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Das Licht der Hajeps Band 4 / Entscheidungen Kapitel 5 u. 6

Romane/Serien · Fantastisches
© Palifin
Kapitel 5

Margrit sah, wie der Hajep seine merkwürdige Uhr wieder in den weiten Ärmel zurückrollen ließ und hörte ihn dabei ziemlich undeutlich brummeln: „Ke, Lumanti, vielleischt isch disch irgendwann werdere auch ...“, er brach ab, schluckte, dachte schwer nach. Margrit hatte den Endruck, er würde angestrengt nach dem Wort suchen, welches Margrit eben gebraucht hatte, „... schtraicheln!“, seine roten Augen leuchteten, weil es ihm endlich eingefallen war. „Kontriglusia! Vielleischt abar auch nisch?“, fragte er nun wieder und hielt dabei den Kopf schief. „Wer weissis?“ Er lehnte den Schädel auf die andere Seite, dann aber stand er wieder gerade da, schob sich die Mütze ins Gesicht, räusperte sich energisch, wohl um endlich das Thema zu wechseln. „Und nunni dies: allis einin Naminn hat, zo auch du!“ Er streckte den Arm nach ihr aus, wies mit dem Finger auf Margrit. „Wie rüfen deiner Lumantis disch?“
Margrit schwieg verblüfft. Konnte sie diesem unberechenbaren Geschöpf wirklich verraten wie sie hieß? Dieser Mann war keinesfalls so ein Typ wie Diguindi, von dem die Kinder und George immer wieder schwärmten. Wenn sie Glück hatte und tatsächlich fliehen konnte, war es nicht gut, wenn er sich später bei anderen Menschen nach ihrem Namen erkundigen konnte.
„Meinen Namen erfahren nur meine Freunde“, sagte sie darum so freundlich wie möglich. „Du scheinst mir kein Freund von Menschen zu sein, nicht wahr?“
„Nischt wahr!“, erklärte er beleidigt. „Komm!“ Und er nahm sie ziemlich grob beim Arm und zerrte sie mit sich.
„He, wo gehen wir denn hin?“, keuchte sie überrascht. Außerdem hatte sie große Mühe, mit ihm Schritt zu halten. War er ihr jetzt böse? Bloß das nicht. Sie grübelte angespannt und weil sie gerade eine ehemalige Verkehrsinsel überquerten, auf welcher ein Meer von wunderschönen Herbstastern wucherte, sagte sie einfach: „Ach, man sollte nicht alles so ernst nehmen und lieber zum Beispiel die unzähligen Blumen betrachten und ...“
„Nisch unzählige“, verbesserte er sie, „zondern vakas-ita, vierundsiebziege!”
„D ... das sind übrigens sehr hübsche Herbstastern. Wer die wohl hier einst gepflanzt hat ... wow ... hast du die etwa alle so schnell gezählt, so verstreut, wie die hier zwischen Unkrau ...?“
„Sanna, ssst, still!“, wisperte er plötzlich. Margrit schaute in seine Richtung und da entdeckte auch sie den kleinen, braunen Schatten, wie der von einem Gebüsch zum anderen und dann über die Straße hoppelte.
Der Feind schnalzte mit der Zunge, was aber auf keinen Fall gefährlich klang, eher verzückt. „Verkehrt is, allis an diesem Tier is verkehrt!“, krächzte er kopfschüttelnd. „Schwänz ville zu kurz und dafor Orren ville zu lang!“
Margrit prustete los, denn sie musste über seine komische Bemerkung lachen und diesmal unterließ er es, nach seinem Gürtel zu greifen, wo die Waffen steckten. Er musterte sie nur mit genau dem gleichen Blick wie zuvor das Tier. „Tier is seltsamm, du auch!“, stellte er fest. „Wie heißert?“
„Na ja, es war wohl ein Kaninchen!“, ächzte sie und wischte ihre Lachtränen weg, und er schaute ihr dabei kopfschüttelnd zu, bis sie fertig war.
„Kippt serr altis Lied bei eusch, heißert: Der Neger aus Kupfalz. Isch solsch ein Neger bon ... hm ... bin!“, erklärte er, warf sich dabei stolz in die Brust und klopfte auf sein Gewehr.
„Äh ... wie?“
„Neger!“, schnaufte er unwillig. „Was dagigen?“
„Nein, nein!“, wehrte sie ab. „Aber meinst du nicht eher ... äh ... den Jäger aus Kurpfalz?“
„Hm ... hmmm!“ Er rieb sich das Kinn und dachte darüber nach. „Rischtick!“, knurrte er schließlich. „Meinter Jäger und du pisst das Ninschinn, das er sich erjägert hattete. Xorr, Ninnschin jitz dein Name, weil du mirr nischt nennern wollterst rischticken, chesso fertisch! Komm!“
„Ch ... chesso! Puh, na gut! Aber wenn wir so kreuz und quer weiter laufen, kommen wir vielleicht sonst wo hin, bloß nicht zum Händler!“, bemerkte sie vorsichtig, während sie neben ihm her hetzte.
„Gleich bei ihm!“, widersprach er ziemlich stolz und stoppte zu Margrits Überraschung direkt vor einer großen Linde.
„Ja und?“, fragte sie irritiert, setzte aber gleich den Beutel ab und rieb sich die schmerzenden Hände. „Hier ist das nicht!“
Donnerwetter, dieser Typ tickte also wirklich nicht richtig, denn nun hob er den Arm, schnippte zwei Mal kurz mit den Fingern Richtung Baumkrone und dann schüttelte er die Hand aus und wartete.
