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Mission Titanic - Kapitel 11

Romane/Serien · Fantastisches
Kapitel 11 – Clever & Smart


Freitag 12. April 1912, 10:18 Uhr

Für die Passagiere sowie für die Besatzung war der Alltag auf der Titanic bereits zur Routine geworden. Selbst die Menschen, die anfangs an der Seekrankheit litten, hatten sich mittlerweile an den kaum spürbaren Seegang gewöhnt und konnten sich nun an der Kreuzfahrt erfreuen. Nachdem die Passagiere gefrühstückt hatten, füllte sich insbesondre das oberste Bootsdeck, obwohl es an diesem Morgen wiedermal frostig kalt war. Aber die Sonne schien kraftvoll am wolkenlosen Himmel, und auf dem obersten Bootsdeck konnte man bei einem Spaziergang, oder auch mit einer Wolldecke zugedeckt auf einer Liege, dieses wundervolle Kaiserwetter am besten genießen.
Die jüngeren Erste-Klasse-Passagiere bevorzugten es allerdings, am Vormittag die neumodischen Sportgeräte in der Turnhalle auszuprobieren, wobei hauptsächlich die Damen trotz alledem in ihren feisten Kleidern erschienen, statt mit Sportbekleidung. Schließlich schickte es sich nicht und es wäre zudem skandalös, wenn sich eine Frau nur knapp bekleidet in der Öffentlichkeit präsentieren würde, insofern sie sich nicht an einem Badestrand aufhielt.
Besonders war der sogenannte „elektrische Sattel“ in der Turnhalle beliebt, dieser nach einschalten wie beim leichten Trablaufen hoch und runter glitt, sodass die feinen Damen wenigstens ansatzweise auch mal in den Genuss kamen, wie es sein könnte, mit einem Pferd zu reiten. Mithilfe eines Bedienschalters konnte die Geschwindigkeit sogar reguliert werden. Ebenfalls war das mechanische Ruderboot bei den Herren sehr begehrt, wobei man seine Körperkraft unter Beweis stellen musste und insgeheim gewettet wurde, wer die meisten Ruderzüge in einer gewissen Zeit schaffen würde. Genauso war es mit dem Standfahrrad, mit dem Gewichtheben oder mit dem Punchingball zum Boxen und den anderen Gymnastikgeräten. Die meisten Leute erschienen in ihren Alltagsklamotten, nur wenige Herren zwängten sich in ihre hautengen Badeanzüge. Sie waren auf diese neumodischen, teilweisen elektrische Gerätschaften lediglich neugierig, anstatt dass sie ernsthaft daran interessiert waren, sich sportlich zu betätigen. So war es dann auch, dass man häufiger aus der Turnhalle lautes Johlen und Applaus vernahm, statt eines angestrengten Keuchens.
Wer ernsthaft Sport betreiben wollte, besuchte die Squash-Halle oder schwamm noch vor dem Frühstück im Hallenbad ein paar Runden. Kurz nachdem die Titanic in Southampton abgelegt hatte, hatte man Meerwasser in das Schwimmbecken eingelassen. Der Eintritt zum beheizten Hallenbad sowie für das Türkische Bad kosteten jeweils 25 Pence, somit waren diese Annehmlichkeiten für die meisten Passagiere zwar erschwinglich, dennoch waren es hauptsächlich die vermögenden Leute wiedermal, die sich solch einen Luxus gönnten. Die White Star Line hatte mit ihrer Titanic einen völlig neuen Maßstab gesetzt, wie eine Kreuzfahrt zukünftig vonstattengehen muss, wenn die anderen Reedereien konkurrenzfähig bleiben wollten.

Auf dem obersten Bootsdeck, wo man die vier riesigen Schornsteine des Schiffes direkt bestaunen konnte, durften sich am frühen Vormittag sogar die Dritte-Klassen-Passagiere aufhalten. Nach der Mittagszeit jedoch war der Aufenthalt auf diesem Bootsdeck ausschließlich den Ersten- und Zweiten-Klassen Passagiere gestattet. Auf dem Oberdeck waren außerdem die meisten Davits angebracht worden, die Aussetzvorrichtungen für die Rettungsboote. Einige Passagiere äußerten in der Tat, dass die massenweisen Rettungsboote auf einem unsinkbaren Schiff eigentlich unnütz wären, immens stören und nur die Sicht auf das Meer beeinträchtigen würden. Allerhöchstens würden die Ruderboote dazu dienen, um die Menschen eines in Seenot geratenen Schiffes bergen zu können. Das Gerücht, die Titanic sei unsinkbar hatten damals zwar nur die Presseleute mithilfe ihrer Tagezeitungen verbreitet, aber weil die Reederei White Star Line diese Behauptung aus Propagandazwecken niemals dementiert hatte, waren die meisten Menschen an Bord davon auch überzeugt und vor allem äußerst beruhigt. Denn zu jener Zeit war ein Schiffsunglück keine Seltenheit.
Es standen zwar genügend hölzerne Liegestühle für die Passagiere bereit, trotzdem sah man ausschließlich die hohen Herrschaften darin liegen. Schließlich hätte niemand von der Unterschicht sich getraut, eines dieser begehrten Liegestühle für sich zu beanspruchen, selbst wenn eine Holzliege frei gewesen wäre, um bei dieser einzigartigen Aussicht auf das endlose Meer zu entspannen. Die ältere Generation der verarmten Leute von 1912 glaubte immer noch, dass sie wie im vergangenen 19. Jahrhundert auf derartige Annehmlichkeiten keinen Anspruch hätten. Aber ihre Kinder, die heranwachsende neue Generation würde dieses unterwürfige, sklavenmäßige Denken schon sehr bald aus den Köpfen der Menschheit verdrängen, indem sie die Regeln der Gesellschaft einfach trotzen und missachten würden. Die High Society vertrat ohnehin die Meinung, dass die armen Schlucker eigentlich nichts auf der Titanic zu suchen hätten. Deren Anwesenheit wäre rein zweckmäßig, damit das Schiff nicht halbbesetzt nach Amerika fahren würde. Nur wer Reichtümer besaß, dahinter sich vorzugsweise ein guter Name verbarg, hatte ein Anrecht auf Ansehen und Annehmlichkeiten.
Der Milliardär George Widener und seine Familie, sowie der äußerst vermögende Geschäftsmann John Thayer, Jack Thayers Vater – beide amerikanische Familien hatten in Europa geschäftlich zu tun –, hatten ihren Aufenthalt in Frankreich sowie im deutschen Kaiserreich sogar etwas hinausgezögert, nur um die Heimreise mit der angepriesenen Titanic zu bestreiten.
Jeder Prominenter oder sehr Vermögender, der sich zurzeit in Europa aufhielt, wollte und musste unbedingt mit diesem Schiff fahren, weil es gewiss war, dass die Zeitungen über die Jungfernfahrt der Titanic berichten würden und bei Ankunft in New York, würde sie im Blitzlichtgewitter ein jubelnder Empfang sowie Zeitungsinterviews erwarten. Noch nie zuvor hatte eine gewöhnliche Kreuzfahrt eines Schiffes derartiges Aufsehen erregt und Schlagzeilen gemacht, wie die Jungfernfahrt der Titanic.
Die Ladys trugen die kostbarsten Rüschenkleider und riesige Sonnenhüte – die Männer ihre teuerste Herrenanzüge und meist einen Zylinderhut oder einen eleganten Bowler –, während sie entspannt in ihren Liegestühlen lagen. Über ihre Beine hatten sie Wolldecken gelegt, lasen Bücher, genossen das raue aber dennoch sonnige Wetter oder plauderten miteinander. Selbst die kleinen Mädchen der Reichen wurden stets mit ihren feinsten Kleidern angezogen, um sie hauptsächlich vor der Gesellschaft zur Schau zu stellen, was für ein braves, anständiges Kind man erzogen hatte. Sie sahen wie Stubenpuppen aus aber durften allerhöchstens still sitzen bleiben und häkeln. Die Knaben waren mit unbequemen Herrenanzügen und Krawatte bekleidet, die hauptsächlich mit ihren Vätern gemeinsam das Schiff erkundeten. So mancher einflussreicher Herr konnte nach Absprache mit dem Kapitän sogar arrangieren, dass Vater und Sohn die Kommandobrücke und auch den Maschinenraum betreten durften, wobei ein ranghoher Schiffsoffizier, wenn nicht gar Kapitän Smith persönlich, ihnen die Gerätschaften des Schiffes genauestens erläuterten.
Die reichen Kinder blieben ausschließlich unter ihresgleichen und einige verpönten die Buben und Mädchen aus der Unterschicht, weil sie dementsprechend erzogen wurden, dass ein Habenichts wertlos sei und die meisten von ihnen sogar Diebe wären. Aber manche der wohlhabenden Kinder wünschte sich insgeheim genauso schlicht und verlumpt herumzulaufen, wie ihre verarmten Artgenossen, und genauso unbeschwert tun und lassen zu können, wie sie es taten. Denn mittellos bedeutete immerhin frei vom zwanghaften, tadellosen Benehmens zu sein.

