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8 Seiten

Der Durchgang ins Königreich Bayern(8)

Romane/Serien · Fantastisches
Mittwoch! Endlich!
Martin war vor Ungeduld ganz zappelig. Würde der Durchgang in der Zaunlücke heute für ihn offen stehen? All seine Hoffnung, all sein Sehnen konzentrierten sich auf diese eine Sache. War die fremde Welt offen, war alles gut, selbst wenn er nur mittwochs dorthin gehen konnte. Martin hatte immer wieder nachgerechnet. Wenn er sofort nachdem er aus dem Bus ausstieg, den Durchgang benutzte, konnte er rund zwölf Stunden in der anderen Zeit verbringen. Das würde dicke reichen, ihn von seinem Leben im Hier und Jetzt abzulenken. War der Durchgang aber zu, dann war es vorbei.
„Perdu!“, flüsterte Martin. Er saß im Bus, der ihn vom Johanneum zum Bahnhof brachte. In der Schultasche hatte er eine weitere Silbermünze. Nicht dass er noch mehr Geld aus dem Land hinter der Zaunlücke benötigt hätte. Auch so war er dort reich. Doch der Gedanke, noch eine Münze in bayrische Taler und Kreuzer zu wechseln, gefiel ihm einfach. Es erschien ihm als gerechter Ausgleich für alle bisher im Leben erlittene Unbill.
Die Silbermünze hatte er aus seinem Versteck im alten Schrank im Keller geholt, wo er seine Münzen und die selbst geschriebenen Bücher aufbewahrte. Seine abscheuliche Großmutter hätte ihm das Zeug sonst womöglich weggeschmissen und seine Leute durften nicht wissen, dass er so viel Silber besaß. Das hätte sie misstrauisch gemacht. Von seinem kargen Taschengeld allein hätte sich Martin das nämlich nicht leisten können.
Wenn der Durchgang offen ist, werde ich als Erwachsener vielleicht auf immer dorthin gehen, dachte Martin bei sich. Bis dorthin sammle ich emsig Silbermünzen und nehme sie dann mit, wenn es so weit ist. Dann bin ich ein gemachter Mann.
Der Gedanke hatte was. Quasi als Lottomillionär in die gute alte Zeit auswandern. Leider waren es noch schrecklich viele Jahre bis zu Martins Volljährigkeit.
Er hätte noch mehr Silber anhäufen können. Aber sein Vater strich ihm das Taschengeld für einen Monat, wenn er eine Note schlechter als eine Drei nach Hause brachte. Ein Vierer, und es herrschte einen Monat Ebbe in der Kasse. Bei Fünfen und Sechsen gab es zusätzlich Schläge und Gebrüll. Im vergangenen Jahr hatte der Vater weniger gebrüllt und geschlagen. Das lag daran, dass Martin die Klasse wiederholte, und weil er den Stoff bereits kannte, schrieb er bessere Noten.
Das zweite Schuljahr am Johanneum war dagegen ein Desaster gewesen. Da hatte es Vieren, Fünfen und sogar Sechsen gehagelt. Martins Leistungen waren nach dem Vorfall beim Wäldchen gegen Ende des ersten Schuljahres am Gymnasium schlagartig abgesackt.
Martin schüttelte den Kopf. Bloß nicht daran denken!
Denk lieber an das andere Land!, befahl er sich in Gedanken. Stell dir vor, von zu Hause abzuhauen und in der alten Zeit zu leben.
Auch das war eine geliebte Fantasie von Martin.
Martin seufzte. Früher konnten zwölfjährige Jungen von zu Hause ausbüxen und Schiffsjunge werden. Leider ging das nicht mehr.
Wenn ich wenigstens ein Zimmer hätte, wo niemand in meinen Schubladen herumspioniert!, dachte er voller Sehnsucht. Seine Großmutter war da ganz schlimm. Immerzu schnauste sie alles aus. Das war der Hauptgrund, warum Martin seine Schätze im Keller verstecken musste. Die Alte hätte ihm seine gesammelten Geschichten sonst längst weggeschmissen, einfach so, aus purer Dreckigkeit.
Der Bus hielt vorm Bahnhof. Martin stieg aus. Sein Herz begann vor Aufregung zu klopfen. Er versicherte sich, dass keiner der anderen Schüler auf ihn achtete, und lief zu dem kleinen Stückchen Ödland. Jetzt oder nie! Da war die Lücke im Zaun.
