375


8 Seiten

Aufziehmädchen Emma(2)

Romane/Serien · Fantastisches
Sie waren unterwegs nach Traunstein. Von Prien führte die Bahnstrecke über Bernau und Rottau nach Übersee und von dort über Rumgraben und Bergen nach Traunstein.
Viele Gelegenheiten zum Schießen auf einen Zug, dachte Christian von Reichshofen bei sich. Auf der anderen Seite erschien es ihm absolut idiotisch, auf einen fahrenden Zug zu schießen. Kein Mensch konnte so gut zielen, dass er jemanden in einem vorbeifahrenden Zug traf.
Bis auf den Kerl, der gestern Abend den Professor beim letzten Büchsenlicht nur um Zentimeter verfehlt hatte..
Ein unangenehmer Gedanke. Hätte Theodor Heisenberg sich nicht genau in dem Moment bewegt, als der Attentäter den Abzug betätigte, hätte ihn die Kugel erwischt. Es war ein sehr großes Geschoss gewesen. Das hatte in der Morgenzeitung gestanden. Wer geschossen hatte, wollte ein endgültiges Ergebnis.
Der Zug hielt in Rottau. Passagiere stiegen ein und aus. Das war so eine Sache. Während der Zug im Bahnhof hielt, war es leicht, auf den Professor zu zielen.
Christian fühlte sich unwohl. Er ertappte sich bei dem Gedanken, sich vorzustellen, die Abendstern sei bereits in der Luft. Einmal aufgestiegen, konnte ihnen nichts mehr geschehen. Es war unmöglich, dass sich der Attentäter auf das Luftschiff schmuggelte. Die Mannschaft hatte Instruktionen, die Abendstern scharf zu bewachen.
Christians Blick fiel auf sein Gegenüber. Hedwig Weber, sein Zweiter Offizier, schaute zum Fenster hinaus. Sie beteiligte sich nicht an dem Gespräch, das ihre Kollegen führten. Hedwig war fünfundvierzig Jahre alt. Sie trug das blonde Haar als Knoten geflochten am Hinterkopf. Sie hatte eine Familie im Saarland, von wo fast die gesamte Mannschaft der Abendstern stammte. Ihre beiden Kinder waren schon groß und wurden vom Vater und Hedwigs Eltern aufgezogen. Hedwig Weber konnte es an Härte und Schneidigkeit ohne Weiteres mit dem Ersten Offizier Werner Oberth aufnehmen. Sie war immer akkurat gekleidet und hielt sich gerade, als hätte sie einen Besenstiel verschluckt. Privat hatte sie hingegen eine poetische Ader. Sie las und schrieb Gedichte und ging mit ihren lyrischen Ergüssen schon mal ihren Kollegen auf den Wecker oder, wie Max Henschel es ausdrückte, auf die Standuhr. Hedwig trennte Dienst und Freizeit jedoch streng.
Neben Hedwig saß Leni Holzer, der Zweite Ingenieur der Abendstern und Maximilians rechte Hand. Leni, die eigentlich Helene Friedericke hieß, würde in einem Jahr dreißig Jahre alt werden. Sie war von kräftiger Statur, hatte aber dennoch eine gewisse weibliche Ausstrahlung. Diese suchte sie dadurch zu mindern, dass sie ihr dichtes, dunkelbraunes Haar immer kurz trug. Weil sie es selbst schnitt, wirkte ihre Frisur oft strubbelig. Manchmal trug sie ein im Nacken geknotetes Kopftuch. Ihre Tarnung nutzte ihr wenig. Vor allem die jüngeren männlichen Mannschaftsmitglieder schauten ihr hinterher.
