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86 Seiten

Die Kinder von Brühl 18/Teil1 - Plumpsklo und Gänseblümchen/17 Episoden

Romane/Serien · Für Kinder
© rosmarin
Die Kinder von Brühl 18

Episodenroman für Kinder ab 10 Jahren und alle Erwachsenen

Einführung

„Die Kinder von Brühl 18“ ist die Geschichte einer Familie, die für Millionen anderer steht, die die damalige Zeit erlebt haben.
Geschildert werden die alltäglichen Heldentaten. Die ganz normalen Kämpfe des ganz normalen Wahnsinns der ganz normalen Menschen in den letzten Kriegsjahren des Zweiten Weltkrieges und des mühsamen Wiederaufbaus des zerstörten Landes im Osten Deutschlands. Erzählt wird von dem Mut, der Kreativität und dem Opferwillen, das Leben nach dem schrecklichen Krieg neu zu beginnen und eine glückliche Zukunft zu gestalten. Und vor allem - Nie wieder Krieg.

Im ersten Teil "Plumpsklo und Gänseblümchen" erzählt das Mädchen Rosi Geschichten aus ihrem Leben von 1943 bis 1952.
Der Schauplatz ist die Thüringische Kleinstadt Buttstädt und besonders das "Haus Brühl 18", in der Rosi mit ihren fünf Geschwistern und den Eltern lebt, und das Dorf Ziegelroda, in dem die Großeltern väterlicherseits einen größeren Bauernhof bewirtschaften, der das zweite Zuhause der Kinder ist.
Die Geschehnisse in und um die Familie herum stehen stellvertretend für die Generationen der damaligen Zeit.


*

Die Kinder von Brühl 18

Teil 1

Plumpsklo und Gänseblümchen

Inhalt

Episode 1 - Das Hexenmärchenhaus
Episode 2 - Karl hat Urlaub
Episode 3 - Karl macht Ärger
Episode 4 - Schwimmen ist ganz leicht
Episode 5 - Richard liebt Else
Episode 6 - Wir werden siegen
Episode 7 - Wir bekommen ein Schwesterchen
Episode 8 - Der Urgroßvater und das Bett mit dem Strohsack
Episode 9 - Richard hat Geburtstag
Episode 10 - Chaos im Luftschutzkeller
Episode 11 - Otto und das Erlebnis mit Gott
Episode 12 - Else hat Scharlach
Episode 13 - Gruselrichards Worschtt
Episode 14 - Gruselrichards Glasauge
Episode 15 - Die Fahrt nach Ziegelroda
Episode 16 - Wally und die Großeltern
Episode 17 - Ein „Tragischer“ Tod


Einführung

Sagen und Geschichten von Buttstädt

Der Teufel und das Kind auf der Waage

Es hat aufgehört zu schneien. Durch die Gassen mit den eng aneinander geschmiegten Häusern pfeift eisig der Wind. Mühsam stapfe ich durch den dicken Schnee. Ich friere in meinem dünnen Mantel. Zitternd schlage ich die Arme umeinander. Ich sehne mich nach dem warmen Ofen. Bestimmt sitzen die anderen schon in der gemütlichen Stube. Und bestimmt warten sie auf mich. Es wird ja auch schon langsam dämmerig.
Doch mein Ziel ist der Marktplatz. Da muss ich unbedingt noch einmal hin. Vor dem Brunnen mit dem Teufel und dem Kind auf der Waage bleibe ich stehen.
„Ein Kind wiegt schwerer als der Teufel.“
Else erzählt oft die Geschichte von dem Kind und dem Teufel. Und jedes Mal etwas anders. Doch ich merke sofort, wenn sie etwas hinzufügt oder gar weglässt. Und jedes Mal bin ich gespannt, was es wohl diesmal sein wird. Meistens jedoch stimmt alles.

*

„Zu Buttstädt auf dem Brühl“, beginnt Else immer, während ein Lächeln um ihre vollen Lippen spielt, „wohnte vor alter, alter Zeit ein Ehepaar. Das war schon lange verheiratet und sehr glücklich. Manchmal aber wurde das Glück getrübt. Denn die Ehe war kinderlos geblieben. Und das Ehepaar wünschte sich doch so sehr ein Kind.
Eines Tages sprachen die Eheleute wieder darüber. Und der Wunsch wurde übermächtig. Das Ehepaar wusste sich keinen Rat mehr. Und als es so traurig vor sich hinstarrte, erschien ihnen plötzlich der Teufel. Das Ehepaar wusste sofort, dass er es war. Dieser Bösewicht. Dieser Verführer, den alle Menschen so sehr fürchten. Da stand er vor ihnen. Gehüllt in einen schwarzen Umhang. Und aus seiner Kapuze ragten zwei kleine, rote Hörnchen. Ganz leise war er durch den Schornstein in die Stube hinein geflogen. Das kann der Teufel. Und unsichtbar machen kann er sich auch. Das macht es den Menschen ja so schwer, ihn zu erkennen. Doch diesmal gab er sich selbst zu erkennen. Er wollte ja etwas von dem Ehepaar.
‚Ich helfe euch‘, sagte der Teufel scheinheilig. Sein Gesicht verzog sich zu einer hinterhältigen Grimasse. ‚Ihr sollt einen Knaben bekommen. Und das Glück der Elternschaft genießen.“
Das Ehepaar wusste vor Freude nicht ein noch aus. Es umarmte und küsste sich und tanzte durch die Stube.
„Doch an seinem vierzehnten Geburtstag soll das Kind mir gehören“, sagte da der Teufel hinterlistig.
Was sollte nun das Ehepaar machen. Es wünschte sich doch so sehr ein Kind. Kommt Zeit, kommt Rat, dachte es und willigte ein.
Und tatsächlich gebar die Frau nach neun Monaten einen Knaben. Zur großen Freude des Ehepaares. Doch immer, wenn sie das unschuldige Kind lächeln sahen, wurde ihnen weh ums Herz.
Der Knabe wuchs schnell heran. Er war fröhlich und fleißig. Und klug. Und er war das größte Glück seiner Eltern.
Doch allmählich wurde dem Ehepaar bang und bänger. Denn der vierzehnte Geburtstag des Knaben rückte immer näher. Wenn die Eltern ihr wohlgeratenes Kind ansahen, stiegen ihnen immer öfter die Tränen in die Augen. Sie wussten ja, der Teufel würde Wort halten. Er würde sein Recht einfordern. In ihrer Not hatten sie ihm ja ihr Kind versprochen.
Und so geschah es.
„Ich will mein Kind.“ Der Teufel stand am vierzehnten Geburtstag des Knaben wieder in der Stube. „Ihr habt es mir versprochen“, sagte er und lachte böse.
Das Ehepaar flehte in seiner Verzweiflung zu Gott, er möge das Unglück von ihnen abwenden.
Da sandte der Herr einen Engel. Der gebot dem Teufel, sich auf die Schale einer Waage zu setzen.
Der Engel legte das Kind in die andere Schale und sagte: ‚Wenn dieser Knabe schwerer ist als du, Teufel, sollst du ihn bekommen. Wie versprochen.‘
‚Abgemacht‘, erwiderte der Teufel im Bewusstsein seines Sieges.
Da sank die Schale, in der der Knabe saß, tief hinab.
‚Bringt mir einen Mühlstein!‘, rief der Teufel zornig. Er konnte nicht akzeptieren, dass ein Kind mehr wiegen sollte, als er. Der Teufel.
Das Ehepaar wälzte einen schweren Mühlstein heran. Mit großer Mühe hob es ihn auf die Waagschale, in der der Teufel saß.
Doch es nutzte nichts. Das Kind war und blieb schwerer als der Teufel.
Da ging dieser zornig von dannen.“
Else legt immer eine kleine Kunstpause ein, bevor sie abschließend fortfährt: „Und zum Andenken an diese wahre Geschichte hat man auf dem Ratsbrunnen einen Engel mit einer Waage abgebildet. In der einen Schale sitzt der Teufel mit dem Mühlstein und in der anderen der Knabe.“
*
Nachdenklich steige ich die vier Stufen hinauf zum Brunnen. Wenn ich einen Pfennig besäße, würde ich ihn hinein werfen. Zu den anderen Pfennigen, die auf dem Grund des Brunnens liegen. Wie verführerisch sie glänzen. Im Sommer jedenfalls. Und im Frühling. Und sogar im Herbst. Und im Winter auch. Das heißt, wenn kein Schnee liegt. Jetzt bedeckt eine dicke Schneeschicht die Geldstücke. Sie sollen ja Glück bringen.

***

Der Engel auf der Spitze des Kirchturms

Glück kann man immer gebrauchen, denke ich. Wie damals. Da hatte nämlich ein Engel die Stadt Buttstädt vor den Feinden gerettet.
Ich schaue zu dem Engel auf der Spitze des nahen Kirchturmes. Der Engel hält eine Flöte in den Händen. Er ist Wetterfahne und Wahrzeichen von Buttstädt auf dem Turme der Michaeliskirche. Seinerzeit hat er den Menschen in Buttstädt wirklich Glück gebracht. Damals vor langer Zeit. In den Hussitenkriegen. Denn als die Feinde nahten, hatte plötzlich ein Engel auf einer Flöte eine traurige Melodie gespielt. Diese Melodie haben alle Menschen in der Stadt gehört. Und somit sind sie auf die Gefahr aufmerksam gemacht worden. Sie konnten die Stadttore schließen und sich verstecken. Aus Dankbarkeit hat man den Engel dann als Wahrzeichen von Buttstädt genommen. So ist es überliefert.

Liebend gern würde ich auch Flöte spielen. Dann könnte ich auch die Menschen vor den Feinden warnen. Aber ich habe noch keine Feinde gesehen. Und eine Flöte besitze ich schon gar nicht. Im Wohnzimmer steht nur ein altes Harmonium. Für Else. Sie kann auch Mandoline spielen. Aber es fehlt eine Saite, seitdem sie ihrem Musiklehrer eine mit der Mandoline übergezogen hat, weil er frech werden wollte.
Fröhlich winke ich dem Engel auf der Kirchturmspitze zu. Dann stapfe ich weiter durch den dicken Schnee.
Ja, schön sind die alten Sagen und wundersamen Märchen. Else und Berta erzählen sie oft. Doch die Geschichten aus der Bibel sind die schönsten Märchen. Sie sind Ottos Metier. Elses Vater. Er ist Prediger und weiß somit am besten Bescheid.

***

Die Schule und der Rossplatz

Eine enge Straße noch. Dann stehe ich vor meiner Schule. Einem dreistöckigen Gebäude im roten Backsteinbau. Nächstes Jahr soll ich eingeschult werden. Genau gegenüber vom Rossplatz.
Auf dem Rossplatz war im Mittelalter der Ochsenmarkt. Händler aus aller Herren Länder verkauften hier ihr Vieh. Besonders das Ochsenvieh. Deshalb nannte man Buttstädt auch scherzhaft Ochsenbuttscht. Zigeuner und Händler aus Polen und Ungarn trieben ihre riesigen Viehherden hierher, um sie zu verkaufen. Sie waren damals eine wichtige Einnahmequelle für die Stadt. Später, als die Menschen nicht mehr so viel Schlachtvieh wollten, wurde aus dem Ochsenmarkt ein Pferdemarkt.
Es war ein Volksfest. Mit allem, was dazu gehört. Stände mit Obst und Gemüse, Eiern von den Bauernhöfen, Butter und Käse. Verschiedene Öle. Sauerkraut. Eingelegte Gurken. Süße Kuchen und bunte Plätzchen, Lakritze und anderes Süßzeugs gab es dort zuhauf. Alles selbstgemacht.
Später gesellten sich die Handwerkerstände hinzu. Die Händler boten Spielzeug an. Puppen, Puppenhäuser, Schaukelpferde und Bauerhöfe. Auch geflochtene Weidenkörbe. Jedes Jahr gab es etwas Neues zu entdecken. Bald kamen auch die Spaßmacher. Die Harlekine. Sie unterhielten das Publikum mit frechen Versen und Liedern. Auch Zigeuner in ihren bunten Kleidern tanzten ihre Zigeunertänze. Dazu spielten sie traurige Melodien auf ihren Geigen. Manchmal auch lustige. Und das Volk stand im Kreis um sie herum und klatschte. Ein buntes Treiben soll das gewesen sein.
Jetzt liegt der Rossplatz verlassen. Kein Wunder. Es ist ja auch Winter. Und eine dicke Schneedecke liegt über ihm.

***


Der Brühl und das Märchenhexenhaus

Ich stapfe zurück zum Brühl. Meiner Straße. Meiner Straße mit dem Märchenhexenhaus. So nenne ich immer mein Haus. Weil es so klein ist. Und doch auf seine Art gemütlich. In dem Haus hatten schon Berta und Otto gewohnt. Davor Ottos Eltern. Und davor wieder die Eltern und wieder die Eltern. Das Haus ist eines der ältesten in der Stadt. Sie erhielt im Jahre achthundert das Stadtrecht. Zur Kaiserkrönung Karl des Großen. So jedenfalls erzählt man es sich.

Allerdings stimmt das nicht laut Wikipedia, denn:

*

Die erste schriftliche Erwähnung des Ortes Buttstädt erfolgte als Butesstat im sogenannten Breviarium Sancti Lulli zwischen den Jahren 775 und 786, als die Schutzherrschaft Karls des Großen über das Kloster Hersfeld begann. Markgraf Ekkehard von Meißen wurde reichlich 100 Jahre später als Stadtgründer genannt. Im 9. Jahrhundert wurde der Ort in Unterlagen des Klosters Fulda genannt. Die Schenken von Großvargula besaßen um 1214 in Buttstädt Eigengüter und Lehen der Abtei Fulda und der Landgrafen von Thüringen.[2] 1249 hielt Markgraf Heinrich III. von Meißen einen großen Gerichtstag ab. Seit 1331 ist der Ort eine Stadt, das Stadtrecht selbst wurde jedoch erst 1392 verliehen. Ab 1408 erhielt die Stadt eine eigenständige Gerichtsbarkeit. 1335 wütete ein Großbrand in der Stadt, 1350 brach die Pest aus. 1408 erhielt Buttstädt die vollständige Gerichtsbarkeit und das Vogteirecht. 1418 wurde auf einem alten Pergamentdokument der Allerheiligenmarket erwähnt. 1433 stellte Landgraf Friedrich IV. der Stadt einen „Begnadigungsbrief“ aus. Ein erneuter Großbrand suchte die Stadt in 1450 heim und vernichtete fast alle Häuser.

*

Der Brühl selbst ist noch älter. Das sieht man schon an dem unregelmäßigen, kleinen Kopfsteinpflaster.
Gegenüber von Brühl 18 gibt es noch ein uraltes Haus. Das ist das Haus, in dem die Eheleute dem Teufel ihr Kind versprochen haben und er es nicht bekommen hat.
Ich hätte dem Teufel auch nicht mein Kind gegeben. Gott ist stärker als der Teufel.

***




Die Kinder von Brühl 18


Teil 1

Plumpsklo und Gänseblümchen


Wir schreiben das Jahr 1943


Episode 1

Das Hexenmärchenhaus


Von dem Kopfsteinpflaster ist jetzt nichts zu spüren. Der Schnee hat eine dicke Decke darüber gelegt. Einen weichen, flauschigen Teppich.
Vom Frühjahr bis zum Herbst, manchmal sogar im Winter, lugen zwischen den ungleichmäßigen Steinen dünne Grashalme hervor. Ich und Else rupfen sie immer aus. Es soll ja alles seine Ordnung haben.
Doch in diesem Winter werde ich wohl kein Hälmchen erblicken. Dieser Winter ist zu hart. Ein Wunder nur, dass das mit grauen Schiefern gedeckte Dach die dicke Schneeschicht aushält. Die grauen Schiefer schmücken auch den oberen Stock des kleinen Hauses. So sieht das Haus wie ein Märchenhaus aus. Ein Hexenmärchenhaus.

Wie so oft stelle ich mir vor, dass die Schiefer aus Lebkuchen wären. Verziert mit den leckersten Süßigkeiten. Zuckerplätzchen und Marzipan. Und Schokolade. Und Liebesperlen. Zum Beispiel. Wie gerne würde ich daran knabbern. Und wenn die böse Hexe dann sagen würde:
„Knusper, knusper knäuschen, wer knuspert an mein’ Häuschen?“, würde ich erwidern wie im Märchen: „Der Wind, der Wind, das himmlische Kind.“ Die Hexe würde dann zur Tür heraustreten, um nachzuschauen, ob es stimmt. Und diese Gelegenheit würde ich nutzen und die Hexe ganz schnell in das Haus zurückstoßen. Hinein in den Ofen, aus dem die Flammen schon züngeln. Dann würde ich ganz schnell die Ofentür verriegeln und das Haus verlassen. Und zusehen, wie die böse Hexe als Rauch durch den Schornstein fliegt. Hinein in den trüben Himmel. Haha. Weg wäre sie. Für immer. Die böse Hexe. Und der Hänsel brauchte keine Angst mehr zu haben.

*

Weg mit den Spinnereien. Das mag Else gar nicht. Entschlossen drücke ich die Klinke nieder. Die ist aus Eisen. Und ganz schön schwer. Und an der blau gestrichenen Holztür sieht sie echt witzig aus. Sie ist so niedrig angebracht, dass wir Kinder sie mühelos erreichen können. Ganz oben an der Tür ist eine Ablage. Darauf liegt immer der Schlüssel für die Erwachsenen. Aber das ist geheim. Und es ist mein Geheimnis. Ich habe es entdeckt, als ich zufällig mal gesehen habe, wie Else den Haustürschlüssel dort ablegte. Ist ja auch logisch. Der Schlüssel ist ziemlich groß und auch aus Eisen. Warum sollte sie ihn da mit sich rumschleppen.
Die Türglocke schellt.
„Da bist du ja endlich.“ Else eilt von dem Wohnzimmer in den eiskalten Flur. „Schnell zieh die Schuhe aus. Du bist ja ganz erfroren. Was treibst du dich auch bei dem Wetter draußen rum.“ Hastig zieht sie mich ins Wohnzimmer. „Wir müssen morgen die Ohrenschützer abliefern“, sagt sie ungehalten. „Wir brauchen dich hier. Das weißt du doch.“
„Ja, ich weiß“, sage ich schuldbewusst in Elses vorwurfsvolles Gesicht. „Aber, aber ich wollte noch einmal zu meiner Schule.
„Du immer mit deinen dummen Sachen“, schimpft Else. „Ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht, wie ich euch durchbringen soll. Und du gehst ständig auf Wanderschaft. Oder träumst vor dich hin. Wach endlich auf. Es ist Krieg. Dein Vater ist an der Front. Vergiss das nicht. Die Soldaten brauchen unsere Hilfe.“
„Ja Mama.“ Nur Else nicht verärgern. Sie hat schon genug am Hals. Artig setze ich mich an den Tisch. Jutta und Karlchen sitzen auf ihren Holzstühlen. Sie arbeiten schon fleißig.
Mit heraushängender Zungenspitze zwischen ihren leicht geöffneten Lippen schneidet Jutta die vorgezeichneten Teile aus. Karlchen stapelt sie gewissenhaft übereinander.
Die Ohrenschützer müssen schnell fertig werden. Die Soldaten brauchen sie dringend in diesem kalten Winter vor Moskaus Toren. Auch Mützen, Schals und Pullover müssen für sie gestrickt werden. Vielleicht braucht unser Vater ja auch etwas Warmes zum Anziehen.

Else hat die blaue Lampe mit den gelben Blumen von der niedrigen Decke gezogen. Ihr funzeliges Licht fällt anheimelnd auf das blanke Holz des ovalen Tisches. Darauf liegen die Teile für die Ohrenschützer. Zwischen Leim, Nadeln, Zwirn und Scheren.

Else nimmt einige Holzscheite aus dem Weidenkorb. Der steht immer neben dem kleinen, schwarzen Kanonenofen. Vorsichtig schiebt sie die Scheite langsam in das Ofenloch. Dann riegelt sie die Tür wieder zu. Und sofort wird es in der kleinen Stube gemütlich warm, Doch die Wärme des Feuers hat nicht die Kraft, die Eisblumen an den zwei Fenstern abzutauen. Und der eisige Winterwind ächzt gruslig durch das ganze Haus

„Bitte, Mama, erzähl noch mal von meiner Geburt“, bettle ich Else an. „Dann kann ich flinker arbeiten.“
„Das kannst du doch bald singen.“ Else schüttelt ihren Kopf. „Na, gut“, lenkt sie dann ein. „Aber nur noch einmal.“
Wir Kinder rücken mit unseren Holzstühlen näher an Else heran. Wir sind begierig, noch einmal, nur dieses eine, allerletzte, einzige Mal, dieser wundersamen Geschichte meiner wundersamen Geburt zu lauschen.

*

„Das war so“, beginnt Else leise, „eigentlich war es noch nicht so weit. Wir hatten noch vier Wochen Zeit.“ Else schaut mich an, als hätte ich damals schon, also vor oder während meiner Geburt, etwas zu sagen oder zu wollen gehabt. Ein Mitspracherecht sozusagen. Aber dem war nicht so. Ich musste alles über mich ergehen lassen. Wie meistens jetzt auch. Na, erinnern kann ich mich sowieso nicht. Also ist es auch egal. „Ich bekam plötzlich heftige Leibschmerzen“, erzählt Else weiter. „Vielleicht kommt das von dem warmen Zwetschgenkuchen, den ich vorhin gegessen hatte, dachte ich. Ich hatte nämlich ein Stück, vielleicht waren es auch zwei, von dem frischen Zwetschgenkuchen gegessen. Ich habe ihn buchstäblich hinuntergeschlungen. So einen Heißhunger hatte ich. Nun tat mir der Bauch weh. Das war die Strafe. Sie werden schon wieder vergehen, dachte ich. Doch sie vergingen nicht. Sie wurden noch heftiger. Also ging ich auf den Hof. Die Sonne schien. Es war noch schön warm. Obwohl es ja schon Mitte September war. Und es war Mittagszeit.
Vor Schmerzen stöhnend, setzte ich mich dann auf das Plumpsklo. Ich drückte und drückte. Aber es kam nichts. Da, plötzlich, schoss es mir durch den Kopf, dass du vielleicht schon kommen könntest.“
Else sieht mich wieder so komisch an. „Du bist ja mein erstes Kind“, sagt sie. Als ob ich das nicht wüsste. „Und ich wusste natürlich nicht, was Wehen sind. Aber ich wusste, dass du jetzt diese Welt erblicken wolltest. Fast einen Monat zu früh. Du warst schon damals so neugierig. Na gut, langer Rede, kurzer Sinn. Ich fühlte dich kommen. Und das auf dem Plumpsklo. Mein Gott! ‘Karl, Karl' rief ich euren Vater. ‚Lauf schnell, hol' die Hebamme, das Kind kommt!' Karl rannte, die Hebamme zu holen. Doch als sie kam, hatte sie nicht mehr allzuviel zu tun. Du warst schon da. Du hingst nur noch an meiner Nabelschnur. Mit dem Kopf fast in der Scheiße“, lacht Else. Sie kann sich immer wieder aufs Neue über dieses makabre, ganz besondere Ereignis amüsieren. „Ja, so war das“, sagt sie dann betont ernst.


*

Ja. So war das. So fing alles an. Mit fast in die Scheiße fallen. Geboren auf einem Plumpsklo. Wie oft habe ich in meinem späteren Leben gedacht, wenn mir die skurrilsten, lustigsten oder auch sehr traurigen Dinge passierten: Kein Wunder, wenn man auf einem Plumpsklo geboren wurde. Fast in der Scheiße.
Das Plumpsklo wurde ja nie regelmäßig entleert. Naja, es war ja nur fast. Und wenn man am Abgrund steht und nicht abstürzt in die Tiefe, ist es immer nur fast.

„Scheiße sagt man nicht“, rügt Karlchen altklug. Auch betont ernst.
„Das ist nun schon fünf Jahre her“, ignoriert Else seinen berechtigten Einwand.

Scheiße war ein verpöntes Wort. Und die Geschichte eine schöne Geschichte. Und Else hat immer besonders genüsslich das verpönte Wort gesagt.

Else steht auf. Sie öffnet die Tür, die das Wohnzimmer von der schmalen Küche trennt, damit es etwas wärmer wird. Und tatsächlich zieht eine dumpfe, koksige Wärme, die die weiße Grude verströmt, in die Stube.

„Und als ich kam, hast du gesagt: ‚Kind fahr wieder in die Heimat’“, piepst Jutta.
„Ja, weil du so klein und dünn warst.“ Else setzt sich wieder an den Tisch.
„Und ich auch?“, meldet sich Karlchen zu Wort.
„Du nicht.“ Else lacht. „Du warst ein strammes Wonnebaby. Und heiß erwartet. Rosi sollte ja schon ein Junge werden.“
„Aber als ich in dem Plumpsklo geboren wurde, war noch kein Krieg. Stimmt’s Mami?“, will ich wissen.
„Stimmt. Erst ein Jahr später. Am 1.September 1939. Da eroberte die Deutsche Wehrmacht Polen.“
„Was ist Polen Mama?“, frage ich
„Polen“, sagt Else, „Polen ist ein Land neben uns.“
„Und Wehrmacht?“
„Das sind die deutschen Soldaten“, erwidert Else unwirsch. „Jetzt ist aber Schluss mit der dummen Fragerei.“
„Mädchen ist besser“, stellt Karlchen fest.
„Wieso das?“
„Die müssen nicht in den Krieg.“
„Wer weiß.“ Elses Gesicht wird ganz ernst.
„Aber wir siegen.“
„Wie kommst du denn darauf?“ Else sieht mich verwundert an. „Das hat doch Papa gesagt“, erinnere ich sie, „als wir ihn am Bahnhof verabschiedet haben. Weißt du das nicht mehr? ‚Mit Gott und Vaterland!’ hat er aus dem Fenster gerufen.
„Wirklich?“, wundert sich Else.
„Ja, Von dem Transportzug“, sage ich. „Und ‚Wir werden siegen! Bald bin ich wieder bei euch. Und die anderen Soldaten haben auch gerufen: ‚Wir werden siegen!’“
Else blickt sinnend auf ihre Hände. „Das ist lange her“, sagt sie dann leise. „Nur Gott weiß, wie der Krieg ausgeht.“

*

Die Schlacht um Leningrad ist verloren. Die 6. Deutsche Armee hat kapituliert. Nach einer Großoffensive sind 200000 Wehrmachtssoldaten von der Roten Armee eingekesselt worden. Zwei Drittel der Soldaten sind in den folgenden Wochen und Monaten vor Hunger, Kälte und Erschöpfung gestorben. Oder bei den zahlreichen Kämpfen mit den Sowjets. 90000 sollen in Kriegsgefangenschaft umgekommen und die Hälfte davon in den Lagern an Fleckfieber gestorben sein. Und Zehntausende sind auf den langen Märschen in die sibirischen Lager gestorben.

So jedenfalls hat es Richard gesagt. Im Radio hört man davon natürlich nichts.
„Der Krieg kehrt zu uns zurück“, prophezeit Richard bei jeder Gelegenheit. „Wie ein Bumerang. Wir müssen auf das Schlimmste gefasst sein.“
Richard hat seine Weisheiten vom Feindsender. Den zu hören, ist natürlich verboten. Richard hört ihn aber trotzdem.
Else ist damit überhaupt nicht einverstanden. „Du bringst uns noch in Teufels Küche“, tadelt sie Richard jedesmal.

*

„Und nun müssen wir uns beeilen“, fordert Else uns jetzt auf. „Wir müssen unsere Pflicht tun und etwas zur Rettung unserer tapferen Soldaten beitragen.“

Wir Kinder bekommen nicht viel mit von den Schrecken des Krieges. Er ist Alltag. Und weit weg. Die Nachrichten aus dem Volksempfänger, der in der kleinen Stube einen Ehrenplatz auf einem besonderen Regal innehat, gleich rechts neben der Tür, interessiert uns nicht besonders. Für uns ist wichtig, was wir von den Erwachsenen aufschnappen.

Von Karl haben wir lange nichts mehr gehört. Mir ist, als hätte es ihn nie gegeben. Und ich schämt mich dafür. Inbrünstig bete ich jeden Tag zu Gott, ihn gesund wieder nach Hause kommen und nicht in der sibirischen Kälte sterben zu lassen.

***

Episode 2

Karl hat Urlaub

"Maikäfer fliege, der Vater ist im Kriege", trällere ich lustig vor mich hin, "die Mutter ist im Pommerland, Pommerland ist abgebrannt, Maikäfer fliege. Der Vater ist im Kriege ...

Übermütig hüpfe ich den schmalen Pfad entlang. Bestimmt schlängelt der sich schon hunderte Jahre neben den Alten Bach. Warum sonst heißt der Alte Bach alter Bach. Der Alte Bach ist fast so schmal wie der ausgetretene alte Pfad. Jedenfalls kann ich mit Leichtigkeit darüber springen. Auf der anderen Seite locken die hügeligen grünen Wiesen. Darauf stehen uralte, verknöcherte Weidenbäume. Aus den dünneren Zweigen basteln wir uns manchmal Flitzebogen und spielen Jäger.
Ich springe über den Alten Bach. Hinüber. Zurück. Hinüber. Zurück. Endlich stehe ich auf der Mannstedter Straße. Mannstedt ist ein winziges Dorf. Es hat vielleicht so zwanzig Bauernhäuser und ist nur einen Kilometer von Buttstädt entfernt.
Die Straße ist wunderschön. Trotz oder gerade wegen ihrer vielen Schlaglöcher. Etwas geheimnisvoll Unergründliches scheint diese Straße zu bergen. Sie ist meine Lieblingsstraße. Ich muss einfach auf ihr entlang spazieren. Weiter, immer weiter.
Zu beiden Seiten der Straße stehen die alten Obstbäume. Pflaumen, Äpfel, Kirschen. Alles blüht und duftet.
Die Welt ist wie verzaubert. Vom Frühling verzaubert.
Dieser Frühling ist wie jeder Frühling ein ganz besonderer Frühling. Butterblumen, Margeriten, Sumpfdotterblumen und die blauen Veilchen, die sich immer irgendwo verstecken, leuchten aus dem üppigen Grün der Wiesen. Hummeln und Bienen summen und setzen sich auf die Blüten.

