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Aufziehmädchen Emma(1)

Romane/Serien · Fantastisches
Schnaufend setzte sich das Chiemseebockerl in Bewegung. Mit munteren Auspuffschlägen zog die kleine, grasgrün lackierte Kastendampflok die Passagierwaggons über die Gleise der Schmalspurbahn von Prien die knapp zwei Kilometer lange Strecke nach Prien am See; am Chiemsee, um genau zu sein. Drei Männer und eine Frau saßen im Wagen direkt hinter der Dampflok. Sie trugen die typische Kleidung von Luftschiffern: Hosen aus weichem, hellbraunem Leder in bequemer Weite, die an den Knöcheln gebunden waren, Stiefel mit weichen Sohlen und Jacken mit Kragen aus Lammfell.
Der Tag ging zu Ende. Bald würde die Sonne untergehen.
„Sie haben uns immer noch nicht gesagt, wo es hingeht, Herr Kapitän“, sagte die Frau. Sie spielte mit der Fliegerbrille, die sie um den Hals trug. Die Gläser der Goggles waren grün eingefärbt. „Warum so geheimnisvoll?“
Der Mann, der ihr gegenübersaß, holte einen Briefumschlag aus der Innentasche seiner Fliegerjacke: „Unser Kunde fordert es, Hedwig.“ Kapitän Christian von Reichshofen wedelte mit dem Umschlag: „Man hat mich auf postalischem Weg kontaktiert. Dem Winkertelegraphen wollte man die Nachricht nicht anvertrauen.“
Rumpelnd fuhr der Schmalspurzug durch eine enge Kurve. Dampfschwaden wehten am geöffneten Fenster vorbei. Es roch nach Holzbrikettfeuer, Rauch und heißem Schmierfett.
„Kein Telegramm?“ Hedwig Weber verzog die Lippen zu einem Strich. Die Zweite Offizierin der Abendstern hatte ihre eigene Art, über die Dinge im Leben nachzudenken: „Das wird doch hoffentlich keine unzüchtige Liebesgeschichte sein? Womöglich zwei Verheiratete, die an Bord der Abendstern feiern und ihre Ehegatten betrügen wollen?!“
Der Mann neben dem Kapitän brach in Lachen aus: „Mein Gott, Hedwig! Was Sie wieder denken! Ferkelige, übersättigte Adelige, die an Bord unseres Luftschiffs wüste Orgien feiern, was?“ Maximilian Henschel wollte sich ausschütten vor Lachen.
„Vor zwei Jahren hatten wir … gewisse Leute an Bord!“, bemerkte Hedwig spitz. Sie fasste nach ihrem Haar, das sie im Nacken zu einem Knoten geschlungen hatte: „Es stellte sich dann heraus, dass sie mit unserer Hilfe Schmuggel betreiben wollten.“ Sie nahm den Mann ins Visier, der neben ihr saß: „Nicht wahr, Eins-O?“
Werner Oberth, der Erste Offizier der Abendstern, nickte. Er war groß gewachsen und blond, ein stiller, ernster Mensch – ganz im Gegensatz zu Max Henschel, der das Herz auf der Zunge trug und seine Meinung ohne Scheu kundtat. Der vierzigjährige Henschel war Erster Ingenieur auf dem Luftschiff und für die hochmoderne Dampfmaschine verantwortlich.
„Streitet euch nicht“, sagte der Kapitän. Von Reichshofen rückte seine Schirmmütze in den Nacken, was einen Schwall dunkelblonder Haare über seiner Stirn hervorquellen ließ: „Es geht um eine Forschungsexpedition, so viel kann ich euch sagen. Mehr weiß ich selbst nicht, nur, dass es eine sehr lange Fahrt werden soll. Man will unsere Abendstern ihrer extremen Reichweite wegen anmieten. Wir besitzen nun mal ein Langstreckenluftschiff.“
„Das klingt nach einem richtigen Abenteuer“, meinte Max. Er fuhr mit der Hand über seine beginnende Glatze: „Schön wäre es. Die letzten vier Fahrten waren pillepalle. Einmal über die Alpen, Spazierfahrten überm Französischen Länderbund, einmal Dänemark und zurück und dann dieser Altherrenclub, der den deutschen Flüssen in der Luft nachschippern wollte. Warum haben die keinen Raddampfer gemietet?“
„Weil sie alles aus der Luft sehen wollten, Max.“ Christian stand auf. Der Zug hielt mit quietschenden Bremsen. Sie waren da. „Gehen wir, Leute. Wir werden in Kürze mehr wissen. Dort entlang, bitte. Zum Café bei der Anlegestelle der Raddampfer. Man erwartet uns auf der Seeterrasse des „Weißen Schwan“.
Als die vier Luftschiffer die Terrasse des Strandcafés betraten, erhob sich ein hochgewachsener Mann und winkte ihnen zu: „Kapitän von Reichshofen? Bitte hierher. Ich habe einen Tisch reservieren lassen, an dem wir alle bequem Platz finden.“
Drei Leute warteten am Tisch auf die Luftschiffer; der Mann, der sie gerufen hatte, ein weiterer Herr und ein junges Mädchen. Als Christian das Mädchen erblickte, musste er sich bemühen, nicht zusammenzuzucken. Bei seinem Eintreffen erhob sie sich gemeinsam mit dem anderen Mann am Tisch und schaute ihm entgegen. Sie war klein und zierlich. Ihr Haar, das sie offen trug, reichte ihr bis zu den Schultern. Sie war brünett, aber da war eine einzelne Strähne, nicht breiter als ein halber Zentimeter, die völlig fremdartig aussah – wie Kupfer, das angefangen hatte, sich mit Grünspan zu überziehen. Sie hatte dunkelblaue Augen und Christian erkannte auf den ersten Blick, dass eines der Augen künstlich war. Als sie ihn anschaute, sah er, wie sich im Inneren dieses Auges Linsensysteme verstellten.
