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Das Licht der Hajeps Band 4 / Entscheidungen Kapitel 14

Romane/Serien · Fantastisches
© Palifin
Kapitel 14
Inzwischen hatten die Hajeps zwar ihr Flugschiff wieder in ihre Gewalt bringen können, jedoch den anderen Militärflieger zu Hilfe gerufen, da die meisten Bordinstrumente Nelipars nicht mehr funktionstüchtig waren und eine Landung notwendig geworden war.
Mehrere Lais hatten das Flugschiff verlassen, um nach einem geeigneten Platz für Nelipar Ausschau zu halten, und so entdeckte einer der Piloten eines Lais im Morgengrauen das fliegende Netz durch seinen Jawubani. Er schilderte seinen Kameraden, die gerade über den Wald jenseits des anderen Ufers flogen, wie das komische Ding aussah, welches das Netz über den Fluss trug. Nireneska, der in dem anderen Kontrestin saß, wurde aufgeregt, spornte seine Leute zu höchster Eile an und alle Lais hüllten sich in Tarnnebel.
Währenddessen verfolgte der Pilot das fliegende Netz. Nachdem er gehört hatte, dass sowohl auf die Lumanti als auch auf Danox eine hohe Prämie ausgesetzt worden war, reizte es ihn, beide im Alleingang zu fangen. Da die Lumanti im Gegensatz zum Trowe unbewaffnet war, stellte die keine Gefahr für ihn dar. Er wusste, dass es wichtig war, sowohl Danox als auch die Lumanti unversehrt zu bekommen. Der Trowe hingegen schien keinen besonderen Wert zu haben, störte aber bei dieser ganzen Sache sehr.
Da der Hajep unsichtbar für die beiden Flüchtlinge war und er den Antrieb ausgeschaltet hatte, damit das Lai keine Fluggeräusche verursachte, konnte er dicht an den Trowe heransegeln, um ihn mit dem ersten Schuss in den Kopf zu treffen, damit dieser die kostbare Lumanti nicht als Schutzschild benutzen konnte.
Die eine Hand hielt die Waffe, die andere Hand hatte er ausgestreckt, um die Lumanti aus dem Netz zu reißen, zumal die Maschen ohnehin ziemlich kaputt zu sein schienen. Dann hatte er diese Beute bereits für sich und die anderen konnten sich um Danox und den Trowe kümmern.
Doch in dem Moment, als er feuern wollte, gab Danox einen feinen Feuerstrahl von sich und sein Tarnnebel war verschwunden. Diesen Moment der Überraschung nutzte der Trowe und sprang mit einem lauten Wutschrei zu ihm in das Lai.
Margrit war wie erstarrt, musste das alles erst einmal verarbeiten. Danox Robotgehirn hatte wohl irgendwelche Anzeichen bemerken können, dass sich ihnen etwas Getarntes genähert hatte.
Damit hatte der Pilot nun überhaupt nicht gerechnet. Es entwickelte sich ein wütender Kampf auf Leben und Tod in dem engen Lai. Der kleine Gleiter trudelte dadurch ziemlich ziellos am Himmel, bis er mitsamt seiner kämpfenden Fracht ins Wasser krachte.
Margrit war erschüttert. Die Kämpfenden schienen bei dieser Enge gegen den Niniti gekommen zu sein und hatten dadurch den verhängnisvollen Befehl ausgelöst. Doch sie hatte keine Zeit, sich länger damit aufzuhalten, denn schon sah sie Danox abermals mehrere Feuerstrahlen in alle Richtungen von sich geben und dann erkannte sie zwölf weitere Lais, die wohl vom Wald her gekommen waren und sich nun in einem großen Kreis um sie herum versammelten. Da die Hajeps ihre Enttarnung bemerkten, feuerten sie sofort einen gewaltigen Schwarm dieser grässlichen Puktis auf Danox und Margrit ab.
Margrit nahm an, dass diese winzig kleinen Robotviecher darauf programmiert waren, die angesteuerte Beute mit einem besonderen Gift kampfunfähig zu machen. Konnte es ein Betäubungsmittel sein? Oder war es gar tödlich? Sie sah die feinen Stachelchen an den winzig kleinen Metallkörpern. Als sie näher schwirrten, rollte Margrit sich hilflos in ihrem Netz zusammen und schrie dabei wie am Spieß.
Und dann geschah wieder etwas völlig Unglaubliches. Danox setzte seinen zweiten elastischen Fühler ein, den er bisher geschont hatte und fing an, auch diesen mit einer solch rasenden Geschwindigkeit wie einen Propeller um das Netz herum zu drehen, dass die Puktis, wenn sie an Margrit heran wollten, nicht nur heftig zurück geschleudert wurden, sondern sich nach mehreren Schlägen gegen die empfindlichen Sensoren verwirrt auf ihre Besitzer stürzten und diese zu stechen begannen.
Ein lautes, überraschtes und schmerzerfülltes Geschrei tönte alsbald von allen Seiten. Das Serum tat sofort seine Wirkung. Viele der Angreifer stürzten erschlafft aus ihren Lais in die Tiefe oder segelten mit ihren Gleitern einfach irgendwo hin, teilweise kopfüber in die Fluten.
Leider war auch Danox getroffen worden, denn einige der Piloten hatten vor Wut alles vergessen und mit ihren Bordwaffen nach ihm gefeuert. Danox taumelte über den Fluss dahin, verlor dabei immer mehr an Höhe. Eine orangefarbene Flüssigkeit tropfte aus jenen weichen Stellen, die er seitwärts an seinem Körper hatte. Margrit hörte den hohen Alarmton dabei klagend in ihren Ohren.
„Wefion xabir!“, wisperte sie schließlich zu ihm hinauf und wischte sich dabei eine Träne aus dem Augenwinkel. Dann schaute sie beklommen hinab. Es war noch ziemlich dunkel, ein typischer Herbsttag, sehr feucht und regenschwer. Dennoch erkannte sie, dass Danox gerade das Ufer überflog und nun den Deich, und hinter diesem konnte sie bereits die bunten Baumkronen des dichten Waldes ausmachen.
Dann ratterte es plötzlich dicht über ihr sehr unregelmäßig, ein Zeichen dafür, dass Danox Kraft bald erschöpft war. Noch befanden sie sich in ziemlicher Höhe. Konnte sie vielleicht trotzdem durch das Loch im Netz in die Tiefe, in die Wipfel der Bäume springen, um Danox ein wenig zu entlasten? Oder wurde sie von den Ästen dort unten wie ein Braten aufgespießt?
Ehe sie gründlicher darüber nachdenken konnte, entdeckte sie ein weiteres Flugschiff, das gerade über dem Wald jenseits des anderen Ufers schwebte und sich Richtung Fluss bewegte. Sie schluckte den Schreckenschrei hinunter und weiter ging es mit Danox abwärts. Dabei lehnte sie sich etwas hinaus, um den Abstand zur Erde besser abzumessen, als das ohnehin lädierte Netz plötzlich nachgab, sich an der beschädigt Stelle fast vollständig aufribbelte.
Halt suchend griff sie ins Leere und während sie hinabsauste, hörte sie die Luft um ihre Ohren herum brausen. Äste und Zweige peitschten in ihr Gesicht, Gehölze knackten, Blätter raschelten wild! Plötzlich fand sie irgendwo Halt, es gab einen heftigen Ruck in den Armen und dann knallte sie mit ihrem Hinterteil auf einen mächtigen Ast einer uralten, sehr hohen Linde. Für einen kurzen Augenblick verharrte sie dort wie betäubt, war nicht fähig, auch nur irgendetwas zu denken. Dann aber überkam sie große Erleichterung, dass sie diesen furchtbaren Sturz überlebt hatte.