Schnell laufe ich weiter. Hin zum Bahndamm. Kaum angekommen, klettere ich den Abhang hinauf. Gespannt lege ich meinen Kopf auf die Schienen. Das ist jedes Mal ein tolles Gefühl. Prickelnd und gruselig. Die Schienen liegen fest auf den schweren Bohlen. Sie bewegen sich nicht. Alles ist ruhig. Noch. Erwartungsvoll presse ich mein rechtes Ohr darauf. Bestimmt wird der Zug gleich angebraust kommen. In Gedanken höre ich schon die Lokomotive schnaufen. Sehe die Funken sprühen. Dann die Lok drohend um die Kurve keuchen. Doch bevor sie mich erreicht, rolle ich schnell zur Seite. Und dann rolle ich mich mit Gebrüll den Abhang hinunter.
So jedenfalls war es bisher.
Also warte ich auch diesmal geduldig. Mein Ohr immer auf den Schienen. Kein Zug ist zu hören. Enttäuscht stehe ich auf. Meinen Mut werde ich wohl ein andermal beweisen müssen.
Es ist auch schon dämmerig. Doch die Obstbäume duften noch immer. Und die Hummeln und Bienen summen auf den weißen Blüten. Bald werden aus den Blüten die Früchte wachsen. Aber wir Kinder dürfen sie nicht pflücken. Nicht einmal auflesen. Dafür gibt es die Öbster. Und die Obstbuden.

Alle paar Meter stehen rechts und links der Straße solche Buden zwischen den Bäumen. Streng bewacht von den Öbstern. Öbster sind Männer, die darauf achten, dass das Obst nicht von der Bevölkerung gepflückt oder aufgesammelt wird. Das dürfen nur die Pflücker. Sie stehen dann auf hohen Leitern, die sie an die Bäume gelehnt haben, und pflücken vorsichtig das Obst. Meistens Kirschen im Frühjahr und Zwetschgen im Herbst. Die Früchte kommen in große ovale oder runde Körbe aus Weidengeflecht und müssen an die Öbster abgeliefert werden. Für jeden Korb bekommen die Pflücker 10 Pfennige. Die Pflücker kommen meistens aus Polen. Das sieht man an ihrer Kleidung. Darauf steht ein großes P.
Die Buden sind aus rohem Holz gezimmert. Durch die schmale, niedrige Tür passt kaum ein Erwachsener. Und das einzige Fenster ist so winzig, dass es eher einem Guckloch gleicht. Daraus schauen die Öbster bei schlechtem Wetter. Mit einem Fernglas beobachten sie dann aufmerksam die Umgebung.
Bei schönem Wetter sitzen sie vor der Bude auf einem Schemel. Oder sie verstecken sich im hohen Gras.
Bei uns Kindern sind sie nicht besonders beliebt. Wir natürlich auch nicht bei ihnen. Denn auch wir liegen oft stundenlang mucksmäuschenstill im Gras im Graben. Der Graben trennt die Straße von den weiten Feldern, die sich bis zu einem nächsten Feldweg ausbreiten.
Ab und zu muss ein Öbster Pipi machen. Das ist der Augenblick, auf den wir warten. Der Öbster entfernt sich von der Bude und pinkelt an den nächsten Baum. Das ist das Signal. Schnell huschen wir aus unserem Versteck und mausen einen vollen Korb frisch geernteten Obstes. Dazu gehört natürlich Mut. Und Ausdauer. Denn wehe, wenn ein Kind erwischt wird. Mit dem fackeln die Öbster nicht lange. Sie verabreichen dem Dieb eine gehörige Tracht Prügel.

Zum Glück wurden wir nie erwischt. Wir sind ja auch schlau. Wie die Füchse. Wir kennen jeden Weg. Jeden Steg. Wir kennen die Namen der Blumen, der Vögel, der Pflanzen und Tiere. Wir waten mit nackten Füßen in den kleinen, sumpfigen Bächen. Wir spielen mit den Blutegeln und den quakenden Fröschen. Wir sind, wie man so sagt, richtige Naturkinder. Wie sollen uns da die blöden Öbster erwischen.
Fröhlich hüpfe ich quer über die Landstraße. Plötzlich überkommt mich ein seltsames Gefühl. Schnell laufe ich weiter.
Es passiert was, denke ich. Es passiert was.

*

Neben Brühl 18 steht Herr Schmids vor seinem Haus.
„Heil Hitler!“ Herr Schmids streckt seinen rechten Arm gerade von sich.
„Heil Hitler“, grüße ich und strecke meinen rechten Arm auch geradeaus. Ich bin ein bisschen atemlos. Schließlich bin ich ja das letzte Stück durch die Wiesen, dann den Alten Bach entlang über die Hauptstraße am Ende des Brühls gerannt.
„Warte mal.“ Herr Schmids fasst mich mit seiner linken Hand grob an meinem ausgestreckten Arm. „Ihr habt Besuch“, sagt er mit einem seltsamen Unterton in der Stimme. „Weißt du, wer da ist?“
Ich schüttle den Kopf. Woher soll ich wissen, wer da ist? Ich war doch gar nicht da.
„Rate mal“, lacht Herr Schmids. „Kannst du es dir denken?“
„Papa?“, vermute ich aus einem Gefühl heraus.
Schmids’ Gesicht verzieht sich zu einer Grimasse. „Mach schnell. Sonst ist er wieder weg“, schnauft er und lacht.
Ich schlüpfe schnell unter dem noch immer ausgestreckten Hitlerarm des Herrn Schmids hindurch. Erwartungsvoll drücke ich auf die eiserne Klinke an der blauen Holztür.
Papa! Deshalb also diese Unruhe. Karl ist da. Endlich. Die Großeltern können es ja nicht sein. Die melden sich vorher immer an.
Jedes Jahr im Mai schreibt Else Berta einen Brief.

Liebe Mama komm doch wieder, im Hof blüht schon der weiße Flieder.

Else meint den Fliederbaum hinter dem Mist. Das ist der Trennbaum von unserem Hof zu Schmids Garten. Allerdings steht dahinter noch eine niedrige Mauer aus Steinen. Mein Urgroßvater hat seinerzeit unseren Garten, der dahinter liegt und bis zur nächsten Straße reicht, an Schmidts Urgroßvater verkauft. Deshalb haben wir nur einen kleinen Hof. Und Else hat gesagt, dass mein Urgroßvater wohl damals das Geld gebraucht hat. Wofür auch immer.

Jetzt ist Mai. Und der Flieder blüht. Aber Berta und Otto kommen in diesem Jahr nicht. Sie haben Trauer. Ihr Sohn Walter, Elses Bruder, ist mit seinem Flugzug abgestürzt. Von ihm fehlt jede Spur. So gilt er als vermisst. Und das sei immer noch besser als tot, denn somit wäre noch Hoffnung, ist Elses Meinung.

Vom Hof dringen Stimmen. Die Männerstimme ist nicht Richards.
Ich renne fast durch den mit alten Fliesen geschmückten Flur. Direkt in Karls offene Arme.
„Da bist du ja endlich, du kleine Herumtreiberin“, sagt Karl. „Groß bist du geworden“, wundert er sich. „Und so hübsch. Wie eine Prinzessin.“
Else lächelt mit einem seltsamen Ausdruck in ihrem sonst so ernsten Gesicht. Sie scheint auch schöner geworden zu sein.
„In einem Jahr kann sich ein Kind sehr verändern, Karl“, sagt sie. „Komm Rosi, setz dich zu uns.“

Jutta und Karlchen sitzen schon auf der Bank. Vor ihnen steht der große, rechteckige Holztisch mit den etwas wackeligen Beinen auf dem einzigen grünen Fleckchen im Hof. Darauf blühen fast das ganze Jahr unzählige weiße und rosa Gänseblümchen. Vom Frühjahr bis in den Herbst hinein blühen sie. Unermüdlich. Vor der anderen Mauer zu Schmids Garten.
Bereitwillig rücken Jutta und Karlchen zusammen.
„Wir spielen Mensch ärgere dich nicht“, sagt Jutta stolz.
„Jutta hat gesagt“, empört sich Karlchen, „ich habe keine sechs gewürfelt.“
„Hat er auch nicht. Der ist doch dumm.“ Jutta streckt die Zunge raus. „Der sagt immer, er hat eine sechs gewürfelt. Ganz egal, wie viele Punkte auf dem Würfel sind.“
„Hab' ich auch. Hab' ich auch!“, schreit Karlchen. Mit seinen kleinen Händchen patscht er wütend auf das Spiel. Die kleinen bunten Männchen hüpfen rauf und runter. Einige fallen auf die Erde. „So“, heult Karlchen los, „alles deine Schuld. Nun kannst du die Männchen wieder einsammeln. Ätsch.“
„Mach doch selbst.“ Jutta verschränkt bockig ihre Arme. „In dem Gras finde ich die doch nicht.“
„Mama. Mama!“, heult Karlchen. „Jutta findet die Männchen nicht.“
„Nun aber Schluss“. Else zieht die Kinder von der Bank. „Ihr sammelt jetzt beide auf der Stelle die Männchen wieder auf. Und wehe, es fehlt eines.“ Energisch stupst sie die beiden ins Gras.
„Die streiten sich immer Papa.“ Karl hat sich inzwischen auf die Bank gesetzt. Ich rücke näher an ihn heran. „So was Dummes aber auch“, füge ich altklug hinzu.
„Und du? Streitest du dich nicht?“, lacht Karl ungläubig.
„Nicht mit Jüngeren“, erwidere ich überzeugt. „Ich bin doch schon groß.“

*

Ich bin sehr stolz auf meinen Vater. Er gefällt mir außerordentlich gut. In seiner gut sitzenden Uniform. Mit dem schmalen Gesicht. Den hellen glänzenden Augen, tief in den Höhlen. Der geraden Nase, den geschwungenen Lippen, dem glatten, vollen, zurückgekämmten Haar.
Die Männer in den Filmen sehen so aus. Vor dem Kino hängt ein riesiges Plakat. Auf dem ist der Heesters ganz groß abgebildet. Ja, so ähnlich sieht Karl aus. Er hat auch so eine geheimnisvolle Aura. Das sagt Else immer. Und auch ich fühle mich wie immer in seinen Bann gezogen. In seine geheimnisvolle Aura.

Natürlich konnte ich damals nicht wissen, dass mich mein großer Held später in die aufregendsten Abenteuer verstricken sollte.

*

„Ich habe dich so vermisst“, sage ich. Ich schmiege mein Gesicht an den rauen Stoff der grauen Uniform. „Hast du einen Feind gesehen Papa?“
„Einen Feind?“ Karl schweigt einen Augenblick verblüfft. „Einen Feind?“, wiederholt er. „Viele Feinde habe ich gesehen“, erwidert er endlich. „Viele. Ein ganzes Heer voller Feinde. Was man so unter Feinden versteht.“

Jutta und Karlchen haben sich wieder beruhigt. Gemeinsam haben sie die Männchen aufgelesen und in das dafür vorgesehene Fach in dem Spiel gelegt.
„So, Kinder. Es ist Zeit zum Abendessen.“ Else steht an der Tür zum Flur. „Kommt jetzt. Und du, Rosi, hilf mir bitte, den Tisch zu decken.“

Karl, Karlchen und Jutta setzen sich an den Tisch mit der blauen Lampe und den gelben Blumen.
Else und ich holen aus der nussbraunen Vitrine das Geschirr. Die Vitrine steht an der Wand gleich rechts neben der Tür. Dann decken wir festlich den Tisch.
„Ich hole noch ein paar Blümchen für Papa“, sage ich. „ Zur Feier des Tages.“
Im Hof pflücke ich von dem Wiesenfleckchen ein Sträußchen Gänseblümchen. Wieder in der Stube, stelle ich sie in eine kleine Vase auf den Tisch. Hinter Karls Teller.
„Danke, kleine Prinzessin“, lächelt Karl. „Du verwöhnt mich aber.“
Else holt das Essen aus der Grude. Pellkartoffeln. Die dampfen köstlich. Die Rapunzel liegen in einer Schüssel im Flur auf einer alten Kommode.
Im Flur ist es schön kühl. Auch wenn es draußen ganz heiß ist. Die Rapunzel pflücken wir immer von der Wiese am Alten Teich. Die wachsen dort fast das ganze Jahr. In unserem Hof gibt es nur Gras, Gänseblümchen und Löwenzahn. Und der kommt manchmal auch in den Salat. Die Pusteblumen sind mir allerdings lieber. Doch die kommen nicht in den Salat. Die pusten wir Kinder lieber in den Wind. Der trägt dann die Samen auf die weiten Wiesen und im nächsten Frühjahr sehen dann die Wiesen weiß und flauschig aus.

Vorsichtig nimmt Else den Deckel von der Schüssel. Andächtig steckt sie zwei Salatlöffel hinein. Dann setzt sie sich auch an den Tisch. Ihr Platz ist an der Stirnseite. Karl gegenüber. Sie schließt die Augen und faltet die Hände.
Auch Karl faltet die Hände. Er ist Else zuliebe Adventist geworden. Ohne Ottos Segen hätte er Else nicht heiraten dürfen.
„Wir danken dir, Herr“, betet Else leise. „Wir danken dir, Herr, dass du meinen Mann, den Vater meiner Kinder, auf Urlaub geschickt hast. Dass er gesund ist. Bitte, lass den Krieg bald vorbei sein, damit nicht noch mehr Menschen sterben müssen. Bitte, Herr, sei gnädig.“ Nach einer kurzen Pause sagt sie: „Amen.“
„Amen“, murmeln wir anderen im Chor.
„Mama, du hast vergessen, für das Essen zu danken“, erinnert Jutta.
„Stimmt. Dann mach du es.“
Wir falten noch einmal die Hände und schließen die Augen.
„Lieber Gott, wir danken dir für die gute Speise. Und natürlich auch für Papa“, betet Jutta. „Und nun guten Appetit.“
„Amen.“
„Es ist aber falsch.“ Karlchen zieht seinen berühmten Schmollmund.
„Was ist falsch?“ Else wird langsam ärgerlich. „Was Karlchen?“
„Das Gebet. Es ist falsch. Es muss heißen: 'Komm Jesus, sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast'. So.“
Alle lachen.
„Du hast recht“, ist Else einverstanden. So hast du es gelernt. Aber man kann auch etwas anderes beten. Etwas, was uns gerade einfällt.“
„Und doch ist es falsch“, beharrt Karlchen dickköpfig.
„Reichst du mir mal bitte das Salz?“, ignoriert Else Karlchens Einwand.
Verliebt schaut sie Karl an. Der hält den Salzstreuer in die Luft. Er hat wohl vergessen, das Salz auf die Kartoffeln zu streuen. Else hat sie extra für ihn gepellt. Für uns macht sie das nie. Da sagt sie immer: „Selbst ist der Mann.“
Wie Karl hat auch sie noch nichts gegessen. Sie starren sich nur gegenseitig an. Plötzlich steht Karl auf. „Komm“, sagt er. „Ich kann nicht mehr warten.“Er zieht Else vom Stuhl und legt einen Arm um ihre Schultern.
„Aber die Kinder. Karl …“
Karl droht uns mit dem Finger.
„Ihr bleibt unten“, bestimmt er. „Und rührt euch nicht vom Fleck. Wir kommen gleich wieder.“
Wir Kinder sehen den Eltern hinterher und senken einen Moment die Köpfe, so, als würden wir überlegen, was jetzt zu tun ist. Einfach nur dasitzen und warten, wäre doch öde.
„Kommt mit. Wir lauschen“, habe ich eine Idee. Ich stehe auf und schleiche auf Zehenspitzen zur Tür. Jutta und Karlchen schleichen hinterher. Im Flur hocken wir uns kichernd auf den kalten Steinfußboden vor die Holztreppe, die zu den oberen Räumen führt, „Pst.“ Ich lege einen Finger auf meinen Mund. „Die sind im Schlafzimmer“, flüstere ich.
„Und warum ohne uns?“, fragt Jutta.
„Dummchen“, sage ich und schaue Jutta mitleidig an. „Die machen ein Baby.“
„Aber wir haben doch schon Karlchen“, zweifelt Jutta.
„Der ist doch kein Baby mehr“, sage ich überzeugt. „Der braucht doch keine Windeln mehr.“
„Oh, ja. Ein Baby!“ Karlchen klatscht in seine kleinen dicken Hände. „Ich will ein Baby.“
„Frau Müller hat gesagt, der Führer braucht Kanonenfutter“, kläre ich meine Geschwister auf. „Und Herr Schmids hat gesagt, wenn man vier Kinder hat, bekommt die Frau das Mutterkreuz vom Führer.“
„Oma hat schon so ein Kreuz“, flüstert Jutta, „weil sie dem Führer neun Kinder geschenkt hat. Und zwar in echtem Gold.“
„Genau“, sage ich.
„Und Papas Mama hat nur drei Kinder und kein Kreuz“, flüstert Jutta noch leiser.
„Vielleicht bekommt sie ja noch eins“, flüstere ich etwas lauter zurück. „Und deshalb braucht Mama auch noch ein Kind.“
„Ja“, begreift Jutta, „damit sie auch so ein Kreuz vom Führer geschenkt bekommt.“
In diesem Moment kommen Else und Karl eng umschlungen die Treppe hinunter.


***

Episode 3

Karl macht Ärger

„Habt ihr ein Baby gemacht?“ Jutta fasst nach Elses Hand.
„Vielleicht.“ Else lacht schelmisch. „Aber nun ab mit euch. Ins Bett. Aber vorher waschen. Und immer schön der Reihe nach. Erst Karlchen. Rosi du hilfst ihm dabei.“
„Bekommst du dann auch das Mutterkreuz vom Führer?“ Jutta zupft an Elses offener Bluse.
„Aber Jutta. Wer denkt denn an sowas?“ Verwundert schüttelt Else ihren Kopf mit den langen, dunklen, aufgelösten Haaren. „Nun aber ab“, lacht sie. „Ihr Rasselbande.“

Im Flur waschen wir uns in dem winzigen Becken flüchtig Gesicht und Hände. Das Wasser ist wie immer eiskalt. Manchmal bekommen wir davon sogar eine Gänsehaut.
Wir wünschen den Eltern eine gute Nacht. Schnell hüpfen wir dann die Treppe mit dem weißen Geländer hinauf.
Das Schlafgemach neben dem Elternschlafzimmer ist eine schmale Kammer. Nur zwei Betten haben darin Platz.
In dem Bett rechts an der Wand schlafen Jutta und Karlchen. Das an der linken Wand gehört mir. Ich wollte auf jeden Fall ein Bett für mich alleine haben. Über meinem Bett hängt ein Bild, das ich nicht so schön finde. Darauf sind zwei Pferdeköpfe zu sehen. Mit langen, glänzenden Mähnen, die irgendwie nicht zu den großen traurigen, braunen Augen der Pferde passen. Die Köpfe ohne Körper neigen sich zueinander, als würden sie gegenseitig Schutz suchen. Mir ist immer, als würden sie mich mit ihren traurigen Augen anstarren. Oder fragen wollen: „Wo sind unsere Körper. Unsere schönen langen Schwänze. Unsere langen Beine. Unsere Hufe. Mir ist, als würden sie davon galoppieren wollen und nicht können. Weil ja nur die Köpfe über meinem Bett hängen. Ein wirklich trauriges Bild. Und überaus gruselig.

Sehnsüchtig schaue ich zu dem Bild, das an der Wand über dem anderen Bett hängt. Das ist viel lustiger. Auf diesem Bild ist ein kleiner Junge zu sehen, der über eine Brücke geht. Die Brücke schwebt über einem Bach. Und unter dem Bach sprudelt das Wasser. Der Junge hat trotzdem keine Angst. Bestimmt, weil über ihm ein pausbäckiger Engel wacht. Ein Engel mit sehr großen, ausgebreiteten Flügeln. So, als wolle er den kleinen Jungen beschützen.
Außerdem ist das Bild bunt. Meins nur braun. Irgendwie flößt es mir Angst ein.

*

Wir knien vor dem Bett mit dem Engel nieder. Andächtig falten wir unsere Hände und beten:
„Lieber Gott/Mach mich fromm/Damit ich in den Himmel komm./Amen.“
„Und nun ins Bett mit uns“, befehle ich. Ich gebe den Beiden einen Klaps auf den Po und decke sie mit der dünnen, kratzigen, blauweißkarierten Decke zu. „Schlaft schön“, ermahne ich sie noch, „und träumt was Schönes.“
Zufrieden schmiegen sich Jutta und Karlchen aneinander und sind schon bald eingeschlafen.

Ich liege natürlich wieder wach. Bestimmt ist der blöde Strohsack daran schuld, denke ich wütend. Der blöde Strohsack ist schon ziemlich verklumpt. Er liegt einfach so über den Brettern des dunklen Holzbettgestells. Das Bettzeug, also die Zudecke und das Kopfkissen, sind auch nicht der Hit. Das blau weißkarierte Bettzeug kratzt immer meine Haut. Wie oft schon habe ich Else gebeten, mir anderes Bettzeug zu geben. Von dem schrecklichen Strohsack mal ganz abgesehen.
„Sei nicht so zimperlich“, hat Else dann immer ärgerlich gesagt. „Ich habe kein anderes Bettzeug. Die anderen sagen doch auch nichts. Aber du benimmst dich schlimmer als die Prinzessin auf der Erbse. Ich kann dir nun mal kein Bettzeug aus Linnen und Seide bieten. Gib endlich Ruh.“

Ich kann und kann einfach nicht einschlafen. So setze ich mich wieder auf. Es ist doch zu dumm. Ich will auch endlich mal ruhig schlafen. Und zwar ohne sich dauernd kratzen zu müssen. Was kann ich denn dafür, dass das verdammte Bettzeug so kratzt?
Wütend knöpfe ich die weißen, flachen Knöpfe auf und ziehe den Bezug ab. Den vom Kopfkissen auch. Man kann ja auch ohne Bezug schlafen. Allerdings muss alles wieder in Ordnung sein, bevor Else in die Kammer kommt, um uns zu wecken. Also muss ich die erste sein, die wach wird. Elses Zorn will ich auf keinen Fall riskieren.

*

Am nächsten Tag kommt Herr Schmids mit zwei Parteigenossen ins Haus gestürmt.
„Heil Hitler!“, rufen sie wie aus einem Mund, kaum dass sie durch die niedrige Tür getreten sind.
„Heil Hitler“, grüßt Karl lässig. Im Gegensatz zu den drei Männern streckt er nur unlustig seinen Hitlerarm aus. „Was gibt's?“, fragt er im barschen Ton. „Womit kann ich euch eine Freude bereiten?“
„Karl“, sagt Herr Schmids, „du weißt, worum es geht. Stell dich nicht so an. Jeder muss bezahlen. Womit soll sich die Partei sonst finanzieren?“

Das scheint ja interessant zu werden. Neugierig spitzen wir die Ohren. Bis jetzt hatten wir ganz artig wie drei Orgelpfeifen auf der Couch gesessen und gerade den drei lauten Schlägen der alten Uhr an der Wand gelauscht.
Vor Schreck halte ich den Atem an. Am liebsten würde ich mich unsichtbar machen. Denn in solchen oder ähnlichen Situationen schickt Karl uns immer auf den Hof. Da, wo wir hingehören, wenn sich Erwachsene etwas zu sagen haben, was nicht für Kinderohren bestimmt ist. So auch diesmal.
„Geht raus, marsch, vor die Tür mit euch, das ist nichts für Kinner“, herrscht Karl uns an. „Spielt auf dem Hof! Und untersteht euch, an der Tür zu lauschen.“
Wir rühren uns nicht vom Fleck. Wie auf Kommando starren wir auf den braunen Dielenfußboden. Als läge da ein Schatz, den wir vorher nicht gesehen haben.
„Na, los“, sagt Else, „macht, was euer Vater sagt.“
„Wir verschwinden ja schon.“ Widerwillig erhebe ich mich. „Los“, fordere ich Jutta und Karlchen auf: „Auf den Hof mit uns“, und setze mürrisch hinzu: „Wenn es denn unbedingt sein muss.“

Hinter der Tür bleiben wir stehen. Nichts ist mit dem auf den Hof verschwinden. Ich lege den Finger auf den Mund. „Pst!“
Neugierig gucke ich durch das Schlüsselloch. Jutta und Karlchen drücken ihre Köpfe an die Tür. Noch ist nichts Außergewöhnliches zu sehen oder zu hören.
Die Parteigenossen sitzen am Tisch. Sie stecken die Köpfe zusammen und reden und reden. Und reden. Doch zu verstehen ist nichts. Plötzlich stehen sie auf. Gleich darauf setzen sie sich wieder. Dann stehen sie wieder auf. Und setzen sich wieder. Doch diesmal fuchteln sie wild mit den Armen. Und dann reden sie und reden.
Aber kein Wort ist draußen zu verstehen. Nur undeutliches Gemurmel.
„Was sagen die?“, will Jutta wissen.
„Ich verstehe nichts“, sage ich, „Pst, warte.“
Karl hat plötzlich seine Hand in der Hosentasche. Als er sie wieder herausnimmt, hält er ein rotes Buch in die Höhe.
„Hier!“, ruft er zornig, „das war’s wohl. Das könnt ihr euch sonstwohin stecken.“ Wütend wirft er das Buch auf den Dielenboden. „Halsabschneider. Alle!“
Die Genossen stehen einen Moment reglos da. Starren verblüfft auf den Fußboden.
„Aber Karl“, sagt der eine Genosse.
„Du kannst doch nicht einfach … „ sagt der andere.
Karl streckt seinen Arm steif von sich und lacht. „Heil Hitler!“, sagt er laut und stapft zur Tür.

Die Genossen stehen noch immer verdattert auf dem selben Fleck. Dann laufen sie stumm hinter Karl her. Karl stößt die Tür auf. Wir plumpsen auf die Steinfliesen. Die Genossen stürmen hindurch. Mit großen Schritten steigen sie über uns hinweg. Eilig verlassen sie das Haus. Ohne 'Heil Hitler'.

„Verflixte Bande“, schimpft Karl, „ich habe euch doch gesagt, ihr sollt nicht lauschen. Los steht auf. Das habt ihr nun davon.“
Mühsam rappeln wir uns auf.
„Mein Bein tut weh“, jammert Karlchen. „Rosi, mein Bein.“
Ich streichle Karlchens Bein.
„Heile, heile Segen/ Morgen gibt es Regen/ Übermorgen Schnee/ Dann tut's nicht mehr weh/. Besser?“
„Besser.“
„So eine Bande“, wütet Karl im schönsten Sächsisch. „Pack! Alle! Rubben einem noch das letzte Hämme vom Leiwe!“
„Dein Parteibuch brauchtest du ihnen aber nicht gleich vor die Füße zu werfen“, sagt Else vorwurfsvoll. „Das war nun wirklich eine übertriebene Reaktion.“

*

Am nächsten Tag ist Karl verschwunden.
Zwei Tage später kommt Frau Schmids zu Besuch.
„Na, ist Ihr Mann schon wieder weg?“, fragt sie scheinheilig. „Er hat doch zwei Wochen Urlaub.“
„Ja“, erwidert Else höflich, „er konnte wiedermal seinen Mund nicht halten. Aber das wissen Sie doch bestimmt.“
„Ich weiß gar nichts.“ Frau Schmids macht ein beleidigtes Gesicht. „Mein Mann redet nicht mit mir über solche Dinge. Das darf er auch gar nicht. Das sind Parteiangelegenheiten.“
„Schon gut“, lenkt Else ein. „Möchten Sie vielleicht einen Malzkaffee? Bohne hab' ich nicht mehr“, fügt sie fast entschuldigend hinzu.
„Aber sehr gern“, freut sich Frau Schmids. „Malz tut’s auch. Bohne gibt es doch schon lange nicht mehr.“
Else verschwindet in der Küche. Nachdenklich taucht sie den Tauchsieder in den Wassertopf.

***


Episode 4

Schwimmen ist ganz leicht

Einige Tage später kommt ein Pflichtjahrmädchen in den kleinen Haushalt.
„Ich soll Ihnen im Haushalt zur Hand gehen“, sagt Helga. „Wo Sie doch so viel Arbeit haben mit den drei kleinen Kindern.“
„Bleibst du jetzt bei uns?“, staune ich Helga an.
Helga sieht aus wie ein echtes deutsches Mädchen. So sehen die Mädchen auf den Filmplakaten aus. Die hängen zusammen mit dem Heesters vor dem Kino. Und auch drinnen im Gang. Der Heesters ist Elses Lieblingsschauspieler.
Auf den Plakaten stehen die schönen blonden Mädchen in ihren Dirndlkleidern auf hohen Bergen. Manchmal tanzen sie auch auf einer feinen Gesellschaft. Oder sie lächeln einen gut aussehenden schicken Offizier an.
Helga hat ganz blaue Augen. Und lange blonde Zöpfe. Die sehen aus wie reife Ähren. Ich finde Helga echt schön. Und echt arisch. Wie Frau Schmids sagt. Jedenfalls bin ich ganz begeistert von ihr. Doch nicht lange. Sie entpuppt sich leider als völliger Fehlgriff. Das ist jedenfalls Frau Schmids Meinung. Weil sie Else nicht bei der vielen Arbeit hilft.
„Das Ding ist völlig ungeeignet für den Haushalt“, sagt sie zu Else. „Sie tut einfach nichts. Anstatt zu arbeiten, sitzt sie lieber den lieben langen Tag in der Kammer und schaut aus dem kleinen Fenster zum Hof hinunter in unseren Hof.“
„Was guckst du denn immer aus dem Fenster“, frage ich Helga eines Tages, als sie wieder nichts tut. „Gibt es bei Schmids etwas Spannendes zu sehen?“
„Nein“, sagt Helga leise, „eigentlich nichts.“ Sie schaut mich mit ihren schönen, blauen Augen traurig an. „Ich träume nur so vor mich hin.“
„Ich darf nicht träumen“, sage ich, auch etwas traurig.“ Else sagt dann immer: ’Starr keine Löcher in die Luft. Gibt es nichts zu tun?’“
„Zu tun gibt es immer.“ Helga starrt wieder aus dem Fenster. „Aber ich habe keine Lust. Träumen ist schöner.“
Manchmal sitzt Helga auch auf dem weiß gestrichenen Stuhl vor dem Fenster und schreibt auf dem Fensterbrett einen Brief. Bestimmt an ihren Geliebten.
„Schicken Sie das dumme Ding doch wieder zurück“, sagt Frau Schmids zu Else. „Mit der haben Sie doch ein viertes Kind.“
„Sie ist ja auch noch ein Kind“, erwidert Else. „Ihre Eltern sind sehr arm und froh, wenn sie einen Esser weniger haben.“
„Ärmer als wir?“, mische ich mich in das Gespräch.
„Das nicht, aber wir haben doch noch unsere Großeltern, die uns unterstützen“, sagt Else. „Los, packt eure Badesachen ein. Das Wetter ist so schön. Wir gehen ins Schwimmbad.“
„Darf Helga mit?“
„Das schon“, sagt Else, „aber sie will nicht mit.“
„Ja, sage ich, „sie will träumen.“

*

Sobald es warm wird, hält Else nichts mehr im Haus. Sie hat dann immer Hummeln im Hintern. Sie wird unruhig und packt die Badesachen in den grünen Militärrucksack. Karl hat ihn mal eines Urlaubs mitgebracht. Seitdem benutzt ihn Else immer, wenn wir unterwegs sind. Eine bunte Decke und eine Thermoskanne mit Tee müssen jetzt auch noch in den Rucksack rein.
Else nimmt Jutta und Karlchen an die Hand. Dann laufen wir die Alte Chaussee entlang. Vorbei an Vetterling. Weiter dann zum Brückentor. An diesem Tor sind noch Reste der alten Stadtmauer erhalten. Das Brückentor wurde schon 1529 begonnen und erst 1585 beendet. Hat Else erzählt. Sie weiß solche Dinge. Wir wandern weiter zum Gänsebach am Fuße der Kirchtreppen. Dann zu der Brücke am Teichberg. Hier plätschert der Gänsebach träge vor sich hin. Auf der Brücke bleibt Else stehen. Jutta und Karlchen spielen derweil Fangen.
„Nicht so wild Kinder“, lacht Else. „Sonst fallt ihr noch in den Bach.“
Ich war langsam hinterher getrottet. „Wollen wir nicht erst noch zum Weitesten Hügel Mami?“, hatte ich sie vorhin gefragt. Doch sie hatte mich nur genervt angesehen und mürrisch erwidert: „Nein. Ein andermal wieder. Du wanderst doch fast täglich allein dorthin. Ich will mich im Bad auf die Wiese legen. Das ist erholsamer.“

*

Das Bad ist eine wunderschöne Anlage. Breite Liegewiesen laden zum Verweilen ein. In den alten Bäumen spielt der Wind. Überall stehen weiß gestrichene Holzbänke. Sandkästen, Klettergerüste, Wippen und ein Drehkarussell sind das Paradies für uns Kinder.
Das Bad gibt es schon seit 927 am Neuen Teich. Der Alte Teich liegt genau gegenüber. Getrennt durch einen schmalen Weg, der zum Kirschberg führt. Der Alte Teich ist völlig überwuchert von meterhohem Schilf. Und in den Algen, die im Sommer reichlich blühen, quaken am Abend die Frösche.