Christian war so verblüfft, dass er vergaß, sich vorzustellen.
Der Mann, der sie zum Tisch gewunken hatte, rettete die Situation: „Darf ich vorstellen? Meine Tochter Emma.“ Er vollführte eine Geste zu dem Mann neben Emma: „Mein Diener Albert Hansen.“ Er deutete eine Verbeugung an: „Gestatten: Theodor Heisenberg, Professor der Naturgeschichte, Historie und Biologie. Gelernter Maschineningenieur und Konstrukteur. Ich bin derjenige, der Ihnen geschrieben hat, Herr von Reichshofen.“
Christian reichte den drei Leuten der Reihe nach die Hand: „Angenehm. Erfreut, Sie kennenzulernen. Ich bin Christian von Reichshofen, Kapitän des Luftschiffs Abendstern. Dies sind Werner Oberth, Erster Offizier, Hedwig Weber, Zweiter Offizier, und Maximilian Henschel, mein Erster Ingenieur.“
Man schüttelte sich die Hände und nahm Platz. Heisenberg bestellte Kaffee für alle.
Während sie die ersten Schlucke tranken, betrachtete Christian von Reichshofen seine Gastgeber. Professor Heisenberg war eine überaus gepflegte Erscheinung mit schwarzen Haaren und einem ebenso gefärbten Schnurrbart, der akkurat gestutzt war. Er trug gute Kleidung und war das absolute Gegenteil des zerstreuten Professors, den Christian erwartet hatte. Wenn er in den Notizzetteln blätterte, die er vor sich liegen hatte, setzte er ein Monokel ins rechte Auge, was die eisgraue Färbung dieses Auges noch hervorhob.
Christian fragte sich, ob das Einglas wirklich vonnöten war, oder ob es sich um eine modische Marotte handelte. Heisenberg konnte nicht älter als Mitte vierzig sein. In dem Alter schon eine Lesehilfe?
Der Professor riss ihn aus seinen Gedanken: „Ich freue mich, dass Sie kommen konnten, Kapitän. Zuallererst möchte ich Sie um Verzeihung bitten für die Geheimniskrämerei. Sie war bitter nötig, bitte glauben Sie mir. Es gibt finstere Elemente, die hinter mir und meiner Entdeckung her sind. Deshalb zog ich es vor, Sie per Brief zu kontaktieren und mit keinem Wort zu erwähnen, warum ich Ihr Luftschiff anmieten möchte. Hätte ich unsere Korrespondenz den Winkertelegraphen anvertraut, hätten wissende Augen mitlesen können.“
Die Winkertelegraphen standen überall im Reich. Sie verliefen in zahllosen Linien zwischen den großen Städten und kleineren Orten. Die optischen Telegraphen übermittelten mittels verstellbarer Holzarme ihre Nachrichten. Von einer zur anderen Station wurden die Codes weitergeleitet. Auf diese Weise konnte man Telegramme extrem schnell quer durchs gesamte Königreich Bayern verschicken. Gegen dieses Tempo kam die Papierpost nicht an, doch Christian musste dem Professor recht geben. Wer die Codes der Telegraphenwinker kannte, konnte jedwede Nachricht mitlesen, indem er die Winkerarme beobachtete.
Er warf einen Blick auf den Diener des Professors. Der Mann war Ende dreißig und trug unauffällige Kleidung. Sein dichtes, dunkles Haar reichte ihm bis weit über die Ohren und ging in einen wuchernden Vollbart über, der gemeinsam mit dem buschigen Oberlippenbart Hansens halbes Gesicht verdeckte. Christian fand es ungewöhnlich, einen Diener mit einer solchen Haartracht zu sehen. Normalerweise trugen Bedienstete ihr Haar kurz und sie gingen grundsätzlich rasiert. Hansens Augen lugten aufmerksam aus dem dunklen Haargewirr hervor. Sie huschten ständig hin und her, als wolle der Mann sich nichts entgehen lassen.
Professor Heisenberg wandte sich an Christian: „Ich muss leider davon ausgehen, dass wir verfolgt werden, Herr von Reichshofen. Ein böser Konkurrent ist hinter meinem Geheimnis her, und er scheut auch vor Gewalt nicht zurück, um seiner habhaft zu werden. Es geht um eine unglaubliche Entdeckung und um unvorstellbar viel Silber. Mein Diener wird die Umgebung aufmerksam im Auge behalten. Ich habe mit Absicht einen offenen Platz mit vielen Menschen für unser erstes Treffen ausgewählt, um früh genug auf unliebsame Annäherungen aufmerksam zu werden.“
Christian sah, wie Henschel sich ein Grinsen verkniff. Er konnte seinen Ersten Ingenieur gut verstehen. Heisenberg übertrieb offensichtlich maßlos. So waren Leute seines Schlages immer. Sie sahen an jeder Straßenecke Spione, die ihnen irgendwelche Baupläne einer angeblich bahnbrechenden Erfindung abluchsen wollten.
Was konnte ein Konkurrent schon Schlimmes anstellen? Heisenberg die Notizzettel stehlen, die er vor sich auf dem Tisch liegen hatte?
Doch Christian lächelte freundlich und schenkte dem Professor seine volle Aufmerksamkeit.
„Ich bin im Besitz eines Notizbuches“, sagte Heisenberg. Er schaute sich im Gartencafé um. Seine Blicke verrieten übertriebenes Misstrauen. Als er weitersprach, senkte er die Stimme: „Mein Konkurrent würde alles tun, um an dieses Notizbuch heranzukommen, wirklich alles.“ Er machte eine Geste in Richtung seiner Tochter: „Emma hatte vor etwas mehr als einem Jahr einen schrecklichen Unfall. Sie wurde so schwer verletzt, dass sie dem Tode geweiht war. Es grenzt an ein Wunder, dass ich sie retten konnte.“
Emma senkte den Blick. Christian bemerkte, dass das mechanische Auge sich langsamer bewegte als das echte. Es schien hinter den Bewegungen seines lebendigen Zwillings herzuhinken.
