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11 Seiten

Das Licht der Hajeps Band 6 / Zarakuma - Kapitel 1 u. 2

Romane/Serien · Fantastisches
© Palifin
Kapitel 1

„Och, das ist nur Margrit!“, schnaufte Paul und kam leise ächzend erst einmal nur mit dem Kopf hoch. Hatte er sich bei diesem schlimmen Sturz auch nichts gebrochen? Alles tat ihm weh! „Die ist jetzt verjüngt!“ Paul ließ den Kopf wieder nach hinten fallen, leider zu abrupt, denn der Boden war recht hart und er betrachtete den verärgert.
„Verjüngt?“, echote Gesine ungläubig und setzte sich auf, dabei putzte sie ihre rote Nase mit einem großen Tuch. „Wie soll denn so was Verrücktes passiert sein?“ Sie trompetet in das Tuch. „Nee, anschmieren lass ich mich von euch nicht! Also, heraus mit der Sprache, wer bist du wirklich?“
„Ich bin ...“, begann Margrit.
„Aber irgendwie kommst du mir jetzt doch vertraut vor!“ Gesine verstaute das Tuch unter der Matratze und starrte Margrit unentwegt an.
„Na, ich bin ja auch ...“, begann Margrit von neuem.
„Lass mich raten! Du bist Margrits kleine Cousine und hast daher auch so eine ähnliche Stimme, richtig?“
Paul lag immer noch auf dem Boden, schmerzerfüllt keu-chend. Er verschränkte dabei die Arme im Nacken, damit sein Kopf weicher lag. Er war gespannt, wie Margrit als Psychologin mit solch einer verrückten Situation klar kommen wollte.
„Äh, ich bin eigentlich ...“
„Na, dann sonst was Verwandtes. Solch eine Ähnlichkeit gibt es doch sonst gar nicht. Und wie alt bist du?“, fragte sie in einem Atemzug. „Nein, lass mich schätzen … mindestens zwei Jahre jünger als ich, stimmt’s?“
„Hm ... sagen wir mal so zweiundzwanzig?“, erklärte Margrit und klimperte ein wenig hektisch mit ihren frisch gewachsenen Wimpern.
„Nein! So alt schon?“, rief Gesine fassungslos. „Das hätte ich nun wirklich nicht gedacht! Aber egal! Mach es dir hier ruhig gemütlich!“ Gesine wies mit einer einlandenden Handbewegung neben sich und Margrit nahm, wenn auch etwas zögerlich, auf der Matratze Platz.
„Dazu muss ich dir sagen, dass ich mich mit der Margrit, also mit dieser alten Schachtel überhaupt nie richtig gut verstanden habe!“
„Aach?“, ächzte Margrit erstaunt und Paul kicherte.
„Na ja, war eben viel zu besserwisserisch! Darum hatte ich mich auch erst hier eingeschlossen, weil ich wusste, dass genau die ganz bestimmt wieder angewetzt kommen wird, aber als ich auch Paul hörte, habe ich doch aufgeschlossen!“ Gesine warf dabei einen flüchtigen Blick nach Paul, der gerade vorsichtig sein Bein bewegte, um zu überprüfen, ob es wohl gebrochen war, denn es hatte darin ziemlich heftig gepiekt. Er stöhnte herzzer-reißend, damit Margrit es auch hörte.
„Aber komisch, ihr habt beide so lebhaft miteinander gequatscht, da hat das mit dem Aufschließen wohl keiner von euch bemerkt!“, stellte Gesine verwundert fest und nicht nur Margrit, auch Paul machte ein verdutztes Gesicht.
„Und was wolltet ihr nun hier bei mir?“
„Wir haben uns nur ein bisschen gewundert“, erklärte Margrit jetzt leichthin, „dass du sofort auf dein Zimmer verschwunden bist, ohne irgendjemanden zu begrüßen! Denn Erkan ...“
„Ja, Erkan!“, fauchte Gesine jetzt wütend und verzweifelt. „Der hat gut reden, hat ja auch nicht all das durchmachen müssen, was ich ... ach ... aaach ...“ Gesine nahm das kleine Strohkissen von der Matratze und wieder erfasste sie ein heftiger Weinkrampf.