Der nächste Gedanke galt Danox. Wo war das kleine Ding? War es zu Boden gestürzt oder hatte es sich irgendwo in den Zweigen verhakt? Sie reckte den Hals, ließ ihre Blicke nach allen Seiten schweifen und dann meinte sie, ein ziemlich unregelmäßiges Knattern in der Ferne zu hören, das sich mit dem stetig lauter werdenden Brummen des Kontrestins mehr und mehr vermischte.
„Danox?“, keuchte sie entsetzt. Der tapfere, kleine Kerl! Zwar konnte sie von hier aus kaum etwas sehen, aber sie ahnte, was gerade passierte. Danox war trotz der Verletzung wohl mit dem leeren Netz wieder Richtung Fluss geflogen. Dieser Gedanke war zwar verrückt, aber konnte es sein, dass er nun so tat, als habe er die Lumanti im Wasser verloren?

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Danox segelte inzwischen tatsächlich taumelnd über dem Fluss dahin. Nireneska sah von seinem gemütlichen Platz aus sofort, dass das Netz leer war, aber er und seine Männer hatten ja noch eine Chance auf Belohnung, wenn sie Danox fangen würden und die wollte er sich nicht entgehen lassen.
Mit letzter Kraft floh Danox, der Nireneska hinter dem Fenster geortet hatte, vor dem Kontrestine zum Ufer, doch dann, kaum hatte er die ersten Bäume des Waldes wieder erreicht, stürzte der kleine Roboter ab. Er krachte dabei aus solch einer großen Höhe hinunter, dass er unten mit einer gewaltigen Explosion in drei Teile zersprang, wobei die Zerstörung des sonderbaren Robotwesens nicht nur erstaunlich langsam ablief, sondern auch von ohrenbetäubenden, knackenden und berstenden Geräuschen begleitet wurde. Die Erde zitterte dabei wie bei einem Erdbeben und grelle Blitze zischelten über den grauen Himmel. Das Flugschiff oben am Himmel schaukelte gefährlich und selbst die Abgebrühtesten unter den Hajeps riefen die Namen der Göttin Ubeka und deren Gatten Anthsorr gleich mehrmals aus, denn viele von ihnen kannten die sonderbaren Gerüchte, welche um Danox kreisten. Ein vierzehnjähriges Mädchen, das gerade beim Pilzsammeln für ihre Familie war, hatte das alles miterlebt.
Nicht nur Nireneska und seine Männer hatten einen leichten Schock erlitten sondern auch Gulmur, der wegen seines wuchtigen, robusten Körpers den lebensgefährlichen Sturz in die Fluten des Flusses besser verkraftet hatte als der Hajep. Gulmur schlich nun mit nasser Kleidung und tropfender Nase durch den Wald. Was war das denn für ein unheimliches Ding?
Die Hajeps hatten sich so erschreckt, dass es ein Weilchen dauerte, bis endlich wieder Leben in die Soldaten kam. Schließlich segelte Nireneskas Militärflieger suchend über den Wald dahin. Vielleicht konnte man ja den niedergestürzten Roboter noch irgendwo finden und trotzdem nach Zara¬kuma bringen?
Auch Diguindi und jene Hajeps, die sich noch im Wald befanden, um darauf zu warten, dass ihr Kontrestin, welches auf einer kleinen Lichtung notgelandet war, repariert würde, waren durch den gewaltigen Knall und die zuckenden Blitze auf das Geschehen aufmerksam geworden.
Nur das junge Mädchen mit dem Korb am Arm hatte sich anscheinend nicht genügend erschrocken, denn es blickte, hinter einem Baum versteckt, nun ziemlich neugierig auf die komischen Teile, die etwa fünf Meter von ihr entfernt im Laub lagen.
Gerade in dem Moment segelte Nireneskas Kontrestin über der Lichtung dahin, wo Danox abgestürzt war. Viel zu schnell, wie Nireneska fand. Er tobte deshalb wütend im Flugschiff herum, brüllte die Crew an und schon machte das Schiff kehrt.
Indes hatte das Mädchen sein Versteck verlassen. Es besaß die neugierige Natur seines Großvaters, bei dem es aufgewachsen war, bückte sich, berührte erst vorsichtig eines der sonderbaren Stücke mit einem kleinen Stock und als nichts passierte, warf sie die Teile einfach zu den Pilzen in den Korb. Noch ehe Nireneskas Flugzeug seine Wendung gemacht hatte, war sie wieder im Dickicht des Waldes verschwunden.
Nicht ein Teil von Danox war mehr auf den Bildschirmen zu sehen. Doch Nireneska tobte diesmal nicht lange sondern wies die Mannschaft an, nach einer größeren freien Fläche Ausschau zu halten. Dort wollte er landen, um dann zu Fuß oder in kleinen Lais nach Danox zu suchen. Er war sich sicher, dass man selbst mit Teilen von ihm eine große Macht in den Händen hielt.
Das Mädchen indes flitzte behände wie ein Eichhörnchen immer weiter durch den Wald. Jeder Baum, jeder Strauch war ihr bekannt, schnell hatte sie jenen schmalen Waldweg eingeschlagen, der zum Lager und somit auch zum Großvater führte. Da entdeckte sie in der Nähe ihres Lagers plötzlich ein Kontrestin, die Nelipar, welche dort notgelandet war und die außerirdischen, unbehelmten Soldaten mit den roten Augen versetzten sie in Panik. Sofort wollte sie eine Abkürzung durchs Dickicht nehmen und traf dabei auf den grüngesichtigen Gulmur, der hinter einem Busch kauerte, weil der die Hajeps ebenfalls beobachtet hatte.
Beide starrten sich erschrocken an und das Mädchen erfasste, als es die riesigen, gelben Zähne zwischen den Lippen der ´Untiers´ herausragen sah, solch ein Grausen, dass es den zierlichen Mund öffnete, um einen gellenden Schrei auszustoßen. Doch dazu kam es nicht mehr, denn Gulmur sprang das Mädchen an, tötete es mit einem einzigen Biss, weil er keine Waffe mehr besaß. Fast lautlos fiel es in sich zusammen, der Korb rutschte ihr dabei vom Arm und die drei Teile von Danox trudelten gemeinschaftlich mit den Pilzen ins Freie. Gulmur konnte nur mit größter Mühe ein verblüfftes Schnaufen durch seine drei Nasenlöcher unterdrücken. Sofort griff er sich mit seiner gewaltigen Pranke das erste der drei Teile, wollte sich dann auch noch das zweiten holen, das etwas weiter entfernt lag, doch dieses krabbelte ihm zu seiner großen Überraschung mit zwei haarigen Robotbeinchen davon.
Auch das dritte ließ sich nicht erhaschen, verschwand irgendwo im Dickicht des Waldes. Gulmur war, nachdem er die Leiche des Mädchens einfach in irgend ein Gebüsch geworfen und Laub mit seinen breiten Händen darüber geschaufelt hatte, doch recht zufrieden, wenigstens einen Teil des kostbaren Gutes erhalten zu haben. Außerdem hatte er vorhin, als er zusammen mit dem Piloten des Lais in den Fluss gestürzt war, diesem das Kontaktgerät aus der Hand gerissen, welches anscheinend noch immer funktionstüchtig war.
Damit konnte er mit den Hajeps Verbindung aufnehmen, in der Hoffnung, mit dem Teil von Danox seine Familie freipressen zu können. Zumindest würde er deren Hinrichtung damit verhindern können. Daran glaubte er ganz fest und so begab er sich in Richtung der Berge, deren Kuppen man von hier aus bereits sehen konnte. Er wusste, dass er dort erst einmal vor den Hajeps in Sicherheit war.
Gedankenversunken leckte er sich das Blut des Mädchens vom Maul und fand zu seiner Überraschung, dass selbst rohes Blut gar nicht mal so schlecht schmeckte. Die kleinen, gelben Augen glitzerten dabei, denn sein Raubtierinstinkt wurde dadurch endgültig geweckt. Hajeps hatten Trowes unter Androhung grausamster Strafen stets dazu gezwungen, kein Fleisch zu fressen, aber er, Gulmur, war frei! Xorr, ihm konnten sie nichts mehr befehlen! Er hatte Hunger! Bei Ubeka, und ihn dürstete danach, endlich saftiges Fleisch zu zerreißen!