Emma war zierlich. Sie wirkte geradezu winzig, ein Eindruck, der durch ihre offensichtliche Schüchternheit noch verstärkt wurde.
„Es sind nicht nur das Auge und die Haarsträhne, die sich unglücklicherweise gegen Haarfärbemittel jedweder Art als äußerst störrisch erweist“, fuhr Heisenberg fort. „Einige innere Organe meiner Tochter wurden bei dem Unglück in Mitleidenschaft gezogen. Emma trägt ein System komplizierter mechanischer Apparate in sich, die von einem speziellen Uhrwerk angetrieben werden, das sie anstelle ihres zerstörten Herzens in der Brust trägt. Sie hat keine wirkliche Lunge mehr, nur noch Überreste. Ihr rechtes Bein ist ab Mitte des Oberschenkels künstlich und aus Metall und Kao-Tschuck aufgebaut. Den Fuß konnte ich retten. Ich habe die Blutbahnen und Nervenstränge durch ein Röhrensystem dorthin geleitet. Sie hat Gefühl im Fuß. Daher kann sie recht gut gehen.“
Christian von Reichshofen musste heftig schlucken. Emma war nur noch teilweise menschlich. Ein Uhrwerk anstelle eines Herzens. Metallene Apparaturen im Leib. Ein künstliches Bein, ein künstliches Mecha-Auge. Plötzlich fühlte er großes Mitleid mit dem Mädchen. Es war nicht einmal zwanzig Jahre alt und auf schreckliche Weise entstellt. Welcher Mann würde eine solche Frau begehren? Wohl keiner. Jeder würde Emma als Monströsität ansehen.
Als hätte Emma seine Gedanken gehört, schaute sie auf. Ihr dunkelblaues Auge schaute ihn an, der mechanische Zwilling folgte mit leichter Verzögerung. Das künstliche Auge blieb ein Stückchen weit nach innen verdreht stehen, was Emma einen entzückenden Silberblick verlieh. Das Mädchen sah traurig und verletzlich aus.
„Wir müssen absolute Geheimhaltung wahren“, sagte Heisenberg. Seine Stimme war gedämpft, als hätte er Angst, dass die Leute im Café etwas von dem verstanden, das er sagte. „Es war mein abscheulicher Konkurrent, der Emma das antat!“
Christian stockte der Atem. „Ihr Konkurrent hat …?“ Weiter kam er nicht. Ihm versagte die Stimme. Hastig trank er an seinem Kaffee, um die peinliche Situation zu überbrücken.
„Ja, mein Konkurrent trägt die Schuld am erbarmungswürdigen Zustand meiner armen Tochter“, bestätigte der Professor. Er beugte sich vor und fixierte Christian durch sein Monokel: „Glauben Sie mir, Herr Kapitän, dieser Mensch schreckt vor nichts zurück!“
„Jesus Christus!“, entfuhr es Oberth. Der Erste Offizier bekreuzigte sich: „Was muss das für eine Kreatur sein!“
Emma duckte sich zusammen. Sie sah aus, als wäre sie am liebsten im Erdboden versunken. Sie tat Christian unendlich leid.
Ein Schiffsnebelhorn blökte über den See. Alle schauten auf. Die „Isabella“ näherte sich der Anlegestelle. Der schnittige Schaufelraddampfer kam von der Fraueninsel herein. Er würde anlegen und erst am folgenden Tag wieder Passagiere über den Chiemsee transportieren. Die weiß lackierte Bordwand des Schiffes schimmerte goldorange im Licht der tief stehenden Sonne.
Christian kam der Verdacht, dass der Professor die aufkommende Abenddämmerung für ihr Treffen nicht nur der Geheimhaltung wegen gewählt hatte, sondern in erster Linie Emmas wegen. Im schwindenden Tageslicht fiel ihre Besonderheit nicht so stark auf. Er konnte den Blick nicht von dem Mädchen lösen. Immer, wenn sie ihn anschaute, spürte er, wie sich sein Herz ein wenig zusammenzog. Seit Jahren hatte kein weibliches Wesen mehr eine solche Wirkung auf ihn gehabt.
Ein Uhrwerk in der Brust. Wer tat einem jungen Mädchen so etwas an?
„Ich habe mich für Ihr Schiff entschieden, weil es über eine extrem hohe Reichweite verfügt“, sagte der Professor. „Wenn die offiziellen Angaben stimmen, sind Sie, sowohl was den Brennstoff angeht als auch die Wasservorräte zum Betreiben der Dampfmaschine, in der Lage, um die halbe Welt zu fahren.“
„Die offiziellen Angaben lügen nicht“, mischte sich Maximilian Henschel ein. „Die Abendstern ist ein Langstreckenschiff. Ein besseres finden Sie nicht auf der ganzen Welt. Die Abendstern ist nicht mit den herkömmlichen Passagierluftschiffen zu vergleichen, welche eine hohe Anzahl von zahlenden Kunden möglichst luxuriös und möglichst schnell von einem Punkt Deutschlands zu einem anderen bringen sollen. Bei solch einem Kurzstreckenschiff ist es unwichtig, ob die Wasservorräte von den Dampfmaschinen aufgebraucht werden. Die pusten ihren Dampf in den Äther. Die Abendstern hat eine Dampfmaschine mit nachgeschalteten Kondensatoren. Wir gewinnen mehr als 95% des Abdampfes wieder zurück. Dadurch erreichen wir sehr lange Fahrzeiten, ohne Wasser nachfassen zu müssen. Vor zwei Jahren sind wir quer durch Afrika gefahren bis zur Südspitze des Kontinents, ohne ein einziges Mal zu tanken.“
Professor Heisenberg lehnte sich zurück: „Sie verwenden das Kondensverfahren nach dem System Henschel, nicht wahr? Das gleiche Verfahren, mit dem auch Dampflokomotiven in wasserarmen Weltgegenden aus ihrem Abdampf wieder Speisewasser für ihren Kessel zurückgewinnen.“
Maximilian nickte: „Ganz recht. Es ist das gleiche Verfahren.“
„Sind Sie etwa der Erfinder?“, fragte Heisenberg liebenswürdig.
