ließ ihn los und nahm ihm die Jacke ab. Sie hängte sie im Flur an die Garderobe und zog ihn ins Wohnzimmer. „Der Backofen heizt vor. Ich muss nachher nur noch den Braten in die Röhre schieben.“ Sie lächelte ihn an: „Hirschbraten. Den magst du doch so sehr. Mit Rotkraut und Spätzle und Soße.“
Sie standen mitten in dem kleinen Wohnzimmer. In einer Ecke funkelte und blitzte der Weihnachtsbaum. Kleine elektrische Kerzen strahlten in sanftem Orangegelb und spiegelten sich in den Glaskugeln und den aus Goldpapier gebastelten Dingen, die in den Zweigen hingen.
„Ich komme gut zurecht“, erzählte Monika. „Am Anfang ging es schwer. Ich hatte hier und da ein paar Briefe und Dokumente zu übersetzen, aber vor einem Jahr habe ich den ersten Roman übersetzt und das brachte richtig Geld. Der zweite folgte direkt darauf und heute arbeite ich am dritten Roman und ein Verlag hat angefragt, ob ich eine ganze Romanreihe übersetzen würde.
Jetzt zahlt sich aus, dass Mama immer Englisch mit uns gesprochen hat, wenn wir zu Hause waren. Ich liebe meinen Job. Ich kann zu Hause arbeiten und mir die Arbeitszeit frei einteilen. Ich mag es, selbstständig zu sein.“ Sie machte sich von ihm los: „Ich stelle den Braten in den Ofen.“ Sie lief in die Küche.
Leonie saß mit ihrer Puppe vorm Weihnachtsbaum und zeigte ihr die Geschenke, die sie vom Christkind bekommen hatte. Sie erklärte jeden einzelnen Gegenstand ganz genau und ließ das Püppchen mit einem Set aus Kinderkochgeschirr spielen.
„Nachher holt Mama die schönen Weihnachtskarten und wir schauen sie uns gemeinsam an“, versprach Leonie ihrer neuen Puppe. „Dann darfst du dir all die schönen Sachen ansehen. Die Freundinnen von Oma in England haben die tollsten Dinge auf die Karten gemalt, das glaubst du nicht.“
Monika trat neben Dominik. Sie schaute lächelnd auf ihre Tochter, die selbstvergessen vorm Weihnachtsbaum spielte. „Sie liebt es, die Weihnachtskarten anzuschauen“, sagte sie. „Ich habe alle aufgehoben, auch die, die wir bekamen, als wir noch Kinder waren.“
Dominik zog es das Herz zusammen. „Ich nicht“, würgte er hervor. „Ich habe …“ Er machte eine hilflose Geste. „Die Wohnung damals … als ich von zu Hause wegzog … sie war so winzigklein … ich …“ Er schaute zu Boden. „Ich habe alles weggeschmissen. Ich war ein Trottel. Heute tut es mir leid. Es wären schöne Erinnerungen. Ich habe nichts mehr von deinen Geschenkkarten, die du mir immer gemalt hast. Nur noch das Käppchen, das du mir gehäkelt hast. Es tut mir echt leid. Das hätte ich nicht tun sollen.“ Ihm gingen die Worte aus.
Moni stand ganz still neben ihm. Sie sagte kein Wort. Endlich löste sie sich von ihm und verließ das Zimmer. Nach einer Weile kam sie mit einer alten Schuhschachtel zurück. Sie stellte sie auf den Wohnzimmertisch.
„Ich habe mitbekommen, wie du sie weggeworfen hast.“ Ihre Stimme war ganz leise. „Ich habe gesehen, wie du die Schachtel in die Tonne getan hast. Ich habe ...“ Sie stockte, begann zu stottern „... ich habe … ich habe die Schachtel aus dem Müll gefischt. Ich … ich wollte nicht … ich habe alles aufgehoben, weil … es sollte nicht … es … ich … ich wollte nicht, dass es im Müll ...“ Tränen traten ihr in die Augen. Sie konnte vor Schluchzen nicht weitersprechen. Sie stand da und weinte wie ein kleines Kind.
