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8 Seiten

Der Durchgang ins Königreich Bayern(3)

Romane/Serien · Fantastisches
Martin schlenderte über den verlassenen Bahnsteig zum Hinterausgang des Bahnhofsgebäudes. Er spähte durch die verglasten Türen ins Innere. Dort sah alles ganz anders aus, als er es kannte. Zögernd trat er ein. Menschen in antiker Bekleidung standen an Fahrkartenschaltern an, hinter denen Bahnbeamte in schmucken Uniformen Fahrkarten an klobigen gusseisernen Geräten druckten. Auf halber Höhe zum gläsernen Kuppeldach war ein großes Schild angebracht: „Königlich-Bayerische-Eisenbahn“.
Martin lief zum Vordereingang des Gebäudes. Er wunderte sich, dass ihn niemand beachtete. Mit seiner ausgewaschenen Jeanshose und der beigefarbenen Windjacke mit dem schmalen roten Kragen und den Mokassins an den Füßen musste er unter diesen seltsam kostümierten Leuten auffallen wie ein bunter Hund. Ein älterer Herr im steifen Gehrock mit Zylinder verließ den Bahnhof. Martin witschte schnell hinterher. Draußen blieb er stehen. Er schnappte nach Luft. Alles war anders.
Wo die Haltebuchten für die Busse gewesen waren, befand sich Kopfsteinpflaster. Statt Taxis standen Pferdedroschken vorm Bahnhof. Kein einziges Auto fuhr auf der Straße, die zur Stadtmitte führte. Es gab nur Pferdefuhrwerke, Reiter und Radler. Über der Straße hingen keine elektrischen Straßenlampen und auf den Hausdächern fehlten die Fernsehantennen. Als Straßenlaternen fungierten verschnörkelte Gusseisenlampen auf hohen Lampenmasten. Es waren Gaslampen.
„Ich bin tatsächlich in einer anderen Zeit gelandet“, flüsterte Martin.
Er entdeckte einen Zeitungskiosk. Neugierig lief er hin und warf einen Blick auf die ausliegenden Zeitungen.
„Mittwoch, 22. April 1909“ stand über der Schlagzeile, die da lautete: „Königin Elisabeth besucht Krankenhaus der Grubenarbeiter.“
1909! Martin sah sich um. „Das kann nicht stimmen“, dachte er. „1909 gab es schon Autos.“ Es waren Schnauferl mit weit ausladenden Kotflügeln, die eher an Kutschen ohne Pferde erinnerten, aber es gab sie. Und es gab Strom. So viel wusste er.
„Dieser Durchgang … ich bin nicht nur in der Vergangenheit gelandet. Dies ist auch eine andere Welt als die, aus der ich komme.“ Ein verführerischer Duft stieg ihm in die Nase. Neben dem Zeitungskiosk gab es eine Würstchenbude. Weiße und rote Bratwürste brutzelten auf einem Holzkohlegrill. „Einen halben Kreuzer die Wurst“ stand auf einem Schild.
„Kreuzer!“ Martin seufzte. Er hatte Pfennige, aber keine Kreuzer. Und er hatte Hunger.
Der Wurstverkäufer war auf ihn aufmerksam geworden. „Eine gebratene Wurst, der junge Herr?“, fragte er freundlich und lächelte einladend. „Billiger geht’s nicht. In Saarbrücken-Nassau zahlt Ihr einen viertel Kreuzer mehr dafür.“
Martin spürte, wie er rot wurde. „T … tut mir leid“, stotterte er. „Ich habe keine Kreuzer.“
„Ich kann auf einen vollen Taler herausgeben, junger Herr“, sagte der Wurstverkäufer. Er zwinkerte ihm zu. „Nur her mit dem Silber. Ich mache es zu Gold.“
Martin stutzte: „Silber?“
„Ja doch, junger Herr. Silbertaler. Ihr seid wohl nicht von hier? Habt Ihr keine Silbertaler?“
Martin fummelte das Papiertütchen mit seiner neuen Silbermünze aus der Hosentasche und wickelte sie aus.
Der Wurstverkäufer bekam große Augen: „Ach herrjeh, junger Herr! Ich bedaure zutiefst, aber auf solche Menge kann ich nicht herausgeben. Das sprengt meine Kassa.“ Er klang bedauernd. „Vielleicht möchtet Ihr Euer Silber auf der Bank in Taler eintauschen?“ Er wies auf ein Gebäude, das an der Straße Richtung Stadtmitte stand.