Alle Dampfkessel des Ozeanriesen waren längst angeheizt worden. Die Titanic fuhr Tag und Nacht mit „Volle Kraft voraus“ schnurstracks Richtung Westen über den Nordatlantik, obwohl bereits die ersten Eisschollen aus nächster Nähe gesichtet wurden. In der vergangenen Nacht empfing die Titanic sogar die ersten Funksprüche von verschiedenen Schiffen, die nordwestlich ihrer Route bis zum Sonnenaufgang stoppen mussten, weil sie von Treibeis umgeben waren. Zudem wurden zahlreiche Eisberge gesichtet, die aufgrund des Labradorstroms in Richtung Süden trieben. Aber die Funker Harold Bride und Jack Phillips hatten diese Eisbergmeldungen nicht an die Kommandobrücke weitergegeben, weil sie völlig überlastet waren, private Telegramme der Passagiere zu übermitteln.
Marko und Piet lehnten sich gegen die Reling, blickten wortlos über das Meer und genossen an diesem Morgen diese einzigartige Aussicht. Es war beiden Geheimagenten bewusst, dass sie solch einen Anblick, sobald sie ihre Mission erfüllt hätten und ins 25. Jahrhundert zurückbeordert werden, nicht so schnell wieder erleben würden. Insbesondre war der zweiundzwanzigjährige Piet von dieser Aussicht fasziniert. Noch nie zuvor hatte er das Meer mit seinen eigenen Augen erblickt. Es kam ihm beinahe vor, als würde er sich auf einen fremden Planeten befinden.
Auf dem obersten Bootsdeck war an diesem Morgen ziemlich viel los. Man hörte insbesondre lautes Kindergeschrei. Kleine Mädchen und Jungen tollten umher; ein vornehmer Bengel spielte abseits mit seinem Vater mit einem Kreisel, während die Dritte-Klassen-Jungs grölend mit einer Blechdose Fußball kickten, und die kleinen Fräuleins spielten Gummitwist oder Fangen.
Plötzlich zog ein siebenjähriges Mädchen frech an Piets Jackett. Sie trug schmuddelige Klamotten, hatte nur Sandalen ohne Socken an und ihr Gesicht war etwas verschmutzt. Sie bohrte mit dem Finger in der Nase und grinste ihn an.
„Hallo Mister, soll ich dir mal zeigen, was ich schon kann?“, fragte sie erwartungsvoll. Piet rauchte gerade eine Zigarette, blickte verwundert zu ihr runter und ohne eine Antwort von ihm abzuwarten, schlug das kleine Mädchen vor seinen Augen ein Rad. Ihr langer Rock verhüllte dabei ihren Körper, sodass er ihren Schlüpfer sehen konnte, aber das Radschlagen misslang dem kleinen Mädchen und sie plumpste hin. Dann probierte sie es erneut, fiel wieder auf ihren Hintern und kicherte dabei.
„Guck mal, Mister“, sprach sie aufgeregt, „ich zeige dir jetzt mal, was ich noch alles kann.“
Piet inhalierte den Zigarettenrauch und schaute die Siebenjährige mit gekniffenen Augen an.
„Sag mal, kannst du auch ganz schnell laufen? Damit meine ich rennen, du kleine Göre. Ich wette, das kannst du nicht.“
Das kleine Mädchen blickte zuerst verdutzt und überlegte, dann aber verschränkte sie ihre Arme und nickte überschwänglich.
„Natürlich kann ich rennen. Das kann doch jedes Baby!“, erwiderte sie mit ihrer piepsigen Stimme, woraufhin Piet schmunzelte.
„Na dann flitz mal ganz schnell los, schwirr ab und komm bloß nicht wieder zurück. Hast du verstanden? Du gehst mir nämlich voll aufn Sack!“, sprach er mit seinem ausgeprägten holländischen Akzent.
Das kleine Mädchen starrte ihn mit großen Augen an, wobei sie mit dem Finger in ihrem verfilzten Haar drehte und überlegte, was er mit seiner Aussage wohl gemeint haben könnte. Jedenfalls ließ sie sich nicht so leicht abwimmeln.
„Du Mister, warum redest du denn so komisch?“, fragte sie kichernd, streckte ihm dann frech die Zunge raus und rannte grölend davon. Ein müdes Schmunzeln fuhr über seinen Mund. „Kleines irisches Mistbalg“, brummelte er.
Marko stieß ihn mit dem Ellenbogen an.
„Hey, mir ist seit es mir wieder besser geht aufgefallen, dass du dich gegenüber den Akteuren extrem arrogant verhältst. Das ist respektlos, die Akteure sind auch Menschen. Das kleine Mädchen mag dich, falls es dir entgangen ist. Oder eher gesagt, sie hatte dich gemocht. Ich wünsche, dass du dein Verhalten ab sofort änderst und keinen weiteren Ärger produzierst. Die Sache gestern Nacht mit der chinesischen Familie war schon haarsträubend genug. Soweit darf es einfach nicht mehr kommen. Wir müssen uns so unauffällig wie möglich verhalten, hörst du!“, forderte er ihn verärgert auf. „Und jetzt wünsche ich, dass du mir erklärst, wie du deinen Beamer zu reaktivieren gedenkst. Du hast behauptet, dies wäre kein Problem für dich. Also, ich lausche gespannt. Ich würde mich nämlich wesentlich entspannter fühlen, wenn ich die Gewissheit hätte, dass wir sofort jederzeit aus diesem Jahrhundert verschwinden könnten. Und hör bitte endlich mit dieser sinnlosen Qualmerei auf. Deinetwegen stinkt unsere Bude ständig nach Zigarettenrauch!“, moserte er.
Daraufhin zog Piet demonstrativ grinsend an seiner Zigarette. Marko Rijken war zwar immer noch sein Vorgesetzter, aber es fuchste ihn ungemein, dass er nicht mehr die Mission leitete und Ike anstandslos das Kommando übergeben hatte. Seiner Meinung nach war Marko viel zu leichtgläubig. Mittlerweile zweifelte er an seiner Kompetenz und glaubte insgeheim, dass nur er selbst die Mission zum Erfolg führen könnte. Aber Ike stand ihm jetzt im Weg. Noch jedenfalls.
„Du willst also wissen, wie ich meinen Beamer wieder einschalte? Das kann ich dir gerne verraten. Zuallererst müssen wir Ike meinen Beamer irgendwie wieder abluchsen, kapiert? Zerbrich dir also lieber DARÜBER deinen Kopf und nerv mich nicht, wegen diesen dämlichen Akteuren und weil ich Zigaretten rauche“, antwortete er patzig, wobei er ihn beleidigt anblickte.
Plötzlich stieß Marko ihn erneut an und deutete eine Kopfbewegung über das Bootsdeck, woraufhin Piet seinen Mund hielt. Dann lehnte sich Marko gegen die Reling und blickte angespannt über das Meer.
„Pass auf, das Arschloch kommt. Und der sieht nicht sonderlich erfreut aus“, brummelte er. „Egal was passiert, verrate ihm bloß nicht den Zahlencode! Ich verbiete es dir!“
„Du musst mir nichts verbieten“, konterte Piet knatschig.