Er nahm sie in die Arme. „Nicht“, bat er. „Weine nicht, Moni! Bitte hör auf!“
Sie drückte sich weinend an ihn. „Llää!“, schluchzte sie. „Ich … ich … habe dir doch nur eine Freude machen wollen … all die Jahre ...“
Dominik musste mit Gewalt die eigenen Tränen zurückhalten. „Ich weiß, Moni. Es tut mir leid. Es tut mir so leid. Ich wollte das nicht … ich hätte das nicht tun dürfen. Ich habe dir wehgetan. Das wollte ich nicht. Nicht wirklich. Ich ...“ nun war er es, der hilflos herum stotterte.
„Es hat so wehgetan“, schluchzte sie. „Du hast ja nichts mehr mit mir zu tun haben wollen und dann hast du auch noch alles weggeschmissen! Ich habe dir doch nur eine Freude damit machen wollen! Weil ich dich lieb hatte. Ich hatte ja sonst niemanden mehr!“
Er drückte sie ganz fest. „Moni, bitte hör auf zu weinen. Bitte!“
„Llää! Ich k-kann nicht!“
Aus nassen Augen sah er, wie Leonie, ihr neues Püppchen im Arm, mit großen erschrockenen Augen zu ihnen hersah.
„Moni, es tut mir leid! Es tut mir so leid!“
„Wenigstens bist du gekommen“, sagte sie unter Tränen. „Ich habe nicht dran geglaubt. All die Jahre wolltest du nicht. Ich habe dich so vermisst.“ Sie drückte sich noch fester an ihn. „Bitte geh nicht weg!“
„Ich geh nicht weg“, sagte er mit rauer Stimme. „Ich bin ja jetzt da.“
„Geh nicht weg!“
„Ich geh nicht weg, Moni.“ Es schnürte ihm die Kehle zu. Wie allein musste sie in all den Jahren gewesen sein! Jahr für Jahr hatte sie einsam in dieser kleinen Wohnung gehockt und umsonst auf ihn gewartet. Was musste das für ein Gefühl sein, wenn man jemanden sehnsüchtig erwartete und der sich mit einer blöden Ausrede vom Acker machte, wenn der nichts von einem wissen wollte.
Sie löste sich aus der Umarmung. „Ich muss nach dem Braten schauen und das Rotkraut und die Spätzle kochen“, nuschelte sie. Sie schaute ihn aus großen Augen an: „Geh nicht weg, Dominik!“
„Ich geh nicht weg“, sagte er. Er nahm Leonie an der Hand und folgte seiner Schwester in die Küche. Er half beim Schneiden des Rotkrauts und spielte mit Leonie, während Monika das Essen zubereitete.
Dann saßen sie zu dritt am gedeckten Tisch und aßen. Es schmeckte fantastisch. Dominik fiel ein, wie gut seine Schwester früher immer gekocht hatte. Das hatte sie von der Mutter gelernt, als sie noch ganz klein war.
„Es schmeckt super“, lobte er das Essen. „Keine kocht so gut wie du.“
Sie schaute ihn schüchtern an, die Augen noch immer rot vom Weinen. Ihm tat das Herz weh. Er bereute seine Kaltschnäuzigkeit, die er all die Jahre gegen sie gerichtet hatte. Er hätte alles darum gegeben, die Zeit zurückzudrehen, um es ungeschehen zu machen.
Nach dem Essen setzten sie sich an den Wohnzimmertisch und Monika zeigte ihm die Briefe aus England. Sie stammten von ehemaligen Freundinnen der Mutter aus dem Waisenhaus und von deren Töchtern.
Leonie, die die ganze Zeit über schüchtern und zurückhaltend gewesen war, taute auf. Sie saß zwischen Dominik und Monika, ihr neues Püppchen an sich gedrückt, und kommentierte die von Hand verzierten Weihnachtskarten und später die Fotos, die Moni auf dem Tisch ausbreitete. Es waren Aufnahmen ihrer englischen Bekannten.
