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Das Licht der Hajeps Band 5 / Unglaubliches / Kapitel 14 u.15 u. 16 ENDE des fünften Bandes

Romane/Serien · Fantastisches
© Palifin
Kapitel 14

„Och, das war gar nicht so schwer!“, erklärten die Kleinen ein bisschen stolz.
Margrit dachte schon an Magen auspumpen und so weiter, aber die Kinder wirkten gar nicht erschöpft. Ihnen war auch nicht übel. Sie hatten keine Schmerzen und zeigten auch ansonsten keinerlei Anzeichen von Vergiftung.
„Und der Mike ... deeer hat auch!“, fügte Julchen mit verschmitztem Lächeln hinzu.
„Ja, der hat später richtig reingehauen!“, half Tobias seiner Schwester.
„Der ebenfalls?“, entfuhr es Margrit mit großer Verwunderung.
„Seltsamer Bursche!“, brummte Chan-Jao.
Fieberhaft arbeitete es in Margrits Kopf weiter. Die Kinder wirkten aber auch nicht gerade übertrieben heiter. Dieses rauschige Freiheitsgefühl, von dem Oworlotep ihr berichtet hatte, war also auch nicht eingetreten. Alles war anscheinend wie nichts für die Kinder gewesen, außer, dass sie vielleicht ein bisschen satter waren. Das Zeug hatte also nicht geholfen aber auch nicht geschadet. „Tobias, komm her!“, meinte Margrit jetzt ganz energisch. „Und du auch Julchen!“
Da ließen die beiden den Kater zu seinem Erstaunen fallen, natürlich landete der trotzdem elegant auf dem Boden und sie kamen mit tief gesenkten Köpfen zu Margrit. „Was habe ich euch immer gesagt?“, schimpfte Margrit zornesrot im Gesicht.
„Wir ... wir sollen nicht klauen!“, krächzten Julchen und Tobias schuldbewusst. Und diesmal war Tobias derjenige, welcher sofort die sonderbare Situation begriff. Er starrte Margrit für einen Moment überrascht an und dann platzte es aus ihm hinaus: „Du ... du bist ja doch unsere Mama!“ Und dabei betrachtete er auch hingerissen die typische Falte über Margrits Nasenwurzel, da sie ihre Brauen zornig zusammen gezogen hatte. „Du bist sie, g ... ganz ohne Scheiß!“
„Ja, stümmt, das ist sie!“, stammelte auch Julchen. „Unsere Mama!“ Und ihre kleine Kinnlade zitterte vor Aufregung.
Da fielen beide Kinder Margrit um den Hals. Alle drei, nein vier, denn Chan-Jao holte gerade ein Taschentuch hervor, schluchzten laut voller Glück, endlich wieder zueinander gefunden zu haben.
„Siehst gar nicht mal schlecht aus!“, schniefte Tobias, als er sich einigermaßen beruhigt hatte, und er strich dabei mit der flachen Hand über Margits steil abstehende Struwwelmähne.
„Nur die Brille fehlt, aber nur ein ganz kleines bisschen!“ Julchen hielt ihre Fingerchen zu einem winzigen Spalt zusammen.
„Aber, das würd noch ... stümms, das mit der Brille?“, versuchte Julchen Margrit zu trösten.
„Na, ich weiß nicht!“, entgegnete Margrit etwas skeptisch.
„Margrit, es tut mir Leid, aber jetzt ist es Zeit!“, meldete sich Chan-Jao hinter ihr. „Du weißt, wegen dir habe ich eigentlich schon viel zu lange gewartet. Eberhardt hat mir mitteilen lassen, dass man mich braucht! Also, wenn du noch mit mir fahren willst.“ Er zuckte hilflos mit den Schultern.
„Da muss ich dir Recht geben Chan!“ Christian kam gerade wieder durch den Flur, um Margrit zu vertreiben. Er nickte dabei Chan-Jao zu. „Margrits Besuchszeit ist nämlich längst um!“
Schon stand der ekelhafte Spinnenmensch breitbeinig neben Margrit. „Schönen Gruß von Mike, der ist gerade losgefahren. Die Kleinen sollen jetzt schlafen!“
„Was?“, riefen die Kinder enttäuscht. „Jetzt schon?“
„Na klar!“ Christian grinste hämisch übers ganze Gesicht. „Schließlich müsst ihr morgen in aller Frühe raus! Denkt ihr denn, ihr seid nur zum Spielen hier?“
„Aber der Kater kann doch bei uns bleiben, stümms?“ Julchen versuchte Christian mit ihren großen Augen anzubetteln.
Christians Blick fiel auf Munk, der gerade dabei war, sich seine Krallen, an der Wand der kleinen Kammer zu schärfen. „Furchtbares Viech, kratzt uns ja fast die halbe Wand weg“, entrüstete sich der Spinnenwachmann. „Nein, das fette Tier kommt weg! Damit spielt ihr ja doch nur bis in die tiefe Nacht hinein.“
„Ach, stimmt ja gar nicht!“, protestierte Julchen.
„Ganz ohne Scheiß, wir schlafen!“, versprach auch Tobias.
„Nix da!“ Christian machte eine auffordernde Bewegung zu Margrit, dass sie den Kater wieder in die Pappkiste packen sollte, doch er kannte Munk nicht! Wenn der nicht wollte, ließ er sich nicht so leicht erhaschen. Wirklich, so eine blöde Kiste war echt eine Zumutung für einen Kater wie ihn!
„Beeilt euch!“, jammerte Chan-Jao ungeduldig, als er sah, welche Mühe Margrit und die Kinder hatten.
„Könnte ich euch vielleicht helfen?“, schlug er schließlich vor.
„Könntest du, aber das lässt der nicht zu!“, erklärte Margrit schnaufend.
„Boah habe ich einen Durst!“, ächzte Julchen. „Pause bitte!“ Das war nach dieser Hetzjagd sehr verständlich.
„Uuups, ich auch!“, stellte Tobias ebenfalls fest. „Warum ist Munk immer so Scheiße drauf, wenn man ihn fangen will?“
„Hier ist Wasser!“ Julchen war schon zu der Kanne gelaufen, die auf dem Boden neben den beiden Strohsäcken stand, auf denen sie schlafen durften. Es gluckerte richtig, so gierig trank Julchen das kühle Nass.
Als Julchen fertig war, riss ihr Tobias die Kanne förmlich aus der Hand. „Puh, schwitze ich!“, ächzte er und schon kippte auch er das Wasser in sich hinein.
„Bäh!“, sagte Julchen und streckte die Zunge dabei weit hinaus. „Is ja plötzlich so ganz doll komisch im Mund!“
„Boaaah! Scheiße, bei mir auch!“ Tobias ließ ebenfalls die Zunge hinaus baumeln.
„Oh nein, Kinder!“, kreischten Margrit und Chan-Jao überrascht und auch Christian machte große, entsetzte Augen.
„Was is denn los?“, fragte Julchen, als sie die erschrockenen Gesichter sah, die sie plötzlich mit sonderbaren Blicken anstarrten.
„Streckt noch einmal die Zungen heraus und schaut euch die an! Merkt ihr das denn nicht?“, keuchte Christian als erster voller Ekel und Entsetzen.
Ein wenig beklommen folgten sie seinem Ratschlag. „Iiih ... igitt!“, quiekte Julchen und wurde käseweiß im Gesicht, kaum dass sie die dicken, rotumrandeten, eiterigen Blasen auf Tobias Zunge entdeckt hatte.
„Ouuuh?“ Tobias ließ die hoch entzündete Zunge sofort wieder in seinem Mund verschwinden. Er keuchte leise, außerdem war ihm plötzlich tierisch heiß. Sein ganzer Körper schien zu kochen und er fasste sich gegen die schweißnasse Stirn. „Aber du, Jule, du hast dort die ... die gleichen komischen Blasen!“
„Echt jetzt?“ Auch Julchen quälte plötzlich ein entsetzlicher Schüttelfrost, kleine Schweißperlen standen auf ihrer Stirn. Zitternd fühlte sie ihre Zunge mit dem Finger ab - tatsächlich, da waren plötzlich überall pralle, dicke Blasen und die Zunge tat entsetzlich weh.
„Ganz ruhig bleiben!“, ächzte Margrit verzweifelt. „Legt euch die Decken um die Schultern, damit ihr nicht so zittern müsst, oh, meine armen Kleinen!“ Sie brach ab, denn aus dem Augenwinkel hatte sie Munks dickes Hinterteil im Beutel gesehen. Sofort griff sie sich den Beutel, hob ihn einfach mitsamt Kater hoch. Munk fauchte da drinnen empört. „Chan-Jao, wir müssen sofort einen Arzt für die Kinder rufen!“, keuchte sie.