„Danke der Nachfrage“, antwortete Maximilian. „Ich war es nicht, der das Kondensverfahren entwickelt hat.“ Er strich sich über den ausladenden Schnurrbart: „Es war mein Großonkel Manfred.“
Der Professor lächelte: „Dann liegt es wohl in der Familie. Nun, wenn wir einen derart tüchtigen Ingenieur auf dem Schiff haben, habe ich keine Bedenken anzumelden.“ Er blätterte in seinen Notizen und trank dabei einen Schluck Kaffee. „Sagen Sie, mein lieber Maximilian, ist Ihr Schiff auch fähig, zur Not seine Betriebsstoffe selbst herzustellen?“
„Wir heizen den Kessel mit Öl“, erklärte Henschel. „Wir verwenden Rapsöl bester Qualität. Zur Not können wir auch Öle minderer Qualität in die Feuerbüchse einspritzen. Wir haben Ölpressen an Bord. Ja, Herr Professor, die Abendstern ist fast autark. Wenn wir Ölsaaten gleich welcher Art finden, können wir unser Brennöl selbst herstellen. Die dazu nötigen Filteranlagen sind selbstredend vorhanden. Wir könnten sogar Holz brennen, entweder Eierpresslinge aus Holzabfällen, wie sie in den Lokomotiven im ganzen Königreich Bayern verwendet werden, oder von Hand große Holzscheite einwerfen.
Wir könnten auch Steinkohle als Brennstoff nutzen. Das haben wir vor drei Jahren anlässlich einer längeren Englandfahrt probeweise getan. Es fällt dann leider ungesunde Schlacke an statt wie bei Holzpresslingen wertvoller Dünger für Garten und Acker. Diese Briten! Verbrennen Steinkohle, anstatt sie in den Hydrierwerken in ihre wertvollen Bestandteile aufzuspalten!“
Christian lauschte der Unterhaltung nur mit halbem Ohr. Er beobachtete Albert, den Diener des Professors, und Emma. Alberts flinke Augen huschten immerzu umher. Er suchte die gesamte Umgebung ab. Christian konnte nicht sagen wieso, aber etwas an dem Mann gefiel ihm nicht. Vielleicht war es der verbissene Gesichtsausdruck Alberts.
Ich darf dem Mann nicht Unrecht tun, schalt sich der Aviator in Gedanken. Kein Mensch kann etwas für sein Gesicht. Metzgermeister Knüll schaut auch immer so griesgrämig drein, dass man meinen könnte, er wolle einem im nächsten Augenblick an die Kehle gehen. Dabei ist er ein herzensguter Mann.
Christian schaute zu Emma hin. Das Mädchen saß still und in sich gekehrt am Tisch. Gelegentlich nahm sie einen Schluck aus ihrer Kaffeetasse. Ihre Hände waren klein, weiß und zartgliedrig wie die einer Prinzessin. Alles an Emma war zart und klein. Sie glich ihrem Vater kein bisschen. Heisenberg war groß gewachsen und gut bemuskelt. Wahrscheinlich kam das Mädchen mehr nach seiner Mutter. Christian sah ein silbernes Medaillon an einer Kette an Emmas Hals baumeln. Das Schmuckstück musste einen ziemlichen Wert haben. Silber war das kostbarste Edelmetall der Welt; viel, viel wertvoller als Gold, das man zum Legieren von Kupfer nützte, um Blondkupfer herzustellen, aus dem die Drähte wurden, die die Tesla-Energie zu elektrischen Maschinen leiteten. Jochen Zapp, der Elektrikmeister der Abendstern, war wohl der einzige Mensch, der Gold etwas abgewinnen konnte, brauchte er es doch tagtäglich für seine Arbeit.
„Wie sieht es eigentlich mit dem Schmieröl im Abdampf aus?“, begehrte Professor Heisenberg zu wissen. Der gute Mann dachte offensichtlich an alles. „Der Dampf, der von dem Zylindern der Dampfmaschine ausgestoßen wird, ist doch stark ölhaltig, um Kolben und Gestänge zu schmieren. Lässt das nicht das rückgespeiste Wasser im Kessel aufschäumen?“
Maximilian gab ein anerkennendes Geräusch von sich. Er hatte es mit jemandem zu tun, der sich auskannte.
„Sie haben recht, Herr Professor“, sprach er. „Das Schmieröl wäre ein Problem, aber wir haben Ölabscheider, die das Öl fast restlos aus dem Abdampf herausholen, bevor er als wiedergewonnenes Speisewasser im Kessel landet. Wir entölen das Kondensat in zwei Stufen so gut, dass höchstens zwei bis vier Promille Öl im Wasser verbleiben. Auch ist das Kondensat von solcher Reinheit, das wir keinerlei Kesselsteinentwicklung haben. Ein zusätzlicher Nebeneffekt ist, dass unser Speisewasser durch die Rückgewinnung fast hundert Grad Celsius heiß ist, was Heizenergie einspart und damit die Effizienz unserer Maschinenanlage weiter erhöht.“
Christian beobachtete immer noch Emma. Das Mädchen beteiligte sich nicht an der Unterhaltung, während Hedwig Weber und Werner Oberth gelegentlich ein paar Sätze einwarfen. Dass Albert kein Wort sprach, war normal. Diener hatten sich nicht in die Gespräche ihrer Herrschaft einzumischen.
