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Das Licht der Hajeps Band 3 - Erster Kontakt / Kapitel 7 u. 8

Romane/Serien · Fantastisches
© Palifin
Kapitel 7

Margrit hatte sich entschlossen, Eile an den Tag zu legen, denn George in solch einer Situation womöglich viele Stunden alleine auf Hilfe warten zu lassen, kam für sie überhaupt nicht in Frage. Vielmehr hatte sie vor, Pomadenmaxe um Hilfe zu bitten, da sie gehört hatte, dass dieser nicht nur einen Joba sondern auch zwei Motorräder haben sollte. So konnte George vielleicht noch heute verarztet werden.
Leider musste sie sehr lange laufen, erst einmal durch die ganze Stadt hindurch, um ´Pommi` schnell zu erreichen, weil George Margrit nur bis zum südöstlichen Ende der Stadt gefahren hatte, da er eigentlich noch in entgegengesetzter Richtung ein weiteres Dorf aufsuchen sollte, um nach dem Rechten zu sehen, was im Klartext hieß: die Leute dort einzuschüchtern, um noch weitere Abgaben zu bekommen. Margrit lächelte bei diesem Gedanken nun doch, denn diese Menschen hatten heute Glück. Einen Tag mehr, um ordentlich zu essen. Doch als sie an die ´Maden´ dachte, wurde sie doch betrübt, denn mit ihnen allen stand es immer schlechter. Kaum jemand wagte es, noch auf dem freien Feld zu arbeiten, weil er Angst hatte, von Hajeps überfallen zu werden.
Selbst der beschauliche Anblick des immer noch hübschen Würzburgs konnte Margrit nicht von dem Vorsatz abbringen, so fix wie möglich nach stehen gelassenen Säcken mit lebensnotwendigen Dingen Ausschau zu halten. Doch leider hatten die Leute hier am Stadtrand wider alle Erwartungen bereits alles abgeerntet.
Also lief sie weiter in die Stadt hinein. Danox hielt sich währenddessen im Unkraut versteckt, das hier überall üppig gedieh und umkreiste, ja, bewachte Margrit, dabei jeden Winkel mit seinen roten Leuchtdiodenaugen auskundschaftend, ständig einen tief klingenden Ton von sich gebend, ganz so, wie sie das einige Tage vorher ausprobiert hatten.
Margrit spähte ihrerseits unsicher zu den alten Häusern hinauf. Vorhänge hingen noch hinter Fenstern, oft konnte man Lampen an Zimmerdecken erkennen, Schränke, Betten und Kommoden, wenn man nur genauer hinschaute, als würde immer noch jemand dort leben. Also waren die Möbel noch nicht von Smurlis ausgeräumt worden, aber für Margrit in dieser Situation kaum transportabel.
Irgendwie rumorte doch ein wenig Nervosität in Margrits Ein-geweiden. Du lieber Himmel, wenn nun die schrecklichen Töpfe, die sie in zweien der drei ramponierten Beutel mit sich trug, nur das Einzige bleiben sollten, was sie Pommi anzubieten hatte, was machte sie dann? Außerdem waren sie recht unhandlich. Die dünnen Henkel der Beutel schnitten Margrit mehr und mehr in die Finger, je länger sie lief. Aber sie biss die Zähne zusammen.
Danox schwamm, während Margrit über eine kleine Brücke lief, zu ihrer Überraschung unter ihr in dem schmalen Flüsschen wie ein eleganter Fisch dahin. Was das Wesen alles konnte! Ständig überraschte es sie. Auf der anderen Seite der Brücke war ein verwilderter Park und es gab auf der rechten Seite eine Böschung mit den Resten der alten Stadtmauer. Dort würde Margrit wohl kaum etwas zum Mitnehmen finden. Aber dahinter waren wieder Häuser und Straßen, durch welche die Menschen mit ihren Sachen gezogen waren, was sie noch von damals recht gut in Erinnerung hatte.
Margrit setzte die unhandlichen Beutel ab, blickte noch einmal zurück zum Stadtrand, den sie nun verlassen hatte und lauschte. Es klappte noch immer kein Fenster, keine Tür rumpelte, keine Stimme, weder in der Nähe noch aus der Ferne war zu hören - beklemmend!
Mit gesenktem Haupt verließ sie schließlich die Brücke. Ach, alles war so schrecklich traurig! Das herrliche Würzburg gehörte also von nun an auch zu den sogenannten toten Städten.
Gott sei Dank schien die Sonne und gab sowohl drüben dem kleinen Park als auch der Anhöhe mit den hervor lugenden Zinnen immer noch etwas Anheimelndes.
Etwas kratzte Margrit jetzt an der Wange. Sie fuhr erschreckt zusammen, doch dann schob sie schmunzelnd das kecke Birkenzweiglein beiseite. Überall wuchsen hier diese jungen, schlanken Birken, waren genügsam, saßen zwischen Felsbrocken, türmten sich die bis auf etwa sechs Meter langsam ansteigende Böschung hinauf.
Aber was war das plötzlich dort oben? Etwa ein Motorradfahrer? Er untersuchte gerade die Reifen seiner reichlich aufgemotzten Kiste und hatte sich daher hingekauert. Margrits Herz hüpfte.
Im Geiste sah sie sich schon die Böschung empor klettern, ihm winkend und rufend entgegenlaufen, denn sie freute sich sehr, endlich in dieser leeren Stadt einen Menschen zu entdecken.
Doch sie zögerte lieber etwas, was wohl nicht falsch war, denn als sich der kräftige Kerl mit einer geschmeidigen Bewegung zu seiner vollen Größe aufrichtete, musste sie feststellen, dass er irgendwie etwas ganz anderes war - ihr Herz krampfte sich zusammen - als ein Mensch. Um das zu sein hatte er viel zu lange Arme, obwohl ihm die Schutzkleidung trotzdem zu passen schien, und einen gewaltigen, muskelbepackten Oberkörper. Seine Beine waren sehr kurz und krumm und er hatte erstaunlich große Füße.
Nun schaute er sich prüfend um und Margrit hatte dabei Zeit genug, eine flache Stirn zu bestaunen, extrem buschige Brauen, sehr kleine Augen und eine flache, ein wenig über die Oberlippe ragende Nase. Der Mund war ziemlich weit vorgeschoben, schmallippig und an seinem kleinen, fliehenden Kinn schienen vereinzelt recht lange Haare abzustehen.
Zack ... schon war das Geschöpf hinter der Mauer verschwunden. Gott sei Dank hatte es Margrit nicht gesehen! Sie schob sich zitternd ihre Brille auf der Nase zurecht. Träumte sie etwa schon am helllichten Tag? Es war wirklich ein zu komisches Wesen gewesen, um tatsächlich zu existieren, zumal es – Margrit schluckte bei diesem Gedanken – eine ziemlich ungewöhnliche Hautfarbe hatte, nämlich ein helles oliv!
Nach einigem Ringen mit sich selbst führte sie sich dessen Gestalt noch einmal vor Augen. Also kleiner als ein Mensch, dafür sehr wuchtig, am Kopf nach allen Seiten abstehendes, krauses, recht langes Haar von moosgrüner Farbe, sehr breite Schultern, dafür kaum einen Hals.
Sie nahm die Brille ab und putzte diese ziemlich hektisch mit dem Zipfel ihres Hemdes. Womöglich waren ja auch nur die Gläser dreckig und sie hatte ein Stück trockenes Blatt, vielleicht hinuntergefallen von diesem Baum, für den recht merkwürdigen Schatten gehalten.
Margrit setzte die Brille endlich wieder auf, denn ewig putzen konnte sie die ja nicht – verdammt, warum zuckten ihre Finger dabei so dämlich? – und duckte sich abermals hinter der alten Birke und dem strammen Forsythienbusch, der gleich darunter wucherte, und wartete tapfer, ob sich dort oben vielleicht noch einmal etwas zeigen würde.
Huch! Tatsächlich! Schon wieder! Sie hatte sich also nicht geirrt!
Noch so ein Geschöpf kam jetzt hinter der grauen Mauer hervorgeschlendert, war jedoch etwas kleiner und zierlicher, turnte einfach hier herum. Es schlenkerte dabei wild mit seinen langen Ärmchen, schien irgendwie aufgeregt zu sein. Margrit keuchte, denn nun kam noch eine ganze Gruppe dieser Wesen von der anderen Seite der Mauer und zwei von ihnen schoben dabei Motorräder auf den schmalen Weg. Sie waren so sehr miteinander im Gespräch, dass sie das Kind, sofern es denn eines war, kaum beachteten. Der, welchen Margrit vorhin zuerst gesehen hatte, kam ihnen entgegen und zwängte dabei seinen eigenartig geformten Schädel in einen Schutzhelm, der ihm erstaunlicherweise zu passen schien, dann überprüfte er mit seinen großen, wuchtigen Pranken wohl sein Gewehr und die anderen schoben derweil die Motorräder in eine Ecke. Das kleine Wesen hoppelte nun – Margrits psychologisches Gefühl sagte ihr, dass es irgendwie Angst bekommen hatte – seinen Freunden, oder was die auch immer sein mochten, kreischend entgegen, wofür es sogleich scharf von ihnen gerügt wurde. Dann verschwanden sie allesamt wieder hinter der Mauer.