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Nachdem Margrit den gewaltigen Lärm gehört und die Blitze am Himmel gesehen hatte, ahnte sie, dass irgendetwas mit Danox passiert sein musste, doch was es genau sein konnte, war ihr nicht klar. Sorgenvoll kletterte sie erst einmal vom Baum hinunter. Und noch etwas bereitete ihr großen Kummer. Sie schälte sich inzwischen wie eine Schlange. Da sie Nireneskas Kontrestin über dem Wald hatte kreisen sehen, beschloss sie, sich noch tiefer in diesen hinein und von dort aus in die nahe liegenden Berge zu begeben, damit sie dort in einer Höhle schlafen konnte.
Je länger sie durch den Wald lief, desto weniger Haare hatte sie auf dem Kopf. Verdammt, was war nur mit ihr los? Welche Krankheit konnte sie wohl erwischt haben? Seltsamerweise fühlte sie sich dabei gar nicht mal so schlecht! Obwohl sie heute unglaublich viel durchgemacht hatte, schien vor allem ihr Gehirn wunderbar durchblutet zu sein und ihre Muskeln waren weich und geschmeidig. Sie tastete nun ihre Kopfhaut genauer ab, einige Strähnchen hingen da noch, aber die wirkten auch schon ganz schön locker! Und oben an der Stirn konnte sie nur noch einen hauchfeinen Ponni ertasten!
Ob sie wohl auch alle Achselhaare verloren hatte? Mit klopfendem Herzen schaute sie nach. Oh nein, es stimmte! Sie hob deshalb auch gleich das Hemd unten an und schaute an sich hinunter. Puh, auch an dieser Stelle war sie mit einem Male völlig kahl! Wie peinlich! Sie ließ das Hemd sofort wieder darüber fallen und lief einfach weiter. Nachdenklich zupfte sie nach einem Weilchen wieder ein Stückchen hauchfeiner Pelle, das schon etwas eingerollt war, von ihrer Wange und dann kam ihr ein Gedanke. Sie war nicht krank! Das waren bestimmt allergische Reaktionen ihres Körpers auf das außerirdische Schaumzeugs, mit welchem sie dieser halbverrückte Owortep vorhin so brutal eingesprayt hatte. Ja, das war es! Grässlich! Das war vielleicht ein schöner Dank! Sie rieb sich ärgerlich und verzweifelt über die Nase, woraufhin sich von ihrem linken Nasenloch ein Hautfetzen löste. Ach, es war zum Verzweifeln!
Nireneska hatte die Lumanti über seine Bildschirme entdeckt, da die gerade gut sichtbar über die Lichtung gelaufen war, auf der vorhin Danox abgestürzt war. Wie erfreulich, die lebte also doch! Listiges kleines Ding, dieser Danox! Aber komisch benahm sich diese Lumanti schon. Hob immer wieder das Hemd an und schaute darunter nach. Hatte dieses Geschöpf eigentlich schon immer so wenige Haare am Kopf gehabt? Seiner Mannschaft hatte er schon Bescheid gegeben, dass sie hier in der Nähe landen sollten.
Margrit stoppte. Was war denn jetzt in ihrem Mund? Der Backenzahn vorne rechts hatte plötzlich komisch geziept und nun fühlte sie ein kleines Steinchen auf ihrer Zunge. Das war doch hoffentlich nicht dieser Zahn, oder? Margrit spuckte beklommen das harte Stückchen in ihre Hand und erbleichte. Oh Gott, nein! Sie ergriff den prächtigen, relativ gesunden Zahn mit zittrigen Fingern und hielt ihn ins Morgenlicht. Das alles konnte doch gar nicht wahr sein! Ging es jetzt immer so weiter? Die übrigen Zähne wackelten auch schon erheblich! Verdammt, was war nur mit ihr los? Seit dieser Owortep völlig hirnrissig in ihrem Mund herum gefummelt hatte, schien es in ihrem Kiefer irgendwie mächtig zu rumoren. Ständig hatte sie das Gefühl, auf irgendetwas herumkauen zu müssen. Wenn sie alle Zähne verlor, womit sollte sie dann die Nahrung zerkleinern? Und wie das dann später aussah, ohne Zahnprothese! Grässlich! Margrit wurde bei dieser Vorstellung richtig schwummerig. Doch schließlich rieb sie sich die Tränen, die ihr gekommen waren, gemeinschaftlich mit ein paar ausgefallenen Wimpern weg und stapfte weiter durchs Laub.
Was war denn das jetzt dort hinten zwischen all den Blättern? Sie meinte, ein Paar Beine aus den dünnen Zweiglein eines Buschwerks hervor lugen zu sehen. Ihr Herz schlug wieder mal bis zum Hals, während sie langsam näher schlich. Was war hier passiert? Lebte diese Person noch? Die alten, schmutzigen Kniestrümpfe waren bis zu den Knöcheln hinuntergerutscht und zeigten daher viel Haut. Diese Haut war allerdings nicht blau, sondern hatte die leicht bräunliche Farbe südländischer Menschen. Es war ein ziemlich junges Mädchen und es trug einen roten, stark gemusterten Rock. Das dichte, schwarze Haar war unter einem Kopftuch verborgen. Das Mädchen schien nicht mehr zu atmen. Margrit meinte, Blut, welches bereits zum Teil versickert war, auf den Blättern kleben zu sehen. Es kostete sie daher einige Überwindung, das Buschwerk auseinander zu biegen, um das Mädchen gründlicher zu mustern. Da lag es mit weit aufgerisse¬nen Augen und starrte blicklos ins Leere. War es tot?
Das Kinn war blutbespritzt. Margrit zwang sich, ihre Augen trotzdem noch ein bisschen tiefer wandern zu lassen ... oh Gott! ... uuups! Welch eine entsetzliche Wunde! Margrit wusste, dass sie von Glück reden konnte, dass man nicht sie anstelle des Mädchens überfallen hatte und sie schämte sich, eben noch ihre Zähne beweint zu haben. Sie wandte sich ab, würgte sich, gleichzeitig pochte es wild in ihren Schläfen, sie taumelte, rang nach Atem. Sie hatte ja schon so einiges gesehen, aber das war wirklich zu drastisch. Du lieber Himmel, wer konnte denn etwas derart brutales getan haben und weshalb?
Da meinte sie plötzlich zu ihrem Schrecken, mehrere raue, dunkle Stimmen in der Nähe zu hören. Auch das Knacken von Hölzern, gemischt mit Blätterrascheln und Schritte! Kamen die Mörder etwa zurück? Blitzartig sprang sie herum und da sah sie auch schon die Schatten von fünf Hajeps aus einer kleinen Lichtung des Waldes näherkommen.
Was wollten diese Soldaten hier? Suchten sie nach ihr oder nach Danox? Verdammt, warum hatte sie nicht schon vorher auf Stimmen, auf Geräusche in der Ferne geachtet? Sie hatte eigent-lich auf nichts geachtet, war viel zu beschäftigt mit ihren Zähnen, mit ihrem komischen Körper gewesen. Ganz klar, dass sie jetzt in der Patsche saß. Was konnte sie jetzt am besten tun? Sie warf einen schnellen Blick über die Schulter zurück auf das Mädchen und plötzlich hatte sie eine Idee! Die auszuführen war eigentlich recht makaber und würde sie wohl einige Überwindung kosten, aber im Grunde war das wohl kein so schlechter Einfall.
