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6 Seiten

Für immer(11)

Romane/Serien · Fantastisches
Sie lebten sich schnell auf der Farm ein. Die alten Hasen waren nette, verträgliche Kameraden, die sie anlernten, ohne sie zu bevormunden.
Es gab viel zu tun. Felder mussten für die Wintersaat vorbereitet werden. Es wurde mit Traktoren gepflügt und geeggt und eingesät. Die Kühe kamen morgens auf die Weide und wurden abends zum Melken eingetrieben.
Diemut mochte es, mit Tieren zu arbeiten. Besonders hatten es ihr die Ziegen der Farm angetan. Bald waren die Tiere handzahm und ließen sich von ihr gerne melken. Kuh- wie Ziegenmilch wurde gesammelt und in die Käserei im nahen Dorf gebracht. Natürlich behielt die Farm ihren Eigenbedarf.
Sie fütterten die Hühner mit einer Mischung aus selbst angebautem Weizen, Mais und Muschelgrit, der von der Nordsee angeliefert wurde.
Es gab eine Obstplantage und Ende des Sommers war Erntezeit. Tagelang pflückten sie Äpfel und Birnen und Zwetschgen. Sie machten für den Eigenbedarf Saft und Most und kochten aus den Zwetschgen eine leckere Marmelade.
Julian kümmerte sich um die Maschinen und Apparate auf der Farm. Er hatte ein Händchen für technische Dinge und war bald sehr beliebt. Er konnte jeden liegen gebliebenen Traktor wieder zum Laufen bringen und als die Melkmaschine im Kuhstall streikte, reparierte er auch die.
Er und Diemut fühlten sich auf der Farm pudelwohl. Schön, es war nicht Altland, und das war schade, aber es kam der Sache ziemlich nahe.
Bevor es richtig Herbst wurde, schlugen sie im zur Farm gehörenden Waldstück Bäume. Die Stämme wurden abtransportiert zum Sägewerk. Armdicke und dünnere Äste durften sie behalten. Die schleppten sie zur Farm und zersägten sie in ofengerechte Stücke. Die stapelten sie zum Trocknen auf. Verwendet wurde das Holz vom Vorjahr, das bereits schön trocken war und rückstandsfrei verbrannte.
Sie misteten die Ställe aus, machten Käse und kochten Marmelade ein.
Diemut freundete sich eng mit Dagny an. Sie wurden unzertrennlich wie Schwestern. Sie, Dagny, Julian, Gertrud und Jan waren eine eng befreundete Gruppe für sich.
Abends saßen alle nach getaner Arbeit im Gemeinschaftsraum. Sie spielten auf ihren Instrumenten und sangen dazu oder sie sahen fern. Meist gingen sie früh zu Bett. Die Arbeit auf der Farm war anstrengend und machte müde.
Alles in allem war es ein gutes und freies Leben. Solange sie sich an den Dienstplan hielten und ihr Soll erfüllten, redete ihnen keiner drein. Brauchten sie bestimmte Dinge wie Maschinen, beantragten sie dies bei der entsprechenden Stelle. Kleidung konnten sie selbst kaufen. Jeder auf der Farm erhielt einen kleinen Lohn.
Das Leben war schön. Diemut und Julian waren zufrieden. Nur dass gelegentlich jemand abgeholt wurde, warf einen Schatten auf ihr freies Leben auf dem Land. Aber das musste wohl so sein. Wenn jemand sich gut genug auskannte, kam er eben auf eine andere Farm, wo seine Arbeitskraft gebraucht wurde.

