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Das Licht der Hajeps Band 5 / Unglaubliches/ Kapitel 5 u. 6 u. 7

Romane/Serien · Fantastisches
© Palifin
Kapitel 5

Man federte nun gemeinschaftlich und ziemlich aufgeregt auf den Zehen. Ein gar seltsames, fast unheimliches Wippen ging wie in Wellen durch den ganzen Trupp, der sich um den Jambuto geschart hatte. Erst nach einem Weilchen trat Ruhe ein. „Da tista! Da tista!“, bettelte die Meute nun ihr Oberhaupt an.
Doch das schüttelte streng den Kopf. „Denda!“, sagte es und dann warf der Tjufat die Spieluhr demonstrativ zurück in den Lieferwagen.
Munk war sehr empört. Was sollte das schon wieder? Die Spieluhr war nicht nur dicht über sein Körbchen hinweg in den Laderaum geflogen, sie hatte auch laut in seiner Nähe gescheppert, sodass er schon wieder wach geworden war. Nie konnten Zweibeiner etwas Vernünftiges tun. Niie!
„En tjuna tete oxina hi sri anu djepato!“, unterbreitete der Offizier den ziemlich enttäuscht wirkenden Soldaten sein Tun. „Tubiton lumantijabol!“, und er schüttelte dabei verächtlich die Hand Richtung Menschen aus.
Da fügten sich seine Soldaten gesenkten Hauptes.
Der Tjufat ging nun mit großen Schritten auf die Menschen zu, und die wichen vor Angst und Entsetzen vor ihm zurück. Was würde nun passieren? Würde man sie erschießen, wie das eigentlich üblich war?
„Kennert Marktstamm?“, fragte der Tjufat aber nur, was allerdings eher wie eine Feststellung als eine Frage klang.
Paul, Gesine, George, Martin und sogar Erkan schüttelten gemeinschaftlich die Köpfe
„Ihr nischt gesähinn habt?“, fragte er jetzt.
Erneutes Kopfschütteln und George freute sich, wie solidarisch doch seine Freunde in höchster Not sein konnten.
„Ihr nunni genäu hinschauern musssert!“ Der Offizier schlenkerte ein seltsames Gerät einmal kräftig hin und her und es kroch ein regenbogenfarbenes, wolkenartiges Gebilde aus dessen Öffnung. Die bunten Nebelschwaden fielen zunächst zu Boden, kringelten sich von dort wieder in die Höhe, verdichteten sich zu einem leicht transparenten, holografischen Bild. Zur Zeit dieser Aufnahme war es wohl tiefste Nacht gewesen, denn es erschien alles ziemlich dunkel. Ein weiblicher Mensch lehnte zusammengekrümmt am Stamm eines mächtigen Baumes. Er wurde vom grellen Licht einer kleinen Lampe angestrahlt und nun kam sogar Bewegung in das Bild. Die Person war eine ziemlich dürre Frau, deren Oberkörper zwar entblößt war, den sie jedoch mit den Händen verdeckte. Sie schien mächtig in Panik zu sein und zitterte am ganzen Körper. Das Licht einer kleinen Lampe bestrahlte sie von oben bis unten und ging wohl von demjenigen aus, der nicht im Bild zu sehen war. Er musste die Lampe irgendwo an seinem Körper befestigt gehabt haben, denn der Schein schaukelte ständig hin und her und so war die Frau nur sehr undeutlich zu sehen.
„Bitte eine winzig kleine Pause, ja?“, hörten sie alle Margrit und waren über ihre verzweifelte Stimme erschrocken. Besonders George schnürten Trauer und Zorn dabei den Hals zu. Er meinte zu wissen, was sich hier abspielte, nämlich dass derjenige, welcher Margrit filmte, sie wohl gerade vergewaltigen wollte. „Mir ist schlecht!“, schnaufte Margrit dann im nächsten Bild. George traten Tränen in die Augen. Er hätte diesen Hajep dafür auf der Stelle erwürgen mögen. Armes Mädchen, was hatte sie wohl alles bereits durchmachen müssen mit diesem Typ, dass sie so fertig war! Was war Margrit doch für eine tapfere Frau. Die ganze Zeit hatte sie niemandem von ihnen etwas darüber erzählt!
Selbst Gesine, die sonst eine ziemlich raue Natur besaß, nagte dabei die ganze Zeit an ihrer Unterlippe. Wie schrecklich, das also war mit Margrit gemacht worden! Sie würde künftig nicht mehr so zickig zu ihr sein, sollten sie noch mal mit dem Leben davon kommen! Das nahm sie sich fest vor.
„Naa, was is?“, fragte der Tjufat und wies dabei auf das holografische Luftgebilde. „Bekannter Frau?“
Paul zuckte zur Antwort nur die Schultern und Gesine versuchte, möglichst erstaunt dreinzuschauen.
„Reddet!“, verlangte der Tjufat. „Ihr kennert sie!“
„D ... die ist uns wirklich nicht bekannt!“, erklärte George nach dem ersten Schock.
„Ganz sicher nicht!“, bestätigte Paul.
Der Hajep schaute jedem von ihnen misstrauisch ins Gesicht und dann schritt er plötzlich näher an Gesine heran. Margrit hatte wohl durch diese Aufnahme, welche mitten in der Nacht gemacht worden war, jünger ausgesehen als sie eigentlich war und das graue, lange Haar mit den weißen Strähnen hatte im Lampenlicht wie blond ausgesehen.
Es nutzte nichts, dass Gesine vor dem Tjufat Schritt um Schritt zurück wich. „Xorr!“, murmelte der Tjufat immer sicherer. „Aller Lumantis sichten verdammtig ähnlisch aus!“ Er brach ab, wollte vergleichen aber inzwischen hatte der Wind das Nebelbild in zarte Schwaden zerrissen und wehte sie jetzt fort. „Du Marktstramm bist!“, brüllte der Tjufat Gesine an. „Und kommast jitzt hierherr ... hierherr!“ Er wies energisch mit dem Finger auf die freie Fläche direkt vor seinen Füßen.
„Nein! Das mache ich nicht!“, schluchzte Gesine zu Tode erschrocken. „Denn ich bin nicht diese Frau!“
„Wirklich nicht!“, sagte schon wieder Paul, denn Erkan, George und Martin waren vor Schreck wie versteinert.
„Doch, doch!“, beharrte der Tjufat.
„Nein ... also, die sieht doch ... äh ... sah doch in diesem Bild viel älter aus als ich!“, stieß Gesine nun ziemlich atemlos hervor.
„Das stimmt!“, meldete sich auch wieder Paul. „Die war doch viel älter!“
„Pwi, das war eben einer gäns schlächte Aufnahme!“, erklärte der Tjufat eifrig. „Alzo Frauuu ... komm entelisch herr su mirr!“
„Nein, ich denke nicht daran!“ Gesine stampfte mit dem Fuß auf, war aber im Gesicht noch blasser geworden.
Georges Blicke flogen entsetzt von Gesine zum Tjufat und dann wieder zurück. Er war völlig fassungslos. Was konnte man jetzt nur machen? Er wusste nicht, ob da reden noch helfen konnte. Ehe er reagieren konnte, packte der Tjufat Gesines Zöpfe zu beiden Seiten, spielte ein bisschen damit herum und dann wickelte er die Flechten um Gesines Hals. Das Oberhaupt hob mit zwei Fingern das Gesicht des Mädchens an und zwang sie somit ihn anzublicken!
Gesine starrte entsetzt in diese feuerroten Augen hinter der Scheibe des Helms und ihre Lider füllten sich erneut mit Tränen. „Oh Gott ... oh Go-ott!“, ächzte sie.
„Nein, das bin isch leidar nischt!“, erwiderte der Tjufat ein bisschen geschmeichelt. Er tätschelte Gesines blasse Wange. „Aba isch habere disch auserwählt und dasis verdammtig guuut, chesso?“
Gesine schüttelte den Kopf und ihre Lippen bebten. „Nein, das ist nicht gut!“, wisperte sie. „Denn das ist alles ein Irrtum!“
Er lehnte den Kopf auf die andere Seite und betrachtete sie eingehend. „Zaii ... zaaai, auch Irrtüümer habinn ihrinn Wert! Zo sum Beispielte irrte zisch eurerer Kohlbumbus mit Indien. Es war Amerrika! Amerika is genauso schönes Land wie Indien!“, murmelte er auffällig leise, um den kalten Klang seiner Stimme zu verbergen. „Schaditt alzo nischst, wenn wir disch nemmen mit!“
„Aber mir ... mir schadet das!“, schniefte Gesine verzweifelt.