Ike stolzierte erhaben und mit äußerst ernster Miene über das Bootsdeck, direkt auf die beiden Geheimagenten zu. Obwohl es recht frostig und etwas windig war, war Ike lediglich mit einer schwarzen Stoffhose, ein paar Schlappen ohne Socken und einem weißen Hemd mit Hosenträgern bekleidet, dessen Ärmel er hochgekrempelt hatte. Er trug nicht einmal eine Schirmmütze und das er gerade erst aufgestanden und sogleich auf hundertachtzig war, konnte man an seiner ausdruckslosen Miene und zerzaustem Haar erkennen. Bedrohlich marschierte er auf sie zu und als er vor ihnen stand, hielt er Piet den Transmitter entgegen. Ike schien dermaßen wütend zu sein, dass es ihm scheinbar wenig interessierte, ob ein Akteur dieses futuristische Gerät jetzt dabei sehen könnte.
„Du hast zwei Möglichkeiten“, eröffnete er das Streitgespräch. „Entweder verrätst du mir den Zahlencode, oder du schaltest das Ding selber ein. Das ist ein Befehl, Agent Klaasen!“
Ike bauschte sich vor Piet bedrohlich auf.
„Hey, Moment mal … ganz sachte“, versuchte Piet zu beschwichtigen. Er hielt ihm dezent seine Hände entgegen und ging langsam rückwärts, um ihm zu signalisieren, dass er sein aufgeheiztes Gemüt etwas zügeln sollte. Doch Ike rückte dem halben Kopf kleineren Mann schrittweise näher auf die Pelle.
„So einfach ist das nämlich nicht, Ike. Ich würde mich strafbar machen, wenn ich dir den achtundvierzigstelligen Zahlencode meines Beamers verrate. Der Zahlencode eines Transmitter ist mit einem Schlüssel zum Aktivieren einer Atombombe zu vergleichen, diesen ich mit meinem Leben verteidigen muss. Ich würde jetzt eher über Bord springen, als dir irgendetwas zu verraten. Das ist mein Ernst! Es sei denn, du nennst mein Passwort“, grinste Piet provokativ. „Nur wenn dir Henry auch mein Passwort übermittelt hat, bin ich dazu verpflichtet, dir die vollständige Befugnis über meinen Transmitter zu überlassen.“
Einen Moment blickten sich beide todernst und schweigend an.
„Was ist? Kennst du mein Passwort etwa nicht? So ein Pech aber auch. Tja, dann ist dies ja wohl geklärt. So lautet nun mal die Dienstvorschrift“, erklärte Piet sachlich. „Also, lass mich diesbezüglich gefälligst in Ruhe!“
Ike überlegte kurz und seufzte. Diese Dienstvorschrift kannte er nicht aber sie klang einleuchtend, also musste er ihm glauben. Ike war ein Schleuser, der überhaupt nicht dazu ausgebildet wurde, einen Transmitter zu bedienen. Am Anfang der Belfast Mission hatte ihm Agent Thomas lediglich ein paar Funktionen gezeigt, wie man von seiner Gegenwart in die Vergangenheit reist und wieder zurückkehrt. Agent Thomas hatte ihm die Zeitdaten vorprogrammiert, als er Schiffsoffizier Murdoch vor zwei Tagen retten musste, aber weitere Details und Einstellungen hatte ihm danach Vincenzo erklärt.
Ike ging einen Schritt zurück, um den jungen Agent nicht weiterhin zu bedrängen und drückte ihm überraschenderweise seinen Transmitter in die Hand.
„Na schön, dann schalte selber ein. Ich rate dir, sieh ja zu, dass du es hinbekommst!“, warnte Ike. Dann blickte er zu Marko, der gegen die Reling lümmelte, seine Hände nervös rieb und wortlos zuschaute.
„Tritt deinem Adjutant mal kräftig in den Hintern, damit er endlich problemlos macht, was ich verlange. Ohne diese lästigen Diskussionen! Mir geht Präsident Junior nämlich mächtig auf die Nerven! Und das ist nicht gut für euch beide!“
Als Marko gerade seinen Finger hob und sich zu verteidigen versuchte, meldete sich Piet zu Wort.
„Das ähm … das geht leider nicht so einfach“, lächelte er und war äußerst verwundert, ja, sogar völlig überrascht, weil Ike ihm seinen Beamer freiwillig zurückgegeben hatte. „Du bist ein Schleuser und wurdest für die Benutzung eines Transmitters nicht ausgebildet, daher kannst du es nicht wissen. Es ist nämlich so, dass das Aktivieren eines ausgeschalteten Transmitters etwas kompliziert ist und eine gewisse Zeit beansprucht, weil der Satellit in diesem Jahrhundert …“
„Erspar mir deine Ausreden!“, unterbrach er ihn sogleich barsch. „Technische Komplikationen mit dem Satelliten interessieren mich nicht! Für so dumm halte ich dich wiederum auch nicht, dass du deinen Beamer einfach kopflos ausschaltest ohne zu wissen, wie du ihn wieder hochfährst. Also, spätestens heute Abend ist dieses verdammte Ding wieder funktionsfähig! Wie du das anstellst, ist allein dein Problem! Falls nicht“, hielt Ike ihm seinen Zeigefinger warnend vor die Nase, und schwieg einen Moment. „Falls nicht …“, wiederholte er leicht kopfschüttelnd, aber er brachte es einfach nicht zustande, ihm wirkungsvoll zu drohen.
Womit sollte er ihm auch drohen? Etwa, dass er ihn ansonsten foltern oder gar töten würde? Diesbezüglich musste er sich unbedingt zurückhalten, denn der Erfolg dieser Mission lag auch in seinem Interesse. Es würde ihm rein gar nichts nützen, wenn er Piet etwas antun würde – der Präsident von United Europe würde diese Mission sofort zum Abbruch befehlen, und nichts von alldem wäre geschehen. Aber Ikes Ehefrau wäre dann für immer verloren.
Ike merkte selbst, dass er nahe dran war, seine Beherrschung zu verlieren. Er wollte über die Schwierigkeiten des Aktivierens eines ausgeschalteten Transmitters gar nichts wissen, denn falls dies misslingen sollte, gäbe es keine weitere Chance mehr, den heimtückischen Mordanschlag an Eloise zu verhindern. Ike wandte sich von ihnen ab und stolzierte mit strammen Schritten davon. Doch plötzlich blieb er stehen und drehte sich zu ihnen um.
„Was ist überhaupt mit der Passagierliste? Die brauchen wir genauso! Wann gedenkt ihr eigentlich, eure Ärsche zu bewegen? Wir haben eine wichtige Mission zu erfüllen!“, schnauzte er.
„Hey, komm mal wieder runter. Wir sitzen hier sprichwörtlich gemeinsam in einem Boot, falls dir das entgangen ist. Spätestens heute Abend wirst du alles erhalten, Boss. Auch diesen bescheuerten Beamer, dessen Display dann hell leuchtet. Alles klar?“, lenkte Marko ein.
Ike nickte und wandte sich wieder von ihnen ab. Dann blieb er erneut stehen und blickte die beiden Geheimagenten hämisch grinsend an, während eine Kinderschar zwischen ihnen kreischend vorbeirannte.
„Wisst ihr, an wen ihr beide mich erinnert?“
Marko blickte ihn desinteressiert an und lächelte dabei abfällig, während Piet seine Schnute verzog und seine Bowler richtete.
„An Clever & Smart. Ihr beide habt genauso nur Scheiße im Hirn, wie diese zwei Vollidioten“, spottete Ike.
Dann stampfte er gefrustet davon. Piet tastete sein Jackett ab, suchend nach seinem zerknitterten Zigarettenpäckchen, und zündete sich eine weitere Zigarette an.
„Hör doch endlich mit dieser verfluchten Qualmerei auf“, moserte Marko erneut und wedelte mit seiner Hand, als der Fahrtwind ihm den Zigarettenrauch ins Gesicht wehte.
„Clever & Smart? Hab ich noch nie gehört. Was genau meint das Arschloch damit?“, fragte Piet stirnrunzelnd.
Marko verschränkte seine Arme und blickte Ike finster hinterher.
„Clever & Smart sind Comicfiguren aus dem Zwanzigsten Jahrhundert. Es handelt sich dabei um zwei dämliche Geheimagenten, die von einem Fettnäpfchen ins andere treten. Und die Kidis aus den Siebzigern und Achtzigern hatten sich damals tierisch darüber amüsiert. Van Broek hat uns soeben als inkompetent bezeichnet. Na warte nur, Freundchen. Sobald die Mission beendet ist, sehen wir uns vor Gericht wieder. Verklagen werde ich dich, jawohl! Das lasse ich mir von dir nicht gefallen. Nicht von dir! Meine Rechtsanwälte werden dir gewaltig den Arsch aufreißen!“, fauchte er. „Schon allein wegen der Konventionalstrafe, die ich deinetwegen zu verdanken habe!“
Aber Piet schnaufte nur abfällig. Es kümmerte ihn nicht, dass Ike beide offensichtlich beleidigt hatte, vielmehr freute es ihn, dass er seinen Beamer wieder besaß. Dennoch war er misstrauisch, weil der vermeintliche Chef der Mission ihm seinen Transmitter freiwillig übergeben hatte. Piet witterte eine List dahinter.
„Ich musste mich beherrschen, denn es lag mir auf der Zunge ihn zu fragen, was er mit dem gestohlenen Beamer eigentlich vorhat. Jedoch ist es wohl klüger ihn nicht wissen zu lassen, dass wir über seinen vermissten Transmitter informiert sind und vor allem, wo sich dieser grade befindet. Aber weshalb hat er mir meinen Beamer zurückgegeben? Da ist doch was faul. Wir müssen auf der Hut sein.“
„So ein Quatsch“, erwiderte Marko. „Gar nichts ist faul dran. Van Broek kann mit deinem Beamer sowieso nichts anfangen, darum hat er ihn dir zurückgegeben. Er will uns nur unter Druck setzten, und das zurecht. Denn falls es dir nicht gelingt, deinen Transmitter einzuschalten, sitzen wir weiterhin ohne Funkkontakt in diesem verfluchten Jahrhundert fest. Wie sollen wir ohne weitere Anweisungen seitens der Sicherheitszentrale bloß vorgehen? Wenn es uns nicht gelingt, dass die Titanic mit einem Eisberg kollidiert, werden wir in einer Welt leben, in der es die Titanic Katastrophe nie gegeben hat. In einer anderen Welt, in der möglicherweise auch kein UE-Satellit die Erde umkreisen wird. Und dann sind wir dazu verdammt, in einem parallelen Universum zu versauern und letztendlich auch dort zu sterben. Wir würden mit viel Glück und Gesundheit als uralte Tattergreise im Jahre 1969 die Mondlandung im Fernsehen mitverfolgen können. Mir jedenfalls gefällt dieser Gedanke ganz und gar nicht, schließlich habe ich eine Familie und eine Menge Freunde im Centrum. Und wenn es uns gelingt, dass die Titanic sinkt, dann würde es für uns auch nicht unbedingt rosig aussehen, weil bekanntlich nur Frauen und Kinder in die Rettungsboote einsteigen durften. Wie auch immer es ausgeht, es wird für uns unangenehm enden, wenn du dein Versprechen nicht einhältst zu wissen, wie man deinen Beamer wieder hochfährt. Nun sag endlich, wie du es anstellen wirst.“
Piet schmunzelte und klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter.
„Dazu benötigen wir jetzt einfach nur noch diesen gestohlenen Beamer, danach Ike verzweifelt sucht. Ich weiß auf welchem Deck und in welcher Kabine sich der Transmitter befindet. Lass uns jetzt schleunigst dorthin gehen“, lächelte er.

