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10 Seiten

Weihnachten in Marpingen

Fantastisches · Kurzgeschichten · Winter/Weihnachten/Silvester
Weihnachten in Marpingen


„Nie wieder werden andere über mich bestimmen! Nie wieder! Ich werde dafür sorgen, dass dies nie wieder geschieht!“ Susanne Leist wischte sich eine Träne aus dem Auge. Sie konzentrierte sich auf die Straße.
Neunkirchen strahlte im abendlichen Lichterglanz. Susanne stöhnte leise, als sie die festliche Weihnachtsbeleuchtung sah. Jedes Jahr tat es ein bisschen mehr weh, die Weihnachtslichter zu erblicken.
„Wenn du das sehen könntest, Mäuschen“, sprach sie leise. Sie musste die Tränen mit Gewalt zurückhalten. In der Stadtmitte setzte sie den Blinker und bog nach Ottweiler ab. „All die schönen Lichter! Und der Weihnachtsmarkt! Du würdest staunen! Nur schade, dass kein Schnee liegt; dann wäre es noch schöner.“
Susanne verließ die Kreisstadt und fuhr Richtung Norden. Das Herz tat ihr weh. Ihre kleine Tochter würde die festliche Beleuchtung zur Weihnachtszeit nie sehen. Es hatte nicht sein sollen. Ein grausames Schicksal hatte es verhindert. Fünf Jahre war es her, aber der Schmerz war so frisch wie am ersten Tag.
„Ich halte das nicht mehr aus!“, wisperte Susanne. „Ich will nicht mehr! Es muss ein Ende haben!“ Sie blickte auf den Beifahrersitz. Die Plastiktüte war da. Sie wartete geduldig. Sie würde Susanne nicht enttäuschen.
Nur noch dieser eine Weg! Noch ein Versuch! Dann nichts mehr! Nie mehr Weihnachten mit Schmerz und Leid, mit Schmerzen, die einen schier umbrachten. Einmal noch. Ein letzter Versuch; ein letztes Aufbegehren.

*

Die Ereignisse in Marpingen im Sommer 1999 hatte Susanne Leist damals vor fünf Jahren nur am Rande mitbekommen, auch wenn sie ein christliches Leben führte und regelmäßig in die Jugendgruppe ging. Fünfzehn Jahre alt war sie 1999 gewesen und bis über beide Ohren verliebt. In Martin. Obwohl sie so jung gewesen war, hatte sie gewusst, dass der ernste Achtzehnjährige der Mann fürs Leben war. Sie glaubte fest daran. Seit einem Jahr waren sie und Martin zusammen.
Ein kleines Lächeln umspielte Susannes Mund, als sie an den Sommer vor fünf Jahren dachte, an die endlos langen Abende mit Martin, an sein Verständnis, seine Zärtlichkeit, seine Liebe.
Er war unschuldig gestorben. Ein Betrunkener hatte ihn angefahren. Martin war sofort tot gewesen. Ohne es zu wollen, hatte er sie allein gelassen in einer Welt, die urplötzlich kalt und feindlich geworden war, die sich gegen Susanne wandte, als herauskam, was mit ihr los war.