„Richtick! Abar daas macht mir nischtzz!“, erklärte der Tjufat zufrieden.
Da war es mit Georges Ruhe entgültig vorbei. Vielleicht gab es ja noch eine Chance, indem er den Tjufat einfach zu seiner Geisel machte! Er musste nur schnell genug handeln!
„Oh, mein Bein ... es schmerzt!“, ächzte er leise und verzweifelt. „Ich glaube, der Verband ist zu eng, werde ihn etwas lockern müssen!“ Erkan, Martin und Paul sahen einander verdutzt an. Was hatte George vor?
Georges lange Finger tasteten nach der Pistole in seinem Verband. Da fühlte er auch schon den Kolben, nur noch ein kurzer Ruck und dann ...! Noch ehe er die Waffe aus dem Verband hatte, fraß sich ein Feuerstrahl durch seine Hand und von dort noch ins Bein. Der Schmerz war so groß, dass er mit einem gellenden Schrei ohnmächtig zusammen brach.
„Jonkerton! Tes gua to gelguma!“, brüllte der Tjufat hasserfüllt, ergriff sich Georges Waffe, betrachtete die jedoch für einen kurzen Moment verdutzt – bei Ubeka, welch ein altes Stück! Schließlich winkte er Martin zu sich heran, der ihm zeigen musste, wie man damit feuern konnte. Für ein Weilchen ballerte der Tjufat ziemlich hirnrissig damit herum. Schließlich wendete er sich wieder dem leblosen George zu. Er visierte George mit dessen Waffe spielerisch von der einen Seite und dann von der anderen an.
Martin, Paul und Erkan bissen dabei die Zähne zusammen, jeden Augenblick erwartend, dass es gleich knallen und mit George für immer vorbei sein würde. Da hörten sie aus dem Lieferwagen eine kleine Trommel und ein leises Rattern bis zu ihnen herüber tönen. Der Offizier schaute verdutzt über die Schulter.
„Munjafkurin!“, brüllte er entrüstet.
„A .. akir?“, tönte es kleinlaut aus dem Jambuto, denn Margrit hatte ihm schon wieder etwas hingestellt.
„Kor wan dus? Xorr, kor pin to ti?”
„Noi jato pir unata nabarkion!“, erklärte Munjafkurin wieder.
„To pin mai fidiako!“ Der Tjufat seufzte laut und vernehmlich. „To ujo notom dendo barkiona!”
„Chajeto!“ Man hörte, dass Munjafkurin im Wagen schon wieder stramm stand und irgendetwas fiel zu Boden.
„Kos to foro bagsui tixim lehu?“, fragte der Offizier ziemlich ungehalten, während er wieder auf die geöffnete Tür des Lieferwagens zuschritt.
„Akir! Palta erkanotom! Omtka mira!“, log Munjafkurin einfach, um endlich mit dem lästigen Suchen fertig zu sein und versteckte noch schnell das Spielzeug in seiner weiten Jacke, dann sprang er aus dem Wagen und stand stramm.
Doch der Tjufat war misstrauisch, holte gewohnheitsmäßig das Suchgerät hervor, schüttelte sodann den Kopf und verstaute es gleich wieder. Dann tastete er Munjafkurin einfach ab und schon hatte er den kleinen, aufziehbaren Bären mitsamt Trommel gefunden. Der Tjufat wollte etwas Wütendes fauchen, betrachtete aber dann für einen Moment lang das putzige Spielzeug so verzückt, dass Munjafkurin es wagte und ziemlich arglos fragte: „Bani noi tes tukestan?“
„Ka ichto trunor to ... to millik!“, schnaufte der Tjufat zornig, und dann warf er den kleinen, aufziehbaren Teddybären zur Enttäuschung Munjafkurins und all seiner Leute, ohne sich umzugu¬cken, zurück in den Jambuto.
Das Spielzeug sauste jedoch nicht über das Körbchen hinweg, sondern diesmal mitten hinein. Es knackte dabei laut und gelb-weissliche Masse spritzte! Munks Kopf fuhr völlig mit Ei besudelt hoch! Was sollte denn das, wo er doch überhaupt keinen Hunger hatte! Er war jetzt richtig sauer! Nie machten Zweibeiner irgendetwas richtig! Und dann begann er, leise rülpsend, sich mit den Pfoten sein Gesicht sauber zu putzen.
Der Tjufat schraubte indes, wütend über Munjafkurins Ungehorsam, einen kleinen Stab von seinem Gürtel und feuerte damit mehrmals auf seinen Untergebenen. Es waren allerdings nur irgendwelche besonderen Stromstöße, denn man konnte dabei lediglich ein merkwürdiges Flirren oder Flackern in der Luft sehen, begleitet von zischelnden Geräuschen. Munjafkurin ging davon nicht zu Boden, doch die Ströme schienen ihm heftige Schmerzen zu bereiten. Stöhnend krümmte er sich bei jedem Schuss zusammen, begleitet von wilden Schimpftiraden des Tjufats.
Als sich das Oberhaupt endlich einigermaßen beruhigt hatte, schraubte es seine Waffe wieder an den Gürtel und lief wieder mit seinen Leuten zum Parkplatz, wo die vier Menschlein sie schon mit großen, entsetzten Augen erwarteten, wei¬terhin umzingelt von etwa zwanzig Soldaten, die mit ihnen dort gewartet hatten.
Der Tjufat zog nach einer kurzen Absprache mit seinen engsten Vertrauten die Pistole von George wieder aus seinem Gürtel, um endlich den immer noch am Boden liegenden Menschen als Exempel mit dessen eigener Waffe zu erschießen. Die zwölf Soldaten ringsum richteten plötzlich die Läufe ihrer sonderbaren Gewehre feuerbereit auf die zitternden Martin, Erkan und Paul. Die immer noch laut schluchzende Gesine hatten sie zuvor einfach auf ihre Seite genommen.
Paul, Erkan und Martin waren käseweiß im Gesicht. Sie tauschten immer wieder Blicke mit der völlig fassungslosen Gesine aus und schließlich kämpften auch sie mit den Tränen, denn es war klar, dass sie in wenigen Sekunden nicht mehr leben würden.
„Lebt wohl, meine Freunde!“, wisperte Gesine ihnen zum Abschied zu.
Doch gerade als der Tjufat loslegen wollte, schrillte sein Kotaktgerät, welches er wie alle Hajeps in den Ohrkapseln verborgen hatte. Der Ton war wohl so laut und unangenehm gewesen, dass hinter der Scheibe seines Helms zu sehen war, wie er das Gesicht verzog, während er zuhörte und zu begreifen versuchte, welch merkwürdi¬ger Befehl ihm plötzlich erteilt wurde.
Er war so erstaunt, dass er erst einmal die Nachricht gedanklich verarbeiten musste, denn er stand für einige Sekunden wie versteinert da, hielt dabei allerdings immer noch die Waffe auf George gerichtet und seine Männer wussten daher nicht so recht, was sie jetzt machen sollten. Sie mucksten sich nicht, warteten nur, die Gewehre feuerbereit haltend.
„Menschinn alle auf diesser Errde kunftick darfern läbbin!“, sagte der Tjufat und diese Worte schienen ihm irgendwie schwer zu fallen.
Martin, Paul und Erkan waren nun genauso überrascht von dieser Nachricht wie zuvor der Tjufat, glaubten sich verhört zu haben! Das konnte doch nach all diesen Jahren der brutalen Verfolgungen nicht möglich sein, oder? Was hatte plötzlich diesen Gesinnungswandel ausgelöst?
„... for unbestümmter Zaaaiiit!“, setzte der Tjufat nun hinzu.
Also gab es doch schon wieder eine Einschränkung!
„Könner nischt saginn for wie langer, verstandinn?“
Die drei Menschen nickten mit angehaltenem Atem.
„Aber das jitzt neuer Befell von Agol!“, fügte der Tjufat noch wie entschuldigend hinzu.