Leni war aus dem Ruhrgebiet zur Mannschaft der Abendstern gestoßen. Sie hatte an der Ruhr als Maschineningenieurin gearbeitet. Sie hatte sich um die Dampfmaschinen in den Fördertürmen der Kohlegruben gekümmert und war an die Saar gekommen, um das Gleiche zu machen.
Als Maximilians damalige rechte Hand Friedrich Basler mit siebenundfünfzig Jahren den wohlverdienten Ruhestand antrat, hatte er Christian die junge Frau als seine Nachfolgerin vorgeschlagen. Friedrichs Sohn arbeitete mit Leni zusammen auf der Grube König in Neunkirchen und hatte ihr vom Beruf seines Vaters erzählt. Helene Holzer hatte die Abenteuerlust gepackt und sie hatte sich bei Christian und Max Henschel vorgestellt, vom „Alten Fritz“ protegiert. Nach einer Probezeit von drei Monaten hatte sie die Stelle erhalten.
„Die hat Öl im Blut und Dampf im Schädel“, lautete Henschels Urteil über den Neuzugang, was nichts weniger bedeutete, als dass Leni genau die Richtige für die Stelle als sein Stellvertreter war.
Außer den beiden Frauen hatte Christian eine Reihe wackerer Männer bei sich. Schließlich galt es, die Ausrüstung des Professors in den Zug zu verladen. Da brauchte es Muskeln.
„Und des Mädche iss tatsächlich künstlich?“, fragte jemand weiter vorne im Abteil. Es war Jochen Zapp, der Tesla-Ingenieur des Schiffs, der Bordelektriker der Abendstern. Sein schwäbischer Akzent war unüberhörbar und klang oft ein wenig „falsch“. „Des muss ja schrecklich sei, wenn man sich ständig selber aufziehe muss. Wie unangenehm! Des arme Ding!“
Armes kleines Ding. Ja, so war Emma Heisenberg Christian vorgekommen. Wie eine arme, kleine Frau voller Furcht. Seit wann war der gemeine Attentäter hinter ihr und ihrem Vater her? Erst seit Kurzem oder schon länger? Die Heisenbergs lebten in einem großen Haus außerhalb von Prien, einem ehemaligen Adelssitz, einem schlossähnlichen Bau, der inmitten eines Parks stand. Der Park war von einer hohen Mauer umgeben. Christian war die Adresse, die der Professor in seinen Briefen genannt hatte, bekannt. Hatte die hohe Mauer nicht mehr genug Schutz geboten? War Heisenberg deshalb in eine kleine Pension in Traunstein geflüchtet? Stand es derart schlimm?
Christian dachte an Emma. Seit er aufgestanden war, dachte er an das Mädchen. Etwas an Emma hatte ihn vom ersten Augenblick an magisch angezogen. Seit Jahren hatte er keine solchen Gefühle mehr gehabt. Das letzte Mal war eer Mitte zwanzig gewesen und heute war er Anfang dreißig. Es war nicht gut, diese Gefühle zu haben, das wusste Christian von Reichshofen – gar nicht gut. Er war gewarnt, mehrfach gewarnt. Einem Mann wie ihm standen solche Gefühle nicht zu.
Ach was!, dachte er bei sich. So ist es nicht. Es ist bloß ihre Zartheit und Verletzlichkeit, die auf mich wirkten. Sie sieht ängstlich aus und beschützenswert. Wenn eins der Ölkännchen so daherkäme, würde ich das Gleiche fühlen.