„Weißt du“, entfuhr es jetzt Margrit aus einer inneren Einge-bung heraus, „ich kann die Margrit auch nicht leiden!“
„Du auch nicht?“ Gesines Kopf fuhr überrascht wieder hoch. „Und George hält immer sooo große Stücke von der!“
„Findest du?“, ächzte Margrit erstaunt, wurde jedoch ein bisschen rot.
„Aber Margrit ist ja inzwischen nicht die Einzige, auf die George steht!“, verriet Gesine weiter.
„Hat der denn jetzt noch eine?“
„Klar, die komische Hajepa von neulich. Da kriegt er immer ganz glänzende Augen, wenn er von der redet.“
„Verstehe, auch so eine Tussi!“
„Richtig, der steht nämlich nuur auf Tussis! Aber, ich brauche den George nicht! Nie mehr! Weil, ich hatte jetzt ganz viel Sex!“ Und schon warf sich Gesine wieder bäuchlings auf ihre Matratze und schluchzte zum Gotterbarmen weiterhin in ihr Kissen. „Aaach, ihr glaubt ja gar nicht, was ich so alles in Zarakuma durchgemacht habe!“, tönte es ziemlich undeutlich aus dem Kissen hervor.
Margrit war zutiefst erschüttert. „Tja, was kann man da am besten machen?“, fragte sich Margrit deshalb selber laut.
,,Na, vielleicht mein Bein schienen?“, schlug Paul jetzt sehr nachdenklich vor.
„Was genau ist dir denn eigentlich passiert?“ Margrit klopfte Gesine dabei ermunternd auf die Schulter. „Komm, sag es mir ruhig, vielleicht fühlst du dich dann besser!“
„Na, das weißt du doch“, erklärte Paul, weiter tief in Gedanken. „Ich bin gestürzt und da ...“
„Manchmal muss man im Leben eben Schweres durchste-hen!“ Margrit legte Gesine nun beruhigend beide Hände auf die zuckenden Schultern.
Gesine nickte und Paul sagte, während er sich mit schmerz-verzerrter Miene bemühte, wieder hoch zu kommen: „Na ja, es ist ja wohl noch mal gut gegangen!“
„Wie kann ich dir nur helfen?“, erkundigte sich Margrit wei-terhin ratlos. „Vielleicht sollten wir doch lieber unseren Arzt holen“, wisperte Margrit Gesine ins Ohr. „Soll der kommen?“
„Das ist nett.“ Paul rieb sich, inzwischen wieder fest auf den Beinen stehend, vorsichtig seinen rückwärtigen Körperteil. „Aber wird wohl nicht nötig sein!“, wehrte er verschämt grinsend ab. „Gebrochen ist nichts!“
„Paul“, schnaufte Margrit wütend, „ich meine doch nicht dich, sondern Gesine! Kannst du dir das nicht denken?“
„Denken?“ Er schaute verdutzt und ein bisschen eifersüchtig drein, dann brach er in schrilles Lachen aus.
„Paul, du hast wirklich kein Gefühl! Sie hat einen schweren Schock durch dieses Erlebnis.“
„Ach, und woher weißt du, dass sie wirklich so sehr ge-schockt ist? Erkan ist sehr zufrieden gewesen!“
„Ja, der Erkan!“, schluchzte Gesine wieder verzweifelt, bohrte ihr Gesicht noch tiefer ins Kissen und die Schultern zuckten noch wilder als bisher.
„Also Paul!“, schimpfte Margrit. „Jetzt sieh dir doch mal an, was du schon wieder angerichtet hast! Himmel, du merkst aber auch gar nichts!“
„Was sollte ich denn merken?“
Margrit beugte sich vor und wisperte Paul zu: „Es sieht alles danach aus, dass sie mehrmals vergewaltigt worden ist.“
„Ach“, entfuhr es Paul skeptisch, „und woran siehst du das?“
„Waren es mehrere Männer oder nur einer?“, fragte Margrit Gesine möglichst beiläufig.