„Einen Arzt?“, echote der. „Das würde ich dir nicht raten! Du weißt ja, wie die Gesetze der Untergrundorganisationen sind, wenn ...“ Er sprach lieber nicht weiter, denn sie Kinder waren ohnehin verzweifelt genug.
„He ... eh?“, ächzte Tobias, dem beim Trinken auch etwas Wasser über die Finger gelaufen war.
„An den Händen habe ich diese verrückten Eiterdinger plötzlich auch!“
Margrit schüttelte den nervigen Kater nun einfach aus dem Beutel. „An deiner Nasenspitze ... also, da sprießen inzwischen ebenfalls welche, aber nicht ganz so viele!“, fügte sie zum Trost hinzu.
„Du musst ihn doch nicht auch noch darauf aufmerksam machen, wo sie überall wachsen Margrit!“, schimpfte Chan-Jao.
„Aber, von wo kommen denn plötzlich diese fürchterlichen Eiterherde her?“, schnaufte Margrit jetzt mit hochrotem Kopf und schob dabei den Kater, der so tat, als habe er sich durch den Sturz aus dem Beutel schwer verletzt, einfach mit dem Fuß beiseite.
„Guck mich nicht so fragend an!“, knurrte Chan-Jao. „Woher soll ausgerechnet ich das wissen. Wahrscheinlich haben sie irgendeine Seuche!“
„Eine Seuch ...?“, wiederholte Christian, brach ab und erbleichte. Der Spinnenwachmann war nicht nur völlig mit den Nerven fertig, er wollte auch sofort davonflitzen, doch Margrit hielt ihn beim Ärmel fest.
„Nein, du bleibst!“, fauchte sie. „Ich will nämlich von dir wissen, was jetzt als nächstes passiert!“ Denn sie hatte sich an Chan-Jaos Bemerkung erinnert.
„Was soll schon passieren?“, mokierte sich Christian mit gefalteter Stirn. „Und vor allem als nächstes?“ Er versuchte dabei, seinen Ärmel aus Margrits festem Griff zu entwinden.
„Du weißt sehr wohl, was ich damit meine“, knurrte Margrit, „ich meine damit, werden jetzt die Kinder ...?“ Sie ließ die Henkel vom Beutel bis zum Ellenbogen hoch rutschen und strich sich dann selber mit dem Finger quer über den Hals.
Chan-Jao nickte dazu beklommen.
„Ach das meint ihr damit!“, ächzte Christian verdutzt und schaute dabei von einem zum anderen.
„Tu nicht so! Es wäre nicht das erste Mal, dass ihr Menschen, die von einer Seuche befallen sind, einfach abmurkst!“
„Abmurkst?“, echote er. „Seltsamer Ausdruck dafür. Nein, die Kinder müssen nur von hier weg und zwar schnellstens. Verdammt, eine Seuche, eine neue rätselhafte Seuche!“, stammelte er flatternd am ganzen Körper. „Scheiße, Scheiße, Scheiße ...“
„Scheiße sagt man nich. Auch wenn man Schiss hat!“, erklärte ihm Tobias und zog dabei den Schnodder in der Nase hoch.
„Tobias!“, gemahnte ihn Margrit und Chan-Jao reichte ihm ein Taschentuch.
„Ja, aber ... was soll ich denn jetzt machen?“ Christian schaute sich nach allen Seiten um. „Mike ist doch längst fort! Und nicht nur der, einfach alle!“, stöhnte er hilflos weiter. „Ach, ihr verschwindet jetzt von hier! Habt ihr verstanden?“, brüllte der Spinnenwachmann die Kleinen jetzt einfach an.
Diese nickten ein wenig verwirrt dazu.
„Ganz ruhig bleiben“, wisperte Margrit abermals, „gaanz ruhig! Wir packen erst mal unsere Sachen.“
„Okay!“, ächzte der Wachmann. Ihm war jetzt alles egal, Hauptsache er kam ohne Streit von hier weg, denn verärgern wollte er die Maden nicht, zumal er wusste, dass Margrit eine ziemliche Tratschtante sein konnte.
„Und erst dann“, Margrit machte eine kleine, boshafte Pause und der Wachmann schwitzte deshalb noch mehr, „gehen wir!“
„Ja bitte, geht!“, quietschte Christian. Komisch er hatte plötzlich einen völlig trockenen Hals?
Margrit war deswegen so gelassen, weil ihr inzwischen der Grund für die entsetzlichen Eiterblasen und das plötzliche Fieber der Kinder eingefallen war. Wie listig von Oworlotep. Er war wirklich ein schlaues Kerlchen! Wie mochte es wohl inzwischen Mike ergehen? Oder hatte der weniger als die Kinder von diesem Extrakt zu sich genommen und daher noch keinen solchen Durst?
„Die Kinder müssen von hier weg!“ Christian hatte endlich seinen Ärmel aus Margrits Fingern entwunden und versuchte, das ganze etwas sachlicher zu klären. „Sie sind krank, sterbenskrank!“, überfiel ihn leider schon wieder heftige Panik.
„Ohne Sch ...? Äh, ich meine ... sind wir jetzt echt sterbens...krank?“, krächzte Tobias erschrocken und Julchen verzog dabei den Mund, um laut loszuweinen. Sie hatten inzwischen auch noch knallrote Gesichter und zitterten noch wilder vor sich hin.
„Tobias, frag nicht so viel dummes Zeug!“, rief Margrit übernervös, denn ein bisschen Angst um die Kleinen hatte sie schon und dann versicherte sie Christian: „Keine Sorge, wir nehmen die Kinder mit!“ Sie hatte große Mühe, nicht in lauten Jubel auszubrechen, als sie mit scharfer Stimme anordnete: „Los Tobias, Julchen, steht nicht so rum! Packt endlich eure Sachen!“
„Bist du verrückt?“, krächzte Chan-Jao erschrocken. „Siehst doch, wie die Kinder aussehen! Diese entsetzliche Krankheit ist für die Maden bestimmt genauso ansteckend wie für die Spinnen!“
„Da hat er Recht!“ Christian tupfte sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn. „Soll ich nicht doch lieber jemand herschicken, der diese Kinder einfach ab ... also ein bisschen ... murkst?“
„Nein!“, fauchte Margrit. „Du Mörder!“
„Huhuuuh, wir wollen nich gemurkst sein!“, schluchzten Julchen und Tobias plötzlich los.
Munk schaute verdrießlich von einem zum anderen, Was war nur plötzlich los?
„Margrit, du bist verrückt, du bist ja so verrückt!“, jammerte Chan-Jao fast ebenso laut.
Da setzte sich Munk hin und fing ebenfalls an laut zu maunzen.
Der Wachposten nahm jetzt einfach Reißaus.
Daher konnte Margrit laut sagen. „Es ist nichts Schlimmes Julchen, Tobias, und auch nicht ansteckend, Chan-Jao, und du bist endlich ruhig, Munk!“
Sofort herrschte völlige Stille.
„Ja, das sagst du!“, bemängelte Chan-Jao trotzdem, wenngleich in einer etwas leiseren Tonlage. „Aber bist du denn Arzt?“
Auch Margrit fragte sich, ob sie nicht inzwischen zu großes Vertrauen zu Oworlotep hatte.
Die wenigen Habseligkeiten hatten sich die Kinder schnell unter den Arm geklemmt und dann waren sie auch schon aus den düsteren Tunnelgewölben hinaus. Munk folgte ihnen wie ein Hund.
Oben im Tageslicht atmeten alle vier erst einmal tief durch. Ach, war die Abendsonne herrlich!
Nur Chan-Jao konnte dem nichts Herrliches abgewinnen. Was war, wenn er sich schon längst angesteckt hatte? Immer wieder überprüfte er mit dem Finger, ob schon Blasen auf seiner Zunge sprossen.
Schließlich quälte die Angst, Oworlotep könne Margrit angelogen und in Wahrheit den Tod ihrer Kinder geplant haben, Margrit doch sehr, denn allzu tief saßen noch schrecklichste Erinnerungen in ihrer Seele, welche sie in den vielen Jahren der Besetzung der Erde hören und auch selber hatte erleben müssen.
Aber immer, sobald sie auf ihre Kinder blickte, wie die inzwischen schon wieder eifrig miteinander schnatternd und herumalbernd hinter ihr im Jambuto saßen, mit Munk auf dem Schoß, der laut und selig vor sich hin schnurrte, war Margrit doch froh, die Kleinen so schnell und leicht zurück bekommen zu haben. Alles andere, das hoffte sie inständig, würde sich doch noch irgendwie regeln lassen.