„Das ist mein Zwilling“, verkündete Leonie, als ihre Mutter ein Foto von einem kleinen Mädchen von dem Stapel herunternahm und vor sie legte. „Heißt Helen. Genau wie die Oma.“
„Ach du grüne Neune!“, sagte Dominik. Auf dem Foto stand ein kleines Mädchen in einem blühenden Blumengarten. Es mochte ein Jahr älter sein als Leonie und hatte eine eindrucksvolle Ähnlichkeit mit der Kleinen. Bis auf die vielen Sommersprossen im Gesicht. Leonie hatte keine einzige.
„Das ist Dotties Tochter“, erklärte Monika. „Dorothy Devonshire. Sie ist die Tochter von Megan Devonshire.“ Sie schaute Dominik an: „Erinnerst du dich? Du hast damals gesagt, die sähe aus wie eine Schwester von Mutter. Da warst du elf.“
„Ja, stimmt“, sagte er. „Ich erinnere mich. Das Foto, wo Mutter als Zehnjährige mit ein paar Freundinnen aus dem Waisenhaus drauf war – aufgenommen im Garten hinter dem Wohngebäude. Diese Megan trug ein dunkelgrünes Kleid mit weißem Kragen. Ich habe gesagt, die sieht aus wie ein Kind aus einem englischen Internat. Wie in dem Film, den wir uns kurz zuvor im Fernsehen angesehen hatten. Sie sah Mutter ähnlich, allerdings hatte sie das Gesicht voller Sommersprossen.“
„Genau wie die kleine Helen. Auf dem Bild ist sie fünf.“
Dominik sah genauer hin: „Ihre Nase ist schmäler als die von Leonie.“ Er schaute seine Nichte an. „Und ihr Gesicht ist breiter. Es wirkt rund und leicht quadratisch. Leonies Gesicht ist wie deins: Oval.“
„Die Dottie hat mir geschrieben, ich solle sie mal in Großbritannien besuchen“, sagte Monika. „Sieh dir nur den herrlichen Garten an, in dem das Kind steht!“ Sie seufzte vernehmlich.
„Du wirst ja bald auch einen haben“, meinte Dominik, während er das Foto studierte.
„Was?“ Moni schien verwirrt. „Wie kommst du darauf?“
Er blickte überrascht auf: „Hast du keinen Brief bekommen? Von diesem Dr. Langenfeldt, dem Notar?“
Monika wirkte ratlos. Sie schüttelte den Kopf.
„Bei mir war einer in der Post. Heute.“
„Ich ...“ Monika lächelte schief. „Die Post … ja … die ist gekommen … Ich habe sie noch nicht durchgesehen. Ich war so hibbelig, weil du gesagt hast, du besuchst uns ...“
Er grinste sie an: „Dann schau mal fix nach, Fräulein Schwester!“
Monika stand auf. Die verschwand in der Küche und kehrte gleich darauf wieder, einen kleinen Packen Briefe in der Hand. Sie setzte sich neben Leonie und ging die Post durch. „Hier ist er. Von einem Dr. Langenfeldt.“
Dominik lächelte sie an: „Lies mal!“ Er sah zu, wie seine Schwester den Brief öffnete und las. Er sah, wie ungläubiges Staunen in ihre Augen trat und von purer Freude abgelöst wurde. „Der olle Grindler!“, rief sie aus. „Ich kann es nicht glauben!“ Sie schaute Dominik an: „Ich habe ihn in all den Jahren jede Woche besucht und für ihn die Einkäufe getätigt. Er konnte sich ja kaum noch bewegen. Manchmal hat er mir ein bisschen Geld zugesteckt – immer nur ein paar Münzen. Weißt ja, was für ein Geizhals er war.