Die Umkleidekabinen sind getrennt für Frauen und Männer. In den Gemeinschaftsumkleideraum darf jeder. Auch die Kinder.
Unser Schwimmbad ist viel schöner und moderner als das in Rastenberg. Einige Male sind wir schon mit der Zwecke dorthin gefahren.
Das Rastenberger Bad ist ein Heilbad. Und das frische Wasser fließt aus mineralhaltigen Quellen direkt in das Badebecken. Und es ist eiskalt.
„Das muss so sein“, hatte Else gesagt. „Weil das Wasser aus unterirdischen Quellen kommt. Und somit eine besondere Heilkraft besitzt.“

Vor den Umkleidekabinen von unserem Schwimmbad liegen schmale Holzdielen. Auf denen kann man sich schön sonnen. Ich aber nicht. Die Sonne ist da viel zu heiß. Und langweilig ist es auch. Da tolle ich doch lieber im Wasser herum.
Das Schönste am Bad ist sowieso der Springbrunnen. Er trennt das Nichtschwimmerbecken von dem der Schwimmer.

Else hat es sich inzwischen mit Karlchen und Jutta ganz hinten auf der Liegewiese gemütlich gemacht. Wie immer riecht es hier herrlich nach frisch gemähtem Gras. Und die Gänseblümchen recken neugierig ihre Köpfchen hervor. Hummeln und Bienen schwirren darüber. Die Kirschbäume stehen noch in voller Blüte. Es ist halt Mai. Der Wonnemonat Mai. Elses Lieblingsmonat.
„Kommt, wir gehen zum Springbrunnen.“ Else nimmt Jutta an die Hand und Karlchen auf den Arm. „Und du, tauch nicht wieder so lange“, ermahnt sie mich energisch. „Und bleib im Nichtschwimmer.“
„Ja, ja“, murre ich, „aber ich kann doch schon schwimmen. Das vergisst du nur immer.“ Beleidigt renne ich los. Stürze mich in das blau schimmernde Wasser. Ich hüpfe auf einem Bein und rudere mit den Armen. „Guckt mal alle her!“, rufe ich übermütig. „Guckt mal alle her! Ich kann schwimmen! Ich kann schwimmen!“
„Ja, ja, du kannst schwimmen.“ Else hat mit den Kindern das Becken erreicht. „Du kleine Angeberin“, lacht sie fröhlich.
„Angeberin.“ Jutta streckt die Zunge heraus.
„Ich will auch groß sein. Lass mich runter Mama“, murrt Karlchen.
Else stellt Karlchen ins Gras.
„Das wirst du noch früh genug“, sagt sie.
„Ich kann schwimmen! Ich kann schwimmen!“, schreie ich noch immer.
Meine Beine haben sich tatsächlich zu meinem eigenen Erstaunen vom Grund des Beckens gehoben. Das kann man ganz deutlich erkennen in dem glasklaren Wasser. Vor freudigem Schreck vergesse ich, meine Arme zu bewegen. Ich tauche unter und schlucke Wasser.
„Ich kann wirklich schwimmen“, huste ich, als ich wieder aufgetaucht bin, „wirklich. Ich muss nur den Mund zulassen.“
„Ja, ja, so gut, dass du Wasser schluckst“, lacht Else. „Raus mit dir. Trink etwas.“
„Und doch kann ich schwimmen“, trotze ich. Widerwillig trotte ich zu unserem Platz auf die Decke.

*

Schade, dass ich nicht zum Weitesten Hügel darf. Dort könnte ich jetzt schön gemütlich unter der uralten Linde sitzen. Unter den knorrigen Ästen. Im Inneren des Hügels sind bestimmt die wunderbarsten Schätze der Welt verborgen. Totenköpfe zum Beispiel. Oder Uniformen aus den alten Kriegen. Vielleicht ein vergessener Schatz.
Schon zu Zeiten des Dreißigjährigen Krieges sollen von dort aus die Wächter mit ihren Fanfaren die Stadt vor anmarschierenden Kriegern und Plünderern gewarnt haben, sodass die Tore rechtzeitig geschlossen werden konnten, bevor die Feinde an der Stadtmauer angelangt waren. Außerdem sollen von dem Hügel aus verzweigte unterirdische Gänge bis zur Kirche führen.
Entdeckt habe ich sie allerdings noch nicht, obwohl ich so oft nach einem Eingang gesucht habe.
Was soll’s. Gehe ich halt ein andermal alleine hin. Ist sowieso besser, tröste ich mich. Und besser, als hier auf der Decke zu liegen, allemal.
„Packt eure Sachen ein“, fordert uns Else auf, „es ist gleich siebzehn Uhr. „Und ihr wisst, wir essen pünktlich.“

*

In Brühl 18 sitzt Richard im Hof auf der Bank. Bestimmt hat er auf uns gewartet. Er weiß ja, wo der Schlüssel liegt. Ich frage mich nur, warum er nach der Arbeit immer zu uns kommt. Er wohnt doch bei der Kuckuck. Und die wohnt in der Nähe des Marktplatzes.
„Wir waren baden, Onkel Richard“, plappere ich los. „Und ich kann jetzt richtig schwimmen.“
Richard antwortet nicht. Er hat nur Augen für Else. Die nimmt die Badesachen und das Handtuch aus der Tasche und geht in den Flur. Hastig spült sie die Sachen in dem kleinen Waschbecken aus. Dann hängt sie sie auf die Wäscheleine im Hof.
Die Leine ist ein dicker Strick. Und sie ist schon immer da. Von dem Fliederbaum hinter dem Mist führt sie zu dem Zwetschgenbaum neben der Bank vor Schmids Mauer. Auch im Winter. Da hängt Else die Wäsche an die großen Holzklammern, die zu der Leine gehören. Die Leine ist dann immer gefroren. Sie ist ganz steif und schwankt im eisigen Winterwind hin und her.

Doch jetzt ist Frühling. Alles duftet und blüht. Eigentlich könnte alles so schön sein. Doch es ist Krieg. Das Drohende, nicht Fassbare, ist überall zu spüren und rückt immer näher. Lässt alles andere allmählich verblassen. Das widerspiegelt sich auch in Richards Gesicht. Bestimmt hat er wieder schlechte Nachrichten.
Der Volksempfänger wird seit einiger Zeit sowieso nur noch selten eingeschaltet. Da ist Else konsequent. Wir Kinder sollen nicht zu sehr verunsichert werden, hat sie einmal zu Richard gesagt. Wir könnten ja noch nicht begreifen, was Krieg bedeute.
Trotzdem hört Richard weiter den Feindsender. Meistens den Engländer.
„Das ist gefährlich“, sagt Else immer wieder. „Es darf niemand wissen, dass du in der Kommunistischen Partei bist. Sonst holen sie dich gleich ab.“
Richard ist nämlich ein Illegaler. Sozusagen. Er ist aus Brücken hierher gekommen. Aus welchem Grund auch immer. Zu uns. In das kleine verträumte Städtchen. Das habe ich bei einem Gespräch mit Elses Freundin Elfriede aufgeschnappt.
„Pass auf“, hatte sie zu Else gesagt, „dass sie den kleinen Mann nicht erwischen. „Die Nazis fackeln nicht lange. Es ist Krieg. Auch wenn er noch weit entfernt scheint.“
„Es ist schon komisch“, hatte Else nachdenklich erwidert, „auch wenn man ab und zu hört, dass dieser oder jener gefallen ist, scheint der Krieg dennoch weit weg zu sein.“
„Solange es einen von uns nicht selbst betrifft“, sagte Elfriede, „lassen wir die schrecklichen Nachrichten lieber nicht allzu sehr an uns herankommen.“

***

Episode 5

Richard liebt Else

Seit der Sache mit dem Parteibuch haben wir nichts mehr von Karl gehört. Nicht ein Brief kam an. Der Postbote schüttelt jedes Mal mitleidig seinen Kopf, wenn Else ihn danach fragt. So auch heute.
„Gefallen kann er aber nicht sein“, sagt sie, „sonst hätten wir bestimmt eine Nachricht erhalten.“
„Wie bei dem Mann von Frau Müller?“
„Ja“, sagt Else leise und starrt auf den Fußboden. „Der ist vor Moskau gefallen. Oder vielleicht auch erfroren. In dem schrecklichen Winter.“
„Frau Müller schnieft immer in ihr Taschentuch, wenn sie davon redet“, will ich Else trösten. „Guck mal Mami, so.“ Doch es nützt nichts. Else ist zu traurig.
„Jedenfalls ist er jetzt tot.“ Else nickt mit dem Kopf. „Tot. Und kommt nie wieder.“

Eines Tages erfahren wir dann doch etwas über Karl. Frau Schmids steckt ihren Kopftuchwuschelkopf aufgeregt über den Zaun. „Er ist jetzt in Frankreich“, flüstert sie.
„Wer ist jetzt in Frankreich?“
Vor Schreck hat Else ihr Strickzeug fallen lassen. Sie erhebt sich von der Bank und dreht sich zu Frau Schmids, um sie besser verstehen zu können.
„Na, Ihr Mann, der Karl“, flüstert Frau Schmids etwas lauter. „Er beaufsichtigt jetzt Kriegsgefangene.“
„Woher wollen Sie das wissen?“
„Ich weiß es eben.“
„Das glaube ich nicht“, zweifelt Else. „Bestimmt sind das Gerüchte. Aber wer weiß“, fügt sie leise hinzu. „Möglich ist ja alles.“
„Bestimmt ist er jetzt Aufseher geworden“, vermute ich, „weil er kein Parteibuch mehr hat und nicht mehr schießen darf.“
„Vielleicht.“ Else nimmt ihr Strickzeug. „Vielleicht.“
„Ist auch besser so“, sage ich. „Er wollte ja sowieso nicht über die Feinde reden.“

*

Die Türglocke schellt. Richard kommt von der Arbeit. Zu uns. Als hätte er kein Zuhause. Besorgt schaut Else in sein düsteres Gesicht.
„Los Kinder“, sagt sie, „wascht euch. Wir wollen essen. Und dann ab ins Bett.“
„Mama“, maule ich, „es ist doch noch so früh. Die Sonne scheint doch noch. Immer müssen wir so früh ins Bett.“
„Die anderen Kinder dürfen viel länger aufbleiben“, mault auch Jutta. „Die lachen uns immer aus, weil wir schon um sechs Uhr ins Bett müssen.“
„Kinder brauchen ihren Schlaf, damit sie wachsen können“, lässt Else sich nicht beirren. „Macht, was ich euch gesagt habe. Und keine Widerrede.“

*

Jutta und Karlchen schlafen schon bald wie die Murmeltiere. Ich finde wieder keine Ruhe. Das Gemurmel, das von unten in die Kammer dringt, stört mich. Ich habe ein äußerst empfindliches Gehör. Ich höre sogar das Gras wachsen. Jedenfalls sagt das Else.
Leise stehe ich auf. Tappe barfuß die Treppe hinunter. Schnell husche ich über die kalten Fliesen im Flur. Vor der Stubentür bleibe ich stehen. Die Stimmen, die aus der Stube kommen, sind deutlich zu vernehmen.
„Schon im Februar hat der verdammte Reichsminister Goebbels in seiner Rede im Berliner Sportpalast den Totalen Krieg erklärt“, wütet Richard. „Und an den Durchhaltewillen der deutschen Bevölkerung appelliert.“
„Ich habe davon gehört“, sagt Else. „Was ist daran schlecht? Das würde doch die schnelle Beendigung des Krieges bedeuten.“
„Nein!“
Aufgeregt drücke ich ein Auge fest ans Schlüsselloch. Das kann ja spannend werden.
Richard steht mitten im Zimmer.
„Nein“, wiederholt er“, das ist eine infame Lüge. Das Gegenteil ist der Fall. Hitler müsste kapitulieren und sich nicht noch einmal gegen den Feind aufbäumen. Dieses unüberlegte Vorgehen wird die Welt weitere Hunderttausende Opfer kosten. Glaub mir.“
„Die Menschen haben doch aber Goebbels begeistert zugestimmt und das Deutschlandlied gesungen“, zweifelt Else. „Sollen die alle irren?“
„Aber Else!“ Richards Stimme wird noch eine Nuance lauter. „Das waren doch alles geladene Gäste. Bestellte Klatscher. Zujubler. Um das Volk irre zu führen.“ Richard läuft einmal um Else herum, bevor er sarkastisch sagt: „Nun, Volk, steh auf! Und Sturm brich los!“
„Aber Richard!“
„Es ist aber so.“ Richard spricht etwas leiser, doch mit dem seltsamen Unterton. „Der Führer hat befohlen. Wir werden ihm folgen. Und wenn wir je treu und unverbrüchlich an den Sieg geglaubt haben, dann in dieser Stunde der nationalen Besinnung und der inneren Aufrichtung. Wir sehen ihn greifbar nahe vor uns liegen; wir müssen nur zufassen. Wir müssen nur die Entschlusskraft aufbringen, alles andere seinem Dienst unterzuordnen. Das ist das Gebot der Stunde. Und darum lautet von jetzt ab die Parole:
'Nun, Volk, steh auf! Und Sturm brich los!'.“
Wütend geht Richard einige Schritte im Kreis. Plötzlich bleibt er neben Else stehen.
Else sitzt wie erstarrt auf ihrem Stuhl an der Stirnseite des Tisches. Fassungslos sieht sie Richard an.
„Soll doch die opferbereite Heimatfront Höchstleistungen bringen“, höhnt er. „Aber ohne mich. Ich arbeite lieber hier bei Vetterling. Da finden die mich nie.“ Er setzt sich Else gegenüber. „Und ich könnte auch nie weg von dir“, sagt er etwas ruhiger. Plötzlich streichelt er Elses Hand.
Mir wird ganz heiß. Warum tut er das? Und warum lässt es Else zu?
„Ich liebe dich“, sagt da Richard. „Ich liebe dich.“

Vor Schreck halte ich den Atem an. Weiche einen Schritt zurück.
Was redet Richard da für Unsinn. Er liebt Else. Quatschkopf. Der. Karl liebt Else. Und Else liebt Karl. Ist doch klar. Die sind ja verheiratet.
„Richard“, vernehme ich da Elses Stimme, „ich bin wieder schwanger.“
Schwanger? Hatten sie also doch an Papas Urlaub ein Baby gemacht. Wusste ich es doch. Was wird Richard nun sagen?
Neugierig gucke ich wieder durchs Schlüsselloch.
Richard steht hinter Else. Er streichelt jetzt ihren Nacken.
Blödmann!

„Das kannst du mir nicht antun“, sagt Richard. Er legt Elses dunkle Haare zur Seite. Dann küsst er sie auf den Hals. „Ich, nur ich, liebe dich“, fleht er.
„Lass das Richard.“ Else steht auf. „Wir sind gute Bekannte. Freunde vielleicht. Weiter nichts.“

*

Na, ein Glück.
Beruhigt tappe ich die Holztreppe wieder hinauf. Lege mich auf den ungeliebten Strohsack. Ziehe das Inlett zum Kinn.

Richard liebt Else. Schwachsinn. Das ist ein Illegaler. Jetzt weiß ich auch, warum ich ihn von Anfang an nie so richtig leiden mochte. Ich spürte wohl die Gefahr. Ich denke daran, wie wir Richard kennengelernt haben.

„Siehst du dort den kleinen Mann“, hatte Else gesagt, als wir im vorigen Winter die Eisblumen von den Scheiben in der Stube kratzten, um einen Durchblick auf die Straße zu haben, „der ist mir schon seit langem aufgefallen. Er ist immer so allein und sieht so traurig aus. Bestimmt arbeitet der bei Vetterling.“

Vetterling hat seinen riesigen Hof auf der anderen Seite im Brühl. Er breitet sich bis an die Hauptstraße an der Ecke aus. Neben Lotholz ist er der reichste und größte Bauer in der Stadt. Er beschäftigt allerlei Volks als billige Arbeitskräfte. Besonders Polen. Die mit dem großen P.

„Vielleicht laden wir ihn mal zum Essen ein?“, hatte Else unsicher gelacht. „Vielleicht hat er keine Freunde.“
„Warum denn?“, hatte ich mich widersetzt. „Du sagst doch immer, die Zeiten sind schlecht. Und wenn wir unsere Großeltern in Ziegelroda nicht hätten, müssten wir am Hungertuch nagen.“
„Das stimmt schon. Aber trotzdem.“ Else hatte aus dem Fensterloch dem kleinen Mann mit dem dünnen, schwarzen Haar solange nachgeschaut, bis er durch Vetterlings Tor verschwunden war. Und tatsächlich saß Richard einige Tage später mit uns am Tisch und aß Pellkartoffeln mit Quark und Schnittlauch. Den hatte Else von dem kleinen Gemüsebeet neben dem Mist vor dem Fliederbaum vor Schmids Grundstück extra für ihn geerntet. Und wahrscheinlich auch ausgesät. Denn vorher war er nicht da. Ich war echt böse auf Else. Und bin es noch.
Ich habe immer so ein mulmiges Gefühl, wenn Richard mich mit seinen großen, dunkelblauen Augen in seinem Vollmondgesicht traurig anstarrt. Manchmal schenkt er mir fünf deutsche Reichsmark. Warum auch immer. Die verstecke ich in meinem Strohsack. So ist er jedenfalls zu etwas nütze.
„Das ist viel Geld“, sagt Richard jedes Mal wichtigtuerisch. „Vielleicht brauchst du es ja irgendwann einmal.“
Else habe ich nie etwas davon gesagt. Kinder brauchen nicht alles zu wissen, ist ja ihre unumstößliche Meinung. Also brauchen auch Erwachsene nicht alles zu wissen, was Kinder angeht. Logo.

Ich verstehe Else sowieso nicht. Was will sie von dem kleinen Mann. Sie ist doch viel schöner als er. Sie passen nicht zusammen. Else passt zu Karl. Der ist auch viel schöner als Richard. Aber Richard hat eine schöne Singstimme. In Brücken war er im Männerchor gewesen und hatte Solo gesungen. Tenor.
„Komm, sing uns was vor“, bittet ihn Else oft. „ Im schönsten Wiesengrunde.“
Das ist Richards Lieblingslied. Er singt es so wunderschön traurig, dass Else immer wieder die Tränen kommen.
Richard singt auch Am Brunnen vor dem Tore und Droben stehet die Kapelle.
Das ist mein Lieblingslied.

Ich sehe förmlich vor mir, wie der kleine Hirtenjunge in dem Tal mit dem saftig grünen Gras die Ziegen weidet. Dabei singt er fröhliche Lieder. Doch eines Tages ist er alt. Dann stirbt er. Er wird auf den Berg in die kleine Kapelle gebracht. Dort wird er aufgebahrt und alle können sehen, wie er in dem Sarg liegt. Rundherum duftet ein Blumenmeer. Der Duft kommt von den wilden, bunten Blumen. Die haben die Menschen im Tal extra für ihn gepflückt.
Um den Hirtenjungen im Sarg stehen auch die kleinen Zicklein. Und aus ihren großen, dunkelblauen Augen, tropfen die die Tränen. Sie sind furchtbar traurig, weil sie nun keinen Hirtenjungen mehr haben.
Hinter den Zicklein stehen die großen Ziegen mit ihren grauen Bärten. Dahinter die Menschen aus dem Tal. Die singen ihm dann auch sein Lieblingslied. Droben steht die Kapelle.
Bei dieser Vorstellung kommen auch mir immer wieder die Tränen.
„Ja, sing Droben stehet die Kapelle“, sage ich dann auch zu Richard.
Der lässt sich natürlich nicht lange bitten und singt immer wieder im schönsten Tenor sein Lieblingslied. Und jedes Mal muss ich weinen. Es ist ein wunderbares Lied von Ludwig Uhland. Richard wundert sich, dass ich mir das gemerkt habe.
„Sie hat einen guten Merks“, spottete Else. „Stell dir vor, sie will sich sogar daran erinnern, wie sie sich in Altenburg in ein Schaufenster gesetzt und Puppe gespielt hat.“
Und das war wirklich so. Aber Else glaubt mir ja nie. Weil ich ihrer Meinung nach eine ausufernde Fantasie habe.
„Und ihr habt mich den ganzen Tag gesucht und erst am Abend gefunden“ trotzte ich. „Da saß ich nämlich noch immer im Schaufenster und keiner hat gemerkt, dass ich gar keine richtige Puppe bin. So.“
„Die Geschichte stimmt“, gabt Else zu. „Aber an diese Begebenheit kannst du dich wohl kaum erinnern.“
„Kann ich doch!“
„Du warst doch erst zwei Jahre alt. Bestimmt hat Berta sie dir erzählt.“
„Hat sie nicht.“

Else glaubt mir nie. Dabei stimmt alles. Sie setzt sich lieber ans Harmonium und begleitet Richard. Und immer singen alle mit. Und zum Abschluss gibt es jedes Mal Gott ist die Liebe. Das singt Richard nie. Er glaubt ja nicht an Gott.
Ich würde auch gern Harmonium spielen lernen. Doch das erlaubt Else nicht. Dafür ist kein Geld da. Also setze ich mich, wenn keiner im Haus ist, was selten genug vorkommt, an das Harmonium auf den mit rotem, verblichenem Samt bezogenen Klavierhocker. Da klimpere ich dann lustig vor mich hin.
- Hänschen klein - und - Kommt ein Vogel geflogen - kann ich schon. Natürlich ohne zweite Stimme und ohne Bässe.

Und nun hat Richard gesagt, dass er Else liebt. Hastig ziehe ich das dünne Federbett ohne den kratzigen Bezug über meinen Kopf. Im Halbschlaf vernehme ich noch, dass die Kammertür klappt. Bestimmt ist Helga nach Hause gekommen. Vielleicht hat sie einen Freund und würde bald heiraten, damit sie auch ein Baby bekommen kann.

***

Episode 6
Wir werden siegen

„Der Sieg ist fern. Der Sieg ist fern“, trällere ich vergnügt vor mich hin. Das hatte gestern ein Mann vor dem Ratskeller zu einer Frau gesagt. „Der Sieg ist fern. Der Sieg ist fern.“
Der Mann hatte es ganz leise gesagt. So, als sollte es keiner hören. Ich habe es aber genau gehört. Die Frau hatte dann einen Finger auf ihren Mund gelegt und auf die Losung über dem mittelalterlichen Türbogen gezeigt. Der Mann folgte ihren Blicken und lachte. Die Frau zog ängstlich ihr buntes Kopftuch tiefer in die Stirn und lief mit schnellen Schritten über den Marktplatz in Richtung Friedhof. Der Mann verschwand, noch immer lachend, im Ratskeller.
Auf dem roten Band steht in schwarzer Schrift: „Wir werden siegen“. Das hatte mir Else neulich vorgelesen. Über dem Schultor hängt auch so ein Band.
Wir werden siegen.

Rechts und links neben dem Band über dem Ratskellertürbogen flattern die roten Fahnen mit dem Hakenkreuz. Und immer, wenn ich über den Marktplatz gehe, schaue ich sie mir genau an. Besonders schön finde ich den weißen Kreis mit dem schwarzen Hakenkreuz. Das soll das Zeichen der Unbesiegbarkeit sein. Und nun hatte der Mann gesagt:
„Der Sieg ist fern. Der Sieg ist fern.“ Aber er kann ja bald kommen, denke ich und trällere weiter: „Der Sieg ist fern. Der Sieg ist fern.“

„Hör auf damit!“ Trude stampft wütend auf das Wiesenfleckchen mit den vielen Gänseblümchen. „Und doch werden wir siegen!“, schreit sie. „Das hat meine große Schwester gesagt. Und die muss es ja wissen.“
„Wieso muss es die wissen?“, will ich wissen.
„Weil, die ist nämlich im Jungmädelbund!“, schreit Trude noch lauter. „Ätsch.“
„Nicht so laut“, piepst Jutta. „Sonst hört es der Schmids.
„Und warum soll der das nicht hören?“, schreit Trude etwas leiser.
„Weil der, der ist ein Spitzel“, flüstert Jutta.
„Na, uund“, sagt Trude, „kann er doch. Ist doch nichts Schlechtes. Aber wenn man sagt, Krieg ist was Schlechtes und wir werden nicht siegen, das darf er nicht hören. So. Sonst wird man nämlich abgeholt. Wie dein Vater.“ Trude sieht mich triumphierend an. „Der wollte nicht mal ein paar lumpige Kröten bezahlen.“
„Und wofür soll der lumpige Kröten bezahlen“, frage ich erschrocken.
„Für den Sieg. Dumme Göre!“, schreit Trude wieder. „So.“
„Und woher weißt du das?“ Ich bin jetzt auch wütend und schupse Trude vor mir her. „Woher? Sag schon?“
„Von meiner Mutter“, stottert Trude. „Das weiß doch die ganze Stadt.“
„Die ganze Stadt“, staune ich, „die sind wir doch auch. Und wir wissen es nicht.“
„Jetzt wisst ihr es.“
Trude bringt sich in Position. Wie zwei Kampfhähne stehen wir uns gegenüber. Jutta hat Karlchen vorsichtshalber an die Hand genommen und sich mit ihm in den alten Ziegenstall neben dem Plumpsklo verzogen.
„Außerdem haben die meinen Vater nicht abgeholt“, sage ich. „Der ist nämlich jetzt in Frankreich und passt auf die Gefangenen auf. So.“ Ich strecke Trude meine Zunge raus. „Das hat nämlich die Schmids gesagt“, sage ich schadenfroh. „Ätsch!“
„Stimmt ja gar nicht.“ Trude wirft ihre Arme in die Höhe. „Mein Gott!“, schreit sie wieder los. „Wenn die jemanden abholen, kommt der ins Gefängnis. Das hat meine Oma gesagt.“
„Und ich habe selbst gehört, dass die im Radio gesagt haben, dass die Engländer Hamburg in eine Flammenhölle verwandelt haben“, prahle ich trotzig. „So viele Bomben sind da gefallen. Und darum können wir nicht siegen.“
„Also hört ihr den Feindsender“, stellt Trude lakonisch fest. „Und das ist verboten.“
„Dumme Göre“, sage ich, „im Radio haben die gesagt, dass die vielen Bomben in Hamburg gefallen sind.“
„Wir siegen aber trotzdem “, beharrt Trude. „Meine große Schwester ist nämlich im Jungmädelbund. Also muss sie es wissen.“ Trude stampft wieder mit den Füßen. „Und wenn ich groß bin“, schreit sie, „nehmen die mich da auch rein. Und meine Schwester geht dann in Glaube und Schönheit.“
„Wir sind schon in Glaube und Schönheit“, sage ich stolz. „Wir sind nämlich Adventisten.“
„Adventisten?“, schüttelt sich Trude. „Was ist denn das fürn Quatsch?“
„Das ist kein Quatsch“, stelle ich fast feierlich richtig. „Das ist an Gott glauben. Und an Jesus. Jesus erlöst nämlich alle Sünder.“
„Alle Sünder?“ Trude starrt mich mit großen Augen an.
„Ja“, sage ich, „wer schießt, ist ein Sünder. Weil schießen ist Sünde. Weil in den Zehn Geboten steht - du sollst nicht töten - . Und schön ist es auch. Da kommen nämlich immer Tante und Onkel Metzner. Die sitzen dann bei uns am Tisch und beten. Und meine Mama liest aus der Bibel vor. Wie mein Opa. Und dann singen wir alle Lobet den Herren.“
Trude starrt mich noch immer mit offenem Mund an. Dann poltert sie los: „Es heißt aber ‚Lobet den Führer’.“ Völlig aufgebracht zertritt sie unsere schönen Gänseblümchen.
„Und wir beten auch, dass der Krieg schnell zuende geht“, sage ich. „Und pass lieber auf die Gänseblümchen auf.“
„Aber erst nach dem Siege“, wird Trude wieder frech. „Blöde Gänseblümchen.“
„Du bist blöd“, schreie ich jetzt Trude an. „Mit dir spiele ich nicht mehr! Und zu meiner Vorstellung darfst du auch nicht kommen. Los, mach dich von unserem Hof!“
„Das ist doch gar kein richtiger Hof“, lacht Trude. „Nur Großbauern haben einen richtigen Hof. Und ihr seid arm. Bäh!“ Sie streckt mir wieder die Zunge raus und trabt schnell durch den langen Flur auf die Straße.