Man hatte sich dabei kaum umgesehen und daher Margrit nicht entdeckt oder sie waren viel zu sehr mit irgendeinem Problem beschäftigt oder ganz einfach harmlos oder gar blöd? Pfui, was dachte sie da!
Wenig später, als Margrit sich entschlossen hatte weiterzulaufen, weil sie doch noch vor dem Dunkelwerden bei Pommi sein wollte, sah sie, wie alle sieben Geschöpfe jener sonderbaren Spezies wieder hinter der Mauer hervorkamen, diesmal mit zwei Anhängern, über welche zuvor Planen gezogen worden waren.
Einige lüfteten jetzt die Planen und packten mehrere Beutel und Decken in diese Anhänger, welche an den Motorrädern befestigt wurden. Was hatten sie vor? Oh Gott, wollten sie etwa mit ihren Motorrädern diese Böschung hinabbrettern?
Sie schloss die Augen und sprach sich leise vor: „Bitte, bitte nur nicht das! Ach Unsinn, diese Geschöpfe waren sicher ganz harmlos, oder? Margrits Herz ratterte trotzdem wieder voll los. Sollte sie sofort weglaufen oder erst einmal abwarten? Ihr wurde flau im Magen, wenn sie sich die prächtigen Gebisse vorstellte, die diese riesigen Mäuler beherbergten.
Und plötzlich wusste sie, welche Geschöpfe das waren! Die ihr von George schon so oft beschriebenen Trowes! Worgulmpf war deren Anführer und hatte derzeit George im Gegenzug für einen gut ausgearbeiteten Fluchtplan Danox übergeben.
‚Es ist verrückt. Aber das sind die gesuchten sieben! ‘ sagte sich Margrit jetzt.
Sie sah, wie nun einer der Trowes und die Mutter mit dem Kind in die Anhänger kletterten und die Planen wieder darüber gespannt wurden. Die übrigen vier schwangen sich in die Sättel, Motoren knatterten los. Margrit hielt den Atem an, hatten die Trowes etwa Danox gesehen und wollten sich nun das Ding holen? Warum summte Danox plötzlich nicht mehr? Aber ganz gegen ihre Befürchtung sausten die Trowes nicht zu ihr hinab sondern oben den schmalen Weg an der Mauer entlang und verschwanden schließlich hinter den Birken und dem Gebüsch, auf der anderen Seite der Böschung.
Sonne schien behaglich auf die Zinnen. Die Wipfel der Birken schaukelten im sanften Wind. Nur das Gebrumm der Motorräder war noch immer zu hören, knatterte stetig leiser werdend durch die Stadt. Die Trowes wollten also auch tiefer in die Stadt hinein. Das war wirklich sehr mutig, aber vielleicht auch notwendig, wenn sie nach zurück gelassenen Gütern suchen wollten, die sie gewiss dringend brauchten, da sie schon so lange auf der Flucht waren.
Es war klug von ihnen, sich weder direkt am Stadtrand noch in der Mitte der Stadt auszuruhen und ... verdammt, warum hörte Margrit eigentlich Danox noch immer nicht? Weshalb hatte er sie nicht vorhin vor diesen schrecklichen Trowes gewarnt? Da begann sie, die ganze Umgebung am Ufer mit klammen Herzen abzusuchen. Nichts bewegte sich dort und das runde, graue im Schilf da hinten war wohl nur ein Felsbrocken wie all die übri-gen, die hier herumlagen?
Eine empörte Ente hatte mit ihrem plötzlichen lauten Geschnatter, weil sie ihren Kameraden zu Raison bringen wollte, bei Margrit fast einen Nervenzusammenbruch ausgelöst. Sie zitterte noch, als sich die beiden heftig kabbelten. Andererseits war sie froh, dass wenigstens Enten in dieser Stadt weilten. Wenigstens etwas lebte! Doch dann lief sie weiter über diesen holperigen Weg aus uraltem Kopfsteinpflaster. Vielleicht war das Ding im Gebüsch?
Margrit versuchte durch das Gestrüpp der Böschung zu spähen, bog hier und da Zweige auseinander. Nichts ... überall nichts! Aber ein Schwalbenpärchen segelte über Margrit dahin – hm, also noch etwas Lebendiges!
„Danox ... kon kos to?“, wisperte Margrit schließlich entnervt. „Noi alhuma tos el, ibo aer diri eko tor! To banis dendo nesa! Hm ... ich hätte dich lieber gleich einsperren sollen, idiotisches Blechding!”
Da hörte sie endlich wieder den vertrauten, dunklen Ton. Er kam aus direkter Nähe. Margrit stutzte, blickte in den Beutel. „Danox, to xabir hadoro!“, ächzte sie fassungslos. „Bist wohl zum Trocknen in meinen Beutel gekrochen, was?”
Danox streckte zuerst das eine haarige Bein aus dem Beutel und dann das andere. Dieser Anblick erzeugte leider ganz automatisch einen Würgereiz in Margrits Hals, aber dann erinnerte sie sich, dass sie sich ja eigentlich daran gewöhnt hatte. Schließlich erschienen die leicht schleimig wirkenden und durchsichtig schimmernden Fühlhörner. Die reckten sich über den Rand der Tasche und dann hörte Margrit ein leises, metallen klingendes Klappern an seinem Kopf. Danox hatte also gegähnt.
Irgendwie beruhigte sich Margrit mit dem Gedanken, dass Danox die ganze Zeit nicht nur gepennt, sondern wohl nur deswegen kein Zeichen der Unruhe gesendet hatte, weil er diese sieben Trowes schon vor ihr gekannt und sie nicht für gefährlich gehalten hatte. Kopfschüttelnd lief sie schließlich weiter und war dabei sogar ganz zufrieden, dass Danox in der Tasche blieb, obwohl sie dadurch mehr an Gewicht zu tragen hatte. So konnte man die Wunderwaffe wirklich nicht sehen.
Sie hatte geradezu albtraumhafte Angst, Hajeps könnten ihr den wundersamen Roboter stehlen und damit noch größeres Unheil anrichten. Später, wenn Margrit diese Beutel mit Gütern voll packen würde, müsste Danox ohnehin wieder hinaus.
Etwa eine halbe Stunde später sollte sich Margrits Hoffnung bestätigen, denn es standen, nachdem sie die Stadtmitte durchquert und eine wunderhübsche Villengegend erreicht hatte, tatsächlich noch immer Säcke, Tüten, Koffer und Kisten in den Straßen, wie sie die Menschen damals stehen gelassen hatten. Das war einesteils beklemmend, denn böse Erinnerungen tauchten dabei ganz automatisch auf, andererseits war Margrit auch sehr froh, dass sich wohl bisher niemand so weit vorgewagt hatte und daher reiche Beute zu erwarten war.
Während sie auf die Sachen zuschritt, gingen ihr komischerweise die Trowes nicht mehr aus dem Kopf. Sie schaute ängstlich nach allen Seiten. Die müssten eigentlich ganz in der Nähe sein! Ein Gänseschauer lief ihr den Rücken hinab, weil sie sich vorstellte, plötzlich in diese grässlichen Fratzen blicken zu müssen.
Schon der erste Sack enthielt Dinge, von denen sie wusste, dass ihr Pommi Medikamente dafür geben würde.
Wenig später zeigte sich, dass Margrit eine so große Auswahl hatte, dass sie sich entscheiden musste, denn alles wegschleppen konnte sie leider nicht.
Vielleicht war es gut, wenn sie den einen großen Sack einfach mitnahm wie der war! Denn sie hatte den nicht nur von außen abgetastet, bis zur Hälfe ausgeräumt und die herrlichen Dinge zur Begutachtung neben sich auf die Straße gestellt, sondern auch in diesen Sack hinein gespäht und noch weitere, schöne Sachen gefunden.
Unter anderem in einer kleinen Kiste Ohrringe, billiger Tand zwar, aber Margrit musste die gleich anprobieren, denn sie hatte ihre alten Ohrringe verloren oder Gesine hatte die sich angeeignet und irgendwo bereits verhökert.