Dass Emma so still war, wunderte Christian. Junge Damen ihres Alters waren normalerweise äußerst mitteilungsbedürftig. Emma saß still da und schwieg. Sie sah richtig verschüchtert aus; wie ein Kind, dem der Vater mit barscher Stimme zugerufen hatte: „Schweig still, wenn Erwachsene sich unterhalten! Du redest nur, wenn du gefragt wirst!“
Wie klein das Mädchen war! Christian musste an das Buch von Professor Manfred W. Groehner denken, das er ein paar Monate zuvor gelesen hatte. Der Soziologiewissenschaftler hatte die Auswirkungen der Massenpflege auf Waisenkinder erforscht. Sein Fazit: Kinder in der Massenpflege bekamen ein Leben lang zu wenig Zuwendung und das schadete ihnen an Leib und Seele. Wenn sich eine einzige Erzieherin um zwanzig oder mehr Kinder kümmern musste, blieb keine Zeit für liebe Worte oder Zärtlichkeiten. Sie hatte schlicht nicht die Zeit übrig, näher auf die Bedürfnisse eines jeden Kindes einzugehen. Diese Kinder erfuhren keinerlei innige Zuneigung. Sie wurden nie umarmt und gedrückt. Nie war jemand wirklich für sie da.
Groehner forderte energisch, die großen Waisenhäuser zu schließen und die Kinder auf kleinere Häuser zu verteilen oder wenigstens die Gruppen auf familiäre Größen zu verkleinern, da die Waisenkinder sonst stark hospitalisiert wurden.
Christian schaute unauffällig zu Emma hinüber. Ein grausames Wort Groehners fiel ihm ein: Deprivationszwergenwuchs. Wenn ein Kind zu wenig Zuwendung und Liebe erfuhr, blieb es in seiner körperlichen Entwicklung zurück. Es gedieh schlecht. Waisenkinder blieben kleiner als Kinder, die in Familien aufwuchsen. War Emma ohne Liebe groß geworden?
Er wandte sich an Heisenberg: „Wo ist eigentlich Ihre Frau, Herr Professor?“
Heisenberg zuckte zusammen. Mit dieser Frage schien er nicht gerechnet zu haben. Seine Augen umwölkten sich. Der Mann sah mit einem Mal unendlich traurig aus. „Leider war mir und meiner Frau nur wenig gemeinsame Zeit vergönnt. Sie starb bei Emmas Geburt.“
„Das … das tut mir leid“, sagte Christian. Er fühlte ehrliches Bedauern. „Es war gewiss ein furchtbarer Verlust für Sie.“ Er schaute zu dem Mädchen hin: „Und für Emma. Ein hartes Los, ohne liebende Mutter aufwachsen zu müssen.“
„Ja, es war ein schwerer Schlag“, sprach der Professor. Jedes Wort, das er aussprach, schien ein Stein zu sein, um den er umständlich herumgehen musste. „Es schmerzt mich heute noch, obwohl inzwischen neunzehn Jahre vergangen sind. Emma leidet selbstverständlich unter dem unglücklichen Umstand, ohne Mutter dazustehen.“
Neunzehn?!, dachte Christian. Jesus Christus! Sie sieht aus wie fünfzehn!
„Wissen Sie, Herr von Reichshofen“, fuhr der Professor fort, „ich konnte mich nie entschließen, wieder zu heiraten. Emma hätte eine Mutter gebraucht, doch es wäre mir wie Betrug an meiner geliebten Frau vorgekommen. Ein Mann wie ich liebt nur einmal im Leben wirklich von Herzen. Leider durfte es nicht sein.“
Christian sprach erneut sein Bedauern aus.
Schweigend verfolgte er, wie sein Ingenieur die Vorzüge der Dampfmaschine der Abendstern erklärte. Immer wieder fiel sein Blick auf Emma. Manchmal schaute sie scheu zurück. Dabei stand ihr mechanisches Auge stets leicht nach innen verdreht. Ihr Silberblick war entzückend. Christian musste immer wieder zu dem Mädchen hinschauen. Wie traurig und in sich gekehrt sie wirkte. Er empfand das dringende Bedürfnis, dieses stille, ängstlich wirkende Mädchen zu trösten und zu beschützen. Einmal lächelte er ihr zu. Ihre Mundwinkel zuckten zu einem angedeuteten Lächeln hoch. Dann schaute sie schnell weg.
„Unsere Maschinenanlage ist erprobt und ausgereift“, sprach Maximilian Henschel. „Wir bringen Sie, wohin Sie wollen, Herr Professor.“
Christian wandte sich an Heisenberg: „Wo soll es eigentlich hingehen? In Ihren Briefen haben Sie das Ziel der Fahrt nie angegeben. Machen Sie es nicht so spannend, Professor. Klären Sie uns bitte auf. Wohin geht die Reise?“
Alle schauten Heisenberg an. Der nahm sein Monokel ab, putzte es umständlich mit einem kleinen Baumwolltuch und steckte es in die Tasche. Dann blickte er alle der Reihe nach mit ernstem Gesicht an: „Meine Damen und Herren, ich möchte die Abendstern mieten, um auf ihr nach America zu fahren.“
Sekundenlang herrschte vollkommene Stille.
Schließlich räusperte sich Werner Oberth. „Nach America?“, fragte der Erste Offizier. „Zu dem fernen Land hinterm westlichen Horizont, wo die Sonne untergeht? Zu jenem unbekannten Land, von dem bereits die alten Ägypter erzählten?“
Theodor Heisenberg nickte: „Ganz recht, Herr Oberth, America.“
„Das Land, von dem Amerigo Vespucci berichtete, nachdem er von seiner reichlich missglückten Expedition zurückkehrte, die ihn dreiviertel seiner Schiffe und Mannschaften gekostet hatte?“
Heisenberg lächelte. „Ganz genau.“
Christian und seine Leute blickten einander an. Jeder kannte die Geschichte, die sich um Vespuccis berühmte Reise rankte. Amerigo Vespucci war mit vier Schiffen nach Westen aufgebrochen, um einen neuen Seeweg nach Indien zu finden. Viele Monate später kehrte er mit einem Schiff zurück. Die anderen drei Schiffe waren verloren. Er berichtete, dass seine Expedition ein riesiges Land entdeckt hatte, ein Land voller seltsamer Lebewesen, in dem es fast keine Säugetiere gab. Von längst verlassenen menschlichen Ansiedlungen erzählte er, von menschlichen Überresten, von einer Art Todeszone. Es schien, als habe etwas Grauenhaftes die Menschen in jenem Land innerhalb kürzester Zeit getötet.