Eigentlich wollte Martin nicht. Er hatte so lange auf die Gedenkmünze gespart, aber wenn diese Bank seine Münze in die Landeswährung umtauschte, würde das eine Chance bedeuten, die er vielleicht nur einmal im Leben bekam: Münzen der Vergangenheit im Neuzustand zu erhalten. Was mochte so ein Bayerischer Silbertaler in seiner Heimatwelt wert sein?
Und da war noch etwas: Er hatte Hunger. Das machte sein Magen ihm mit vernehmlichem Knurren klar.
„Ich bin gleich wieder da“, sagte er und ging zur Bank.
„Ich warte auf Euch, junger Herr“, rief der Wurstverkäufer ihm freundlich hinterher.
KÖNIGLICH BAYERISCHE LANDBANK stand in erhabenen Buchstaben über dem Portal aus gelbem Sandstein. Drinnen war der Boden mit Marmor gefliest wie ein Schachbrett. Martin steuerte aufs Geratewohl einen freien Schalter an und zeigte dem Bankangestellten, einem jungen Mann mit ausladendem Backenbart, seine Münze: „Man hat mir gesagt, ich könnte die bei Ihnen eintauschen.“
„Aber gewiss doch, junger Herr“, sagte der Mann hinterm Schalter dienstbeflissen. „Darf ich die Münze bitte abwiegen?“ Er nahm das Silberstück in Empfang und legte es auf eine seltsame Vorrichtung, die aussah wie ein auf dem Kopf stehendes Mobile aus Draht und kleinen Tellerchen, auf denen er winzige Gewichte auflegte. Der Zeiger eines runden Messgerätes aus poliertem Messing bewegte sich träge.
„Das macht acht Bayerische Silbertaler und achtzehn-einviertel Kreuzer“, sagte der Mann.
„Ja, gut“, sagte Martin. „Ehm … wie viele Kreuzer ergeben einen Taler, bitte?“
Der Bankangestellte grinste freundlich: „Fünfundzwanzig Kreuzer ergeben einen Silbertaler, junger Herr.“
Martin schnappte nach Luft. Einen halben Kreuzer musste er für eine Bratwurst bezahlen und seine Silbermünze ergab mehr als acht Taler! Das machte ungeheuerliche 436 Bratwürste für seine Münze!
„Ja ... ja, gut“, stotterte er. „Ich möchte wechseln, bitte.“
Der Bankangestellte zählte ihm das Geld auf den Tresen, acht kleine Silbermünzen, jede so groß wie ein Fünfpfennigstück. Dazu ebenso kleine Goldmünzen, die Kreuzer.
Martin strich seine Beute ein und verließ die Bank. Er war reich, stinkreich!
Beim Wurstverkäufer holte er sich eine rote Bratwurst. Genüsslich mampfend, begab er sich auf den Bahnsteig. Er setzte sich auf die Bank, auf der das hübsche blonde Mädchen gesessen hatte, und schaute dem Betrieb im Bahnhof zu. Reisende mit großen Lederkoffern oder ausladenden Reisetaschen liefen vorbei, Mütter mit Kindern, Arbeiter und Schüler unterschiedlichen Alters.
Auf Gleis 3 stand ein Zug abfahrtbereit. Wieder waren die Waggons braun und die Lokomotive grün mit roten Rädern. Martin gefielen die Farben. Alles sah so herrlich altmodisch aus. Länderbahnfarbgebung nannte man das im Eisenbahnerjargon.
Hier möchte ich leben, dachte er, während er seine Wurst mit Behagen verspeiste. Keine Autos, keine verdreckte Luft, keine versauten Bäche und Flüsse. Es ist so richtig schön hier.
Hatte er sich nicht schon oft gewünscht, in der „guten alten Zeit“ zu leben? Er seufzte. Leider war er zu jung. Mit nicht mal dreizehn durfte man nicht allein leben und woher sollte er das Geld nehmen, das er zum Leben brauchte?
Deine Silbermünzen sind hierzulande ungeheuer wertvoll, sprach eine kleine Stimme in seinem Hinterkopf.
Martin verzehrte den Rest der Wurst.
Schön wär’s, dachte er. Habe ich mich nicht oft nach früheren Zeiten gesehnt, als zwölfjährige Jungen von zu Hause ausrissen und als Schiffsjungen zur See fuhren?
Stattdessen musste er in seine eigene Welt zurückkehren. Da biss die Maus keinen Faden ab.