Sie nahm sich einen Spiegel aus einer der Kisten und betrachtete sich lächelnd, denn sie fühlte sich mit einem Male an ihre Kindheit erinnert, wo noch alles in Ordnung gewesen war und beschloss, die Ohrringe zu tragen. Dann stopfte sie alles wieder in den großen Sack zurück, denn in die drei kleinen Beutel passte das Ganze gewiss nicht.
Gerade als sie den Sack anhob, um zu prüfen, wie schwer der war, den alten Kram und die leeren Beutel, die sie die ganze Zeit mit sich geschleppt hatte, warf sie dabei einfach achtlos neben sich ins Gras, hörte sie wieder die Geräusche von Motorrädern aus der Ferne, merkte sie, wie diese lauter wurden und setzte den Sack erst einmal ab.
Grässlich, die Trowes hatten anscheinend das gleiche vor wie Margrit. Na ja, sie konnte teilen, war schließlich genug von allem da.
Seltsamerweise begannen Margrits Ohren zu pfeifen und sie sah, dass Danox sich plötzlich wie verrückt gebärdete. Er flitzte in Schlangenlinien durchs Gras, wie eingesperrt hin und her.
Margrit mühte sich ruhig zu bleiben, denn das bedeutete wohl nichts Gutes. Aber weshalb fürchtete sich Danox plötzlich vor denselben Trowes, bei denen er vorhin ganz gemütlich eingeschlafen war? Wieder schüttelte sie über ihn verdrießlich den Kopf. Der spann doch, dieser verrückte Käfer.
Gab es denn hier gar nichts, worauf man sich verlassen konnte? Mit ziemlicher Kraftanstrengung schleifte sie einfach den großen Sack hinter sich her und erkannte einige Straßen weiter, dass das doch wohl ziemlich idiotisch von ihr gewesen war, denn der Sack war so schwer, dass sie nur schneckengleich voran kam. Auf diese Weise würde sie wohl erst übermorgen bei Pommi angelangt sein. Sie hielt also inne.
Es war furchtbar, Danox Pfeifton belastete sie inzwischen sehr, denn er wurde immer lauter. Wie konnte man das blöde Ding bloß endlich wieder ausschalten?
Sollte sie wieder zurück zu George? Der Weg nach dort war sicher inzwischen genauso lang wie der zu Pommi! Sie schaute im Stadtplan nach. Vielleicht entdeckte sie ja eine Abkürzung! Nein, George hatte ihr schon den kürzesten Weg eingezeichnet. Also lief sie weiter auf den nördlichen Stadtrand zu und keuchte, während der Sack hinter ihr einher polterte. Mist verdammter, sie war wirklich wie im Kaufrausch gewesen. Womöglich würde bei dieser ganzen Schleiferei einiges zerbrechen! Na, egal! Genug war ja schließlich drin!
Margrit hielt abermals inne, atmete tief durch und ihre Finger tasteten dabei nach den Ohrringen. Sie lächelte. Na, die waren noch dran. Wenigstens das hatte sich für sie gelohnt. Sie seufzte aber dennoch, denn es hieß für sie nicht nur, die restliche Stadt zu durchqueren, sondern Pommis Laden sollte sich noch etwa drei Kilometer von der Stadt entfernt befinden. Er war gemeinsam mit seinem Kumpel einfach in die alte Tankstelle umgezogen, die es dort schon immer gegeben hatte.
Margrits Beine wurden allein wegen dieser Feststellung bleischwer, aber dann ergriff sie wieder den Sack bei den Zipfeln und zerrte diesen hinter sich her. Immer tiefer ging sie dabei gebeugt, blickte ständig auf ihre ausgeleierten Turnschuhe, die tapfer weiter tappten, in kleinen, irren Schrittchen, irgendwie vorwärts.
Schon befand sie sich an der nächsten Ecke, stoppte am Rinnstein und wischte sich den Schweiß. Die Arme, ach, eigentlich alles tat ihr inzwischen weh. Sie ließ den Sack abermals los und bewegte die schmerzenden Schultern.
Dabei glitt ihr Auge über die schönen Gärten, die es hier gab. Wunderschöne Grundstücke, in denen noch immer bunte Herbstastern wucherten und ihre Blüten keck durch die Zäune schoben und als Margrit aufschaute, sah sie, wie ein dunkelblauer, neuartiger Satellit gemächlich über die Dächer der kleinen Fachwerkhäuser hinweg segelte.
Ihr Herz jagte augenblicklich los, sie taumelte, doch dann stammelte sie auf hajeptisch: „Xojanto Danox xojant! Ich bin ein dummes Huhn“ – leider kannte sie keine Schimpfworte auf hajeptisch und daher sagte sie das auf Deutsch – „ein Esel, jati to nuchon?“
Der Satellit begab sich nun genau in jene Richtung, aus welcher Margrit gerade gekommen war, nämlich zum Fluss und zur alten Stadtmauer. Und was tat Danox? Er saß zwischen zwei Löwenzahnblättern und wedelte dem Ding mit seinen glibberigen Fühlern in einem ganz besonderen Takt hinterher.
Hatte er etwa gewunken? Margrits Herz krampfte sich zu-sammen. Bisher hatte sie eigentlich immer gedacht, das Ding hasste Hajeps! Sollte sie sich so in Danox geirrt haben? Da, jetzt auch noch das wohlbekannte Brausen mehrerer Lais in den Straßen - hatte Danox die etwa gerufen? Sie schluckte und sah bei diesen Gedanken auf die ekelhaften Beine von Danox, auf die er sich plötzlich stellte und mit einem leisen Fiepton zu Margrit hinüber stelzte. Konnte man ihm trauen? Was mochte wohl in diesem kleinen Metallkopf vorgehen? Sie ließ es zu, dass er neben ihr Platz nahm.
Der Lärm kam zwar vom Stadtrand hinter ihr, also vom kleinen Flüsschen her, wieder von dort, woher Margrit gekommen war. Doch beruhigte sie diese Feststellung nicht allzu sehr, zumal Margrit mit diesem schweren Sack nicht zu schnell aus der Stadt hinaus war. Außerdem hatte sie Sorge um George und sie hoffte inständig, dass er schon von Martin und Zhan Shao abgeholt worden war.
Nun erklang auch noch ein Dröhnen aus der Ferne. Demnach landete ein Flieger ebenfalls an der Stadtmauer im Nordwesten, wohl um von dort weitere motorisierte Soldaten ausschwärmen zu lassen.
Margrit überlegte, wie sie den Sack von hier fort bekommen konnte. Da hörte sie ganz in der Nähe ein erneutes Brausen von Motorrädern, das sofort unterbrochen wurde. Es folgte ein kurzer Schusswechsel.
Wüstes Triumphgebrüll übertönte einige Minuten später Schmerzens- und Entsetzensschreie aus tierähnlichen Kehlen. Margrit stockte das Blut in den Adern. Also waren wohl Wor-gulmpf und seine kleine Schar doch von den Hajeps gefunden und überwältigt worden. In ihren Augen brannten Tränen, denn sie ahnte, was nun mit diesen armen Wesen geschehen würde, da die Hajeps ja meinten, Worgulmpf hätte noch immer Danox bei sich.
Gewiss würden sie dessen Aussage, die Menschen hätten inzwischen Danox, für eine Ausrede halten und ihn foltern, sie schluckte bei diesem Gedanken, und vielleicht sogar einige Familienmitglieder vor seinen Augen quälen. Margrit hatte ja bereits die schrecklichsten Dinge über solche Sachen gehört. Aber nichtsdestotrotz musste sie wieder an sich selber denken, denn so makaber diese Sache auch war, so hatte sie doch für Margrit ihr Gutes, denn die Hajeps hatten endlich gefunden, wonach sie gesucht hatten. Zwar verhörten sie vielleicht die Trowes gleich an Ort und Stelle, aber sie interessierten sich in dieser Zeit ganz gewiss für nichts anderes.
Also konnte Margrit in Ruhe weiter darüber nachdenken, wie sie denn nun den Sack aus dieser Stadt hinaus bekam. Verdammt, sie musste endlich eine Schubkarre oder etwas Fahrbares finden. Doch woher sollte sie wissen, in welchem dieser Gärten noch so etwas aufzutreiben war?
„Jasu me!“, wisperte sie Danox zu und ließ den Sack einfach liegen, wo der war, begann die Pforten der Gärten aufzureißen, schnellen Schrittes die Grundstücke zu durchstreifen und in den Schuppen nach Handwagen oder ähnlichem zu suchen und Danox folgte ihr überall hin.
Sie öffnete dabei sogar Garagen, in der Hoffnung, dort noch einen Jambo, Moped oder zumindest Fahrrad zu entdecken. Aber es war wie verhext, alles Fahrbare war bereits genutzt worden, was ja eigentlich recht verständlich war.