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„Nein, Margrit“, sagte Chan-Jao wenig später, „auch wenn wir beide bereits infiziert sein sollten, so krank kannst du die Kinder nicht bei uns Maden unterbringen. Ich muss zumindest Martin zuvor Bescheid geben.“
„Na, der wird sicherlich nicht zustimmen. Sollen die Kinder denn draußen erfrieren?“
„Das werden sie nicht. Kommen sie halt auch erst mal unter Quarantäne, sofern sie bis dahin noch leben sollten!“, fügte er zähneknirschend hinzu.
„Die werden bis dahin leben, denn sieh mal, sie können schon wieder lachen! Ich denke, mein ehemaliges Quartier ist längst wieder als Lagerraum genutzt worden?“
„Ja, und? Uns wird schon etwas einfallen!“
„Nein, ich will nicht karantel sein!“, schluchzte Julchen plötzlich los, die alles mitbekommen hatte. „Denn das tut bestümmt ganz doll weh!“
„Schlappschwanz, bääh!“, konterte Tobias und streckte dabei zu Julchen gewand die Zunge hinaus. „Ich hab keine Angst, siehste!“
„Selber Schnappschwanz und auch bäääh!“ Julchen streckte ihre kleine Zunge noch weiter raus als Tobias und Munk tat es den Kindern nach, indem er nach allen Seiten fauchte.
„Nanu?“, riefen Chan-Jao und Margit fast gleichzeitig,
„Wie ... wie fühlt ihr euch?“, fragte Margrit etwas zögerlich.
„Sehr gut!“, piepste Julchen und Munk hörte auf zu fauchen, denn er hatte jetzt keine Lust mehr!
„Ich fühl mich auch gut, ganz ohne Sch ...!“, bestätigte ebenso Tobias. „Warum fragt ihr?“
Erleichtert fielen Margrit und ganz besonders Chan-Jao in ihre Sitze zurück - Munk nicht, der blieb mit verdrießlicher Miene aufrecht sitzen.

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Nach einem Weilchen holte Margrit zu Munks Enttäuschung den Beutel vom Rücksitz, zu dem er gerade hatte klettern wollen und schon hielt sie die Tube in ihrer Hand. Tobias war nun doch ein bisschen stolz, Margrit zeigen zu können, wie man die komische Pasta daraus hervorpressen konnte.
„Riecht die guuuut“, ächzte Margrit wenig später. Sie war davon wie berauscht und spritzte sich sogar etwas davon auf den Zeigefinger.
„Ein geradezu teuflisches Zeug!“, stöhnte auch Chan-Jao, weil der Duft bis zu ihm hin gedrungen war. „Was die Hajeps aber auch alles erfinden. Verschließt das Ding nur ja wieder, Sonst mache ich hier noch einen Unfall!“
Margrit war, nachdem sie gehorcht hatte, trotzdem noch ganz schwummerig. „Wie unheimlich!“, ächzte sie und wischte das gelbliche Zeug, wenn auch irgendwie ungern, mit dem Taschentuch von ihrem Finger. „Das ist also der Rausch, den mir Oworlotep hatte andeuten wollen. Ich denke, dieses Mittel dient wieder mal der Kriegsführung. Der Feind wird durch diesen unwiderstehlichen Duft verlockt, sich dieser Paste zu bedienen und wenig später gerät er in Panik, weil er meint, auf das Schlimmste erkrankt zu sein.“
„Könnte sein“, meinte Chan-Jao und fuhr dabei den Jambo auf die große, breite Hauptstraße. „Und du meinst, deine Kinder haben vorhin davon genascht und nur deswegen diese komischen Eiterblasen bekommen?“
„Das meine ich nicht nur - Munk hör endlich mit dem Geschmuse auf, kriegst ja doch nichts davon ab! - das war es ganz bestimmt!“
„Und warum hast du mir das nicht gleich gesagt? Ich hätte mich dann bestimmt viel weniger aufgeregt!“ Chan-Jaos Stimme klang richtig vorwurfsvoll.
„Hat eben einen Weilchen gedauert, bis es bei mir ´Klick´ gemacht hat“, entschuldigte sich Margrit. „Habe halt auch nur Nerv ... nein Munk, die Tube bleibt zu! Ich denke, dass die Hajeps verschiedene Mittelchen parat haben werden! Das hier hat wohl die geringsten Nebenwirkungen und ist daher auch für Kinder geeignet.“
„Meinst du wirklich, dass Hajeps solche Sachen bei sich haben, die verschiedene Krankheitssymptome aufzeigen?“
„Ein paar schon, könnte ich mir denken!“, sinnierte Margrit weiter. „Wenn Hajeps gefangen genommen worden sind und man sie verhören will, bekommt man Angst, sich bei ihnen anzustecken, wenn sie zuvor heimlich irgendeines dieser Mittel genommen haben.“
„Was ist verhören, Mamms?“
„Manchmal so etwas wie Folter!“, brummte Chan-Jao, fuhr den Jambuto in eine Kurve und alle mussten sich festhalten.
„Und was ist Folter?“
„Ach Tobias, frag nicht so viel!“, erwiderte Margrit traurig. „In welcher Richtung liegt Zarakuma, Chan-Jao?“
„Du fragst ja auch!“, empörte sich Tobias.
„Dort im Süden!“ Chan-Jao wies dabei nach hinten.
Margrit wendete sich um, schaute in diese Richtung, küsste sich schließlich in die Handfläche und dann pustete sie darüber in die Richtung, wo Zarakuma lag. „Danke dir Owi!“, flüsterte sie dabei und lächelte.
„Wer ist denn Owi?“, fragte Julchen neugierig.
„Jule, man fragt nicht!“, gemahnte Tobias seine kleine Schwester.
Und so hörten die Kinder schweigend zu, wie Margrit weiter sprach. „Sicher hast du dir das mit mir und den Kindern anders gedacht, nicht wahr?“ Margrit gluckste in sich hinein. „Aber ich danke dir trotzdem für all das Gute, was du uns geschenkt hast!“ Und schon wehte der nächste Kuss von Margrits Hand nach Zarakuma. „Ich wünsche dir, dass du so schnell wie möglich wieder gesund wirst und dass du ...“
„Du bist leichtsinnig, Margrit!“, schimpfte jetzt Chan-Jao.
„Leichtsinnig?“, ächzte sie erschrocken.
„Ja, denn wie kann man einem Hajep wünschen, dass er wieder gesund wird!“ Aber dann lachte er plötzlich los und alle anderen freuten sich mit ihm, bis auf Munk, denn Margrit hatte die Tasche mit der leckeren Tube nicht nur auf ihrem Schoß behalten, sie hielt sie auch noch oben zu.

Kapitel 15

„Hm, Margrit, das ist wirklich ganz großartig, dass sie Wort halten!“ Günther Arendt betrachtete glücklich die komische Tube in seiner Hand. Er hatte sich extra wegen Margrit zu den Spinnen begeben.
Margrit krauste die Stirn. Sollte sie ihn warnen? Günther Arendt einfach auf die komischen Folgen dieses Sprays aufmerksam machen? Aber dann würde er ihr gewiss nicht mehr erlauben, die Kinder bei den Maden einzuquartieren. Wie also konnte sie ihm das mit den fürchterlichen Entzündungen am besten klar machen, ohne dabei der Verlierer zu sein?
„Also das mit diesem Spray ... hm ... die Sache hat einen kleinen Haken“, begann sie daher etwas zögerlich.
„Wo?“ Er begutachtete die Tube nochmals gründlich. „Ich sehe keinen? Nur so ein reißverschlussähnliches Gebilde an der einen Seite!“
Margrit lachte. „Nein, das meinte ich nicht!“ Doch insgeheim plagten sie Gewissensbisse. Eigentlich war das reichlich verantwortungslos, was sie da vorhatte. Denn wer wusste schon, wie sich das Mittel bei anderen Personen auswirkte. „Ach“, sagte sie daher matt, „geben Sie mir die Tube doch lieber zurück“, Margrit streckte die Hand danach aus, „denn ich habe es mir inzwischen anders überlegt!“
Er blickte kurz in ihre geöffnete Handfläche und dann in dieses jugendfrische Gesicht und meinte zu erahnen, weshalb sie sich das noch mal überlegt hatte. Sicher wollte sie damit ihre Zellen auffrischen.
„Nein, nein, meine liebe Margrit.“ Schnell versteckte er die Tube hinter seinem Rücken. „Sie brauchen mir nicht viel zu erklären.“ Er schüttelte begütigend seinen Kopf. „Ich behalte das Zeugs, okay? Und sie dürfen die Kinder bei uns einquartieren! Habe das hiermit hoch und heilig versprochen!“
Offensichtlich hatte Martin Günther Arendt noch nicht informieren können oder Chan-Jao hatte Martin nichts verraten.
„Danke!“, sagte Margrit nun zutiefst erleichtert.