Ich setze mich auf die Bank und schimpfe: „Blöde Gans“, obwohl von Trude nichts mehr zu sehen und zu hören ist. „Natürlich nach dem Siege. Und natürlich haben wir einen richtigen Hof. Und sogar mit Gänseblümchen auf dem Wiesenfleckchen. Und Vetterling hat nur Steine. Blöde Gans. Die.“
Jutta und Karlchen kommen angetrottet und setzen sich zu mir auf die Bank.
„Die ist aber doof“, sagt Karlchen. „Die darf nicht mehr auf unseren Hof.“
Da kommt Trude zurück. Sie hatte wohl die Haustür offen gelassen und wir sie deshalb nicht kommen hören.
„Darf ich zu deiner Vorführung kommen?“, bettelt sie. „Ich gebe dir auch zwei Pfennige.“
„Und woher willst du die haben?“
„Von meiner Schwester“, flüstert Trude. „Wenn ich meiner Mutter nicht verpetze, dass sie mit Erich vor der Haustür geknutscht hat.“
„Na, gut“, willige ich ein, „Christen müssen verzeihen. Aber rede nicht mehr so dummen Blödsinn. Das dürfen wir auch nicht.“
„Na gut.“ Trude macht einen Schmollmund und große Augen. „Wann ist denn deine Vorstellung?“
„Weiß ich noch nicht. Da muss ich erst meine Mutter fragen.“
„Warum denn?“
„Weil die immer sagt, ich versaue ihre schönen Kleider.“

Das stimmt auch. Und manchmal haben wir schon ein schlechtes Gewissen. Aber die Vorstellung ist uns lieber. Und ohne Elses Kleider, Blusen, Röcken und sogar Schuhen macht die Vorstellung keinen Spaß. Sogar in ihrem Schmuckkasten kramen wir rum. Der Schmuckkasten steht oben im Schlafzimmer auf der Frisierkommode. Darüber hängt ein riesengroßer ovaler Spiegel mit einem Goldrahmen.
Neben dem Schmuckkasten steht eine große Porzellanschüssel. Und darin ein Wasserkrug. Alles in Weiß. Nur die Ränder sind verziert mit kleinen bunten Blümchen.
Vor dem Spiegel beginnt dann unsere Verwandlung. Wir nutzen jede Gelegenheit, wenn Else mal ohne uns Kinder unterwegs ist. Was höchst selten der Fall ist. Wir laufen dann durch die Straßen und pfeifen. „Kuckuck, Kuckuck ruft’s aus dem Wald.“
Das ist das Zeichen für eine neue Vorführung. Fast alle Kinder kommen. Noch vor der Haustür sammeln wir die Pfennige ein. Danach dürfen sich die Kinder auf die Treppe mit dem weißen Geländer setzen. Alle sind immer mucksmäuschenstill. Sie warten geduldig, bis wir drei aus dem Schlafzimmer unserer Eltern kommen. Gekleidet in ihre Sachen. Wenn wir dann auf dem Treppenabsatz stehen, fangen sie an, zu klatschen. Das ist der schönste Moment. Stolz schreiten wir dann die letzten Stufen hinab. Die Vorstellung kann beginnen. Und zwar immer mit der gleichen Frage.
„Seid ihr alle da?“
„Jaaaaa!“, jubeln die Kinder.
„Was wollt ihr sehen?“
„Egal.“
Also fangen wir an. Und zwar mit einem Lied, das alle Kinder kennen und mitsingen können. Kommt ein Vogel geflogen zum Beispiel. Danach spielen wir, was uns gerade einfällt. Oder was die Kinder sehen und hören wollen. Am liebsten Vater, Mutter und Kind. Auch Doktor und Pastor. Soldat und Krieg spielen wir nie.
Diese Tatsache verbannten wir wohl unterbewusst aus unserem Gedächtnis.
„Stimmt das?“, fragt Trude und lacht versöhnt.
„Manchmal“, gebe ich zerknirscht zu und lache auch.
Wir haben uns wieder versöhnt und holen den bunten Ball aus dem Korb im Flur. Der liegt immer unter der Treppe neben der Waschküche. Schnell laufen wir auf die Straße.
Auf dem Kopfsteinpflaster spielen wir, wie fast jeden Abend, Treiben. Vergnügt springen wir den kleinen Hügel am Ende des Brühls zum Kleffer rauf und runter. Wir lachen und kreischen und vergessen die Zeit und den Streit.

„Kommt essen! Kinder!“
Punkt siebzehn Uhr steht Else vor der blau gestrichenen Holztür mit der schweren Klinke in Brühl 18.

***

Wir schreiben das Jahr 1944


Episode 7
Wir bekommen ein Schwesterchen

„Berta, was läufst du denn immer hin her?“ Otto schaut verärgert zu Berta. Die kommt gerade mit einem Eimer in der Hand aus der schmalen Küche. „Siehst du denn nicht, dass ich mit den Kindern arbeite?“
„Muss das jetzt sein, Otto“, tadelt Berta. „Else liegt in den Wehen. Wir brauchen mehr kochendes Wasser. Und du machst hier deine Spielerchen.“
Berta verschwindet kopfschüttelnd durch die Stubentür. Mit ihren kleinen Schritten trippelt sie schnell über den Flur die Treppe hinauf.
Berta heißt eigentlich Berta Auguste. Doch alle nennen sie Berta. Obwohl ich Auguste schöner finde. Das hört sich lustiger an. Aber nach mir geht es ja nicht. Berta ist zwei Köpfe kleiner als Otto. Sie gehen immer Hand in Hand. Else und Karl gehen eingehakt. Das sieht irgendwie verliebter aus.
Berta hat einen dunklen, geflochtenen Haarknoten im Nacken und ganz helle, grüne Augen. Noch bei keinem Menschen habe ich solche Augen gesehen. Wenn Berta mich anschaut, ist mir, als blicke sie ganz tief in meine Seele. Vor diesen Augen scheint man nichts verbergen zu können. Sie sind ruhig. Sie sind ernst. Sie sind lustig. Sie sind lebendig. Jede noch so winzige Gemütsbewegung spiegelt sich in ihnen.
„Du hast die Augen deiner Oma geerbt“, hatte Else neulich gesagt, als ich Berta mal wieder neugierig beobachtet hatte. „Die guckt auch immer so.“
Sofort war ich ins Elternschlafzimmer gerannt und hatte vor dem großen Spiegel in meine Augen gestarrt. Doch außer der Farbe hatte ich keine Ähnlichkeit entdecken können.
Ein Glück aber auch. Ich will meine eigenen Augen haben.

*

Else liegt in dem großen, weißen Bett und hat Wehen.
„Die Hebamme hilft ihr beim Pressen. „Damit das Kind schneller geboren werden kann“, sagt Berta.
Sie ist bestimmt schon so sechs oder sieben Mal die weiße Treppe hinunter geeilt und hat kochendes Wasser aus der Grude geholt. Das Ehrenkreuz der Deutschen Mutter baumelt an einem Ordensband um ihren weißen Hals. Sie hat immer eine hoch geschlossene, weiße Seidenbluse mit Rüschen am Kragen und den Ärmelenden an. Und bei jedem ihrer schnellen Schrittchen schwingt das Ehrenkreuz über der Bluse hin und her.
„Das ist das sichtbare Zeichen des Dankes des Deutschen Volkes an kinderreiche Mütter“, hatte sie mich mal aufgeklärt. „Du musst wissen, mein Kind. Das Kind adelt die Mutter.“
Neugierig schaue ich jetzt wieder auf den Orden mit dem Hakenkreuz in der Mitte.
„Was steht da drauf, Opa?“, frage ich Otto.
„Da steht drauf“, sagt Otto ernst, „da steht drauf: 'Das Kind adelt die Mutter'“, wie Berta schon sagte. „Die deutsche kinderreiche Mutter soll den gleichen Ehrenplatz erhalten, wie der Frontsoldat im Donner der Schlachten. Denn ihren Einsatz von Leib und Leben kann man dem gleichsetzen. So hat sich Himmler ausgedrückt. Vielleicht auch der Führer“, fügt er nach einer kleinen Pause hinzu.
„Das versteht doch das Kind noch nicht“, mischt sich Berta ein. Sie eilt wieder nach oben.

Otto heißt auch nicht nur Otto, sondern noch Hermann und Emil. Aber Otto passt schon irgendwie. Emil würde mir natürlich besser gefallen. Aber Otto passt besser.
„Vorne rund. Hinten rund“, scherzt Otto manchmal, „in der Mitte wie ein Pfund.“
Das ist das einzig Witzige, was ich bisher aus Ottos Mund gehört habe.
Otto ist ein schöner Mann. Er hat ein länglichen Gesicht. Braune Augen. Dunkle Locken. Er ist Adventistenprediger und immer sehr ernst. Manchmal fürchte ich mich vor ihm. Bestimmt, weil er nie lacht. Nicht einmal lächelt.
„Habt ihr die Geschichtsbücher gelernt?“, geht Otto zur Tagesordnung über. Der der Reihe nach sieht er uns streng an.
„Ja, Opa“, sagen wir wie aus einem Mund.
„Fang du an, Karlchen“, fordert Otto Karlchen auf.
Sofort stellt sich Karlchen artig neben seinen Stuhl.
„Die Geschichtsbücher“, beginnt er. „Das erste Buch Mose. Das zweite Buch Mose. Das dritte Buch Mose. Das vierte Buch Mose. Das fünfte Buch Mose.“
Geschafft. Aufatmend schaut Karlchen Otto an. Meistens bringt er die Reihenfolge durcheinander.
„Und nun Jutta.“
Jutta stellte sich auch in Positur.
„Das Buch Josua. Das Buch der Richter. Das Buch Ruth. Das erste Buch Samuel. Das zweite Buch Samuel. Das erste Buch der Könige. Das zweite Buch…“

Da stürmt Berta. In die Stube. Ein Glück. Ich habe null Lust, die Bücher zum x- ten Mal aufzusagen.
„Das Kind ist da! Das Kind ist da!“, freut sich Berta aufgeregt. „Kommt, kniet nieder. Lasst uns beten Kinder.“

Wir Kinder, Berta und Otto knien uns auf den harten Dielenboden. Andächtig senken wir die Köpfe, schließen die Augen, falteten die Hände zum Gebet.
„Wir danken dir, oh Herr“, beginnt Otto mit seiner angenehm tiefen Stimme. „Wir danken dir für das Kind, dass du uns soeben geschenkt hast. Möge es in diesen schweren Zeiten, in diesem kalten Kriegswinter, gesund heranwachsen. Beschütze und segne es. Oh, Herr. Erbarme dich auch der Menschen in aller Welt, die du einer solch harten Prüfung unterziehst. Gelobet seiest du. Oh, Herr. Bis in alle Ewigkeit. Amen.“
„Amen“, murmeln wir im Chor und erheben uns.
*
„Dürfen wir uns jetzt das Baby anschauen?“ Ich stehe schon an der Tür. Bereit, im nächsten Moment die Treppe zu Else ins Schlafzimmer zu rennen. „Ist es ein Junge oder ein Mädchen?“
„Halt!“ Berta hält mich am Arm fest. „Die Hebamme sagt Bescheid, wenn ihr das Baby sehen dürft“, sagt sie. „Es muss doch erst noch gebadet und gewickelt werden.“
„Och“, maule ungeduldig. „Immer diese Warterei.“
„Es läuft euch ja nicht davon“, scherzt Berta. „Singen wir noch ein Lied. Danken wir dem Herrn, weil alles so gut gegangen ist.“
Beherzt setzt sich Berta auf den roten Hocker ans Harmonium. Wir stellen uns rechts und links neben sie. Otto gibt mit seiner Bassstimme den Ton an. Wir singen alle voller Inbrunst Lobet den Herren.
„Und nun warten wir auf die Hebamme“, sagt Berta nach dem obligatorischen Amen.
„Was ist es denn nun? Omi?“ Ich zupfe Berta am Ärmel ihrer weißen Bluse. „Ein Junge oder ein Mädchen.“
In diesem Moment steht die Hebamme in der niedrigen Stubentür.
„Fertig“, freut sie sich. „Das Baby darf bewundert werden. Ein Prachtkind. Sechs Pfund. Fünfzig cm lang. Ich komme morgen wieder vorbei.“
Die Hebamme verabschiedet sich. Wir rennen die Treppe hinauf ins Schlafzimmer.
„Nicht so laut, Kinder“, mahnt Berta. „So eine Rasselbande aber auch“, murmelt sie.

Else liegt mit aufgelösten Haaren ganz blass in dem großen weißen Bett unter dem Bild mit den betenden Händen.

Else liebt Dürer. In dem Verschlag rechts neben dem Schlafzimmer, durch den man über eine Treppe zu dem Boden gelangt, hängen noch zwei Bilder von ihm. Der Christusknabe mit der Weltkugel und Der Feldhase.
Diese Bilder gefallen mir viel besser. Besonders der lustige, braune Feldhase.
Die Bilder sind schon ganz alt. Else hängt sie immer gerade. Auch wenn sie gerade hängen. Die Rahmen darf ich auch nicht berühren. Es könnte ja etwas Plattgold abblättern. Als die Urgroßeltern noch lebten, hingen die Bilder unten in der Stube.
Ja, die Urgroßeltern. Das ist wieder so eine besondere Geschichte. Und es darf nie darüber gesprochen werden. Diese Geschichte liegt wie ein dunkler Schatten über der Familie.

*
Erst am Ende ihres Lebens hat mir Else diese dramatische Geschichte erzählt. Die Geschichte, wegen derer sie Jahrzehnte zum Stillschweigen verurteilt war und lange nachdem sie sich in ähnlicher Form in unserem Leben wiederholt hatte. Zu spät hatte sie das auferlegte Schweigen gebrochen. Doch sie war ja noch ein Kind, als es geschah.

*
Else hält uns das Babybündel entgegen.
„Hier ist sie. Gesund und munter“, sagt sie glücklich. „Unsere Bertraud Johanna. Wir haben sie nach Oma benannt. Möge sie auch so schön und gut werden. „Und so mutig, wie Johanna“, fügt sie hinzu.
„Welche Johanna?“, frage ich. „Oma heißt doch Berta.“
„Die Jungfrau von Orleans.“ Else streichelt das Köpfchen des Babys. „Die Geschichte erzähle ich euch später, wenn ihr größer seid. Kommt doch näher.“
Andächtig bestaunen wir das kleine Ding. Das neue Erdenmenschlein. Ganz in Rosa gehüllt, ruht es zufrieden in Elses Armen.
„So kleine Händchen.“ Karlchen nimmt ein winziges Fingerchen nach dem anderen in sein dickes Patschhändchen. „So klein.“
„Alles ist so klein, guck mal, Rosi. Die Ohren. Die Nase. Alles.“ Ich stehe noch immer an der Tür und rühre mich nicht. Jutta zieht mich zum Bett. „Alles“, staunt sie. „Alles.“
„Der Kopf passt nicht“, stelle ich pragmatisch fest.
„Das ist nun mal so“, sagt Berta, „die Proportionen gleichen sich später wieder aus. Nun begrüß auch du unsere Bertraud Johanna, Rosi, wie es sich gehört.“
„Wir begrüßen dich in unserer Familie“, gehorche ich etwas widerwillig. Wie die anderen vor mir, küsse ich dann das Baby auf die Stirn.
„Mir ist kalt“, jammert Else. „Kannst du mir bitte nicht noch einen Wärmestein bringen, Mama?“
„Er liegt schon in der Grude“, sagt Berta. „Aber es ist nicht mehr viel Koks da. Und die Kohlen für den Ofen in der Stube reichen auch nicht mehr lange.“ Besorgt schaut Berta zu den zwei kleinen Fenstern in dem Zimmer. „Die Eisblumen haben die Fenster schon zugewachsen“, murmelt sie. „Was soll das nur noch werden.“

Otto ist ins Zimmer getreten. Sein Kopf berührt fast die niedrige Zimmerdecke. Es scheint, als würde er das ganze Zimmer ausfüllen.
„Herzlichen Glückwunsch.“ Otto beugt sich über Else. „Möge Gott, der Herr, das kleine Wesen segnen und ihm gnädig sein, wenn er es in diese wirre Welt gesetzt hat.“
„Das war nicht der Herr“, empöre ich mich.
„Was redest du da für Unsinn, Rosi“, tadelt mich Otto. „Wieso nicht der Herr?“
„Weil es Papa war“, sage ich, „und zwar an seinem letzten Urlaub.“ Ich gucke triumphierend in die Runde. „ Stimmt's, Kinder?“
„Ja, stimmt.“ Jutta und Karlchen nicken beflissen. „Wir haben gelauscht.“
„So eine Bande aber auch“, lacht Berta. „Ab mit euch. Else und Bertraud brauchen jetzt Ruhe. Und ich backe euch zur Feier des Tages einen schönen Möhrenkartoffelkuchen. Zu mehr haben die Lebensmittelkarten nicht gereicht.“
„Sind die Punkte schon verbraucht? Oma? Ich brauche neue Schuhe.“ Vorwurfsvoll zeige ich meine viel zu kleinen Schnürschuhe mit den durchgelaufenen Sohlen. „Meine Füße sind immer ganz nass und kalt“, klage ich. „Und wenn ich sie dann an den Ofen halte, kribbeln sie ganz schrecklich.“
Berta streicht mir die rotblonden Locken aus dem Gesicht. „Die Bezugsscheine reichen nicht hin und nicht her“, sagt sie traurig. „Leider kann ich euch keine Schuhe nähen. Ich hätte ja auch gar keinen Stoff mehr. Auf der Kleiderkarte sind auch keine Punkte mehr. Wenn man bedenkt, dass man alle zwei Monate nur 25 Punkte verbrauchen kann und ein Pullover genau soviel kostet.“ Berta schüttelt ihren Kopf und fügt hinzu: „Wenn Else nicht mehr stillen kann, brauchen wir auch mehr Milch. Das Baby muss ja schließlich auch leben.“
„Aber meine Füße tun weh“, beharre ich.
„Meine auch. Meine auch.“ Jutta und Karlchen jammern mit mir um die Wette.
„Still jetzt! Kinder!“, gebietet Berta energisch. „Es ist Krieg. Da müssen wir alle Opfer für das Vaterland bringen. Denkt an die Soldaten. Die führen noch immer ihren heldenhaften Kampf vor den Toren Leningrads. Und das schon neunhundert schreckliche Tage lang. Und die dürfen auch nicht jammern.“
„Berta hör auf“, fordert Otto, „wie sollen die Kinder das verstehen. Sie haben Hunger. Und sie brauchen Schuhe. Beten wir lieber. Gott weiß schon, was er tut. Wir können ihn nur demütigst bitten.“

In diesem Moment erlischt das kärgliche Licht im Zimmer. Gleichzeitig ertönt die grässliche Melodie der Sirenen, deren Klang nur eines denken lässt. Fliegeralarm!
„Schnell! In den Keller!“, flüstert Else. „Berta, schnell, nimm die Kinder.“
„Ich will nicht in den Keller“, heult Karlchen. „Ich will bei dir bleiben. Mami. Und bei dem Baby.“
„Gut, bleiben wir hier“, ist Else einverstanden. „Kommt, wir beten.“

*

Drei Wochen später hat Else sich gut erholt. Auch die kleine Bertraud Johanna gedeiht prächtig. So können Berta und Otto unbesorgt zurück nach Altenburg reisen. Otto muss ja auch mal wieder in seiner Adventistengemeinde predigen.

„Gott beschütze euch.“ Otto beugt sich zu Else hinab. Sie sitzt im Bett und stillt das Baby. Sie stillt es immer im Bett. „Seid vorsichtig.“ Otto küsst Else und Bertraud Johanna flüchtig auf die Stirn. „Zwei von den Zeugen Jehovas haben sie vor Kurzem abgeholt“, fügt er leise hinzu.
„Die Zeugen Jehovas sind ja auch verboten“, flüstert Berta zurück. Sie schaut sich unruhig im Zimmer um, als wüsste sie, dass ich wiedermal an der Tür lausche, „Aber die Adventisten nicht“, sagt sie dann.
„Das ist nur eine Frage der Zeit“, flüstert auch Otto. „Wir dürfen also um keinen Preis auffällig werden. Komm, Berta“, sagt er. „Es wird Zeit. Von den Kindern haben wir uns ja schon verabschiedet. Sie sind bestimmt unten in der Stube.“

Ich husche schnell in den Verschlag. Natürlich habe ich wieder gelauscht. Am liebsten würde ich mich auf den Dachboden verkriechen. Aber die Leiter liegt auf dem Fußboden. Wie meistens. Damit wir Kinder keine Dummheiten machen können.
Ich kauere mich unter das Bild mit dem Jesus und der Weltkugel. Geduldig warte ich, bis die Großeltern das Haus verlassen haben. Hätten die mich beim Lauschen an der Tür erwischt, wäre mir das sehr unangenehm gewesen.
Der Lauscher an der Wand, hört seine eigne Schand’, hätte Berta dann wieder gesagt.
Ich wüsste zu gerne, was eine Schand’ ist. Aber ich traue mich nicht zu fragen. Bestimmt ist es etwas Schlechtes, wofür Gott mich dann strafen würde. Und das will ich auf keinen Fall riskieren. Also bleibt mir nur die unbefriedigte Neugier.
Warum haben die Erwachsenen aber auch immer Geheimnisse.

***


Episode 8
Der Urgroßvater und das Bett mit dem Strohsack

Der Winter vergeht quälend langsam. Die Eisblumen an den Fenstern tauen einfach nicht ab. Und die Eiszapfen am Dach vor dem Plumpsklo und dem Ziegenstall ohne Ziegen hängen fast bis zur Erde. Und die Kacke im Plumpsklo ist auch gefroren und steigt immer höher.

Trotz der Kälte jagen wir Kinder im Hof umher. Wir brechen die Spitzen an den längsten Eiszapfen ab und lecken genüsslich daran.
„Hm, Eis“, freuen wir uns, „Eis am Stiel. Am Eisstiel. Lecker.“
Wir formen den harten Schnee zu Bällen und bewerfen uns damit. Wir lachen, schreien und hopsen. Doch bald haben wir genug davon. Es ist einfach zu kalt. Also geht es ab in die Stube. Zu Else und dem Baby.
„Na, habt ihr euch ausgetobt, ihr Rasselbande“, lacht Else. „Ist euch wohl zu kalt draußen? Holt euch doch den Schlitten aus dem Ziegenstall.“
„Das macht doch keinen Spaß in unseren blöden Schuhen“, schmolle ich.
„Keinen Spaß“, stimmen Jutta und Karlchen ein. „Blöde Schuhe.“
„Dann bleibt ihr halt hier.“ Else steht von ihrem Stuhl auf. „Hier ist es ja auch wärmer, etwas zumindest.“ Sie geht zu dem kleinen Kanonenofen und legt eine Kohle nach. „Wer weiß, wie lange noch“, fügt sie traurig hinzu. „Es sind nur noch zehn Kohlen da. Und das Holz ist auch so gut wie alle. Nicht, dass wir noch den Fliederbaum umhauen müssen.“
„Nur das nicht.“ Ich hocke mich zu Else vor den Ofen auf das Blech, das als Schutz vor der Glut vor der Ofentür liegt. „Da kannst du doch Berta keinen Brief mehr schreiben, dass sie herkommen soll, wenn der weiße Flieder wieder blüht“, erinnere ich sie.
„Da hast du recht“, freut sich Else. „Das machen wir lieber doch nicht. Der schöne Baum. Ich mach mal die Küchentür auf. Auch wenn es stinkt. Und das Kohlendioxyd nicht so gesund ist. Aber wärmer wird es dann auf jeden Fall.“

Vorsichtig öffnet Else die Tür zur Küche einen kleinen Spalt. Wir sitzen an dem Tisch unter der Lampe. In letzter Zeit konnten wir das Licht oft nicht anschalten. Und zwar immer, wenn Fliegeralarm war. Die Häuser müssen dann verdunkelt werden. Else hängt dann immer schnell die dicken Wolldecken vor die drei unteren Fenster. Die oberen und das in der Kammer zum Hof vergisst sie meistens.
„So Kinder“, sagt sie jetzt, „arbeiten wir weiter an den Ohrenschützern für die Soldaten. Bestimmt frieren die noch mehr als wir.“

Bertraud Johanna liegt in der Holzwiege mit den Gänseblümchen. In der haben wir drei anderen schon gelegen. Als wir noch Babies waren. Karl hat die Gänseblümchen eigenhändig drauf gemalt. „Damit er auch mal was Nützliches gemacht hat“, sagt Else manchmal, "und weil doch auf dem Wiesenfleckchen immer die Gänseblümchen so schön blühen.“
Jetzt tritt sie mit dem Fuß die Wiege. So wiegt sie die kleine Bertraud Johanna in den Schlaf, während sie arbeitet. Und wir alle ganz nah beisammen sind.
Wir müssen immer auf der Hut sein. Von einem Augenblick zum anderen können die Sirenen losheulen. Und wenn es ganz schlimm kommt, müssen wir schnell in einen Keller flüchten. Doch Else lässt uns oft schlafen. Auch wenn die Flugzeuge über das Städtchen lärmen und sie nicht schlafen kann. Bis jetzt ist immer alles gut gegangen.
„Gott sei Dank dafür“, sagt Else.

*

Von Karl haben wir noch immer nichts gehört. Auch seine Eltern in Ziegelroda nicht. Er ist wie vom Erdboden verschwunden.
„Er weiß nicht einmal, dass er noch eine Tochter hat“, sagt Else. Sie seufzt laut auf.
„Stimmt's Mama“, will ich Else aus ihren trüben Gedanken reißen, „als ich geboren wurde, lebte der Urgroßvater noch.“
„Stimmt.“ Else schmunzelt. „Und euer Vater war auch da“, sagt sie nachdenklich. „Damals war ja noch Friedenszeit.“ Sie macht eine lange Pause, bevor sie endlich sagt: „Aber euer Urgroßvater war damals schon sehr krank.“
„Was hatte er denn?“, will ich wissen.
„Schuppenflechte“, erwidert Else leise.
„Schuppenflechte? Was ist denn das?“
„Er hatte am ganzen Körper rote Flecken und hat sich immerzu gejuckt.“
„Und wo hat er geschlafen?“, frage ich, hellhörig geworden. Natürlich in eurem Zimmer im Bett“, sagt Else irgendwie schuldbewusst. „Und als du geboren wurdest“, fügt sie hinzu, „schrie er immerzu: 'Bringt mir das Kind. Bringt mir das Kind!“
„Und hast du mich ihm gebracht?“
„Natürlich, er hatte sich doch so auf dich gefreut.“
„In das Bett, in dem ich jetzt schlafe?“

Ich stelle mir vor, wie Else mich als winziges Bündelchen, noch winziger als Bertraud Johanna, in den Arm des alten, kranken Mannes gelegt hatte, und schüttle mich.
„Nein, natürlich nicht“, sagt Else verärgert und macht ein ganz komisches Gesicht. Vielleicht ekelt es sie auch. So im Nachhinein. „Er hatte doch überall Schuppenflechte“, wiederholt sie. „Und er ist ja auch kurz nach deiner Geburt gestorben.“
„Und in welchem Bett lag er nun?“, will ich wissen.
„In dem Bett lag er schon.“
„Iieh, eklig!“ Empört springe ich auf. „Mama!“, schreie ich aufgebracht, „das finde ich aber nicht nett von dir! Konntest du mir kein anderes Bett kaufen? Jetzt weiß ich auch, warum ich immer so schlecht träume.“
„Setz dich, du dummes Ding.“ Else ist jetzt auch wütend. „Was du dir immer so ausdenkst“, tadelt sie. „Ich habe das Bett natürlich gründlich gesäubert.“

„Und doch ist es sein Bett!“
Ich kann mich einfach nicht mehr einkriegen. Schon der Gedanke, dass mein Urgroßvater Schuppenflechte hatte und sich immer gekratzt hatte war gruselig. Und dann hatte Else mich noch in seine Arme gelegt. Und zwar in dem Bett, in dem ich jetzt schlafe. Es ist absurd.
„Jutta und Karlchen haben doch auch ein neues!“, schreie ich hysterisch.
„Ein neues nicht“, sagt Else betont ruhig, „wir haben es gebraucht gekauft.“
„Und wo bitte?“
„Auf dem Trödel natürlich.“
„Und wer hat darin geschlafen?“
„Das kann ich natürlich nicht wissen.“ Else guckt jetzt noch strenger. „Hör endlich auf mit der dummen Fragerei“, sagt sie böse.
„Und wer hat in dem Bett in der Kammer geschlafen?“, will jetzt auch Jutta wissen. „In dem Helga geschlafen hat?“
„Ja, warum ist sie überhaupt nicht mehr da?“ funkele ich Else trotzig an. „Warum ist sie weg?“
„Nun aber Schluss Kinder. Nervt mich nicht immer mit euren ewigen Warumwarumwarumfragen.“ Else steht verärgert auf. „Helga musste ich wieder nach Hause schicken“, sagt sie. „Aufs Land. Zu ihren Eltern. Da hat sie es doch noch besser. Ihr wisst doch, dass das Essen kaum für uns reicht. Und nun ist endgültig Schluss.“, sagt sie energisch. „Und räumt endlich das Zeugs an Ort und Stelle. Es ist Zeit zum Schlafengehen. Aber vorher singen wir noch ein Schlaflied zur Beruhigung.“
Karlchen hängt sich an Elses Arm.
„Spiel Guten Abend, gute Nacht.“
„Gern, mein Sohn.“

*

Endlich hat der Frühling den Winter besiegt. Überall duftet und blüht es wieder. Die Menschen brauchen sich nicht mehr vor dem Kohlenklau zu fürchten. Diesem Monstrum. Halb Mensch. Halb Tier. Mit einem geklauten Sack Kohlen auf dem Rücken. Verschwunden ist das Monster. Von der Litfasssäule an der Ecke vor dem Marktplatz. Von den Plakaten über dem Eingang der Schule. Und auch vom Rathauses. Genau neben dem Bild des Führers.

Die übergroßen Plakate mit dem schwarzen Mann hingen an allen öffentlichen Gebäuden und über fast allen größeren Toreinfahrten. Sogar an den Waggons der Güterzüge, die mit Kohlen beladen waren, waren sie befestigt.
Der Kohlenklau sollte die Menschen daran erinnern, sparsam mit dieser kostbaren Energie umzugehen, zumal sie unentbehrlich für die Kriegsführung war. Niemand durfte sich am Allgemeingut Kohle bereichern. Jedem wurde zugeteilt, was ihm zustand. Und wenn sich doch einmal jemand beim Kohlen klauen erwischen ließ, war ihm eine hohe Geldstrafe sicher.