Gerade, als Margrit in den Keller eines Hauses hinein wollte, hörte sie ein leises Rauschen am Himmel und sie gewahrte plötzlich zwei dicke Staubwolken über dem Haus. Sekundenbruchteile später zeigte sich dort ein Militärflugzeug, welches wie aus dem Nichts hervorgetreten war. Das lange, bläulich grüne, schlangenartige Heck wand sich elegant am Himmel und war noch zum Teil in Tarnnebel gehüllt. Margrit war überrascht, denn sie entdeckte am Bauch des Rumpfes als Symbol keinen Drachen, sondern ein ovales, ei-ähnliches Gebilde mit Kiemen oder was es auch immer darstellen sollte.
‚Nanu?’, dachte sie, als auch schon das zweite Kampfflug-zeug inmitten seiner Staubwolke sichtbar wurde, welches ganz ähnlich wie das erste gebaut war, jedoch das Drachenzeichen trug. Die beiden boten ein gespenstisches Bild, denn sie umkreisten einander mit solch gelenkigen Bewegungen, als wären sie keine Maschinen sondern etwas höchst Lebendiges, ähnlich ein paar urzeitlichen Flugechsen.
Sie warfen lange, elegante Schatten über das Grundstück und plötzlich wurde von beiden Seiten aus allen Rohren gefeuert. Instinktiv zog Margrit den Kopf ein, als ob das dabei helfen könnte, und da die Kellertür abgeschlossen war, flüchtete sie sich mit weiterhin hochgezogenen Schultern in den Schuppen.
„Jelso rug!“, sagte sie leise und Danox sauste ihr hinterher.
Es hatte am Himmel nur ganz leise geprasselt, war jedoch für Margrit umso unheimlicher gewesen. Dann knallte es, als würde etwas zerbersten. Ein Knurren wie aus mehreren riesigen Hundekehlen war hoch oben zu hören und kurz danach das unsichere Flattern und Rauschen gewaltiger Flügel, die sich davon machten, andere Flügelschläge jagten hinterher.
Schließlich waren beide Flugzeuge nicht mehr zu hören und stattdessen vernahm Margrit ein weiteres Brausen von Lais ganz in der Nähe. Eine heftige Schießerei entstand an irgendeiner Stelle direkt hier in einer der Straßen. Margrit klopfte das Herz bis zum Hals. Sie meinte zu wissen, um wen hier gekämpft wurde. Jisken nahmen den Kampf mit den Hajeps auf, wohl um an Danox heran zu kommen. Die Trowes sollten also befreit wer-den.
‚Verrückte Welt!’, dachte Margrit, während sie ängstlichen Schrittes den Schuppen wieder verließ und den großen Garten durchquerte. Da kämpfen nun auf dieser Erde Außerirdische gegen Außerirdische, als hätten wir Menschen diesen Planeten schon lange an sie abgetreten. Sie hoffte für die Trowes, dass nicht jede Hilfe zu spät kam. Aber dann ... was würden wohl die Jisken mit den Trowes machen, wenn sie herausbekamen, dass die gar nicht mehr Danox bei sich hatten?
Waren die Jisken anders als die Hajeps? Sie hoffte inbrünstig, dass es liebere Kreaturen waren als die Loteken und Hajeps. Sie öffnete gerade das Gartentor, als Danox mit schrillem Gekreisch ihr einfach davon hüpfte.
„Kor wan dus? Kesto el! To banis dendo nesa!“, rief Margrit erschrocken. Aber das kleine Ding gehorchte nicht. Immer weiter und weiter sprang es einfach die Straße entlang. Danox unterbrach dabei seinen hellen Pfeifton und so konnte Margrit wieder einiges mehr hören, nämlich weitere Schüsse aus fremdartigen Gewehren, nun fast überall in den Straßen.
Sollte sie einfach wieder in den Garten und zum Schuppen zurück laufen? Das war ein ziemlich langer Weg. Danox ließ indes zu Margrits Überraschung zwei kleine Flügelchen aus den Bauchseiten seines runden Körpers hervorschnellen und segelte direkt durch das geöffnete Fenster des einzigen parkenden Autos in dieser Straße.
Sie hörte es leise plumpsen, als er sich auf dem Sitz hinter dem Steuer fallen ließ. Dabei stieß er einen solch mörderischen Pfeifton aus, dass sich Margrit die Ohren zuhalten musste.
„Danox, Danox, kor wan dus?“, keuchte sie abermals, auch weil sie trotz eifrigem Umhersehens keinerlei Gefahr aus direkter Nähe erkennen konnte. Niemand war hier. Da wurde der Ton so stark, dass Margrit meinte, ihre Ohren würden zerspringen. Er machte wieder eine kleine Pause und da vernahm Margrit es auch. Schüsse aus fremdartigen Gewehren, Schmerzensschreie aus seltsamen Kehlen und das alles in allernächster Nähe. Doch sie konnte Danox nicht so einfach hinterher. Das sonderbare Metallwesen hatte wohl vergessen, dass sie nicht so klein und schmal gebaut war wie er, um sich durch das Autofenster zu quetschen. Würde sich die Tür vorne öffnen lassen? Leider nein!
Jetzt hörte sie auch schon die Geräusche von Stiefeln aus einer Ecke herbeiflitzen. Jemand war also vor irgendwelchen Leuten auf der Flucht. Ein paar Kameraden waren wohl vorher erschossen worden, das hatte Margrit ganz genau gehört. Eiseskälte umklammerte Margrits Herz, als sie nun an der hinteren Autotür zerrte, die leider ebenfalls abgeschlossen war.
Was nun? Vergessen war der Sack mit all den schönen Dingen. Verdammt, gleich würden hier alle aufkreuzen. Ganz vorne weg natürlich derjenige, den sie gerade jagten und dann? Sie rüttelte zum letzten Male auf der anderen Seite und endlich, wie durch ein Wunder war diese Tür aufgesprungen!
Das Auto war so verrostet und altertümlich, dass es Margrit nicht gelang, die Tür hinter sich zu verriegeln. Vielleicht war die ja auch schon mal aufgebrochen worden. Man konnte keinen der Sitze umklappen oder verschieben, faulige Decken lagen hinten. Margrit kroch über die vordersten Sitze bis dorthin und warf die Decken nach kurzem Zögern einfach über sich.
„Danox, jelso ken!“, wisperte sie. Das Ding krabbelte mit seinen haarigen Beinen zu Margrit unter die Decken. Margrit hustete. Warum so dicht? Oh Gott, war der ekelig, aber wegschuppsen wollte sie ihn nicht. Nun legte er auch noch seine langen, glibbe-rigen Fühler über ihren Bauch. Verdammt, warum zog er diese grässlichen Dinger plötzlich nicht mehr ein? Mit spitzen Fingern zupfte sie die rosanen, tentakelartigen Gebilde von ihrem Körper und legte sie geordnet, so gut es bei dieser beträchtlichen Länge ging, neben sich. Da hörte sie auch schon den Gehetzten herannahen und in den Nebenstraßen wurde derweil etwas auf hajeptisch wie wild hinter ihm hergeschrien.
Das klang zwar recht melodisch, trieb aber Margrit einen Gän-seschauer nach dem anderen über den Rücken. Dann feuerten sie Schüsse, wohl zur Einschüchterung, einfach in die Luft. Da entdeckte der arme Kerl das Auto. Er rüttelte an der vordersten Tür, von der Margrit wusste, dass die nicht zu öffnen ging. Trotzdem wurde ihr dabei flau im Magen, denn der Kerl war ungeheuer stark und der Wagen wankte wie ein Schiff bei höchstem Wellengang. Verrückt, warum wollte der riesige Bursche ausgerechnet auch noch hier hinein?
Margrits Gedanken jagten sich. Offenbar brauchte er ein ruhiges Plätzchen, um nach seiner Waffe zu sehen, weil die wohl nicht mehr in Ordnung war! Oder er wollte nachladen und dabei wenigstens einigermaßen geschützt sein, oder war er etwa auch nur in Panik wie ein Mensch?
Er rüttelte nun verzweifelte an der nächsten Tür und das ganze Auto bebte und wankte dermaßen, dass Margrit meinte, es würde dabei in Stücke zerrissen. Ihr Herz schlug nun so laut, dass sie Angst hatte, er könnte es hören. Dennoch kam ihr seltsamerweise der Gedanken, ihm irgendwie helfen zu müssen! Schließlich war klar, dass man ihn töten wollte, genau wie zuvor seine Kameraden.