Auf was eigentlich? Margrits Blicke wanderten fragend vom Baum zum Hajep. Sie konnte sich einfach keinen Reim daraus machen! Als etwa zwei Minuten vergangen waren, schien der Hajep ungeduldig zu werden, denn er stieß ein paar hajeptische Flüche aus, trat schließlich gegen den Baum und rieb sich danach den Fuß schmerzerfüllt mit beiden Händen.
Schien reichlich empfindliche Füßchen zu haben, der Bursche! Erst als der Schmerz nachgelassen hatte, lehnte er den einen Arm und seine heiße Stirn leise seufzend gegen den Baumstamm, wohl um ein wenig zur Ruhe zu kommen, was ihm sichtlich schwer fiel und dann holte er ein winziges, zangenähnliches Gerät hervor. Nein, was hatte der denn jetzt damit vor? Margrit machte vorsichtshalber zwei drei Schritte vor ihm zurück.
„Is nur for Harre“, erklärte er begütigend.
„T ... tatsächlich?“ Die Falte auf Margrits Stirn vertiefte sich trotzdem. Wollte er ihr etwa die Haare schneiden oder was? Zu ihrer Verwunderung fabrizierte er aber nur die gleichen Geräusche mit dieser merkwürdigen Zange wie vorhin mit den Fingern, nur wesentlich lauter, und dann wartete er erneut.
Da ertönte plötzlich aus der Linde ein leicht verschlafenes, quakendes Geräusch. Margrit war entgeistert, denn solch einen verrückten Ton hatte sie noch nie gehört. Der war ziemlich blechern und klang so wie eine Mischung aus Ente und Frosch, und mit einem Mal begannen die Äste über dem Hajep mächtig zu schaukeln, als würde gleich etwas recht Großes und Schweres vom Baumwipfel auf ihn herab stürzen.
Es knackte dort oben wirklich ganz gewaltig und Margrit spielte schon mit dem Gedanken, dass sie diesen verrückten Hajep vielleicht warnen sollte, da der seelenruhig damit beschäftigt war, einige Falten an seinen Handschuhen glatt zu streichen. Aber dann schalt sie sich doch dafür aus, weil es im Grunde ausgesprochen praktisch für sie war, wenn der Hajep gleich von irgendetwas Großem erschlagen wurde. Ob wohl so ein zermatschter Außerirdischer sehr ekelig aussehen konnte?
Ein Blättermeer segelte jetzt herunter und dem folgte – Margrit rang nach Luft - ein ziemlich unerklärbares, langschwänziges Ding aus den Zweigen des Baumes. Es quietschte irgendwie hydraulisch und vier etwa einen Meter lange und ungefähr zwei Meter breite, geleeartige Flügel wurden zu beiden Seiten flatternd und leicht zitternd ausgefahren.
Puh, das Ding sah ja so aus wie der keilförmige Kopf einer grün-gelb gescheckten Echse mit Kiemen! In der Abendsonne glänzte seine lederartige, schuppenbesetzte Haut wie Silber. Sowohl oberhalb des kleinen Fliegers, als auch unterhalb konnte Margrit einen dicken, wulstigen Zackenkamm entdecken. Als der Hajep kurz mit seiner Hand gewinkt hatte, quakte das kleine Flugschiff zur Antwort wieder, als hätte es sein Herrchen erkannt!
„Horsch! Is das nisch nett?“, brummte der Hajep verzückt und ausgesprochen stolz. „Zuita begrüßert miiir!“
„Ja, einfach toll!“, keuchte Margrit, denn der gelbe Bauch des Ungetüms zog sich plötzlich ein, um dann wieder ziemlich dick hervorzuquellen.
„Zuita kann auch machen serr, serr, nettette Musik! Willigst horschinn?“ Der Hajep verschränkte die Arme vor seiner Brust und wirkte plötzlich so, als habe er viel Zeit.
„Och, nö! Lass nur“, winkte sie ziemlich matt ab, denn irgendetwas Glibberiges tropfte nun aus einigen Stellen des Bauches von Zuita. Der Hajep schien das nicht zu sehen. Er hatte seine roten Augen nur bei Margrit, schien mächtig gespannt auf weitere Reaktionen von ihr zu sein. „Ke-eh, pisst du denne nischt musikeilisch?“, hakte er ungläubig nach und wieder kleckste ein dicker Schleimfladen direkt hinter ihm von oben herunter.
„Ja, hm ... wohl nicht!“, nuschelte sie undeutlich, da ihr inzwischen etwas Essen hoch gekommen war. Sie schloss jetzt ganz einfach die Augen, damit sie das alles nicht mehr sehen musste. Als die plötzliche Stille ihr nach dem heftigen Rauschen verkündet hatte, dass das zappelige Ding wohl endlich gelandet war, wagte sie wieder einen kleinen, vorsichtigen Blick.
„Huch?“, entfuhr es ihr trotzdem entsetzt, denn von Nahem konnte man eigentlich all das Hässliche an diesem Drachending erst richtig gut erkennen.
„Ti sanga to!“, sagte der Feind mit hoch erhobener Nase und wies dabei auf den Molkat.
Das Ding ruckelte nun ein bisschen vor sich hin, wie eine Henne, die gerade ein Ei legen wollte und dann bildete sich leise blubbernd ein merkwürdiger Schaum, wie ein schmaler Rand unten an seinem keilförmi¬gen Körper. Mit diesem Schaumrand saugte sich das Ding wohl am Boden fest. Ein mehrmaliges schmatzendes Geräusch zeigte nun an, dass die Flügelchen nacheinander eingesaugt wurden. Dieses Schmatzen gab Margrit den Rest. Oh Gott, das alles war einfach zu surrealistisch, eher wie ein irrer Traum.