Und nun ist der Kohlenklau verschwunden. Und das Monster kann die Menschen nicht mehr schrecken.
*

Übermütig hüpfe ich über die bunten Steinfliesen im Flur. Hin zu dem Fliederbusch hinter dem Mist. Bald wird er in voller Pracht erblühen. Und der Koks für die Grude würde schon reichen. Wir brauchen ihn ja nur noch, um Essen zu kochen.
Der Händler am Kleffer hat einen ganzen Berg voll davon. Und der kleine Kanonenofen in der Stube kann jetzt ruhig kalt bleiben. Es ist ja Frühling. Und bald Sommer. Nun brauchen wir nicht mehr zu frieren. Jetzt dürfen wir wieder alle Türen und Fenster offen lassen. Und der Duft des Flieders hinter dem Mist kann das ganze Haus erfüllen.
„Du bist so wunderschön“, flüstere ich glücklich. „Du, in deinem weißen Sternenkleid.“ Ich stecke meinen Kopf in die noch nicht erblühten Fliederdolden. „Und dann riechst du wieder soo gut“, mache ich dem Fliederbaum Mut, bald zu blühen.
*

„Rosi!“ Else wartet genervt an der Tür zum Flur. „Wo steckst du nur immer?“, ruft sie ungehalten. „Ich kann doch nicht alles alleine machen. Komm sofort her.“

Aus der Traum. Die Pflicht ruft. Was Else nur schon wieder von mir will. Seit die kleine Bertraud Johanna auf der Welt ist, habe ich nur noch zu tun. Wenn Else das Baby stillt, muss ich die Wohnung aufräumen, den Abwasch machen, auf Jutta und Karlchen achten, damit die ja nur keine Dummheiten machen. Und wenn dann das Baby endlich in der Wiege liegt, muss ich es so lange schaukeln, bis es eingeschlafen ist. Und das alles, damit Else andere Dinge im Haushalt erledigen kann.
Natürlich sehe ich ein, dass ich Else helfen muss. Ich bin ja schon groß. Aber manchmal wünsche ich mir wirklich mehr Zeit für mich. Jutta und Karlchen hängen auch immer an meinem Rockzipfel. Ich würde mir aber viel lieber die alten Bilder in Ruhe betrachten. Und die vielen Bücher, die im Verschlag in dem großen Bücherschrank stehen. Und Harmonium spielen würde ich auch gerne lernen. Aber nichts geht. Nichts darf ich. Nie ist Zeit dazu. Und Else hat nicht einmal Zeit, mir etwas vorzulesen.
„Warte bis du in die Schule kommst“, sagt sie immer, wenn ich mich beschwere, „dann kannst du ja selbst lesen.“
Wenn es doch endlich soweit wäre.
Unwillig trotte ich zu Else, die schon wieder in die Stube verschwunden ist.
„Träum nicht immer“, sagt sie schroff. „Was bist du nur für ein seltsames Kind. Los! Kümmere dich lieber um Bertraud. Ich muss noch so viel vorbereiten.“
„Darf ich sie mit in den Hof nehmen?“
„Meinetwegen. Solange Jutta und Karlchen noch schlafen. Sonst stören sie sie nur.“
Else legt das Baby in den modernen Korbwagen. In dem haben schon Jutta und Karlchen und ich gelegen. Missmutig schiebe ich den alten Karren in den Hof neben die Bank.
„Achte auf die Bienen“, ermahnt mich Else noch. „Du weißt, sie schwirren schon herum.“
„Ich pass schon auf.“
„Dann kann ich mich ja jetzt um den Kuchen kümmern.“

***


Episode 9
Richard hat Geburtstag

Else kümmert sich um den Kuchen. Den Kuchen für Richard. Der hat nämlich Geburtstag. Seinen Vierzigsten. Und den will er natürlich mit der Familie feiern. Mit unserer Familie. Das hatte ich doch glatt vergessen. Else hat wohl recht. Immer träume ich vor mich hin.
„Ich werde mich zusammennehmen“, sage ich zu Bertraud Johanna, „damit Else keinen Ärger mehr mit mir hat.“
In diesem Moment kommen Jutta und Karlchen in den Hof gerannt. Barfuß. Nur im Hemd.
„Wir ausgeschlafen“, lacht Karlchen. „Wir wollen jetzt spielen. Jutta hol' den Ball.“
„Untersteht euch!“ Ich stehe auf und gebe den beiden einen Klaps auf den Po. „Ab mit euch. Zieht euch ordentlich an. Richard kommt gleich.“
Mit hängenden Köpfen traben Jutta und Karlchen davon.

*

Die Türglocke schellt. Richard ist gekommen. Also muss es vierzehn Uhr sein. Richard ist die Pünktlichkeit in Person.
Ich lausche auf die gedämpften Stimmen von Else und Richard und die lauteren von Jutta und Karlchen. An mich denkt wohl keiner. Hauptsache, ich kümmere mich um das Baby.
„Maamaa!“, rufe ich so laut ich kann. „Dürfen wir reinkommen!“
„Mach doch nicht so einen Lärm, Kind!“ Else geht schnell durch den Flur in den Hof. „Du weckst doch das Baby auf“, schimpft sie. Sie wirft einen Blick in den Kinderwagen und sagt dann etwas freundlicher: „Komm schon. Bertraud Johanna schläft ja tief und fest.“

Die anderen sitzen schon am Tisch. Else hat ihn wieder sehr liebevoll gedeckt. Auf einer weißen Damasttischdecke steht auf einem kristallenen Kuchenteller ein wunderschöner Napfkuchen. Darin stecken vierzig kleine rote Kerzen.
Wo Else die nur wieder her hat. Bestimmt vom Schwarzmarkt. Und bestimmt schweineteuer. Dafür hat sie Geld. Aber für mich kann sie keine unkratzige Bettwäsche auf dem Schwarzmarkt kaufen. Das soll nun einer verstehen. Ist der Richard etwa mehr wert als ich?

Nachdenklich setze ich mich auf meinen Platz.
Zwischen dem guten Geschirr und dem guten Besteck liegen sogar Gänseblümchen. Und winzige Fliederzweige duften mit dem Napfkuchen um die Wette. Und der Malzkaffee riecht verführerisch aus der großen, geblümten Kaffeekanne.
Richard schaut Else verliebt an. Else wird ganz rot im Gesicht.
„Ich danke dir“, sagt Richard. „Den Kindern natürlich auch.“
Und als er das sagt, beschleicht mich wieder das ungute Gefühl, das ich mir nicht erklären kann.
„Was guckst du denn so?“, fragt Else. „Ist was? Sprich lieber das Tischgebet.“
„Ja Mama.“
„Mach schon, wir wollen anfangen.“
„Wir danken dir, oh, Herr“, beginne ich zögerlich, „dass wir heute Richards Geburtstag feiern dürfen. Auch für den schönen Kuchen und die Blumen. Und die Kerzen. Aber bitte, lieber Gott, ich möchte auch unkratzige Bettwäsche vom Schwarzmarkt. Amen.“
„Amen.“

Richard betet nie. Auch heute nicht. Heute starrt er mich wieder mit seinen großen, traurigen Augen an. Und mir läuft die bekannte Gänsehaut den Rücken hinab.

„Was soll das?“, fragt Else gereizt. „Was ist denn schon wieder in dich gefahren? Du sollst nicht immer so vorlaut sein. Vom Schwarzmarkt. Du weißt, dass das verboten ist.“
„Aber nicht richtig“, widerspreche ich. „Das sagen die nur so im Radio. Sogar der Schmids hat gesagt: 'Die Händler kommen und gehen. Sie müssen ja auch leben'.“
Else würdigt mich keines Blickes mehr. Zu Richard sagt sie: „Blas bitte die Kerzen aus, damit wir auf andere Gedanken kommen und den schönen Napfkuchen genießen können.“

Richard lässt sich natürlich nicht lange bitten. Er steht auf, holt tief Luft und versucht, die Kerzen auf dem Kuchen auszublasen. Das gelingt ihm aber nicht.
„Alle auf einmal“, sage ich schadenfroh. „Bei uns klappt es immer.“
„Alle auf einmal. Bei uns klappt das immer.“ Jutta und Karlchen klatschen in die Händchen.
„Dummchen ihr.“ Else hält jetzt den Kuchen vor Richardas Gesicht. „Ihr habt ja auch nur drei, vier und fünf Kerzchen“, entschuldigt sie Richard. „Und der Richard vierzig. Das ist ja wohl ein Unterschied.“
„Und warum ist Richard vierzig und du einunddreißig?“, fragt Jutta.
„Weil Richard früher geboren ist, Dummchen“, sage ich altklug. „Papa ist auch einunddreißig.“
„Einunddreißig ist besser“, stellt Jutta fest.
„Warum denn das?“, fragt Else irritiert.
„Mit vierzig hat man nicht mehr viele Haare“, erklärt Jutta.
„Nun aber Schluss Kinder“, lächelt Else nachsichtig. „Richard den Rest.“

Richard versucht nochmals, die Kerzchen auszublasen. Schafft es aber wieder nicht sofort. Ich grinse schadenfroh. Endlich schafft er es doch. Wir Kinder klatschen Beifall.
Vorsichtig schneidet Else den Geburtstagskuchen an. Dann verteilt sie die Stücke gerecht auf die Teller.
„Milch zum Kaffee gibt es nicht“, sagt sie. „Die brauchen wir für das Baby.“
Wie aufs Stichwort fängt Bertraud Johanna zu schreien an.
„Das hat sie gehört“, lacht Else. „Ihre Zeit ist ran.“ Sie geht auf den Hof und nimmt das Baby aus dem weißen Korbwagen, um es dann oben im Schlafzimmer zu stillen.
Wir bleiben mit Richard in der Stube sitzen. Essen unser Kuchenstück. Trinken ab und zu einen Schluck Malzkaffee. Manchmal schauen wir drei uns an. Ein Gespräch mit Richard gibt es nicht.

Was will der nur immer hier bei uns, denke ich böse. Das Essen ist so schon so knapp. Und wir müssen immer mit dem Rad nach Ziegelroda Nachschub holen. Der sitzt hier und isst unseren schönen Kuchen. Soll der doch bei der Kuckuck Geburtstag feiern. Warum wohnt der denn sonst bei der zur Untermiete? Die wäre bestimmt froh darüber.
Immer öfter habe ich diese unguten Gedanken. Und ich darf sie doch nicht denken. Das ist eine Sünde. Und Gott wird mich dafür bestrafen. Else sagt ja immer, dass man für jede Sünde von Gott bestraft wird. Aber das schreckt mich jetzt auch nicht. Ich habe trotzdem große Angst, dass der Richard bei uns einzieht. Und das wäre ganz schrecklich. Neulich habe ich nämlich gehört, wie Frau Schmids zu Frau Stadelmann sagte: „Da wird wohl der kleine Mann bald bei der schönen einsamen Frau einziehen.“
„Kann schon sein“, hat Frau Stadelmann gesagt und gelacht. „Wo ihr Mann doch vermisst ist. Und eine Frau allein mit vier Kinnern… .“

„Ziehst du bei uns ein, Onkel Richard?“, frage ich lauernd.
Jetzt sitzt Richard in der Falle. Jetzt muss er antworten.
Else steht plötzlich mit dem Baby auf dem Arm in der Tür.
„Lass den Richard in Ruhe“, sagt sie. „Du mit deinen dummen Ideen. Los, spielt noch ein bisschen bis zum Abendessen.“

Schnell laufen wir hinaus ins Freie. Über das Kopfsteinpflaster das Stückchen bis zur Hauptstraße. Dann über die Alte Allee entlang des Alten Baches zur Mannstedter Straße. Hin zum Bahndamm. Soviel Zeit muss sein.
„Kommt, wir legen unsere Köpfe auf die Schienen“, rufe ich. „Schnell, der Zug kommt gleich.“
„Mama hat gesagt, wir dürfen uns nicht schmutzig machen“, zögert Jutta, „mein Kleid ist noch sauber.“ Sie hebt ihr helles Sommerkleidchen in die Höhe. „Und du siehst immer aus wie ein kleines Ferkel, hat Mama gesagt“, tadelt sie mich.
„Na und?“, sage ich. „Wir passen schon auf. Kommt! Wir machen Wetterennen. Wer zuerst am Bahndamm ist.“
Ich renne los. Jutta und Karlchen hinterher. Am Bahndamm angelangt, warte ich ungeduldig auf die beiden.
„Immer bist du erste“, mault Jutta.
„Dann musst du halt schneller rennen. Aber ich bin ja auch die Älteste“, tröste ich Jutta. „Los, auf die Schienen mit uns.“
Wir klettern den Bahndamm mit dem frischen, grünen Gras und den vielen Gänseblümchen hinauf. Erwartungsvoll legen wir unsere Köpfe auf die Schienen. Wir warten auf das bekannte Vibrieren.
Nichts. Wir lauschen weiter. Immer noch nichts.
„Wenigstens ein Güterzug könnte kommen“, sagt Jutta enttäuscht.
„Genau. Personenzüge fahren ja kaum noch“, stimme ich zu. Erwartungsvoll drücke ich meinen Kopf fester auf die Schienen.

In diesem Moment werden die Schienen lebendig. Spannen sich. Vibrieren. Zittern. Beben. Unsere Körper beben mit ihnen. Es ist ein herrliches Gefühl. Ein unvergleichliches, abenteuerliches Gefühl. Wir wollen es so lange wie möglich auskosten. Erst als die Schienen anfangen, zu surren und zu schwanken, reiße ich Karlchen und Jutta von den Schienen. Wir kullern kreischend den Abhang hinab. Landen auf der Wiese, blicken zufrieden der laut keuchenden Lock hinterher.
Das ist mal wieder was. Wie herrlich es aus dem Schornstein dampft und stinkt. Und eine Reihe Güterwagen holpert wie immer lustig hinter der Lok her.
„Da sind Kohlen drauf“, stelle ich sachlich fest. „Vielleicht sind welche runtergefallen. Kommt, wir suchen sie.“
Doch gerade, als wir den Bahndamm nochmals erklimmen wollen, ertönt ein Krachen und ein Bersten. Dann ein überlauter Knall. Unter uns wackelt die Erde. Über uns kommt eine dicke Rauchwolke immer näher. Der Himmel wird ganz schwarz. Dicker Ruß hüllt uns ein. Dann erstarrt die Welt in Stille. In gespenstiger Stille. Auch wir erstarren. Wir wagen uns nicht zu regen. Wir warten. Worauf? Plötzlich kracht es wieder. Diesmal viel lauter. Dann noch einmal und noch einmal. Immer lauter. Wir halten uns die Ohren mit beiden Händen zu.
„Sie haben den Zug gesprengt“, kommt mir endlich der erlösende Gedanke. „Los! Fort hier“!
Wir rennen los. Und im selben Moment heulen die Sirenen.

***



Episode 10
Chaos im Luftschutzkeller

Keuchend erreichen wir den Brühl. Die ganze Stadt scheint auf den Beinen zu sein. Alle wollen gleichzeitig in die Keller flüchten. Diesmal ist es ernst. Die Sirenen heulen ununterbrochen.
Aufgeregt drängeln sich die Frauen mit ihren kleinen Kindern an den Händen vor Vetterlings Tor.
Vetterling hat den größten Keller und somit den meisten Platz.
„Mütter mit ihren Kindern zuerst.“ Der Luftschutzwart an der Tür hat Mühe, für Ordnung zu sorgen. „Dann die Alten. Der Keller ist schon überfüllt“, weist er einen ganz alten Mann ab.

Else steht mit dem Baby auf dem Arm vor Brühl 18. Neben ihr Richard mit der großen Badetasche.
Da drin sind Dinge, die man unbedingt braucht. Papiere natürlich. Und etwas zu Essen und zu trinken. Für den Notfall.
„Man kann ja nie wissen“, meint Else immer. Und jetzt ist tatsächlich der Notfall eingetroffen.
„Ein Glück“, ruft Else, als sie uns erblickt, „schnell, schnell! Es ist Alarmstufe eins. Richard, nimm du Karlchen und Jutta. Rosi, hol' die Flasche aus der Grude. Ich hab' sie vergessen. Beeil dich.“
Wieder ertönt das unheimliche Krachen. Die ganze Stadt ist in den schwarzen, stinkenden Nebel gehüllt. Und das Geheul der Sirenen wird von Minute zu Minute bedrohlicher.
Ich beeile mich, die Flasche für das Baby aus der Grude zu holen.
Als ich wieder auf die Straße trete, ist keine Menschenseele mehr zu sehen. Ich habe schreckliche Angst. Mein Herz klopft bis zum Hals. Ich renne zur Alten Allee. Das Fläschchen für Bertraut Johanna halte ich ganz fest in meinen Händen. Ich zittere am ganzen Leibe. Angstvoll blicke ich in den unheimlichen Himmel. Erste Flieger blinken wie große, rote Sterne.
Ich stehe wie erstarrt. Ich bin nicht fähig, mich zu rühren. Bestimmt sehen mich die Piloten in meinem roten Kleid unter dem Ruß. Und bestimmt werden sie dann eine Bombe abwerfen. Und noch eine. Und noch eine. Bis unsere Stadt auch ein rotes Flammenmeer wird. Wie in Hamburg. Und ich wäre dann tot. Oh, Gott. Und Betraud muss verhungern. Weil sie ja kein Fläschchen hat.

„Mamaa! Mamaaa!“ Verzweifelt kauere ich mich mitten auf die Erde. Mitten auf der Hauptstraße mache ich mich ganz klein. So wird mich vielleicht doch niemand entdecken in den Bomberflugzeugen. Sie sind ja auch noch hoch oben am Himmel. Ganz langsam kommen mir die Tränen. Alle haben mich vergessen. Alle. Wo sind sie nur. Jetzt bin ich den Bomben schutzlos ausgeliefert.
„Mama“, wimmere ich, „Mama.“
Plötzlich spüre ich eine Hand auf meinem Kopf. Erschreckt fahre ich hoch. Die gütigen Augen des alten Mannes, der vorhin von dem Schutzwart vor Vetterlings Tor abgewiesen worden war, schauen mich mitleidig an.
„Komm, Kind“, sagt der Alte, „wir gehen in den Brauereikeller. Ein Plätzchen wird wohl noch für uns da sein.“ Ganz ruhig nimmt er meine kleine, kalte Hand in seine große, warme.

*

In den Brauereikeller gehen die Leute nur ungern. Der alte Keller scheint ihnen nicht sicher genug. Denn er liegt nicht, wie andere Keller unter dem Gebäude, sondern unter einem großen Hügel daneben. Er hat auch keine Notausgänge und würde somit die Menschen im Falle einer Bombe unweigerlich unter sich begraben. Außerdem ist das Gelände völlig verwildert. Überall wachsen mannshohe Brennnesseln und Goldregen und vielerlei Gestrüpp. Und in den kleinen und großen Erdlöchern tummeln sich bei heißem Sommerwetter sogar giftige Schlangen. So ist jedenfalls die Rede. Also wagt sich kaum jemand auf das Anwesen.

*

„Wir haben keine Wahl“, sagt der Alte, als er mein Zögern bemerkt. „Komm, Kind.“
Also gehen wir los. Begleitet vom Geheul der Sirenen. Dem Beben der Erde unter uns.
„Nun wird es aber höchste Zeit.“ Der Schutzwart winkt uns ungeduldig herbei. „Schnell! Die Bomber sind genau über uns.“ Hastig schiebt er den Alten mit mir an der Hand in den Keller. Danach verriegelt er die schwere Eisentür. „Der Keller ist übervoll. Ihr seid die Letzten“, sagt er.
„Erschöpft setzt sich der Schutzwart auf einen kleinen Hocker neben die verschlossene Tür.

Im Keller ist es stockdunkel. Die Luft zum Ersticken. Der alte Mann hat meine Hand losgelassen. Wo ist er nur? Eben habe ich ihn doch noch gespürt.
Die Menschen im Keller schweigen angstvoll. Es ist eine gespenstische Stille. Langsam aber sicher scheint sie alles um sich herum einzuspinnen zu wollen. Wie eine Raupe in ihren Kokon. Ab und zu kracht und poltert es immer wieder ganz in der Nähe. Fast über dem Keller. Und jedesmal heulen die Menschen entsetzt auf. Unterbrechen für einen Moment diese gespenstische Stille, während ein Wogen durch die Menge schwebt.
Plötzlich fängt ein Baby an zu schreien. Direkt in die Stille hinein. Zuerst ist es nur ein leises Wimmern. Doch allmählich wird aus diesem angstvollen Wimmern lautes Geschrei.
Eine Frau ruft hysterisch:
„Ich muss hier raus! Ich muss hier raus! Mein Kind erstickt! Mein Kind stirbt! Mein Kind stirbt!“
Ich bekomme einen furchtbaren Schreck. Es hat eine Weile gedauert, ehe ich realisiere, dass die Frau Else ist. Und das schreiende Baby Bertraud Johanna.
„Mama! Mama!“, rufe ich in das Geheul. „Ich bin hier. Ich helfe euch!“
Panisch versuche ich, mir einen Weg durch die nur fühlbare Masse zu bahnen. Vergeblich. Ich stolpere über fremde Beine, Arme, Körper, Köpfe. Es ist einfach kein Durchkommen.
Else schreit noch immer: „Mein Kind stirbt! Mein Kind stirbt!“
Andere Stimmen werden laut. Eine nach der anderen. Es ist, als hätte eine Massenhysterie die furchtsam aneinander gedrückten Menschen erfasst.
„Ruhe!“, schreit nun auch der Wächter. „Ruhe! Verdammt! Oder ich lasse den Keller räumen!“
Sofort verstummen die Menschen. Nur das Baby schreit weiter.
Verzweifelt kauere ich auf einem fremden Fuß.

Wenn jetzt eine Bombe fällt, denke ich, sind alle Menschen im Keller unter dem Berg begraben.
Ich stelle mir vor, wie die Menschen schreien, trampeln, heulen würden. Aus dem Keller fliehen wollen. Keinen Notausgang finden. Weil keiner da ist. Und es sowieso stockfinster ist. Und nichts, aber auch gar nichts, zu erkennen.
„Sie werden von den Steinen erschlagen werden“, flüstere ich. „Sie werden ersticken von dem von der Decke rieselnden Staub. Verhungern werden sie. Verdursten. Oder sich gegenseitig erdrücken.“
Mein Herz schnürt sich zu. Und der sprichwörtliche Mühlstein fällt mitleidlos darauf. „Mama“, flüstere ich. „Mama.“ Mir wird schwindelig. Ich schließe die Augen. Sacke zu den fremden Füßen. „Mama.“

*
Erstaunt schaue ich mich um. Das ist doch meine Kammer. Das Bild über dem Bett gegenüber. Der kleine Junge, der mutig über eine Brücke geht. Weil der Engel über ihm ihn beschützt. Alles da.
„Mama?“ Verwundert sehe Elses besorgtes Gesicht. „Wo ist der Keller Mama. Und der alte Mann?“
„Welcher alte Mann?“ Else lässt meine Hand los. Sie taucht die Mullwindel in die Schüssel mit dem kalten Wasser auf dem Hocker neben sich. Vorsichtig wringt sie sie aus und legt sie wieder auf meine Stirn. „Du hast Fieber, Kind“, sagt sie. „Schlaf, damit du schnell wieder auf die Beine kommst.“
„Aber der alte Mann, Mama.“
„Sie schläft sich gesund“, höre ich Else zu Richard, der leise in die Kammer getreten ist, sagen. „Endlich ist sie über den Berg.“

Nach drei Tagen habe ich mich soweit erholt, dass ich aufstehen und im Hof auf der Bank sitzen kann.
Die kleine Bertraud Johanna liegt in ihrem Korbwagen. Lacht und brabbelt. Jutta und Karlchen schlafen in der Kammer.
Mir ist nicht zum Lachen. Auch nicht zu Schlafen. Teilnahmslos starre ich vor mich hin. Ich kann einfach das schreckliche Kellererlebnis nicht vergessen. Immer wieder sehe ich die Bilder vor mir. Spüre die Angst um Else und die Kleinen.
„Nach der Entwarnung hat dich der Schutzwart zu uns gebracht“, sagt Else, die gerade in den Hof gekommen ist und sich zu mir auf die Bank setzt. „Du warst ohnmächtig“, erklärt sie mir. „Und hast drei Tage nur geschlafen.“
„Weil ihr mich vergessen habt.“ Vorwurfsvoll schaue in Elses besorgtes Gesicht. In ihren Augen glitzern Tränen. „Ich stand ganz allein unter den Fliegern in meinem roten Kleid.“ Bei dieser Erinnerung kommen auch mir die Tränen. Leise schluchze ich vor mich hin.
„Aber Kind“, Else streichelt meine tränennasse Wange, „es war so ein Gewimmel überall. So eine Aufregung. Ich dachte, du seist schon vorgegangen. Oder in Vetterlings Keller.“
„Ich sollte doch die Flasche für Bertraud holen.“
„Ja, die lag neben dir, als man dich fand.“
„Und wo ist der alte Mann?“
„Welcher alte Mann denn? Was faselst du nur immer? Ich hab' keinen alten Mann gesehen.“
„Na der, der bei Vetterlings nicht rein durfte. Der ist mit mir in den Brauereikeller gegangen. Zu euch.“
„Das hast du bestimmt geträumt“, sagt Else und steht auf. „Ich muss mich jetzt um das Baby kümmern“, sagt sie, als müsste sie sich dafür entschuldigen. Sie nimmt Bertraud Johanna aus dem Wagen und eilt ins Schlafzimmer.

Else stillt noch immer regelmäßig, obwohl Bertraud Johanna nun schon einige Monate alt ist.
„Ich habe zwar nicht mehr viel Mich“, meint sie immer, „aber das bisschen ist besser als gar nichts. Es geht nichts über Muttermilch. Das hält die Kinder gesund.“
*
Nach einer Weile kommt Else mit dem Baby auf dem Arm wieder in den Hof. „Halt mal das Baby.“ Else setzt mir Bertraud Johanna auf den Schoß. Sie schüttelt die Kissen im Wagen zurecht, schiebt das Verdeck nach oben und legt Bertraud Johanna hinein. „Sieh mal, wie satt und zufrieden sie lächelt“, lächelt auch sie stolz.
„Dann war es der liebe Gott“, sage ich. Noch immer mit meinen Gedanken bei dem alten Mann.
Else würdigt mich keines Blickes mehr. Sie bewundert das Baby im Korbwagen.
„Dann war es der liebe Gott“, beharre ich.
„Dir scheint es ja wieder gut zu gehen“, nimmt Else mich endlich wahr. „Wenn du schon wieder so auftrumpfst. Obwohl, Opa hatte ja auch ein Erlebnis mit Gott. Und das hat sein ganzes Leben verändert.“ Sie nimmt ihr Strickzeug von der Bank und beginnt zu stricken. „Das wird ein Pulloverchen für Bertraud“, sagt sie. „Ich habe einen von Richard aufgetrennt. Aus alt mach neu.“ Nach einer Pause fügt sie hinzu: „Was braucht Richard weiße Pullover.“
„Ein Erlebnis mit Gott?“, bin ich neugierig. Das ist doch was. Richards Pullover interessieren mich nicht die Bohne. „Bitte, erzähl es mir“, bettle ich Else an.
„Gut“, willigt sie ein, „wenn wir schon mal etwas Zeit für uns haben.“

***


Episode 11
Otto und das Erlebnis mit Gott

Vorsichtig schmiege ich mich an Else. Es könnte ja sein, dass sie es sich wieder anders überlegt. Dass ihr vielleicht einfällt, dass sie doch noch etwas Wichtigeres zu tun hat. Es wäre ja nicht das erste Mal. Und ich bin so begierig, diese bestimmt höchst interessante Geschichte zu erfahren. Und tatsächlich sagt Else leise:
„Das war so.“ Sie macht eine kleine Pause. Wahrscheinlich, um sich zu sammeln. Otto sammelt sich auch immer, bevor er eine Predigt hält. Eine Geschichte ist aber keine Predigt. Und man muss sie auch nicht lange vorbereiten. „Otto, also dein Opa“, spricht Else endlich weiter, „mein Vater, war als Junge und auch noch als junger Mann ein ganz schöner Rüpel. Er hatte nur Flausen im Kopf.“
Ich kichere vor mich hin. Else sagt auch oft zu mir, ich hätte nur Flausen im Kopf. Was immer das auch sein mag. Aber vielleicht vererben sich ja die Flausen. Na, hoffentlich nicht auch die Schuppenflechten. Bei diesem Gedanken schüttelt es mich heftig.
„Was ist denn?“, fragt Else, „soll ich nun weiter erzählen. Oder nicht?“
„Ja, bitte, erzähl weiter“, sage ich schnell. Ich muss mich auch sammeln und meine Gedanken nicht immer abschweifen lassen.
„Er schlug sich, trank und rauchte und lief den Röcken hinterher“, erzählt Else weiter.
„Welchen Röcken“, frage ich nun doch wieder. Röcke können doch nicht laufen.“
„Das ist doch nur so eine Redensart“, klärt mich Else auf. „Man sagt das, wenn ein Mann nur Frauen im Kopf hat.“
„Frauen und Flausen“, sage ich nachdenklich. Ich stelle mir vor, wie es in so einem Kopf aussehen mag. Aber ich frage nicht weiter, sonst wird Else ungeduldig und sagt nichts mehr.
„Und seine schöne Zeit verbrachte er in den Wirtshäusern“, fährt sie fort.
„In den Wirtshäusern? Hier in Buttscht?“
„Genau, hier in Buttscht.“
„Und wo genau?“
„Bei Schollein. Oder in der Gemütlichkeit. Manchmal auch bei Stars. Seine Eltern hatten nur Ärger mit ihm. Oft genug sagte er: 'Ich bin nur ein uneheliches Kind'. Das stimmt auch. Sein Vater wollte ihn nicht. Und seinen Bruder auch nicht. Aber als dieser auf der Welt war, hat dein Urgroßvater deine Urgroßmutter doch geheiratet.
„Der mit der Schuppenflechte?“
„Ja der“, sagt Else, „aber fang nicht gleich wieder mit deinen Vorwürfen an.“
„Mach ich doch nicht.“
„Deine Urgroßmutter“, wird Else immer nachdenklicher, „konnte jedoch die Schmach nie verwinden. Sie ist ja dann auch eines tragischen Todes gestorben.“ Else schweigt, versunken in Gedanken.
„Was ist ein tragischer Tod, Mama?“
„Ein tragischer Tod?“, schreckt Else auf. „Also, wenn jetzt zum Beispiel im Krieg die Soldaten sterben. Oder die Zivilisten von den Bomben getötet werden. Ja. Das ist wirklich ein tragischer Tod. Also ein unnatürlicher Tod.“
„Und was ist ein natürlicher Tod?“
„Das ist, wenn die Menschen sterben, wenn ihre Zeit ran ist. Also, wenn Gott sie zu sich ruft.“
„Dann möchte ich auch so lange warten.“ Ich lehne meinen Kopf an Elses Schulter. „Und was ist ein uneheliches Kind, Mama?“
„Quälgeist. Du gibst aber auch nie Ruhe. Also, ein uneheliches Kind bekommt man vor der Hochzeit.“
„Vor der Hochzeit?“
„Ja“, wird Else ungeduldig. „Und das ist eine Schande. Und von Gott nicht gewollt.“

Das also ist die Schand’, von der Berta gesprochen hat. Nie wieder will ich an einer Tür lauschen. Ein uneheliches Kind. Und von Gott nicht gewollt. Schrecklich. Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich das Lauschen lassen kann. Else hat selbst gesagt, dass jeder Mensch so sein Laster habe. Also etwas, das man nicht tun darf, aber doch tut. Und mein Laster ist das Lauschen.
„Und warum bekommt man es dann, Mami?“, frage ich aus meinen Gedanken heraus.
„Was bekommt man?“, fragt Else schon etwas ärgerlich.
„Na das uneheliche Kind?“

Else schiebt mit dem Fuß den Wagen hin und her, während sie emsig weiterstrickt. „Das weiß ich doch auch nicht“, erwidert sie dann unwirsch. „Du immer mit dieser Fragerei. Du machst mich ganz nervös. Willst du nun die Geschichte hören oder nicht?“, will Else einen Schlusspunkt setzen.
„Natürlich. erzähl schnell weiter, bevor Jutta und Karlchen wach werden“, sage ich schnell, „sonst hast du wieder keine Zeit mehr.“
„Stimmt. Aber unterbrich mich nicht dauernd.“
„Ehrenwort Mama“, verspreche ich und halte mir den Mund zu.
Else erzählt weiter und ich lausche gespannt und ungeduldig dieser erstaunlichen Geschichte:

*

Otto, der Taugenichts, wie ihn alle nannten, und der er nach eigener Aussage auch war, fuhr eines schönen Tages mit seinem neuen Fahrrad die Mannstetter Straße entlang. Er übersah ein Schlagloch, stürzte und landete im Straßengraben. Das Fahrrad lag auf ihm drauf. Und zwar so unglücklich, dass er nicht fähig war, sich zu bewegen. Hilfesuchend schaute er in den Himmel. Doch der war plötzlich ganz dunkel geworden. Und während Otto, der Taugenichts, darüber grübelte, warum der Himmel plötzlich so dunkel geworden ist, obwohl doch gerade noch die Sonne schien, rollte eine große weiße Wolke durch die Dunkelheit. Langsam kam sie näher und näher. Es war, als wolle sie den ganzen Himmel und ihn gleich mit umhüllen. Doch als die große weiße Wolke genau über ihm war, stoppte sie. Ein uralter Mann mit einem langen, weißen Bart und weißem Haar trat aus der Wolke hervor. Im selben Moment flirrte und glänzte alles um Otto herum. Wie pures Gold. Sogar die Wolke war nicht mehr weiß. Auch sie glänzte im puren Gold. Da wusste Otto: Es war Gott. Gott wollte ihm etwas sagen. Und tatsächlich sprach in diesem Augenblick Gott zu ihm.