Wie sah er eigentlich aus? Sie hatte noch gar nicht zum Fenster hinaus geschaut. War er etwa ein Jisk? Die Jisken waren Margrit nämlich inzwischen recht sympathisch geworden, weil sie den Trowes zu Hilfe kommen wollten. Sollte sie ihm einfach öffnen? Was würde er tun, wenn er sie sah? Nun war er an der richtigen Tür. Margrit schnappte nach Luft. Nur wenige Sekunden und ...? Nanu? Warum klemmte die plötzlich auch? Da sah sie, dass Danox mit nur einem seiner langen, tentakelartigen Fühler die Tür von innen zuhielt.
Donnerwetter, das kleine Ding war wohl in Wahrheit gar nicht mal so hilflos! Konnte es glatt mit einem Außerirdischen an Kraft aufnehmen. Wer hätte das gedacht?
„Danox, kos to lossi?“, wisperte sie dennoch aufgeregt. „Dieser hier ist sicher ein Guter, du kleiner Dummlack!“
Aber er gehorchte nicht. Schüsse knatterten nun direkt in dieser Straße. Die Verfolger hatten den armen Flüchtling bereits entdeckt und riefen ihm nun etwas zu. Sie konnte dabei noch immer nicht heraushören, ob der Gejagte nun Jisk oder Hajep war. Jedenfalls schimpfte er irgendetwas wüst zurück.
Er hatte eine schöne und stolze Stimme. Margrit hatte sich in der Hoffnung, er würde abgelenkt sein, nun doch ein wenig aufgerichtet, um zu sehen wer er war. Aber sie sah nur breite Schultern, einen weiten Umhang und seinen Helm! Ihr Atem stockte. Der trug ja das Hajepzeichen!
Sie blickte nach den anderen, die ihn verfolgten. Es waren neun Außerirdische und nur zwei Hajeps waren darunter, der eine von ihnen hatte – oh Gott, wie entsetzlich! – keine Hände mehr, nur mit Tüchern provisorisch umwickelte Stumpen, durch welche ständig schwarzes oder gar dunkelblaues Blut zu sickern schien. Wer hatte ihm nur diese grässlichen Wunden zugefügt? Dieser Hajep hier etwa, den sie alle verfolgten?
Die sieben übrigen Verfolger trugen Helme mit dem Erkennungszeichen eines ovalen Gebildes, das wie Ei mit Kiemen aussah, also waren es Jisken. Gute Jisken offensichtlich, denn sie wollten wohl dem Hajep, der so schwer verletzt war und dessen Freund, der auch ziemlich schlecht auf den Beinen stand, helfen, indem sie sich den hier vorknöpften. Puh, und beinahe hätte sie dem auch noch geholfen! Na, noch mal gut gegangen!
„Xojanto me Danox, xojant!“, wisperte sie deshalb heute schon zum zweiten Mal in Danox spitze Öhrchen. „Jati to nuch-on?“
Doch dann fragte sie sich, weshalb sich denn Jisken, die sich doch eben noch am Himmel mit den Hajeps bekriegt hatten, aus-gerechnet mit diesen zwei Hajeps gut verstehen sollten? Die Fra-ge sollte keine Antwort finden, denn plötzlich sauste irgendetwas Unheimliches, kaum Erkennbares wie ein Blitz zischelnd Rich-tung Auto. Der Hajep schrie vor Entsetzen, wollte einen Riesensatz zur Seite machen, aber da fiel er auch schon stöhnend in sich zusammen, schlug dabei zum Teil aufs Auto. Er war so schwer, dass Margrit meinte, es kippe dabei auf die Seite, und dann stürzte er kopfüber auf die Straße.
Margrit hatte sich indes wieder zusammengekauert, wagte sich nicht zu regen. Auch als die Jisken den leblosen Körper triumphierend davonschleiften, blieb sie starr und zusammengerollt wo sie war. Während die Jisken zurück liefen, griffen sie johlend und kreischend nach Margrits Sack, nahmen den einfach mit. Margrit kamen die Tränen, denn vergebens war all ihre Mühe gewesen. Es dauerte ein Weilchen, bis sie sich damit abgefunden hatte, noch einmal zur selben Stelle zurückzulaufen, um zu se-hen, ob da noch etwas aufzutreiben war und natürlich auch nach ihren alten Beuteln zu suchen, mit denen sie so schnell wie möglich zu Pommi laufen konnte, denn in dieser Stadt wimmelte es ja nur so von Außerirdischen. Sie musste schnellstens aus dieser hinaus. Es kostete sie schon einige Überwindung, Danox in die Hände zu nehmen und zur Dankbarkeit auf dessen Metallrücken zu küssen.
Und dann raunte sie ihm zu: „Usomi Danox! Twacha usom, moi xabir!“
Das Ding hatte dabei seine acht grässlichen Beine schlaff hinab hängen lassen, schließlich leise scheppernd sein kleines Mäulchen geöffnet – also gegähnt – und dabei den feinen Hornring im Inneren seines Rachens hochgeschoben. Für einige Sekunden waren zwei Reihen rasiermesserscharfer Zähnchen aufgeblitzt, aber Margrit hatte das von ihrer Seite aus nicht sehen können.

Kapitel 8

Nachdem Margrit für ein Weilchen gewartet hatte, öffnete sie die Wagentür, schob sich die Brille zurecht und ihre hellen, blauen Augen suchten prüfend die Gegend ab. Nichts Beunruhigendes war mehr zu sehen und die Geräusche von den noch immer kämpfenden Truppen kamen inzwischen aus genügend weiter Entfernung. Schüsse waren zwar zu hören und böses Geschrei, aber das kümmerte Margrit nicht. Sie hatte es ziemlich eilig.
„Jasu me, moi xabir! Dus!“, rief sie aufgeregt Danox zu.
Das kleine Ding hopste sofort vom Fahrersitz auf die Straße. Danox hatte wohl ebenfalls nichts Besonderes entdeckt, denn er summte zufrieden. Schnell schlichen sie wieder zurück, doch als sie angekommen waren, musste Margrit feststellen, dass wohl neugierige Hajeps oder Jisken bereits alles abgeräumt hatten. Lediglich beschädigte Dinge hatten sie zurückgelassen.
Enttäuscht ergriff sich Margrit noch einen einigermaßen passablen Topf und dann suchte sie nach ihren Beuteln. Hoffentlich hatten die Außerirdischen wenigstens die nicht ange¬rührt. Sie entsann sich, dass sie die Gott sei Dank vorhin irgendwo ins Ge-büsch geworfen hatte. Die Frage war jetzt nur in welches? Schließlich wuchs hier auch an den unsinnigsten Stellen reichlich viel davon.
Da kam ihr ein Gedanke. Ob sie wohl Danox auch als ´Suchhund` einsetzten konnte?
„Danox, jelso ken!“, wisperte sie angespannt und ließ seine langen Fühler den Topf abtasten. „Nota ... NOTA!“, ermunterte sie ihn ungeduldig, da er ziemlich lange machte. Außerdem glaubte sie nicht so recht, dass es klappen würde.
Nun setzte er sich auch noch hin, schien wohl darüber nachzudenken, denn es summte und surrte plötzlich so merkwürdig in seinem eigenartigen Metallkopf.
Schließlich machte er sich mit seinen langen Beinen reichlich bedächtig auf den Weg, schnupperte mit seiner rüsselartigen Nase mal hier, mal dort, schob mit den sonderbaren Fühlern mal dieses, mal jenes Zweiglein zur Seite, um darunter zu schauen, und binnen weniger Minuten hatte er nicht nur einen, sondern gleich alle Beutel gefunden. Margrit war zwar begeistert, drückte sich aber trotzdem vor einem weiteren Dankeskuss auf seinen verstaubten Rücken.
„Usomi Danox! Twacha usomi!“, lobte sie ihn dennoch artig, während sie den Topf, den sie vorhin gefunden hatte, noch in einem der leeren Beutel verstaute. „Jelso, wona sahon kito!“
Die roten und blauen Dioden an seinem keilförmigen Kopf flackerten zum Zeichen, dass er verstanden hatte. Hurtig ging es zurück. Margrit gab der Gedanke keine Ruhe, trotz allem bei diesem Schwarzhändler wenigstens die Dinge anzubieten, welche sie sich gestern Abend noch von den ´Maden` hatte erbetteln können. Das war zwar spärlich, aber wenn sie ihm alles schilderte, die ganze Sache mit ihrer Familie, würde er doch wohl mit ihr Erbarmen haben!
Schließlich rang sie sich dazu durch, einfach weiterhin unterwegs nach interessanten Dingen Ausschau halten, denn restlos alles konnten ja diese verrückten Außerirdischen wohl schlecht gefunden haben.