Gesine schnäuzte lautstark wieder in ihr großes, tränendurchränktes Taschentuch. „Nein, ich glaube ... äh ... also ...“
„Mein Gott!“, bemerkte Paul fassungslos. „Weiß sie noch nicht einmal genau, wie viele Kerle es waren?“
„Ganz gleich, wie viele es gewesen sind und was sie mit dir taten“, bemerkte Margrit jetzt mit fester, ruhiger Stimme, „denke immer daran, dass sie unwissend waren, weil sie durch das Leben verroht worden sind!“
„Unwissend“, säuselte Paul mit affektierter Stimme. „Wie niedlich!“
„Aber es war nur einer!“, keuchte jetzt Gesine.
„Das ist schon etwas besser, trotzdem ... gaanz ruhig bleiben!“, wisperte Margrit. „Auch eine Vergewaltigung kann man ohne schlimme Schäden überleben.“
„Hat es nicht eben geklopft?“, krächzte Gesine und richtete sich wieder auf. „Komm rein, ist offen!“, sagte sie fast im glei-chen Atemzug.
Sofort erschien Georges Kopf hinter der halbgeöffneten Tür. Er nickte freundlich sowohl Margrit als auch Paul zu und dann musterte er aufmerksam Gesine, der dabei eine leichte Röte ins Gesicht stieg. „Hallo Gesine, störe ich?“
„Nein, nur ein bisschen!“, erwiderte sie und die Röte in ihrem Gesicht vertiefte sich noch mehr.
„Na, so lange es nur ein bisschen ist ...“ George lief mit ausgebreiteten Armen auf Gesine zu.
„Herzlich willkommen daheim!“, brummelte er, drückte dabei das Mädchen zärtlich an sich und gab ihr einen Kuss auf die Wange. „Willst du nicht mit uns kommen und dich wie Erkan feiern lassen?“
„Erkan?“, ächzte Gesine und machte sich zornig von George frei. „Nein, ich komme nicht mit!“
„George, du darfst diesen Namen nicht erwähnen“, raunte ihm Margrit nervös zu.
„Sonst kriegt Gesine Weinkrämpfe!“, fügte Paul in affektierter Tonlage hinzu. „Hier ist nämlich gerade eine Psychologin am Werk!“ Und dann kicherte Paul leise quietschend in sich hinein.
„Was, du bist auch Psychologin wie deine Cousine?“ Gesine warf Margrit einen verdutzten Blick zu.
„Ach, dann will ich nicht weiter stören!“, erwiderte George zu Pauls Überraschung ziemlich ernst. „Komm Paul, gehen wir doch einfach! Gesine kann ja nachkommen, wenn die Sache geklärt ist!“ George grinste Gesine nochmals freundlich zu und lief wie-der Richtung Tür.
Paul kam ihm kopfschüttelnd und noch immer in sich hinein-glucksend hinterher geschlendert. Dabei schien ihm plötzlich etwas anderes eingefallen zu sein, denn er blieb stehen und fragte George neugierig: „Stimmt das wirklich mit dem fürchterlichen Gendefekt, den die Hajeps haben sollen?“
„Scheint so!“, erwiderte George und wendete sich nach ihm um. „Aber die Erde ist nicht deswegen erobert worden, weil Hajeps wieder mal versuchen, mit den Genen eines fremden Volkes zu züchten. Hajeptoan ist überbevölkert, ebenso der Nachbarplanet Jisk und es gibt nur wenige Planeten, die so günstige Lebensbedingungen aufweisen wie unsere Erde!“
„Dann sieht es ja immer noch nicht gut für uns aus!“
„Es ist noch nie gut gewesen, Paul!“
Und dann waren sie auch schon zur Tür hinaus.

Kapitel 2

„Und nur wegen diesem dämlichen Gendefekt“, begann Ge-sine, musste aber abbrechen, weil ihr schon wieder die Tränen gekommen waren, „musste ich das alles durchmachen!“
„Hat es denn sehr weh getan?“, erkundigte sich Margrit mitleidig.
„Eigentlich nicht ... na ja ... vielleicht ihm?“ Gesine wischte sich dabei nachdenklich die Nase trocken.
„Äh ... was sagtest du doch gleich?“, hakte Margrit etwas irritiert nach.