Sie war so weiß im Gesicht, dass es selbst der Hajep bemerkte. Er hechtete darum schnell um das eigenartige Fluggerät herum, dass ihm artig Platz machte und fragte Margrit verwundert, bevor sie in die Knie sackte: „Kulturschnock?“
Sie nickte atemlos, als sie in seine muskelbepackten Arme fiel: „Aber das heißt Kulturschnuck ... äh ... schock, meinte ich natürlich.“ Dann umfing sie völlige Schwärze.
„Natürelisch!“, echote er stirnrunzelnd und warf die ermattete Lumanti in den Beifahrersitz, nachdem sich das Raumschiff mit einem weiteren Schmatzer wie eine Auster geöffnet hatte. Dann griff er mit zwei Fingern den unnützen Beutel und ließ ihn hinter der nützlichen Lumanti auf den Rücksitz scheppern, reinigte sich die behandschuhten Hände und nahm dann leise seufzend hinter dem Niniti Platz, als sich das Schuppendach über ihnen wohlig schmatzend wieder schloss.
Seine Hand huschte wie gewohnt über das Sensorenfeld des Ninitis. Bei den Göttern, warum flog Zuita nicht gleich los? Nachdem er schon wieder einige Flüche ausgestoßen, den Autopiloten mit der Faust traktiert und sich anschließend die schmerzende Hand gehalten hatte, erhob sich der Molkat, wenn auch etwas schwankend, mit seinen beiden Passagieren in die Luft. Erst als sie über die Baumwipfel dahinsausten, erwachte Margrit langsam aus ihrer Ohnmacht. Zunächst hatte sie nur die Schulter des Hajeps neben sich ziemlich verwirrt abgetastet, denn die Brille war ihr vorhin von der Nase gerutscht, doch dann schaute sie sich um und begann zu kreischen: „Oh nein!“
„Oh doch!“, sagte er etwas undeutlich, da er sich ein Tuch vor die Nase hielt. Diese Mülltonnenlumanti war nicht nur ungebührlich laut, sondern ganz gewiss auch gesundheitsschädlich mit all diesem Schmutz an ihrem Körper! Er versuchte, etwas von ihr fortzurücken, um endlich seine Schulter von diesen nervösen Fingern zu befreien, aber das ging in diesem engen Molkat kaum, und für einen Moment fragte er sich, ob es nicht besser gewesen wäre, den Beutel statt dieses Lästlings neben sich gesetzt zu haben. Der wäre zwar nicht sauberer aber wesentlich unkomplizierter gewesen. Hich, was tat man nicht alles für die Wissenschaft! Er wackelte mit der Schulter und schaute dabei wieder auf den Bildschirm.
„Gleich, wir zind da!“, nuschelte er durch sein Taschentuch. Bei Ubeka, diese Feststellung war wirklich sehr tröstlich.
Für die Lumanti wohl weniger, denn die blickte noch immer ziemlich angespannt in die Tiefe. Verdammt, verdammt, warum hatte denn dieser Gleiter, der wohl nur aus Knorpeln und gummiartigen Sehnen zu bestehen schien, keine Fenster? Wenn man sich hinaus lehnte, bestand die Gefahr hinab zu fallen!
Einen Herzschlag lang rang er mit sich selbst und dann lehnte er sich ein bisschen gegen sie, griff zu ihr hinüber und zupfte mit spitzen Fingern kurz an ihrem Gurt.
„Ach so!“, keuchte sie. „Ich bin also angeschnallt?“
Er nickte und seufzte erleichtert, weil sie seine Schulter endlich losgelassen hatte.
Staub wallte auf, und sie sausten nur noch flach über den Erdboden dahin, als sie schließlich direkt vor der gut verbarrikadierten Tankstelle bremsten. Hinten schlossen sich noch ein paar kleinere Hallen an, in denen früher Autos repariert worden waren und die Pommi jetzt als Lagerhallen und Verkaufsräume nutzte.
„Na, wassisch haber gezaggt?“, hörte sie den Hajep, während sich wieder blubbernder Schaum um das Raum¬schiff herum bildete. Es gurgelte ein wenig rechts und links und die halb transparenten Flügelchen verschwanden, dabei ungelenk flatternd.
Wieder ein leichter Schmatzer, die Muschel öffnete sich, gleichzeitig fielen die Haltegurte von Margrits Schultern schlangengleich hinab, krochen einige Sekunden wie unschlüssig hin und her, bis sie irgendwo in den Sitzen verschwanden.
Als sich der letzte Gänseschauer bei Margrit gelegt hatte, ächzte sie: „Und wie komme ich hier raus?“, denn sie bekam die seltsame Knorpeltür auf ihrer Seite einfach nicht auf.
Die Augenbrauen des Hajeps schnellten irritiert in die Höhe. „Kjam?“
„Äh ... wo gibt es hier einen Henkel ... puh ... Klinke, meine ich natürlich!“ Sie ruckelte hilflos an einer der vielen Schuppen. „Na ja, vielleicht könnte man ja auch rüberklettern?“
„Denda, daaas Zuita gar nischt gerrne mög!“, warnte er sie. Nach dem er sich abermals überwunden hatte, fuhr sein starker Arm entschlossen so schnell an Margrits Taille vorbei, dass sie zusammenzuckte. „Xorr, wassis loss pötzisch. Kos to auka atti?“, fauchte er.
Sie dachte erst, er würde sie damit meinen und schob sich deshalb ihre Brille auf der Nase zurecht. „Äh, tja, das frage ich mich eigentlich au ... huch?“ Nun sah sie, dass er das Schuppenviech nicht nur anbrüllte, er schlug so heftig mit der Faust gegen die verknorpelte Tür, dass die aufsprang und Margrit beinahe auf den Boden neben den Molkat gestürzt wäre.