„Amar, xabura lumanti! Wente!“, hörte sie etwas später leise die seltsame Männerstimme zischeln und dann schaute sie direkt in die triumphierend blitzenden Augen des eines Hajeps. Er hatte eine kleine Handfeuerwaffe auf Margrit gerichtet und rief mit energische Stimme aufgeregt seinen Kameraden zu: „Pla wan tan!“ Er wies, mit dem Finger wild herumfuchtelnd, auf Margrit. „Tan wan udil jadak!“ Die vier Hajeps bewegten sich nun, an Büschen und moosigen Baumstämmen vorbei, siegessicher auf Margrit zu. Eigentlich hatte ihnen Rekomp Japongati befohlen, nur nach der Ursache des fürchterlichen Knalls zu suchen und sie hatten angenommen, dass hier in der Nähe irgendetwas Sonder¬bares passiert sein musste.
Margrit kam mit erhobenen Händen zögernd aus dem Gebüsch hervor und starrte die Meute mit großen, entsetzten Augen an.
„Du Marktstramm?“, fragte der Hajep, denn sie hatten Diguindi leider nicht mit dabei.
Margrit zuckte verständnislos mit den Achseln, dabei direkt in die Mündung seiner Waffe starrend.
Die Hajeps stutzten und blickten ihren Truppenführer fragend an. Dieser beäugte Margrit nun etwas gründlicher, besonders lange haftete dabei sein Blick auf dem merkwürdigen Rock und auf dem Kopftuch.
Margrit raffte nun ihre spärlichen Spanischkenntnisse zusammen und piepste kläglich mit verstelltem Stimmchen: „No disparar por favor!“
„Zigas!“, meinte nun einer der Hajeps abfällig von hinten und die anderen drehten sich nach ihm um.
„Akir, Zeukner!“, bestätigte noch jemand eifrig.
Da blickte der Truppenführer seine Untergebenen der Reihe nach kopfschüttelnd an und runzelte aufgebracht die Stirn: „Zigeuner!“, verbesserte er sie und hob belehrend den Zeigefinger. „En wed icht plonon Deutsch!“
Woraufhin der gesamte Trupp zu Margrits Freude tatsächlich kehrt machte, wohl um keine Zeit mehr zu vertun.
Margrit konnte ja nicht wissen, dass die Soldaten Order erhalten hatten, in den nächsten vierundzwanzig Stunden keine weiblichen Lumantis zu töten, so lange die gesuchte Person nicht aufgegriffen worden war. Sie senkte die Arme, spuckte noch einen Zahn aus und dann lauschte sie für ein Weilchen aufmerksam in die Ferne, um dann schnellstens fortzuschleichen. Ihr Ziel war das Zigeunerlager, zu welchem dieses Mädchen gewiss gehört hatte. Sie musste es finden, koste es, was es wolle! Vielleicht fand sich dort jemand, der Margrit endlich aus diesem Gefahrengebiet heraus bringen konnte! Sie schlüpfte in die Schuhe des Mädchen und zuckte schmerzerfüllt zusammen, denn der eine oder andere Zehnagel war während der langen Flucht abgebrochen, doch die Schuhe, Margrit war glücklich, passten. So humpelte sie beruhigt weiter.
Ihr war bekannt, dass sich viele deutsche Familien den Zigeunern anschlossen und ihnen hohe Tribute zahlten, um sie auf ihren Touren begleiten zu dürfen, nur um den ständigen Attacken der Hajeps zu entrinnen. Durch ihr Leben auf ständiger Wander¬schaft kannte sich niemand besser in Europa aus als die Zigeuner. Sie kannten viele Schlupfwinkel, geheime alte Wege, denn stets war dieses Volk neugierig und unternehmungslustig gewesen. Selbst der zunehmende technische Komfort der modernen Welt hatte nicht vermocht, die Eigensinnigkeit, festen Traditionen und Familienbande der Zigeuner zu zerstören. Mit großer Schnelligkeit wurden zwischen den Mitgliedern der miteinander bekannten Familien wichtige Neuigkeiten verbreitet. Es war gefährlich, sich mit Zigeunern anzulegen, und es war schwer sie zu finden!
Nachdem Margrit eine Weile durch den Wald gelaufen war und sich dabei gründlich von sämtlichen Hautpellen an ihrem Körper befreit hatte, über dem inzwischen völlig kahlen Kopf trug sie das Kopftuch und so sah sie eigentlich recht manierlich aus, stolperte sie plötzlich über einen ziemlich spitzen Gegenstand, der im Weg gelegen hatte. Sie bückte sich, begrüßte es sehr, dass sie Schuhe trug und schaute nach. Es schien ein ziemlich hübsches, glänzendes Teil von einem großen, kostbar verziertem Stein zu sein.
„Danox?“, wisperte sie plötzlich verblüfft. Sie war sehr traurig, dass der nun so zertrümmert war und suchte sofort nach weiteren Teilen, die von ihm übrig geblieben sein konnten. Vielleicht konnte man die später irgendwie zusammenfügen! Ab und an blickte sie nachdenklich zum Himmel. Er war also genau hier abgestürzt. Komisch, zwischen den dichten Baumkronen? Auch das zweite Stück fand sich schnell, denn es lag nur wenige Meter von diesem entfernt in einer Baumhöhle. Margrit verbarg die beiden Teile in der hübschen Bluse des Zigeunermädchens und suchte noch ein Weilchen nach dem dritten Stück. Schließlich gab sie auf.
Sie konnte ihrem guten Gehör danken, denn wenig später entdeckte sie tatsächlich den ersten Wohnwagen der Zigeuner, welcher für diese Zeiten geradezu luxuriös ausgestattet war und sich am Rande des Hauptlagers befand. Sie hörte Stimmen von dort und Musik herüberschallen und das Motorengebrumm eines Wohnkombis, der wohl gerade hinzu gekommen war.
Ein älterer, hagerer Mann mit weißem Schnauzbart war gerade durch die Tür seines bunt bemalten Wagens eine kleine Treppe hinuntergestiegen und ihm folgten vier Männer, die Halstücher trugen und schwarze Hüte.
Margrit zögerte, sollte sie ihnen sofort entgegen laufen und schildern, was gerade geschehen war? Oder würde man mit ihr böse sein, weil sie sich einfach die Sachen des Mädchens angeeignet hatte? Ziemlich unsicher näherte sie sich daher dem Wagen. Konnte man die Zigeuner bitten, sie von hier weg zubringen? Vielleicht war es ja auch gut, wenn gleich alle im Lager Bescheid wussten, dass Hajeps in der Nähe herumgeisterten, und sie deshalb sofort von hier verschwinden sollten! Schließlich war das Mädchen bereits von irgendjemandem grausam umgebracht worden. Aber ... wie sollte sie das eigentlich diesen armen Menschen mitteilen?
Schon trennten Margrit nur noch wenige Meter von diesem Schnauzbart und seinen Männern, die Margrit seltsamerweise gar nicht beachteten, obwohl sie bereits gut sichtbar in die Lichtung getreten war.
Vielmehr blickten die Zigeuner in den Wald hinter Margrit. Sie schienen ziemlich nervös zu sein. Der Schnauzbart schob sich jetzt an seinen Männern vorbei, um wieder in den Wohnwagen zu klettern und er zeigte sich wenige Sekunden später im Eingang mit mehreren Gewehren in den Armen.
Komischerweise meinte Margrit fast gleichzeitig ein ihr recht bekanntes, helles Summen zu hören. Donnerwetter, das war ja Danox Warnsignal! Allerdings erklang es diesmal zweistimmig. Die beiden Stücke von ihm funktionierten also noch. Margrit drehte sich deshalb sofort nach hinten um. Alle Wetter! Dort kamen ja Hajeps, nicht nur vier, fünf ... nein ... es war gleich eine ganze Schar! Margrit zählte etwa dreißig Mann!