Vespuccis abergläubische Mannschaft nannte das Land Totenland, Knochenland oder schlicht die Vorhölle. Eines von Vespuccis Schiffen machte sich auf einem breiten Flusslauf ins Landesinnere auf und ward nie mehr gesehen. Riesige Vögel griffen die Zurückgebliebenen an, wenn sie sich von der Küste aus weiter ins Landesinnere wagten.
Irgendwann meuterte ein Teil von Vespuccis Männern. Er selbst entkam dem Aufstand nur mit knapper Not und schwersten Verletzungen. Nach gefahrvoller Überfahrt erreichte er viele Monate nach seiner Abreise Europa. Er brachte nicht einen einzigen Beweis für seine unglaublichen Geschichten mit, kein erlegtes Tier, keine Pflanzen, nichts. Er schob das auf die Tatsache, dass er und seine ihm treu gebliebenen Männer in größter Eile hatten aufbrechen müssen.
So recht mochte niemand in Europa Vespuccis Schilderungen Glauben schenken. Seine schweren Verletzungen konnte er sich auch in einem Sturm zugezogen haben, bei einem Mastbruch zum Beispiel. Welchen Beweis gab es für die Existenz des fernen Landes America, außer Vespuccis Erzählungen? Keinen einzigen.
In den folgenden Jahren starteten mehrere Expeditionen nach Westen, um seine Aussagen zu überprüfen. Kein einziges Schiff kehrte je zurück. Man vermutete, dass sie inmitten eines ungeheuerlich großen Ozeans verloren gegangen waren, die Mannschaften elend verdurstet, oder einem Sturm zum Opfer gefallen. Es mochte Sturmzonen in diesem unbekannten Ozean geben, die jedes Schiff vernichten konnten. Vespucci hatte auf seiner Reise mehrere Stürme erlebt.
Amerigo Vespucci war so schwer verkrüppelt zurückgekehrt, dass er nie wieder persönlich an einer Schiffsreise nach Westen teilnehmen konnte. So lange er lebte, wiederholte er gebetsmühlenartig, dass er nicht direkt nach Westen gesegelt sei. Ein Sturm habe ihn weit nach Süden abgedrängt und auch auf seiner Rückfahrt sei er von einem Sturm weit in den Süden gedrängt worden. Vielleicht gab es weiter im Norden auf der direkten Route von Europa nach America eine unbekannte Gefahr, die allen Schiffen zum Verhängnis wurde? Er bat die Menschen, sie sollten mit ihren Schiffen weiter südwärts segeln.
Niemand hörte auf ihn.
In den folgenden Jahrhunderten starteten gelegentlich Expeditionen nach Westen, die letzte im Jahre 1819. Sie kehrten allesamt nicht nach Europa zurück. Schließlich fand man keine Männer mehr, die bereit gewesen wären, auf einem Schiff anzuheuern, das nach Westen fahren wollte, um America zu finden. Abergläubische Furcht hielt die Leute davon ab, je wieder in Richtung Sonnenuntergang zu fahren.
Man fing an zu behaupten, Vespucci habe nie ein Land im fernen Westen entdeckt. Vielmehr sei er auf einem Ozean ungeheuerlichen Ausmaßes mehrfach in Stürme geraten und hätte dabei die drei anderen Schiffe verloren. Er hatte einen Seeweg nach Indien gesucht. Weil er Indien nicht fand, kehrte er mit einem Sack voller Seemannsgarn zurück, um sich wichtig zu machen und sein Scheitern zu kaschieren. Menschenfressende Vögel und Rieseneidechsen, wo gab es denn so etwas?! Es gelüstete niemanden mehr, nach einem Land zu suchen, das sich als Hirngespinst eines erfolglosen Seefahrers entpuppt hatte. Der Ozean im Westen war für Schiffe jeder Art tödlich. Keines kehrte je zurück. Das nahm man als Warnung. Im Westen gab es kein unerforschtes Land, sondern nur eine mörderische Wasserwüste.
Und ausgerechnet dorthin wollte Professor Heisenberg.
Christian spreizte die Finger: „Tja, Herr Professor. Das ist ein … sagen wir mal … ungewöhnliches Fahrtziel. 1819 zum letzten Mal angesteuert.“
„Dessen bin ich mir vollkommen bewusst.“ Heisenberg lächelte freundlich. „Ja, 1819. Fast hundert Jahre ist es her, dass mutige Menschen versuchten, America zu erreichen. Ich finde, unser Jahr 1910 ist genau richtig, um es erneut zu versuchen. Ich kann Ihre Aversionen verstehen, lieber Aviator, aber ich bin in der Lage, Ihre Bedenken zu zerstreuen. Ich bin im Besitz eines untrüglichen Beweises, dass das legendäre America tatsächlich existiert.“
„Im Ernst?“, fragte Hedwig.
Heisenberg nickte: „Ja.“ Er lehnte sich vor und griff nach seiner Kaffeetasse. Kurz bevor seine Hand sie erreichte, zerbarst sie in einer Explosion aus Porzellansplittern und Kaffeespritzern. Das Echo eines Schusses hallte über den abendlichen Chiemsee. Hinter dem Professor klatschte eine Kugel in den Stamm eines Ahornbaumes, dessen weite Krone tagsüber den Gästen in dem Gartencafé Schatten spendete.
Augenblicklich sprangen alle auf.