„D ... danke!“, stammelte sie trotzdem, während sie sich draußen aufrappelte und sah, wie sich der Hajep im Inneren des Flugzeugs die schmerzende Hand rieb. Eigentlich schön, dass die Hajeps so empfindliche Pfötchen und Füßchen hatten. Vielleicht konnte man das irgendwann einmal für sich ausnutzen!
„Soll ich die Tür wieder schließen?“ Sie schaute, ob er vielleicht seine Fingerchen dazwischen hatte.
„Denda, Zuita macht das ganse vonne allaine!“
„Ach, schad ... äh ... ich meine, wie schön!“
„Aba haute ...“
„Heute!“, verbesserte sie ihn eifrig. „Ja, was wolltest du sagen?“
„Heute Zuita rischtick kak drauf is!“, knurrte er zähneknirschend, nahm die Beutel vom Rücksitz und ließ deren Henkel in ihre Hand plumpsen. „Schtinkedinger deine!“
„Stimmt!“, sagte sie. „Schließlich habe ich das alles gefunden! Ich geh schon mal vor, okay ... äh ... poko?“
„Pok ... okay!“
Während Margrit auf die Tankstelle zuschritt, hörte sie, wie der verrückte Hajep sein merkwürdiges Flugzeug weiter ausschimpfte, als könne es ihn hören, denn er bekam die Tür nach mehreren Versuchen noch immer nicht zu.
War tatsächlich vollständig ´hacke´ der Typ. Und wieder stieß er Flüche aus, wurde immer lauter und wilder. Konnte der sich aber reinsteigern, also, im wütend werden waren Hajeps anscheinend einsame Spitze!
Da kam Margrit ein Gedanke. Der Feind war derart mit seiner Tür beschäftigt, dass sie sich wohl mit ihren Beuteln sehr gut wegschleichen konnte! Sie würde heute einfach den Händler nicht besuchen, auch wenn es ihr schwer fiel, sondern den Weg zu dem kleinen Wäldchen dort hinten nehmen und dann?
Sie blickte auf die Beutel, schade, der eine Henkel war bereits ganz schön kaputt, würde sicher bald reißen. Was sah sie denn da zwischen den Töpfen hervorblinken? Wunderbar, die dreckige Thermoskanne! Also, holder konnte ihr das Schicksal wirklich nicht sein! Welch eine Waffe! Ihr Herz pochte, als sie die Beutel abstellte und die Thermoskanne vorsichtig aufschraubte. Hoffentlich war da noch etwas von dieser wunderbaren, verfaulten Brühe drin.
Jemand hatte sie bei diesem Gedankengang einfach unterbrochen, indem er ihr von hinten auf die Schulter tippte. Der Deckel fiel ihr vor Schreck aus der Hand, denn sie konnte sich schon denken, wer dieser jemand war.
„Ninschin“, sagte die seltsame außerirdische Stimme erstaunlich gutmütig, „schnall wieder zuschrauben, chesso?“
„Schei ... chesso!“, ächzte sie scheinbar gehorsam, doch schon hatte sie mit einer blitzartigen Bewegung nach hinten die Kanne hoch erhoben und ... spürte nun, dass sich ein paar behandschuhte Finger um ihr Handgelenk schlossen und hörte fast gleichzeitig ein quietschendes Geräusch.
Also schraubte er erst mal in aller Ruhe den Deckel auf die Kanne, den er aufgehoben hatte und erst dann befahl er: „Losslasten!“
Margrit tat es ganz automatisch, oder hatten seine Finger dabei ein wenig nachgeholfen? Im Nu hatte er sie herum gedreht, sich die Beutel ergriffen und die Thermoskanne in einem von ihnen verstaut.
„Aber das sind meine“, ächzte sie verzweifelt, „du hast das eben noch selbst gesagt! Du kannst sie mir doch nicht so einfach wegnehmen!“
„Doch kann isch! Und auch ganse einfach!“
Recht hatte er, leider!
Zielsicher führte er sie zu den hinteren Lagerhallen über ein nur mit einem dünnen Draht umsäumtes Grund¬stück. Hinten bei den drei Koniferen meinte sie, einen rot verschmierten Lumpenhaufen zu erkennen und ... nein! ... hatte sie etwa einen nackten, leblosen Fuß unter dem vielen Stoff hervorlugen gesehen? Lebte also Pomadenmaxe in Wirklichkeit gar nicht mehr? Lag er dort hinten im Freien? Warum hatte der Hajep aber dann Margrit hierher gebracht? Oder war das etwa Freddi? Oh Gott, ja, Freddi, jetzt nahm sie auch deutlich diesen leichten Verwesungsgeruch war, der zu ihnen herüber geweht wurde.
Komisch, dem Hajep schien das gar nichts auszumachen. Der schüttelte sich anscheinend sogar noch wohlig. Oder hatte sie sich das nur eingebildet? Seine schrägen, roten Augen blickten Margrit wieder sehr scharf an. Musste sie etwa befürchten, wenig später genau das Gleiche erleiden zu müssen? Was sollte sie also tun?
„Hier reiner, da!“, befahl er ihr jetzt und machte für sie etwas mehr Platz. Sie blieb trotzdem wie angewurzelt vor dem Eingang stehen. Als ob der Riese Gedanken lesen könnte, drehte er sich zu ihr um. „Du nisch willig?“
„Doch, doch, doch!“, wisperte sie. „Aber ich lasse dir gern den Vortritt!“
„Zaiii ... kippt da einer Kette bei eusch ...”