Nachdem Piet seine Nickelbrille aufgesetzt und die Navigation aktiviert hatte, marschierten sie geradewegs zum B-Deck, direkt in das Ambiente der Ersten-Klasse. Marko fuchste es ungemein, dass der junge Agent ihn hinhielt und seinen Plan nicht verraten wollte. Während sie durch die Korridore marschierten, dabei etliche Herrschaften grüßen mussten, penetrierte ihn Marko nach einer Erklärung.
„Rück endlich mit der Sprache raus, verdomme! Wie aktivieren wir deinen Beamer? Mit dem anderen können wir nichts anfangen, hast du behauptet!“, motzte er ihm flüsternd zu. Aber sogleich lächelte Marko wieder, zog anstandshalber seinen Hut ab und grüßte freundlich, weil ihnen drei elegante Damen begegneten.
„Dazu benötigen wir nur zwei Kupferdrähte und einen kleinen Kreuzschlitzschraubendreher. Aber ein Taschenmesser tut es auch.“
Marko packte ihm an die Schulter, riss ihn nahe an sich heran, blickte ihn scharf in die Augen und rüttelte ihn leicht.
„Wozu zum Teufel brauchen wir Kupferdrähte?“
„Nun ja, mein Gedanke war, dass wir die untere Schutzkappe des Beamers abschrauben, um an die Anschlüsse des Akkumulators zu gelangen. Kurz gesagt, ich beabsichtige zu überbrücken.“
Marko ließ ihn wieder los.
„Aha, ich verstehe. Starthilfe also. Die Kupferdrähte sollen wie bei einem Fahrzeug als Überbrückungskabel dienen. Und das funktioniert?“, fragte Marko misstrauisch, während sie mit strammen Schritten weitermarschierten. „Nun sag schon endlich.“
Piet zuckte nur mit der Schulter.
„Keine Ahnung, aber ich bin zuversichtlich. Wir werden es bald erfahren.“
„Heißt das etwa, du bist dir gar nicht sicher, dass das scheiß Ding wieder hochfahren wird?“, fragte er erschrocken.
Piet blieb stehen und blickte Marko selbstsicher an. Er bemerkte, dass sein leicht hitzköpfiger Kollege etwas nervös wurde. Nun war es angebracht, ihm die konkrete Sachlage zu erläutern.
„Hör zu, Marko, du musst mir jetzt vertrauen. Ich gebe es zu, dass ich mir selber nicht hundertprozentig sicher bin, ob es funktioniert. Aber eins weiß ich, sollte mir etwas zustoßen, würde mein Vater die Mission sofort abbrechen lassen. Dies könnte nicht einmal Henry Gudimard verhindern. Dann müsste die Mission Titanic zwar restartet werden und man würde uns beide möglicherweise für immer zum Innendienst verbannen, aber so wie die Sachlage jetzt aussieht, gibt es keine alternative Option. Mann, bewahre endlich mal einen kühlen Kopf!“, wies er ihn zurecht. „Theoretisch müsste es funktionieren.“
Marko blickte ihn einen Augenblick skeptisch an.
„Pah, theoretisch. Na schön, du Klugscheißer. Wollen wir mal hoffen, dass es klappt. Und wo kriegen wir die verdammten Kupferdrähte her?“
„Was weiß ich. Keine Ahnung, frag doch mal Ike. Der ist jetzt unser neuer Boss und kennt sich obendrein auf der Titanic bestens aus. Gewiss wird er dir bei der Suche behilflich sein. Ganz bestimmt sogar“, antwortete Piet zynisch.