„Höre, was ich dir zu sagen habe mein Sohn“, sprach er mit einer Stimme, die einem Donnergrollen glich, „ändere von Stund an dein Leben. Du sündiger Mensch. Saufe, hure, rauche nicht mehr. Achte deine Eltern, die dir das Leben geschenkt haben. Nimm keine unflätigen Worte mehr in den Mund. Verkündige mein Wort. Das Wort Gottes. Bekenne dich zu mir. Wenn du das versprichst, schenke ich dir ein neues Leben. Ein Leben mit mir. Und ich schicke dir die Frau, die dieses Leben mit dir teilen wird. Bist du bereit?“
Und natürlich war Otto bereit. Was blieb ihm anderes übrig in seiner Not. Auf keinen Fall wollte er jetzt schon sterben.
„Ich bin bereit“, versprach er.
„Dann steh auf. Nimm dein Rad und geh.“

Otto stand auf. Er nahm sein Rad und blickte versonnen der weißen Wolke nach, die mit Gott weiterzog.
Der Tag war wieder hell und klar. Und die Sonne schien.
Benommen schob Otto sein Fahrrad vor sich her. Er gedachte der Worte Gottes. Und zum ersten Mal in seinem Leben dachte er über sein Leben nach. Er hatte versprochen, es zu ändern. Und er hielt Wort. Er machte eine kaufmännische Lehre und führte fortan an anständiges Leben.
„Er hat sich also vom Saulus zum Paulus gewandelt“, stellt Else abschließend fest. „Die Geschichte kennst du doch aus der Bibel. Oder?“
„Klar“, sage ich, „aber was ist nun mit der Urgroßmutter und der Schand’.“
„Das ist eine andere Geschichte, zu der ich weiter ausholen müsste“, sagt Else.
„Ich möchte sie hören Mami.“
„Sie liegt wie ein dunkler Schatten über der Familie.“
„Ich will sie wissen.“
„Na gut“, lenkt Else ein. „Du gibst ja nun sowieso keine Ruhe mehr. Obwohl ich sie eigentlich nicht weitererzählen soll.“
„Warum nicht?“
„Ich habe es versprochen.“ Else schaut sinnend in den blauen Himmel, als wolle sie Gott um Verzeihung bitten, weil sie erzählen wollte, was sie nicht erzählen sollte.

Und ausgerechnet jetzt kommen Jutta und Karlchen in den Hof gerannt.
„Wir haben ausgeschlafen!“, rufen sie im Duett. „Komm Rosi, wir wollen Treiben spielen.“
Else guckt erleichtert auf ihr Strickzeug.
Es soll also nicht sein. Das Geheimnis bleibt ein Geheimnis.

Wir holen den bunten Ball unter der Treppe hervor und laufen in den Brühl.

***


Episode 12
Else hat Scharlach

Einige Tage später wird Else krank.
„Mama ist ganz rot im Gesicht“, sage ich zu Frau Schmids. Die hat wiedermal ihren Kopftuchwuschelkopf über die Mauer im Hof gereckt. Diesmal aber ist es nützlich. „Und ihr tut der Hals ganz schrecklich weh.“
„Ich hole den Doktor“, sagt sie aufgeregt. „Bleib solange bei ihr.“

„Sie hat Scharlach“, stellt der Doktor fest. „Sie muss ins Krankenhaus. Und das so schnell als möglich.“
Wir Kinder stehen verängstigt an der Tür zum Schlafzimmer. Der Doktor sieht uns der Reihe nach an.
„Und ihr habt Quarantäne“, sagt er streng. „Das Baby kann sie mitnehmen.“
„Was ist Quarantäne?“, will ich wissen.
„Ihr dürft das Haus nicht verlassen. Also nicht mit anderen Kindern spielen. Verstanden?“
„Und wer soll sich um uns kümmern? Wenn wir nicht raus dürfen?“
„Ich werde einen Verwandten verständigen“, bietet sich der Doktor an. Er wendet sich an Else. „Wer käme denn da in Frage?“
„Nur meine Mutter“, sagt Else mit schwacher Stimme.
„Bis diese kommt, versorgt eine Schwester vom Roten Kreuz die Kinder. Kommen Sie, wir gehen jetzt ins Schweizerhäuschen.“
Der Doktor hilft Else aus dem Bett. Behutsam nimmt er das Baby auf den Arm. Dann sieht er uns der Reihe nach nochmals prüfend an.
„Hoffentlich habt ihr euch nicht angesteckt“, sorgt er sich. Dann verschwindet er schnell mit Else und Bertraud.

Wir sitzen den ganzen Tag bedrückt auf der Couch im Wohnzimmer. Ohne etwas zu essen oder zu trinken. Die Schwester vom Roten Kreuz kommt erst am Abend.
„Bis eure Großeltern hier sind“, sagt sie, „werde ich mich um euch kümmern. „Wo kann ich denn schlafen?“
„In der kleinen Kammer“, erwidere ich zögerlich, „in der Helga geschlafen hat.“
*

Nach drei Tagen kommen statt Berta und Otto Nanny und Richard.
Nanny ist Elses ältere Schwester. Aber sie ist nicht von Otto. Sie ist aus Bertas erster Ehe. Eigentlich hätte Berta noch drei Kinder. Aber die sind schon in ihrem Bauch gestorben. Weil ihr erster Mann, der Max, sie in seinem Suff immer darauf getreten hat.
Als Nanny geboren wurde, war Max schon tot. Man hatte ihn Berta nach einer Schlägerei erstochen vor die Tür gelegt. Er war Musiker und ein Tunichtgut und Taugenichts. Das hat Else oft erzählt.
Ein Glück, dass kurz darauf Berta Otto traf. Ganz oben im Thüringer Wald. In Steinach. Da predigte Otto in der Gemeinde. Und so hat sich erfüllt, was Gott versprochen hatte. Weil auch Otto sein Wort gehalten und sein Leben Gott geweiht hat.
„Gott hat uns zusammengeführt“, betont Berta oft und lächelt Otto an.
„Er hat es mir versprochen, meine Königin“, erwidert Otto dann und lächelt Berta an.
Otto schlägt Berta nie. Sie ist ja seine Königin. Und sie haben acht Kinder. Eigentlich nur noch sieben. Walter wird ja vermisst. Wie Karl.

*

Nanny ist wunderschön. Bestimmt beneiden sie alle um ihre vollkommene Schönheit.
Sie hat pechschwarze Haare. Die sind ganz glatt. Und sie gehen nur bis zu den Ohren. An den Ohren hängen große, goldene Kreolen. Nannys Augen sind auch tiefschwarz und etwas schräg gestellt. Und ihre Haut ist so weiß, wie die von Schneewittchen.
Rot, wie Blut, schwarz, wie das Ebenholz, weiß, wie der Schnee.
Genauso sieht Tante Nanny aus. Und ihr Mund ist so rot wie die Kirschen im Sommer. Und auch so herzförmig. Und, was das Allerschönste ist, sie ist Sängerin. Den ganzen Tag trällert sie lustig vor sich hin.

„Ich liebe das Lied von der Mariandel, andel, andel.“ Bewundernd schaue ich Nanny an.
„Das ist auch mein Lieblingslied.“ Nanny nimmt mich in ihre Arme und singt:

Wenn ein junger Mann von Liebe spricht,
klingt das wie ein Gedicht.
Und hat er noch lyrisches Gemüt,
wird daraus gleich ein Lied.
Was ihn dazu trieb,
dass er's niederschrieb,
heißt: Ich hab dich lieb.

Mariandel andel andel … .

*
Nanny lässt mich aus ihrem Arm. Sie steht mitten in der Stube. Wie eine Märchenprinzessin. Mitleidig schaut sie auf uns drei herab.
„So ihr Süßen“, sagt sie zärtlich, „wir knuddeln noch ein bisschen. Und dann müsst ihr in eure Kuschelbettchen.“
„Ich habe kein Kuschelbettchen“, werde ich aufmüpfig.
„Wieso das?“, will Nanny wissen. „Was ist denn mit dem Bettchen?“
„Der Strohsack ist ganz dünn“, beschwere ich mich. „Ich spüre das Holz. Und die Bettwäsche ist soo hässlich. Sie kratzt. Ich muss mich die ganze Nacht jucken. Aber vielleicht habe ich auch Schuppenflechte.“
„Wie kommst du denn darauf?“, fragt Nanny und schaut mich ungläubig an.
„Weil das das Bett v on meinem Urgroßvater ist. Und der hatte doch Schuppenflechte und sich immerzu gejuckt.“
„Und das andere Bett ist vom Trödel“, sagt Jutta, „und Mama weiß nicht, wer darin geschlafen hat.“
„Ach ihr armen Kinder“, sagt Nanny mitfühlend. „So ist es nun mal in der heutigen Zeit.“

Richard und Nanny bringen uns nach oben in unsere Kammer. Komisch, denke ich in meinem Bett, Richard und Nanny passen überhaupt nicht zusammen. Es ist wie bei Else und dem kleinen Richard. Ich kichere leise in das Inlett. Vielleicht schlafen Jutta und Karlchen noch nicht. Wenn die merken, dass auch ich nicht schlafe, würden die bis zur Erschöpfung mit mir reden wollen. Dann könnte ich nicht mehr in Ruhe nachdenken.
Vorsichtig lausche ich zu den beiden in ihrem Trödelbett. Sie scheinen fest zu schlafen. Das merke ich an ihrem gleichmäßigen Atem. So kann ich ungestört meinen Gedanken nachhängen.
*

Es ist wirklich zu lustig. Zwei Onkel Richard. Genauso lustig wie drei Karls. Denn Karlchen heißt eigentlich auch Karl. Wie unser Vater und sein Vater. Also unser Opa väterlicherseits. Unser Vater heißt aber auch noch Hermann und Albert. Also Karl, Albert, Hermann. Und Otto heißt ja auch noch Hermann. Total witzig. Und Karlchen heißt noch Heinz. Also zusammen Karl-Heinz. Aber so nennt ihn keiner.
Elses Richard hat wenig Haare und große traurige Augen. Und eine leise Stimme. Außerdem kann er wunderschön singen. Ich werde ihn ab jetzt den traurigen Richard nennen. Damit ich die beiden unterscheiden kann.
Nannys Richard ist das ganze Gegenteil. Er ist groß und dünn und hat dicke, schwarze, struppige Haare. Seine Augen sind klein und dunkel. Und er hat eine laute, kratzige Stimme.
Aber das eine Auge kann man nicht sehen. Darüber ist eine schwarze Augenklappe. Bestimmt hat ihm bei einer Schlägerei so ein Raufbold sein Auge ausgestochen. Oder er war ein Pirat. Was auf das Gleiche herauskommt. Das Auge muss jedenfalls weg sein. Und es kann sein, dass er unter der Klappe ein Glasauge hat. Und das soll niemand sehen. Das alles ist schon etwas gruselig. Aber auch höchst interessant. Nannys Richard gefällt mir aber noch weniger als Elses. Außerdem hat der irgendwie so böse geguckt. Und gesprochen hat er auch fast nichts. Bestimmt kann er seine kratzige Stimme nicht leiden. Ich werde ihn den Gruselrichard nennen.


***


Episode 13
Gruselrichards Worschtt

„Wann kommt denn eure Mama endlich aus dem Krankenhaus?“
Wir Kinder, Gruselrichard und Nanny sitzen auf der Bank unter dem Pflaumenbaum an der Mauer und spielen - Mensch ärgere dich nicht -. Erschreckt schrecken wir auf. Über der Mauer wackelt Frau Schmids Kopf mit dem bunten Kopftuch und den krausen, dunklen Haarbüscheln hin und her.
„Wissen wir nicht“, sage ich kurz angebunden. Das ist doch zu ärgerlich. Immer werden wir gestört. Und das, wo ich gerade mal weit vorn bin. „Wir dürfen doch nicht zu ihr“, sage ich genervt. „Aber nachher fragt Tante Nanny den Doktor.“
„Stimmt. Ich muss ja auch noch einkaufen“, stimmt Nanny freundlich zu. „Ist ja nicht so weit. Ein Glück, dass sich die Kinder nicht angesteckt haben.“
„Ein Glück.“ Frau Schmids zieht ihren Kopf von der Mauer.
„Kommst du mit Richard?“ Nanny erhebt sich von der Bank. „Die Kinder können doch allein weiter spielen. Mir ist das sowieso zu langweilig. Mariandel, andel, andel…“
„Ich will auch mit.“ Jutta hängt sich an Nanny.
„Ich auch“, freut sich Karlchen. „Mami suchen.“
„In das Krankenhaus dürfen keine Kinder. Das ist streng verboten.“ Gruselrichard guckt Jutta und Karlchen böse an. „Ihr habt doch Quarantäne“, krächzt er.
„Aber Richard…“, will Nanny etwas sagen. Doch Richard unterbricht sie barsch.
„Das sind überhaupt alles Tunichtgute“, wütet er. „Und am schlimmsten bist du, Rosi.“

Ich gucke erschrocken in Richards schwarzes Auge. Das funkelt mich böse an. Bestimmt ist das das Auge des Teufels. Er hat sich nur verkleidet. Ich habe schon lange das Gefühl, als säße er in allen Ecken des Hauses und beobachte mich. Vielleicht ist es ihm ja in dem Haus gegenüber zu langweilig geworden. Oh Schreck.

„Ich habe doch gar nichts gemacht“, sage ich kleinlaut.
„Du machst nie was.“ Gruselrichard tritt ganz nah an mich heran. „Und doch machst du immer was“, zischt er. „Du merkst es nur nicht. Jetzt widersprichst du ja auch schon wieder. Du ungezogenes Kind. Du.“
„Mach ich doch gar nicht!“ Trotzig starre ich in das funkelnde Auge. „Du guckst böse. Bestimmt bist du der Teufel.“
„Klar. Ich bin der Teufel!“ Richard lacht schallend. „Nanny hast du das gehört? Ich bin der Teufel. Hu, ich stecke alle bösen Kinder in den Sack. Dann nehme ich sie mit in die Hölle. Hahahha. Da können sie dann brennen. Hahahahaah!“
Erschrocken weichen wir vor Gruselrichard zurück.

„Richard, lass das.“ Nanny stellt sich schützend vor uns. „Die Kinder bekommen doch Angst.“
„Ich will nicht mit. Ich bleibe hier“, sage ich bestimmt.
„Das will ich auch hoffen.“ Gruselrichard fuchtelt mit seinen langen Armen. „Und wenn du noch lange so vorlaut bist, bekommst du meinen Riemen zu spüren.“
„Ich bleibe auch hier“, heult Karlchen.
„Ich auch.“ Jutta drängt sich ängstlich an mich.
„Komm her Karlchen“, spottet Gruselrichard. „Der Onkel Richard ist soo böse.“
„Nein. Ich will nicht.“ Karlchen umklammert ängstlich meine Hand.
„Dann eben nicht, du Feigling.“ Laut auflachend stampft Gruselrichard vom Hof. Nanny eilt ihm hinterher. Wir hören noch, wie sie zu ihm sagt:
„Jag doch den Kindern keinen Schreck ein. Die sind doch noch so klein.“

*

Die Tage vergehen. Die Wochen vergehen. Doch Else und Bertraud kommen nicht. Das Leben in dem kleinen Haus wird immer düsterer. Kein Lachen ist mehr zu hören. Kein Herumtollen möglich. Kein Zanken.
Verängstigt sitzen wir Kinder auf der Bank unter dem Pflaumenbaum. Leise spielen wir - Mensch ärgere dich nicht -.
„Tante Nanny singt nicht mehr“, flüstert Jutta.
„Und Onkel Richard ist ganz böse“, flüstert Karlchen zurück.
„Ich hab eine Idee.“ Verschwörerisch sehe ich Jutta und Karlchen an. „Wir müssen ihn auch ärgern. Vielleicht überlegt er es sich dann, immer rumzumeckern.“
„Genau“, sind die beiden einverstanden, „und wie?“
„Wir maulen einfach, weil wir immer so früh ins Bett müssen. Noch früher als bei Mama. Das ist doch blöd. Die Sonne scheint noch und wir sollen schlafen.“
„Das nützt bestimmt nichts“, zweifelt Jutta. „Die schicken uns trotzdem hoch.“
„Mir fällt schon was ein“, verspreche ich.

Wir können den Abend kaum erwarten. Die Spannung wächst und wächst. Und die Stunden vergehen viel zu langsam. Endlich ist es so weit.
Nach dem Abendessen freut sich Gruselrichard: „So, ihr lieben Kleinen“, krächzt er, „jetzt werdet ihr schön in eure Kammer hüpfen und schlafen.“ Sein Auge blickt uns streng an. „Wird's bald“, befiehlt er, als wir uns nicht vom Fleck rühren.
Jutta und Karlchen schauen auffordernd zu mir. Ich stehe an der Tür und warte. „Wird’s bald“, wird Gruselrichard ungeduldig.
„Ich muss noch mal auf Klo.“ Ich nehme eine Haltung an, als müsste ich ganz dringend. „Groß machen. Hatte ich vorhin vergessen.“
„Seit wann muss man abends groß?“ Gruselrichard funkelt mich misstrauisch an. „Ist ja seltsam“, knurrt er.
„Ich muss aber“, stampfe ich mit dem Fuß. „Und wenn ich muss, dann muss ich!“
„Ich auch. Ich auch!“ Karlchen und Jutta laufen mir nach auf dem Weg zum Klo.
„Hiergeblieben!“, schreit Gruselrichard. „Einer nach dem anderen. Wenn es schon sein muss. Seit wann steckt denn die Scheißerei an?“, murrt er ungehalten.
Jutta und Karlchen gehen gehorsam zurück. Ich will bockig weiterlaufen. Doch Gruselrichard hält mich zurück.
„Rühr dich nicht vom Fleck“, wütet er. Er eilt die Treppe hinauf ins Schlafzimmer. Gleich darauf kommt er mit dem Glasnachttopf, der immer unter dem Ehebett steht, zurück. „Mach hier rein“, sagt er barsch zu mir. „Ich will sehen, ob du die Wahrheit gesagt hast.“

Missmutig laufe ich mit dem Glasnachttopf in der Hand langsam über den Hof. Vor dem Plumpsklo setze ich mich auf den Topf.
Wie soll ich nur dieses Kunststück vollbringen? Ich muss ja nicht. Doch Gruselrichard will den Beweis. So leicht lässt der sich nicht täuschen. Also drücke und drücke ich. Nichts kommt. Der Topf bleibt leer.
„Wie lange sollen wir denn noch warten“, höre ich Gruselrichards Stimme poltern. „Komm endlich. Sofort!“

Was nun? Da kommt mir der rettende Einfall.
Ohne weiter nachzudenken, erhebe ich mich und stoße die Tür auf. Denn sie hat keine Klinke. Und der Riegel, mit dem man die Tür öffnen und schließen konnte, ist schon lange abgefallen. Der Holzdeckel liegt locker über dem Kloloch. Vorsichtig hebe ich ihn hoch. Dann klappe ich ihn an die weiß getünchte Steinwand. An der Wand neben dem Klo hängen an einem rostigen Nagel einige Zeitungsstückchen. Gruselrichard reißt die Zeitung immer in gleichmäßige Vierecke. Dann hängt er sie auf den Nagel in der Wand.
Kurzentslossen ziehe ich einige Zeitungsstücke von dem Nagel. Kneife meine Augen zu und greife in das Plumpskloloch. Mit der freien Hand lege ich den Deckel dann wieder auf. Mit der anderen lasse ich das Groß in den Glastopf plumpsen.

Zufrieden mit mir und meinem genialen Einfall, trotte ich in die Stube. Alle warten schon voller Spannung auf mich. Jutta und Karlchen starren mich an, als wäre ich die Erlöserin. Oder ein Wesen von einem anderen Planeten. Und Gruselrichard starrt mich an, als wäre ich nicht ganz bei Trost.
„Hier“, sage ich unbeeindruckt zu Gruselrichard, „du siehst, ich habe nicht gelogen.“ Triumphierend halte ich ihm den Glastopf mit dem Groß unter die Nase.

Ungläubig starrt Gruselrichard noch immer in den Topf. Er wird ganz weiß im Gesicht. Dann puterrot. Ahnungsvoll sehe ich ihn an. Mit dem Topf in der Hand. Dem Groß direkt vor seiner Nase.
„Das ist meine Worschtt!“, schreit Gruselrichard da wie ein Wahnsinniger los. Wutentbrannt reißt er mir den Topf aus der Hand. „Das ist meine Worschtt!“, heult er. Er schwenkt den Topf mit der Worrscht vor meinem Gesicht hin und her. „Du glaubst wohl, du verdammtes, hinterhältiges Ding, du glaubst wohl, du kannst mich hinters Licht führen? Ich war vorhin drauf. Auf eurem Scheißplumsklo. Auf dem einen die Scheiße ja schon den Arsch leckt! So eine dicke Worschtt kann doch kein kleines Kind scheißen. Dich werde ich Mohres lehren. Du verlogenes Balg du!“
In Windeseile stülpt Gruselrichard den Topf auf meinen Kopf. Dann zieht er hastig seinen Ledergürtel von der Hose. Auf dem Gürtel steht auf der Schnappschnalle ‚Gott mit uns’.
Ich stehe wie erstarrt. Mit dem Topf mit Gruselrichards Groß auf dem Kopf.
„Komm her du Balg!“ Gruselrichard packt mich an den Armen. Dann zerrt er mich über sein spitzes Knie. Außer sich versetzt er mir eine Tracht Prügel mit seinem Gottmitunsledergürtel, die ich mein Lebtag nicht vergessen sollte.
„Hör auf. Hör auf!“, weinen Jutta und Karlchen. „Das sagen wir alles Mami.“
„Schluss jetzt“, gebietet Nanny dem Treiben ein Ende. „Du verdammter Sadist.“
Nanny tritt Gruselrichard mit ihrem spitzen Schuh in den dürren Hintern. Gruselrichard kullert wie ein Ball auf den Dielenboden.
„Das gibt ein Nachspiel“, brüllt er von unten. „Das Ding bringt mich zur Weißglut. Das Ding muss weg.“

***



Episode 14
Gruselrichards Glasauge

„So“, sagt Gruselrichard einige Tagen später nach dem kärglichen Frühstück: „Ich hoffe, ihr seid satt Kinder.“
„Ich nicht.“ Ich stippe mit den Fingern auf meinem leeren Teller herum. „Ich habe nur eine Bemme gegessen.“ Ich sehe Nanny vorwurfvoll an. „Und Richard zwei.“
„Ich auch nur eine“, klagt Jutta.
Karlchen plappert wie gewohnt nach: „Ich auch nur eine.“
„Und die Marmelade vergesst ihr wohl“, höhnt Richard. Er funkelt uns wie immer der Reihe nach an mit seinem einen Auge. „Ich habe mit eurer Mutter gesprochen. Sie ist der Meinung, dass Rosi zu ihren Großeltern aufs Land soll.“
„Allerdings nur, bis sie wieder gesund ist“, lenkt Nanny ein. „Sie zeigt Verständnis dafür, dass wir mit drei kleinen Kindern überfordert sind.“ Mit ihren schönen, schwarzen Augen schaut Nanny mich entschuldigend an. „Wir haben ja keine Kinder“, sagt sie traurig. „Und demzufolge auch keine Ahnung von Kindererziehung. Richard wollte schon eine Kinderlandverschickung beantragen. Aber wozu, wenn deine Großeltern einen so schönen Bauernhof haben.“
„Dort wirst du dich ja auch ordentlich satt essen können“, spottet Richard böse mit seiner knarrenden Stimme.

Mein Herz hüpft vor Überraschung und Freude. Etwas Besseres kann mir nicht widerfahren. Endlich werde ich Helene und Karl wiedersehen. Und Wally mit ihren langen, blonden Zöpfen. Ich werde sie dann auch fragen, was es mit dem Jungmädelbund und Glaube und Schönheit auf sich hat. Immerhin ist Wally schon sechzehn Jahre. Und ein echtes Hitlermädchen. Jedenfalls hatte sie dies beim letzten Besuch immer wieder stolz betont.
Doch was wird mit Jutta und Karlchen?, kommt mir plötzlich der Gedanke. Ich kann sie doch nicht allein zurücklassen. Bei dem schrecklichen Gruselrichard.
„Jutta und Karlchen müssen aber auch mit“, fordere ich, „dann könnt ihr wieder nach Hause fahren. Nach Hamburg. Wo die Bomben gefallen sind.“
„Wir wollen auch mit.“ Jutta und Karlchen hängen sich sofort an mich. „Wir wollen auch zu Oma und Opa nach Ziegelroda.“
„Da hast du es“, empört sich Gruselrichard. Er sieht Nanny an, als könne sie was dafür. „Immer muss dieses ungezogene, vorlaute Ding das letzte Wort haben.“
Nanny streichelt meine Hand.
„Leg doch nicht jedes Wort auf die Goldwaage“, versucht sie, Gruselrichard zu beruhigen. „Sie ist halt etwas eigensinnig.“
„Und deshalb muss sie weg“, erwidert Gruselrichard mit seinem bösen Ton in der Stimme. „Jutta und Karlchen bleiben hier. Bald ist Erntezeit. Da haben die Leute keine Zeit für kleine Kinder. Rosi kann dann schon mithelfen. Sie ist ja schon so groß.“ Er sieht mich spöttisch an. „Oder glaubst du, du kannst dort faulenzen?“

Faulenzen? Nein, das kann ich dort bestimmt nicht. So schön es auch immer ist. Zu tun gibt es immer. In Hülle und Fülle. Die Schweine quieken schon frühmorgens vier Uhr. Der Hahn kräht auf dem Mist. Die Gänse und die Enten laufen und schnattern. Die Kühe müssen gemolken werden. Und frisches Heu brauchen sie auch. Genauso wie die Schweine in ihrem Schweinestall.
„Von nichts kommt nichts“, sagt Helene immer. Oder: „Wer rastet, der rostet.“
Und Wally weckt mich schon bei Tagesgrauen.
„Aufstehen!“, ruft sie immer. Obwohl es noch nicht einmal sechs Uhr ist. „Der Tag ist schon lange erwacht. Raus mit dir. Kleine Langschläferin. Der frühe Vogel fängt den Wurm.“
Mit diesen Worten kitzelt sie mich jeden Tag aus den Federn. Obwohl ich weder ein Wurm noch ein Vogel bin.

„Schade, dass ihr nicht mitdürft.“ Ich schüttle Jutta und Karlchen sanft ab. „Aber es stimmt. Keiner kann sich in Ziegelroda um euch kümmern. Jetzt in der Erntezeit.“
„Wir wollen trotzdem mit“, betteln Jutta und Karlchen. „Wir sind auch ganz artig.“
„Ich werde mal in die Küche gehen. Abwaschen. Wann soll's denn losgehen“, frage ich Nanny.
„So in ein, zwei Stunden.“ Nanny sieht Gruselrichard an. „Ihr fahrt mit Elses Fahrrad. Sie braucht es ja zurzeit nicht“, sagt sie.
„Das wird eine Fahrt“, lacht Gruselrichard. „Juchheisa. Sind ja nur so siebenundzwanzig Kilometer. Die wirst du wohl aushalten Rosi was? Auf dem Gepäckträger. Dann sind wir dich endlich los. Du verflixter Quälgeist. Und hier zieht endlich Ruhe ein.“
„Ich pack schnell deine Sachen.“ Nanny steht schon in der Tür.
„Ich komme mit“, biete ich mich eilig an. Nur weg von dem schrecklichen Gruselrichard. „Ich kann doch meine Sachen selbst aus dem Schrank holen. Und in die Tasche packen kann ich sie auch.“
„Du willst doch abwaschen.“ Gruselrichard hält mich am Arm fest. „Versprochen ist versprochen.“
Nanny verschwindet nach oben ins Elternschlafzimmer. Ich verschwinde in die Küche.
Gruselrichard setzt sich vor die zwei Fenster auf die Couch. Aufmerksam liest er die Nachrichten in der Zeitung.
Der Briefträger steckt jeden Morgen das Thüringer Volksblatt durch den Schlitz mit der Klappe in der blauen Holztür. Die Zeitung landet dann mit einem leisen, knisternden Geräusch auf dem Fliesenboden. Das finde ich so lustig, dass ich die Zeitung oft aufhebe und sie wieder durch den Schlitz stecke. Damit ich sie wieder aufheben kann.