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Als Günther Arendt meinte, endlich alleine zu sein, holte er das Spray hervor. Welches waren wohl die verfaltetsten Stellen in seinem Gesicht? Schon hatte er Stirn und Augen damit besprayt. Komisch, roch irgendwie lecker das Zeugs! Er konnte nicht umhin, sich auch noch seine wenigen Zähne damit einzusprayen.
Nachdem er wie immer vor dem Schlafengehen geduscht und ein schönes Glas Wein genossen hatte, starrte er jedoch erschrocken in den Spiegel. Oh nein, auf seiner Stirn sprossen lauter dicke, eitrige Blasen und aus den Augen konnte er kaum noch gucken, weil die ebenfalls von gelben, entzündeten Quaddeln umgeben waren. Selbst auf der Nase wuchsen dicke, kleine Bläschen. Er öffnete den Mund – oh, Gott! Die Zähne waren dicht von Eiterherden umgeben, der ganze Gaumen brannte schmerzhaft. Puh, war ihm plötzlich heiß! Zudem quälte ihn ein heftiger Schüttelfrost.
Sofort rief er seinen besten Freund an. Mike meldete sich und schien ebenfalls ziemlich aufgeregt zu sein. Auch er war nach seinem Disput mit den Bauern gerade nach Hause gekommen und hatte seinen brennenden Durst gelöscht. Beide konnten gar nicht abwarten, ihr Problem zu schildern, denn auch Mike hatte gerade einen Spiegel vor Augen und betrachtete die grässlichen Folgen seiner Naschsucht.

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„Nein“, brüllte wenig später Günther Arendt durchs Telefon Margrit an. „Die Kinder kommen mir nicht zu den Maden hinunter. Zu keiner Organisation mehr, sollen sie sonst wo bleiben!“
Er hatte Margrit gar nicht zu Wort kommen lassen und so hatte sie ihm nicht mehr erklären können, dass diese sonderbaren Erscheinungen sich schon bald wieder legen würden.
„Wortbrecher!“, empörte sich Renate, nachdem ihr Margrit alles geschildert hatte. „Aber weißt du was? Günther Arendt kommt hier so selten vorbei, da werde ich dann immer mit den Kindern verschwinden und erst wieder zurückkommen, wenn er fort ist. Weißt du, wir alle halten hier zusammen, und ich würde mir die Augen ausweinen, wenn ich meine kleine Tochter nicht mehr bei mir haben dürfte. Ich kann dich ja so verstehen! Es muss grässlich gewesen sein, was du schon so lange hast aushalten müssen! Er wird kein Sterbenswörtchen von uns erfahren. Martin und Chan-Jao werden Rita ich schon überreden können. Wäre ja noch gelachter! Nur bei Eberhardt müssen wir ein bisschen aufpassen, weil der die größten Stücke von Günther hält und auch, weil der immer so geschwätzig ist.“
Renate und Rita waren wirklich treue Freundinnen, noch am selben Abend zogen die Kinder bei den Maden ein. Alles schaute belustigt zu, wie die halb verhungerten Kleinen das Brot in sich hineinstopften, das Paul gemeinsam mit Karlchen aus den Speisekammern zusammen getragen hatte. Immer wieder drückten sie dabei ihre Mama, und schließlich schliefen sie frisch gewaschen und in sauberer Kleidung, in der Mitte lag natürlich Munk, auf einer großen Matratze glücklich ein.
Nur Margrit blieb noch lange wach. Immer wieder musste sie über all das nachdenken, was ihr seit dieser sonderbaren Begegnung mit Oworlotep widerfahren war. Was für eine Position mochte wohl Oworlotep bei seinem Volk haben? War er sehr mächtig? Wenn nicht, weshalb war dann Margrit mit solch einem riesigen Aufgebot so lange Zeit verfolgt worden? Warum hatte ihr Oworlotep soviel Gutes zukommen lassen, wo er doch die Menschen verachtete? Und dann diese schreckliche Entführung von Erkan und Gesine. Das passte so gar nicht zu all dem Guten, was Oworlotep getan hatte. Oh Gott, diese beiden armen Menschen! Was die wohl alles inzwischen in Zarakuma durchmachen mussten? Sie hatte schon oft mit Paul und George darüber geredet. Je länger sie über die Hajeps nachdachte, desto unklarer wurde sie sich über die und das machte sie gar nicht glücklich.

Kapitel 16

Da Rita, die noch einige Naturrezepte aus ihrer Familie kannte, immer wieder mit Georges verletzter Hand und auch mit dessen Bein ein Seifenbad machte, heilte beides immer besser ab. So konnte er zwar noch nicht richtig schießen, aber schon ohne Stock laufen. Deshalb war es nicht verwunderlich, dass man ihn wieder für einige Arbeiten einsetzte. Dazu gehörte, gemeinsam mit Martin, Renate und Chan-Jao die Bauern zu beschwichtigen, wenn die sich wieder einmal von den Untergrundkämpfern übervorteilt fühlten. George war ein wahres Talent der Kommunikation, denn bei niemanden beruhigten sich die erhitzen Gemüter so schnell wie bei ihm.
Aus diesem Grund hatte er heute auch wieder mitfahren müssen, denn die Lieferung, welche sie Bauer Segebrecht versprochen hatten, war diesmal leider viel zu spärlich ausgefallen. Da die Bauern wegen dem knappen Diesel keine Fahrzeuge mehr besaßen, selbst für die Bestellung der Felder nutzten sie jetzt nur Pferde, machten sich die Untergrundkämpfer mit ihren Jambutos für sie nützlich. Sie belieferten die Bauern mit speziellen Gütern, die sie von überall her holten im Austausch für deren Ernten.
George hatte sich während der Fahrt einige beruhigende Worte für den Bauern zurecht gelegt, doch wie staunte er, als der Bauer mit seinen Knechten, die ebenfalls bewaffnet waren, wenn auch einige nur mit Knüppeln und Mistgabeln, zornesrot dem Jambuto entgegen eilte.
„Los, wir machen kehrt!“, rief Chan-Jao erschrocken. „Jemand muss ihm verraten haben, dass wir viel zu wenig von dem Zeugs im Wagen haben.“
Er hatte nicht Unrecht, manchmal war es wirklich das Beste, gleich wieder zu verschwinden. Man hatte oft genug von Gräueltaten aufgebrachter Bauern an vereinzelten Untergrundkämpfern gehört! Guerillas waren nicht gerade sehr beliebt. Außerdem waren sie viel weniger Leute. Der Bauer hatte wohl einige Männer für diesen Kampf aus den naheliegenden Dörfern herbeigeholt. George wusste nur zu gut, Unrecht hatte der Bauer nicht, denn fast die ganze Kohlrübenernte hatte er bereits an die Maden abgetreten. Sie hatten viel zu wenige Güter von Pommi erhandeln können. Doch als Martin nach rückwärts ausweichen wollte, sah er, dass dort bereits weitere Leute standen. George kurbelte die Scheibe hinab und mühte sich, einen möglichst arglosen Gesichtsausdruck zu zeigen.
„Was ist los?“, fragte er freundlich und schaute sich dabei nach allen Seiten um.
Mit langsamen Schritten näherte sich Hannes Segebrecht dem Jambuto. Unter dem Fenster blieb er mit blitzenden Augen stehen, das Gewehr in den Fäusten haltend. „Hier in der Nähe, bei Reichenberg, sind räuberi¬sche Horden unterwegs. Seit uns die Hajeps in Frieden lassen, machen uns komischerweise Menschen das Leben schwer. Und ihr“, er holte tief Atem, ehe er weiter sprach, „seid auch nicht viel anders als die, ihr raubt uns aus, ihr ...“
Er brach ab, denn aufgeregt Rufe wurden von allen Seiten laut und übertönten ihn. Viele blickten sich dabei nach hinten um. Martin zückte sein Fernrohr und schaute ebenfalls auf das, was sich in der Ferne zeigte. In einer großen Staubwolke preschten mehrere Jambutos über die Hügel.
„Alle Wetter“, stammelte Martin, „wenn man den Teufel nennt, kommt er gere ...!“ Er brach ab. „Schnell in die Häuser, wir müssen uns verbarrikadieren und Hilfe holen, denn die lassen bestimmt keinen am Leben.“
„Oh Gott, sind das viele, viel zu viele!“, kreischte eine Frau aus der Menge und schwenkte dabei hilflos ihre Mistgabel.
Wenig später kauerten ängstlich Untergrundkämpfer und Bauern Seite an Seite im großen Wohnhaus. „Ich will nichts gegen euch gesagt haben“, stammelte der Bauer immer wieder, als er etwa zehn Jambutos durch die Einfahrt donnern sah, und er schaute dabei dankbar auf die gute Bewaffnung von George, Martin und Chan-Jao. Selbst Renate war besser bewaffnet als manch ein Knecht von ihm.
Schon ging die wilde Schießerei los. Einige der Knechte wurden dabei verletzt und Wolfgang, der leichtsinnig die Deckung verlassen hatte, starb im Kugelhagel. Die Situation wurde immer prekärer, als plötzlich neues Motorengeräusch ertönte. Zum Glück waren es keine weiteren Räuber, sondern Mike mit seinen Spinnen, die sich gerade in der Nähe befunden und den Notruf gehört hatten. Zwar kamen sie nur mit fünf Jambutos, aber sie verteilten sich so geschickt, dass sie die Räuber von zwei Seiten in die Zange nehmen konnten. Die erkannten, dass sie hier nichts mehr holen konnten.
„Ha“, brüllte Akim, der Anführer der ´roten Schlange´ beim Rückzug, „wir gehen zwar, aber die Loteken werden kommen!“
Noch als sie heimfuhren diskutierten George, Martin, Mike und alle anderen über diesen letzten Satz, denn dass Loteken in die Gebiete der Hajeps eindringen wollten, machte ihnen irgendwie Sorgen.