Er musste sich ein Grinsen verkneifen. Elisabeth Grunder und Anneliese Kluding brauchten gewiss keinen starken Beschützer. Die zwei jungen Dinger gingen laut und selbstbewusst durchs Leben und wenn es doch einmal nötig wäre, würden sie sich ihre Beschützer selbst aussuchen. Und sie ordentlich herumkommandieren.
Werner Oberth, der neben ihm saß, stieß ihn an: „Wir sind da, Kapitän.“ Der blonde Hüne lächelte ihn an: „Sie waren tief in Gedanken versunken, Christian.“
„Ich dachte über unsere bevorstehende Expedition nach“, log Christian. „Es geht alles ein wenig überstürzt, finde ich. Hoffentlich hat Max die Maschinen klar.“
„Ganz bestimmt, Herr Kapitän.“ Werner nickte. „Bei der Afrikasache hatten wir auch nur vier Tage Vorlaufzeit. Wenn diese Wissenschaftler sich für etwas entschließen, kennen sie die Worte Geduld und Vorbereitungszeit nicht mehr.“
Mit knirschenden Bremsen kam der Zug zum Stehen. Sie stiegen aus.
Heisenbergs Diener Albert erwartete sie auf dem Bahnsteig.
„Da ist dieser undurchsichtige Kerl wieder“, knurrte Oberth. Er sprach leise, damit Albert ihn nicht hörte. „Wenn ich bloß wüsste, woher ich den kenne!“
„Herr Kapitän?“ Albert Hansen verbeugte sich: „Ich darf Sie zur Pension führen. Der Herr Professor erwartet Sie. Wie schön, dass Sie pünktlich kommen konnten.“
„Daran ist ausschließlich der Zug schuld“, sagte Oberth.
Für einen Moment wirkte Albert irritiert. Dann lächelte er: „Gewiss doch, mein Herr. Wenn Sie mir nun bitte folgen wollen.“ Er führte die kleine Schar durch enge Gassen zum Ortsrand, wo die Pension Waldfreude lag.
Der Professor und Emma erwarteten sie.
Als Christian das Mädchen sah, kam wieder das seltsame Gefühl in ihm auf.
Christian, beherrsch dich!, schalt er sich in Gedanken. Denk an deinen Beruf. Du trägst die Verantwortung für eines der größten Luftschiffe des Königreichs Bayern und für seine Besatzung. Konzentriere dich auf deine Pflichten!
„Guten Tag, Herr Kapitän.“ Theodor Heisenberg schüttelte ihm die Hand. „Wollen Sie bitte hereinkommen? Die Pensionswirtin hat ein Essen vorbereitet.“
„Sollten wir nicht gleich mit dem Verladen Ihrer Ausrüstung beginnen?“, fragte Christian.
Heisenberg lächelte schief: „Darum geht es ja gerade. Bitte, kommen Sie herein.“ Er schaute sich in der Gasse um. „Drinnen werde ich Ihnen alles erklären.“ Er gab dem Diener einen Wink: „Albert!“ Der Mann nickte und entfernte sich.
„Mein Diener wird die Pension von außen im Auge behalten“, sprach Heisenberg, während er Christian und seine Leute ins Haus geleitete. Im Speiseraum stand alles fürs Essen bereit. Sobald alle Platz genommen hatten, trug die Wirtin auf. Es gab gefüllte Knödel mit Sauerkraut und Specksoße, dazu einen halbtrockenen Weißwein.
„Ei, des lass ich mir aber nur zu gern gefalle“, kommentierte Jochen Zapp die Angelegenheit. Tesla-Jochens zweitliebste Beschäftigung auf Erden war essen. Nur die Elektrik war ihm noch wichtiger als die genussvolle Nahrungsaufnahme.
Überm Essen wandte sich Professor Heisenberg an Christian: „Unsere Ausrüstung befindet sich bereits im Zug.“