Sie beschloss schließlich trotz aller Gefahr, denn in der Ferne war noch immer viel Lärm zu hören, einen kleinen Umweg durch weitere Straßen des Villenviertels zu wagen, um dort nach wertvolleren Dingen zu suchen, denn der Feind kämpfte wohl weiterhin mit den Jisken! Erstaunlich, dass sich dieses Volk dermaßen für die paar Trowes einsetzte. Verwunderlich überhaupt dieses anhaltende Interesse der Außerirdischen an Danox! Es musste etwas ausgesprochen Verheißungsvolles von irgendjemandem über dieses Ding verbreitet worden sein! Margrit hörte das Sausen weiterer Lais in den Straßen aus dem östlichen Teil der Stadt. Es schienen immer mehr Fahrzeuge zu werden und es tönte das Rauschen und Hämmern sonderbarer Bodengeschütze.
Drei weitere Kampfflugzeuge waren inzwischen abgestürzt. Margrit hatte es dabei hinter sich mächtig Dröhnen und Krachen gehört und alsbald Feuer gierig empor züngeln und fette Rauchwolken zum Himmel hinauf wandern sehen. Es stank deshalb noch immer ein wenig nach Verbranntem, obwohl die Außerirdi-schen es verstanden hatten, sofort wieder alles zu löschen. Sie waren inzwischen dermaßen ineinander verkeilt, das dieser Um-stand Margrit nur zum Vorteil gereichen konnte.
Kaum dass sie das Villengebiet wieder betreten hatte, musste sie feststellen, dass hier wohl ein wesentlich heftigerer Kampf stattgefunden als sie sich gedacht hatte, denn es waren deutliche Spuren davon zu sehen, eingestürzte und verkohlte Dächer. Manchmal standen nur doch die Mauerreste eines Hauses oder es waren riesige Löcher in Häuserwänden, tiefe Krater in Straßen oder Bürgersteigen, völlig weggefräste, zerkrümelte Bäume zu sehen.
Aber es gab auch dezentere Dinge, lange, dünne Bahnen merkwürdiger Geschosse, meterlange, hauchfeine Brandspuren auf den Bürgersteigen, faustgroße Löcher in manch einem Pfeiler oder Baum, durch welche man hindurchschauen konnte. Hier und da sogar reichlich klebrige Humushäufchen, schwarze Blutspuren, die irgendeinen Weg entlang führten. Manch ein übriggebliebener Fetzen von hauchfeiner, metallartiger Kleidung lag mitten im Weg, baumelte vom Ast herab oder wurde vom Wind durch die Straßen gewirbelt.
Als Margrit gerade an einer von dichtem Moos überwachsenen Mauer vorbeikam, stockte ihr der Atem, denn direkt dahinter, in der Einfahrt eines riesigen Hotels, hatte Margrit eine Gestalt auf einer Leiter oder etwas ähnlich Erhöhtem seelenruhig sitzen sehen. Oh Gott, begegneten ihr etwa heute doch noch Menschen?
Vorsichtig, als ob eine schnellere Bewegung jede Hoffnung zunichte machen könnte, blickte sie an drei immergrünen Bü-schen vorbei. Tatsache! Margrit atmete keuchend aus. Die Proportionen stimmten ... da hinten war kein verkleideter Trowe sondern wirklich ein Mensch!
Sie krauste angespannt die Stirn und schob eine Haarsträhne, die ihr wieder aus dem Haargummi gekrochen war, hinter das Ohr. Aber ... was wollte der da oben? Worauf saß oder vielmehr lag der eigentlich? Hatte er von dort aus sehen wollen, wie weit sich die Außerirdischen inzwischen zurück gezogen hatten und war darüber eingeschlafen? Margrit musste über diesen abstrusen Gedanken nun doch ein bisschen schmunzeln.
Er lehnte rücklings am Stamm einer uralten Eiche. Margrit stellte sich auf die Zehenspitzen, um mehr zu erkennen und die ausgeleierten Turnschuhe rutschten von den Hacken.
Sie hörte es direkt neben ihrem Ohr plötzlich unangenehm surren. Danox war mit seinen hautähnlichen Flügelchen empor geflattert und linste nun mit seinen vier Diodenaugen über die Mauer. Er hatte sogar die rosafarbenen Fühler ausgefahren, welche er immer wieder abwechselnd in die Richtung ausstreckte, wo der Mann lag.
Plötzlich fuhr Danox zurück, so wie ein Mensch, der plötzlich jemanden wiederzuerkennen gemeint hatte, gab jedoch keinen Ton von sich, sondern trudelte nur recht undiszipliniert in der Luft herum, was Margrit sehr überraschte, denn für sie war noch immer nichts Besonderes erkennbar. Enttäuscht sank sie wieder auf ihre Fußsohlen und somit in ihre viel zu weiten Turnschuhe zurück. Danox hingegen hatte sich, so schien es, beruhigt, blieb aber weiter in der Schwebe und spähte wie gebannt zum Hotel. Mit einem Fühler hielt er sich an der Mauer fest.
Vielleicht war das nur jemand von den Dienstboten, der dort oben am Baum lümmelte oder gar der Hotelbesitzer? Sollte Margrit den nun einfach in Ruhe lassen oder nicht? Sie zupfte sich mit angespannter Miene ihre Schuhe ordentlich zurecht und band sie fester zu. Aber es konnte doch für diesen Verrückten vielleicht gefährlicher werden als gedacht, sofern die Truppen wiederkamen! Was war mit dem Mann bloß los?
„Ke, Danox, kor wan dus?“, fragte sie ihn leise, weil er keinen Ton von sich gab, was er eigentlich immer tat, wenn irgendetwas nicht in Ordnung war. Er schwieg, nur der Fühler, mit dem er sich noch immer an der Mauer festhielt, zitterte. Da meinte sie plötzlich zu wissen, weshalb er sich so seltsam benahm. Er hatte niemanden wieder erkannt, oh nein, das Gegenteil war wohl eher der Fall. Er hegte nämlich ein beträchtliches Misstrauen gegen Personen, die er noch nicht kennen gelernt hatte. Im Klartext: er wusste einfach nicht, was er von dem Menschen dort vorne halten sollte. Darum bekam sie auch null Informationen von ihm! Margrit musste also selber entscheiden. Hm, schwierig die Sache!
Aber die Möglichkeit, dass dieser Mensch auch ein gut verkleideter Außerirdischer sein konnte, schlug sie aus, denn der Feind war ja auf der Suche nach Trowes gewesen, hatte also auch nicht vor, irgendwelche Menschen anzulocken. Außerdem befand er sich im Kampf mit den Jisken. Jeder Soldat wurde gebraucht. Was sollte er dann ausgerechnet hier und allein?
So beschloss sie, zu diesem Menschen hinzugehen, denn es konnte ja sein, dass er Hilfe brauchte. Vielleicht stand er unter Schock, war verletzt, ohnmächtig oder ähnliches?
Danox sah, dass Margrit kehrt machte, ließ sich deshalb zur Erde fallen, saugte den Fühler ein, mit dem er sich festgehalten hatte und kam auf unsicheren Beinen hinterher.
Margrit hatte bereits die Mauer hinter sich gelassen, als Danox mit einem leisen, kaum hörbarem Ächzen neben einem leeren Helm stoppte, der im Rinnstein lag.
Margrit wendete sich um, grässlich, der prächtige Helm, welcher gewiss vom letzten Kampf stammte, war über und über mit schwarzen Spritzern besudelt und roch richtig unangenehm. Nicht nur Margrits Nackenhaare stellten sich deshalb auf, ebenso die kurzen Wuschelhärchen zwischen Danox spitzen Ohren. Sie bebten vor Elektrizität. Vorsichtig, ganz vorsichtig stelzte Danox schließlich an diesem Helm vorbei.
Und dann standen sie vor dem riesigen Tor der Einfahrt. Es war ein robuster, gusseiserner Zaun, der den gesamten parkähnlichen Garten um ein sechsstöckiges Hotel umgab. Margrit lugte durch die Gitterstäbe und Danox von unten ebenfalls.
Schon wieder musste sie schmunzeln, denn das Bild, welches sich ihnen bot, war wirklich zu komisch um wahr zu sein. Der junge Kerl lag völlig entspannt auf einer steinernen Mülltonneneinfassung!
He, wie war denn dieser Bursche da raufgekommen? Warum ruhte er nicht in einem der lädierten Liegestühle. Genug davon waren doch hier vorhanden, die man hinten vor dem Schuppen stehen sehen konnte?
Margrit rieb sich gedankenversunken das schmale Kinn. So war er für jeden sichtbar, sogar von oben. Dieser Mensch hatte seine knallrote Schirmmütze so tief ins Gesicht gezogen, dass man nur die untere Hälfte davon erkennen konnte.
