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5 Seiten

Manfred schlägt seine Augen auf

Fantastisches · Kurzgeschichten
Manfred schlägt seine Augen auf. Uff. Ein neuer Tag beginnt. Der erste Tag vom Rest seines Lebens, nicht wahr?
Oh, ja. Vom Rest seines Lebens. So wird es wohl sein. Welcher Idiot hat sich diesen Satz bloß ausgedacht?
Kaffee am Morgen ist ein festes Ritual von ihm. Und das nicht erst seit gestern, sondern geradezu seit Jahrzehnten.
Ist es nicht so, dass schon kleine Änderungen im Leben eines Menschen große Auswirkungen haben können?
Vielleicht sollte er einfach mal mit dem Kaffeetrinken am Morgen aufhören? Vielleicht wäre genau dies die Änderung seines Lebens, nach der ihn so sehr verlangt?
Vielleicht.
Doch nach was sucht er eigentlich? Nach Anerkennung? Nach einem Sinn?
Doch was, wenn ihm dies alles völlig gleichgültig ist? Ist es nicht genau das, wozu man gemeinhin auch Depression sagt, wenn jemand solche Einstellungen zu seinem Leben sein Eigen nennen kann?
Aber macht es sich damit die Gesellschaft nicht ein kleines bisschen zu einfach? Irgendwie hat doch jeder etwas zu tun. Irgendwie hat doch jeder eine Aufgabe in seinem Leben. Jeder hat auch eine Vergangenheit, auf die er sich berufen kann, und eine Zukunft, nach der er strebt. Doch was ist mit der Gegenwart? Was ist mit dem Hier und Jetzt? Kümmert sich eigentlich auch irgendjemand darum? Oder nur die Depressiven? Sind sie vielleicht gerade deshalb so misslaunig, weil das Hier und Jetzt einfach so wenig zu bieten hat? Weil man es nur überwinden kann, wenn man sich davon ablöst? Und zwar entweder mit Hilfe der Vergangenheit, als eine Art notorischer Historiker oder Konservativer, oder mit Hilfe der Zukunft, zum Beispiel als Liberaler oder als Utopist?
Doch was ist mit der Zwischenwelt? Weshalb wird sie derart vernachlässigt?
Eine seltsame Gesellschaft, die sich so wenig um das Hier und Jetzt zu kümmern scheint. Die entweder alle in Sehnsucht nach der Vergangenheit schwelgen lässt, oder nach der Zukunft. Die irgendwie alles zu tun scheint, um vom jetzigen Leben abzulenken.
Sind vielleicht die Depressiven die Einzigen, die wirklich leben? Die Einzigen, die das wahrhaftige Leben tatsächlich geschmeckt haben, und zwar so wie es ist? Und alle anderen vielleicht nur in einem Wahn gefangen, der notwendig ist, damit sie ihr Leben so leben können, wie sie es leben - sollen?
Manfred sitzt nun in seiner Küche. So wie jeden Morgen. Mit seinem dampfenden Kaffee mit Milch aber stets ohne Zucker vor sich auf seinem unscheinbaren Küchentisch stehend. Er schaut wie immer aus dem Fenster. Draußen gibt es eine ansonsten eigentlich recht belebte Straße und auch diese Verkehrsinsel, die er so sehr mag. Gegenüber auf der anderen Straßenseite ist nur eine Häuserwand zu sehen.
Seltsam, dass es in dieser Straße so wenig Vorhänge gibt. Manchmal wünscht er sich, es gäbe mehr von ihnen, weil er es hin und wieder selbst als Zwang empfindet, hinüber sehen und gucken zu müssen, welche der dortigen Leute da sind und welche man von ihnen von seinem unscheinbaren Platz aus sehen kann. Wie viele von ihnen wohl bei diesen Gelegenheiten umgekehrt mit ihm das Gleiche tun?
Aber warum sollte es jemanden interessieren, wer da immer so traurig aus seinem Küchenfenster glotzt?
Heute Morgen scheint da drüben keiner zu Hause zu sein. Dies macht ihn noch ein wenig trauriger, als er zuvor eh schon gewesen war, und noch ein klein wenig einsamer.
Er blickt hinab zur Straße und wandert diese langsam mit seinem Blick ab. Auch dort ist gerade niemand zu sehen. Dann ist er wieder bei seiner Verkehrsinsel angelangt. Auch bei diesem kleinen Baum, der auf ihr wächst und in dem es ein Vogelnest gibt. Er weiß es, weil er den Vogel schon sehr oft von dort aus hat weg fliegen sehen. Und auch danach hat er den Baum weiterhin sehr aufmerksam beobachtet, solange, bis dieses winzig kleine fliegende Wesen wieder zurück gekommen war. Der Vogel hat dann meistens irgendeinen Wurm oder irgendeinen Käfer in seinem Schnabel gehabt, den er sehr wahrscheinlich an seine Küken verfüttert hat, die dort im Nest hungrig auf ihn gewartet und, kam er dann zu ihnen, ihm ihre Schnäbel weit geöffnet und laut piepsend entgegengestreckt haben. Danach ist der kleine Vogel immer wieder sehr schnell davongeflogen, nur um dann kurze Zeit später wieder mit irgendeiner anderen Köstlichkeit zurückzukehren. Manfred kann diesem kleinen Vogel den ganzen Tag dabei zusehen, ohne dass er Gefahr läuft, dass es ihm langweilig wird.
Ist dieser kleine Vogel vielleicht viel weiser, als er selbst? Weil er trotz all dieser Unannehmlichkeiten, die dies zweifellos für ihn bedeutet, sich dennoch für eine Familie entschieden hat? Ist vielleicht nur das es, was uns wirklich erfüllen kann; was dafür sorgen kann, dass wir eine echte Aufgabe in unserem Leben haben, die uns dazu antreibt, überhaupt irgendetwas Sinnvolles zu tun?