Als beide direkt vor der gesuchten Kabinentür standen, richteten sie ihre Krawatten.
„Und du bist dir ganz sicher, dass sich der gestohlene Beamer direkt hinter dieser Tür verbirgt?“, fragte Marko mit ernstem Blick. „Piet, du darfst dich auf gar keinen Fall täuschen, ansonsten bekommen wir nämlich erhebliche Schwierigkeiten, wenn wir einen Erste-Klasse-Passagier, eine Dame obendrein, eines Diebstahls bezichtigen, obwohl sie es gar nicht wahr.“
Piet jedoch nickte, er war sich absolut sicher und klopfte energisch gegen die Tür. Sogleich hörten sie eine männliche Stimme rufen, dass sie sich einen Augenblick gedulden sollten. Marko blickte seinen Kollegen daraufhin entsetzt an und meinte flüsternd, dass es doch die falsche Kabine sei. Plötzlich öffnete ein großgewachsener Mann mit schulterlangen blonden Haaren die Tür. Er schaute zuerst erwartungsgemäß verwundert drein, doch als er Marko erblickte, war er sichtlich überrascht.
„Nanu, Schleuser Rijken? Sie habe ich jetzt aber wirklich nicht erwartet“, sagte Jean erstaunt. „Bitte meine Herren, treten Sie doch herein.“
Marko war ebenfalls äußerst überrascht, dass er nun ausgerechnet mitten in der Suite von den Corbusiers stand, die er am Dienstag nach ihrem Exit irgendwo in der südenglischen Provinz aufgesammelt und zum South Western Hotel chauffiert hatte. Er hatte Piet am Anfang ihrer Mission ausdrücklich mittgeteilt, dass er keinesfalls den TTA-Zeitreisenden begegnen durfte, weil die Sicherheitszentrale dies untersagt hatte. Die TTA-Kunden durften nämlich keinesfalls erfahren, dass die Titanic vom Geheimdienst beschattet wurde, weil sie mitunter dafür bezahlt hatten, die ersten Zeitreisenden auf der Titanic zu sein. Andernfalls würde dem Ehepaar Corbusier eine erhebliche Schadenersatzforderung gerichtlich zustehen. Zudem wollte Marko eine weitere Begegnung mit Mara unbedingt vermeiden, weil die Streitigkeiten wegen des geplatzten Kühlers seines Automobils mit dieser Frau zu eskalieren gedroht hatte.
Mara hob ihren weiten Rock leicht an, als sie in das Wohnzimmer stolzierte, und lächelte bezaubernd. Das Feuer im Kamin knisterte.
„Schleuser Marko Rijken? Ich bin äußerst entzückt, Sie wiederzusehen“, heuchelte sie lieblich. Doch sogleich blickte sie Jean verärgert an und fragte mit ihrem ausgeprägten französischen Akzent aufgebracht: „Jean, was macht die Mann hier? Die darf normalerweise gar nicht an Bord sein! Putain de merde, nun sind wir doch nicht die ersten Zeitreisenden auf der Titanic! Das ist Vertragsbruch, dafür wird das TTA ganz teuer bezahlen!“, schimpfte sie wütend.
„Momentmal, Madame Corbusier!“, funkte Piet sogleich dazwischen und ging bestimmend auf sie zu. „Wir sind nicht zum Vergnügen hier, sondern um ein Verbrechen aufzuklären. Aus der Kabine von Mister William Murdoch, einem Hauptakteur, wurden einige Gegenstände entwendet. Darunter ein Transmitter. Das ist Eigentum von United Europe! Eine Frau war die Diebin“, behauptete er. „Und falls Sie die einzige Frau in diesem Raum sind, müssen wir davon ausgehen, dass Sie die Diebin auch waren.“
Doch Jean und Mara blickten ihn nur verwundert an.
„Transmitter? Was meint die Mann damit?“, fragte Mara ihren Ehemann stirnrunzelnd. Jean wankte mit dem Kopf, hob die Arme und ließ sie auf seine Beine klatschen.
„Cherie, ich ähm … bin jetzt sprachlos.“
„Pardon, glauben Sie etwa ernsthaft, dass ich es nötig habe, zu stehlen?“, fuhr Mara aufgebracht fort. „Wenn ich was haben will, kaufe ich es mir. Ich habe noch nie in meinem Leben gestohlen. Das ist ungeheuerlich, dass Sie mich beschuldigen, irgendein Dingsbums geklaut zu haben! Es macht außerdem überhaupt keinen Sinn“, verteidigte sie sich verärgert.
Marko rollte mit seinen Augen und stöhnte leise auf. Er war der Meinung, dass sich Piet getäuscht hatte, weil es wirklich absolut keinen Sinn ergab. Die Akademiker aus Nieuw Bruxelles waren schließlich auf die Zeitreisen angewiesen, um genügend Unterrichtsstoff für ihre Privatschule zu besorgen. Mit einem Diebstahl würden sie ihre Zeitreiselizenzen und somit ihre Existenz leichtsinnig aufs Spiel setzten. Aber Piet war felsenfest davon überzeugt, hielt sich die Faust vor seinen Mund und hüstelte. Scharfsinnig blickte er sie an.
„Oh doch, Madame, in diesem Fall macht es freilich einen Sinn. Sie beide sind Akademiker, die regelmäßig bei der TTA einen Zeitreiseurlaub buchen. Mit dem Besitz eines Transmitters könnten Sie sich, wann immer Sie wollen, einen Urlaub in der vergangenen Welt gönnen, ohne dafür zu bezahlen. Abgesehen davon, was Sie mit einem Transmitter anrichten könnten, würden Sie etliche Milliarden Euros einsparen. Geben Sie es zu, Madame. Sie haben United Europe und Mister Murdoch bestohlen!“, beschuldigte er sie und zeigte auf eine Tür. „Diese Gegenstände befinden sich genau in diesem Zimmer. Entweder geben Sie es zu und bringen uns diese Sachen freiwillig, oder wir durchsuchen diesen Raum. Das allerdings würde die Angelegenheit erheblich komplizierter machen, wenn ich vor Gericht erwähnen müsste, dass Sie uneinsichtig waren und uns an der Ermittlung gehindert hatten, obwohl alles eindeutig war!“
„Das ist ganz unverschämt, was die Mann mir da vorwirft!“, empörte sich Mara gestikulierend vor ihren Ehemann. Immer dann, wenn Mara aufgebracht war, stach ihr französischer Akzent besonders hervor. „Niemals habe ich gestohlen!“, brüllte sie, fing plötzlich zu weinen an und stürzte sich in die Arme ihres Ehemanns. Jean war stets ein besonnener Mann, dem selten etwas aus der Fassung brachte. Doch wenn seine Frau in Tränen ausbrach, die sich stets selbst zu verteidigen wusste und eigentlich ein dickes Fell hatte, dann fing auch sein Gemüt zu brodeln an.