*

Sie saßen morgens beim Frühstück, bestehend aus selbst gebackenem Brot, Butter und Marmelade und hart gekochten Eiern.
Im Radio lief eine Ansprache des Obersten Leitenden, die am Abend zuvor im Fernsehen übertragen worden war. Der Ton des Präsidenten war scharf und aggressiv.
„Was erlauben sich diese Herrschaften aus dem Süden Deutschlands eigentlich?“, donnerte seine Stimme aus dem Lautsprecher. „Denken die, dass sie uns Vorschriften machen können? Mit welchem Recht?!? Lassen Sie sich gesagt sein, meine Herren: So nicht! Nicht mit uns! Uns schreibt man nichts vor! Wir sind ein eigenständiger Staat und wir bestimmen selbst, was gut für uns ist! Wir werden uns diese Provokationen nicht bis in alle Ewigkeit gefallen lassen!“
So ging es immer weiter.
Diemut konnte es nicht mehr hören. Warum tobte der Oberste Leitende immer so? Die Südländer verharrten doch still hinter der Mauer und taten niemandem etwas zuleide. Manchmal kam es ihr vor, als wolle der Präsident die Wut des Volkes auf den Süden richten, um die Leute von anderen Dingen abzulenken.
Die Rationierungen zum Beispiel. Die Gesetze waren erneut verschärft worden. Vieles gab es nur noch auf Bezugsschein: Autos, bestimmte Kleidung und Luxusartikel. Das Volk murrte im Stillen. Das wussten sie sogar auf ihrer abgelegenen Farm. Die Menschen waren unzufrieden.
Sie fragten sich, wie es sein konnte, dass in einem angeblich reichen Staat so viele Dinge streng rationiert waren. Ein Wort tauchte auf und machte die Runde: Misswirtschaft.
Etwas stimmte nicht in Nordland. Vielleicht lag es an der Produktion von Biokraftstoff, hatte Julian letztens gesagt. Ein Feld, auf dem Raps für Biodiesel wuchs, fiel für die Erzeugung von Nahrungsweizen aus. Das musste irgendwann zwangsläufig zu Engpässen führen.
Kerstin kam von draußen herein: „Die Post ist da.“ Sie verteilte die Sendungen. Meist waren es Prospekte für Landmaschinen oder Werkzeuge oder Briefe von Ämtern, an die Anträge gestellt worden waren. Sie ging zu Benno und reichte ihm einen offiziell aussehenden Brief: „Für dich, Benno.“
Benno, ein langer, hagerer Kerl mit schwarzen Locken, nahm den Brief entgegen. Er sah nicht aus, als freue er sich über diese besondere Post. Er öffnete den Umschlag und las das Schreiben. Seine Miene verfinsterte sich.
„Ist was?“, fragte Frank.
„Ich muss die Farm verlassen“, sagte Benno missmutig. „Übermorgen holen sie mich ab.“
„So geht das nicht weiter!“, rief der Oberste Leitende aus dem Radiolautsprecher. „Mit uns nicht! Wir werden uns wehren, wenn es sein muss! Lange lassen wir uns das nicht mehr gefallen!“
„Warum lassen wir uns das gefallen?“, fragte Jan plötzlich. „Warum machen wir schweigend mit? Warum lassen wir uns hin- und herschieben?“
Am Frühstückstisch wurde es totenstill. Alle starrten den Jungen an.
„Ist doch wahr“, sagte Jan. „Sie holen ständig Leute weg, obwohl die das nicht wollen. Warum wehren wir uns nicht dagegen? Keiner will abgeholt werden! Wenn sie uns wenigstens sagen würden, wo wir hinkommen, wenn sie uns abholen! Dürfen die das so einfach?“
Das Schweigen breitete sich aus wie ein giftiger Dampf.
Dann stieß Frank ein nervöses Lachen aus: „Ach, komm schon, Jan! Was sollen wir tun? So ist es nun mal. So war es immer.“
„Im Fernsehen wird niemand abgeholt“, sagte Jan.
„Na und!“, hielt Frank dagegen. „Das ist halt Fernsehen. Unterhaltungsfilme.“
„In den Dokus auch nicht!“, beharrte Jan. „Noch nie gesehen. Abholen gibt es nur bei uns; bei den neuen Menschen. Bei den besonderen Kindern. Was ist denn so besonders an uns? Warum sagt uns das niemand? Draußen wird keiner abgeholt und gezwungen, woanders zu arbeiten.“
„Jetzt redest du aber Stuss“, mischte sich Beate ein. „Natürlich werden die auch von Zwängen geleitet. Oft müssen sie eine Arbeit annehmen, die ihnen nicht passt. Das nennt man dann: einen Scheißjob machen.“
„Wisst ihr, was mir aufgefallen ist?“, fragte Dagny. „Von unseren Internaten und Farmen ist nirgendwo die Rede; nicht im Fernsehen und nicht im Radio. In Zeitungen oder Zeitschriften findet man auch nichts über uns. Es ist, als gäbe es uns nicht. Findet ihr das nicht merkwürdig?“
„Lange, meine Herren Südländer, machen wir das nicht mehr mit!“, donnerte der Oberste Leitende aus dem Radiolautsprecher. „Das muss ein Ende haben!“