Jutta und Karlchen holen den Ball aus dem Versteck unter der Treppe im Flur und laufen in den Hof.

*

„Nanny! Nanny!!“
Nanny eilt die Treppe hinunter. „Was gibt es denn?“, fragt sie besorgt und steckt ihren Kopf in die Stube.

Gruselrichard sitzt leichenblass stocksteif auf der Couch. Die Zeitung liegt auf den Dielen.
„Da! Da“, stammelt er. Entsetzt starrt er auf eine zerfetzte Seite. „Da!“
„Was ist denn? Richard.“
„Da.“ Gruselrichard zeigt auf die Zeitungsfetzen. „Nein! Das andere Blatt.“ Nanny bückt sich nach dem anderen Blatt.
„Lies“, fordert Gruselrichard Nanny auf. „Lies es. Nanny.“

Nanny liest:
Feuersturm vernichtet Hamburg, 27. Juli 1943, 23.40 Uhr: Fliegeralarm in Hamburg. Die Menschen in der 1,5-Millionen-Stadt reagieren sofort, suchen die vermeintlich schützenden Keller und Bunker auf. Schon in den Nächten zuvor hatten britische Bomber schwere Angriffe geflogen - der Beginn des Unternehmens Gomorrha...

„Weiter“, sagt Richard. „Den Absatz darunter. Hammerbrook.“

Nanny liest leise weiter.

Spreng- und Brandbomben auf Arbeiterviertel - . 739 britische Flugzeuge brechen am 27. Juli abends in Richtung Hamburg auf. Innerhalb von nur drei Stunden werfen sie über 2.400 Spreng- und Brandbomben ab. Orientierungspunkt für die Piloten: die Nikolai-Kirche. Der dichte Bombenteppich trifft die dicht besiedelten Arbeiterviertel Hohenfelde, Hamm, Billbrook, Rothenburgsort, Hammerbrook und das östliche St. Georg. Über 400.000 Menschen halten sich zum Zeitpunkt des zweiten Großangriffs in diesem Gebiet auf, etwa ein Viertel der Gesamtbevölkerung. In der Innenstadt brennt die Alstertarnung, ein Netz aus Drahtgeflecht und kleinen Blechplättchen, - eine Fläche von 250.000 Quadratmetern steht in Flammen. In Stellingen zerstören die Bomben Hagenbecks Tierpark.
*

Erschüttert setzt sich Nanny neben Gruselrichard auf die Couch. Sie ist leichenblass und atmet schwer.
„Hammerbrook“, sagt sie kaum hörbar. „Richard, schau doch mal das Datum. Hier“, sie zeigt mit ihrem Finger auf eine Stelle in der Zeitung. Sie hält sie ganz nah vor Richards Gesicht. „27. Juli 1943. Das war vor einem Jahr Richard. Heute ist der 27. Juli 1944. Du hast ein altes Blatt gegriffen.“

„Verflixte, verhurte, widerliche Scheißnazis!“

Mit einem Satz springt Gruselrichard von der Couch. Er fuchtelt wild mit seinen langen Armen. Dann stapft er mit langen Schritten durch die Stube. Dabei stößt er mit dem Kopf fast an die niedrige Decke.
„Verteufelte Hitlerfratze!“, schreit er. „Heil Hitler! Heil Hitler! Ich scheiß dir was! Dir und deinem verfluchten Krieg. Jetzt haben wir die Retourkutsche!“
„Bist du von Sinnen?“, flüstert Nanny ängstlich. „Beruhige dich. Wir können doch nichts daran ändern. Sei froh, dass wir noch leben. Reiß dich zusammen, Richard. Die Kinder. Sei still.“ Nanny streichelt Gruselrichards zuckende Hände. Dann setzt sie ihn vorsichtig auf die Couch.
Gruselrichard legt seinen Kopf in Nannys Schoß. Leise jammert er vor sich hin: „Verflixte, verhurte, widerliche Scheißnazis.“
Nanny legt einen Finger auf seinen Mund und sagt wie zu einem kleinen Kind: „Pst, pst.“
*

Ich weiß selbst nicht, wie mir geschieht. Ich habe plötzlich großes Mitleid mit Gruselrichard. Dabei tut mir der Po noch ganz schön weh. Von Gruselrichards Gottmitunsriemen. Am liebsten würde ich mit ihm um die Wette weinen. So leid tut mir der große, böse Mann. Jetzt erscheint er mir ganz klein und hilflos. Aber ich weine doch nicht.
Nach einiger Zeit hat sich Gruselrichard etwas beruhigt. Er sitzt auch wieder gerade auf der Couch. Ich setze mich neben ihn. Ganz langsam streichle ich über seine schwarzen, struppigen Haare. Wie vorhin Nanny. „Alles wird gut“, sage ich ganz leise. „Alles wird gut.“
„Was redet ihr da?“ Gruselrichard springt wieder von der Couch. „Nichts wird gut. Ein einziges Inferno ist diese Welt. Diese verdammte Welt. Ein einziges Inferno.“

Wütend streicht Gruselrichard seine störrischen Haare aus der Stirn. Dabei reißt er versehentlich die Augenklappe herunter und erstarrt.
Ich erstarre auch. Fassungslos blicke ich direkt in sein Gesicht. Wo ist das Glasauge?
Er hat gar keins, denke ich entsetzt.
Zwei schwarze Augen funkeln mich traurig an. Traurige Hundeaugen. Wie bei dem anderen Richard. Dem traurigen. Nur dass die größer sind. Und nicht funkeln.
„Wo ist das Glasauge, Nanny?“
„Welches Glasauge?“
„Richard seins. Es ist weg.“
„Wir müssen es ihr sagen, Richard.“
Nanny zieht Gruselrichard die Treppe hinauf. Ich trabe verunsichert hinterher. Was müssen sie mir sagen. Es ist bestimmt nichts Gutes. Oder vielleicht doch. Vielleicht ein Geheimnis? Überall gibt es Geheimnisse.
*

Im Verschlag setzen wir uns auf den Fußboden. Genau unter das Bild mit dem Jesus und der Weltkugel. Lange Zeit sagt keiner ein Wort.
„Es war ein sehr heißer Sommertag, der siebenundzwanzigste Juli im vorigen Jahr“, bricht Nanny endlich das Schweigen. „Sogar am Abend waren es noch so dreißig Grad. Aus den engen Häuserschluchten des Hamburger Arbeiterviertels Hammerbrook, da wo wir wohnten, zog es die Menschen in die Parks, in die Kneipen, an die Kanäle, die diesen dicht besiedelten Stadtteil durchziehen, wie ein unendlich langes, blaues Band... .“
Nanny schweigt wieder. Nachdenklich schaut sie zu Gruselrichard. Der hat seine großen Fäuste auf seine Augen gedrückt. Mit dem Oberkörper wiegt er sich hin und her. Hin und her. So, als wolle er sich selbst in den Schlaf wiegen.

„Plötzlich brach das Inferno los … .“ Mehr zu sich selbst, als zu mir, spricht Nanny mit kaum vernehmbarer Stimme weiter. Den Blick immer auf Gruselrichard gerichtet: „Zwei Nächte zuvor waren die westlichen Stadtteile Eimsbüttel, Altona und auch der Hafen schwer getroffen worden. Doch keiner ahnte, dass auf den Straßen Hammerbrooks ein Inferno losbrechen würde, das fast den gesamten Hamburger Osten in Schutt und Asche legen sollte. Mit Zehntausenden Toten. Wegen der Hitze und der Trockenheit standen schon kurz nach dem ersten Bombenabwurf um ein Uhr zwei Minuten in der Nacht ganze Straßenzüge in Flammen. Die Brände verbreiteten sich mit rasender Geschwindigkeit. Ein Feuersturm brach los. Es war, als ob ein Orkan über die Stadt fegt. Die Rettungskräfte konnten die Brände nicht löschen. Die Menschen torkelten schreiend auf die Straßen. Umlodert von den Flammen. Sie fielen einfach um. Sie fielen um. Oder sie verbrannten.Oder erstickten in den Luftschutzkellern. Sofern sie diese überhaupt erreichten. Die Straßen verwandelten sich in Windeseile in glühende Schutthalden. Noch nach Tagen konnte man die Hitze spüren.“
Nanny war ganz nahe an Richard gerückt.
Richard hat sein Gesicht mit den Händen bedeckt. Dahinter rinnen ununterbrochen die Tränen. Zärtlich nimmt Nanny Gruselrichard in die Arme. Sie weint auch.

„Wir waren bei einem befreundeten Ehepaar gewesen“, wendet sie sich wieder an mich, „und auf dem Weg nach Hause. Richard lief wie ein Irrer durch die brennenden, stinkenden, qualmenden Straßen. Ich immer hinter ihm her, um ihn aufzuhalten. Doch er hörte nicht. Wir stolperten über verbrannte Leichen. Schutt. Steine. Ständig den Rauch und den Brandgestank um uns, in uns. Wir bekamen kaum noch Luft. Doch endlich fanden wir unser Haus. Es war nur zum Teil zerstört. Richard rannte hinein. Er wollte die Papiere holen. Und dann, als er mit den Ausweisen in der Hand auf der Treppe stand und mir zuwinkte, ertönte ein Krachen und Poltern. Eine Feuerfontäne stieß in den schwarzen Himmel. Das Haus stürzte ein. Es begrub Richard unter sich.“

„Nanny“, sagt da Richard mit einer plötzlich ganz ruhigen, klaren Stimme, „Nanny, was erzählst du denn da? Das versteht das Kind doch noch nicht.“
„Später wird sie es verstehen“, sagt Nanny. „Und auch dein Verhalten.“
Nanny nimmt mich in den Arm. „Du bist ein kluges Kind“, sagt sie. „Und viel hübscher und verständnisvoller als alle anderen Kinder in deinem Alter.“
Ich schlüpfe aus Nannys Arm.
„Und was ist nun mit dem Auge“, frage ich. „Und wie ist Richard unter dem Haus hervorgekommen?“
„Die Rettungskräfte waren gleich zur Stelle. Sie zogen Richard unter den Trümmern hervor. Aber seitdem redet er manchmal etwas irr. Er wird auch schnell wütend und ungerecht. Das hast du ja selbst erlebt. Dann wieder sagt er lange Zeit gar nichts. Das ist noch schlimmer.“ Nanny seufzt laut auf. „Ja, es ist nicht ganz leicht.“
„Und das Glasauge? Und die Augenklappe?“
„Richard glaubt seitdem, er habe ein Auge verloren. Deshalb die Klappe.“
Nanny legt Gruselrichard die Augenklappe, die an einem Band an seinem Hals hängt, wieder über das Auge. „So“, sagt sie, „das beruhigt. Nun kannst du dich wieder sicher fühlen.“ Sie streichelt wieder über Richards störrische schwarzen Haare. „Ist schon gut“, flüstert sie. „Alles ist gut.“
„Alles ist gut“, sagt auch Gruselrichard. Verwundert sehe ich ihn zum ersten Mal lächeln. „Ich liebe dich“, sagt er zu Nanny und küsst ihre Hände. „Was wäre ich ohne dich. Bitte sing doch mal wieder unser Lied.“
„Aber gern Richard.“

Nanny singt endlich wieder ihr Mariandel, andel, andel… .“

„Ich werde ganz artig sein“, verspreche ich, nachdem Nanny verstummt ist. Ich nehme Gruselrichards schwere Hand, „und wenn nicht, soll mich der liebe Gott strafen.“
Und Gruselrichard werde ich dich auch nicht mehr nennen, denke ich schuldbewusst und frage: „Fahren wir nun nach Ziegelroda, Onkel Richard?“
„Ja“, erwidert Richard viel freundlicher als sonst. „Es ist besser für dich. Und du willst ja auch deine Großeltern und deine Tante Wally mal wiedersehen.“

Und ob ich das will. Nur schade, dass Jutta und Karlchen nicht mit dürfen. Aber sie sind ja wirklich noch zu klein und würden nur stören. Jetzt, in der Erntezeit.

„In einer Stunde könnt ihr losradeln.“ Nanny lacht. „Es wird bestimmt ganz toll. So eine Fahrt durch das schöne Thüringer Land.

***



Episode 15
Die Fahrt nach Ziegelroda

„So.“ Richard richtet sich auf. „Das Vehikel ist bereit. Ich habe kräftig Luft aufgepumpt. Flickzeug habe ich auch gefunden. Man weiß ja nie.“
Richard schiebt das klapprige Fahrrad vom Hof über den Flur durch die blaue Tür. Nanny hält die Tür auf.
Jutta, Karlchen und ich trotten hinter ihm her auf die Straße vor Brühl 18.
Der Abschied fällt uns schwer.
Vor Brühl 16 steht Herr Schmids in seiner SS - Uniform.
„Heil Hitler!“, grüßt er mit ausgestrecktem Arm. „Wohin soll‘s denn gehen? So am frühen Morgen.“ Schadenfroh sieht er mich an. „Hast wohl was auf den Podex bekommen? Weil du wieder frech warst?“, fragt er scheinheilig.
„Onkel Richard ist böse“, petzt Jutta. „Er hat Rosi mit seinem Gürtel verhauen.“
„Dann wird sie es ja wohl auch verdient haben.“ Herr Schmids lacht hämisch. „Und wohin geht's jetzt?“
„Das geht Sie einen feuchten Kehricht an. Heil Hitler.“ Richard hebt lässig seinen rechten Arm. Dabei macht er den Rücken krumm und steckt seinen Kopf zwischen die eckigen Schultern. „Sie wissen doch sowieso immer alles“, sagt er mit seiner krächzenden Stimme.
Frau Schmids steckte ihren Kopftuchkopf durch das niedrige Fenster.
„Bestimmt zu den Großeltern“, vermutet sie. „Nach Ziegelrodda. Wohin denn sonst. Stimmt's Rosi?“
Ich nicke stumm. Irgendwie kann ich die nicht leiden. Die mit ihrem blöden Kopftuch. Else würde sowas nie umbinden. Auch keine Kittelschürze. Else zieht immer schöne Kleider an. Das weiße mit den rosa und roten Rosen und den grünen Blättern liebt sie besonders. Ob sie es mit ins Krankenhaus genommen hat?
Else fehlt mir. Sie ist schon so lange fort. Auch die kleine Bertraud Johanna. Ob ich sie je wiedersehen werde? Der Frosch in meinem Hals wird immer klumpiger.
„Frau Schmids weiß immer alles“, sage ich schnell zu Nanny. „Auch das, was sie nicht weiß.“
Richard meckert sein blechernes Lachen. „Stimmt. Du Naseweis“, sagt er vergnügt. „Los geht's.“ Er hebt mich auf den Gepäckträger. „Und keine Mätzchen.“
„Autsch! Mein Pops.“
„Der Pops tut ihr weh, weil du sie versohlt hast.“ Vorwurfsvoll sieht Jutta Richard an. „Und jetzt kann sie nicht sitzen.“
„Muss sie hierbleiben. Komm.“ Karlchen versucht, mich vom Gepäckträger zu ziehen.
„Lass das Karlchen“, sagt Nanny. „Ich hole ein schönes, dickes, weiches Kissen. Dann geht es schon.“
Nanny verschwindet im Haus und kommt darauf mit dem Kissen zurück.
„Das hat Else gehäkelt. Es ist ihr Lieblingskissen.“ Ich fasse mit beiden Händen nach meinem Po. „Sie wird es vermissen.“
Nanny versucht, das Kissen unter meinen Po zu schieben. „Um so besser“, sagt sie. „Da hast du ein schönes Andenken. Das wird dich immer an uns erinnern. So. Wird's bald. Hoch mit dem kleinen Popöchen. Bald tut er nicht mehr weh.“
„Schluss mit den langen Reden.“ Richard schiebt das Rad einige Schritte über das holprige Pflaster. „Wir wollen nicht in die Mittagshitze kommen. Es ist jetzt schon heiß genug. Am Abend bin ich wieder zurück“, verspricht er.
Richard steigt auf das alte Fahrrad und ruckelt die paar Meter bis zur Alten Allee. Hier ist die Straße einigermaßen glatt. Langsam fahren wir den Berg hinauf. Dann biegen wir links ab in die Rastenberger Straße. Das über und über mit rotem Weinlaub bewachsene, gut erhaltene Stadttor und die Stadtmauerreste leuchten uns schon von weitem entgegen. Kurz vor dem Bahnübergang gehen die Schranken runter. Mit einem Ruck fallen sie auf die dafür vorgesehenen Pfähle aus rohem Holz.
Richard stellt ein Bein auf die Erde. „So“, sagt er, „da wird wohl gleich ein Güterwagen mit Kohlen vorbeirumpeln.“ Sein Auge starrt in den sonnigen Himmel. „Vielleicht auch mit Schlachtvieh. Oder Menschen“, murmelt er vor sich hin.
„Menschen?“ Ich rolle ungläubig mit den Augen. „Die sitzen doch im Personenwagen“, sage ich.
„Nicht immer.“ Richards Gesicht überzieht wieder die düstere Wolke. „Nicht immer“, wiederholt er.
Die Lok dampft heran, keucht und sprüht Funken. „Endlich“, murmelt Richard. Bestimmt ist er froh, meiner ewigen Fragerei zu entgehen.
Der Lockführer winkt grüßend aus seinem kleinen Fenster. Die Güterwagen holpern lustig hinterher.
Ich winke fröhlich zurück. Die Wagen sind beladen mit Kohlen. Nicht mit Schlachtvieh. Auch nicht mit Menschen. Was Richard sich nur immer ausdenkt. Schnell radelt er über die Schienen Richtung Hardisleben.
Lieber als mit dem Fahrrad wäre ich natürlich mit der Zwecke gefahren. Bis Rastenberg. Und dann den kuscheligen Waldweg bis ins Schwimmbad gelaufen. Auch wenn das Wasser viel kälter ist, als das im Buttstädter Schwimmbad am Neuen Teich. Das kommt natürlich auch nicht aus Quellen. Und das darf man natürlich auch nicht trinken. Weil da Keime drin sind und man davon krank werden kann. Dabei habe ich schon so oft Wasser geschluckt. Und ich bin nicht krank geworden. Na, getrunken habe ich es ja nicht.
Im Rastenberger Wald ist es auch kalt. Sogar im Sommer. Kalt, aber wunderschön.
Früher fuhr die Kleinbahn sogar bis nach Weimar und über Mannstedt. Das hatte sich allerdings nur solange gelohnt, wie Kalisalze von den Kalischächten bei Rastenberg, Lossa und Billroda transportiert wurden. Jetzt fahren mit der Zwecke nur noch Menschen. Von Buttstädt bis Hardisleben und dann bis Rastenberg. Und natürlich wieder zurück. So eine Fahrt ist immer ein Erlebnis. Manchmal schleicht die Bahn mit ihren zwei Wagen so langsam dahin, dass man aussteigen und Blumen von den Wiesen pflücken kann. Mohnblumen und Margariten. Oder Butterblumen. Und vor allem Gänseblümchen. Die ja fast das ganze Jahr blühen. Kurz vor dem kleinen Tunnel muss man allerdings wieder eingestiegen sein. Wenn nicht, ruft der Lockführer aus seinem Fenster:
„Nun aber schnell! Wenn Ihr noch mitfahren wollt.“
*
Wir sind in Hardisleben angelangt. Richard radelt an dem Kleinbahnhof vorüber. Richtung Rastenberg. Ein frisches Lüftchen wedelt uns um die Ohren. Lerchen fliegen in den Himmel. Fröhlich trällern sie ihren Aufflug. Hinweg über die reifen Weizen - Roggen - und Gerstenfelder. Die weiten Wiesen, Kartoffel - und Rübenfelder.
Beim Herniederfliegen klingt ihre Melodie anders, trauriger. Deshalb verstecken sie sich in den Wiesen und Feldern.
Das Getreide muss geerntet werden. Ab und zu ist ein Mähdrescher am Feldrand zu sehen. Manchmal auch in einer breiten Furche. Aber wo sind die Menschen. Wo sind die nur alle hin. Bestimmt im Krieg. Um ein Haar wäre auch Richard nicht mehr dagewesen. Wenn damals die Rettungskräfte nicht so schnell zur Stelle gewesen wären. Und dabei war er nicht mal im Krieg. Und er wäre keinen Heldentod gestorben. Wenn Karl stirbt, was wir nicht mal denken dürfen, stirbt er den Heldentod. Mit Gott. Und für das Vaterland. Und somit ist er ein Held. Für alle Zeit.
Mariandel, andel…, fällt mir plötzlich Nannys Lieblingslied ein.
„Du kennst ja den Text schon auswendig“, wundert sich Richard.
„Ich merke mir schnell Lieder und Gedichte“, prahle ich. Obwohl das ja verboten ist. Else sagt immer: „Eigenlob stinkt.“
„Schön, dann kannst du mich ja ein wenig unterhalten“, schlägt Richard vor. „Gleich sind wir in Rastenberg.“
„Und dann geht's den Berg rauf nach Lossa.“ Ich kenne den Weg genau. Oft genug bin ich ja mit Else diesen Weg nach Ziegelroda gefahren. Die Straße ist sehr schlecht. Besonders, wenn es wieder bergab geht. Sie ist voller Schlaglöcher. Und man muss sehr aufpassen. Damit man in kein Schlagloch fährt. Und womöglich im Straßengraben landet.
„So“, sagt Richard, „sing mir noch ein anderes schönes Lied vor.“
„Das von den Grillen?“
„Ja, das von den Grillen.“
„Also Im Frühtau zu Berge.“
Also singe ich im - Im Frütau zu Berge -.
„Sind deine Grillen jetzt verschwunden, Onkel Richard?“, frage ich nachdem ich geendet habe.
Richard meckert sein Ziegenlachen. „Sie sind verschwunden“, sagt er und steigt vom Rad. „Sie sind verschwunden. Und ich schwitze. Der Berg hat es in sich. Ein Glück, dass es hier immer durch den Wald geht.“
Endlich haben wir die Bergspitze erreicht. Die Straße ist nicht besonders breit. Das dichte Blätterdach der alten Bäume neigt sich beschützend über sie und lässt kaum einen Sonnenstrahl durch. Schön kühl ist es hier.
Richard steigt wieder auf. „Festhalten!“, ruft er.
Richard braust die unebene Straße mit dem Schotter und den Schlaglöchern entlang. Das ist schon ziemlich mutig. Weil die Straße zu beiden Seiten in einen engen Graben abfällt.
Ich halte mich an Richards Rücken fest. Das ist eine Sausefahrt. Ganz nach meinem Geschmack. Von Lossa geht es dann über Wiehe nach Rossleben. Hier war ich manchmal mit Wally einkaufen. In Ziegelroda gibt es leider kein Textilwarengeschäft.
„Wir fahren durch den Wald“, schlage ich vor, „nicht die Hauptstraße entlang. Vielleicht sehen wir auch Rehe. Oder Wildschweine. Die beobachte ich manchmal mit Opa.“
Die Tiere halten sich in der Mittagshitze versteckt. Das weiß Richard bestimmt nicht. Er ist ja ein Stadtmensch. Aber die Hauptstraße ist viel zu langweilig. Außerdem zu bergig. Da würde Richard ja völlig außer Puste geraten. Er hat den Berg rauf schon ganz schön geschnauft.
„Gut“, willigt Richard ein, „wir können ja auch laufen.“ Er steigt ab und hebt mich vom Gepäckträger. „Uns die Beine etwas vertreten.“
Wir lassen die Hauptstraße links neben uns und biegen rechts ab zu einem Waldweg. Der führt durch dichtes Unterholz. Manchmal wird er schmaler, dann wieder breiter. Und immer schlängelt er sich quer durch den Wald. Endlich sind wir auf einer Lichtung angelangt. Einer Wiese voller Fliegenpilze, Annemonen und Butterblumen. Und die Sonne taucht alles in flirrendes Licht.
„Wunderschön ist es hier“, wundert sich Richard. „Hier können wir uns ausruhen.“
„Nein“, widerspreche ich, „wir müssen weiter. Ich will dir doch den Hochsitz zeigen. Der ist auf der nächsten Lichtung.“
Also laufen wir weiter durch den Mischwald. Das ist der Ziegelrodaer Forst. In einem Mischwald wachsen Laub- und Nadelbäume. Er ist dunkel und etwas feucht. Und Mückenschwärme tanzen überall lustig herum.
Endlich sind wir auf der Lichtung mit dem Hochsitz. „Schau mal, da“, sage ich zu Richard. Ich zeige auf den Hochsitz am Ende der Wiese. Dahinter beginnt der Wald. Der führt ganz tief ins Unterholz hinein. „Wollen wir da mal rauf?“, schlage ich vor.
„Ja, vielleicht sehen wir Rehe“, war Richard einverstanden.
Ich renne los und klettere auf den Hochsitz.
„Rehe sehen wir bestimmt nicht, Onkel Richard“, rufe ich von oben. „Die kommen nämlich erst in der Dämmerung.“
„Du bist mir schon ein Schelm“, lacht Richard. „Einen alten Mann zu veralbern.“ Er lehnt das Fahrrad gegen das Holz. Dann plumpst er auf die Wiese mit den Blumen. „Nur etwas ausruhen“, murmelt er. „Es ist wirklich schön hier. So ruhig. Und so friedlich.“
Da hat Richard recht. Ich denke an einen ähnlich schönen Tag.

*
Schon am frühen Morgen war ich mit Opa Karl losgelaufen, um die Rehe zu beobachten. Hinein in den Wald, den Mittelwald, bis wir auf diese Lichtung kamen. Mein Liebling, der Mischlingshund Bello, war natürlich auch dabei. Doch noch bevor wir die Wiese erreicht hatten, war er verschwunden. Karl holte sein Fernglas aus der Umhängetasche und suchte damit den Waldrand ab. Plötzlich lachte er belustigt auf. „Ahnte ich es doch!“, rief er fröhlich. „Hier, gucke mal.“ Er reichte mir das Glas, stellte sich hinter mich und lenkte es in eine bestimmte Richtung. Neugierig schaute ich hindurch.
Bello saß auf der Waldlichtung. Mit hochgerecktem Rumpf. Ihm gegenüber stand ein junger Rehbock. Neugierig schnupperte Bello an seiner Schnauze. Dann erhob er sich langsam und ging ein paar Mal um den Rehbock herum. Vorsichtig legte er seine Vorderpfoten flach auf den Boden. Dann streckte er sein Hinterteil in die Höhe und stellte seinen Schwanz auf.
„So versucht er, den jungen Bock zum Mitspielen zu bewegen“, freute sich Karl.
Der Bock schien jedoch keine Lust zum Spielen zu haben. Er starrte Bello nur verständnislos an und blieb unbeweglich stehen. Bello lief nochmals um ihn herum und zwickte ihn dann in seine Blume. Da hüpfte der Bock einen kurzen Satz nach vorn und setzte sich wieder hin.
„So kann Bello ihn nicht wieder in seine Blume zwicken“, lachte Karl. „Ganz schön schlau so ein Böckchen.“
„Jetzt sitzen sie sich gegenüber.“ Ich traute mich kaum zu flüstern, um die beiden nicht zu verscheuchen. Tiere haben ja bekanntlich ein viel sensibleres Gehör als Menschen. „Sie erzählen sich was.“
Der Bock senkte seinen Kopf, sodass die dolchähnlichen, kleinen Hörner nach vorn zeigten. Dann erhob er sich plötzlich. Er nahm Anlauf und stürzte auf Bello zu. Doch Bello sprang mit einem Satz zur Seite und der Rehbock stieß ins Leere.
„Herrlich!“ Karl pfiff nach Bello. „Der ist ja doch klüger als der Bock. Komm, wenn das Reh uns sieht, verschwindet es sowieso. Hoffentlich hat es nicht schon wieder die frischen Knospen oder die Rinde von den jungen Bäumchen abgefressen.“
„Aber du hast doch gesagt, Opa, Rehe können nicht gut sehen.“
„Ich meine doch auch hören“, erwiderte Karl. „Ja, sie können nur schwarzweiß unterscheiden. Dafür aber sehr gut hören. Und riechen.“

*
„Du hast wohl recht.“ Richard steht auf. „Vielleicht sehen wir jetzt wirklich keine Tiere. Nicht mal einen Hasen. Es singt ja nicht einmal ein Vogel.“
„Es ist ihnen zu heiß“, erkläre ich. Schnell klettere ich vom Hochsitz. „Die Tiere vertragen die Hitze auch nicht so gut. Nur die Mücken. Ich bin schon ganz zerstochen.“
„Du hast halt süßes Blut.“ Richard nimmt das Rad. „Komm, wir wollen weiter“, sagt er entschlossen.
Endlich sind wir auf dem Berg angelangt. Ich breite meine Arme aus.
„Das ist mein Ziegelroda!“, rufe ich übermütig.

***


Episode 16

Wally und die Großeltern

Endlich stehen wir auf dem Bürgersteig. Das hügelige Dorf liegt friedlich vor uns. Die Straße fällt rechts ab. Sie endet an der niedrigen Kirche ohne Kirchturm. Dafür hat sie aber einen offenen Glockenstuhl zu ebener Erde. Nur wenige Meter von ihr entfernt. Und das ist schon eine Besonderheit. In dem Glockenstuhl hängen drei schön geschwungene Glocken aus dickem Eisen.
Jeder, der will, darf sie zum Klingen bringen. Man muss nur an den festgedrehten Seilen ziehen. Oder sich daran hängen. Nach einigem Hin und - Herschaukeln ertönt dann ein voller, melodischer Dreiklang. Doch am Sonntag ist der Glockenstuhl heilig. Da gehört er dem Pastor. Und nur er hat das Recht, die Glocken zum Klingen zu bringen. Dann gehen die Leute zur Kirche und lauschen seiner Predigt.
Schnuppernd ziehe ich meine Nase hoch. Wie ein Hund auf Fährte. Aus der einzigen Bäckerei des Dorfes weht ein verführerischer Duft. Die Bäckerei befindet sich auf der anderen Seite des Bürgersteigs. Uns genau gegenüber.
Bestimmt hat Helene wieder einen schönen Nasskuchen gebacken. Bestimmt aus Kirschen. Die Zwetschgen sind ja noch nicht so weit.
Ich sehe meine Oma direkt vor mir. Sie kommt aus dem Tor der Bäckerei. Die hellblaue Schürze um ihren etwas fülligen Leib. Auf dem Kopf trägt sie das große, runde Blech mit dem Kuchen. Dem Kirschnasskuchen. Bestreut mit körnigem Zucker. Sie lächelt und sagt: „Na, da wollen wir mal.“

Sofort spüre ich den Geschmack des Kuchens im Mund. Den süßsauren Geschmack der Kirschen. Den Zucker auf der Griesdecke. Und die Kirschen auf dem Kuchen haben noch ihre Steine. Die spucken wir dann aus. Auf den Teller. Oder in die Hand. Oder sonstwohin. Und den Kuchen nennen wir Spuckkuchen.