„Bitte!“, flüsterte Martin. Er zwängte sich durch die Brennnesseln und Brombeerranken.
„Nein!“ Martin schluckte hart. Er stand auf der anderen Seite des Zauns. Vor ihm lagen die Gleise. Gerade lief ein Zug von Rheinheim kommend im Bahnhof ein. Es waren zwei lange Silberlinge, gezogen von einer dunkelroten V 100. Der Motor der Diesellok brummte.
Martin rutschte das Herz in die Hose. „Ich komme nicht durch! Es ist verschlossen!“
Er kehrte um und versuchte es gleich noch einmal. Vergebens! Der Durchgang war fort. Da war nur noch eine stinknormale Zaunlücke, sonst nichts.
„Nein!“ Martin wimmerte. Es tat weh, so weh, dass er dachte, er müsse vor Schmerz verrückt werden. Es war aus! All seine Hoffnungen zerstoben. Er hockte sich ins Gras, verschränkte die Arme auf den Knien, legte den Kopf auf die Arme und begann zu weinen. Die Enttäuschung war zu schrecklich. Er hatte einen kurzen Blick auf eine heile Welt erhaschen dürfen. Nun war sie ihm verschlossen.
Weit hinten in seinem Kopf sprach eine leise Stimme: „Vielleicht ist die Lücke nur einmal im Monat offen?“ Martin glaubte es nicht. Er würde diese wunderbare Welt nie wieder sehen, genauso wenig wie das hübsche blonde Mädchen. Das tat weh. Die ganze Woche hatte er an sie gedacht, sich in Gedanken kleine Fantasiegeschichten vorgestellt, in denen sie einander kennenlernten und Freunde wurden. Von diesen Gedanken hatte er Herzklopfen bekommen. Er hatte das Mädchen sogar in seine neueste Fortsetzungsgeschichte eingebaut. Sie spielte im Wilden Westen und dort hieß das Mädchen Marietta. Sie war aus einem Waisenhaus ausgerissen und hatte sich dem Helden der Geschichte angeschlossen, der in Martins Alter war und wie Old Shatterhand die Weiten des Wilden Westens durchstreifte.
Martin schluchzte. Er würde das Mädchen nie mehr sehen. Es war grausam. Zuerst durfte er einen Blick auf die heile Welt hinter der Zaunlücke tun und dann schlug man ihm die Tür vor der Nase zu. Resignation legte sich wie ein grauer Mantel über ihn.
Die Geschichte, nahm er sich vor, würde er noch zu Ende schreiben und das handgebundene Büchlein zusammen mit dem Heft mit seinem Lebensbericht und den Münzen für die Nachwelt verstecken. Und dann sterben. Irgendwie. Er würde einen Weg finden.
Martin stand auf. Er räusperte sich und wischte sich die Augen.
„Was soll’s?! Drauf gepfiffen!“ Doch er konnte nicht darauf pfeifen. Er hatte sich so sehr auf die fremde Welt gefreut. Es tat schrecklich weh, sie nicht erreichen zu können. Er meinte, ein leises, gedämpftes Stampfen zu hören. Martin wandte sich ab. Das war die Konservenfabrik. Dort stampften Maschinen, die Gemüse in Dosen abfüllten.
„Was soll es!“, wisperte er. „Wenigstens kann ich meine zwei Freistunden ausnutzen. Die nimmt mir niemand.“
Er setzte sich in Bewegung. Das gedämpfte Stampfen war immer noch zu hören. Es schien sogar lauter zu werden. Martin hielt inne. Klang das nicht wie …? Er wirbelte herum und schaute den Durchgang an. Sah dann auf seine Armbanduhr, die er in der letzten Pause in der Schule extra noch mal nach der Schuluhr gestellt hatte: 12 Uhr 01. Was war, wenn der Durchgang sich erst genau zur Mittagsstunde öffnete? Zwölf Uhr mittags, eine Art Gegenstück zu Mitternacht. Geisterstunde am helllichten Tag.
Martin quetschte sich durch die Zaunlücke. Direkt vor ihm fuhr ein Zug vorbei, braune Waggons, gezogen von einer dunkelgrünen Dampflokomotive. Martin machte sich vor Erleichterung beinahe in die Hosen.