Aber ich kann wiederkommen. Jeden Tag! Er stand auf und lief den Bahnsteig hinunter zu der Wiese mit dem Zaun. Es war seltsam. Vom Bahnhof aus sah man den Zaun überhaupt nicht. Erst wenn man am Ende des Bahnsteigs ankam, erblickte man ihn, ziemlich versteckt hinter Buschwerk. Martin lief über die Wiese. Vor der Zaunlücke drehte er sich noch einmal um. Der Zug auf Gleis 3 fuhr gerade an. Dampf zischte und die Auspuffschläge der Lokomotive hallten.
Martin drängte sich durch die Lücke im Zaun und landete in seiner eigenen schmutzigen Welt. Die Uhr am Bahnhof zeigte ihm an, dass fast keine Zeit vergangen war. Seine Armbanduhr, die er drinnen getragen hatte, ging hingegen mehr als eine Stunde vor. Martin stellte sie neu. Er fühlte eine Riesenfreude in sich aufsteigen. Dieser seltsame Durchgang beeinflusste die Zeit. Er rechnete im Kopf nach: Wenn ich eine Stunde dort verbringe, vergehen hier bei uns nicht mal fünf Minuten. Gut gelaunt lief er die Unterführung unter den Gleisen entlang zu Gleis 6, wo der Zug stand, der ihn nach Bexbach bringen würde. Eine simple Elektrolok war vor drei Silberlinge gespannt. Kein Vergleich mit den herrlichen Dampfzügen auf der „anderen Seite“. Aber er würde dorthin zurückkehren. Jeden Tag! Wenn der Bus, der ihn vom Johanneum zum Bahnhof brachte, ankam, war immer noch viel Zeit, bis sein Zug abfuhr. Mehr als eine halbe Stunde. Das würde reichen, die wunderbare Welt hinter der Zaunlücke zu besuchen. Er konnte täglich zwei oder drei Stunden dort verbringen, dachte er bei sich, als er in seinen Zug einstieg.
Und er würde das blonde Mädchen mit den umwerfenden Augen wiedersehen. Sie hatte eine Schultasche bei sich gehabt. Sie musste täglich auf Gleis 1 auf ihren Zug nach Saarbrücken warten.
Bei dem Gedanken an das Mädchen wurde Martin rot. Zum ersten Mal dachte er nicht mehr an Selbstmord. Sterben konnte er immer noch. Zuerst galt es, die Geheimnisse dieser seltsamen alten Zeit zu erkunden. Und das Mädchen wiederzusehen.
Er setzte sich in Fahrtrichtung ans Fenster, den Blick nach rechts zu den Gleisen des Güterverkehrs gerichtet. Dort fuhren oft dunkelrote Rangierlokomotiven. Es gab immer etwas zu sehen. Manchmal fuhr sogar eine sehr alte grüne Elektrolokomotive vorbei, ein kantiges dunkelgrünes Ding mit „Motorhauben“ vorne und hinten, ein bisschen wie das Schweizer Krokodil aussehend; wie ein Bote aus der guten alten Zeit.
Martin lächelte in sich hinein. Er brauchte nicht mehr von dieser Zeit zu träumen, er konnte täglich dorthin gehen und sie live erleben.
Draußen pfiff der Schaffner auf seiner Trillerpfeife. Martin lauschte dem lauten Klacken der Zuglok. Sein Zug wurde von einem Knallfrosch gezogen, einer E 41. Bei jedem Klacken ging ein Ruck durch den Zug und er wurde schneller. Schon bald blieb der Homburger Bahnhof zurück. Der Zug passierte das Bahnbetriebswerk. Dort lagerten Schienen, Schwellen und Schotter. Eine kleine rote Rangierlok, eine KÖF, zog einen dreiachsigen Waggon in blau-türkisfarbener Lackierung auf den Nebengleisen. Martin wusste, dass Bahnarbeiter in diesem Wagen zu ihrer Einsatzstelle gefahren wurden. Die Waggons waren eingerichtet wie Baubuden auf Rädern, mit Dusche, Kaffeekocher, einem kleinen Herd und Pausen- und Ruheraum.
Als kleiner Junge hatte er einen solchen Waggon besichtigen dürfen und sich ausgemalt, ihn an seine eigene Lok zu hängen und damit auf endlosen Schienen durch die Lande zu fahren, durch Wiesen und Felder, die bis zum Horizont reichten, durch Wälder, die sich endlos ausdehnten, an kleinen Dörfern mit Gänseweihern vorbei. Ein Leben im Eisenbahnwaggon. Anhalten, wo man wollte, auf einem Nebengleis Pause machen und weiterfahren, wenn einem danach war. Der Traum eines kleinen Jungen, der das schwarze Schaf der Familie war, einer, der Prügel bekam wie andere Kinder Brot.