„Was fällt Ihnen eigentlich ein, meine Frau des Diebstahls zu bezichtigen?!“, schrie er die Geheimagenten an. „Das wird für Sie endgültig Konsequenzen haben, Schleuser Rijken! Wir werden uns bei der TTA über Ihr flegelhaftes Benehmen in Southampton und über Ihre Anschuldigung beschweren! Und wer sind Sie überhaupt?“, fragte Jean wütend.
„Ich? Ich bin Agent Piet Klaasen und mein Kollege tut nur seine Pflicht, Monsieur Corbusier. Lassen Sie uns einfach in diesem Zimmer nachschauen, und dann werden wir weitersehen.“
„Klaasen?“, fragte Mara überrascht, nachdem sie in ein Taschentuch geschnäuzt hatte. „Sie heißen ja wie unser Präsident.“
„Ja, so ist es, Madame Corbusier, weil mein Vater zufälligerweise Hendrik Klaasen ist!“, bekundete er grinsend.
Daraufhin starrten Mara und Jean beide entgeistert an. Sprach dieser junge Agent etwa die Wahrheit? War er tatsächlich der Sohn des UE-Präsidenten? Nach dem überheblichen Grinsen seitens von Marko, schien es wohl so zu sein. Mara wischte sich die Tränen von ihren Wangen, und schwieg. Schließlich bewohnte ihr Dienstmädchen das besagte Zimmer, das sie illegal aus Southampton mit auf die Titanic genommen hatten. Dies wiederum war ein Vertragsbruch ihrerseits, und könnte den Akademikern nach ihrer Rückkehr ins 25. Jahrhundert erhebliche Schwierigkeiten bereiten.
Plötzlich öffnete sich die Tür und Ruthmilda trat schüchtern herein. Es war ihr anzusehen, dass sie sich schämte. Es war anzunehmen, dass sie aufgrund der Lautstärke dieses Streitgespräch mitgehört hatte.
„Ich war es“, verkündigte sie mit dünner Stimme. „Ich habe die Sachen gestohlen. Ich bin die Diebin.“
„Du Ruthie?“, entwich es Mara perplex. „Du raubst fremde Kabinen aus? Das kann ich gar nicht glauben. Du-du warst doch sonst eigentlich immer ganz artig. Abgesehen von diversen Missgeschicken.“
Als Piet die junge blonde Frau mit der zurzeit angesagten, kurz gelockten Frisur erblickte, erstarrte er. Sie war wunderschön und dass sie dermaßen schüchtern und unsicher erschien, hatte ihn regelrecht verzaubert. Wieder hielt er sich die Faust auf seinem Mund, räusperte sich und ging auf sie zu.
„Tatsächlich, Sie? Oder beabsichtigen Sie nur, Madame Corbusier zu entlasten, weil Sie um Ihren Job bangen? Ich bitte Sie, Miss Ruthie, sagen Sie die Wahrheit. Wir können diese Angelegenheit unter uns regeln, niemand wird davon erfahren. Nicht einmal der Kapitän des Schiffes. Das verspreche ich Ihnen“, sprach er beruhigend auf sie ein.
Ruthie blickte verschämt zu Boden und schüttelte mit dem Kopf. Piet hob vorsichtig mit seiner Hand ihr Kinn hoch, sodass er in ihre wundervollen blauen Augen sah. Sie blickte ihn unschuldig an, wobei ihr die Tränen in den Augen standen, und plauderte einfach drauf los, während Piet mithilfe eines modifizierten Füllfederhalters ihr rechtes Auge untersuchte. Aber sein Augenscanner konnte keinen ID-Chip registrieren. Ruthmilda Carter war also wirklich eine Akteurin.
„Nein, ich sage die Wahrheit. Ehrlich! Madame und Monsieur Corbusier sind anständige Leute. Sie haben mich aufgenommen, als ich aus dem South Western Hotel weglaufen wollte. Ich habe diese Gegenstände gestohlen. Nur ich war es, sonst niemand“, gab sie kleinlaut zu. Anstandslos führte sie die Herrschaften in ihr Schlafgemach. Sie kniete sich hin, holte unter ihrem Bett eine Truhe hervor und überreichte Marko schließlich die Gegenstände von Mr. Murdoch sowie den Transmitter, dessen Display wunderbar leuchtete.
Marko bemerkte, dass sich sein Kollege merkwürdig ruhig verhielt. Anstatt dass Piet, wie eigentlich gewohnt, provokativ und bestimmend auftrat, betrachtete er die junge Frau fasziniert und nahm sie sogar in Schutz, sobald sie sich verteidigte. Also übernahm Marko die Ermittlung und bedrängte das junge Fräulein mit unangenehmen Fragen.
„Miss Ruthie, ich glaube Ihnen kein Wort! Sie haben nur Mister Murdoch bestohlen, sonst keinen weiteren Passagier. Dazu gehört eine Menge Schneid, sich ausgerechnet eine Offizierskabine auszusuchen, um dort einzubrechen. Sie wussten seine Kabinennummer und auch wann er Dienst hatte. Das kann kein Zufall sein. Zudem war es Ihnen gelungen, ein Türschloss professionell aufzuknacken, aber wenn ich Sie so anschaue kann ich mir absolut nicht vorstellen, dass sie eine professionelle Einbrecherin sind. Ihnen traue ich nicht einmal zu, in einen Schuppen eines Hinterhofes einzubrechen, um ein Fahrrad zu stehlen, geschweige denn in eine Kabine eines ranghohen Schiffsoffiziers einzudringen. Irgendjemand hat Ihnen dies alles gezeigt und Sie dafür bezahlt. Dieser jemand hatte Sie zudem gezielt auf Monsieur und Madame Corbusier angesetzt, damit sie Sie auf die Titanic mitnehmen. So war es doch! Also, wer steckt noch dahinter?“ Marko hielt ihr den Beamer vor die Nase und bedrängte sie weiter hartnäckig. „Wer hat Sie dazu beauftragt, dieses Gerät zu stehlen? Denn nur darum ging es doch. Geben Sie es zu! Los, raus mit der Sprache! Sofort!“, brüllte er sie an. „Wir sind keine harmlosen Hausdetektive, die Sie nur unter Arrest stellen könnten, sondern Geheimagenten des holländischen Secret Service, die Sie einfach über Bord werfen werden, weil Sie sowieso niemand vermissen wird. Es ist Ihre Entscheidung, ob Sie mit uns zu kooperieren bereit sind und dieses Schiff lebend verlassen, oder ob Sie lieber im eisigen Wasser schwimmen wollen!“