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„Jedenfalls war unser Rübenbauer plötzlich ganz zahm und dankbar dafür, dass wir ihm überhaupt etwas mitgebracht hatten“, beendete Chan-Jao den Bericht.
Auch Renate musste lachen. „Ja, so kann es einem gehen!“
„Trotzdem muss das alles für euch ziemlich entsetzlich gewesen sein!“, entfuhr es Rita mit hochrotem Kopf. Sie war heftig bei Georges, Chan-Jaos und Martins Berichterstattungen mitgegangen. Die ganze Geschichte hatte sie dermaßen aufgeregt, dass sie sogar ins Schwitzen gekommen war. „Manchmal scheint der wilde Mike aber doch zu etwas nütze zu sein!“, fügte sie noch schnell hinzu.
„Das will ich meinen!“, erklärte Martin breit grinsend und alle, die hier um die Tische herum saßen, lachten lauthals auf. Und wieder war im großen unterirdischen Speisesaal ein mächtiger Lärm entstanden, denn fast jeder hatte nun über Mike irgendetwas zu berichten, kannte seine Marotten, aber auch dessen großen kämpferischen Qualitäten.
Margrit behagte es nicht so sehr, dass von allen Seiten Mikes großartiges Durchsetzungsvermögen, seine wilde Entschlossenheit und sogar seine Rigorosität lobend hervorgehoben wurden. Allzu sehr hatte sie noch jenes Erlebnis in Erinnerung, als sie ihm alleine vor der unterirdischen Behausungen begegnet war. Er hatte sie, als sie mit einem knappen Gruß an ihm vorbei wollte, an ihrem inzwischen schulterlangem Haar gepackt und ihr zugezischelt: „Endlich erwisch ich dich, du kleine Hexe! Hast ja ganz schönen Schabernack mit Günther und mir gemacht! He, ich möchte nicht Mäuslein sein, ob du inzwi¬schen trotzdem deine garstigen Rangen bei den Maden angesiedelt hast! Komm schon, verrat es dem lieben, guten Mike.“ Und er hatte sie dabei an den Haaren nach hinten gezerrt. „Du Glucke, du hast sie da unten in den Tunneln versteckt, nicht wahr?“ Dabei hatte er ihren Kopf hin und her gerissen.
Vergeblich hatte sie ihm beteuert, dass die Kleinen bei ihrer Mutter wären und dass er endlich aufhören solle, ihr weh zu tun.
„Ach, das ist ja alles nicht wahr!“, hatte er nur hämisch grinsend geantwortet „Margrit, tzizziss, du lügst viel zu schlecht! Du kannst ja jetzt um Hilfe rufen! “ Und dann hatte er sie wieder so kräftig an ihren Haaren gezogen, dass sie vor Schmerzen vor ihm in die Knie gegangen war. „Aber du hast ja Angst“, hatte er ihr trotzdem weiter zugezischelt, „dass du dich dann verplappern würdest und dann jeder erfahren könnte von unserem kleinen Geheimnis mit Günther Arendt, nicht wahr?“
Leise stöhnend hatte sie sich wieder aufgerichtet und ihn gefragt, was er eigentlich von ihr wolle!
„Gar nichts!“, hatte er nur mit kleinen, schmalen Augen erwidert. „Wollte dir nur mitteilen, dass du mich meiner Arbeitskräfte beraubt hast, denn jeder braucht heutzutage Kohle und deine Rotznasen waren hübsch klein, gerade groß genug für unsere schmalen Stollen. Außerdem haben wir jetzt niemanden, der durch diesen neuen Tunnel bis nach Zarakuma kriechen könnte. Kurz, du hast es gewagt, mir mit einem fiesen Trick die Arbeit von Monaten zunichte zu machen! Sobald ich beweisen kann, dass die Kinder hier sind, hole ich mir persönlich deine Gören und nicht nur die“, er griff dabei mit spitzen Fingern nach Margrits Kinn, „auch dich!“, knurrte er lustvoll und wollte ihr dreist einen Kuss auf den Mund drücken. Da gab ihm Margrit in ihrer Ver¬zweiflung eine solch kräftige Ohrfeige, dass er vor Schreck auch ihre Haare losließ. Schnell sprang sie ihm davon. „Das wirst du mir büßen, wenn ich dich geholt habe!“, hatte er ihr hinterher gebrüllt. Von diesem schrecklichen Erlebnis hatte Margrit niemandem erzählt, aber es war ihr tief in Erinnerung geblieben.
Immer noch brodelte es im ganzen Saal unruhig und die Anekdoten über Mike und seine eigenartige Schar wollten nicht abreißen. Vieles wurde dabei schöngeredet, wie Margrit fand, und sie war daher ziemlich enttäuscht über den plötzlichen Meinungswandel der Maden.
Selbst Julchen, die nur einige Wortfetzen mitgekriegt hatte, schob schließlich den kaum leer gelöffelten Teller von sich fort und Tobias hatte den seinigen mit der Hühnersuppe bereits auf den Fußboden gestellt, somit an Munk weiter gereicht, der dort schon auf Häppchen gewartet hatte und sich auch heißhungrig über die Suppe her machte.
„Ist dir nicht gut, Margrit?“, fragte George, der an ihrer Seite saß und bemerkt hatte, dass sie immer langsamer ihre Suppe auslöffelte.
„Ich finde dieses Gesprächsthema nur schrecklich“, entgegnete sie. „Können wir nicht mal über etwas anderes sprechen?“
George grinste nun doch etwas genervt. „Du meine Güte, lass sie doch jubeln! Haben doch sonst nichts zu lachen! Guck, selbst Renate kann sich darüber amüsieren! Und Paul zu meiner Linken, der schüttet sich sogar vor Lachen aus.“
„Weder Paul noch Renate haben solche Dinge mit Mike erlebt wie ich, George!“
„Ja, ich weiß, du hast immer das Schlimmste erlebt, Margrit!“ George schraubte genervt die Augen nach oben und seufzte. „Aber glaube mir mal, Renate hat auch schon einiges durchgemacht, vielleicht nicht gerade mit Mike, aber leicht hatte die es ganz gewiss nicht und die reißt sich hier zusammen!“
Margrit schaute weg, sah lieber dem Kater beim Fressen zu. Sie wusste eigentlich auch nicht so recht, was mit ihr los war. Lag es vielleicht daran, dass man noch immer nichts von ihrer Mutter gehört hatte? Konnte Muttsch tot sein? Sie schluckte und kämpfte mit den Tränen.
„Verdammt, Margrit, wir sind eine Gemeinschaft!“ George legte seine Hand auf Margrits zitterige Finger. „Und in solch einer Gemeinschaft darf jeder Mal von uns dran sein, gelobt zu werden, wenn er das wirklich verdient hat. Und Mike hat das nun mal heute verdient! Er hat wirklich hervorragend gekämpft!“
„Aber doch nicht nur er, seine Leute schließlich auch!“ Margrit betupfte sich zornig die Lippen mit ihrem Taschentuch, denn Servietten waren Luxus. „Und die werden dabei kaum erwähnt!“
„Aber er hat für sie alle gedacht! Ich verdanke ihm mein Leben! Dass das gut war, musst auch du zugeben, Margrit, selbst wenn du ihn nicht leiden kannst!“
„Und deshalb soll alles andere, was Mike bisher getan hat, plötzlich vergeben und vergessen sein? Nee, George nicht bei mir!“ Margrit war zornig aufgesprungen und schob nun ihren Stuhl zurück an den Tisch. „Kommt Kinder, wir gehen!“, befahl sie mit eisiger Stimme.
Julchen bückte sich sofort, hob den rülpsenden Munk hoch, klemmte sich diesen unter den Arm und der lies dies geduldig zu und dann folgte sie Tobias und Margrit.
George schlug verärgert die Arme übereinander und warf sich in den Stuhl zurück.
„Welche Laus ist denn Margrit über die Leber gelaufen?“, fragte ihn Paul und wischte sich dabei die Lachtränen aus den Augenwinkeln. „Mann, Eberhardt hat mir gerade wieder ein Ding über Mike erzählt, also das kann man fast nicht glauben! Wenn du willst erzählt er es dir bestimmt noch mal.“
„Ja, willst du es hören, George?“ Eberhardts Augen zwinkerten nun ebenso heiter zu George hinüber.
„Ach, lasst nur gut sein!“, erwiderte George mit nachdenklich gefurchter Stirn. War er Margrit gegenüber zu streng gewesen? „Irgendwie habe ich jetzt keine Lust mehr dazu!“
„Sag bloß, du lässt dir von dieser Zimtzicke diesen schönen Abend vermiesen. Nimm es dir nicht so zu Herzen George!“, versuchte ihn Paul zu trösten. „Was Margrit auch immer zu dir gesagt haben sollte, zu mir ist sie manchmal auch so borstig.“
„Man kriegt manchmal den Eindruck“, erklärte auch Eberhardt nachdenklich, „dass ihr die plötzliche Verjüngung zu Kopf gestiegen ist!“
„Da hat er Recht!“, mischte sich nun auch Rita ein. „Margrit scheint sich wohl inzwischen als etwas Besseres zu fühlen!“
„Ach, das ist doch Unsinn!“, rief nun Renate aufgeregt dazwischen. „Sie ist nur etwas ernster geworden. Es scheint ihr einiges durch den Kopf zu gehen und ...“
„Also, du verteidigst sie aber auch immer“, rief Rita fassungslos, „bei dir kann sie machen, was sie will!“ Rita schlug ärgerlich mit der Faust auf den Tisch. „Dabei ist Margrit ständig eine Außenseiterin. Ich frage euch, kann sie sich nicht endlich mal anpassen?“
„Du lieber Himmel, was hat sie denn eben Schlimmes gemacht?“, konterte Renate ebenso wütend. „Sie ist nur aufgestanden und gegangen, ja und? Darf sie das nicht?“
„Ja und, ja und!“, äffte sie Rita nach. „Du sitzt hier freundlich lächelnd mit deinem kleinen Kind auf dem Schoß mitten in diesem Lärm und die schnauzt ihre Kinder plötzlich an und geht!“
Renate öffnete gerade den Mund, um wieder etwas zu entgegen, als Paul beschwichtigend mit beiden Händen herumwedelte. „Ich geh mal nach ihr Ausschau halten, bringe Margrit einfach wieder hierher, okay?“, mühte er sich, die erhitzten Gemüter weiter zu beruhigen.
Und dann lief er auch schon durch den Saal, in dem es keineswegs leiser geworden war, Richtung Tür.
„Aber, wenn die Loteken hier die Macht ergreifen, wird es dann leichter für uns werden?“, hörte er noch Renate Eberhardt fragen.
„Renate, was hast du gegen die Loteken?“, fragte Eberhardt zurück. „Wenn du dich über die Jisken aufregen würdest, das könnte ich ja noch verstehen, aber bei denen ...“
„Wir wissen doch im Grunde fast gar nichts, weder über die eine noch über die andere Gruppe“, erklärte jetzt auch Rita besorgt.
„Ich glaube, Chiunatra ist ganz in Ordnung!“, erklärte Bernd.
„Ich glaube auch, dass Loteken im Gegensatz zu den Hajeps ziemlich idealistisch denken“, knurrte Chan-Jao. „Sie wollen zurück zur Natur, habe ich mir sagen lassen. Ist das denn ein Verbrechen?“
„Wenn Zarakuma eines Tages von Chiunatra erobert werden würde“, Eberhardt strahlte dabei über das ganze Gesicht, „hätten wir vielleicht sogar endlich Frieden!“
„Und woher kommt diese plötzliche Begeisterung für die Loteken?“, murmelte George und nahm dabei noch eine Kelle Hühnerbrühe aus jenem Topf, der direkt vor ihm auf einem Brett stand. „Ich für meinen Teil habe immer wieder gehört, dass gerade Loteken die brutalsten und rücksichtslosesten Außerirdischen sind, die wir kennen.“
„Mir sind allerdings auch einige Fälle bekannt, wo gerade Loteken sehr schlimm gewütet haben“, räumte Martin nachdenklich ein.