Er trug außer der grauen Pumphose, oder was das auch immer für ein merkwürdiges Kleidungsstück war, und den schwarzen, mit merkwürdigen Schnallen versehenen Stiefeln, eine weite Jacke über dem weißen Hemd, das einen ziemlich hohen, aber irgendwie eleganten Stehkragen besaß. Die Jacke hatte das gleiche grelle rot wie die Schirmmütze. War eine richtige Zielscheibe, aber schick, der Knabe!
Sie kicherte verwirrt in sich hinein. War ja auch egal! Jedenfalls machte der große Park einen reichlich verwilderten Eindruck. Naja, wer suchte schon zu diesen Zeiten solch ein pompöses Hotel auf? Kleine Kneipen waren heutzutage gefragt.
Das Glas der großen Verandatüren sah aus, als wäre es kürzlich eingeschlagen worden. Ein Blick durch die Fenster verriet Margrit, dass drinnen Möbel umgestoßen worden waren. Hatte es etwa vorhin eine Hatz quer durchs Haus gegeben? Auch die Tische auf der mit Scherben übersäten Veranda waren umgekippt, Stühle zeigte ihre Unterseite, einige davon waren einfach in die verwilderten Rosenbeete geworfen worden.
Was war hier passiert? Wurde etwa auch noch gegen Menschen, die sich hier verschanzt hatten, gekämpft? Ihr Blick wanderte wieder zu dem sonderbaren Burschen zurück. Was hatten sie mit ihm gemacht?
Margrits Herz begann schneller zu schlagen, als sie Trampelpfade im Gras entdeckte und niedergedrückte Stellen hinter Buschwerk, wo man sich vermutlich verborgen gehalten und größere Flächen, wo man sich versammelt hatte.
Sie hielt sich an den gusseisernen Stäben des Tores fest, als müsse sie an irgendetwas Halt finden und lehnte die heiße Stirn dagegen. Weshalb klettert jemand von alleine auf eine so hohe Mülltonneneinfassung? Verdammt, verdammt! Hatte er nach jemanden gesucht und war dann vielleicht dort oben umgekippt, aus welchem Grunde auch immer, und nur der Baum hinter ihm hatte seinen Sturz aufgehalten?
Sehr absurd das Ganze! Aber Margrit konnte irgendwie nicht umkehren, auch wenn Danox ihr das mit heftigen Bewegungen seiner beiden ausgefahrenen Fühler anzudeuten versuchte, vielmehr trieb sie irgendetwas an, unbedingt in diesen Park hinein, bis zu dieser Mülltonneneinfassung zu gehen.
War es die Neugierde, oder die unerklärliche Sehnsucht nach ihrer eigenen Spezies, oder einfach nur ernstliche Sorge um diesen jungen Menschen? Ihre Hände zitterten jedenfalls so sehr, dass sie zunächst das Tor gar nicht aufbekam, obwohl das ganz gewiss recht einfach ging und so fragte sie erst einmal durch die Gitterstäbe hindurch:
„Hallo?” Ihre Stimme hatte so ängstlich und zag geklungen wie die eines Kleinkindes und so gab sie sich einen Ruck und wurde lauter: „Hallooo?”
Hu, hatte sie sich über ihre eigene Tonlage erschreckt, denn ihre Knie bebten jetzt wie Pudding. Auch Danox kleiner, runder Körper zitterte wie ein defekter Presslufthammer. Sie atmete tief durch, beruhigte sich und überbot sich schließlich selbst: „Guten Tag!“, brüllte sie für diese unangenehmen Verhältnisse sagenhaft laut.
Mit gekrauster Nase riss sie schließlich die Pforte wild entschlossen auf. War schlecht geölt, typisch! Der schrille Ton ließ nicht nur sie, sondern auch Danox zusammenfahren, doch dann betraten beide einfach das Grundstück.
Der Bursche reagierte noch immer nicht. Nur der Wind be-wegte ab und an die Zipfel seiner offenen Jacke, und daher begann Margrit, ein volkstümliches Lied vor sich hinzusummen, sie sang nämlich gerne, wenn sie sich ein wenig hilflos fühlte, denn das beruhigte sie.
Immer noch kam keinerlei Reaktion von ihm. Margrit zupfte ein paar Blätter von ihrem Ärmel und schaute zu ihm hinauf. Der Typ war gut gebaut, das musste sie schon zugeben und wie er da so lag, mit diesen breiten Schultern und den langen Beinen, so völlig entspannt, da war er einer männlichen Schaufensterpuppe vergangener Zeiten wirklich nicht ganz unähnlich.
Nun stand sie dicht vor ihm. Sie hätte sich nur ein wenig zu ihm emporrecken, die Hand nach ihm auszustrecken brauchen und ihn berühren können. Aber das wagte sie nicht.
Irgendetwas bremste sie. War es Danox eigenartiges Gehabe? Aus dem Augenwinkel sah sie nämlich, wie das kleine Ding zunächst hektisch am Boden entlang huschte und sich dann zwi-schen zwei großen Felsbrocken, die ehemals zur Zierde dieses parkähnlichen Gartens gedacht waren, verkroch. Er ließ nun auch die Fühler in Körper verschwinden und schüttelte Staub über sich, indem er sich wie eine Scholle im Sand rekelte. Nun sah Danox ganz so aus, wie ihn Margrit einst vorgefunden hatte: Starr, eben wie ein Stein und er gab nun erst recht keinen Ton mehr von sich.
Margrits Wimpern flatterten unsicher, als ihre Augen wieder zu der schicken männlichen Schaufensterpuppe zurück wander-ten. Und plötzlich wusste sie, warum sie solche Hemmungen vor diesem Kerlchen hatte. Dieser Typ sah nämlich nicht nur einfach gut aus ... er war überirdisch schön! Dabei war sie doch gerade bei Männern äußerst kritisch. Wo viele Frauen gleich wild losjubelten, hatte sie immer noch etwas auszusetzen gehabt. Aber das Gesicht, dieser Männerkörper, jedenfalls das, was sich davon unter der Kleidung abzeichnete, schien wirklich ohne jeden Makel zu sein! Oh Mann, wie kam sie nur dazu? Schließlich konnte man doch noch gar nichts Genaues über ihn sagen. Nicht einmal sein Gesicht war vollständig entblößt.
Sie schaute auf sein Kinn. He, wie eitel! Dort, wo er ein klei-nes Grübchen hatte, war ja ein winziger, silberner Stern eintätowiert! Der Bursche schien ganz genau zu wissen, dass dieser Stern seine Attraktivität noch um einiges steigerte.
Hm, Margrit wurde jetzt richtig neugierig, bückte sich etwas, um von unten zu ihm hinauf unter die Schirmmütze zu lugen. Och, da war nur sein Mund ... pah ... nichts Besonderes! Und oben drüber blinkte diese schicke Spiegelglasbrille. Ob man die wohl klammheimlich ... ohne, dass er es merkte? Welche Augen musste dieses Gesicht erst haben, wenn es einen solch sinnlichen Mund besaß?
Zum Donnerwetter, schon wieder himmelte sie ihn an! Was war nur mit ihr passiert? Hier lag doch nur ein Mensch, der in Würzburg geblieben war. Aber er war ein ausgesprochen Tapferer, das musste man schon sagen. Wenn der hier mit den Außerirdischen gekämpft hatte, na dann ...!
Sie stellte ihre Beutel ab, direkt zu seinen Füßen, lehnte sie gegen die Mülltonneneinfassung und lief danach skeptisch einmal ganz um ihn herum. Hm ... hmmm ... sie musste diesen zur Erde gefallenen Engel wecken, klarer Fall! Und wie machte man das, wenn man solche Hemmungen hatte wie sie?
Sie schlug die Arme übereinander und fuhr kurz darauf zusammen. Grundgütiger Himmel, schon seit einem ganzen Weilchen hatte sie die Hajeps in der Ferne völlig außer Acht gelassen. Lärm war zwar noch herauszuhören, aber kein ungestümes Toben mehr, sondern ein irgendwie geordnetes Rumoren. Wer hatte hier gesiegt? Die Jisken oder die Hajeps? Ach, das Wichtigste war doch, dass alle genügend entfernt waren.
Plötzlich kam Margrit ein schlimmer, wirklich sehr schrecklicher Gedanke. Was war, wenn dieser Adonis bereits nicht mehr lebte? Du lieber Himmel, konnte man denn so unverschämt gut aussehen, obschon man längst eine Leiche war? Na ja, wenn ... also dann – sie schluckte – musste dieser Typ bereits erstarrt sein, denn sonst hätte er nicht in dieser Stellung oben auf der Mülltonneneinfassung lehnen können.
Er wäre heruntergefallen! Oder hatte man ihn etwa ... ihr Herz klopfte nun wieder ziemlich schnell ... festgebunden? Makabere Idee! Sie spielte hektisch an ihrem Ohrring. An diese Variante hatte sie die ganze Zeit noch gar nicht gedacht, nicht denken wollen! Die Hajeps konnten vorhin ihre Spielchen mit ihm getrieben haben.