Nach dieser lautstarken Aufforderung war Ruthie endgültig eingeschüchtert und gebrochen worden. Diesem unbarmherzigen Druck seitens von Marko, der scheinbar keine Skrupel hatte sie schlichtweg zu entsorgen, hielt das zarte Fräulein nicht mehr stand. Sie stürzte sich einfach in Piets Arme und weinte bitterlich, dies dem gleichaltrigen Agenten sehr nahe ging. Zudem fühlte er sich von ihrem schutzbedürftigen Verhalten etwas überrumpelt und war sehr überrascht, weil er sowas von einer jungen Frau seines Alters noch nie zuvor erlebt hatte. Zärtlich, beinahe vorsichtig, streichelte er über ihren Kopf. Noch nie zuvor hatte er eine Frau aus der vergangenen Welt in seinem Arm gehalten, erst Recht nicht eine dermaßen hinreißende Akteurin.
„Marko … bitte“, schlichtete er. „Miss Ruthie, wir wissen, dass Sie nur benutzt wurden. Im Grunde sind Sie unschuldig, weil man Ihre Notlage ausgenutzt hatte. Nun sind Sie zu sehr in diese Angelegenheit verstrickt, als dass Sie aufhören könnten, weil Sie jetzt um Ihr Leben bangen. Und das zurecht, denn Sie befinden sich auf einem Schiff und können nirgendwohin flüchten. Aber wir könnten Sie beschützen, niemand würde Ihnen etwas antun. Jedoch um Sie überhaupt beschützen zu können, müssen Sie ab sofort für uns tätig sein und uns unbedingt verraten, wer Sie dazu beauftragt hatte, in Mister Murdochs Kabine einzubrechen, um dieses Gerät zu stehlen“, redete Piet sanft auf sie ein. „Vertrauen Sie mir, Miss Ruthie?“
Ruthie hob ihren Kopf, blickte ihn schluchzend an und nickte. Es war ihr anzusehen, dass sie unglaubliche Angst verspürte. Ruthie war ein einfaches Mädchen aus Colorado, die nicht einmal den Unterschied zwischen eines Polizisten und Geheimagenten kannte.
„Befindet sich diese Person hier an Bord?“, fragte Piet einfühlsam, während er tröstend über ihren Rücken streichelte. Noch nie zuvor war ihm eine Frau begegnet, die dermaßen unsicher und hilfsbedürftig wirkte. Die Frauen seines Alters im Centrum, die er bislang kennengelernt hatte, waren allesamt nur aufgebrezelte und selbstbewusste Tussis, die es allein auf ihn abgesehen hatten, weil er bekannt und sehr vermögend war. Dies hatte er zwar stets durchschaut und die Annehmlichkeiten auch genossen, aber insgeheim hatte er sich immer eine Freundin gewünscht, die verletzlich wirkte und ihn insbesondre aufrichtig liebte. Nun hielt er dieses ungeschminkte Fräulein in seinen Armen, mit der kurzgelockten Haarfrisur, und war völlig hingerissen.
Ruthie blickte ihn ängstlich an, ihre Augen wanderten hin und her. Dann nickte sie.
„Es ist … es ist ein Mann, in Begleitung von drei Frauen. Er ist ein freundlicher Mann, ein älterer Herr, der sich die ganze Zeit wie ein Vater um mich kümmerte. Morgen Abend um punkt halb Zehn soll ich diesen komischen Apparat abgeben. Wir wollen uns hinten auf dem Achterdeck treffen, dann würde ich auch üppig bezahlt werden, hatte er mir versprochen. Ich will doch nur nach Hause. Aber jetzt habe ich große Angst vor diesen Leuten. Sie sind … sie sind irgendwie merkwürdig. Sie sehen auch irgendwie komisch aus. Wenn man sie länger und genauer betrachtet, glaubt man irgendwie, dass sie lebendige Puppen wären. Sie sehen wie gemalt aus, selbst bei dem älteren Herrn konnte ich nicht eine einzige Falte im Gesicht erkennen. Und dann noch seine eigenartige Haarfrisur. Als ich dies bemerkt hatte, war es leider längst zu spät gewesen. Ja, es stimmt. Diese unheimlichen Frauen hatten mir gezeigt, wie ich mit einem einfachen Draht die Kabinentür öffnen konnte. Besonders macht mir diese etwas dunkelhäutige, exotisch aussehende Frau Angst. Naomi heißt sie. Ich werde alles dafür tun, damit ihr mich beschützt!“, flehte sie. „Wirklich alles. Bitte helft mir!“