Susanne war froh um die Dunkelheit der Landstraße. Die Weihnachtsbeleuchtung tat zu weh, in den Augen und im Herzen.
Dreiundzwanzigster Dezember. Heute ist der dreiundzwanzigste Dezember. Ich habe es genau ausgerechnet. Du wärst wahrscheinlich heute oder morgen angekommen, Mäuschen. Ein Christkindchen wärst du geworden, damals vor fünf Jahren.
Auch in Marpingen gab es Weihnachtsschmuck an den Straßen, aber nur wenig. Ein so kleines Dorf hatte kein Geld für eine protzige Beleuchtung wie Neunkirchen, Homburg oder Saarbrücken. Susanne war dankbar dafür. In der Ortsmitte folgte sie dem Hinweisschild, das sie zur Kapelle im Härtelwald führte. Sie stellte ihr Auto auf dem kleinen Parkplatz ab und stieg aus. Die Tüte ließ sie im Wagen. Sie würde auf sie warten. Die Tüte hatte Geduld. Die Tüte kannte keine Eile.
Langsam ging Susanne auf die Kapelle am Waldrand zu. Sie sah aus wie auf den Bildern im Internet, die sie gesehen hatte. Grüne Ziegel bedeckten das Dach. Vorne überm Eingang war ein kleines Glockentürmchen.
Hier und weiter oben im Wald an der Gnadenquelle war 1999 die Mutter Gottes drei jungen Frauen erschienen. Susanne schien es der richtige Ort zu sein, um zu beten – zu beten für ein kleines Kind, das nicht hatte leben dürfen.
Sie kontrollierte die Taschen ihrer Jacke. Ja, alles da. Zwei Kerzen im roten Kunststoffbecher, sogenannte „Ewige Lichter“, die zwei oder mehr Tage lang brannten, und eine Taschenlampe.
An der Kapelle brannte eine einsame, schummrige Lampe. In der Dunkelheit erkannte Susanne kaum den Weg vor sich. Sie erreichte die kleine Kapelle. Die Vorderwand, in der sich die Eingangstür befand, war mit Schildern aus Holz und Marmor gepflastert. „Maria hat geholfen“, stand auf den kleinen Schildern – oft zusammen mit einer Jahreszahl.
„Hilf mir Maria!“, flüsterte Susanne. „Bitte, Mutter Gottes, hilf auch mir!“
Sie betrat das Kirchlein. Drinnen standen zwei Reihen Holzbänke. Vorne brannten zwei Dutzend Ewige Lichter vor einem Abbild der Muttergottes mit dem Jesuskind. „Ich bin die unbefleckt Empfangene“, stand auf dem Bilderrand.
Susanne trat nach vorne. Sie knickste tief. Dann zündete sie eins ihrer Lichter an und stellte es zu den anderen. Sie nahm in einer der Bänke Platz.
Maria hat geholfen.
Hättest du mir auch geholfen Maria, fragte sie in Gedanken. Hättest du mir im Sommer 1999 geholfen, als ich plötzlich hilflos und allein war? Hätte ich damals schon von den Erscheinungen in Marpingen gewusst, ich wäre gekommen, um dich um Fürsprache für mich zu bitten; für mich und mein Kind.
Doch in jenem Sommer vor fünf Jahren war alles so plötzlich über sie gekommen. Ihre eigenen Eltern, die sie zeitlebens als gläubige Christen gekannt hatte, hatten sich innerhalb einer Stunde in ihre ärgsten Feinde verwandelt. Sie hatten die fünfzehnjährige Susanne gezwungen, etwas Schreckliches zu tun. Noch heute sah Susanne in ihren nächtlichen Träumen die mitleidlosen Gesichter ihrer Eltern: „Du musst es tun, Susi! Gott will es so! Es ist nicht recht, dich zu widersetzen! Was sollen die Leute von uns denken? Du hast zu tun, was wir dir sagen!“
Susanne senkte den Kopf. Sie holte ihren Rosenkranz hervor und begann zu beten. Die Gebete halfen ihr, gaben ihr Halt. Die Zeit verschwamm, wurde unwichtig. Sie betete den gesamten Rosenkranz durch.
Vor fünf Jahren hatte sie beinahe ihren Glauben verloren. Etwas in ihr war gestorben bei Martins Tod. Susanne verzog schmerzlich das Gesicht. Eltern sollten ihren Kindern beistehen, wenn sie in Not sind. Sie fühlte sich entsetzlich müde, als ob ein riesiges Gewicht auf ihr lasten würde. Ihre Eltern hatten ihr den Beistand versagt. Stattdessen hatten sie Entsetzliches von ihrer Tochter verlangt.
Susanne stand auf. Mit schleppenden Schritten verließ sie die Kapelle. Der erhoffte Trost war ausgeblieben – sie hatte es nicht anders erwartet. Sie folgte dem Schild, das zur Gnadenquelle wies. Ein dunkler, steiler Weg führte in den Härtelwald hinauf. Susanne knipste die Taschenlampe an. Ein freundlicher Mensch aus dem Internet hatte ihr zu der Lampe geraten. Er war schon oft in Marpingen gewesen und kannte sich aus.
„Abends ist es stockfinster im Härtelwald oberhalb der Kapelle“, hatte er ihr per E-Mail mitgeteilt. Er hatte auch geschrieben, dass noch immer täglich eine Handvoll Pilger nach Marpingen kamen. Obwohl die Presse 1999 die Erscheinungen in den Dreck gezogen hatte und die drei Seherinnen mit Spott und Häme überhäuft hatte.
Heute Abend war niemand da. Am Abend des dreiundzwanzigsten Dezember hatten die Menschen anderes zu tun, als auf Wallfahrt zu gehen.
In qualvoller Langsamkeit stieg Susanne den Weg hinauf. Das unsichtbare Gewicht, das auf ihr lastete, schien mit jedem Schritt schwerer zu werden. Der nasse Waldboden saugte an ihren Schuhen.
1999 hatte Marion Guttmann, eine der drei Seherinnen von Marpingen, am letzten Erscheinungstag im Oktober eine große Menge kleiner Kinder gesehen, die um die Gottesmutter und die anwesenden Menschen herumflitzten, ein Bild der Freude und des Friedens.
Susanne wusste, welche Kinder Marion gesehen hatte. Susanne hatte das Video „Schaut her in mein Herz“ von Hans Schotte gesehen. Der achtzigminütige Film handelte von den Erscheinungen im Marpingen.
Susanne war sich absolut sicher: Die kleinen Kinder, die Marion Guttmann am letzten Erscheinungstag gesehen hatte, waren Kinder gewesen, die nicht hatten leben dürfen.
Susanne quälte sich weiter den Weg hinauf. Hier im finsteren Wald wirkte nichts weihnachtlich auf sie.
Endlich kam sie oben an. Der Weg mündete auf dem Vorplatz der Gnadenquelle. Rechts neben der Quelle gab es eine Art offene Kapelle, ein Winkel aus gemauerten Steinen, in dem eine weiße Statue der Muttergottes mit dem Jesuskind stand, flankiert von Heiligen. Das Ganze war von einem Spitzdach mit quadratischem Grundriss bedeckt. Mehrere einfache Bänke standen vor dem primitiven Altar mit dem Marienbildnis dahinter. Ein einziges Ewiges Licht brannte rotschimmernd vor dem Altar, ein Bild vollkommener Einsamkeit.
Susanne ging zu der überdachten Stätte. Sie zündete ihr Lichtlein an und stellte es zu seinem einsamen Zwilling vor die Marienstatue. Dann setzte sie sich auf eine Bank. Sie fühlte sich wie gerädert. Der Wald um sie herum war stockfinster. Unheimlich war es.
„Was habe ich denn erwartet?“, flüsterte Susanne. Sie war todunglücklich. Das letzte Quäntchen Mut verließ sie, erlosch wie die Flamme einer heruntergebrannten Kerze. Hatte sie Pilger erwartet? Einen Geistlichen vielleicht? Menschen, die Verständnis für ihre innere Not aufbrachten? Die ihr beistehen würden und ihr Mut machen konnten? Es war niemand da. Susanne war mit ihrer Verzweiflung allein, so allein wie damals vor fünf Jahren. Sie begann lautlos zu weinen. Die Erinnerungen schlugen über ihr zusammen wie Wellen in einem Sturm.