„Hast du doch gehört! Ihm könnte die Vergewaltigung vielleicht doch etwas weh getan haben. Ich habe mich auf ihn gestürzt wie ein Tier!“ Gesine machte ein schuldbewusstes Gesicht und dann trompetete sie wieder in das riesige Tuch. „Aber er hat ja auch einen solch süßen Körper, sage ich dir, und dann der Blick dieser Augen ... aaach!“, schniefte Gesine. „Ich werden ihn nie vergessen ... niiie!“, hörten Margrits überraschte Ohren. Unauffällig stocherte sie deshalb in beiden herum. Hatte sie plötzlich einen Hörschaden? Sie holte tief Atem.
„Hattest du eben etwa von einem Hajep geschwärmt?“
„Ja klar, von was sonst? Weißt du, Erkan und ich wurden erst einmal gründlich von Howanen, das sind Assistenzärzte der unteren Kasten, untersucht. Aber es gibt auch Asabs, dass sind die der höheren. Die zeigten sich auch ab und an. Und dann bekam er verschiedene Partnerinnen und ich verschiedene Partner zugeführt. Sie stammten übrigens alle aus der Kaste der Kutmats. Es ist die unterste der Hajeps und ...“
„Die Hajeps haben also wirklich ein Kastensystem, wie George schon immer vermutet hatte?“
„Ja, ein sehr strenges sogar. Kutmats heißt übrigens Schmutz. Es sind ´wertlose´ Männer und Frauen dieses Volkes, aber niemand wird in irgendeine Kaste hineingeboren, sondern nur immer weiter nach unten sortiert, je schlechter er im Laufe seines Lebens funktioniert.“
„Aber umgekehrt geht es dann wohl auch?“
„Du meinst, wenn einer gute Fähigkeiten entwickelt, dass er dann aufsteigt? Schwer! Wenn er ganz unten war, hat er einen schlechten Ruf. Darum bringen sich auch viele Hajeps um, ehe sie so tief hinabsinken!“
„Komisch, warum wurden euch gerade aus solch einer Kaste Partner zugeführt?“
„Es ging erst einmal darum, ob sich Menschen mit Hajeps überhaupt paaren und weitervermehren können!“
„Ach, sowohl ihr als auch diese armseligen Hajeps solltet also erst einmal getestet werden.“
„Genau, natürlich haben die Howane dabei auch versucht, uns zu klonen, unsere DNA-Sequenzen mit den Genen der Hajeps in Retorten zu verbinden und so weiter, all solch verrück-ten Sachen.“ Gesine zuckte mit den Schultern. „Ich habe von solchen Dingen keine Ahnung, aber sie haben unglaublich viel mit uns in den Laboren angestellt. Doch mit diesen komischen Hajeps ins Bett wollte ich nicht. Ich habe so lange herumgeheult, bis meine Weigerung dem Agol zugetragen wurde.“
„Sagtest du Agol?“
„Ja, wieso? Er stammt übrigens aus der höchsten Kaste, der Jastra, und der fand Stress beim Sex für die Vermehrung nicht gut und so durfte ich wählen. Ich bestellte diesen süßen Soldaten ...“
„Also einen Jimaro!“
„Richtig, einen Jimaro, den man zu meiner Bewachung abkommandiert hatte, auf mein Zimmer, der darüber völlig perplex war, und dann kam die Sache mit der Vergewaltigung.“ Gesine grinste schon wieder verstohlen. „Na ja, sonst hätte es doch mit uns Zweien nicht geklappt! Du glaubst ja nicht, wie schüchtern Hajeps in Wahrheit sind!“
„Äh, was sagtest du doch gleich?“
„Schüchtern, sagte ich! Du hörst irgendwie nicht gut, was? Aber hinterher, da hat er natürlich richtig gewollt!“ Gesine, warf sich das Haar in den Nacken und kicherte. „Tu pisst wonderschon, hat er immer wieder zu mir gesagt.“ Ihre Augen bekamen einen verträumten Blick. „Du wirst dich vielleicht wundern, aber das war das erste Mal, dass ein Mann so was zu mir gesagt hat. Mein ganzes Leben lang war ich doch für alle nur das lästige, nervige, kleine Ding. Und dann meinte er noch allen Ernstes in seinem gebrochenen Deutsch: „Bine mirr zischerr, dasse du pisst einer gutter Lumanti!“ Gesine atmete tief durch und ihre Augen glänzten schon wieder selig. „Guter Mensch hat er zu mir gesagt. Stell dir das mal vor, ausgerechnet mir, zu der sagt der so was, wo ich doch immer diejenige war, die mal hier und dort ein bisschen was stibitzt hat!“
„Ja, immer nur ein bisschen!“, knurrte Margrit verärgert und musterte dabei ihre Kette, die Gesine gerade um den Hals hatte.