Christian merkte auf: „Wie darf ich das verstehen?“
Der Professor wirkte sehr ernst: „Als wir gestern Abend in die Pension zurückkamen, mussten wir feststellen, dass jemand in unserer Abwesenheit eingebrochen war. Es war der Gleiche, der am Ufer des Chiemsees auf Emma geschossen hat. Er muss im Laufe des Nachmittags in unsere Zimmer eingebrochen sein und später per Bahn nach Prien am See gekommen sein. Es war alles zerwühlt.“ Heisenberg legte sein Besteck neben den Teller und holte ein Ledermäppchen aus der Innentasche seines dunklen Jacketts: „Der Einbrecher war hinter diesem her. Wollen Sie es bitte an sich nehmen, werter Herr Kapitän, falls der unangenehme Zeitgenosse noch einmal auftauchen sollte? In diesem Fall würde er völlig umsonst versuchen, mich zu berauben.“
Christian nahm das Mäppchen entgegen: „Was ist das?“
„Bitte stecken Sie es ein“, bat der Professor. „Warten Sie, bis wir im Zug sitzen. Ich werde es Ihnen gerne erklären.“
„Sie haben bereits all ihre Ausrüstung verladen, sagten Sie?“
„Ja. Nach dem Einbruch erschien es mir am sichersten so.“ Heisenberg trank einen Schluck Wein: „Ich habe heute früh Güterwaggons und einen Personenwaggon gemietet und alles dorthin schaffen lassen. Nachher wird der Zug an eine Lokomotive angehängt und wir fahren zum Chiemsee; gewissermaßen in unserem privaten Zug. Ich konnte eine schnelle Tenderlokomotive bestellen.“
„Warum sind Sie nicht gleich heute Morgen losgefahren?“, fragte Werner Oberth.
„Das ließ sich so schnell leider nicht arrangieren“, antwortete Heisenberg. „Die Güterwagen waren sofort bereit, aber der Personenwaggon musste erst angefordert werden, ebenso die Lokomotive. Sie traf erst vor einer Stunde im Bahnhof von Traunstein ein. Zudem erschien es mir sicherer, unsere Fahrt in den Abend zu verlegen. Bei Dunkelheit schießt es sich nicht so leicht auf einen vorbeifahrenden Zug. Ich habe einige leere Kisten vorbereiten lassen. Nach dem Essen werden wir damit zum Bahnhof aufbrechen. Falls unser boshafter Unbekannter uns observiert, wird er die Täuschung schwerlich bemerken. Wir steigen in den regulären Abendzug, lassen die Kisten darin zurück und verlassen ihn auf der anderen Wagenseite. Auf dem Gleis nebenan wartet unser Privatzug, der sich in Bewegung setzen wird, sowie wir eingestiegen sind. Falls überhaupt, wird unser finsterer Unbekannter das Täuschungsmanöver zu spät bemerken. Ich hoffe, wir entkommen ihm. Diese ganze Angelegenheit macht mir wirklich große Sorgen.“
„Wer immer Sie verfolgt, scheint keine Skrupel zu kennen“, sagte Christian.
„Nein“, bestätigte Heisenberg. „Der kennt keine Skrupel. Der schießt gleich noch mal, sollte er Gelegenheit dazu bekommen. Ich bitte Sie und ihre Leute, meine Tochter ganz besonders zu schützen.“
„Mit Leib und Leben, wenn es sein muss“, sprach Christian. Er schaute zu Emma. Das Mädchen aß still. Sie schien keinen Appetit zu haben. In Anbetracht der Umstände war das kein Wunder.
Armes Ding, dachte er.