Trotzdem liefen den drei Menschlein vor Erleichterung die eben noch zurück gehaltenen Tränen über die Wangen, kaum dass sie das gehört hatten. Sie umarmten einander, waren dabei aber doch ein bisschen misstrau¬isch, zu Recht! Denn schon hörten sie aus dem Munde des Tjufats: „Und jitz nüüür noch wir bräuchin einer mannliches Exemplar der Spezies Lumanti. Zoll haute ebenfalles zu uns kommern nach Zarakuma! Naaaah, wär von eusch will?“
Natürlich drängelte sich keiner vor. Erkan, Paul und Martin wechselten wieder entsetzte Blicke miteinander. Wer von ihnen sollte jetzt als männliches Versuchstier in Zarakuma sterben? Verdammte Hajeps, hatten ihnen schon eine Freundin geraubt, aber das schien ihnen nicht zu genügen. Anscheinend wollten sie jetzt ein Pärchen, Mann und Frau mitnehmen. Aber wofür? Gleich mehrere Gänseschauer liefen ihnen dabei die Rücken hinunter. Allen dreien waren die Kehlen wie zugeschnürt.
„Will keiner?“, fragte der Tjufat und seine seltsame Stimme klang direkt ein bisschen enttäuscht, aber Georges Pistole verschwand wieder im Gürtel. Er bückte sich zu dem ohnmächtigen Menschen hinunter, hielt ihm etwas unter die Nase, woraufhin dieser hustend und prustend erwachte. „Stehe jitz auf!“, erklärte er kalt.
George versuchte zu gehorchen, aber es ging nicht. Die Beine rutschten ihm weg und er fiel rücklings auf den Boden. Sein Bein und seine Hand brannten wie Feuer. Der Tjufat nickte Paul zu, weil der eben Anstalten gemacht hatte, George aufzuhelfen. Pauls Knie zitterten, als er George unter die Achseln griff, um ihn vom Boden hoch zubekommen.
Der Tjufat beobachtete Paul dabei sehr genau. „Pisst staaak!“, stellte der anerkennend fest, denn um den langen und muskelbepackten George hoch zu bekommen, gehörte schon einige Kraft.
„Jedochen du zo fääät zom mitnämmin for Zarakuma!“, stellte der Tjufat nach eingehender Musterung weiter fest und Paul keuchte erleichtert.
Kaum stand George wieder, wenn auch von Paul gestützt, auf den Beinen, begutachtete der Tjufat auch diesen gründlich von oben bis unten. Er schien die Menschen plötzlich mit ganz anderen Augen zu sehen.
„Und der hier hinkte schon vor dem Schuss!“, erklärte Paul geistesgegenwärtig und war selbst erstaunt über seinen plötzlichen Mut.
Der Tjufat zögerte, aber dann nickte er seufzend und wendete sich den übrigen beiden Männern zu. Diese wollten wieder vor ihm zurück weichen, aber die Soldaten standen diesmal viel dichter hinter ihnen!
Während Martin geduldig den Kopf während der eingehenden Betrachtungen hängen ließ, ballten sich Erkans kräftige Hände zu Fäusten.
„Du“, sagte deshalb der Tjufat begeistert, „kommest mit!“
Erkan brach fast völlig in sich zusammen. „Warum ausgerechnet ich?“, krächzte er schließlich, völlig grau im Gesicht.
„Weil, du pisst kraftig gebaut und weil du pisst zo herrlisch wüüüllld!“ Er schnalzte anerkennend mit der Zunge. „Darüm du könnerst vill aushaltinn Versuche in Zarakuma!“
„Nein, nein, neiiiin!“, kreischte Erkan gellend auf, während ihn die Soldaten packten und ihm die Arme umzudrehen versuchten. In diesem hektischen Handgemenge zischelte es kurz und Erkan krümmte sich zusammen, denn der Tjufat hatte mit seiner seltsamen, stabförmigen Waffe nun auch auf ihn geschossen. Erkans Fäuste waren mit einem Mal wie gelähmt. Schon schlossen sich ein paar weiche, gummi¬artige Handschellen um seine Handgelenke.
Gesine und Erkan mussten in einen der Mannschaftstransporter einsteigen, welche die Hajeps gleich neben der Straße auf den Wiesen geparkt hatten. Schon waberte ein weicher, leicht transparenter Flossensaum um das wie ein riesiger Wels aussehende Ding.
Die beiden Menschen waren so fertig, hatten mit ihrem Leben abgeschlossen, dass sie kaum darauf achteten, auf welch merkwürdigen Sitzen sie Platz nahmen. Als sich dann auch noch kleine, flache Schlangen, von denen man ihnen leider nicht gesagt hatte, dass dies nur Haltegurte waren, in Wellen an ihnen hoch ringelten, kreischten sie doch.
Paul, Martin und George hörten aus dem seltsamen Gefährt die schrecklichen Schreie und sofort wurde den dreien schlecht. Am schlimmsten ging es Paul. Er würgte sich in einem fort, obwohl ihm Martin immer wieder tröstend auf die Schulter klopfte.
„Oh Mann!“, schnaufte Paul dabei. „Die arme Gesine, der arme Erkan! Schon jetzt machen sie Versuche mit denen.“
Der Tjufat gab nun noch ein paar kurze Kommandos an seine restlichen Leute, und dann bewegten sich die Soldaten auf die übrigen, mit silbernen und goldenen Schuppen verzierten Mannschaftswagen zu, mit denen es heimwärts gehen sollte. Sehr genau beobachtete das Oberhaupt dabei seine Soldaten und lümmelte sich währenddessen an der offenen Tür des Jambutos. Margrit konnte von ihrem Versteck aus gut sehen, wie dabei dessen verkrüppelte Hand - er hatte, um besser tasten zu können, sogar den Handschuh ausgezogen - suchend den Boden des Jambutos entlang trippelte. Die Fingerstumpen wanderten zielstrebig in jene Richtung, wo wohl nach seiner Meinung der kleine, aufziehbare Bär mit der Trommel hätte liegen müssen.
Der Offizier suchte also quasi blind, denn er schaute dabei nicht nach hinten über die Schulter zurück, weil er fürchtete, sich dadurch zu verraten. Gleichzeitig spielte er seinen Leuten vor, dass er von hier aus nur kontrollierte, dass sie in exakter Formation davonbrausten. Nur wenigen war es erlaubt bei ihm zu bleiben, und die störten den Tjufat mächtig, aber das konnte er denen ja nicht sagen.
Und so atmete er auf, als seine Finger endlich etwas Rundes, Glattes ertastet hatten. Es lag zwar in einem Körbchen, aber war wohl die Spieluhr! Diese fühlte sich zwar ein wenig warm an, doch wie bei allen Hajeps stand es mit seinem Tastsinn nicht besonders gut, denn sonst hätte er bemerkt, dass er gerade Munks kahlen Schädel abtastete. Der Tjufat versuchte nun, die kleine Kurbel zu finden.
Munk war sehr empört, dass seine edle Denkerstirn ziemlich unrhythmisch betrommelt wurde. Also, er war ja schon recht gutmütig, hatte inzwischen sogar das dritte Ei aufgeschleckt, aber das hier ging echt zu weit! Munks zwei, ihm noch verbliebene, aber immer noch recht spitze, Krallen fuhren deshalb ohne längeres Nachdenken ebenso unrhythmisch in die blassblaue Hajephaut.
Sofort zuckte der Tjufat vor der Tür des Jambutos zurück, einen Schrei dabei tapfer unterdrückend, denn bei Ubeka, was war das gewesen? Er konnte sich das einfach nicht erklären, aber durfte sich nicht mehr umschauen, denn seine Leute waren ungeduldig und kamen ihm gerade entgegen. Mit einem schnellen, verstohlenen Seitenblick auf den Handrücken stellte er fest, dass er dort aus zwei recht merkwürdigen kleinen Wunden blutete!
Ehe seine Leute nahe genug heran waren, hatte er sich schon den Handschuh darüber übergezogen und ging ihnen entgegen. Dann stiegen sie alle zusammen in den letzten der kleinen Mannschafts¬transporter und waren alsbald verschwunden.
Im Inneren des anderen Transporters saßen die weinende Gesine und der vor Schreck erstarrte Erkan nun zwischen Munjafkurin, Emdekunka, Rubnirwor, Plinaskone, Rindabaska und weiteren fünf hajeptischen Soldaten, die sich noch nicht mit Namen vorgestellt hatten, auf weichen, mit Pelz gepolsterten Sitzen.