Rodrigo, wie die Männer den Schnauzbart nannten, riskierte wohl keine Flucht mit dem Auto, weil er die Hajeps nicht in Versuchung führen wollte, ihn zu verfolgen und die Reifen zu zerschießen. Er kannte offenbar ihre hochgefährlichen Waffen und wollte mit ihnen in Frieden auskommen, doch händigte er seinen Männern sicherheitshalber Gewehre aus, ehe die Jimaros nahe genug heran waren.
Margrit glaubte, in dem vordersten der Soldaten Nireneskas gedrungene und kräftige Gestalt zu erkennen. Sie war darüber so erschrocken, dass sie sich nur noch rückwärts auf die Zigeuner zu bewegte. Das war ihr Glück, denn Rodrigo, der erst jetzt auf Margrit aufmerksam geworden war, meinte, seine Enkeltochter vor sich zu haben und war in großer Sorge um sie. Er rief ihr einiges auf Spanisch zu, gemahnte sie wohl, schnellstens zum Wohnwagen zu laufen, aber gerade das traute sich Margrit nicht mehr.
Die Hajeps trugen keine Helme, weil sie wohl keinen Widerstand erwarteten und es war das erste Mal, dass die Zigeuner den Feind so leibhaftig vor Augen hatten. Dementsprechend erschrocken starrten sie in diese roten Augen, betrachteten die graublaue Haut, und selbst Rodrigo vergaß, seinen Mund zu schließen.
Nireneska verlangsamte nun sein Tempo, streckte sogar, kaum dass er und seine Soldaten die Lichtung betreten hatten, die Hand zum Gruß den Zigeunern entgegen! Margrit merkte deutlich, wie er angestrengt nachdachte, denn er hatte Diguindi nicht dabei. Die Stirn und Nase gekraust überlegte er, wie er sein Anliegen den Zigeunern verständlich machen konnte.
„Nemme Lumanti mit!“, erklärte er jetzt schlicht und knapp und wies dabei mit dem Kinn nach Margrit, die ihre Schultern ergeben fallen ließ, da er sie trotz Verkleidung und ausgefallener Augenbrauen und Wimpern doch wieder erkannt hatte.
Aber Rodrigo hatte anscheinend etwas dagegen. „Nein, das du machst nix!“, hörte Margrit zu ihrer Erleichterung hinter sich. „Wehe, du sie anfasst, sonst ...“
„Was sonst?“, näselte Nireneska ziemlich herablassend.
„Sonst bist tot, verstehst?“, zischelte Rodrigo richtig lebensmüde.
Irgendwie musste einer von Rodrigos Männern inzwischen Hilfe aus dem Lager geholt haben, denn plötzlich traten noch weitere Zigeuner schwer bewaffnet hinter dem Wohnwagen hervor.
Nireneska fühlte sich wohl in seinem Stolz getroffen, von Lumantis bedroht zu werden, denn er zischelte etwas kaum Hörbares im Befehlston seinen Männern zu. Einer von ihnen haschte deshalb nach Margrits Arm, den sie aber noch rechtzeitig wegziehen konnte. Fast gleichzeitig knallte es und jener Hajep brach, tödlich im Gesicht getroffen, zusammen.
Alles Weitere ging so rasend schnell, dass Margrit erst viel später rekonstruieren konnte, was genau passiert war. Sie sah Blitze aus hypermodernen Waffen in die armen Zigeuner hinein zucken und wie gefällte Bäume stürzten sie auf den Waldboden. Aber auch Gewehrsalven hinter dem Wohnwagen knatterten los und mähten fast gleichzeitig eine Reihe Hajeps herunter wie gereiftes Korn.
Nireneska hatte, weil er sich geistesgegenwärtig auf den Boden warf, dabei noch Glück gehabt, nur ein kleiner Streifschuss ließ seine Wange bluten. Unter Feuerschutz brachte er sich erst einmal hinter einem mächtigen Baumstamm in Sicherheit, denn er und seine Männer waren leichtsinnigerweise nicht mit Blunaskas ausgerüstet, weil sie sich so haushoch überlegen fühlten.
Einige Zigeuner zogen sich während des Schusswechsels in die Wohnwagen zurück, um dort in Deckung zu gehen und Margrit krabbelte mitten im Getümmel auf allen Vieren zu einer großen Wassertonne, um sich dahinter zu verbergen. Niemand achtete dabei auf sie. Zu groß war plötzlich die Sorge um das eigene Leben geworden.
Sie riss einem sterbenden Hajep, der neben der Tonne zusammen gebrochen war, eine kleinere Waffe, weil sie diese besser an ihrem Körper verstecken konnte, vom Gürtel. Die Zigeuner waren wahnsinnig tapfer. Immer wieder wurden ihre Schüsse mit einem eigenartigen Zischeln und Prasseln beantwortet, mindestens zwölf Hajeps lagen inzwischen tödlich getroffen am Boden und Margrit robbte weiter am Boden Richtung Wald.
Leider kamen weitere Hajeps Nireneska zur Hilfe, die aber diesmal in Deckung blieben. Es sausten aber auch Lais umher.
Das ganze Zigeunerlager hinter dem Wohnwagen hatte sich inzwischen in Panik in Bewegung gesetzt, aber das schien nicht all zu viel zu nutzen, denn die Lais jagten den etwa vierzig Wohnwagen hinterher.
Neu hinzu gekommenen Hajeps flitzten immer wieder an Margrit vorbei oder sprangen einfach über den Busch, hinter welchem sie inzwischen kauerte. Es schien überall im Walde das reinste Chaos zu herrschen.
Als Margrit sich wieder hinter einen Baum geschleppt hatte, vernahm sie plötzlich Autogebrumm, quietschende Reifen, und dann waren ein Bersten, Zischeln, Knistern und schließlich schreckliche Schreie zu hören. Margrit sah Rauch über den Baumwipfeln aufsteigen. Feuer zuckte, züngelte wild empor. Verdammt, die Flammen zerfraßen jetzt bestimmt den Wohnwagen oder sogar mehrere davon! Margrit roch, obwohl sie nicht atmen wollte, verbranntes Fleisch! In der Nähe von Margrit wurde es nun erheblich stiller. Lediglich in der Ferne tobte der fürchterliche Kriegslärm. Noch mehr Lais segelten wie muntere, kleine Punkte über den Baumwipfel dahin.
Schließlich erhob sich ein Trestin in die Lüfte und dann noch eines. Es waren die beiden Militärflieger, mit denen es Margrit heute schon so oft zu tun gehabt hatte. Ja, Hajeps waren für ihre gründlichen Rache¬feldzüge bekannt! Margrits Vorhaben, bei den Zigeunern Zuflucht zu finden, war also auf furchtbare Weise gescheitert und sie ahnte, dass man jetzt wieder am Suchen nach ihr war.
Darum verwarf sie ihren ersten Gedanken, sich weiter Richtung Berge zu begeben und wollte lieber eine Abkürzung nehmen, um auf der ehemaligen Schnellstraße ein Fahrzeug anzuhalten, um mitgenommen zu werden. Sie hoffte, dass die Maden schon um diese Zeit wegen der Kartoffelernte unterwegs waren. Etwa eine Viertelstunde wartete sie dann vergeblich am Straßenrand. Sie hatte wäh¬renddessen die handliche, außerirdische Waffe aus ihrer Bluse geholt und eingehend betrachtet.
War wirklich ein reichlich komisches Ding, diese Pistole. Der Lauf war etwa fingerdick und etwa sechs Zentimeter lang und ragte seitwärts aus dem Mittelteil der Waffe heraus, welches das Aussehen einer kreisrunden Dose hatte, gut fünf Zentimeter hoch. Mittig hatte das Gebilde sowohl oben als auch unten einen acht Zentimeter langen und vier Zentimeter breiten Kolben, die eine verrückte Ähnlichkeit mit Tannenzapfen hatten. Der eine davon schien sogar weich zu sein! Margrit drückte darauf und plötzlich erhob sich vom Mittelteil ein kleiner Deckel. Sie sah, dass Flüssigkeit aus dem oberen Zapfen in die Dose sprudelte und ein grünliches Pülverchen dabei auflöste. Es blubberte kurz und ein köstlicher Suppengeruch waberte Margrit entgegen.