Sehr wahrscheinlich hat dieser kleine Vogel gar keine andere Wahl. Menschen hingegen schon. Und eben dies ist es doch, was uns zu etwas Besonderem in der Natur macht, oder etwa nicht? Vielleicht sogar das Einzige, das uns überhaupt von diesem kleinen Wesen da unten wirklich zu unterscheiden vermag.
Unsere Kinder geben uns nicht nur eine Aufgabe, zu der wir nicht nein sagen können. Sie sorgen auch in gewisser Weise dafür, dass wir selbst nach unserem Ableben noch, zumindest in einem gewissen Sinne, weiterexistieren.
Gar ein Hauch von Unsterblichkeit?
Dies wohl eher nicht. Denn irgendwann werden auch unsere Gene unwiederbringlich erlöschen. Auch die von dem kleinen Vogel da unten. Spätestens, wenn unsere Sonne erlischt, was, zugegeben, sehr wahrscheinlich noch ein paar Jährchen dauern wird.
Aber wozu dann dies alles überhaupt? Was könnte dieses Streben, die eigenen Gene weiterzugeben, dann überhaupt für einen wirklichen Sinn für uns haben?
Sehr wahrscheinlich macht das Leben wohl generell eher Sinnlosigkeit aus. Zumindest erscheint es Manfred oft so, blickt er Mal ein klein wenig tiefer, als er es wohl sollte; als es wohl nötig wäre, um zu funktionieren.
Im Grunde kein wirklich neuer Gedanke. Die Existenzialisten wissen dies doch schon lange.
Manfred schlürft nun, sich selbst jetzt irgendwie noch verlorener vorkommend, als es noch kurze Zeit zuvor der Fall gewesen war, an seinem immer noch ein wenig zu heißen Kaffee.
Sinnlosigkeit. Zumindest dies hat er wohl in seinem Leben ganz gut hinbekommen.
Fast hätte er bei diesem Gedanken kurz aufgelacht, wenn er sich nicht im allerletzten Moment ausreichend kontrolliert hätte. Er möchte sich doch jetzt nicht auch noch seine ihm schon längstens liebgewonnene, melancholische Stimmung verderben.
Wieder schaut er aus dem Fenster. Schon in diesen frühen Morgenstunden strahlt die Sonne auf ihn herab. Sie blickt jetzt schon über die Dächer der Häuser gegenüber in seine kleine Küche hinein. Sie blendet ihn ein wenig. Er unternimmt aber nichts dagegen. Warum auch? Lass doch die Sonne scheinen. Ist doch schön, oder etwa nicht?
Seltsamerweise hat die Sonne auf ihn eigentlich schon immer eine ganz andere Wirkung gehabt, als auf die meisten anderen Menschen, die er so in seinem bisher noch recht kurzen 34 jährigen Leben hatte kennenlernen dürfen. Denn Sonnenschein vermag es, ihn aus irgendeinem Grund immer noch trauriger werden zu lassen, als es sonst der Fall ist. Sieht er in solchen Momenten zum Beispiel andere Menschen da unten auf der Straße ausgelassen dahin laufen, wird ihm meist erst so richtig klar, was ihm in seinem Leben tatsächlich fehlt. Er kann es dann nicht mehr so einfach wegwischen, und behaupten, er habe ja alles, was ein Mensch braucht, der eigentlich gar nichts haben will. Wenn er zum Beispiel den Pärchen da unten zusieht, wie sie händchenhaltend mit einem fröhlichen Gesichtsausdruck beschwingt über den Bürgersteig laufen, irgendwo zusammen hingehen, vielleicht zum Park, um dort spazieren zu gehen. Und wenn er spürt, dass schon alleine dies sie völlig ausreichend zu erfüllen scheint, schon alleine deshalb, weil sie nicht alleine sind; weil sie wissen, dass ein andere Mensch an ihrer Seite ist, mit dem sie alles teilen können, auch diesen wunderbaren Sonnenschein.
Manfred hat niemanden, mit dem er etwas teilen kann. Weder diesen Moment, wie die Sonne gerade in seine kleine Küche scheint, und diese interessanten Muster an die Tapete wirft, noch das Schlürfen an seinem Kaffee und das kurze wohlige Gefühl, das dies in ihm auslöst. Es führt dazu, dass er sich in diesem Moment gefangen fühlt. Denn er erlebt ihn, ohne dass dies in irgendeiner Weise einen Nachhall in der Wellt hinterlassen wird. Er wird einfach so verstreichen und nie wieder zurückkehren. Und nur er alleine wird sich daran erinnern können. Und irgendwann wird auch er es wieder vergessen haben, ohne dass er es an irgendwen weitergegeben hat. Er wird einfach so verstreichen, ohne Sinn dahinter; ohne jedweden Zweck. Und er selbst wird irgendwann auf die gleiche Weise einfach so verschwinden.
Doch weshalb sollte er überhaupt darauf warten? Weshalb sollte er die Zeit bis dahin ausgerechnet hier drinnen in dieser kleinen Küche absitzen?
Und plötzlich breitet sich in ihm ein Gefühl aus, das von all den Gefühlen, die er sonst hier am frühen Morgen an diesem unscheinbaren Küchentisch mit dieser dampfenden Tasse Kaffee vor sich stehend hatte aushalten müssen, ausgesprochen verschieden ist. Es handelt sich diesmal nämlich um ein sehr angenehmes Gefühl. Denn vielleicht zum ersten Mal in seinem bisherigen Erwachsenenleben kommt es ihm so vor, als wüsste er ganz genau, was er zu tun hat.
 
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