Und nach einem Weilchen hatten es sich die Hajeps soweit gemütlich gemacht, dass sie sich nicht nur die obersten Knöpfe ihrer strengen Uniformen öffneten, sondern auch die lästigen Helme abnahmen. Dichtes, blauschwarzes Haar fiel dabei zuweilen über anmutige Schultern. Obwohl Erkan noch immer wie zur Salzsäule erstarrt war, überraschte es ihn doch, Frauen unter diesen brutalen Soldaten zu entdecken.
Er mus¬terte sie nun verlegen und von der Seite her, denn sie waren nicht nur blutjung, sondern auch wunderschön! Auch Gesines Augen wurden etwas größer, als sie sah, dass auch der muskulöse Munjafkurin sein Hemd bis zum Bauch offen hatte, denn er schwitzte nicht so gerne und ihm war plötzlich heiß!
Zögernd wanderte Gesines Blick seinen Hals hinauf bis zu seinem Gesicht. Sie hielt den Atem an, denn auch Munjafkurin war ungewöhnlich schön! Er war sogar der Schönste von allen Hajeps, die sich hier in diesem komi¬schen Flugzeug befanden. Scheu fiel ihr Blick von ihm ab und sie schaute auf ihre Hände, die sie vor sich auf ihre Knie gelegt hatte.
Doch Munjafkurin fasste Zutrauen und setzte sich neben Gesine, und dann löste er einen uralten kleinen MP3-Player mitsamt Kopfhörern aus dem hinteren Teil seines Helms, welchen er vorhin im Jambuto gefunden und dort mit Hilfe eines Klebefilms im Helm festgeklebt hatte. Dieses komische Ding interessierte ihn nämlich sehr. Er ahnte zwar, dass man es irgendwie einschalten konnte, wollte aber nichts verkehrt machen.
„Wie mann maaacht solschiss?“, fragte er sie.
Gesine schaute in diese eigenartigen Augen. Sie wirkten so gar nicht kalt, sondern der Blick war eher wie der eines fragenden Kindes. Sie hielt ihm die geöffnete Hand entgegen, auch wenn sie dabei heftig zitterte und er legte nach kurzem Zögern den Player in Gesines Handfläche.
„Siehst du“, sagte sie schließlich und schaltete dabei das Gerät an. „So einfach geht das!“ Ein Rock`n roll längst vergangener Zeiten tönte leise aus den Kopfhörern und sofort wippte die Stiefelspitze von Munjafkurin begeistert mit, leider überhaupt nicht im Takt. Aber das schien ihn nicht sonderlich zu stören.
„Nurrfi, nurrfi!“, ächzte er.
Die übrigen außerirdischen Männer und Frauen drängten sich plötzlich um Gesine und Erkan. Jeder wollte an den winzigen Kopfhörern wenigstens einmal kurz horchen und so wanderte der MP3-Player alsbald von Hand zu Hand. Die jungen Frauen quietschten verzückt, kaum dass sie die ungewöhnlichen Töne vernahmen und die ebenfalls sehr jungen Männer schnauften aufgeregt und zwar gleich durch sämtliche drei Nasenlöcher.
Schließlich herrschte solch eine heitere Stimmung in dem kleinen Transporter, dass Gesine einmal laut auflachen musste. Da erstarb der Jubel so abrupt, als wäre gerade eine Bombe explodiert! Alles, was außerirdisch war, starrte entgeistert auf Gesines Mund, denn niemand von ihnen hatte je solch ein seltsames Geräusch vernommen. Man wechselte aufgeregte Blicke miteinander. Konnte das gefährlich werden, was dieser Mensch soeben mit seinen Lippen fabriziert hatte?
Nur Munjafkurin war fähig, wenn auch nach einigen sehr heftigen Atemzügen, wieder klar denken zu können.
„Nöch einmal!“, verlangte er von Gesine.
Diese blickte ihn verwundert an.

Kapitel 6

„Und du hast wirklich unsere Mami gefunden, stümms?“, hakte Julchen, inzwischen doch ein bisschen skeptisch, nach, während sie der großen, schlanken Gestalt hinterher lief.
„Klar hab ich das!“, erwiderte die etwa vierzigjährige Frau, welche ihr buntes Kopftuch tief ins Gesicht gezogen trug. Struppige, dunkelblonde Haare lugten darunter hervor. „Wir sind ja gleich da! Seht, nur noch in diese große Straße rein und dann hat sich alles erledigt!“
„Was hat sich dann erledigt?“, fragte Tobias, jetzt ebenso misstrauisch geworden und zog dabei den Schnodder in seiner kleinen Nase hoch, denn der letzte Satz hatte recht eigenartig geklungen. Irgendwie begann er sich zu fragen, ob es nicht besser gewesen wäre, alleine weiter durch Würzburg zu laufen. Aber Julchen hatte andauernd Angst gehabt, dass sie nicht mehr aus dieser Stadt hinausfinden würden.
Na ja, die Straßen hier sahen aber auch ziemlich gleich aus und hier waren sie noch nie gewesen. Tobias blickte sich nach allen Seiten um. Überall Häuser, die ihm die Sicht versperrten.
„Öööh, na einiges!“, krächzte die Frau verlegen und lachte dann meckernd wie eine Ziege.
Komisch, irgendwie kam Tobias diese seltsame Lache bekannt vor!
„Auweia!“, wisperte Julchen wohl auch aus diesem Grund und begann an ihrem Ärmel zu nagen, während sie weiterliefen. Die Frau machte recht große Schritte, so dass die Kinder kaum nachkamen und schaute sich nur selten ganz kurz nach ihnen um.
„Pah, die kann uns nichts tun!“, erklärte Tobias ebenso leise wie Julchen. Aber er hatte doch etwas Angst, denn die Frau in ihrem weiten, bauschigen Rock, den sie über einer engen Jeanshose trug, deren Hosenbeine immer wieder zu sehen waren, wirkte ziemlich drahtig. Womöglich, er schluckte bei diesem Gedanken, war sie sogar bewaffnet! Trug sie die Waffe etwa unter diesem Rock? Warum war sie so schrecklich freund¬lich zu ihnen gewesen?
Vorhin hatte sie Tobias und Julchen durch ihr Fernrohr entdeckt, als die gerade aus einem der alten Fachwerkhäuser auf die Straße gestürmt kamen, in welchem sie die Nacht verbracht hatten. Sie hatte sich erst überrascht gezeigt und dann, als die Kinder Reißaus vor ihr nehmen wollten, ihnen hinterher gerufen, dass sie keine Angst zu haben bräuchten, sie würde ihnen helfen, wieder nach Hause zu kommen.
Das war natürlich Musik in den Ohren der beiden Kleinen, denn viel zu lange schon waren sie durch die Stadt gegeistert und daher total erschöpft und mutlos. Schon nach kurzer Zeit hatten sie dann Vertrauen zu dieser netten Dame gefasst und ihr erzählt, wen sie suchen würden.
„Ja“, hatte die erklärt, „folgt mir nur. Wir befinden uns schon am Rande der Stadt, müssen nur noch ganz hinaus, dann wird euch bald wieder eure Mami in die Arme schließen.“
Nun liefen sie schon ein ganzes Weilchen dieser inzwischen recht mürrisch gewordenen Frau hinterher. Seltsamerweise kam ihnen die Straße, in welche sie nun einbogen, bekannt vor und tatsächlich, diese mündete in die alte Landstraße mit den Wiesen und Äckern dahinter. Man konnte die sanften Hügel von hier aus bereits sehen. Recht enttäuschend, denn dann waren sie seit gestern gar nicht weit in die Stadt hinein gelaufen, hatten sich die ganze Zeit nur im Kreis bewegt.
‚Schei ...!’, wollte Tobias denken, als sie die letzten Häuser der Stadt hinter sich gelassen hatten, denn plötzlich sah er den Jambo, welchen Mike hier geparkt hatte, um mit seinen Leuten diesen Teil der Stadt nach Julchen und Tobias zu durchkämmen.
„Komm Jule, wir hauen ab!“ Tobias zwinkerte Julchen zu und schon flitzten sie los.
Die Frau riss fast gleichzeitig mit einem lauten Wutschrei ihr Kopftuch vom struppigen Haar und als Tobias über die Schulter zurück blickte, erkannte er sie auch schon.