*

Eine Stunde später saßen sie in einem Wagen Erster Klasse nach Prien. Vorne zog die gemietete Lokomotive ihren Zug. Hinter ihnen hingen zwei Güterwaggons mit der Ausrüstung Heisenbergs.
Als sie in Traunstein losgefahren waren, hatte in dem Personenwagen kein Licht gebrannt. Erst als sie auf freier Strecke waren, hatten sie gewagt die Lampen einzuschalten. Es waren elektrische Lampen neuester Bauart, von einem Generator auf der Lokomotive mit Strom versorgt.
Christian saß bei Professor Heisenberg und Emma.
„Jetzt können Sie sich den Inhalt des Mäppchens anschauen“, sprach Heisenberg. „Sie werden Grund zum Staunen haben.“
Emma stand auf. Sie spazierte zum hinteren Teil des Personenwagens, wo sich eine Toilette befand.
Christian holte das Ledermäppchen aus seiner Jacke und öffnete es. Zum Vorschein kam ein kleines Heft. Es war grob von Hand gebunden. Das Papier war alt und vergilbt.
„Öffnen Sie es!“, verlangte der Professor.
Christian tat wie gefordert. „Spanisch“, sagte er.
„Können Sie das lesen?“, fragte Heisenberg.
Christian nickte: „Ich spreche mehrere Fremdsprachen.“ Halblaut las er vor: „15. Januar 1512. Geschrieben von Andre Gonzales, Kapitän der Florentina. Ich sende diese Nachricht an die ganze bewohnte Welt. Möge der Finder dieser Post fähig sein, sie zu lesen.“
Christian hob den Kopf: „Andre Gonzales? Florentina? Gonzales war einer der spanischen Kapitäne, die Amerigo Vespucci im Jahre 1497 auf seiner schicksalhaften Expedition nach Westen begleiteten! Die Florentina war das kleinste der vier Schiffe, die an der Fahrt teilnahmen.“
Heisenberg setzte sein Monokel ins Auge: „Ganz recht, Herr von Reichshofen. Ganz recht.“ Er lächelte breit: „Was Sie in Händen halten, stammt aus der Feder von Andre Gonzales.“
„Aber …!“ Christian schaute sich das Datum erneut an: „1512! Das ist fünfzehn Jahre nach Vespuccis Aufbruch von Spanien!“
Heisenbergs Lächeln wurde noch breiter: „Ja, Herr Aviator.“
„Die Florentina kehrte nie zurück! Nur Vespuccis Schiff erreichte Europa!“
„Dieses kleine Heft wurde nicht in Europa geschrieben“, sagte der Professor. Seine Augen nahmen einen eigentümlichen Glanz an: „Herr Kapitän, dieses Büchlein wurde in America verfasst.“
„Das ist nicht Ihr Ernst!“, sagte Christian.
„Doch“, erwiderte Heisenberg. „Es wurde in America geschrieben, fünfzehn Jahre nach Vespuccis Ankunft in jener neuen, unbekannten Welt.“ Der Professor schaute Christian durch sein Monokel an: „Das Beste kommt noch, Herr von Reichshofen. Das kleine Heft, das Sie in Händen halten, ist durch die Luft zu uns nach Europa gereist. Vor vierhundert Jahren.“
Im hinteren Teil des Wagens schlug eine Tür zu. Ein Schrei ertönte.
Heisenberg sprang auf: „Emma! Das ist Emma!“
Sie sprangen alle auf und hasteten zum Ende des Personenwaggons. Ein Mann hatte Emma gepackt und zog sie durch die Tür in den angehängten Gepäckwagen.
„Er hat Emma!“, brüllte der Professor und stürmte voran. Sein Diener war noch schneller. Albert sprintete los wie ein durchtrainierter Wettkampfläufer. Im Rennen zog er seine Pistole. Christian und seine Leute rannten hinterdrein. Als Christian die hintere Tür des Personenwagens passierte, befand sich der Fremde mit Emma bereits am Ende des ersten Gepäckwaggons und zerrte das Mädchen in den zweiten Packwagen. Albert gab einen Schuss ab. Der Unbekannte ließ sich nicht aufhalten. Er riss Emma mit sich ans Ende des Zuges.
„Um Gottes willen!“, schrie Theodor Heisenberg. „Er will sie aus dem Wagen werfen!“
Der Fremde riss die Tür des hinteren Gepäckwaggons auf. Hinter der geöffneten Tür herrschte Dunkelheit.
„Er wird sie umbringen“, schrie der Professor verzweifelt.
Der Fremde packte Emma fester. Er schaute hinter sich, als wolle er eine Entfernung abschätzen.
Albert blieb stehen und zielte sorgfältig. Dann schoss er.
Der Unbekannte ließ Emma los. Mit rudernden Armen stürzte er hinterrücks aus dem Zug. „Emma!“, schrie er. Dann war er verschwunden.
Heisenberg rannte zu seiner Tochter: „Emma! Liebes! Um Gottes Willen!“ Er schloss sie in die Arme.
Christian stürzte zur offenen Tür. In der Ferne sah er im allerletzten Tageslicht einen reglosen Körper auf den Gleisen liegen. Er wandte sich an Heisenberg: „Herr Professor, Sie sind Ihren Verfolger los. Für immer. Der steht nicht wieder auf. Ihr Diener hat ihn mit einem wohlgezielten Schuss niedergestreckt.“ Sein Blick fiel nach unten: „Eine Draisine! An unserem Zug hängt eine Draisine!“
Heisenberg kam zur Tür, ohne Emma loszulassen. Er schaute nach draußen: „Die hat er im Schutze der Dämmerung angehängt.“ Zitternd drückte er seine Tochter an sich: „Mein Gott! Er wollte Emma auf die Draisine schaffen und sich dann abkoppeln. Um ein Haar wäre es diesem Unmenschen gelungen, meine Tochter zu entführen.“
Christian schloss die Waggontür. Er fasste Heisenberg am Arm: „Gehen wir nach vorne zum Personenwagen, Herr Professor.“