„Eine Kette?”
„Ja, einer Kette irgendwie ... mitte Eti ... naah? Jitzt machts klicker?” Seine seltsamen Augen blitzten vorwitzig unter der Schirmmütze hervor.
„Etikette?“, fragte sie.
Er nickte. „Und wie nunni Etikette is, loss, sackes, sackes!”
„Du meinst damit doch nicht etwa diese dumme, altertümliche Sitte: erst geht die Dame, dann der Herr?“, kam es nur zögernd über ihre Lippen.
Er nickte abermals recht zufrieden und schulterte dabei sein merkwürdiges Gewehr.
„Ach, wer wird denn schon heutzutage auf solcherlei Förmlichkeiten achten”, wehrte sie ab.
„Isch schonn! Weiß was gehöret zisch ... xerr, Tradition ebene Tradition is!”
„Aber du bist jung und modern, also würdest du bitte so nett sein?“ Sie öffnete die Tür, drinnen war nur wenig Licht, und machte eine ermunternde Bewegung in diesen düsteren Flur hinein, damit er vorgehen sollte.
„Binne nett!“, hörte sie ihn.
Kaum zu fassen! Konnte er allen Ernstes nett zu ihr sein? Ging er tatsächlich zuerst? „In echt jetzt?“, keuchte sie zwar erleichtert aber doch etwas ungläubig.
„Und darüm isch auch sein deiner Klavier.” Er stieß Margrit nur mit einer Hand durch den Eingang. Sie sauste nach vorne durch den nur dürftig beleuchteten Flur. „Isch binne escht hoffelisch zu dir, nischt wahr?“, hörte sie ihn hinter sich.
„Ja, sehr!“, keuchte sie. Das war wohl die Strafe dafür, dass sie ihn vorhin mit der Thermoskanne bedroht hatte. Ganz so gutmütig war er also nicht. Sie hatte sich gerade mal an einem der Kabel festhalten können, die hier lose von der Decke herab hingen und schon herrschte totale Dunkelheit. „Tja, äh ... nun ist das Licht aus!“
„Rischtick!“, stellte er fest.
Nachdem sie sich durch den muffigen, tunnelartigen Flur getastet hatten, wobei sich der Hajep mächtig geduckt hatte, um nicht ständig an die Decke zu stoßen und mit seiner Mütze Spinnweben abzusammeln, standen sie vor einer reichlich ramponierten Glastür, aus welcher ihnen schummeriges Licht entgegen leuchtete.
Der Hajep drückte den Summer. Er schien noch immer irgendwie schlecht gelaunt zu sein, denn da sich nichts tat, fluchte er nicht nur lauter, er traktierte den Summer wieder mit der Faust. Es klingelte zwar trotzdem nicht, dafür hielt er sich die Hand und sprang wieder auf einem Bein schmerzerfüllt im Kreise herum.
Na ja, Margrit hatte sich daran gewöhnt und darum schaute sie ihm nicht lange dabei zu. Sie bückte sich, um die Thermoskanne einem der beiden Beutel zu holen, die er dabei fallen gelassen hatte und ... oha ... da schnappte ja etwas zu, klemmte sich ziemlich schmerzhaft an ihre Finger.
‚Auoooh’, konnte sie denn ahnen, dass der Feind seine dämliche, anscheinend halb lebendige Haarzange darin zur Sicherheit verstaut hatte? Margrit hüpfte nun ebenfalls auf einem Bein herum und musste sehr aufpassen, dass sie dabei nicht mit dem Hajep zusammen stieß. Wie bekam man nur dieses Ding wieder ab?
Verdattert durch das laute Geschrei schloss Pomadenmaxe endlich die Tür auf. Die Haare standen ihm wild vom Kopf ab, denn er hatte gerade ein kleines Nickerchen gehalten.
„Was ist denn hier los?“, entfuhr es ihm, als er durch den Türspalt blinzelte und die beiden Schattengestalten so munter im Kreise herumspringen sah.

Kapitel 6

„Gesine“, schimpfte indes George, „warum willst du mir nicht glauben, dass lediglich der Reifen kaum Luft hat. Da ist nichts defekt, zum Donnerwetter!“
Gesine war trotzdem mit gefalteter Stirn ausgestiegen und lief nun einmal um den Jambuto herum. Sie musterte den Lieferwagen dabei gründlich, schüttelte immer wieder den Kopf, denn an dem war eigentlich überall irgendetwas reparaturbedürftig. Sie hatten in einer der Straßen mitten in Würzburg gehalten. Es war ein wenig windig geworden und Gesine wurden einige Locken, die sich aus den Zöpfen befreit hatten, in die Stirn geweht.