Oh nein, dies war gar keine Waffe! Du lieber Himmel, sie hatte vorhin dem Soldaten nur den Nahrungsaufbereiter geraubt! Margrit konnte es nicht fassen, denn wozu gab es dann diesen Lauf? Und warum die Kolben? Doch je länger sie an dem Ding herum probierte und gegen die verschiedenen Sensorenfelder tippte, die produzierten Suppen immer wieder auskippte, desto klarer wurde ihr, dass diese Waffe eine ungeheuer praktische Einhandküche mit sehr schmackhaften diversen Pülverchen war. Der eine Kolben enthielt die Flüssigkeit für die Suppen und der andere diente zur Erhitzung. Der Lauf entpuppte sich als elastisches Röhrchen zum Einspritzen in den Mund. Verzweifelt steckte Margrit das Ding trotzdem wieder ein, als plötzlich Bremsen quietschten und ein Wagen ganz in der Nähe anhielt. Vorsichtig schlich sie von Baum zu Baum, um zu sehen, wer da gekommen war.
Mit klopfendem Herzen spähte sie durchs Blattwerk und sah, wie ein großer, kräftiger Mann mit schwarzer, enger Lederjacke, weiten, bequemen Schlabberhosen und Halbstiefeln aus einem Wohnmobil kletterte, einen kleinen Werkzeugkoffer dabei missmutig in der Hand schwenkend. Je näher Margrit kam, desto deutlicher wurde das Stimmengemurmel, welches aus einem der geöffneten Fenster ins Freie drang.
Der Mann war inzwischen, um das beigefarbene Wohnmobil herum gelaufen, das er unter einer riesigen, uralten Tanne einer ehemaligen Raststätte geparkt hatte und es schien Margrit, als ob die Stimmen, es befanden sich wohl mehrere Frauen und Männer im Inneren des Wagens, immer lauter und erregter wurden. Man schien sich uneins zu sein. Noch näher schlich Margrit und hielt dabei den Atem an.
„Scheißwagen!“, brüllte der Mann und Margrit vernahm einen Tritt gegen das Blech. „Verfickte Scheiße!“
Margrits Herz hüpfte vor lauter Freude, denn sie hörte zum ersten Mal seit langer Zeit diese wohl vertrauten deutschen Worte!
Die Wohnmobiltür wurde so plötzlich aufgerissen, dass Margrit hinter ihrem Baum zusammenfuhr. „Hubert, bist du endlich fertig?“, ertönte eine helle, besorgte Frauenstimme.
„Aaach, leckt mich!“, kam es als Erwiderung.
„Hubi, bitte, beeil dich!“, flehte eine andere kräftige Stimme. Margrit drückte einen Zweig hinunter und konnte nun eine zierliche und eine wohlbeleibte weibliche Gestalt im Türrahmen des Wagens erkennen. Beide Damen blinzelten angstvoll zum Himmel und Richtung Wald.
„Waldtraud hat Recht!“, beeilte sich nun auch die Zierliche. „Vielleicht haben sie uns schon entdeckt!“
Die Dicke nickte aufgeregt dazu und schnaufte. „Ja, seht nur dieses Raumschiff, wie es dort hinten über den Wipfeln kreist!“
Nun waren zu Margrits Überraschung auch noch zwei Männer und eine weitere Frau im Türrahmen des Wohnmobils zu sehen. Man, für so viele war der Wagen doch eigentlich viel zu klein! Die versuchten nun aus schmalen Augen über die Schultern der beiden Frauen hinweg ebenfalls nach oben zu blicken.
Hubert blinzelte jetzt auch zum Himmel, sein Werkzeug dabei in der Hand haltend wie eine drohend erhobene Waffe. „Das ist ja ...“, stotterte er, „... die reinste Pisse! Scheint wirklich immer näher zu kommen, aber regt euch ab!“
„Nein, Hubi, du steigst jetzt ein! Wenn sie keinen sehen, schießen sie vielleicht nicht“, schnaufte die Blonde heftig und ihr großer Busen hob und senkte sich dabei.
Margrit konnte leider nichts am Himmel erkennen, weil sie unter einer ziemlich belaubten Baumkrone stand.
„Meine Scheiße“, hörte Margrit plötzlich erleichtert, „jetzt fliegt es doch wieder weg!“ Hubert beugte sich daher recht zufrieden wieder über den Motor. „Tja, die sind halt nur scharf auf den Haupttross!“
„Aber es gibt doch gar kein Haupttross mehr, die haben sich geteilt!“, wandte die Dicke immer noch recht ängstlich ein.
„Das erfassen die von da oben doch nicht so schnell!“
„Verlass dich nicht zu sehr darauf“, knurrte nun auch der kleine, bebrillte Kerl neben dem Bärtigen. „Wir sollten schnell machen, dass wir von hier verschwinden, sonst ...“
„Verschwinden, verschwinden!“, echote Hubert wütend und ruderte dabei wild mit den Armen, deren Hände jetzt je ein Werkzeug umklammerten. „Wohin denn! Ihr wart es doch, die unbedingt wollten, dass wir uns den Zigeunern anschließen. Ihr meintet doch, dass wir dann Ruhe vor den Scheißhajeps hätten. Ihr habt doch mit denen diesen Kackvertrag ausgehandelt, denen dieses bepisste Wohnmobil abgekauft, uns was hat es uns gebracht?“ Seine Augen blitzten nun die ängstliche Schar böse an.
„Sollen ich und Armin dir vielleicht helfen, Hubert?“, meldete sich nun der Schmalgesichtige ziemlich kleinlaut.
„Nein, kann ich auch alleine machen!“, tönte es hinter der Motorhaube hervor.
Nach einem heftigen Wortwechsel ließ sich Hubert dann doch helfen. Es dauerte nicht lange und dann kamen zu Margrits Verwunderung auch noch die drei ängstlichen Damen hinterher. Sie schauten mehr oder weniger sorgenvoll Richtung Wald zum Himmel, während die Männer eifrig darüber beratschlagten, wie man diese alte Zigeunerkiste wieder in Gang bekommen konnte.
Margrit meinte, dass dies ein günstiger Moment wäre, sich der Gruppe anzuschließen und trat darum beherzt aus ihrem Versteck hervor. Die drei Frauen beäugten Margrit ausgesprochen missmutig und ärgerlich. Waldtrauds Blick blieb dabei besonders an Margrits bunter Zigeunertracht haften.
„Nein!“, beantwortete sie Margrits Bitte. „Wir nehmen keine Zigeuner in unser Wohnmobil! Es ist bereits für drei Paare zu eng!“ Die anderen Damen nickten dabei bestätigend und aufgeregt der Dicken zu.
„Da können Sie so gut Deutsch sprechen wie Sie wollen!“, mischte sich nun auch die zierliche Person ein.
„Sehr richtig“, meldete sich die Grosse, Hagere, welche ihre schulterlangen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden trug. „Schließlich habt ihr uns ja all den Ärger gebracht!“
„Wir sind durch euch buchstäblich vom Regen in die Traufe gekommen!“, bestätigte die Dicke und dann lachten alle drei ärgerlich auf.
„Also?“, bemerkte nun der große, graublonde, etwa fünfzigjähriger Mann mit dem Stirnband und seine Augen funkelten Margrit an.
„Was ... also?“, wiederholte Margrit unsicher und wandte sich nach ihm um.
„Armin meint, du fährst nicht mit!“, erwiderte die Dicke für ihn hochnäsig. „Also, nur zu, lauf alleine durch diesen Wald oder sonst wo hin!“ Sie lachte nun meckernd wie eine Ziege.