*

„Und glauben Sie nur ja nicht, meine Herren aus dem Süden, dass wir uns Ihre ständigen Provokationen auf ewig gefallen lassen werden!“
Oliver Hoffmann schaute angewidert auf den Fernsehbildschirm: „Haben sie dir ins Gehirn geschissen, Freundchen? Du hast doch wohl was am Sender! Wer provoziert denn hier, du gehirnamputierter Orang Utan?!“
Oliver konnte es nicht mehr hören. Warum brachten die vom Fernsehen den Nordochsen immer zur besten Sendezeit? Der Idiot legte doch sowieso immer die gleiche Platte auf: Süddeutschland ist bäh! Motz, motz, motz!
Natürlich wusste Oliver, warum der Präsident von Nordland dieses Theater veranstaltete. Der Kerl versuchte, von der Misere seines Staates abzulenken. Nordland stand nicht mal halb so gut da, wie seine Regierung es immer darstellte. Nach dem Weltkrieg hatte es anders ausgesehen. Mit russischen Hilfskrediten hatte man die Wirtschaft schnell wieder aufgebaut und mit der schlesischen Kohle und der Ruhrkohle den Aufstieg Nordlands angekurbelt. Das Ruhrgebiet wurde zum größten Stahlproduzenten in Europa.
Aber der Norden stützte sich auf Kohle und Stahl, ohne Alternativen bereitzustellen. Als in den Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts die Stahlkrise kam, ging es mit Nordland bergab.
Ebenso unangenehm war wohl, dass der große Bruder Sowjetunion zur gleichen Zeit den Kalten Krieg beendete und sich dem Westen zuwandte. Nordland geriet in eine isolierte Lage, besonders als die reichlichen Erdöllieferungen aus Russland immer spärlicher und teurer wurden. Sie fingen an, in der Nordsee nach Öl zu bohren und auf ihren Feldern Biokraftstoffe anzubauen. Heizöl vom Acker, keine schlechte Idee, fand Oliver, aber wo Heizöl wuchs, dort wuchs kein Brotgetreide.
Zudem mangelte es dem Norden an Rohstoffen. Was hatten die schon zu bieten? Der Süden war weltweit für seine Maschinentechnik bekannt und verdiente gut mit dem Export, aber der Norden hatte nichts.
Nordland exportierte seinen Transit, das kleine, sparsame Auto mit dem orgelnden Dreizylindermotor. Das war die größte Devisenquelle. Dann noch die robusten Fahrräder zu günstigen Preisen. Sonst hatten die nichts. Früher hatte Nordland auch günstige Diafilme nach Süddeutschland exportiert, aber dann kamen die Digitalkameras, und deren Entwicklung hatte der Norden verschlafen. Sonst gab es nichts.
Oliver produzierte mit den Lippen ein furzendes Geräusch: „Ziegelsteine! Ziegelsteine für die ganze Welt! Auf, auf, Kameraden! Buddelt nach Lehm, ihr Nordochsen, und verziegelt die Erde! Was anderes habt ihr nämlich nicht.“
Und das war das Problem. Das wusste sogar er mit seinen dreiundzwanzig Jahren. Sein Vater hatte es oft genug gesagt: „Der Nordochse ist ein Kriegstreiber. Der hetzt so lange, bis er seinen Krieg hat. Den braucht er auch. Er will an die süddeutschen Ressourcen ran. Wirst sehen, der gibt keine Ruhe, bis es knallt, der Scheißkerl. Hätte er mal eine anständige Industrie im Norden aufgebaut! Aber weder er noch sein Vater haben das je getan. Pah! Nennen sich einen Arbeiter- und Bauernstaat, aber wo sind denn die Arbeiter? Jedenfalls nicht in der Industrie!“