Der Trowe, welcher sich etwa zwanzig Meter von Gesine und George entfernt hinter einer Häuserecke versteckt hielt, keuchte leise durch sein kräftiges Maul, als er den Jambuto sah, dann winkte er aufgeregt Nobajapal herbei und wisperte diesem auf hajeptisch zu: „Xerr, das ist aber gut. Da überlegen wir die ganze Zeit, wie wir den Agol, der das unverdiente Glück hatte, dass sein Molkat trotz unserer Schüsse flugfähig war, einholen können, doch hier kommt unser Gefährt angefahren.“
„Bei Ubeka und Anthsorr, das könnte wirklich unsere Chance sein“, stimmte ihm Nobajapal nicht minder erregt zu, „aber dieses Ding gehört der gelbhaarigen Lumanti und ihrem Kameraden, der da drinnen hockt.“
„Kontriglus, aber“, Gulmur blinzelte überrascht ins Sonnenlicht, „ich glaube, ich kenne diesen Menschenmann.“ Sein Gesicht verzog sich hasserfüllt. „Sein Name ist Georgo. Er gehört zu einer Untergrundorganisation und hat meinen Vater überredet, einen wertvollen Gegenstand der Hajeps gegen einen lächerlichen Plan einzutauschen. Er ist ein Dieb, ein Verbrecher! Wegen dem musste mein kleiner Bruder leiden. Meine Familie wird vielleicht bald hingerichtet, nur weil dieser Georgo unbedingt Danox haben wollte.“
„Danox? Auch unser Kaskan will das seltsame Ding besitzen. Aber es ist wirklich eine Gemeinheit von diesem Georgo, einen alten Mann zu überreden, einen Fehler zu machen!“, gab ihm Nobajapal Recht. „Dafür gebührt ihm der Tod. Räche dich! Du tötest ihn und wir bereiten uns etwas Spaß mit dieser jungen, hübschen Lumanti, bevor wir sie ebenfalls schlachten! Aber vielleicht sind ja beide bewaffnet“, gab Nobajapal nun zu bedenken, „wenn sie auch geradezu lächerliche Verteidigungsgeräte haben.“
Nun kamen die übrigen Jisken ebenso neugierig zu Gulmur und dieser informierte auch sie. „Xorr“, grunzte Oktikilta schließlich, „welch ein Spaß! Ich sehe schon diese beiden Lumantiköpfe hübsch geschrumpft an meinem Gürtel hängen, denn wir haben die besseren Waffen und sind auch wesentlich stärker gebaut als diese Geschöpfe.“
„Richtig!“, meldete sich nun auch Boktafton. „Also los, worauf warten wir!“
Alles nickte und schon flitzten sie aus ihrem Versteck. „Wer als erster bei ihnen ist, bekommt die Köpfe!“, rief Nobajapal ihnen noch zu.
„Poko!“, bestätigten die anderen und schnauften dabei vor Gier und Mordlust.
Gott sei Dank war George sehr wachsam gewesen. „Gesine, schnell!“, rief er ihr zu, als er die vier Schatten hinter dem alten Mietshaus hervorspringen sah und riss die Tür des Jambutos für sie auf.
„Was ist los? Oh, oh Gott!“, kreischte Gesine entsetzt. Sie hatte gerade die Haube des Lieferwagens geöffnet, um nach dem Motor zu schauen und sah nun mit großen Augen die vier behelmten Jisken und den einen Trowe direkt zu ihnen hinüberstürmen. Wie der Blitz warf sie die Klappe zu. Doch sie kam nicht so schnell um den Jambuto herum. Die Feinde grölten und juchzten indes bereits siegesgewiss. Der eine von ihnen zielte jetzt auf Gesine. Die stieß deshalb einen hellen, spitzen Schrei aus, der die Außerirdischen aber umso mehr anzu¬feuern schien, denn sie begannen noch schneller zu laufen.
George hatte indes den etwas schwerfälligen Jambuto unter großen Schmerzen in Bewegung gebracht. Er wusste, die Waffen der Jisken waren hervorragend. Es lohnte sich nicht, Gesine Feuerschutz zu geben, da sie schon aus großer Entfernung treffen konnten. Es wunderte ihn, dass sie nicht auf die Reifen zielten. Schon fraß sich ein grüner Feuerstrahl knapp an Gesines Hacke vorbei in den Straßenbelag und ein tiefes Loch war entstanden, aus welchem es rauchte. Der zweite Strahl fuhr höher und wieder schrie Gesine gellend auf, als sie George gerade noch rechtzeitig am Arm fassen konnte und einfach nach oben zerrte. Der Strahl fuhr diesmal knatternd ins Trittbrett. George ließ Gesine nicht los und diese warf sich neben ihn in den Sitz und zog die Tür hinter sich zu.
Die Reifen quietschten entsetzlich, als der Jambuto hart die Kurve nahm. Die Meute zögerte, ihnen hinterher zu feuern, da sie hofften, dieses seltsame Fortbewegungsmittel doch noch möglichst unbeschädigt zu ergattern. Zu spät schossen sie deshalb auf die Reifen und durch die Scheiben auf den Fahrer. Das Panzerglas des Jambutos schmolz. Es war sehr heiß geworden in der Fahrerkabine. Einige Splitter lagen auf Georges Schultern, der sich aber nicht beirren ließ und trotzdem kaltblütig weiterfuhr.
„So ein Pech!“, schimpfte Gulmur und hüpfte verärgert mit beiden Beinen in die Höhe, als der Jambuto in eine Straße einbog. „Dabei hatte doch erst alles so leicht ausgesehen!“
Die Jisken nickten betrübt und Boktafton meinte dazu: „Ich habe eigentlich gedacht, dass Lumantis feiger sind und daher leicht zu bekommen.“
„Tja, so kann man sich irren!“, fauchte Gulmur. „Kommt, beeilen wir uns, ich habe mir den Weg zur Tankstelle gemerkt, und ich werde nicht eher ruhen, bis ich diesen Agol zwischen meinen Pranken habe!“ Er fletschte die Zähne und schaute dabei auf seine mächtigen, krallenbewehrten Tatzen.
In der kleinen Nebenstraße hielt George erst einmal an, denn die Schmerzen im Fuß waren unerträglich gewor¬den.
„Tut mir Leid, Gesine!“, keuchte er. „Wir müssen die Plätze tauschen.“ Auf seiner Stirn standen winzige Schweißperlen.
„Ist doch in Ordnung, George“, wisperte sie. „Du hast mir das Leben gerettet! Komm, mach schnell!“ Sie riss die Tür auf, um auszusteigen. „Man weiß ja nicht, ob sie noch immer hinter uns her sind!“, raunte sie ihm ängst¬lich zu und ihre Augen huschten dabei prüfend die Straße entlang.