*

Ihre Eltern, die sie festhielten, sie führten. Sommer 1999. Wie in Ketten gelegt fühlte sich Susanne. Wie eine Verurteilte, die zur Richtstätte geführt wird. Der lange Krankenhausflur. Die unangenehmen Gerüche; Gerüche von Krankheit und Tod. Bis zuletzt flehte sie ihre Eltern an. Sie bettelte. Sie appellierte an ihre christliche Nächstenliebe: „Was ihr von mir verlangt, ist Mord!“
Umsonst. Vergebens. Sie war fünfzehn und hatte zu tun, was ihre Eltern bestimmten.
Der Eingriff war nicht besonders kompliziert. Es ging sehr schnell. Der Arzt war routiniert. Ein Meister seines Faches. Ein Metzger. Ein Menschenmetzger!
Susanne fühlte sich, als habe man ihr das Herz amputiert. Der Satz, den der operierende Arzt lapidar zu seinem Assistenten sagte: „Wär’n Mädchen geworden.“ Handschuhe aus, Mundschutz runter. Hände waschen. „Was liegt noch an?“
Assistent: „Das Gleiche noch mal auf 211.“
Tiefer Seufzer: „Wird Zeit, dass bald Feierabend ist.“
Tür zu. Susanne allein. Allein im wahrsten Sinne des Wortes. Amputiert. Ausgeweidet. Das winzige Wesen unter ihrem Herzen heraus geschnitten. Tot gemacht. Ermordet.
Allein ...
Ein Mädchen wäre es geworden ...
War das Kleine schon so groß in ihrem Bauch gewesen, dass der Arzt das hatte sehen können?
Jetzt war es herausgeschnitten. Herausgerissen. Weggeworfen. In den Müll. Ein kleiner Kadaver. Kein Begräbnis. Nur ein Stück Aas. Ermordet. Kaltgemacht, weil Susannes Eltern nicht wollten, dass die Leute redeten.
In aller Heimlichkeit. Heimliche Tötung. Heimlicher Mord. Mord am Kind. Mord am Herzen der jungen Mutter.