Kapitel 17

„Ach, da bist du ja!“, brummte Paul erleichtert, als er Margrit endlich in der Küche entdeckt hatte.
„Ja Paul, ich will mich hier ein bisschen nützlich machen!“ Sie schäumte gründlich den großen Suppentopf ein. „Quasi aus einem Schuldkomplex heraus mache ich das jetzt, denn ich habe vorhin zwei Brotscheiben für meine Kinder aus der Speisekammer geräubert, da Julchen und Tobias plötzlich doch wieder Hunger bekommen hatten.“ Sie lachte sarkastisch. „Ausgerechnet ich war hier am Klauen! Wo ich doch immer dieje¬nige war, die den Kindern tagtäglich eingehämmert hatte, dass sie nur ja nicht ...“ Sie brach ab und wrang dabei den Lappen aus. „Na ja, so ändert man sich!“
„Du hast Recht, schön ist das nicht gerade von dir, vor allem, weil Brot knapp ist! Aber ich habe das nicht gehört!“
Sie nickte und nahm sich die Bratpfanne vor.
„Und die Kinder lässt du nun deshalb alleine?“, fragte er mit einem vorwurfsvollen Unterton. „Ich denke, es war dir immer so wichtig, sie in deiner Nähe zu haben!“
„Ach, sie spielen gerade mit Munk ´Fang den Ball´ ... na ja, er macht manchmal ´beiß in den Ball´ daraus, aber da kann man nichts machen!“
„Das meinte ich nicht! Ich finde nur, dass du in letzter Zeit ziemlich wenig auf sie aufpasst!“
„Ich kann ihnen nicht immer die Hand halten, Paul!“
„Sehr schön zynisch! Warum kannst du nicht auch mal nett Margrit?“
„Bin ich das denn nicht?“, fragte Margrit nun ehrlich erstaunt.
Da kamen auch schon die anderen, jeder mit seinem Geschirr, in die Küche. „Hallo Margrit, bist du denn heute an der Reihe mit abwaschen?“, fragte Renate erstaunt und legte ihren Löffel und den Teller ins geräumige Waschbecken, wo beides zwischen kleinen Schaumkrönchen im Wasser versank. Babette, eine kraushaarige Mulattin, schaute gelangweilt zu. Sie war heute eigentlich mit dem Abwasch dran, aber bitte, wenn Margrit wollte, ließ sie ihr gerne den Vortritt.
„Och, da ist nichts weiter, als dass sich unsere Margrit wieder in den Vordergrund spielen möchte!“, erklärte Rita, ließ ihren Teller gleichfalls ins Abwaschwasser rutschen und stellte noch eine Tasse dazu.
„Das kann sie doch ruhig“, meinte Babette, schief grinsend.
„Kommt überhaupt nicht in Frage!“, erklärte Martin, der das gesamte Geschirr seiner Freunde in den Händen hielt. „Bitte Margrit, du bringst unseren Plan hier nicht durcheinander, weil ...“
„He Leute, los!“, wurde er plötzlich von hinten unterbrochen.
Alles schaute sich verdutzt um.
„Kommt! Schnell!“ Chan-Jao steckte den hochroten Kopf zur Tür hinein. „Oh, ooooouh!“, ächzte er. „Nun guckt doch alle nicht so deppert, kommt lieber!“ Chan-Jao schien ganz außer sich zu sein. „Also, das müsst ihr mit eigenen Augen sehen!“, schnaufte er weiter völlig hirnrissig.
„Moment!“, knurrte Martin. „Atme erst einmal tief durch und dann sagst du uns in aller Ruhe, was passiert ist, okay?“
„In aller Ruhe?“, ächzte Chan-Jao.
„Sehr richtig!“, brummte auch Paul.
Chan-Jao riss sich also zusammen und sagte dann ganz langsam und superdeutlich: „Stellt euch vor, Erkan und Gesine sind gerade wiedergekommen!“
„Neiiiiin!“, kreischte alles laut auf.
„Doch, doch! Die beiden haben gestern beim Seppel übernachtet, na, ihr wisst doch, das ist der Grott, unser neuer Kohlbauer, nachdem sie Diguindi dort abgesetzt hatte und Sepp Grott hat dann Adrian Bescheid gegeben, als der gerade Richtung Randersacker unterwegs gewesen ist und ...“
„Moment, Moment! Ein Diguindi hat also unsere Gesine und den Erkan ...?“ Martin beleckte sich vor Aufregung die Lippen. „Nein, das kann ich nicht richtig verstanden haben!“
Der letzte Satz Martins war allerdings bereits nicht mehr gehört worden. Unter lautem Jubel hatten sich die Guerillas an ihm vorbeigedrängt und liefen nun Chan-Jao hinterher, der in einem fort lachte und dabei fassungslos den Kopf schüttelte.
„He? Wo geht es denn jetzt hin, Chan?“, rief ihm Martin hinterher, doch er musste seine Frage bei diesem Lärm immerzu wiederholen. Schließlich gab er es auf und setzte sich ebenfalls in Bewegung.
Paul wollte auch los, doch Margrit hielt ihn beim Ärmel. „Oh Gott, Paul, kann man denn so etwas Verrücktes glauben?“
„Werden wir ja sehen! Los komm!“, meinte er nur.
So folgte ihm Margrit mit skeptischer Miene. Die Maden hatten sich im Salon versammelt, denn man hörte schon von Weitem den beträchtlichen Lärm, da wohl die Tür offen geblieben war.
Mann, war da vielleicht ein Jubel! Margrit staunte, aber zwischendurch wurde es auch wieder ganz still. Also erzählten die Heimkehrer schon so einiges. Dabei mussten ihre Berichte wohl ziemlich seltsam für die Umstehenden klingen, denn Margrit meinte, ab und an verdutzte Ausrufe zu hören. Manch einer lachte sogar völlig hirnrissig los und nun tönten sogar Pfiffe immer wieder dazwischen, während ziemlich aufgeregt weiter berichtet wurde.
Seltsamerweise erschien es Margrit, als wäre es nur die Stimme von Erkan, die sie heraushören würde. Das hätte sie nicht weiter gewundert, wenn Gesine eine schweigsame Natur besäße, aber gerade deren Mundwerk pflegte in letzter Zeit selten still zu stehen, besonders dann nicht, wenn sie etwas Aufregendes erlebt hatte.
Also schob sich Margrit dicht an die Menge heran, um an den Schultern vorbei nach vorne zu blicken. Es war hier so voll, dass man auch noch im Türrahmen dicht gedrängt stand und so hatte Margrit keine Übersicht.
Paul war geschickter als Margrit gewesen und war schon ein Stück weiter im Saal.
„Wo steht hier Gesine?“, fragte Margrit darum Eberhardt, der sich genau vor ihr befand und einen langen Hals machte wie sie, um die beiden Heimkehrer in der Menge zu entdecken.