„Trude!“, kreischte er erschrocken, denn diese gehörte ebenfalls zu den Spinnen und war immer besonders garstig gerade zu Kindern gewesen.
Trude hatte derweil, um schneller laufen zu können, den lästigen, weiten Rock, mit dem sie sich verkleidet hatte, von ihren Jeans gefetzt und jagte nun Julchen und Tobias hinterher.
„Auweiauwei!“, ächzte Julchen verzweifelt. „Die schreckliche Trude, die ... die hat die ganze Zeit ganz doll anders geredet, ganz mit Absicht und was machen wir nun?“
Obwohl die beiden ziemlich kurze ein Beinchen hatten, waren sie doch im Laufen trainiert. Immer wieder konnten sie Haken schlagen und somit Trudes gierigen Fingern entwischen. Sie jagten über die Wiesen und Äcker, denn wieder in die Stadt hinein trauten sie sich nicht, weil sie dort Mike und die anderen Männer vermuteten.
Irgendwie musste sich Trude mit ihren Kameraden in Verbindung gesetzt haben, denn zwischen den letzten Häusern der Stadt tauchten alsbald Mike und Jonas auf. Man konnte sehen, wie sie auf die alte Landstraße zuliefen.
„Mike, Jonas ... so helft mir doch endlich!“, kreischte Trude inzwischen völlig entnervt, denn ihr schien langsam die Puste auszugehen.
Julchen und Tobias hatten sich gestern zwar recht spät zur Ruhe begeben, jedoch bis Mittag gut geschlafen und daher eine ganz schöne Ausdauer. Wohin letztendlich ihre sportlichen Bemühungen führen sollten, wussten sie jedoch nicht. Denn vor aller Augen verstecken war wohl völlig sinnlos, oder? Gerade, als sie doch noch eine Möglichkeit sahen, hinter einer alten Mauer zu verschwinden, welche früher einen kleinen Hühnerhof eingefasst hatte, da sauste auch schon Frank von dort hervor – verdammt, mit diesem hatte Tobias nicht mehr gerechnet - und ergriff den Jungen, der näher als Julchen war, von hinten bei den Schultern. Beide hatten solch einen Schwung, dass sie zusammen in den schlammigen Matsch des Ackers plumpsten.
„Upps!“, ächzte Frank verdutzt. Tobias sagte dazu gar nichts. Ach, er hätte weinen können. Jetzt verzog er das Gesicht, denn sein Mund war voller Erde.
Nun kam auch Trude angeschnauft. Es nutzte nichts, dass Julchen gellend wie ein Schweinchen quietschte. Das Weib tat es Frank einfach nach und warf sich mit dem ganzen Gewicht auf die zierliche Juliane.
„Endlich hab ich dich, du kleine Hexe!“, kreischte Trude triumphierend, während das Kind unter ihr niederstürzte. Sie begrub das Mädchen fast mit ihrem Körper. Auch Julchen lag mit dem Gesicht in schwarzer Erde.
Jetzt kamen noch Mike und Jonas hinzu. Mike war mit sich sehr zufrieden. Wie gut, dass er und seine Leute, nachdem sie bis Mittag im naheliegenden Dorf genächtigt hatten, doch nicht gleich nach Hause gefahren waren und stattdessen noch die Randbezirke Würzburgs nach den Kindern durchstöbert hatten. Seine Vermutung, dass derart kleine Kinder nicht allzu weit kommen würden, hatte sich also bestätigt.
„Das habt ihr fein gemacht!“, lobte Mike seine Freunde und grinste ein bisschen schadenfroh darüber. „Liegt ihr auch schön weich?“
„Ja, Chef!“ Die beiden grinsten zufrieden zurück. Das würde bestimmt eine dicke Belohnung geben.
Man zerrte Julchen und Tobias schließlich wieder auf die Beine. Die Kinder hatten ja solche Angst, wussten sie doch, gleich würden sie fürchterlich verdroschen werden, weil sie unartig gewesen und den Spinnen davon gelaufen waren. Man stieß die verschmutzten Rangen mit spöttischen Worten vor sich her und bald standen sie vor dem Jambo.
„Das hat uns mächtig viel Zeit gekostet und unnötig Arbeit gemacht, ihr zwei kleinen Schweinbacken.“ Mikes eisgraue Augen blitzten dabei die Kinder zornig an. „Ab morgen habt ihr das alles für uns abzuarbeiten.“
„Sehr richtig!“, meldete sich auch Frank, der verärgert seine schmutzigen Hosenbeine betrachtete. „Und zwar ohne die vielen Pausen, die ihr sonst immer gemacht habt, ihr kleinen Pennratten!“
„Tja, aus ist es mit der vielen Verwöhnerei! Das habt ihr euch selbst zuzuschreiben!“, setzte Trude noch hinzu und versuchte sich dabei ebenfalls den Schlamm herunter zu rubbeln. „Ist euch ohnehin bei uns immer viel zu gut gegangen!“
Als Tobias völlig ermattet zu Jonas und Frank in den Jambo klettern wollte, hielt ihn Mike plötzlich von hinten am Arm fest. „Nix da!“, fauchte der. „Mein lieber Tobias, was für eine Strafe steht doch gleich auf türmen?“ Er schaute Tobias dabei wie ein gestrenger Lehrer stirnrunzelnd an. „Los, sag es!“
Der Kleine schluckte und versuchte die Tränen, die ihm kommen wollten, hinunter zu schlucken. „Ganz viel Haue, stümms?“ Er wischte sich mit dem dreckigen Ärmel über die Nase.
„Richtig!“, sagte Mike genießerisch, weil er auch Julchens blasses Gesicht sehen konnte. „Seht mal, Frank holt schon mal die Peitsche aus dem Jambo, die wir extra für euch mitgenommen haben!“ Den letzten Satz hatte er beinahe gönnerhaft hinzu gefügt.
„Ihr habt Glück, dass wir euch nicht für dieses schlimme Vergehen töten!“, setzte Trude ebenfalls eifrig hinzu. Frank war indes wieder von dem Jambo herunter.
„Los zieht eure Hemden aus!“, verlangte Mike und entrollte dabei schon mal die lange Peitsche.
Die Kleinen taten, zitternd am ganzen Körper, wie geheißen.
„Ach, wollen wir nicht lieber damit warten, bis wir zu Hause sind“, meldete sich Jonas, der die ganze Zeit nichts dazu gesagt hatte, und seine alten, faltigen Augen funkelten mitleidig zu den Kindern hinunter. „Die Rangen sind doch ganz erschöpft von den langen Strapazen. Nachher sterben sie uns weg an den vielen Verletzungen, die solch eine große Peitsche verursachen kann und wir haben keine so gut eingearbeiteten kleinen Grubenarbeiter mehr!“
Aber Mike und Frank winkten nur wütend ab.
„Wer soll zuerst?“, fragte Frank und grinste schon wieder.
„Na, der Bengel, denn der ist älter, hat den meisten Verstand und das Mädel zu diesem Ungehorsam verführt!“, knurrte Mike vorwurfsvoll.
Frank packte den Kleinen, der inzwischen so apathisch war, dass er es vollkommen aufgeben hatte, dagegen zu protestieren. Tobias musste Mike den nackten, vernarbten Rücken zuwenden und der holte mit seiner Peitsche weit aus zum Schlag. In dem Moment rief Jonas oben vom Jambo: „Schaut mal, da vorne kämpft sich ein Jambuto unsere Landstraße hoch.“
Alle blickten nun die Straße entlang. Und tatsächlich, schon nach kurzer Zeit stand der Jambuto rumpelnd und schnaufend vor ihnen. Die Tür des Lastwagens sprang auf und Pauls Gesicht kam zum Vorschein.
„He, was macht ihr denn da?“, fragte er empört. „Ihr wollt doch wohl nicht im Ernst solch ein kleines Kind mit dieser langen Peitsche verdreschen?“
„Doch wollen wir! Tobias und Juliane haben das verdient!“ Trotzdem war das Ganze Mike ein bisschen peinlich und daher rollte er den Lederriemen der Peitsche erst einmal ein.
„Juliane und Tobias? Das sind ja meine Kinder!“, hörte man eine Frauenstimme aufgeregt und empört aus dem hinteren Teil des Jambutos und auch dort war die Tür aufgesprungen. „George, dieser Hund will hier meine tapferen Kleinen fertig machen! Oh, ich hasse ihn!“
Nun kamen Tobias doch die Tränen. „Die Mama!“, krächzte er heiser, kaum dass er Margrits Stimme wiedererkannt hatte. Julchen nickte und dann schluchzte sie einfach lauthals los.