„Er schießt auf Emma!“, brüllte Heisenberg. Hastig zog er seine Tochter an sich und stürmte mit ihr zum Caféhaus. Albert Hansen riss eine Pistole aus seiner Jacke. Mit grimmigem Gesichtsausdruck rannte er in die Dämmerung los, genau in die Richtung, aus der der Schuss abgegeben worden war: „Das Bürschchen kaufe ich mir!“
Ringsum schrien die Leute. Alles lief aufgeregt durcheinander. Die Gruppe um Professor Heisenberg zog sich ins Caféhaus zurück. In der Ferne ertönte ein Pistolenschuss, dann noch einer.
„Das war Albert“, sagte Heisenberg.
Eine Polizeitrillerpfeife gellte ganz in der Nähe.
Allmählich beruhigte sich das Durcheinander drinnen und draußen. Erste Neugierige verließen das Caféhaus, um sich die zerschossene Tasse anzuschauen. Weitere Sensationslüsterne kamen von allen Seiten heran.
Der Professor steckte dem Cafebesitzer einen Geldbetrag zu und wandte sich an Christian: „Wir sollten gehen. Das Letzte, was wir gebrauchen können, ist die Polizei. Die würde uns nur unnötig aufhalten. Womöglich müssten wir in Prien bleiben, um morgen unsere Aussage zu machen.“
Sie verließen das Café durch einen Seiteneingang. Wie aus dem Nichts tauchte Albert auf. „Ich habe ihn gesehen und auf ihn geschossen“, berichtete er. „Leider traf ich nicht. Es war zu dunkel.“
Der Professor atmete tief durch: „Also müssen wir mit weiteren Anschlägen rechnen.“ Er schloss für einen Moment die Augen: „Wird das je ein Ende haben?!“
„Was nun?“, fragte Werner Oberth.
Heisenberg legte den Arm um Emmas schmale Schultern: „Wir nehmen den Abendzug zu unserer Unterkunft. Hoffen wir, dass Albert den Angreifer fürs Erste vertrieben hat und er uns nicht folgt.“ Er wandte sich an Christian: „Ein Großteil unserer Ausrüstung befindet sich in Traunstein. Wir sind in einer kleinen Pension abgestiegen. Könnten Sie bitte morgen Nachmittag mit ein paar zuverlässigen Leuten dorthin kommen und uns beim Verladen auf den Abendzug helfen? Wir nehmen die Eisenbahn bis Prien und schaffen dort alles an Bord Ihres Luftschiffes. Ich denke, dass es im Schutze der Dunkelheit am besten gehen wird. Im Dunkeln schießt es sich nicht so leicht auf unschuldige Leute.“
Sie machten sich auf den Weg zum Bahnhof. Unterwegs unterrichtete Theodor Heisenberg Christian davon, dass er nicht seine gesamte Ausrüstung in Traunstein habe.
„Es ist ein Täuschungsmanöver, um unseren Verfolger zu verwirren“, sagte er. „Weitere Ausrüstung befindet sich in einem von mir angemieteten Haus bei Aachen.“
Sie kamen zum Bahnhof. Der Abendzug wartete abfahrtbereit. Die bayrische S2/6 vor den braunen Passagierwaggons dampfte und zischte. Die grünen Flanken der Dampflokomotive glänzten im Licht der Gaslaternen auf dem Bahnsteig.
„Wer immer auf Sie geschossen hat, versteht etwas davon“, sagte Oberth zu Heisenberg. „Es war ein schweres Jagdgewehr, wahrscheinlich ein Mauser 26a.“ Der Erste Offizier schüttelte den Kopf: „Im allerletzten Büchsenlicht! Und um ein Haar hätte er Sie getroffen.“
„Er hat auf meine Tochter gezielt“, sagte der Professor. „Dessen bin ich mir sicher.“ Er sah sich auf dem Bahnsteig um: „Ich bin froh, wenn wir endlich in der Luft sind. Erst dann wird mir wieder wohl sein. Dieser Attentäter ist mir unheimlich. Er schreckt vor nichts zurück.“
Christian berührte seinen Ersten Offizier am Arm: „Werner, Sie und Hedwig bleiben draußen und behalten den Bahnsteig im Auge. Max und ich gehen mit rein. Der Zug fährt erst in zehn Minuten ab.“
„Aye, Kapitän“, sagte Oberth. Zusammen mit Hedwig Weber blieb er zurück, um die Umgebung zu observieren. Auch Albert, Heisenbergs Diener, blieb auf dem Bahnsteig. Mit wachsamen Augen beobachtete er das Treiben vor den Waggons. Menschen verabschiedeten sich. Es gab nicht viele Fahrgäste. Der Zug war nicht einmal halb voll.
In einem Abteil Erster Klasse nahmen der Professor, Emma, Christian und Max Platz.
„Wir logieren in der Pension „Waldfreude“ am Ortsrand“, sagte der Professor. „Bitte kommen Sie so zeitig, dass wir alles auf den Abendzug verladen können. Unsere Ausrüstung ist umfangreich. Wir haben mehrere photographische Apparate und ein transportables Entwicklungslaboratorium für Photographien aller Art, dazu nautische und optische Geräte, Messinstrumente aller Art und alles, was ein Forscher so braucht auf einer langen Expeditionsreise. Wir wollen natürlich viele Exponate aus America mit nach Europa mitbringen und haben für Kisten und Dosen und Gläser in allen Größen gesorgt. In Aachen wartet noch mehr Ausrüstung auf uns. Selbstverständlich werden Sie für Ihre Arbeit bestens entlohnt.“
Heisenberg nannte eine Summe, bei der Christian von Reichshofen es vorzog, nicht zu verhandeln. Der Professor schien außerordentlich wohlhabend zu sein und sich jedwede Ausgaben leisten zu können. Wenn alle Leute, die die Abendstern mieteten, so gut zahlen würden, hätte er längst in Silber baden können.
Christian warf Emma Heisenberg einen Blick zu. Das Mädchen saß still neben seinem Vater. Sie hielt die kleinen Hände im Schoß verschränkt und war recht blass.