Doch gerade als sie hinunter springen wollte, griff George um ihre Taille und hielt sie fest. „Nein!“, sagte er und riss sie an sich. Sie wandte vor Überraschung ihr Gesicht so schnell zu ihm herum, dass sie beinahe mit ihren Nasen zusammengestoßen wäre. Nun zuckten sie scheu voreinander zurück und schauten sich für einen Moment nur auf den Mund.
„Tja“, keuchte er, als sein Blick wieder ihre Augen erreicht hatte. „Hm ... so geht das nicht.“
Sie nickte ebenso aufgeregt.
„Ich meine, das ist zu gefährlich!“, krächzte er weiter.
Sie nickte abermals und strich sich dabei eine ihrer goldblonden Locken aus der Stirn.
„Wir tauschen innerhalb des Wagens unsere Plätze, okay?“
„Okay!“
Er versuchte sich so schmal zu machen, wie es bei seiner beträchtlichen Größe und dieser Enge ging.
„Ich weiß, wer der eine Trowe war. Es ist Gulmur“, sagte er leise. „Ich habe ihn an der Narbe wiedererkannt, die quer über sein Gesicht geht. Er hasst mich plötzlich. Das muss einen Grund haben. Ob wohl seine Familie in die Hände der Hajeps gefallen ist? Das wäre furchtbar.“
Gesine erhob sich ebenfalls. „Aber weshalb haben sich ihm Jisken angeschlossen?“
„Ich begreife das auch nicht. Nach alledem, was die Jisken vorhin in dieser Stadt erlebt haben, müssten sie doch eigentlich die Schnauze vom Kämpfen voll haben!“
„Vielleicht gilt diese Jagd ja nicht nur uns, George!“, wisperte Gesine. „Sie haben ziemlich spät auf den Wagen geschossen, womöglich ist dieser Jambuto ihr Ziel!“
„Schlaue Maus!“ Er nickte anerkennend und sie lächelte, während sie aneinander vorbei glitten, und jeder von ihnen spürte für wenige Sekunden den Körper des anderen und sie sprachen dabei kein Wort.
Beide waren noch immer still, atmeten nur etwas hastig, als sie ihre Plätze eingenommen hatten. Wieder schauten sie einander auf die Lippen und eine zarte Röte kroch in ihre Gesichter.
„Oh neiiiin!“, rief sie plötzlich. Gerade noch rechtzeitig hatte sie im Rückspiegel fünf bewaffnete Gestalten um die Ecke flitzen sehen. Der eine Jisk hatte wieder den Lauf seines Gewehrs erhoben und diesmal auf das Verdeck des Jambutos gerichtet.
„Scheiße, nichts wie weg!“, brüllte George.
„Hiiilfeee!“, kreischte Gesine, während der Jambuto nur so nach vorne flog. „Hoffentlich schaffen wir es noch!“
Es knatterte oben im Verdeck, roch schließlich merkwürdig, grüner Rauch kroch hinab und irgendetwas tropfte.
„Verdammt, da schmilzt doch was!“
„Nur nicht aufregen, Gesine!“, brüllte George verzweifelt. „Die haben es doch nur ein bisschen angesengt!“
Sie schaute hoch. „Oh Goooot ... du bist gut! Das ist gar kein bisschen ... es ist Feuer!“

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„Aber die Mama“, Julchen holte erst einmal tief Atem, denn sie war erschöpft vom vielen Laufen, „diiie finden wir doch bald, stümms?“
„Ganz ohne Scheiß, Jule!“ Tobias zog den Schnodder in der Nase hoch, wie immer, wenn er nervös war und dann blieb er einfach stehen, scheinbar um sich zu verschnaufen, in Wahrheit jedoch, weil er meinte, sich verlaufen zu haben. Er stellte sich auf die Zehen, um etwas größer zu sein, schaute, dabei die hellen, blauen Augen zu zwei kleinen Spalten zusammen gekniffen, in die Ferne. Konnte es etwa doch keine so gute Idee gewesen sein, einfach ohne irgendeinen Plan abzuhauen?
Aber die Gelegenheit war doch so günstig gewesen. Herbert war, nachdem ihm etwas golden Schimmerndes im Gestein des Schachtes aufgefallen war, in welchem sie zuletzt gearbeitet hatten, und er wie wild danach gehackt hatte, ein schwerer Brocken auf den Fuß gekracht.
„Hole Hilfe!“, hatte der Aufseher Tobias zugerufen. Tobias war natürlich gleich losgerannt, jedoch nicht nach draußen, sondern in einen der niedrigen Schächte nebenan, hatte seine erstaunte Schwester beim Arm genommen und war mit ihr auf und davon.
Die paar Scheiben trockenen Brotes vom Vortag, welche sie wegen fleißigen Arbeitens zusätzlich zur täglichen Mehlklumpensuppe erhalten hatten, waren schon lange aufgezehrt. Gewissensbisse, den armen Herbert hilflos zurückgelassen zu haben, überkamen die beiden Kinder nicht. Die dicken Blutergüsse und Striemen auf dem Rücken, an Armen und Beinen waren den Kindern Erinnerung an Herbert genug.
Gut funktionierende Handys waren derzeit eine Seltenheit, denn die Sendemasten waren fast alle von den Hajeps zerstört worden und in diesem Falle konnte man sagen: zum Glück!
Herbert lag also womöglich immer noch dort, aber zum Abendbrot dürfte man ihn spätestens vermisst haben. Dieser Gedanke sorgte nun die beiden Kinder. Waren einige Leute inzwischen schon nach ihnen auf der Suche?