„Meine Kleinen!“, kam es wild und sehnsuchtsvoll weiter aus dem Wagen. „Nein George, halt mich jetzt nicht fest! Ich muss aussteigen, muss zu ihm, zu diesem Untier von Mensch. Ich ... he, willst du mich wohl loslassen?“
„Nein, wenn, dann gehe ich!“, hörte man nun auch eine dunkle Männerstimme.
„Aber?“, krächzte Margrit
„Ruhe“, fauchte die entschlossene Stimme, „denn vielleicht möchte Mike gerne mal wissen, wie das ist verdroschen zu werden?“
„He, was habt ihr denn plötzlich alle?“, knurrte Mike verdutzt und selbst Frank, der immer noch neben ihm stand, bekam plötzlich ´Muffensausen`. Es war nämlich bekannt, dass George zwar selten wütend wurde, dann aber ganz gewaltig. Es war nicht gut, sich in solchen Momenten mit ihm anzulegen, da er ein ausgezeichneter Kämpfer war. Georges Stimme hatten alle eindeutig erkannt, jedoch wussten sie nicht, dass er inzwischen hinkte und zusätzlich durch die Attacken der Hajeps schlimme Brandwunden davon getra¬gen hatte. George war kaum in der Lage aufzustehen und bis zur Tür des Laderaums zu laufen und erst recht nicht fähig, ohne Unterstützung aus dem Jambuto zu klettern. Margrit hatte dessen stumme Zeichen verstanden. Auch sie konnte wohl nicht mehr ins Freie, da sie so schrecklich entstellt aussah. Margrit ahnte, dass sich nicht nur die Kinder fürchterlich vor ihr erschrecken würden. Vielleicht würden die Spinnen sogar mitsamt Tobias und Julchen im Jambo davon sausen, sobald sie Margrit sahen! George, Margrit und Paul mussten diese brutalen Kerle also irgendwie geschickt bluffen. Die Frage war nur, wie?
Auch Paul hatte inzwischen begriffen, was George mit seiner Androhung bezwecken wollte. Es war nur Schade, dass Martin vorhin so schnell nach Hause gewollt und nicht darauf gewartet hatte, bis Paul und Margrit damit fertig waren, George richtig zu verarzten.
Für einen Moment waren beide Parteien still, aber dann hatte sich Mike als erster wieder gefangen. „Diese Kinder werden von uns nur zu vernünftigen Erwachsenen erzogen“, säuselte er wesentlich freundlicher, warf dabei aber Paul einen giftigen Blick zu, da der einfach ausgestiegen war und nun auf ihn zu marschierte. „Seid doch froh, dass diese Gören nicht irgendwo verwahrlosen oder gar verhungern! Der Bund der Spinnen hat sich ihrer erbarmt, hat diese kleinen, unnützen Fresser liebevoll aufgenommen und ...“, Mike schluckte, denn irgendwie hatte er keine Lust auf eine Schlägerei, denn Paul sah nicht gerade schmächtig aus, „... und das wisst ihr ganz genau!“ Er reichte die Peitsche erst einmal an Frank weiter. Dieser hielt sie etwas unsicher. Plötzlich schob Mike sein Kinn energisch vor, auch wenn es ein wenig zitterte, seine Hand tastete dabei zur Pistole, die er in seinem Hosenbund trug. „Ihr könntet diese Rotznasen ja haben, aber ihr wisst doch, was wir dafür verlangen!“
Paul nickte ziemlich lässig, während er näher kam.
„Habt ihr bestimmt nicht.“ Mike kicherte ungläubig. „Weiß ich ja, wer sollte schon in diesen Zeiten zu so viel Mehl und Brot und dann auch noch Medikamenten kommen!“
Auch Paul hatte die Hand, wenn auch unauffällig, am Revolver. Das sah Mike erst jetzt, als dieser dicht vor ihm stoppte.
„Wir haben alles dabei, Peitschenheini!“, knurrte Paul mit blitzenden Augen.
„Wie? Äh? Doch nicht wirklich ... oder?“ Mike machte nicht gerade das klügste Gesicht und dann lachte er plötzlich schrill und ungläubig los. Frank fand Pauls Bemerkung offensichtlich auch so saukomisch, dass er in dieses grässliche Lachen mit einfiel. Trude dagegen hatte wieder mal gar nichts kapiert und schaute nur verdutzt von einem zum anderen. Lediglich Jonas blieb ziemlich ruhig, blickte nur abwartend von seinem Jambo auf Paul hinunter.
Da hörten sie erneut von hinten aus dem Jambuto: „Hier ist alles!“ Margrit hatte indes einen Sack nach dem anderen an die Tür des Lieferraums gestellt. Munk hatte zwar deswegen mehrmals gefaucht, aber es hörte ja keiner auf ihn.
Jetzt war Mike so neugierig, dass er mit schnellen Schritten, dabei dicht von Paul gefolgt, zum Jambuto hinüber lief. Frank und Trude hatten sich die Kinder gepackt und blieben wartend mit Jonas zurück.
Kaum, dass Margrit Mike gehört hatte, flitzte sie im Inneren des Wagens zu George zurück. „George“, wisperte sie, „nur gut, dass es hier so dunkel ist.“ Sie zupfte nervös an ihrem Kopftuch herum. „Du musst dich aufrichten, damit sie nicht merken, wie es dir geht!“
Er setzte sich mit ihrer Hilfe wieder auf die Kiste und ächzte dabei entsetzlich, denn er schien Fieber zu haben. Doch kaum, dass er die Stimmen näher kommen hörte, war er still.
„Lass mich vor!“, knurrte Paul indes Mike an.
„Okay, okay“, Mike zucke mit den Schultern, „wenn du unbedingt möchtest!“ Er hatte den riesigen Schatten von George im Halbdunkel des Wagens gesehen.
Und dann reichte Paul Mike von oben einen Beutel nach dem anderen hinunter. Dieser durchstöberte jeden sorgfältig, in der Annahme, dass man bestimmt irgendetwas vergessen haben musste und schüttelte dabei immer wieder fassungslos den Kopf. Sogar den Zettel, auf dem alles aufgeschrieben war, hatte er gefunden und so konnte er gut vergleichen.
„Seid wann ist Pommi so großzügig geworden oder was für Reichtümer mögt ihr dafür gegeben haben, dass ihr das alles bekommenen konntet!“, krächzte er beinahe ehrfurchtsvoll, als er endlich mit seiner Suche beim letzten Beutel angekommen war. Doch dann entdeckte er das angebrochene Brot. „Ha“, brüllte er freudevoll, „ihr habt es also doch nicht geschafft! Ein Brot, ein ganzes Brot fehlt! Und dieses zerflederte nehme ich nicht!“ Er warf es einfach auf die Straße.
„Aber?“, stutzte Paul und sah sich ein wenig hilflos nach Margrit und George um. „Äh ... was nun?“
„Das kommt nach!“, erklärte George, jedoch hatte seine Stimme dabei ziemlich matt geklungen. Auch war Mike nicht entgangen, dass George, während er die Beutel durchsucht hatte, mehrmals beinahe von der Kiste herunter gerutscht und nach hinten kippt wäre, hätte ihn nicht Margrit, die auch ziemlich bleich aussah, dabei gestützt.
„Okay!“, erklärte Mike deshalb hämisch grinsend, pfiff Jonas wie einen Hund herbei und griff wieder in den Beutel, in der Hoffnung, noch etwas zu entdecken, was fehlen könnte. „Iiiih ... was ist denn das Ekeliges?“ Seine Hand fuhr aus dem Beutel, an den Fingern klebte ein zum Teil in Papier gewickelter Lutscher. „Bäääh!“, schnaufte Mike und zupfte daran herum. „Das ist vielleicht klebrig! Orbs ... wer hat denn daran herumgenuckelt?“
„Ach, das war nur Owor ... äh ... ich!“, gestand Margrit ein und konnte sich dabei ein kleines Grinsen nicht verkneifen.