Dann kam er in ein Pflegeheim. Ich habe ihn zweimal besucht. Beim zweiten Mal hat er mich nicht mehr erkannt. Er war dement geworden. Ganz schlimm. Die vom Pflegeheim haben mir gesagt, dass er nicht mehr lange leben würde.“
Sie schüttelte den Kopf. „Ausgerechnet der Herr Huber, der alte Grindler.“
„Er hatte keine Kinder“, sagte Dominik, „und an der Summe, die du erbst, kannst du erkennen, wohin sein Geiz geführt hat. Er hat gespart wie ein Wilder, der alte Knauser. Ich konnte es auch nicht glauben, als ich es las. Ich musste den Brief dreimal lesen.“
Er sah, wie seine Schwester vor Aufregung ganz zittrig wurde. „Aber Dominik! Dann wohnen wir ja … dann … Tür an Tür!“ Ihre Augen leuchteten wie Christbaumkerzen. „Dominik!“ Sie war närrisch vor Freude.
Plötzlich verdunkelten sich ihre Augen. „Dominik? Du … du wirst doch nicht … du verkaufst es doch nicht, oder?“
„Verkaufen?“ Er verstand nicht. „Was verkaufen?“
„Deine Hälfte?“, fragte sie. Jetzt sah sie wieder so ängstlich aus wie zu Anfang seines Besuchs. „Deine Haushälfte.“
„Verkaufen?“ Dominik schüttelte den Kopf. „Nie im Leben! Das Haus ist perfekt! Genau die richtige Größe und ein Riesengrundstück dabei und dann auch noch das Geld, dass der Huber mir vererbt hat. Ich werde mir in dem Kasten mein Arbeitszimmer einrichten und genau wie du von zu Hause aus arbeiten.“ Er erzählte von Lerchenbergs Angebot.
„Dominik! Oh, Dominik!“ Jetzt war sie selig. „Ach, Dominik! Wir werden nebeneinander wohnen! Du und ich! Und ich werde meinen Blumengarten bekommen. Das muss ich Dottie gleich nach Weihnachten schreiben.“
„Tu das“, meinte er gutgelaunt. „Und schreib ihr gleich, dass du sie nächstes Jahr besuchst. Geld genug ist ja da.“ Er streckte sich und gähnte herzhaft. „Ich könnte eine Portion frische Luft vertragen. Was ist? Sollen wir rausgehen und ein bisschen spazieren? Wir könnten uns unser neues Heim anschauen und die Weihnachtslichter.“
„Ja“, antwortete Monika. Sie freute sich wie ein kleines Kind. „Ja, Dominik. Die Weihnachtslichter! Leonie wird sich freuen.“
„Ich habe meine neue Kamera mit. Wir machen ein paar Aufnahmen. Die kannst du dann deinen englischen Freundinnen senden.“ Dominik wuschelte Leonie durchs Haar: „Hast du schon mal eine Flaschenpost abgeschickt?“
Jetzt freute sich Monika noch mehr. „Mensch, Dominik! Das machen wir! Ich habe ein paar leere Gläser im Schrank. Darin bewahre ich manchmal getrocknete Bohnen und Erbsen und Reis auf. Ich hole ein Glas. Leonie kann ein Bild malen und wir schreiben den dazugehörigen Brief.“ Sie sauste davon.

Eine halbe Stunde später waren sie draußen vor dem Reihenhaus. Warm eingepackt spazierten sie zum Bach, in dem Dominik und Monika als Kinder ihre Flaschenpost abgeschickt hatten. Leonie warf ihr Glas ins Wasser und sie liefen in der aufkommenden Dämmerung neben der Wasserpost her, bis sie vom Bach in die Saar gespült wurde.
„Jetzt tut sie ganz viel weit wegschwimmen“, rief Leonie begeistert. Sie schaute zu den Erwachsenen auf. „Kann die bis nach England schwimmen?“
„Könnte passieren“, meinte Dominik. „Man muss halt lange warten und hoffen, dass jemand sie irgendwo findet.“ Er nahm Leonie an die Hand: „Komm, Weihnachtsmädchen. Jetzt gucken wir unser Haus und dann die Weihnachtslichter.“
Hubers Doppelhaus wirkte im Dunkeln seltsam fremd. Dominik hatte es immer nur bei Tageslicht gesehen. Er wunderte sich. Der Kasten war größer, als er ihn in Erinnerung hatte.