Er zuckte genervt die Schultern. „Na ja, Gesine kam in einem nicht gerade sehr guten Zustand zurück, hat getaumelt, sich in ihre Kammer zurückgezogen und bis jetzt niemanden zu sich gelassen.“
„Und?" Margrits Augen bekamen einen entsetzten Ausdruck.
„Na ja, sie weint pausenlos, will mit niemandem sprechen, hat irgendwie einen Nervenzusammenbruch oder so, war ja schon immer ein wenig hysterisch!“
„Sie hat einen Nervenzusammenbruch?“, schnaufte Margrit entgeistert.
Er nickte.
„Na, ihr seid mir vielleicht gut!“, rief sie aufgebracht. „Habt ihr so wenig Interesse aneinander? Seht ihr jetzt nur noch euch selber? Da lassen wir hier Erkan stundenlang quasseln und niemand kümmert sich um Gesine! Wer weiß, was mit ihr geschehen ist, was die Hajeps mit ihr angestellt haben?“
„Na und?“ Eberhardt zuckte wieder teilnahmslos mit den Schultern. „Wir haben Krieg, soll sich doch jeder freuen, wenn er es kann! Erkan erzählt so lustig, da macht es einfach mehr Spaß zuzuhören als einer jammervollen Gesine! Hast du schon mitgekriegt, was dem alles passiert ist?“
„Nee Eberhardt, weißt du, das interessiert mich jetzt einfach nicht!“ Sie warf ihr Haar nach hinten und wendete sich um, weil sie gehen wollte.
„Oho, die heilige Margrit“, rief ihr Eberhardt trotzdem spöttisch hinterher. „He, hast du das gerade gehört?”
„Nein!“, murrte sie.
„Wow, manchmal bekam Erkan sogar drei von diesen heißen Hajepas auf sein Zimmer geschickt!“
Margrit wendete sich nun zu ihm um. „Nanu? Wozu brauchte denn Erkan drei Hajepas?“
Da lachten die meisten der Männer, die vor ihr standen und ihre Blicke wanderten jetzt ziemlich anzüglich über Margrits hübsche Figur.
Margrit wurde knallrot und sagte dann möglichst kühl: „Hab schon verstanden ... also deswegen nur!“
„Das darfst du ruhig Sex nennen!“, grinste Eberhardt.
„Pah!“ Margrit wendete sich mit hoch erhobener Nase auf dem Absatz um und sah zu, dass sie schnellstens von hier wegkam.
„Margrit ist nicht nur eine Heilige“, brüllte ihr Eberhardt dennoch hinterher, „sondern wohl auch noch Jungfrau!“
Da lachte fast der ganze Saal. Nur Erkan, der mitten in der Menge stand, konnte das nicht verstehen. Warum lachten denn alle diese junge Frau aus?
Margrit war noch heißer im Gesicht geworden, denn ein merkwürdiger Gedanke war ihr bei Eberhardts letzter Bemerkung gekommen – peinlich, peinlich! Konnte sie tatsächlich wieder Jungfrau geworden sein? Verdammt, sie beschloss, bei nächster Gelegenheit nachzuschauen.
Paul sah trotz der vielen breiten Schultern, die ihn umgaben, wie Margrit fortlief. Sie schien sehr unsicher, fast verzweifelt zu sein und so bahnte er sich einen Weg durch die Menge. Schon hatte er sie eingeholt und fragte, wohin die denn wolle.
„Margrit“, sagte er schließlich, nachdem sie ihm alles ziemlich zornig erklärt hatte, „wann wirst du endlich aufhören, dich ständig als Gesines Mutter aufzuspielen.“ Er tätschelte ihr begütigend die Wange. „Du hast das doch nicht nötig, hast zwei kleine Kinder, die dich dringend brauchen, das genügt!“
„Und nun wirst du mir noch sagen, was ich zu tun und zu lassen habe, ja?“
„Das nicht, aber du machst dich damit nur lächerlich! Gesine braucht keinen Halt. Sie hat eine große Klappe, ist dreist und rücksichtslos und außerdem scheint sie bereits zu wissen, was Sex ist und sie ist ...“
„... im Grunde ihrer Seele total verunsichert, Paul! Sie war ein Straßenkind wie meine beiden Kleinen und nun musste sie seit über drei Monaten in Zarakuma vielleicht wer weiß was durchmachen!“
„Das war nicht wer weiß was, wie du es nennst, sondern die Hajeps haben vor, eine neue Spezies entstehen zu lassen und ...“
„So etwas Ähnliches haben wir uns bereits gedacht! Aber merkwürdig ist das schon, weil ich bisher immer dachte, dass uns Hajeps verachten würden!“
„Anscheinend waren sie darüber wohl geteilter Meinung.“ Paul zuckte verwirrt mit den Schultern. „Wusstest du, dass die Hajeps auf ihren Eroberungszügen schon immer versucht haben sollen, von den Völkern fremder Planeten Erbsubstanzen in ihre eigene zu verpflanzen? Da sie aber fürchteten, die schlechten Charakterstrukturen der Menschen dabei versehentlich in die Gene des zukünftigen Volkes zu übernehmen, versuchten sie erst einmal, nur Organe, Zellen und Gehirnteile von uns zu entnehmen und in ihre eigenen Körper zu verpflanzen. So hat es uns Erkan jedenfalls gerade geschildert!“
„Was der so quatscht!“ Margrit machte eine wegwerfende Handbewegung. „War der nicht schon immer ein prächtiger Märchenerzähler?“
„Das schon, aber wie der das uns diesmal geschildert hat! Hört sich wirklich überzeugend an.“ Paul rubbelte dabei nachdenklich an seiner Nase herum.
„Also, Erkan und Gesine wurden nur deswegen entführt, weil die Hajeps tatsächlich sozusagen ein Männlein und ein Weiblein zum ... äh ...“
„Vögeln, poppen, bummern und so weiter brauchten! Ja, du darfst das alles ruhig aussprechen Margrit. Was ist nur plötzlich mit dir los?“
„Aber eigentlich ist das doch irgendwie eine reichlich primitive Maßnahme, um zu Genmaterialien für ein neues Volk zu gelangen, findest du nicht?“
„Wohl noch immer die effektivste!“ Paul grinste. „Denn dumm scheinen mir Hajeps nicht gerade zu sein!“
„Aber Hajeps haben sicher noch ganz andere Möglichkeiten um ... ach, lass mich jetzt durch, ich will endlich zu Gesine.“ Sie schuppste Paul ziemlich unsanft zur Seite und begann, noch schneller durch den langen Flur zu laufen.
Paul jagte ihr nach einigem Zögern hinterher. „He, Margrit!“, brüllte er. „So warte doch“, und fügte kleinlaut hinzu, „ich komme ja mit!“