Das Bahnbetriebswerk verschwand aus Martins Blickfeld. Neben den Gleisen verlief ein Feldweg. Nach einer Weile führte er von der Bahnstrecke weg auf den Altstädter Wald zu. Ein Geheimweg! Jedenfalls in Martins Fantasie. Dort war er ein armer Junge, der in einem Waisenhaus lebte, das von furchtbar strengen Nonnen und brutalen Aufsehern geleitet wurde; ein echtes Kinder-KZ wie die Heime in den fünfziger Jahren. In seiner Vorstellung floh Martin aus diesem Elend, manchmal allein, manchmal mit mehreren anderen Kindern, manchmal zu Fuß, manchmal mit dem Fahrrad. Dann galt es, „Geheimwege“ zu benutzen, Feld-, Wald- und Wiesenwege abseits geschlossener Ortschaften, damit niemand auf die Flüchtlinge aufmerksam wurde und sie bei der Polizei anzeigte. Große Hauptverkehrsstraßen mussten gemieden werden und wenn man doch mal eine überqueren musste, wartete man, bis kein Auto in Sicht war. Niemand durfte einen sehen! Die Polizei suchte überall mit Streifenwagen. Aber sie befuhr keine Feldwege. Zu holprig. Mit dem Fahrrad ging es aber.
Nach gelungener Flucht landete Martin in seiner Fantasie dann irgendwann in einem Wald oder Gebirge und dahinter lag ein Land, in dem es keine Polizei gab, keine rasenden, stinkenden Autos, keine überfüllten Städte und keine verschmutzten Bäche und Flüsse, ein Land, in dem er und seine Freunde frei leben konnten.
So sehr liebte Martin dieses Gedankenspiel, dass er auf seinen Radtouren ständig nach „Geheimwegen“ Ausschau hielt. Der Weg neben dem Bahnbetriebswerk gehörte zu einem Geheimweg, der von Bexbach bis nach Homburg führte. Wenn Martin im Sommer mit dem Rad zum Johanneum fuhr, um das Geld für die Wochenkarte zu sparen, benutzte er fast immer die verschiedensten Wege abseits der stark befahrenen Autostraßen, auch wenn das Umwege bedeutete. Wie groß die Umwege waren, wusste Martin nicht. Sein Fahrrad hatte keinen Tacho mit Kilometerzähler, obwohl er sich einen solchen glühend wünschte, ebenso wie er von einem richtigen Fahrrad träumte, einem Herrenrad mit 26-Zoll-Laufrädern und einer Dreigangschaltung.
Sinnlos. Alles, was er besaß, war das schwere orangefarbene Klapprad mit den winzigen 20-Zoll-Rädchen, die wahre Schlaglochsuchmaschinen waren. Das Rad hatte keine Schaltung und keinen Tacho. Wenigstens einen Tacho hätte Martin gerne gehabt, so einen wie Peter, sein Freund aus der Ludwigstraße. Immer wieder bat er darum - zum Geburtstag und zu Weihnachten. Er bekam keinen.
„Unnötiger Scheißdreck!“, sagten seine Großeltern, wenn er damit ankam. „Lern du lieber für die Schule, anstatt unnütz mit dem Rad in der Gegend herumzufahren, du Faulenzer!“
Martin schaute zum Fenster hinaus. Er presste die Lippen zusammen. Einmal hatte er einen Kilometerzähler gehabt, keinen Lenkertacho mit Geschwindigkeitsanzeige und Tageskilometern und Gesamtkilometern, der von einer beweglichen Welle angetrieben wurde, die in die Vorderradnabe führte. Nur eines dieser mickrigen Kästchen, die man direkt am Ausfallende der Gabel anschraubte, wo der Kilometerzähler von den Speichen des Vorderrads angetrieben wurde. Sechs Mark neunzig hatte der kleine Zähler gekostet, ein kleines Vermögen für einen Jungen mit einer Mark Taschengeld in der Woche. Der Zähler hatte vier Stellen. Er ging bis 9999 Kilometer.
Seine Großeltern hatten getobt, als Martin damit ankam.