*

Susanne krümmte sich vor Schmerzen.
„Ich habe das nicht gewollt, Mäuschen!“, schluchzte sie mit erstickter Stimme. „Ich war doch so allein! So jung! Dein Vater war tot. Ich stand unter Schock. Ich konnte mich nicht wehren. Sie haben mich erpresst. Ich bereue es so sehr. Jeden Tag bereue ich es. Wäre ich ein Jahr älter gewesen, ich hätte widerstanden. Doch ich war zu jung, war selber fast noch ein Kind. Hilflos. Allein.
Kannst du mir verzeihen, Mäuschen? Ich wollte dich haben, allen Widrigkeiten zum Trotz. Ich wollte dich!“
Susanne wurde vom Schluchzen geschüttelt. Durch einen Tränenschleier schaute sie zu dem Standbild der Muttergottes.
„Maria!“, flüsterte Susanne. „Kannst du ihr sagen, dass es mir leid tut? Sie wäre heute fünf Jahre alt geworden. Mein Kind. Ich habe es nicht geschafft, sie zu retten. Maria, ich kann nicht mehr! Ich ertrage diesen Schmerz nicht mehr, diese entsetzliche Leere. Hast du gewusst, dass Leere weh tut? Ich will nicht mehr.“ Susanne ließ den Kopf sinken.