Oliver schaute zu dem gerahmten Foto an der Wand. Es zeigte seine Eltern bei ihrer Hochzeit. Ein schwarzer Trauerflor war um eine Ecke drapiert. Tante Else hatte das gemacht, die Schwester seiner Mutter.
Beide tot! Die Mutter gestorben, als er siebzehn war. Krebs. Und nun auch der Vater. Gerade mal drei Monate war das her. Vom Baugerüst gefallen. Ein Leben lang auf dem Bau geschuftet und dann einfach abgestürzt. Die Welt war ein Scheißhaus.
Haben sich ein Leben lang krummgelegt für diese kleine Eigentumswohnung, und das ist der Lohn, dachte Oliver voller Grimm. Und dann muss ich mir im Fernsehen auch noch diesen Vollidioten aus dem Norden anhören, diesen schießwütigen Mordländer. Mauersegler-Abknaller, verdammter! Wir im Süden sollten ebenfalls eine Mauer bauen, aber eine viel höhere.
Die Nachrichten gingen weiter. In Ägypten gab es einen Volksaufstand, gekoppelt mit einer Rebellion irgendwelcher Islamisten und Mohammedbrüder, die sich gegenseitig bekriegten. Es war der vierte Aufstand für dieses Jahr. Oder war es schon der fünfte? Da unten kam die Welt nicht zur Ruhe. Das war ein Brandherd.
Oliver seufzte. War das Leben nicht so richtig schön scheiße? Der Wetterbericht sagte mieses Wetter voraus und dann kamen die Eurolotto-Zahlen. Er hatte nicht mal einen Dreier.
„Klasse! Das habe ich jetzt echt gebraucht!“ Oliver stand auf. Er holte sich eine DVD aus seiner Sammlung und eine Flasche Apfelwein aus dem Kühlschrank.
Er legte die DVD ins Abspielgerät und goss sich einen Bembel ein. Auf dem Bildschirm erschien das große Dampffest von Dorset in Südengland. Dampfbetriebene Traction Engines rumpelten über die Wege, riesige Straßenlokomotiven. Oliver schaute den Dampflastern zu und den dampfbetriebenen Dreschmaschinen und Sägen.
Er nahm einen guten Schluck Apfelwein und glitt in sanfte Träume von seinem Dampfland hinüber.
„Wenn ich mal den Eurolotto-Pot knacke, mach ich es wahr“, brummte er. „Dampfland, ein kleines privates Reich, in dem es zugeht wie in der guten alten Zeit. Ein Touristenmagnet wird das werden mit Dampfeisenbahn und Straßendampf. Warum ziehen die auch immer die falschen Zahlen. Der Pot war auf dreiundvierzig Millionen. Damit hätte ich echt was anfangen können.“
Oliver seufzte laut. Stattdessen durfte er am nächsten Tag auf Frühschicht gehen und in der Fabrik malochen. Wenigstens hatte er die Eigentumswohnung. Er verdiente hinreichend, um die monatlichen Raten zu zahlen, und nächste Woche würde er seinen neuen Transit bekommen, einen lauten, rauen Nordbrummer. War doch schon mal was, oder?
„Und im August mach ich in Dorset Urlaub! Jawoll, meine Herrn!“ Oliver leerte den Bembel und schenkte neu ein. Einen konnte er noch. Dann war es Zeit, in die Kiste zu gehen.
„Außerdem knack ich nächste Woche den Jackpot. Bei den bescheuerten Zahlen geht der garantiert weiter. Kein Mensch tippt so beknackte Zahlen. Dann steigt der Pot auf achtundvierzig oder sogar fünfzig Mille. Die hol ich mir, und dann könnt ihr mich alle mal hintenrum, auch der Nordochse mit seinem Kriegsgeschrei.“
 
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