Ihre Hand ließ den Ohrring endlich los. Bestimmt hatte er dann überall Spuren von irgendwelchen Folterungen! Grässlich ... ekelig! Nein, sie wollte jetzt nicht zimperlich sein. Darum reckte sie sich zu ihm empor und legte nur ausgesprochen sacht ihre Hand auf seinen Arm. Er rührte sich nicht.
„Hallo?“, sagte sie wieder. Etwas anderes fiel ihr nicht ein, aber es klang wohl eher wie irgendein Genuschel. Boah, hatte der Muckis, dabei war das nur der Unterarm! Aber leider noch immer keine Reaktion. Herr im Himmel, es schien ihm wirklich sehr schlecht zu gehen, denn sein Gesicht war nicht nur völlig bleich, selbst seine Lippen erschienen ihr plötzlich bläulich! Wie konnte ihm nur eine so hässliche Farbe dermaßen gut stehen?
Sie nahm den kleinen Schemel, den sie vor dem Schuppen entdeckt hatte, stellte ihn vor die Mülltonneneinfassung und stellte sich darauf. Nun war sie mit ihrem Gesicht ungefähr auf seiner Höhe und ihr Schatten fiel auf ihn. Sie sah auf diesen kussbereiten Mund und beugte sich vor, vor lauter Aufregung nicht gerade geschickt, denn es fehlte nicht viel und sie hätte ihn mit ihren Lippen berührt. Da sah sie, dass er eine Kette um den Hals trug, an welcher eine Art Medaillon und drei kleine, orange getönte Steinchen befestigt waren. Wie drei prächtige Fischschuppen ruhten sie auf seiner Brust, umgaben sie das große, protzige Amulett. Unerklärlicherweise kamen die orangenen Plättchen Margrit irgendwie bekannt vor. An wen oder was erinnerten sie die denn nur? Ach, das war ja auch jetzt ganz egal, Hauptsache der Bursche wurde endlich wach, sofern er denn überhaupt schlief!
„He, Sie“, krächzte sie deshalb lauter. „Geht es Ihnen nicht gut?“
Nicht die kleinste Zuckung seiner Mundwinkel, kein Atmen, nichts! Wegen dieser Enttäuschung wollte sie wieder hinabsteigen, doch dann gewahrte sie sonderbare Flecken an seinen Wangen. Etwa Schmutz? Sie wollte sie wegwischen, verharrte aber. Nein, das waren wohl eher weitere Tätowierungen oder gar Narben? Eigentlich beides, wenn sie genauer hinschaute. Zwar schon längst verheilte, jedoch noch immer enorm tiefe Löcher, die groteskerweise mit jeweils einer grünen Zackenlinie recht deutlich zur Geltung gebracht worden waren. Du meine Güte, warum tat er sich denn so etwas an, schmückte derart grausige Verletzungen auch noch? Sie war darüber sehr verwirrt.
Fast im gleichen Augenblick vernahm sie in der Ferne, dass der Feind dabei war, wieder einmal die Lais in Gang zu setzen. Motoren brummten auf. Es gab wohl ein paar kleinere Einheiten, die sollten jetzt heimwärts, oder? Ach, es war ihr jetzt egal, Hauptsache sie blieben weit genug entfernt.
Sie legte ihr Ohr auf seine Brust. Merkwürdig, auf der linken Seite seines Oberkörpers vernahm sie nichts, aber etwas weiter rechts, da hörte sie es, erst kaum, aber dann immer heftiger schlagen, sein Herz! Donnerwetter, er lebte also! Sie war von dieser Erkenntnis regelrecht überwältigt, taumelte, fiel fast vom Schemel herunter. Dabei glitt ihr Blick zu ihren Beuteln, die immer noch unten gegen die Mülltonneneinfassung lehnten.
War es eigentlich gut, sollte sie diesen Kerl noch wach bekommen, wenn er dabei gleich diese Beutel sah? Verdammt, sie knirschte mit den Zähnen und stieg hinab. Heutzutage beklaute doch jeder jeden und sie kannte den Burschen nicht. Er war stärker als sie. Also hatte es vielleicht auch sein Gutes, dass er noch immer nicht richtig zu sich gekommen war. Sie schaute sich um. Sollte sie nun die Beutel irgendwo im Schuppen ... oder waren sie besser hinter dem Brunnen aufhoben, oder gar im Haus?
Nein, das war alles viel zu weit, so viel Zeit hatte sie nun auch wieder nicht. Ohne weiter über die Hajeps im Osten nachzudenken, schob sie, leise ächzend, erst einmal die schweren, langen Beine dieses ´Schnarchis` beiseite. Dann öffnete sie die Klappe der steinernen Einfassung – es quietschte etwas – und ließ die Beutel einfach in die Mülltonne fallen.
Ein lautes, schepperndes Plumpsen verriet, dass die Tonne nicht nur tief, sondern außerdem leer gewesen war. Oh Gott, war wohl nicht so ein guter Gedanke gewesen, denn wie sollte sie die Beutel später wieder herausbekommen? Na egal, Margrit machte einfach den Deckel wieder zu – es quietschte abermals, doch diesmal viel lauter – und da sah Margrit, dass der ´Engel ` erwacht war.
Er beobachtete Margrit wohl schon etwas länger, es war ihr nur nicht aufgefallen, weil sie so sehr mit ihren Beuteln beschäftigt gewesen war. Sie konnte trotz seiner undurchsichtigen Brille irgendwie spüren, dass er sie anstarrte, denn er hatte dabei den Mund leicht geöffnet, regelrecht vergessen, ihn wieder zu schließen.
Margrit war ebenso fassungslos über diesen beinahe unwirklichen Moment. Sie verharrte mitten in ihrer Bewegung, denn irgendwie hatte sie, wenn sie ehrlich war, überhaupt nicht mehr damit gerechnet.
Sie konnte nicht sprechen, nicht einmal mehr schlucken! Vielleicht aus Angst, es könne deshalb gleich wieder alles vorbei sein? Er hatte sich ein wenig zur Seite gewendet und sein Gesicht war dadurch zum Teil hinter einem Zweig verborgen, als verstecke es sich vor Margrits Blick. Das einzige, was nun bei Margrit tüchtig funktionierte, war ihr Herz. Es trommelte so sehr, dass sie glaubte zu ersticken, würde sie nicht augenblicklich Luft holen. Konnte sie das tun? Sie wagte einen kleinen Atemzug.
Doch der genügte nicht und so hob und senkte sich ihre Brust. Schließlich keuchte sie ganz entsetzlich! Gott sei Dank veränderte sich die Miene des Engels deshalb nicht! Margrits Wangen hingegen zuckten, sollte sie lachen oder nicht? Ihr wurde heiß, der Magen rumorte.
‚Auweia‘, dachte sie plötzlich, ‚wenn der seine noch eben vor mir versteckten Flügel ausbreitet und von dieser Einfassung fliegt ... Unsinn, wohl eher springt. Oh Gott, warum sollte er denn das tun?‘ Sie schluckte bei diesen vielen wirren Gedanken und mit einem Male überfiel sie Panik, so sehr, dass sie den augenblicklichen Wunsch hatte wegzuflitzen! Aber sie riss sich zusammen.
‚Verrückt‘, dachte sie jetzt. ‚Die ganze Zeit hattest du dich danach gesehnt, dass diese Skulptur endlich zum Leben erwachen würde und nun tut sie dir den Gefallen und es ist dir auch nicht recht.‘ Konnte es vielleicht die Größe dieses muskelbepackten Kerlchens sein, die ihr plötzlich ins Auge stieß? Gleichzeitig musste sie feststellen, dass sie eigentlich gar nicht mehr fort konnte, irgendetwas hielt sie fast auf magische Weise fest. Ja, sie war von diesem eigenartigen Moment, dieser völlig neuen Situation, wie verzaubert – einfach überwältigt! Himmel, weshalb eigentlich? Schließlich war doch nichts weiter passiert, als dass der Mann endlich wach geworden war! Was zwang sie also, dort zu bleiben, wo sie war? Darum richtete sie sich endlich langsam und vorsichtig auf.

Fortsetzung folgt:
 
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Kommentare  

Sehr spannend und irgendwie wird derjenige, den Margrit da gefunden hat, garnicht mal als so etwas Schlechtes beschrieben. Fragt sich nur, was der macht, wenn er wach wird. Und er IST gerade wach geworden.

Marco Polo (08.08.2018)

Huh, wen hat Margrit denn da gefunden? Jetzt fiebere ich den nächsten Kapiteln entgegen. Ganz toll geschrieben.

Evi Apfel (08.08.2018)

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