Margrit wusste, dass es wenig Zweck haben würde, diesen Menschen zu erklären, dass sie keine Zigeunerin war. Es gab viele aus diesem Volk, die seit ihrer Kindheit in Deutschland lebten und daher sehr gut deutsch sprechen konnten. Was sollte sie da entgegnen?
„Nun macht mal halblang!“, brüllte sie nach kurzem Nachdenken wütend. „Ihr werdet mich mitnehmen oder soll ich etwa das Wohnmobil alleine fahren, nachdem ich von dieser Waffe hier“, sie holte dabei die außerirdische Einhandküche, welchen sie die ganze Zeit hinter ihrem Rücken versteckt gehalten hatte, mit gewichtiger Miene hervor und hielt ihnen den Schnorchel wie einen Lauf entgegen, „Gebrauch gemacht und euch eure dämlichen Gehirne aus euren sechs Dickschädeln gepustet habe?“
Alles stand nun mit offenen Mündern da und betrachtete mit angehaltenem Atem das unheimliche Ding, welches Margrit auf sie gerichtet behielt. Selbst die drei Männer, Hubert, Armin und Wilhelm, die gerade ihre Reparatur beendet hatten, hatten noch nie so etwas Entsetzliches wie diese stachelige Waffe gesehen.
Kurz darauf saß Margrit dann auch auf der hinteren Bank des kleinen Wohnmobils und der Wagen ruckelte wie ein Lämmerschwanz hin und her über die Schlaglöcher der alten Schnellstraße.

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Gulmur hockte indes gemütlich in einer Höhle. Seine gesprenkelten Augen blinzelten in die kleinen Flämmchen, die langsam ausgehen wollten. Er schob noch ein Stück Holz in die Glut, rülpste zufrieden und beleckte sich dabei die breite Schnauze. Bei Ubeka und Anthsorr, das war wirklich sehr lecker gewesen. Lediglich die knusprig gebratenen Hinterbeine und der lange Schwanz baumelten vom Spieß bis zu den Holzscheiten hinab, wo sie ein bisschen ankohlten.
Das nackte Tierchen, welches Gulmur vorhin mit Hilfe einer kleinen List überrumpelt und sodann erlegt hatte, war derart fett gewesen, dass Gulmur diese drei gewiss auch sehr köstlichen Teile einfach nicht mehr hatte schaffen können. Immerhin zeugten die Rippen, welche kahl am Holzspieß hingen, und der gründlich benagte Kopf davon, wie viel er davon verspeist hatte. Behaglich strich er mit der haarigen Pranke über seinen gefüllten Bauch und dann ließ er sich mit einem leisen Seufzer einfach rückwärts gegen die kühle Felswand plumpsen. Xorr, es war zwar eine furchtbare Nacht und ein schlimmer Morgen gewesen, aber letztendlich hatte ihn Faisan, das Glück, doch noch auf seinem schwierigen Wege begleitet.
Er ging all das, was er erlebt hatte, noch einmal durch, sah dabei auch das Bild vor sich, wie er oben im Baum gehockt hatte, einen großen, schweren Ast in den Pranken haltend, die plötzlich umher sausenden Lais dabei scharf beobachtend. Es war sehr günstig für ihn gewesen, dass er nicht nur eine moosgrüne Haut besaß und dadurch zwischen Blättern und Tannennadeln schwer auszumachen war, sondern auch, dass ihn die Hajeps für längst im Fluss ertrunken hielten und dass sich die Zigeuner so plötzlich mit denen zerstritten hatten. Das hatte die Hajeps unachtsam werden lassen und Gulmur die Chance gegeben, den Ast einem Piloten, der gerade mit seinem Lai allein am Baum vorbeigesegelt kam, über den Schädel zu ziehen. Fast gleichzeitig war Gulmur in das Lai gesprungen, hatte dabei auf den Niniti aufgepasst, dem Piloten den Waffengürtel und die Munition abgenommen und ihn dann kurzer Hand über Bord geworfen.
Nun besaß er jede Menge Waffen und anderes technisches Zeug, was er noch erforschen wollte, und ein schönes Lai, das er neben sich in der geräumigen Höhle dieses Bergmassivs geparkt hatte. Er beugte sich vor und zupfte sich eine Kralle aus den feinen Knöchlein, die einstmals ein niedliches Vorderpfötchen gewesen waren, um sich damit ein Fleischrestchen, welches sich zwischen seine mächtigen Schneidezähne festgesetzt hatte, herauszupulen. Na ja, an einigen Stellen war das ´Wein´ schon ein wenig zäh gewesen. Konnte es sein, dass er es ein bisschen zu kurz oder gar zu lange gebraten hatte? Er hatte von solchen Dingen keine Ahnung. Oder war das Tierchen schon ziemlich alt gewesen? Wie dem auch sei, er war rundum zufrieden.
Bei Nireneska und Japongati hatte er sich schon über das Kontaktgerät gemeldet und ihnen gesagt, wenn sie nicht dem Agol Meldung erstatteten, dass Gulmur ein Teil von Danox besäße, würde er dieses den Jisken schenken.
Schon kurz danach bekam er Nachricht, dass seine Familie noch lebte und die Vollstreckung der Todesurteile erst dann stattfinden würde, wenn es dem Agol besser ginge. Gulmur kannte sich mit solchen Verletzungen aus, die Oworlotep erlitten hatte. Es würde noch ein Weilchen dauern, bis er einigermaßen gesund sein würde, und bis dahin hatte Gulmur hoffentlich alle Teile von Danox aufgetrieben.
Aber vielleicht verband Gulmur sich ja auch mit den Jisken und befreite mit deren Unterstützung seine Familie! Er kannte in Zarakuma sozusagen jeden Winkel, schließlich hatten er und seine Kameraden nicht nur bei der Erbauung doska ygons, des bunten Zauns, mithelfen müssen, sondern auch an Lakeme, den großen Palast und Regierungssitz Scolos wäre ohne die Arbeit von Trowes gar nicht zu denken gewesen. Gulmur traute es sich sogar zu, auch im Alleingang mit Hilfe dieses Lais seine Familie aus Zarakuma herausholen zu können Jedoch musste das alles akribisch geplant sein. Darum war Zeit für Gulmur im Augenblick das Allerwich¬tigste!

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Munk klapperte mit den zahnlosen Kiefern. Ach, war ihm kalt! Schon wieder hatte er am ganzen Körper eine Gänsehaut. Warum war er auch die ganze Zeit diesem komischen Tier gefolgt? Er hatte sich irgendwie zu diesem Fuchs hingezogen gefühlt, weil der auch kaum noch Fell an seinem Körper gehabt hatte und wegen der Annahme, der würde wegen seiner Nacktheit bald eine Höhle für sie beide aufgetrieben haben. Aber das war gar nicht so gewesen, der räudige Fuchs war nur immer weiter und weiter ziellos bis zu diesen Bergen gelaufen. Schließlich hatten sie beide genau vor dieser Höhle eine leckere, frisch erschlagene Maus gefunden und der Fuchs hatte nicht geteilt, sich ganz alleine darauf gestürzt und war damit blitzartig im Inneren der Höhle verschwunden.
Munk war darüber dermaßen enttäuscht gewesen, dass er erst einmal an Ort und Stelle in einen tiefen Erschöpfungsschlaf gefallen war. Ach, er hatte immer nur Pech! Traurig hob er nun die kleine Nase, sog dabei den herrlichen Duft von gebratenem Fleisch ein und schluckte. Aus der Höhle kringelte sich ihm schon seit einem ganzen Weilchen Rauch entgegen. Jetzt wurde der Fuchs von diesem Zweibeiner, der das Feuer gemacht hatte, bestimmt abgefüttert. Er kannte die Zweibeiner, die dachten nur an ihr Tier, da brauchte man erst gar nicht anfangen zu betteln! Es waren schlimme Zeiten und es hatte wirklich keinen Zweck, in die Höhle hinein zu laufen.