„Und da wurde ich zum ersten Mal ehrlich und gestand ihm ...“
„Dem Hajep?“
„Wem sonst? Dass ich eine diebische Elster wäre!“
„Und was sagte der Hajep dazu?“
„Er wüsste zwar nicht, was eine Elster wäre, aber das mit dem diebisch kenne er!“
„Nein!“ Margrit schüttelte verdutzt den Kopf.
„Doch, doch, er zählte mir auf, was er sich alles im Laufe seines Lebens zusammen geklaut hätte ... oh, es war eine lange Liste!“ Gesine kicherte und es kamen ihr dabei erneut die Trä-nen. „Ich erklärte ihm danach, dass ich keine Eltern gehabt hätte, woraufhin er mir verriet, dass er zwar nicht wisse, was genau Eltern eigentlich wären, aber er könne sich nicht entsinnen, so etwas komisches je besessen zu haben.“
„Ach!“, rief Margrit verdutzt.
„Und dann erzählte ich ihm, was ich als Kind alles durchge-macht hätte und er verriet mir, was er so alles erlebt hätte. Weißt du, ich bin wirklich einiges gewöhnt, aber da standen mir doch die Haare zu Berge.“ Gesine musste inne halten, so sehr regte sie das alles noch immer auf. „Seltsamerweise weinte er nicht, wäh-rend er mir das alles berichtete. Es schien, als wäre ihm dabei eine Maske über das Gesicht gefallen und seine Stimme klang ausdruckslos. Ich nahm ihn schließlich in die Arme und ... na ja“, Gesine wurde nun knallrot im Gesicht, „... und dann passier-te es eben noch mal!“
„Das mit dem Vergewaltigen?“
„Ja ... hm ... ich glaube, wir vergewaltigten uns alle beide!“
„Gesine, das ist keine Vergewaltigung!“, schnaufte Margrit jetzt verärgert.
„Ach so? Macht ja nichts!“
„Man kann also sagen, dass dir dieser außerirdische Typ ir-gendwie zugesagt hat.“
„Nicht irgendwie ... seeehr! Er heißt übrigens Munjafkurin!“
„Doch nicht etwa dieser verspielte Typ, der damals nach mir ... äh ... nach Margrit gesucht hatte?“
„Richtig, genau der!“
„Ihr habt euch aber darüber nicht mehr unterhalten?“
„Doch, natürlich, gerade darüber!“
„Oh Gott!“
„Nein, keine Angst, der verrät deine Schwester bestimmt nicht!“, erklärte Gesine mit dem leuchtenden Glanz der Zuversicht in den Augen.
„Aber Munjafkurin kann dir doch auch den diebischen Hajep mit der schlechten Kindheit nur vorgespielt haben, um dich auszuhorchen.“ Margrit schaute nachdenklich zu Boden. „Aber er könnte auch damals so leicht ablenkbar gewesen sein, weil er im Grunde genommen überhaupt nicht daran interessiert war, einen Flüchtling zu finden.“
„So ist es!“, gestand Gesine mit heiserer, aber fester Stimme. „Munjafkurin hat mir erzählt, dass er niemals ernsthaft bemüht ist, Entflohene des hajeptischen Systems wiederzufinden. Aber er ist tatsächlich extrem verspielt, wie fast alle Hajeps, und hat bereits eine kleine Sammlung unterschiedlichster Gegenstände in einer kleinen Kammer neben seinem Zimmer, die er sich nach und nach zusammengeraubt hatte. Er hat mir alles gezeigt, war davon so begeistert wie ein kleines Kind.“
„Verrücktes Volk!“, entfuhr es Margrit. „Sie sind so seltsam wie sie aussehen!“
„Sie sind nicht seltsam!“, fauchte Gesine aufgebracht. „Dieses Volk ist sehr intelligent und der scharfe Verstand spiegelt sich im Ausdruck ihrer Gesichter wieder. Sie haben wache Augen, empfindsame Lippen und wunderschöne Körper. Ich finde sie überhaupt nicht hässlich. Ihr Anblick ist für uns Menschen zwar un-gewohnt, doch wenn du für ein Weilchen mit ihnen zusammen bist, bist du von ihnen begeistert, dann möchtest du am liebsten so sein wie sie!“ Gesine brach ab und seufzte sehnsüchtig.