„Öh, da hinten is´ glaub ich endlich Würzburg“, krächzte Tobias und gab dabei seiner Stimme eine zuversichtliche Tonlage, obwohl es in seinen Augen bereits ein bisschen feucht schimmerte. „Wir müssen nur immer weiter gerade aus.“
„Und daaah is die Mama, stümms?“ Julchen forschte skeptisch in seinem blassen Gesicht.
Tobias schluckte und wischte sich mit dem Handrücken verstohlen über die Nase. „Ja! Hat sie uns doch gesagt!“, knurrte er. „Die sammelt dort noch ein paar Sachen ein, welche die Menschen zurück gelassen haben und bringt sie zu ... äh ... na, wie heißt der doch?“ Tobias kratzte sich nachdenklich in seinem struwweligen Haar.
„Ich weiß es, ich weiß es!“, trällerte Julchen stolz,
„Na, sag`s!”
„Tomatenmaxe!“
„Stümmt!“, keuchte er verblüfft und dann fügte er anerkennend hinzu. „Jule, da hast du mal aufgepasst!“
„Danke!“, kicherte Julchen stolz. „Und die Mama, diiie bringt uns dann zu den Maden, stümms?“
„Stümmt!“ Er versuchte dabei, den misstrauischen Ausdruck aus seinem Gesicht zu verbannen, denn es war ihnen beiden eigentlich klar, dass die Untergrundorganisation der Maden keine Kinder beherbergen wollte. Deswegen war die Mama unterwegs, um nicht nur die Spinnen, sondern auch die Maden mit wertvol-len Sachen zu bestechen.
„Scheiße nur, dass die Oma nicht da is!“, schnaufte er, gab sich einen Ruck und lief vorne weg, denn er meinte nun tatsächlich, auf der linken Seite am Horizont, Scherenschnitten gleich, die Silhouetten einiger höherer Häuser zu erkennen.
„Und der Munk!“, setzte Julchen jetzt hinzu. „Dass der nich da is, das is auch traurig!“ Sie schüttelte dabei den kleinen, blonden Lockenkopf und stolperte ihm hinterher.
„Eh, warum?“, fragte er jetzt verwirrt.
„Na, der is doch so klug! Weißt du, weißt du ... wiie der damals die Oma gefunden hat?“ Sie lief noch ein kleines bisschen schneller.
„Stümmt!“ Tobias lief ebenfalls schneller, denn vielleicht kamen sie ja noch vor dem Dunkelwerden in Würzburg an. „Ja, die Oma“, keuchte er. „Aber die is doll krank, ganz ohne Scheiß! Die hätt` den Weg nich mehr geschafft, nee!“ Er schüttelte nun auch den Kopf.
„Und der Munk, Tobi ... Tobi duhuuu? »
Er seufzte genervt, hörte aber trotzdem nicht auf schneller zu laufen, denn hier zwischen den Wiesen waren sie leider für ihre Verfolger gut sichtbar.
„Der Munk auch nich“, plapperte sie trotzdem weiter und keuchte, „weil, der is jetzt auch schon seeehr alt, stümms?“
Tobias krauste die Stirn, während er rannte „ Stümmt.“
„Wo is nun der Munk hin?“
„Weiß ich nich, Plapperliese! Er is eben ein Kater, der Munk!“ Er schaffte es sogar noch beim Laufen, sich ein bisschen in die Brust zu werfen. „Kein Mädchen!“ Er kam nicht umhin, Julchen dabei einen flüchtigen, aber geringschätzigen Blick zuzuwerfen, denn es ärgerte ihn, dass sie ihn jetzt eingeholt hatte. „Und Katers gehen immer mal wo hin, ganz ohne Scheiß!“
„Aber Tobi ... duhuu?“
Er seufzte, als er wieder neben ihr war.
„Is da vorne Würzburg?“
Er nickte und nuckelte dabei an seiner Unterlippe.
Beide Kinder wussten nämlich, dass es dort am Vormittag sehr laut gewesen war. Den Kleinen waren die ungewöhnlichen Geräusche außerirdischer Flugzeuge noch sehr gut in Erinnerung.
„Aber Jule, wir müssen durch Würzburg durch, wenn wir zu ...“
„Tomatenmaxe!“, half ihm Julchen.
„Ja, wenn wir zu dem wollen!“, vollendete Tobias stirnrunzelnd seinen Satz. „Durch Würzburg is nämlich der kürzeste Weg zu der ... dieser Tankstelle, ganz ohne Scheiß!“
„Ganz schön weiter Weg!“, keuchte Julchen und rieb sich die müden Augen, denn sie hatten im feuchten Wald ohne Decken sehr schlecht geschlafen.
„Moment!“ Tobias blieb jetzt erschrocken stehen. „Hörst du das auch Jule?“
„D ... das is ein Jambo und ...“
„Mikes Stimme!“, ächzte Tobias entsetzt.
„Iiiiih! Die Spinnen!“, wisperte Julchen. „ Was machen wir jetzt?“

Fortsetzung folgt
 
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Kommentare  

Danke für euer Lob, ihr Lieben, da macht es ja Spaß bald wieder die nächsten Kapitel hier zu veröffentlichen.

Palifin (01.12.2018)

Dem kann ich nur zustimmen. Ich mag Geschichten die nicht nur spannend sind, wo auch noch etwas zum Schmunzeln dabei ist.

Marco Polo (29.11.2018)

Hat sich wieder mal leicht und flüssig gelesen. Es war spannend, aber vor allem mag ich deinen Humor.

Evi Apfel (25.11.2018)

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