„Geht es dir nicht gut?“
Susanne zuckte erschrocken zusammen. Eine Frau hatte sich neben sie in die Bank gesetzt. Susanne hatte nicht bemerkt, wie sie gekommen war. Die Frau wandte ihr das Gesicht zu. Tiefes Mitgefühl stand in ihren Augen.
„Mein Kind ist tot“, wisperte Susanne. „Vor fünf Jahren. Abgetrieben. Meine Eltern zwangen mich. Ich war schwach, allein. Ich konnte mich nicht wehren. Mein Freund war gerade gestorben. Ich …“
Die Frau schaute sie still an.
„Es war ein Mädchen“, sagte Susanne leise. „Seitdem muss ich beim Anblick kleiner Mädchen immerzu an sie denken. Sie hat nie einen Schmetterling über eine blühende Frühlingswiese verfolgt. Sie hat nie über den ersten Schnee ihres Lebens gestaunt. Ich habe nie mit ihr gekuschelt. Wir haben nie gemeinsam Plätzchen gebacken. Ich konnte ihr nie die schöne Weihnachtsbeleuchtung zeigen. Wie habe ich diese Weihnachtslichter als Kind geliebt! Seit fünf Jahren tut mir der Anblick nur noch weh.“
Susanne schaute die Fremde an. „Ich komme um vor Schuldgefühlen. Können Sie das verstehen?“
„Ja“, sagte die Frau. „Du bereust, was du getan hast.“
„Jeden Tag“, flüsterte Susanne. „Könnte ich es nur rückgängig machen! Wenn ich wenigstens wüsste, dass sie im Himmel ist, dass es ihr gut geht. Aber durfte sie denn in den Himmel? Wo sie einfach so weggeworfen wurde?“
Die Frau schaute Susanne ruhig an. „Du glaubst an den Himmel?“
Susanne senkte den Kopf. „Nicht mehr sehr.“ Ihre Stimme war so leise, dass man sie kaum hören konnte. „Ich habe geglaubt. Aber ich verliere meinen Glauben. Der Schmerz hat ihn mir genommen. Nur noch ein winziger Funke ist übrig. Er hat mich heute Abend hierher geführt. Er ist am Verlöschen. Er ist genauso kraftlos wie ich.“
„Auch der kleinste Funke kann zu einer hellen Flamme werden“, sagte die Frau freundlich. Sie stand auf.
Sie geht fort, dachte Susanne. Sie hat die Nase voll. Sie will sich kurz vor Weihnachten nicht mein vor Selbstmitleid triefendes Gejaule anhören.
Susanne verstand die Frau sehr gut. Trotzdem tat es weh. Einige Minuten lang hatte sie das Gefühl gehabt, jemanden getroffen zu haben, der sie verstand, jemand, der ihr Trost spendete.
Egal. Es war sowieso vorbei.
Marpingen war mein letzter Versuch. Ich habe nicht wirklich geglaubt. Nicht mehr. Wunder gibt es nur in der Bibel, und die ist zweitausend Jahre alt. Es gibt keine Wunder mehr in dieser Welt.
Susanne nahm eine Bewegung im Augenwinkel wahr. Die Frau kam zurück. Sie war anscheinend nur nach vorne gegangen, um einige zusätzliche Kerzen anzuzünden. Es war merklich heller geworden. Ein seltsames Gefühl beschlich Susanne. Ungläubig schaute sie sich um. Vorne beim Altar brannten Dutzende und Aberdutzende Kerzen. Wie hatte die Fremde die so schnell anzünden können? Wo hatte sie die vielen Kerzen her? Es mussten beinahe hundert sein.
Sie betrachtete die Frau genauer. Sie trug ein dunkles Cape über den Schultern. Langes schwarzes Haar umfloss ihr Gesicht. Da war etwas an ihrem Bein. Susanne stutzte. Ein kleines Kind klammerte sich an der Frau fest, vergrub sein Gesicht in ihrem Schoß. Die Frau beugte sich hinab und umarmte das Kleine.
„Was ist denn? Du brauchst dich doch nicht zu fürchten“, sagte sie freundlich und strich dem Kind über den dichten Haarschopf. „Fürchte dich nicht.“
Susanne glaubte, rund um die Stätte Bewegungen wahrzunehmen. Sie vernahm ein Wispern. Sie hörte jemanden leise kichern. Kinderlachen. Am Rande ihres Wahrnehmungsvermögens.
Die fremde Frau kniete vor dem Kind.
Wie gebannt starrte Susanne das Kind an. Es klammerte sich noch immer an der Frau fest. Die Frau sprach leise auf es ein. Schließlich drehte es den Kopf und lugte hinter einem Kleiderzipfel hervor zu ihr hinüber. Susanne schluckte. Es war ein Mädchen, etwa fünf Jahre alt. Das dichte dunkle Haar fiel ihr als Pony in die Stirn.
„Möchtest du nicht zu ihr gehen?“, fragte die Frau. „Sie wartet auf dich.“
Susanne schlug das Herz bis zum Hals.
Es gibt keine Wunder in dieser Welt! Es gibt sie nicht! Hier sind nur Schmerz, Not und Leid! Es gibt keine ...
Sie stand von der Bank auf und kniete auf dem Boden. Das Mädchen schaute sie an. Seine Augen wirkten im Kerzenlicht riesig groß in dem kleinen Gesichtchen.
„Hallo“, sagte es. Seine Stimme war hell und dünn wie ein Silberfaden. Es ließ den Mantel der Frau los und machte einen kleinen Schritt auf Susanne zu: „Bist du … bist du wirklich meine Mama?“
Susannes Herz drohte stehen zu bleiben.
„Ja“, hauchte sie. Tränen schossen ihr in die Augen. „Ja, Mäuschen, ich bin deine Mama.“ Sie öffnete die Arme.
Zögernd, mit winzigen Schritten kam das Kind näher.
„Mäuschen“, sagte Susanne leise. „Komm!“
Da flog ihr das Kind in die Arme: „Mama!“