„Ach, so ein Unsinn!“, zischelte Margrit aufgeregt. „Du hast dich doch hoffentlich nicht in Munjafkurin ... äh ...“
„Doch, habe ich, und das ist ja das Schlimme, weswegen ich hier die ganze Zeit herumheule. Weiß du, ich habe mich schon früher immer so schnell in Jungs verschossen! Und zuletzt habe ich sogar ganz stark auf George gestanden, aber der wollte ja nicht wirklich! Schüttele nicht so den Kopf, das stimmt. Und bei Munjafkurin, da ist alles ganz anders!“ Sie schluchzte schon wieder laut auf. „Es ist so ein irres Gefühl!“ Gesine schlug voller Begeisterung die Hände zusammen. „Nachdem ich Munjafkurin das gestanden hatte, meinte er“, Gesine gluckste dabei wieder in sich hinein, „auch er spüre ein völlig neues, fremdartiges Gefühl. Er habe sogar den Eindruck, ohne mein liebes Lächeln künftig nicht mehr leben zu können ... ja, liebes Lächeln hat er gesagt!“, schniefte sie. „Ich weiß, es ist nicht zu fassen, dass ausgerechnet mich jemand liebt!“ Sie lachte und biss, weil sie Margrits seltsa-men Blick bemerkte, einfach in ihr Taschentuch, um sich nicht so übertrieben zu benehmen.
Margrit starrte Gesine trotzdem noch immer mit offenem Mund an. „Aber weshalb hast du dann vorhin so getobt und ge-weint, wo überhaupt nichts Schlimmes passiert ist? Liebe ist doch kein Grund zum Schluchzen?“
„Wenn man aber unglücklich verliebt ist?“ Gesine zerknüllte das Taschentuch und stopfte es wieder unter die Matratze.
„Unglücklich?“, krächzte Margrit. „Das musst du mir genauer erklären.“
„Na ja, für drei Monate waren wir beide sehr glücklich. Ich durfte immer denselben Partner behalten, obwohl die Howane das nicht gerne sahen und mit Erkan daher viel zufriedener waren als mit mir. Erkan hat sich in dieser Zeit aufgesprochen zickig verhalten. Er versuchte mich fast jeden Tag aufs Neue zum Partnerwechsel zu überreden und hetzte damit die Howane immer wieder gegen mich auf. Aber dann hieß es plötzlich, das ganze Projekt wäre gescheitert, alles hätte keinen Zweck gehabt. Nicht nur Munjafkurin wäre trotz der Hormonzufuhr, die wir jeden Morgen bekamen, Menschen gegenüber steril, auch ich wäre unfruchtbar! Doch man werde nicht aufgeben und sich weitere Menschen nach Zarakuma holen, aber die zur Zucht aus-gesuchten Hajeps und Hajepas dürfen künftig einen Menschenpartner nie länger als drei Nächte bei sich haben, weil sich längere Zeit nicht lohnen würde. Das bedeutete für Erkan und mich, dass wir umgehend Zarakuma zu verlassen hatten und dass Munjafkurin und ich uns nie mehr wieder sehen dürfen!“ Gesine brach wieder in lautes Schluchzen aus und Margrit nahm sie deshalb tröstend in die Arme.
„Ach, das ist also der Grund?“, sagte sie mitleidig.