Am späten Nachmittag, nachdem die beiden Geheimagenten die Wertgegenstände von Schiffsoffizier William Murdoch und den gestohlenen Transmitter endlich im Besitz hatten, machten sie sich auf dem Weg zum Zahlmeister, um ihn irgendwie abzulenken, um mithilfe ihrer Nickelbrillen die Passagierliste zu fotografieren. Der Himmel war bewölkt, es war sehr windig geworden und minütlich wurde es dunkler, weshalb ihnen nur wenige Passagiere auf dem Bootsdeck begegneten. Aber die Titanic preschte unbeirrbar voran. Die Wellen des aufgewühlten Ozeans schlugen klatschend gegen den schwarzen Schiffsrumpf, aber trotz des mittelstarken Wellengangs, hielt das Schiff majestätisch die Position. Es war nur ein geringer Seegang zu spüren. Es schwankte an Bord etwas, mehr nicht.
Marko war aufgefallen, dass Piet sich auffällig fröhlich verhielt, die Akteure freundlich grüßte und sogar mit einer Gruppe von Kindern kurzzeitig Fangen spielte. Dies empfand Marko als sehr sonderlich, zerrte ihn beiseite und befragte ihn, wobei er ihn skeptisch anblickte.
„Sag mal, was ist plötzlich in dich gefahren? Anstatt fieberhaft nachzudenken, wo wir bescheuerte Kupferdrähte herbekommen, trödelst du, grüßt ausgiebig alle Akteure, hältst ein Schwätzchen mit ihnen und tollst sogar mit den Blagen rum, die dir eigentlich besonders auf den Sack gehen. Der stürmische Wind weht uns beinahe die Haare vom Kopf, uns steht das Wasser sprichwörtlich bald bis zum Hals, aber dir scheint die Sonne aus dem Arsch. Da stimmt doch was nicht mit dir. Kann es vielleicht sein, dass deine fröhliche Verwandlung etwas mit dem jungen Fräulein zu tun hat? Hast du dich etwa in diese Akteurin verknallt?“, hakte Marko indiskret nach. „Man kann seine Gefühle zwar nicht einfach so abschalten, aber ich gebe dir einen sehr guten Rat: Versuche deine Gefühle zu beherrschen. Schalte verdomme deinen Verstand ein! Eine Liebelei mit einer Akteurin wird dir und letztendlich der Mission nur schaden. Ich spreche da aus Erfahrung. Piet, ich bitte dich. Bleibe so cool und sachlich, wie man dich kennt. Fange bloß nichts mit einer Akteurin an. Das bringt nur Unglück!“, warnte er. Doch Piet grinste ihn weiterhin an und erwiderte, dass er nur seinem Wunsch nachginge, den Akteuren freundlicher zu begegnen.
„Dir kann man es wohl niemals recht machen, was? Klar, Ruthie ist ein niedliches Ding. Das gebe ich zu. Mehr aber auch nicht“, behauptete Piet schulterzuckend. „Was mir aber ganz und gar nicht gefällt ist, dass wir eine unschuldige Akteurin als Köder benutzen. Mit der Übergabe des Transmitters morgen Abend, riskieren wir ihr Leben. Ich werde sie beschützen, denn ich will, dass sie eine Zukunft hat!“
Dann steckte sich Piet fröhlich pfeifend eine gelbe Blume in das Knopfloch der Brusttasche seines Jacketts, diese ihm vorhin sogar ausgerechnet das kleine Mädchen von heute Morgen geschenkt hatte, und stolzierte gut gelaunt durch das Promenadendeck.
Marko blickte ihm hinterher und runzelte die Stirn. Er überlegte kurz. Konnte es vielleicht sein, dass auch Ike sich in seine Ehefrau ernsthaft verliebt hatte und er eventuell sogar beabsichtigte, ihren Tod zu verhindern, weshalb er fieberhaft nach dem vermissten Beamer suchte? Insbesondre waren die Schleuser der Gefahr ausgesetzt, für ihre Partnerinnen und Freunde viel mehr zu empfinden, als es empfehlenswert und erlaubt war, weil sie sich oftmals jahrelang in der vergangenen Welt aufhalten mussten. Aber letztendlich musste jeder Agent und Schleuser nach Missionsende unweigerlich wieder zurück ins 25. Jahrhundert reisen. Marko boxte seine Faust in die Hand.
„Jetzt begreife ich langsam, was du vorhast, van Broek. Das lasse ich aber nicht zu. Und später wirst du mir dafür sogar dankbar sein“, murmelte Marko verbissen vor sich hin. Dann stolzierte er seinem verliebten Kollegen hinterher, dessen Bowler vom Wind plötzlich fortgeweht wurde und er lachend hinterher eilte.
 
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Kommentare  

Danke für deinen netten Kommentar.
LGF


Francis Dille (06.07.2019)

Ich rede kein Blech, wenn ich dir sage, dass du sagenhaft gut schreiben kannst. Dein Roman ist spannend und lebensecht und du hast sicherlich auch genau recherchiert. Man fühlt sich nicht nur total in die Vergangenheit hinein versetzt, du machst auch deine Zukunftswelt glaubhaft. Sehr schön.

Irmgard Blech (03.07.2019)

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