„Du gibst dein Geld nur für unnötigen Scheißdreck aus!“, hatte seine Großmutter geschrien, als er den Kilometerzähler montierte. „Tätst du mal mehr für die Schule lernen und im Haus mithelfen, du fauler Bock! So einen Dreck zu kaufen! Wenn ich dein Vater wäre, würde ich dich windelweich prügeln!“
Martin war der Meinung, dass er mehr als genug im Haushalt half mit Geschirr spülen und abtrocknen, Staub wischen, Staubsaugen, Wäsche aufhängen, Müll runterbringen, Mülleimer rausbringen, Auto waschen und täglich mindestens einmal zum Einkaufen geschickt werden. War das nicht genug? Nein! Auch noch Rinnstein kehren, bei einem Eckgrundstück mit hundert Metern Seitenlänge ziemlich viel Arbeit. Und die Gartenarbeit! Unkraut jäten jeden Samstagnachmittag, Rasenkanten schneiden, Rasen mähen, Gras zusammenrechen, den Küchengarten umgraben und alles, was sonst noch anfiel im und ums Haus.
Nein, das Radfahren durften sie ihm nicht nehmen.
Aber den Kilometerzähler! Der war keine Woche am Rad, da war er kaputt.
Völlig zerbrochen lag das kleine Plastikding auf dem Boden im Kellergang.
„Stell dein dämliches Fahrrad halt nicht mitten in den Weg!“, keifte die Großmutter. „Du bist selbst schuld, wenn das Dreckding abgebrochen ist!“
„Der Zähler war rechts montiert“, beschwerte sich Martin, „und das Rad stand so, dass er zur Wand zeigte! Es konnte überhaupt niemand beim Vorbeigehen dran hängen bleiben!“
„Halt dein dummes, vorlautes Maul, du falasierter Hund!“, schrie sein Großvater. „Natürlich ist jemand dran hängen geblieben! Wie immer: Du passt nie auf deine Sachen auf, du Arschloch! Du Idiot! Du blöder Depp!“
„Das Rad stand nicht verkehrt!“, rief Martin. „Jemand hat den Zähler mit Absicht kaputt gemacht!“
„Halts Maul, du Arschloch!“, schrie der Großvater und holte aus.
Martin war gerade zehn Jahre alt. Er duckte sich.
„Jedenfalls ist das unnötige Scheißding jetzt weg!“, stellte die Großmutter voller Genugtuung fest.
Martin schaute der Mutter seines Vaters ins Gesicht und erkannte gehässige Freude darin. Mit einem Mal wusste er ganz genau, dass die widerliche Frau seinen Kilometerzähler mit voller Absicht zerstört hatte.
Vor seinem inneren Auge sah er die Großmutter den Kellergang entlangwatscheln, eine fette Kröte voller Missgunst und Boshaftigkeit. Ein grimmiger Blick auf das Rad ihres Enkels. „Unnötiger Scheißdreck!“, murmelte sie. Dann riss sie das Rad von der Wand weg und trat außen an der Gabel mit Gewalt abwärts, auf den kleinen Zähler aus Plastik, und der zersplitterte in drei Dutzend Einzelteile.
Martin war klar, dass es sich genauso abgespielt hatte. Die Oma hatte seinen Kilometerzähler aus purer Gemeinheit kaputt getreten. Was noch ekelhafter war: Er las in den gehässigen Augen der Frau, dass sie auch einen neuen Kilometerzähler auf die gleiche Art und Weise zerstören würde. Aus purer Boshaftigkeit!
Für einen Moment schloss Martin die Augen, sperrte die Welt draußen vor den Fenstern des fahrenden Zuges aus. Bitterkeit, vermischt mit Hass und dem Gefühl völliger Hilflosigkeit schwappte wie eine Flutwelle über ihn hinweg. Seit er denken konnte, war er so behandelt worden.
Zuerst war es seine Mutter, die ihn in seiner Kindheit für das allerkleinste Vergehen halb tot geprügelt hatte. Dann, als sie ins Krankenhaus kam, übernahmen seine Großeltern und sein Vater ihre Rolle. Und neuerdings auch noch Moppel, die neue Frau im Haus. Mochten die Großeltern Moppel auch von ganzem Herzen hassen und die Frau hinter ihrem Rücken eine Hure nennen, die es nur auf das Haus ihres Sohnes abgesehen hatte. Wenn es darum ging, Martin fertigzumachen, hielten sie alle zusammen, Moppel, der Vater, Oma und Opa und Moppels widerlicher Sohn Walter. Und da waren noch die ungerechten Pater vom Johanneum und ER! ER, dem Martin täglich gegenübertreten musste.
 
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