Gesine nickte und heulte noch lauter und Margrit weinte schließlich sogar mit. „Du arme Maus!“, schniefte sie und streichelte Gesine übers Haar. „Was kann man da nur machen?“
„Ja, das hat Margrit auch immer zu mir gesagt!“, schluchzte Gesine als Erwiderung. „Soll ich dir vielleicht mal mein Taschentuch für deine Nase borgen?“
„Geht schon!“ Margrit wischte mit dem Handrücken darüber. „Aber ... könnten nicht du und Munjafkurin euch auch mal heimlich treffen?“, schlug Margrit vor.
„Geht nicht, heimliche Treffen werden nämlich mit äußerst brutalen Strafen geahndet!“
„Was?“ Margrit blickte Gesine entrüstet an. „Welch ein grausames System!“
„Das sagt Munjafkurin auch immer!“ Gesine wischte sich noch eine Träne von ihrer Wange und dann betrachtete sie die zwei merkwürdig geformten steinernen Stückchen, welche sie zu Margrits Überraschung plötzlich in der Hand hielt. „Was sind denn das für ulkige Dinger?“, murmelte Gesine und drehte und wendete dabei die Stücken nach allen Seiten. „Und was für ein irres Muster da drauf ist!“
„Gesine, hast du die mir etwa eben gemopst?“ Margrit klopfte sich dabei hastig ab, denn sie glaubte, nicht recht gesehen zu haben. „Na klar hast du das!“, fauchte sie jetzt fassungslos.
Gesine zeigte sich unbeeindruckt und betrachtete die beiden Teile. „Eine komische Schrift ist das“, schwatzte Gesine einfach weiter, „und darunter eine schwarze Schlange?“
„Gesine“, Margrits Gesicht leuchtete jetzt zornesrot, „was soll denn plötzlich dieser Blödsinn? Gib mir die beiden Teile wieder her!“
„Nö“, sagte Gesine trotzig, „lass mich die Dinger doch mal weiter begucken. Schade, der dritte Teil, der untere, fehlt. Wer den wohl gerade hat?“ Gesines Augen bekamen dabei einen ver-sonnenen Ausdruck.
„Der kann auch noch immer irgendwo im Wald herum lie-gen!“, murrte Margrit. „So, und jetzt reicht es!“ Margrit langte zu ihr hinüber, um die beiden Teile von Danox wieder an sich nehmen, doch Gesine entwand sich kichernd ihrem Griff, sprang einfach auf und lief damit ein kleines Stück von Margrit fort.
„Gesine?“ Margrit lachte mit ihr, war jedoch irgendwie verstört. „Das ist doch wohl nur ein Scherz, oder? Du kannst mir doch nicht einfach diese Stücke wegnehmen!“
„Siehst doch, dass ich das kann! Ich weiß, das sind die Reste von Danox, von dieser verrückten Wunderwaffe, weswegen Margrit damals eigentlich in unserer Organisation aufgenommen werden sollte. Aber George hat dann schließlich für diese Tussi gesorgt, obwohl die gar nicht mehr das Ding bei sich gehabt hatte. Munjafkurin hat mir Danox ganz genau beschrieben. Danox hat zwar viele Nebenfunktionen, aber über seine wirklichen Fähigkeiten gibt es bisher nur Gerüchte! Das Ding stammt übrigens von Schough! Soll so ein kleiner Planet gewesen sein, auf dem ausschließlich Wissenschaftler lebten und die haben Danox erfunden!“
„Munjafkurin hat dir ...?“ Erschrocken war Margrit nun auch aufgesprungen. „Gesine, sei vernünftig! Gib mir die Stücke wieder!“
„Nö, warum? Selber Schuld, weshalb schleppst du so etwas Kostbares mit dir herum?“
Konnte sie Gesine verraten, dass sie sich durch Danox irgendwie beschützt fühlte? „Ja, dann war das eben dumm von mir!“, räumte Margrit stattdessen ein. „Aber die Hajeps dürfen auf keinen Fall Danox zurückerhalten!“
„Ach, tu doch nicht immer so heilig, Margrit, in Wirklichkeit willst du dir doch nur selbst Vorteile verschaffen.“
„Du hast eben Margrit gesagt!“, stellte Margrit klar und kam nun Gesine hinterher gelaufen. „Also weißt du sehr wohl, wer ich bin, du kleine Lügnerin!“