*

Sie saßen in den gepolsterten Ledersitzen im Licht der elektrischen Deckenlampen. Der Professor hielt seine Tochter im Arm. Emma weinte.
„Schscht. Es ist alles gut, Liebes“, sprach Heisenberg beruhigend. „Bitte beruhige dich.“
„Der Mann wollte Ihre Tochter entführen“, sagte Christian. Seine Leute saßen um sie herum und schauten voller Mitgefühl auf Emma.
Heisenberg schaute Christian an. Er sah elend aus: „Ja, Herr von Reichshofen. Er wollte Emma entführen, um ein Druckmittel in der Hand zu haben. Er wollte mich erpressen. Er war hinter dem Notizbuch her, das Sie sich angeschaut haben.“
Das Heftchen war in dem Getümmel nach Emmas Aufschrei zu Boden gefallen. Christian hob es auf: „Alles nur wegen dieses kleinen Büchleins?“
Der Professor nickte. Er drückte seine Tochter an sich. Emma schluchzte noch immer. „Er war hinter meinem Geheimnis her, Herr Kapitän. Dafür war er bereit, jedes Verbrechen zu begehen. Seit ich das Heft vor einem Jahr in einem Kloster fand, verfolgt er mich.“
Emma beruhigte sich allmählich. Alle Anwesenden waren tief betroffen. Das Mädchen wäre um ein Haar einem Verbrechen zum Opfer gefallen.
„Man hat versucht, Sie zu entführen“, sagte Christian.
Emma blickte ihn an. Ihr lebendiges Auge war rot geweint. „Ja“, sprach sie leise. „Man hat versucht, mich zu entführen.“ Sie begann erneut zu weinen. Sie konnte gar nicht mehr damit aufhören.
 
Wenn du registriert und angemeldet bist und selbst eine Story veröffentlicht hast, kannst du die Stories bewerten, oder Kommentieren. Wenn du registriert und angemeldet bist, kannst du diese Story kommentieren.
Weitere Aktionen
Wenn du registriert und angemeldet bist, kannst du diesen Autoren abonnieren (zu deinen Favouriten hinzufügen) und / oder per Email weiterempfehlen.
Ausdrucken
Kommentare  

Noch keine Kommentare.

Login
Username: 
Passwort:   
 
Permanent 
Registrieren · Passwort anfordern
Mehr vom Autor
Aufziehmädchen Emma(45)  
Aufziehmädchen Emma(44)  
Aufziehmädchen Emma(43)  
Aufziehmädchen Emma(42)  
Aufziehmädchen Emma(41)  
Empfehlungen
Andere Leser dieser Story haben auch folgende gelesen:
Memoiren eines Schriftstellers - 5. Kapitel  
Memoiren eines Schriftstellers - 20. Kapitel  
Krankenhäuser in Zeiten des Virus  
Mission Titanic - Kapitel 16  
Andacht Nr. Nr. 158 Bis alles zusammenkracht ...  
Das Kleingedruckte | Kontakt © 2000-2006 www.webstories.eu
Counter

Counter Web De