„Mächtig viel Spucke!“ Mike verzog das Gesicht, während er mit spitzen Fingern weiter daran herumzupfte und dann warf er den Lutscher ebenfalls auf die Straße. „Nein, dafür bekommt ihr die Kinder nicht wieder!“
„Aber sicher doch!“, brüllte George mit letzter Kraft.
„Dann komm doch her! Komm, schlag dich mit mir!“ Mike trippelte nun ziemlich albern umher und boxte dabei in die Luft. „Los, los, schlag dich!“
„Aber fair ist das nicht Chef!“, wandte Jonas ein, während er sich einige der Beutel ergriff. „Du hast doch fast alles erhalten, manches sogar doppelt und dreifach!“
„Okay, bringt mir das Brot nach“, erklärte Mike begütigend und griff sich die übrigen Beutel, „doch auch erst dann sollt ihr die Kinder bekommen!“
„Ich will aber gesunde Kinder!“, rief ihm Margrit hinterher. „Keine Schläge mit der Peitsche!“
Mike wandte sich nach ihr um, lief aber trotzdem dabei rückwärts weiter. „Okay, aber dann bekomme ich dafür noch einmal die gleiche Menge an Gütern ... iiiihh ... was klebt denn plötzlich an meiner Sohle? Scheiße, scheiße, scheiße, ich bin auf den verdammten Lutscher getreten! Jonas, zupf ihn mir ab!“
„Jawohl, Chef!“
„Das mit der neuen Fuhre an Gütern kann Mike doch nicht im Ernst gemeint haben, oder?“, wandte sich Paul in leiser Tonlage an Margrit und George.
„Doch, das ist sein vollster Ernst, ich kenne Mike wesentlich länger als du“, keuchte George und blickte dabei wieder auf seine Hand. Die Wundsekrete suppten bereits durch den Verband.
„Dieses Schwein!“, knurrte Paul. „Soll ich ihn erschießen? Ich könnte ihn von hier aus noch treffen!“
„Willst du einen Bandenkrieg?“ George versuchte, die Hand in eine andere Lage zu bringen, in der Hoffnung, dass sich die Schmerzen dadurch besser ertragen ließen. „Außerdem sind die Kinder doch bei Frank und Trude!“
Schon hörten sie Tobias und Julchen tief enttäuscht weinen, da sie in Mikes Jambo bugsiert wurden, und danach den Motor aufbrausen und dann waren alle auf und davon.
Leise schnaufend legte sich George in einer Ecke des Jambutos zum Schlafen nieder, während auch Paul los fuhr.
„Ach, es ist ja alles so traurig!“, stöhnte George und eine Träne lief ihm die Wange hinab. „Zum Beispiel Gesine, ich habe sehr an ihr gehangen, und auch Erkan war ein guter Freund von mir, beide sind nun für immer verloren und“, er schluckte, „nicht einmal deine Kinder konnten wir retten. Mann, was wir armen Menschlein auch tun, es scheint alles vergeblich zu sein!“
„Nein“, Margrit versuchte, den Klos in ihrem Hals hinunter zu schlucken, „das darfst du so nicht sehen, George! Wir haben gestern und auch heute versucht etwas zu tun und gewiss dabei auch irgend etwas verändert, selbst wenn wir noch nicht sehen können, was es gewesen ist!“

Kapitel 7

Ach, war das schön, in einem richtigen Bett statt nur auf einem Strohsack auf dem Boden zu schlafen. Elfriede Schramm kuschelte sich auf die andere Seite. Ein völlig anderes Gefühl auch mit diesem wunderbaren Kissen im Nacken und einer Zudecke mit richtigen Gänsefedern. Und wie herrlich doch Sprungfedern quietschen konnten, so etwas hatten ihre alten Ohren schon lange nicht mehr gehört. Und es roch hier überall so sauber und frisch! Elfriede bohrte bei diesem Gedanken ihre spitze Nase ins Kopfkissen, um den Duft noch besser inhalieren zu können. Schon allein für dieses völlig neue Lebensgefühl hatte sich die bereits zwei Tage währende Flucht gelohnt. Elfriede warf sich wieder auf den Rücken und starrte zur Decke. Sie schmunzelte. Es war gut, dass sie die ganze Zeit die Sterbenskranke markiert hatte, so waren die Spinnen schließlich immer leichtsinniger geworden und hatten die Tür der kleinen Kammer, in welcher Elfriede immer mit Julchen und Tobias hocken musste, vergessen abzuschließen. Als fast alle Mitglieder der Spinnen wegen der großen Kohlernte die unterirdischen Gänge verlassen hatten, war sie in einem günstigen Augenblick über einen kleinen Gang durch die Küche und dann ins Freie entschlüpft. Einen Tag vorher hatte sie einen Plan von Würzburg und Umgebung nebst Pistole heimlich dem immer etwas verschlafenen Walter entwendet und ihre wenigen Habse-ligkeiten in den Rucksack gepackt. Wären Julchen und Tobias nicht weggelaufen, hätte sie sich das ja noch überlegt, aber so ging das einfach nicht anders. Wäre ja noch gelachter, wenn die olle Muttsch ihre Enkel mutterseelenallein durch die Welt herumturnen lassen würde! Es war klar, dass die beiden Kleinen auf der Suche nach Margrit waren und die wiederum sollte bei diesem Händler sein.
Muttsch runzelte die Stirn und schaute weiterhin zur Decke. Hoffentlich holte sie noch die Kinder ein! Wo konnten sie nur hin sein? Sie hatte die beiden trotz stundenlangem Suchen nicht gefunden. Ob wohl Mike mit seinen Freunden ebenfalls auf der Suche nach den Kindern gewesen war? Kinderarbeit konnte heutzutage sehr wichtig sein. Da die außerirdischen Eroberer auch die Möglichkeiten der Energieversorgung drastisch reduziert hatten, war Kohle inzwischen zu einem der wichtigsten Handelsgüter für die Menschen geworden und Kinder konnten selbst durch kleinste Schächte kriechen, die schnell angelegt waren. Ein paar Tränen krochen nun Muttchens faltige Wangen hinab. Die armen Kleinen, wenn nun Mike sie bereits gefangen und längst wieder nach Hause geschleppt hatte! Ach, sie wollte jetzt nicht daran denken. Mit dem recht gut gezeichneten Plan bewaffnet, würde sie sich für den Fall, dass sich sowohl die Kinder als auch Margrit nicht mehr auffinden lassen würden, dann eben bei Pommi Auskünfte holen.
Zwar war es in diesem netten, kleinen Zimmer noch ziemlich finster, aber das Tageslicht schimmerte schon ein wenig durch die Gardinen. Leise ächzend streckte Elfriede ihre dürren Beine unter der kuscheligen Bettdecke aus. So komisch es sich auch anhörte, einen Vorteil hatte Elfriede der Aufenthalt bei den Spinnen doch gebracht. Da sie wegen der Näharbeiten nicht mehr so viel hatte laufen müssen, war die Entzündung in ihrem Kniegelenk endlich abgeheilt. Ansonsten war es tagaus, tagein immer schrecklich bei den Spinnen gewesen. Alles Leute ohne Herz! Wahrscheinlich war auch Munk deswegen weggelaufen und hatte sich nie mehr angefunden! Was der wohl gerade machte? Muttchen schniefte schon wieder bei diesem Gedanken. Das arme, alte Katerchen! Dem war das Jagen von Mäusen zuletzt immer schwerer gefallen. Bestimmt schlich der kleine Kerl gerade halb verhungert durch diese kalte Welt. Mutt¬chen lehnte sich bei all diesen schrecklichen Gedanken aus dem Bett, um in ihrem Rucksack nach einem Taschentuch zu suchen.
Du lieber Himmel, war doch alles anstrengend gewesen, erst per Fuß Richtung Würzburg zu laufen. Gott sei Dank hatte sie dann mitten in der Stadt an einem der Schuppen ein noch ziemlich gut erhaltenes Rad lehnen sehen. Damit war sie ganz leicht durch die Stadt gesaust bis zu den letzten Häusern der Randbezirke hin, doch dann hatte der Vorderreifen plötzlich einen Platten gehabt. Die Fahrrad¬pumpe fehlte und sie war zu müde gewesen, um noch weiter zu Fuß zu Pommi zu laufen.
Erst hatte sie in verschiedenen Schuppen und Garagen dieser leer stehenden Häuser nach einer Luftpumpe gesucht, leider vergeblich! Es war außerdem zunehmend dunkler geworden und das letzte, sehr hübsche Haus einfach zu einladend für ein kleines Schläfchen.