„Ich habe nicht gelogen, erst war ich mir wirklich nicht im Klaren über dich! Aber du bist ja so typisch immer noch du!“
„Gesine, und wenn ich sonst wer wäre, bei mir ist Danox wirklich gut aufgehoben! Nur darf es niemand wissen! Es muss einen Grund haben, dass dieser kleine Roboter in die Hände von Menschen gelangt ist!“
„Unsinn! Weißt du, dass Munjafkurin und seine Kameraden wegen Danox andauernd die Trowes verfolgen mussten? Ja, guck nicht so! Er gehörte zu einer Einheit unter der Führung Gwenghelestons. Mann, wird der sich vielleicht freuen, wenn er diese Dinger von mir kriegt!“
„Bist du wahnsinnig, Gesine? Außerdem habe ich Danox zu-erst gefunden und so gehören die beiden Teile rechtmäßig mir! Du weißt, dass du die Gesetze der Untergrundorganisationen brichst, indem du mir einfach meine Beute wegnimmst, mit der ich hier Handel hätte treiben können. Soll ich erst jemanden herbeirufen?“
„He, du wirst ja richtig wütend! Steht dir gut! Dann machst du so große Augen. Aber die Maden werden dich nicht hören, weil sie alle damit beschäftigt sind, diesem Prahlhans von Erkan zuzuhören!“
„Man kann aber auch nichts anderes als wütend bei dir werden! Du diebische Elster hast mir die beiden Teile in dem Moment aus meiner Weste geklaut, als dich tröstend umarmt habe, nicht wahr?“
„Ja, war doch der beste Moment dazu, hast so schön mit mir mitgeheult, da ging das ganz leicht!“ Gesine lief nun in eine Ecke ihres Zimmers und spielte mit den Teilen neckisch herum.
„Sehr nett“, fauchte Margrit fassungslos, „dass du es so tückisch ausnutzt, wenn man Mitleid mit dir hat!“
„Brauche eben keins!“, zischelte Gesine mit boshaftem Blick. „Du magst ja wie ein junges Mädchen aussehen, trotzdem bist noch immer die alte, besserwisserische Tussi, die du warst! Und die Teile kriegst du nicht von mir zurück, da kannst du quatschen, bis du Fussel an den Lippen kriegst!“ Gesine hatte die Stücke in der Hosentasche verschwinden lassen. „Munjafkurin hat nämlich schon immer davon geträumt, Danox zu besitzen, um endlich dieses schreckliche Kastensystem zu stürzen!“
„Das ist doch alles Unsinn, Gesine, er belügt dich nach Strich und Faden, weil ...“ Margrit sprach nicht mehr weiter, denn schon hatte sie sich auf die überraschte Gesine gestürzt und ihre Hand an deren Hosentasche. Doch Gesine warf sich, einen lauten Schrei von sich gebend, wie eine Schlange herum und stach Margrit mit spitzen Fingern in die Augen.
Für einen Moment konnte Margrit nichts mehr sehen und der Schmerz war so groß, dass sie zurück taumelte und so konnte Gesine die Tür aufreißen, hinter sich abschließen, um dann ungestört zu verschwinden.
Margrit trommelte wenig später wie eine Verrückte gegen die Tür. Aber es war so, wie Gesine gesagt hatte, ihre lauten Hilferufe wurden nicht gehört. Immer noch hatten sich sämtliche Guerillas im großen Salon um Erkan versammelt, der inzwischen so laut und so viel geredet hatte, dass er dabei heiser geworden war.

Fortsetzung folgt:
 
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Kommentare  

Marco sagt ja schon alles, und nun die bekannte Frage: Wann geht`s denn wieder weiter?

Evi Apfel (07.07.2019)

Du hast es einfach drauf...witzig und auch wahnsinnig spannend. Selten einen Roman gelesen der so humorvoll und auch lebensecht geschrieben ist. Wieder sehr gerne gelesen.

Marco Polo (30.06.2019)

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