Noch verdrießlicher als zuvor machte der Kater deshalb kehrt und lief ein Stückchen der Sonne entgegen, damit ihm wärmer wurde und dann den Abhang hinab. Wie gut, dass er so ein schlauer Kopf war, denn so konnte er sich manche Enttäuschung ersparen. Er leckte sich dabei gedankenversunken über die nackten Vorderpfoten.
„Haben wir dich endlich!“, kreischte jemand plötzlich freudevoll und dann fühlte er, dass er beim Genick gepackt und hochgehoben wurde. Ein ziemlich starker Rasierwasserduft stieg ihm dabei unangenehm in die Nase. „Gesine, hol doch mal ein Deckchen für unseren Munk aus dem Wagen. Der Kater zittert ja richtig!“, hörte er die höchst vertraute Männerstimme und Munks nackte Ohren zuckten freudevoll.
„Also George, was willst du denn mit dieser kranken Katze?“, seufzte Gesine, rannte aber zum Jambuto und kam ziemlich außer Atem wieder. „Du wirst dich anstecken“, schnaufte das Mädchen, während sie den laut schnurrenden Munk schließlich gemeinschaftlich in die Decke wickelten. „Du bist wirklich vollkommen verrückt, das kann ich dir nur sagen!“
„Ach, Gesine, nun tu mal nicht so, als hättest du ein Herz aus Stein!“
Munk schmiegte sich nun eng an George und schnurrte dabei wie ein ganzes Sägewerk. Hm ... hmmmm, ach, er war ja so glücklich. Bestimmt bekam er gleich Fresschen. Er beleckte sich bei dem Gedanken schon mal die schwarz weiß gescheckte Schnauze,
Gesine schüttelte den Kopf und lief mit den Händen in den Hosentaschen neben George her, der mit Munk in den Armen nur sehr mühselig hinab hinkte. George beugte sich, kaum unten angekommen, ein wenig vor und gab Gesine einen Kuss auf die leicht gerötete Wange.
„Danke, dass du mir Verrücktem die ganze Zeit so tapfer zur Seite gestanden hast, Gesine!“ Und dann humpelte er die schmale Landstraße entlang auf den Jambuto zu.
„War manchmal aber auch wirklich an der Grenze meiner Nervenbelastung, George!“ Sie schlenderte ihm hinterher.
„Du meinst, die Sache mit den Leichen?“, fragte er und versuchte dabei Munk von seiner Schulter zu holen, auf die der inzwischen geklettert war.
„Jiskenleichen, George, das ist noch ganz etwas anderes als Leichen von Menschen! Lila Haut, gelbe Augen und so weiter!“
„Fandest du sie gar so erschrecklich? Die meisten Leichen hatten doch die Hajeps bereits in angenehme Humushäufchen verwandelt! Guck mal, Munks Schwanz, der pellt sich ja richtig!“ George pustete einen feinen Hautlappen von seiner Schulter.
„Angenehme Häufchen!“, äffte Gesine ihn nach. „Du gebrauchst vielleicht komische Worte für schlimme Dinge, George! Man, wir sind vorhin freiwillig in den Wald gegangen, wo vor kurzem noch ein fürchterliches Scharmützel stattgefunden hatte. Das hätte auch ins Auge gehen können! Was heißen soll, die hätten uns auch dabei schnappen können und dann wäre es ...“
„Meine liebe Gesine - puh, endlich habe ich den Kater wieder hinunter - es ist aber nun mal gut gegangen!“
„So etwas kann nicht immer gut gehen, George! Wenn ich dabei auch noch an unsere halsbrecherische Fahrt über diese unfertige Brücke denke, nur um diesem Lai hinterher zu jagen, von dem du immer noch behauptest, dass der hier in der Nähe gelandet sein soll“, Gesine schaute dabei mit skeptischem Blick wieder zu den Bergen hinauf, „könnte ich mich jetzt noch darüber aufregen!“
„Gesine - he, der Kater klettert ja schon wieder an mir hoch! Man ist der plötzlich gelenkig geworden! - ich kann nicht dafür, dass die Würzburger die Brücke nicht zu Ende reparieren konnten, weil die Hajeps ihre Stadt überfallen hatten!“
„Trotzdem, welch ein Leichtsinn!“ Sie nahm ihm jetzt einfach die Decke ab, weil Munk partout nicht in dieser eingewickelt bleiben wollte. „Und das alles nur, weil du so verrückt bist zu denken, dass deine geniale Margrit diesen Gleiter den Hajeps geraubt und damit hierher entkommen sein soll, obwohl auch in diesem Wald schon wieder ein schreckliches Gefecht im Gange war. Zum Glück kam das Lai sonst hättest du da wohl auch noch hingewollt.“
„Der Gleiter konnte dem Schlachtgetümmel eben entkommen. Auch du hast ihn doch vorhin hier in der Nähe landen sehen!“ George blickte dabei genau wie Gesine wieder prüfend zu den Bergen hinauf. „Schade, dass ich mit diesem Fuß nicht mehr klettern kann!“, seufzte er.
„Das ist nicht schade, das ist sogar sehr gut!“, murrte Gesine. „Denn wer weiß, wer wirklich in diesem Lai gesessen hat. Und wenn du den überraschen würdest, wäre der vielleicht nicht nett zu dir!“
„Du meinst, ich würde dann vielleicht mein blaues Wunder erleben?“, feixte George.
„Oder womöglich auch ein lilanes? Weiß man es?“
George nickte und kicherte. „Ouuuh!“, krächzte er jetzt verdutzt. „Du machst einen richtig nervös! Beinahe wäre ich gestürzt!“
„Kein Wunder, wenn du hier mit dieser nackten Raubkatze herumrangelst.“ Und schon hatte sie ihm auch noch den verdutzten Munk entrissen.
„Steig erst mal ein George ... he, jetzt hat der mich geküsst!“ Sie grinste und wischte sich gleichzeitig mit dem Ärmel über die Wange. „Man, was tue ich denn heute alles für dich! Ich glaube, ich bin wohl auch ein bisschen verrückt! George, guck nicht so! Sollst ja diesen Racker gleich wieder haben!“
„Und welchen Unsinn machen wir als nächstes?“ Gesine zwinkerte George recht nervös zu, während sie den Jambuto startete. „Halte mir diesen Schnorrer vom Leib, wenn ich fahre, denn der hat es plötzlich auf mich abgesehen!“
„Werde mir Mühe geben! Hm, da wir Margrit leider noch immer nicht gefunden haben“, George hielt Munk jetzt wirklich eisern fest und kraulte ihn mit der anderen Hand dabei nachdenklich zwischen den nackten Ohren, „schlage ich vor, wir fahren erst einmal nach Hause!“
„Na endlich!“ Gesine ließ sich erleichtert nach vorne fallen.
„Sag mal, leide ich plötzlich unter einer Sinnestäuschung oder kommt uns tatsächlich da hinten ein Jambuto entgegen?“ George wies jetzt mit dem Kinn, denn er brauchte inzwischen beide Hände, um Munk fest zu halten, in jene Richtung, wo die Landstraße bergab ging.
„Nicht nur von dort nähert sich ein Auto, George!“, ächzte Gesine überrascht. „Hinter uns kommt gerade ein bunt bemalter Wohnwagen um die Kurve!“
Quatschen, quatschen, quatschen ... und dann noch diese Unruhe! Zweibeiner taten eigentlich nie etwas wirklich Vernünftiges! Munk krauste nun doch recht verdrießlich die nackte Stirn. Wo blieb endlich das Fresschen?

Fortsetzung folgt:
 
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Kommentare  

Auch mir hat dieses Kapitel wieder sehr gut gefallen.

Evi Apfel (26.01.2019)

Es wird ja immer spannender bei dir. Sehr schön auch, dass man sich ganz in die Lage der Katze versetzen kann.

Marco Polo (25.01.2019)

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