Susanne umarmte das winzige, dünne Etwas, drückte es zärtlich an sich. „Mein kleiner Schatz!“ Sie küsste das Gesichtchen des Kindes immer wieder. Um sie herum war leises Kichern zu hören; Kinderlachen. Kleine, kaum sichtbare Schemen flitzten umher.
Susanne drückte das Kind, IHR Kind, an sich. „Es tut mir so leid, Mäuschen. So leid! Verzeih mir! Bitte vergib mir!“
Die Kleine löste sich aus ihren Armen und schaute zu Susanne hoch. „Ich habe keinen Namen“, fiepte sie. „Warum habe ich keinen Namen, Mama?“ Trauer stand in den großen, fragenden Kinderaugen.
Susanne schluckte. „Doch, du hast einen Namen“, sprach sie hastig. Ihre Gedanken wirbelten durcheinander. Ein Name! Sie überlegte fieberhaft. Wie wolltest du sie damals nennen? Maria, nicht wahr?
Sie schaute ihr kleines Mädchen an. So ein winziges Ding Maria nennen? Eher Klein-Maria.
„Marietta“, sprach Susanne ernst. „Dein Name ist Marietta.“
Das Gesichtchen des Mädchens explodierte in einem freudigen Lächeln. „Marietta! Ich heiße Marietta!“, rief sie laut und umhalste Susanne.
„Marietta!“, rief und flüsterte es rundum in der beinahe unsichtbaren Kinderschar.
„Sie heißt Marietta.“
„Her name is Marietta.“
„Zij heest Marietta. O wat is ze blij, dat ze eindelijk een echte namen heeft.“
In allen Sprachen der Welt wurde die Neuigkeit weitergegeben. Das Lachen wurde lauter, freudiger. Die Kerzenflammen tanzten.
Marietta kuschelte sich an Susanne: „Ich habe dich lieb, Mama.“
Susanne küsste das zarte kleine Wesen. „Ich dich auch, Marietta. Bist du böse auf mich, für das, was ich getan habe?“
Marietta schüttelte den Kopf: „Nein Mama; du hast es nicht mit Absicht gemacht.“ Sie drückte sich eng an Susanne. „Du wolltest mich haben.“ Eine Weile schwieg sie.
Susanne wiegte sie in ihren Armen, trunken vor Glück. Es gibt Wunder! Es gibt sie wirklich! Wunder geschehen!
Marietta schaute zu ihr hoch. „Du bist immer so traurig, Mama. Das tut mir weh. Dort wo ich bin, tut mir nichts weh. Nur deine Traurigkeit. Du lachst nie. Ich würde dich so gerne lachen sehen!“ Sie gab Susanne einen Kuss. „Ich sehe immer, was du machst. Immerzu bist du traurig. Das tut mir weh, wenn du so traurig bist.“
„Von jetzt an werde ich nicht mehr so traurig sein“, sprach Susanne. Sie küsste Marietta. „Der Schmerz wird von mir gehen. Ich weiß nun, dass es dir gut geht.“
Die umhersausenden Kinder kamen näher.
„Marietta, die Mutter kommt“, riefen sie. „Komm mit. Wir müssen gehen. Bald ist Weihnachten.“ Sie rannten zu der fremden Frau, drängten sich an sie.
Marietta schaute Susanne ernst an. „Ich gehe zurück, Mama“, sagte sie. „Doch ich bin immer bei dir. Ich habe dich lieb, Mama. Du bist gekommen. Du hast mich gewollt. Bitte lerne wieder lachen. Bitte, bitte.“
„Ja, mein Schatz. Ich verspreche es“, sagte Susanne. Von Gefühlen überwältigt brach ihre Stimme.
Marietta flitzte zu der Frau, die Susanne nun nicht mehr fremd erschien. Sie trug kein Cape, erkannte Susanne. Es war vielmehr ein langer dunkelblauer Mantel. Ein goldener Lichthof umgab sie und die Kleinen.
„Auf Wiedersehen, mein Kind“, sprach die Frau und winkte Susanne. „Ich bin auch DEINE Mutter. Vergiss das nicht.“
Susanne winkte zurück: „Ich weiß. Danke für deine Hilfe. Du hast mich sehr glücklich gemacht.“
Die winkende Gestalt löste sich allmählich zu funkelndem Licht auf. Susanne, die noch immer kniete, schaute atemlos zu. Das Licht wurde schwächer, das Rufen und Lachen der Kinder wurde leiser, bis alles verschwand.
Susanne war allein. Die einzige Helligkeit kam von den beiden ewigen Lichtern, die unter der Marienstatue leuchteten.
Da blitzte es noch einmal hell auf, so als ob jemand eine geschlossene Tür öffnen würde, hinter der helles Licht schien. Marietta lugte aus dem Leuchten hervor. „Tschüs Mama“, rief sie mit ihrer wunderschönen, hellen Stimme und schenkte Susanne ein bezauberndes Lächeln. „Frohe Weihnachten.“
„Frohe Weihnachten“, rief Susanne und winkte. Das Leuchten verschwand.
Susanne kniete lange im schummrigen Schein der beiden Kerzen. Tiefer Frieden erfüllte ihr Herz. Zum ersten Mal seit fünf langen Jahren fühlte sie sich nicht niedergedrückt. Zum ersten Mal seit fünf Jahren freute sie sich auf Weihnachten.
Als die Kälte der Winternacht in ihre Knochen kroch, stand sie auf und machte sich auf den Rückweg.
„Wenn ich das jemandem erzähle, das glaubt mir keiner“, sagte sie zu sich selbst. Sie verstand mit einem Mal, wie es Marion, Judith und Christine, den drei Seherinnen von Marpingen, 1999 ergangen sein musste: Sie allein sahen und hörten wundervolle Dinge, und alle um sie herum nahmen nichts davon wahr.
„Ich weiß, dass es echt ist“, flüsterte Susanne. „Ich weiß es jetzt.“