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Kurz darauf entdeckte er Margrit, wie sie offensichtlich bemüht war, Gesines neue Tür mit ihren Fäusten zu zertrümmern.
„Gesine, mach mir auf!“, hörte er sie mit ihrer dunklen Stimme rufen. „Ich bin es doch nur, zum Donnerwetter, die Margrit! Und es hat gar keinen Zweck, wenn du dich verbarrikadierst, hörst du? Keinen Zweck, damit löst sich überhaupt kein Problem! Hast du verstanden? Kein Problem!“
„Du meine Güte, lass die Tür ganz!“, lachte Paul und hielt plötzlich von hinten Margrits Fäuste fest.
„Huch Paul!“ Margrit keuchte und hielt sich das Herz. „Hast du mich aber erschreckt!“
„Entschuldige!“, stammelte er betreten. „Das wollte ich eigentlich nicht. Aber seit wann bist du derart schreckhaft?“
„Ach, mir ist eben alles Mögliche und Unmögliche durch den Kopf gegangen, was die Hajeps mit Gesine angestellt haben könnten und da ...“
„Ja, ich weiß, du hast viel Phantasie, ein bisschen zu viel davon, würde ich glatt sagen.“
„Schließlich muss ich wissen, was Owor ... äh ... die Hajeps meine ich natürlich, mit ihr gemacht haben!“
„Ach, und warum musst du das unbedingt so genau wissen?“, hakte er nach, schob Margrit dabei einfach von der Tür weg und baute sich selbst davor breitbeinig auf, damit Margrit nicht mehr dagegen hämmern konnte.
„Na, damit ich ihr helfen kann, natürlich. Gehst du mal zu Seite?“
„Natürlich, damit du ihr helfen kannst!“, wiederholte er näselnd und lehnte sich mit verschränkten Armen gegen die Tür. „Darf man fragen, wie du das anstellen willst?“ Er hüstelte belustigt. „Denn wenn er tatsächlich über sie rübergehuscht sein sollte, wirst du das wohl kaum wieder rückgängig machen können, oder?“
Margrit zeigte ihm nun doch ein ziemlich verdutztes Gesicht.
„Warum muss eigentlich immer Oworlotep für alle Schandtaten zuständig sein, Margrit? Ich habe den Eindruck, dass du es fast willst! Selbst Julchen und Tobias kennen inzwischen seinen Namen, haben mir den mit großen, erschrockenen Augen erst neulich verraten! ´Owi´ hat mir Julchen heute wieder zugeflüstert. Findest du das gut? Ich warne dich, solche Wünsche können zu einer fixen Idee werden!“
„Also, nun hört doch alles auf!“, zischelte Margrit. „Warum sollte ich mir denn wünschen, dass Oworlotep schlecht ist?“
„Weiß nicht!“ Paul schaute nun auch so traurig drein wie Margrit. „Vielleicht, damit du deine Weigerung, nach Zarakuma zu gehen, vor dir selbst mit seiner Gefährlichkeit rechtfertigen kannst.“
Margrit wurde bei diesen Worten ein bisschen blass um ihre Nase. Ihre Lippen zuckten, aber sie brachte keinen Ton hervor. „Willst du das denn auch haben?“, fragte sie sehr leise und ängstlich. „Dass ich mich für euch opfere und nach Zarakuma gehe?“
„Nein! Natürlich nicht!“, knurrte er verdrießlich. „Und ich glaube, der Günther meint das auch eher als Scherz! Ist schon ein komischer Kauz!“ Paul verzog das Gesicht. „Aber dich scheint dieses Thema irgendwie zu belasten!“
„Unsinn! Denke überhaupt nicht daran!“, erwiderte sie nach einer kurzen Pause, schob ihn brüsk zur Seite und lehnte dann ihr Ohr gegen die Tür.
„Komisch, da ist aber auch rein gar nichts zu hören!“, ächzte sie beunruhigt.
„Na, wahrscheinlich schläft sie inzwischen ganz selig!“, bemerkte er. „Das wäre wohl das Schärfste, wo wir uns hier solch einen Kopf über sie machen!“
„Ach Quatsch, Gesine antwortet und nur nicht, weil ... hm, sag mal“, fragte Margrit plötzlich und wendete ihr Gesicht wieder Paul zu, „hat das Experiment mit Erkan und“, sie schluckte, ehe sie weitersprechen konnte, „Gesine denn geklappt?“
„Weiß nicht! Du hast mich ja nicht weiter zuhören lassen!“, mokierte er sich seufzend.
„Gesine ... he?“ Margrit legte wieder ihr Ohr an die Tür. „War ja nur eine Frage!“, erklärte sie ziemlich kleinlaut ganz nebenbei. „Gesine, also nun sag doch mal endlich was, bitte!“
„Weißt du was, die ist überhaupt nicht mehr in ihrem Zimmer!“, entfuhr es Paul aus einer inneren Eingebung heraus. „Hat hinter sich abgeschlossen und sitzt längst wieder bei den anderen im großen Salon!“
„Meinst du? Du kannst einen aber echt verunsichern! Ach komm, du willst in Wahrheit nur wieder zurück, weil du Angst hast, das meiste“, Margrit machte dabei kleine, boshafte Augen, „von Erkans schwei¬nischen Sexgeschichten zu versäumen, richtig?“
„Ach, und sich dann über Menschen aufregen, die anscheinend nur Schlechtes über andere denken!“, mokierte sich Paul grinsend, aber Margrit war geistig wohl schon wieder mit Gesine beschäftigt, denn sie starrte jetzt sehr konzentriert die Tür an.
„Vielleicht ist es nur so still dahinter, weil sich Gesine etwas angetan hat? Du lieber Himmel, was machen wir dann?“, kreischte Margrit plötzlich erschrocken los und Paul seufzte deshalb abermals.
„Okay“, knurrte er, da er wieder mal Tränen in Margrits Augen schimmern sah, „ich werde jetzt einfach diese ziemlich liederlich Tür rammen!“, erklärte er, nahm dabei auch schon einen gewaltigen Anlauf und warf sich mit seinem ganzen Gewicht dagegen, kam mit dem Ellenbogen dabei gegen die Klinge, drückte die runter und die Tür sprang überraschenderweise auf.
Der Schwung war dermaßen groß, dass Paul sich um sich selbst drehend nicht nur in Gesines Zimmer hineinwirbelte, sondern er stolperte auch über einen kleinen Hocker, der im Wege war und kam schließlich direkt neben Gesine zu Fall, die völlig verheult bäuchlings auf ihrer Matratze lag.
„Nanu?“, ächzte Gesine erschrocken. Sie hatte die verquollenen Augen weit aufgerissen, blickte über ihre Schulter hinweg, denn sie erkannte Margrit nicht wieder.

Ende
des fünften Bandes

Fortsetzung folgt:
 
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Kommentare  

Ich bin futsch und hin. Welch eine tolle Serie.Witzig und gleichzeitig wahnsinnig spannend. Und wie gehts nun weiter?

Evi Apfel (08.06.2019)

Ein sehr gelungener Schluss von Band Fünf. Es hinterlässt Spannung, man befürchtet das Schlimmste. Auf der anderen Seite aber wachsen die Hajeps einem immer mehr ans Herz, vor allem Oworlotep.

Marco Polo (04.06.2019)

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