„Wir müssen hier lang, Richard“, rufe ich ausgelassen. Richard wollte gerade Richtung Gasstätte und Kirche gehen. „Wir müssen hier links den Berg rauf. Dann über die Hauptstraße. Und dann das letzte große Haus. Das ist unser Haus.“ Fröhlich renne ich los.

*
Endlich kommt auch Richard angestapft. Ich sitze mit Opa Karl auf der grün gestrichenen Bank. Vor dem blauen Tor. Bello liegt ausgestreckt vor uns. Die Vorderpfoten zwischen seinem Kopf. Die Ohren hat er angelegt. Ich streichle sein glänzend braunes Fell. Wenn ich damit aufhöre, hebt er seinen Kopf und stellt ein Ohr auf. Vorwurfsvoll blinzelt er mich dann an. Mit seinen feuchten Hundeaugen.
„Er liebt es, hinter den Ohren gekrault zu werden.“ Karl stopft gelassen seine Holzpfeife. Der Tabaksbeutel mit dem Tabak hängt immer um seinen Hals. Und auf den Beutel hat Wally leuchtend gelbe Sonnenblumen gestickt.
Da erblickt Karl Richard. „Das muss er sein, der Richard“, sagt er und erhebt sich langsam von der Bank. „Passt genau zu deiner Beschreibung Rosi.“

Richard winkt uns erleichtert zu. Dann überquert er mit langen Schritten die Hauptstraße. Das Fahrrad trägt er wie eine Trophäe vor sich her. Er hat wohl vergessen, dass man es auch schieben kann.
„Tach Karl“, grüßt er, als er das Tor erreicht hat. „Da sind wir.“ Richard schaut mich erleichtert an. „Eine schöne Fahrt war das“, spricht er langsam weiter. „Eine schöne Fahrt durch ein schönes, unberührtes Fleckchen Erde.“ Er lacht sein Ziegenmeckerblechlachen, bevor er hinzufügt: „Und der Drahtesel hier hat auch durchgehalten, was Rosi?“
„Da habt ihr ja Glück, dass heute Sonntag ist“, erwidert Karl, „und der Gottesdienst auch schon vorbei ist. Sonst wären wir alle in der Kirche. Oder auf dem Feld. Das Wetter ist ja günstig. Und das Getreide wartet nicht“, lacht er. „Na, rein in die gute Stube“, fordert er uns auf. „Helene und Wally tischen schon auf.“

Erwartungsvoll laufen wir über den Hof. Er ist sehr groß und mit kleinen Kopfsteinen gepflastert. An der linken Seite steht der uralte Birnbaum. An dem hängen unzählige grüne Birnen. Einige Jahre später sollten er und ich mal für große Aufregung im Dorf sorgen. Neben dem Birnbaum befindet sich der Gräteschuppen. Darin stehen drei Fahrräder, ein Bollerwagen und allerlei Krimskrams. Daneben ist die Kartoffel - und Möhrenmiete. Auf der rechten Seite duftet uns der riesige Misthaufen entgegen. Daneben ist das Plumpsklo mit dem Herzguckloch. Und davor, noch weiter rechts, ist der Kuhstall. Davor steht die Hühnerleiter. Auf dieser klettern immer die Hühner abends in ihr Hühnerschlafhaus. Direkt über dem Kuhstall. Der Hahn natürlich auch. Ein Hahn hat immer zehn Hennen. Und der Hahn ist der Hahn im Korbe. Bestimmt sagt man das, weil die Hennen ihre Eier immer irgendwo verlieren und Helene und Wally sie dann suchen und in einen Korb legen.
Gleich neben der Kuhstalltür ist die Jauchengrube. Die sollte später auch mal eine Rolle für mich spielen.
Das Wohnhaus steht quer vor dem Misthaufen. Getrennt durch einen breiten Steinweg.
„Wir sind da.“ Karl öffnet die Tür. Gemächlich geht er durch den mit bunten Steinen gefliesten Flur. Schnurstracks geradeaus zur offenen Küche. „Hm, ein Duft“, schnuppert er. „Da läuft einem ja das Wasser im Mund zusammen.“

Wenig später sitzen wir alle um den Küchentisch vor dem Fenster. Hinter diesem wogt das riesige Tabaksfeld. Wie jedes Jahr. Und auch die alte, graue, dicke Katze sitzt auf dem Fensterbrett. Wie jedes Jahr. Hinter Karls Stammplatz. Zufrieden schnurrt sie vor sich hin.
*
Wenn die Arbeit im Haus und auf den Feldern getan ist, sitzt Opa Karl immer hier auf seinem Stammplatz. Bei schönem Wetter sitzt er meistens auf der grünen Bank. Vor dem Haus. Dort schaut er in den Sternenhimmel und raucht gemütlich seine Pfeife. Auch am Sonntag. Besonders am Sonntag. Denn da hat er ja die meiste Zeit.
„Der Sonntag ist heilig“, pflegt er zu sagen. „Da ruht die Arbeit auf den Feldern. Da machen wir es uns mal so richtig gemütlich.“ Schmunzelnd fügt er dann hinzu: „Und die Kühe brauchen auch ihre Pause. Wie ich meine Zeitung.“
Karl liest immer die neusten Nachrichten. Er sagt, er studiert sie. Das klingt besser. Und die Fortsetzungsgeschichten studiert er besonders gern. Manchmal liest er sie mir auch vor. Das heißt, wenn sie nicht nur für Erwachsene bestimmt sind.
*
„Die schreiben hier immer noch über das missglückte Hitlerattentat“, sagt er jetzt. Karl nimmt seine Lesebrille ab. Er putzt sie mit dem Ärmel seines grauen Pullovers. Dann setzt er sie wieder auf. „Wäre es geglückt“, spricht er weiter, „wäre der Krieg jetzt zu Ende.“ Er nimmt wieder seine Brille ab, bevor er hinzufügt: „Und unser Erich wieder zu Hause.“ Das seltsam helle Blau seiner Augen schimmert wässrig. „Und wer weiß, wo er jetzt steckt“, sagt er etwas traurig. „Der Erste Weltkrieg war nicht so kompliziert.“
„Ach Karl“, sagt Helene, „ich hol’ mal den Nasskuchen.“
Helene geht in die Speisekammer und kommt mit dem Nasskuchen zurück. Sauerkirschen mit Zuckerbutterstreusel. „Ach, Karl“, sagt sie wieder, „hast du wieder deine alten Geschichten im Kopf. Deine Kavalleriegeschichten.“
Im ersten Weltkrieg ist Karl nämlich hoch zu Ross in den Krieg gezogen und Helene meint, er lebt noch oft in dieser Zeit. Deshalb redet er so gern darüber.
„Aber jetzt haben wir keinen Kaiser mehr“, sagt Helene. „Dafür aber einen Hitler. Sie greift mit der linken Hand an ihren dunklen Haarknoten im Nacken. Langsam zieht sie eine Nadel heraus. Dann steckt sie sie hinein. „Das ist viel schlimmer“, sagt sie. Mit einer flüchtigen Bewegung wischt sie über ihre Augen. Das dunkle Blau scheint jetzt fast schwarz. Nachdenklich schaut sie uns der Reihe nach an. Dann gibt sie sich einen Ruck und stellt den Kuchenteller mit dem Sauerkirschkuchen in die Mitte des Tisches. „Greift zu“. fordert sie uns freundlich auf. „Guten Appetit.“
Wally schenkt den Kaffee ein. „Und tu viel gute Sahne rein“, sagt Helene noch schnell. „Wer weiß, wie lange wir das noch können. Wir müssen ja immer mehr abliefern.“

Richard sitzt an der Längsseite des Tisches. Karl ihm gegenüber.
„Claus Graf Schenk von Stauffenberg“, sagt Richard unvermittelt, „wird als Held in die Geschichte eingehen. Als deutscher Offizier und Widerstandskämpfer.“
Wally schaut Richard mit ihren großen blauen Augen böse an.
„Wie kannst du so etwas behaupten!“, schreit sie wütend. „Heil Hitler!“ Sie springt auf und steht stramm. Dann streckt sie ihren rechten Arm gerade von sich. Es scheint, als würden sich sogar ihre langen, fest gebundenen Zöpfe versteifen wollen. „Der Führer ist der Held!“, schreit sie weiter. „Und nur der Führer! Ein Glück, dass jemand die Tasche mit der verdammten Bombe weggestellt hat. Der Führer sollte also leben. Das ist Schicksal. Ja!“
„Setz dich, du dummes Ding“, sagt Helene energisch. „Mach nicht immer alle Leute verrückt mit deinem Gequassel.“
Widerwillig setzt sich Wally auf ihren Holzstuhl. „Hab keinen Hunger“, murrt. Beleidigt schiebt sie ihren Teller mit dem angebissenen Stück Kuchen zur Seite. „Ist doch wahr“, murrt sie weiter, „Goebbels hat den Totalen Krieg ausgerufen. Wir müssen alle Opfer bringen. Der Endsieg ist nah. Und ihr seht nur zu, dass es euch gut geht.“ Sie steht wieder auf und schubst den Stuhl zu dem blauen Plüschsofa an der Wand. „Heil Hitler!“ schreit sie wieder. „Ich gehe in mein Zimmer!“
Wally stürmt wütend aus der Tür, die Treppe hinauf in das obere Stockwerk.

„Macht euch nichts draus“, entschuldigt sie Helene. „Solche Anfälle hat sie jetzt oft. „Das sind die Flegeljahre.“
„Was sind Flegeljahre Oma?“, will ich wissen.
„Das sind die Jahre, in denen die Kinder erwachsen werden.“ Helene lacht. „Aber glücklicherweise hast du noch lange Zeit. Komm, iss noch ein Stück von dem guten Kuchen.“ Sie legt mir ein großes Stück auf den Teller. „Und du auch“, fordert sie Richard auf. „Du siehst aus, als hättest du lange nichts Gutes mehr gegessen. So mager.“ Helene schüttelt den Kopf. „Na, in Hamburg fressen die Leute ja schon die letzten Ratten aus den Trümmerlöchern“, sagt sie traurig. „Die armen Menschen.“
„Und in Buttscht gibt‘s auch nichts Ordentliches mehr“, gebe ich meinen Senf dazu.

Karl nimmt seine Pfeife aus dem Mund, um sie neu zu stopfen. „Jetzt bleibst du erstmal hier“, sagt er, „bis du in die Schule kommst. Bis dahin werden wir dich schon rausgefuttert haben.“
„Und wir fangen gleich damit an. Hier, trink deine Milch.“ Helene stellt eine große blaue Emailletasse mit frischer Kuhmilch vor mich hin.
„Iieeh“, ekel ich mich, „Oma, du weißt doch, dass ich keine Milch trinke. Das ist doch zu ekelig, Oma.“
„Fängt das schon wieder an?“ Helene nimmt die Tasse weg. „Ich dachte, du hast dich gebessert in dem einen Jahr. Aber nein, du bist noch immer so eigensinnig. Wie willst du denn da groß und stark werden. Und in der Schule fleißig lernen.“, sorgt sie sich.
„Hol ihr einen Kirschsaft“, sagt Karl. „Den magst du doch Rosi.“
Und ob ich den mag. Der ist so schön frisch. Die Milch aber so weiß und so fettig. Und außerdem gehört sie den Kälbchen. Damit sie schnell wachsen können. Das hat Helene selbst gesagt.
„Ich muss wieder“, wird Richard unruhig. „Nanny wartet.“
„Aber nicht, bevor du dich hier umgesehen hast“, sagt Karl. „Vielleicht gefällt es dir ja hier. Und wenn du in Hamburg keine Arbeit hast - hier gibt es immer was zu tun. Platz ist auch genug.“
Vor Überraschung klappt Richard seinen Mund erst auf und gleich darauf wieder zu. „Ich werde darüber nachdenken“, stottert er dann. „Danke für das Angebot.“
Karl lacht sein gemütliches Lachen und sagt: „Rosi führe den Richard mal etwas herum. Damit er einen kleinen Eindruck von einem Bauernhof bekommt. Wenn ihr in einer halben Stunde nicht zurück seid, hole ich euch. Bello wird euch schon aufspüren.“
Bello, der bis jetzt artig zu Karls Füßen gelegen hat, hebt aufmerksam seinen Kopf. Er stellt ein Ohr auf und blinzelt mich an. Dann macht er eine Kopfbewegung zur offenen Küchentür.
„Bello du bleibst hier“, bestimmt Karl. „Ich sagte, in einer halben Stunde.“
Bello trottet zurück zu Karl. Gehorsam legt er sich zu seinen Füßen.
„Braver Hund.“ Karl grault Bello zum Dank dafür hinter den Ohren. „Und nun ab mit euch“, sagt er zu Richard und mir.

Nichts lieber als das. Energisch ziehe ich Richard zur Tür hinaus.
„Das ist die Speisekammer.“ Ich stelle mich vor die niedrige Tür links neben der Küche. Sie ist verschlossen. Nur zu den Mahlzeiten holen Oma oder manchmal auch Wally, das Essen heraus. „Da drin sind lauter Würste, Butter, Speck, Eier, die ganzen Marmeladen, Säfte, Eingemachtes, Kuchen und Brote“, sage ich leise zu Richard. So, als sei es verboten, darüber zu sprechen.
„Beachtlich“, Richard meckert sein Ziegenblechlachen, „bekommst du keinen Appetit, wenn du davorstehst und nicht rein kannst?“
„Mir ist das wurscht“, erwidere ich, „das Meiste esse ich sowieso nicht. Speck und Fleisch und Wurst ist sowieso total ekelig. Und soll ich dir mal was ganz Ulkiges erzählen?“
„Aber gern. Was ist es denn?“
„Schlachten.“
„Schlachten? Was ist denn daran ulkig?“
„Ja, da war ich noch ganz klein. Erst so ein und ein viertel Jahr.“
„Und wer hat da wen geschlachtet?“, lacht Richard ungläubig.
„Es war zu Weihnachten“, mache ich meine Geschichte spannend. Dann schaue ich einen Moment nachdenklich vor mich hin.
Diese Geschichte hatten Helene, Karl und Wally so oft erzählt, dass ich sicher war, sie genauso erlebt zu haben und mich an jede Einzelheit erinnern zu können.

*

Zu Weihnachten lag eine wunderschöne Puppe unter dem Weihnachtsbaum. Eine echte Käthe Gruse Puppe. Mit Schlenkerarmen und Schlenkerbeinen. Neugierig hatte ich sie von allen Seiten betrachtet. Plötzlich habe ich ein Messer vom Küchentisch genommen und der Puppe den Bauch aufgeschlitzt.
„Ich habe meine ganz teure Käthe Gruse Puppe geschlachtet“, sage ich. „Die hatte der Weihnachtsmann unter den Tannenbaum gelegt.“
„Aber Rosi“, zweifelt Richard, „das kannst du doch gar nicht wissen. Dazu warst du doch, wie du selbst sagst, viel zu klein.“
„Es stimm aber“, setze ich mein Trotzgesicht auf. „Wenn du es nicht glaubst, frag doch Oma, oder Opa, oder Wally. Die wissen es noch ganz genau. Sie erzählen es mir doch immer wieder.“
„Na also“, ist Richard zufrieden. „Wie ging es denn weiter?“
„Alle waren natürlich sehr böse auf mich. 'Was hast du nur gemacht?‘‚ fragte Oma immer wieder ganz traurig. ‚Die schöne teure Puppe'. Und ich habe gesagt: 'Ich habe Puppe gegacht'.“ Ich fasse nach Richards Hand. „So ein schlimmes Kind war ich.“
„Ein ganz schlimmes Kind“, stimmt Richard zu. „Bestimmt hast du mal beim Schlachten zugeschaut?“
„Kann mich nicht erinnern“, erwidere ich gleichgültig. „Jedenfalls finde ich Puppen doof. Da ist doch nichts drin. Nur Stoff und starre Haare.“

Wir stehen noch immer vor der Speisekammer. Bestimmt haben Karl und Helene das Gespräch mit angehört. Sie freuen sich immer, wenn die Rede darauf kommt.
„Und hier, gegenüber der Speisekammer, geht es in die gute Stube“, plappere ich weiter, „die ist aber auch immer verschlossen. Nur sonntags darf man da rein. Und auch nur mit Erlaubnis.“
„Aber der Schlüssel steckt doch.“
„Klar, weil Wally ab und zu sauber macht. Und weil Oma und Opa in der Kammer daneben schlafen. Da steht aber nur ein Bett. Oma und Opa schlafen immer in dem einen Bett. In Elses Schlafzimmer stehen zwei Betten. Die sind aber weiß und viel schöner. Weißt ja. Weil du ja jetzt mit Nanny darin schläfst.“
„Und wohin führt diese Treppe?“
„Die führt in Wallys Zimmer. Da dürfen wir aber jetzt nicht rein. Weil die bockt.“
„Gut, bleiben wir unten“, ist Richard einverstanden. „Meine Zeit ist sowieso knapp. Was gibt es noch so da oben?“
„Da gibt es noch ein Zimmer mit drei Betten. Wenn wir Kinder zu Besuch kommen. Und dann ist da noch Erichs Kammer mit einem Bett. In dem schlafe ich jetzt, weil Erich ja im Krieg ist. Und dann ist da noch eine Treppe bis zum Boden. Dort ist es am allerschönsten. Da verstecke ich mich immer und krame in den Sachen herum.“
„Und jetzt geht es zur Tür hinaus. Also weiter mit dem Rundgang“, wird Richard langsam ungeduldig.
*
Also gehen wir zu dem Kuhstall. Der ist gleich links neben dem Haus. Darin wohnen sechs Kühe. Sie haben pralle Euter und glänzendes Fell. An ihren dunkelbraunen, hellbraunen oder gescheckten langen Schwänzen baumeln wuschelige Haarbüschel hin und her. Damit verscheuchen sie die Fliegen und Mücken und Bremsen, wenn sie zu frech werden.

Kaum sind wir im Stall, wenden uns alle Kühe ihre dicken Köpfe mit den gebogenen Hörnen entgegen. Mit großen, dunkelblauen Augen schauen sie uns erstaunt an.
„Muuuhuu!“, brummen sie im Chor. „Muuuuhuu.“
„Sie begrüßen uns“, freut sich Richard. „Hm, gut riecht es hier.“
Ich laufe schnell zu meiner Schecke. Sie steht ganz hinten vor der Wand.
„Hier bin ich wieder, Schecke, du böse“, sage ich und patsche auf ihren dicken, warmen Bauch. „Kennst du mich noch, Süße.“
Schecke glotzt mich an, als wüsste sie nicht, wer ich bin. Dabei hatte sie doch ein Erlebnis mit mir.
„Schecke hat mir mal ihren Schwanz um die Ohren gehauen“, sage ich zu Richard.
„So, so“, sagt Richard, „wieder so eine makabre Geschichte. Dann erzähl mal. Aber mach’s kurz. Ich muss wieder zurück. Bevor es dunkel wird.“
„Klar“, stimme ich zu, „ich mach ganz schnell“, und erzähle ganz schnell die Scheckegeschichte.

*

„Ich will auch mal melken“, hatte ich zu Helene gesagt, als diese auf ihrem Melkschemel vor der Schecke saß und sang: 'Stripp, strapp, strull, iss der Eimer balde vull'.
‚Aber bitte’, sagte Helene, ‚komm, setz dich auf den Schemel. Sei aber vorsichtig’.
Ich setzte mich auf den Melkschemel. Der hat nur drei Beine. Das Euter der Kühe hat vier Zitzen. Daraus kommt dann die Milch, wenn die Kuh gemolken wird. Ich zog also an der ersten Zitze. Da hat die Schecke verwundert ihren Kopf zur Seite gedreht.
‚Nimm zwei Zitzen zu gleicher Zeit’, sagte Helene, ‚und fass sicher zu. Drück oben und lass die Milch unten locker raus fließen’.
Das habe ich auch versucht. Helene hat es mir gezeigt. Und Schecke hat zufrieden gebrummt. Doch als ich die Zitzen drückte, gab Schecke Laut. Es klang wie eine Warnung. Es gefiel ihr wohl nicht. Also drückte ich noch mal. Da wurde die dumme Schecke wütend und haute mir ihren harten Schwanz um die Ohren. Vor Schreck bin ich aufgesprungen. Der Schemel fiel um. Die Milchkanne fiel um. Die Milch floss auf den Boden. Ich weinte.

*
„Was denkst du, wie weh das getan hat“, sage ich zu Richard, nachdem ich ihm die Geschichte erzählt habe.
„Zum Melken braucht man halt Talent“, scherzt er und lacht sein Ziegenmeckerlachen.

Ich zeige Richard die Räume hinter dem Kuhstall. Hier werden die Arbeitsgeräte und die Futtermittel aufbewahrt. Säcke mit Getreide stehen herum. Auch ein kleiner Traktor in der angrenzenden Scheune und eine bunte Dreschmaschine. Daneben allerlei große und kleinere Tröge und Töpfe.
„Und nun gehen wir zu Wallys Gemüseblumengarten“, schlage ich vor.
Wally hat ihren Gemüseblumengarten mit einem kleinen Zaun umzäunt. Man könnte darüber steigen, um hinein zu gelangen. Darf man aber nicht. Er gehört nur Wally. Und sie ist sehr stolz darauf. Denn in dem Garten wachsen Tomaten, Erdbeeren, Gurken, Möhren, Sellerie und viel anderes Gemüse zusammen mit Kräutern und Blumen. Meistens Ringelblumen, die das ganze Jahr über blühen. Darüber schwirren und summen Hummeln, Schmetterlinge und Bienen.
„Ist der aber schön“, wundert sich Richard.
„Ja“, stimme ich zu. „Ein richtiger Märchengarten.“

Hinter dem Märchengarten ist Karls Tabaksfeld. Und dahinter ist noch viel Land für Getreide, Kartoffeln, Zucker - und Runkelrüben.
„Ganz schön groß, das Land“, stellt Richard überrascht fest. „Aber auch ganz viel Arbeit.“
„Ja“, stimmt“, sage ich. „Viel Arbeit. Das andere Land liegt hinter dem Dorf. Vor dem Wald nach Hermannseck“, erzähle ich weiter. „Da ist ein kleines Schwimmbad mit ganz kaltem Wasser. Da gehen wir manchmal baden. Ein Zoo ist auch dort. Mit ganz kleinen, niedlichen Rehen und Hirschen und Pfauen. Und eine Gaststätte mit einem Tanzsaal gibt es da auch. Da war ich schon mal mit Wally.“

„Hm“, zwinkert Richard, „aber doch wohl nicht tanzen?“
„Doch. Mit Norbert. Das ist mein Freund. Er kommt immer mit seiner Mutter. Die haben aber kein Land. Die sind ganz arm. Opa sagt immer, ich soll nicht mit dem spielen. Aber der ist ganz süß. Wir haben noch zwei ganz große Obststreuwiesen im Dorf. Gleich hinter der Bäckerei.“
„Das ist ja eine Sklavenarbeit“, staunt Richard. „Wie ist das alles zu schaffen. Machen das die drei ganz allein?“
„Voriges Jahr hat Erich noch mitgeholfen“, sage ich. „Aber jetzt ist er ja im Krieg. Aber wir helfen auch jedes Jahr mit.“ „Und dein Vater?“, fragt Richard. „Was ist mit dem? Hat der auch mitgeholfen?“
„Nein“, erwidere ich. „Der ist kein Bauer.“
„Wieso das?“
„Oma sagt immer, auf den kann sie nicht zählen. Der ist ein Künstler und wird nie einen Heller verdienen.“
„Und jetzt ist er vermisst“, Richard guckt mich traurig an mit seinem einen Auge. „Aber er kommt bestimmt wieder. Komm, wir gehen ins Haus. Ich muss mich jetzt verabschieden. Schön ist es hier. Man merkt nichts vom Krieg.“


***


Episode 17
Ein „tragischer“ Tod

Auf dem Weg zurück bleibt Richard plötzlich stehen. Mit seinem einen Auge guckt er mich irr an. Vielleicht aber auch nicht. Sein Blick geht irgendwie nach innen. Oder ins Leere.
„Was ist, Onkel Richard“, frage ich erschreckt.
„Nicht einmal im Traum habe ich mir vorstellen können“, sagt Richard wie zu sich selbst, „dass es dieses ländliche Idyll noch gibt. Ein Paradies im Jahre 1944.“ So, als gäbe es mich nicht, starrt er in den blauen, wolkenlosen Himmel, bevor er leise weiter redet: „Nein, meine Träume sind Albträume. Nacht für Nacht erlebe ich die schreckliche Bombennacht aufs Neue. Ich weiß, dass britische Experten bereits in den dreißiger Jahren umfangreiche Untersuchungen angestellt und die Brennbarkeit der ortsüblichen Bauweise untersucht hatten, um die Bombentechnologie immer weiter zu perfektionieren. Und Hamburg war ein willkommenes Opfer.
Nacht für Nacht erlebe ich dieses verfluchte Inferno. Ich sehe, ich höre die heulenden, fluchenden, sich wie verrückt gebärdenden Menschen. Sie reißen die Türen und die Fenster auf. Sie geben damit den Weg frei für die lodernden Flammen. Ich sehe die Menschen. Unzählige Menschen. Frauen. Alte Männer. Kinder. Sie ersticken in ihren Kellern. Sie verbrennen. Sie verglühen auf den Straßen. Sie werden erschlagen von umherfliegenden Holzteilen. Herabstürzenden Dächern. Begraben werden sie unter den Trümmern der zusammenstürzenden Häuser. Ich rieche den beizenden Gestank. Den Gestank verbrannter Leichen. Es ist ein Geruch. Ein Gestank. Ein Geruch. Ein furchtbarer Geruch. Niemals werde ich ihn vergessen. Mein ganzes Leben wird er mich begleiten.“
Richard stößt einen lauten Seufzer aus. Es klingt wie unterdrücktes Weinen. Starr stehe ich neben ihm. Zu keiner einzigen Bewegung fähig.
„Ich sehe die Zwangsarbeiter“, röchelt Richards Stimme. „Die KZ-Häftlinge. Sie tragen die Leichen fort. Zehntausende Leichen. Sie bringen sie zum Ohlsdorfer Friedhof. Sie werfen sie in schnell aufgeschaufelte Gräber. Über andere Leichen. Massengräber. Leichen.“
Endlich hört Richard auf, zu reden. Doch dann fasst er sich mit beiden Händen an den Kopf. „Oh, Gott! Mein Kopf!“, wimmert er, „mein Kopf. Mein armer dummer Kopf.“
Ich bekomme schreckliche Angst. Was ist nur los mit Richard. „Komm, wir gehen weiter“, flüstere ich. Vorsichtig nehme ich seine Hand. „Hör auf, so zu reden.“
Doch Richard hört nicht auf.
„Vierzigtausend Menschen mussten ihr Leben lassen“, murmelt er. „Vierzigtausend. Und wäre Nanny, meine geliebte Nanny, nicht gewesen, wäre ich auch unter ihnen.“

Aus Richards Augen tropfen die Tränen. Ganz langsam sickern sie unter der Augenklappe hervor. Sie rinnen seinen dürren Hals hinab, bis sie an seinem vorstehenden Adamsapfel hängen bleiben.
„Mein Kopf berstet“, schreit er los. „Mein Herz brennt. Mein Leben ist zerstört. „Ich muss zurück. Nanny!“, ruft er, „Nanny! Ich verbrenne!“ Mit beiden Händen fasst sich Richard wieder an den Kopf. Dann an sein Herz. „Nanny!“, flüstert er, „Nanny! Geliebte Nann...!“

Wie ein Stein stürzt Richard zur Erde. Er breitet die Arme aus. Seine Hände krampfen sich in das weiche Gras. Die Augenklappe rutscht über seine tränennasse Wange.

Erschreckt schaue ich in Richards verdrehte, starre Augen. Ich setze mich neben ihn in das Gras und streichle über sein ausgemergeltes Gesicht.
„Warum weinst du Onkel Richard?“, will ich ihn beruhigen. „Alles wird gut.“
Ich bekomme keine Antwort. Richards Leben ist zu Ende. Und er ist keines tragischen Todes gestorben. Er ist nicht im Krieg gestorben. Auch nicht von den Bomben getötet worden. Gott hat ihn zu sich gerufen.
Doch Richards Tod war ein überaus tragischer Tod. Doch das verstand ich damals noch nicht.


***


Fortsetzung in Episode 18 Der Puppenwagen, die Zuckertüte und der Kuhfellranzen
 
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Kommentare  

Hallo Axel, vielen Dank für Deinen Kommentar.
Ich habe eben mal alle Teile von Deinem -
Damals - gelesen. Du gehst ja noch viel weiter
zurück als ich. Schade, dass auch du aufgehört
hast, weiterzuschreiben. Deine Texte wären
bestimmt auch eine gute Grundlage für einen
historischen Roman. Ich finde es wichtig, in die
Vergangenheit zu gehen. Wie schnell wird alles
vergessen, was und wie es damals war. Und
wenn man das selbst Erlebte oder Gehörte in
eine Familiengeschichte verpackt, bleibt
bestimmt mehr hängen, als wenn man es in den
Geschichtsbüchern liest. Also, nochmals Danke
für Dein Interesse und ich bemühe mich,
weiterzuschreiben.
Gruß von


rosmarin (11.03.2019)

Das ist schön, dass du aus deiner Schockstarre erwacht bist, denn ich liebe Geschichten aus der Vergangenheit und diese hier ist dir sehr gut gelungen.

axel (10.03.2019)

Ich bin aus meiner Schockstarre erwacht und
habe meinen angefangenen historischen Roman-
Rosi und das Haus Brühl 18 - völlig überarbeitet
und hoffe, bald neue Episoden schreiben zu
können, denn es soll jetzt ein Episodenroman
werden. Er heißt jetzt: Die Kinder von Brühl 18
und Teil 1 Plumpsklo und Gänseblümchen. In
diesem Teil erzählt das Mädchen Rosi
Geschichten aus ihrer Kindheit aus der Zeit von
1943 bis 1952.
Ich habe mal alle Episoden im Zusammenhang
gepostet, weil die einzelnen ursprünglichen
Kapitel schon seit Jahren zu lesen sind.
Ich wünsche allen Interessierten viel Spaß beim
Lesen sowie einen nachdenklichen Einblick in die
Vergangenheit, die uns ja sichtlich wieder
einzuholen droht.
Gruß von


rosmarin (07.03.2019)

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