*

Rudolf Recktenwald spazierte mit seinem Hund an der Härtelwaldkapelle vorbei, als er die junge Frau aus dem Wald kommen sah. Er erkannte den Ausdruck puren Glücks und tiefen Friedens in ihrem Gesicht.
Da hat wohl Maria wieder mal jemandem geholfen, dachte er bei sich. Mochten die Idioten von der Hetzpresse schreiben, es sei ein Schmu, er hatte schon oft miterlebt, wie Menschen zu Tode betrübt nach Marpingen kamen und voller Lebensfreude wieder gingen.
Er beobachtete, wie die Frau zu ihrem Wagen auf dem Parkplatz ging. Sie holte zwei Sachen aus dem Auto. Das eine war eine Plastiktüte, die sie achtlos in den Abfallcontainer am Parkplatz warf. Das andere schien ein Lumpen zu sein. Die Frau lief damit zur Kapelle und machte sich an der Vorderwand zu schaffen. Dann lief sie leichtfüßig zu ihrem Wagen zurück, stieg ein und fuhr davon.
Neugierig geworden ging Recktenwald zum Müllcontainer und schaute hinein. Obenauf lag die Plastiktüte. Eine Medikamentenschachtel ragte heraus. Rudolf Recktenwald kannte das Präparat. Es war ein sehr starkes Schlafmittel. Er stocherte mit einem Stöckchen in der Tüte herum und fand vier Schachteln davon.
„Ach du lieber Gott!“, entfuhr es ihm. „Das ist ja genug von dem Teufelszeug, um fünf oder sechs Menschen umzubringen!“ Rasch stopfte er die Tüte mithilfe des Stöckchens tief unter den Müll. Niemand sollte sie finden.
Dann ging er zur Kapelle und suchte die Vorderwand ab. Er wurde rasch fündig. Rechts neben der Eingangstür inmitten von kleinen Schildern aus Holz und weißem Marmor hing in Augenhöhe eine beigefarbene Baseballkappe. Mit Kajalstift hatte jemand darauf gekritzelt: „Maria hat geholfen! Weihnachten 2004.“
 
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Kommentare  

Sehr gut geschrieben. Eine der besten Geschichten, die ich hier auf webstories je gelesen habe. Trotz der "heiklen" Themen völlig frei von Besserwissertum oder Belehrungen und einfach wie in einem Guss geschrieben! und was noch dazu kommt eine Geschichte aus dem Saarland! Gruß Daniel

Daniel Freedom (07.12.2019)

Ich war zu Tränen gerührt und das soll bei mir schon etwas heißen und den anderen, denen ich diese tolle Weihnachtsgeschichte vorgelesen habe, gings genauso. Man, kannst du schreiben. Das haut einen ja regelrecht vom Hocker.

L.G. Evi


Evi Apfel (05.12.2019)

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