„Geht es Ihnen gut, Fräulein Emma?“ fragte Christian.
„Wie würde es Ihnen gehen, Herr Kapitän, wenn man auf Sie geschossen hätte?“, hielt Theodor Heisenberg dagegen. Er legte einen Arm um seine Tochter: „Das Schlimmste daran ist, dass es nicht zum ersten Mal passiert ist. Meine arme Emma!“ Zärtlich sah er seine Tochter an: „Hab keine Angst, mein Kind. Schon bald fahren wir mit der Abendstern los. Dann bist du in Sicherheit.“
Emma hielt den Blick gesenkt und sagte kein Wort.
Die Tür zum Abteil ging auf. Albert erschien: „Ich habe nichts Verdächtiges sehen können, Herr Heisenberg. Ich denke, für heute sind Sie in Sicherheit. In zwei Minuten fährt unser Zug ab.“
Christian und Max erhoben sich. Christian reichte Heisenberg die Hand: „Bis morgen, Herr Professor.“ Draußen stießen sie auf Hedwig und Werner.
„Es war niemand zu sehen, der herumschnüffelte“, meldete der Erste Offizier.
„Alles einsteigen!“, rief der Zugschaffner. Er lief an den Waggons vorbei und schloss die Türen. Dann hob er seine Kelle und pfiff auf der Trillerpfeife. Die Lokomotive antwortete mit ihrer Pfeife. Dampf zischte in die Zylinder, das Gestänge an den Treibrädern kam in Gang. Die Lok zog an. Langsam fuhr der Abendzug an. Die Auspuffschläge der Lokomotive bellten durch den Bahnhof. Der Zug wurde schneller. Das Vierzylinder-Verbundtriebwerk der Lok sorgte für enorme Beschleunigung. Eine Reihe erleuchteter Fenster zog an den vier Luftschiffern vorbei. Dann war der letzte Waggon vorbei und der Zug verschwand in der Nacht. Die einsame Petroleumlaterne mit eingefärbtem Glas an seinem Ende glühte wie ein rotes Auge in der Dunkelheit.
„Lasst uns zurückkehren“, sagte Christian. „Nicht dass wir das Bockerl verpassen.“
Am Hafen bestiegen sie das Schmalspurzüglein und ließen sich von der kleinen Dampflok durch den Abend ziehen.
„Das war ja ein Ding“, sagte Werner Oberth. „Schießt so ein Halsabschneider auf den Professor, und das, wo er mitten in einem Straßencafé sitzt.“
„Sagte er nicht, es sei auf seine Tochter geschossen worden?“, fragte Hedwig.
Oberth schüttelte den Kopf: „Ich saß so, dass ich den Einschlag der Kugel genau beobachten konnte. Wer immer geschossen hat, stand in der Nähe des Schiffsanlegers. Von dort aus hätte er Emma unmöglich treffen können. Einer der Bäume im Gartencafé stand genau im Weg.“ Oberth schaute seine Kollegen an: „Es sieht sogar so aus, als hätte der Schütze absichtlich diesen Ort ausgesucht, um Emma auf keinen Fall zu treffen. Er hatte es auf Professor Heisenberg abgesehen. Der Schuss ging zentimetergenau an ihm vorbei. Der Professor hatte sich zurückgelehnt und dann kam er nach vorne, um nach seiner Kaffeetasse zu greifen. Hätte er noch im Stuhl zurückgelehnt gesessen, hätte das Geschoss ihn mitten in den Unterkörper getroffen. So aber zischte es an ihm vorbei und schlug in den Stamm der Platane hinter Heisenberg ein.“
„Junge, Junge!“, brummte Maximilian. „Der Professor hatte also recht, als er von einer Bedrohung sprach.“
„Morgen nehmen wir Pistolen mit“, sagte Christian. „Für den Fall, dass es zu einem weiteren Zwischenfall kommen sollte.“
„Habt ihr gesehen, wie der Diener des Professors aufsprang, als der Schuss fiel?“, fragte Hedwig. „Der ist hoch wie von der Tarantel gestochen. Und laufen konnte der! Er hat sich bewegt wie ein Panther.“
„Ziemlich ungewöhnlich für einen Hausdiener“, meinte Oberth. „Überhaupt kommt mir der Kerl komisch vor. „Seine ganze Art passt mir nicht. Habt ihr diesen Bart gesehen? Das war ein Dschungel aus geringelten Haaren! Und das bei einem Diener! Sehr ungewöhnlich. Als ob er sich hinter all den Haaren verstecken wollte. Und dieser Blick! Immer hin und her und er konnte einem nicht geradeaus in die Augen schauen.“
„Das tun Diener für gewöhnlich nicht“, sagte Christian. „Man erwartet von Bediensteten, dass sie ihre Herrschaft und deren Besuch nicht anstarren.“
„Der Kerl hat etwas Falsches an sich“, beharrte Oberth. „Mit dem stimmt etwas nicht. Das Verrückteste ist, dass mir dieser Mensch irgendwie bekannt vorkommt. Ich kann ihn bloß nicht einordnen.“
„Ich habe ihn überhaupt nicht beachtet, bis zu dem Moment, als er lossprintete“, sagte Hedwig. „Ich musste immerzu das arme Mädchen anschauen. Wie schrecklich – solch ein Unfall.“
„Sie wirkte sehr schüchtern“, sagte Maximilian. „Geradezu ängstlich. Wahrscheinlich leben sie und ihr Vater schon geraume Zeit in Angst vor diesem mörderischen Verfolger. Sie wirkte wie ein scheues Waldtier.“
„Ab morgen Abend hat sie Frieden“, sagte Christian. „Während wir mit dem Zug nach Traunstein fahren, wird die Mannschaft die Abendstern aushallen und fahrbereit machen. Sowie die Heisenbergs mit ihrer Ausrüstung an Bord sind, steigen wir auf.“
 
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