Danach schauten sie sich die Weihnachtslichter an. Dominik machte fleißig Fotos, auch welche mit Selbstauslöser, damit er mit drauf war.
Später brachten sie gemeinsam Leonie zu Bett. Dominik erzählte ihr eine Geschichte von Peter Pingpong, der hüpfen konnte wie ein Tischtennisball und der mit Tieren sprechen konnte. Das Mädchen schlief friedlich ein.
Dominik schaute seine Schwester an, die auf einem Stuhl neben ihm saß: „Der Vater?“
Sie schaute zur Seite. „Der kümmert sich nicht“, sagte sie tonlos. „Er zahlt keinen Unterhalt und fragt nicht nach seiner Tochter. Ich will nichts mehr von ihm wissen.“
„Gute Entscheidung“, sagte Dominik. „Der Typ ist ein Windei.“ Er stand auf: „Ich muss los.“
Sie folgte ihm wie ein Hündchen durch die kleine Wohnung und blieb bei ihm stehen, als er seine Winterjacke überzog.
„Dominik?“, fragte sie schüchtern.
„Ja?“
„Es war so schön heute. Sag … hast du vielleicht Lust, morgen noch mal zu kommen?“
Er sah die Angst in ihren Augen, Angst, er könne Nein sagen, ihr eine Ausrede um die Ohren schlagen.
„Warum nicht?“, sagte er. „Ich müsste dann aber meinen Endiviensalat mitbringen. Der hält nicht ewig, auch nicht im Kühlschrank.“
„Bring ihn mit! Ich mache uns eine Schüssel Salat zum Abendessen.“
„Ich hab noch Walnüsse daheim“, sagte er. „Ich könnte sie mitbringen. Dann können wir nach dem Mittagessen mit Leonie zusammen ein paar Schiffchen basteln, mit Segeln aus Goldpapier und sie an den Weihnachtsbaum hängen.“ Als er die Freude in Monikas Augen las, wurde ihm ganz anders zumute.
„Ja“, sagte sie. „Das wäre schön. Einfach schön.“ Sie lehnte sich an ihn und hielt sich an ihm fest. „Ich hatte solche Angst, dass du nicht kommst, Dominik! Du hast all die Jahre immer abgesagt.“
Er hörte die aufkommenden Tränen aus ihrer Stimme heraus. Er drückte sie ganz fest. „Kommt nicht mehr vor, Moni. Versprochen.“
„Danke“, nuschelte sie, den Kopf an seine Schulter gelegt.
Bald werden wir Tür an Tür wohnen, dachte Dominik. Dann bist du nicht mehr so allein, Moni.
Sie würden neue Partner finden, alle beide. Das war so. Das würde geschehen und es war völlig in Ordnung.
Aber, fand er, die Leutchen konnten sich ruhig ein wenig Zeit damit lassen, auf der Bildfläche aufzukreuzen. Es eilte nicht. Nichts sprach dagegen, dass sie erst mal gemütlich zu zweit in dem Doppelhaus lebten, bevor sie neue Menschen in ihr Leben einließen. Sie hatten einander und das genügte vorerst voll und ganz.
Er nahm sich vor, Moni und Leonie zu begleiten, wenn sie im nächsten Jahr zu Dottie und ihren tollen Blumengarten reisen würden.
Noch einmal drückte er seine Schwester. „Ich mach mich jetzt vom Acker. Bis morgen.“
Sie ließ ihn los: „Bis morgen, Dominik. Ich freue mich auf dich.“
Diesmal weinte sie nicht und das, so fand er, war gut. Wirklich gut.
„Frohe Weihnachten“, sagte er und lief die Treppe hinunter.
„Frohe Weihnachten“, rief sie ihm hinterher.

E N D E
 
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