Nanu? Elfriede horchte auf. Draußen im Garten waren plötzlich Schritte zu hören! Wer oder was konnte das sein? Etwa die Kinder? Ihr Herz pochte. Etwas mühselig kam Elfriede aus dem Bett, warf sich ihre Jacke über die Schultern, denn hier war es kalt und nun schlich sie zum Fenster. So eine Frechheit! Sie hätte eben das Rad doch besser verstecken sollen, denn dort unten im Schatten eines Baumes machte sich gerade ein riesiger Kerl an ihrem Rad zu schaffen. Er hatte das seinige, was wohl einen schlimmeren Defekt hatte, einfach hingeschmissen und versuchte nun, mit einer Luftpumpe, die er von seinem Rad genommen hatte, den Reifen von Elfriedes Rad aufzupumpen.
Gut, dass Elfriede angekleidet geschlafen hatte, so brauchte sie sich nicht erst lange anzuziehen, konnte schnell die Stufen nach unten hinab eilen. Sie war so wütend, dass sie erstaunlich schnell durch den Garten und dann um die Ecke des Hauses flitzte.
„Erwischt!“, brüllte sie auch schon und weder die Hand, welche die Taschenlampe aufblitzen ließ, noch ihre andere, welche die Pistole hielt, zitterte. Das änderte sich dafür umso mehr, als sich der riesige Kerl zu ihr herum drehte. Langsam, sehr langsam hob er nun die mächtigen Arme. Muttsch gewahrte erst jetzt den spitz nach oben zulaufenden Helm. Dessen glasähnliches Material im vorderen Teil spiegelte zwar mächtig, aber man konnte sehr gut das typische Zeichen oberhalb der Stirn erkennen, ein Auge in einem pyramidenähnlichen Gebilde.
„Du ... du bist, äh ... also ein ... hm ... Jisk?“, ächzte Muttchen zu Tode erschrocken.
Der Riese nickte genauso langsam, wie er zuvor die Arme erhoben hatte.

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„He Margrit, ich gehe sofort wieder! Willst du nicht endlich mal ein bisschen in die Sonne kommen? Oder scheust du den Schnee?“
Paul stellte wie stets das Essen auf den Boden, etwa einen halben Meter entfernt von dem Holzverhau der kleinen Höhle, die einstmals ein Abstellraum für Motorräder gewesen war und sich daher direkt neben den Garagen der fünf Jambos und drei Jambutos befand. Er hauchte kurz in die klammen Hände und dann verstaute er die Fäuste einfach in den Manteltaschen und wartete auf eine Antwort. Schon seit etwa vierzehn Tagen hatte er Margrit nicht mehr zu Gesicht bekommen. Dampf kringelte unter dem Deckel des Suppentopfs hervor und schlängelte sich in die kalte Winterluft hinauf. Schnee schmolz in wenigen Minuten rings um den Topf herum. Seit die Hajeps sich so intensiv um die Natur kümmerten, gab es manchmal im Winter wieder richtigen Schnee.
„Ach Paul, na klar finde ich Schnee schön“, hörte er Margrit endlich hinter dem Holzverhau. „Ich finde es so lieb von George und dir, dass ihr mir abwechselnd das Essen bringt und mich auch sonst so gut versorgt! Aber ich habe wirklich Angst, wenn ich ins Freie laufe, dass mich dann Hajeps von oben sehen könnten. Weißt du, sie suchen mich in Wahrheit immer noch ...“, sie machte eine kleine Pause um Atem zu holen.
Paul kicherte genervt, denn er wusste, diese hysterische Angst war inzwischen bei Margrit zu einer fixen Idee geworden. Außerdem erzählte sie ständig irgendwelche Märchen. Na ja, die Einsamkeit und dann hatte sie wohl auch einige schreckliche Dinge erlebt. Aber ob sich diese Marotten wohl irgendwann legen würden?
„Und sie können sehr schnell sein“, schwatzte Margrit indes aufgeregt einfach weiter. „Da bleibe ich lieber in diesem Versteck! Nachts gehe ich ja schon spazieren. Ich finde es nur blöd, dass mich niemand von euch besuchen darf. Es ist schrecklich, so isoliert zu sein. Wenn ich nicht Munk bei mir hätte, ich glaube, ich würde mit der Zeit durchdrehen.
Paul hörte Margrit schnäuzen, also weinte sie wohl wieder.
„Ach komm, Margrit“, rief er verärgert, „schon wieder wirst du undankbar. Sei doch froh, dass dich die Maden mit deiner fürchterlichen Krankheit ...“
„Aber ich bin doch gar nicht krank“, unterbrach sie ihn vorwurfsvoll, “und Munk auch nicht. Da fällt mir ein, willst du ihm nicht mal über den Rücken streicheln? Du wirst überrascht sein, denn ...“
„Iiih gitt!“, fiel er ihr ins Wort. „Überraschungen bei dem interessieren mich nicht die Bohne!“ Paul schüttelte sich vor Ekel, da er dabei an das kahle, fette Tier dachte. „Außerdem weißt du ja, dass ich das nicht darf, weil der Kater genauso unter Quarantäne steht wie du.“
„Ja, ich weiß, das arme Tier!“ Und schon wieder hörte Paul Margrit schnäuzen.
„Margrit!“, knurrte er. „Du kannst einem aber auch Schuldgefühle einreden! Die Maden hätten dich doch auch verstoßen können, stattdessen durften wir dir dieses schöne Zimmer mit Ofen hier im Freien herrichten. Es ist erstaunlich, dass der Rat derart milde war und George und ich sogar weiterhin bei den Maden bleiben durften, obwohl wir bereits Kontakt mit dir gehabt hatten. So und nun Tschüß, denn ich habe auch Hunger und die Suppe wird kalt.“
„Ach komm!“ Paul sah nun, wie Margrits Hand durchs Loch vom Verhau zu ihm herüber hangelte und er machte einen entsetzten Satz vor ihr zurück, obwohl sie ihn nicht erreichen konnte. Aber die Hand sah gar nicht mal so schlimm aus, hatte wieder eine helle, leicht bronzene Hautfarbe und war sehr schön gepflegt – na ja, sie hatten Margrit auch immer Seife und Wasser zum Waschen gebracht! Nichts pellte sich mehr an diesen schönen, langen Fingern.
„Nanu? Trägst ja Nagellack?“, rief er verdutzt.
Margrit kicherte so aufgeregt wie ein junges Mädchen. „Ja klar, hat mir Renate gebracht. Es ist ihrer! Bekommt sie gleich wieder. Ich hab ihr so Leid getan, weißt du! Wie findest du diese langen Nägel? Knallrot aber schick, was?“ Und schon kicherte sie wieder los.
Paul seufzte. Margrit war eben inzwischen mit ihren Nerven am Ende. Wer vertrug schon so eine Isolierzelle! Aber sexy sah diese Hand schon aus, das musste er zugeben.
„Übrigens, ich hatte erst gar keine Fingernägel“, plapperte sie einfach weiter. „Die sind mir nämlich auch alle ausgefallen, genau wie die Zähne und nun ...“
„Ja, weiß ich!“, unterbrach er sie gereizt. „Ich habe Hunger, Margrit!“
„He? Willst du mir nicht mal über den Kopf streicheln? Du wirst überrascht sein!“
Meine Güte, warum sollte er erst den ekelhaften Kater und dann sogar Margrits Glatze tätscheln? Komisch, auf was für Ideen Margrit immer kam! Deshalb wendete er sich tief in Gedanken wortlos und gesenkten Hauptes um und stapfte zurück durch den dichten Schnee.
„Du, Paul?“, hörte er sie schon wieder.
Er fuhr zusammen. „Ja?“, murrte er.
„Bringst du mir das nächste Mal einen Spiegel mit?“
„Ja!“, fauchte er. Mann, knurrte ihm vielleicht der Magen.

Fortsetzung folgt:
 
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Kommentare  

Auch ich bin wie immer begeistert und warte nun auf die Fortsetzung.

Evi Apfel (17.04.2019)

Sehr echt, als ob man das eben erlebt hätte. Du hast eine unglaubliche Fantasie. Schön, dass du deine Kapitel immer so hautnah rüberbringen kannst.

Marco Polo (16.04.2019)

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