„Ich bin durch!“ Heißes Glücksgefühl brandete in seiner Brust auf. Ganz leicht wurde ihm zumute. Die Niedergeschlagenheit war schlagartig verflogen. 12 Uhr! Klar doch! Letzten Mittwoch war er noch beim Münzhändler gewesen. Dadurch war er nach 12 Uhr zu der Zaunlücke gekommen.
„Ich kann hinein! Danke, lieber Gott!“ Martin atmete tief ein und aus. Ihm war ganz schwummerig vor Erleichterung. Er würde die fremde Welt kennenlernen, sie erforschen. Er würde viele neue Dinge sehen. Er würde jede Woche eine Zeitreise machen. Er würde das umwerfend schöne Mädchen sehen. Bei dem Gedanken bekam Martin heiße Ohren und er fühlte ein süßes Rieseln in seiner Brust. Alles war gut. Selbstmord ade!
Doch das Berichtsheft seines Lebens würde er trotzdem schreiben, nahm er sich vor. Alles sollte niedergeschrieben werden, was ihm in seinem Leben widerfahren war, alle Niederträchtigkeiten, alle Brutalitäten, alle Betrügereien und die Diebstähle. Alles!
Doch zuerst wollte er sich eine Bratwurst kaufen. Sein Magen knurrte bei dem Gedanken. „Ich habe genug Geld für eine Wurst, und wenn ich noch was will, kann ich es auch kaufen.“ Martin schaute auf seine Armbanduhr. Sie lief ganz normal weiter. Nachher, wenn er wieder in seine Welt zurückkehrte, würde sie vorgehen.
„Verrückt!“, flüsterte er. „Wie kann etwas so laufen? Wie kann die Zeit an verschiedenen Orten verschieden schnell ablaufen?“ Und vor allem: Wenn das so war, war hier in diesem seltsamen Land in einer Woche „draußen“ vielleicht ein ganzes Jahr abgelaufen? Martin schluckte. Dann würde das schöne Mädchen innerhalb weniger Wochen zu einer erwachsenen Frau werden.
„Ich muss das überprüfen!“ Er ging zum Bahnhofsvorplatz. Am Zeitungskiosk betrachtete er die ausliegenden Blätter. „Mittwoch, den 29. April 1909“ stand über der Schlagzeile.
Letzte Woche war es der 22. April! Das weiß ich noch ganz genau. Martins Gehirn fühlte sich an, als wolle es in seinem Kopf Purzelbaum schlagen.
Wie kann das sein, dass die Zeit hier drinnen und draußen in meiner Welt genau gleich schnell abläuft, ich aber hier drinnen eine Stunde bleiben kann, während dann draußen nur ein paar Minuten vergehen? Ihm kam ein neuer Gedanke. „Draußen“ wurde irgendwie „gebremst“, wenn er in Bayern war.
Egal, dachte Martin. Hauptsache, ich kann mittwochs hierherkommen und einen halben Tag in der Vergangenheit verbringen.
Er war selig. Es war kurz nach 12 Uhr mittags. Wenn seine Berechnungen stimmten, konnte er mehr als zehn Stunden in der Vergangenheit verbringen.
Ich würde abends nach 21 Uhr fortgehen und bei uns drüben wäre es gerade mal halb zwei am Mittag, überlegte er. Der verführerische Duft frischer Bratwurst stieg ihm in die Nase. Erst mal futtere ich was!
Der Verkäufer erkannte Martin: „Ah, der junge Herr von letzter Woche. Euch hat meine Wurst also geschmeckt?“ Er zwinkerte Martin zu: „Schmeckt es besser als bei Euch zu Hause?“
„Das können Sie laut sagen“, erwiderte Martin fröhlich. Hier waren alle so nett und freundlich zu ihm. Er nahm die Bratwurst in Empfang und bezahlte. Zufrieden kauend überquerte er den Bahnhofsvorplatz. Er schlenderte Richtung Stadtmitte. Er nahm das lebendige Panorama in sich auf, die Pferdefuhrwerke und die altmodischen Fahrräder, die Leute in den ungewohnten Klamotten. Jedes Mal, wenn er Menschen grüßte, grüßte man freundlich zurück. Die Fahrräder betrachtete Martin besonders genau. Sie hatten dicke Ballonreifen und allesamt Trommelbremsen im Vorderrad. Martin fand die Farben der Räder herrlich. Nicht so grell wie in seiner Welt, kein giftiges Rot oder schreiendes Orange. Hier waren die Fahrräder alle in gedeckten Farben gehalten: bordeauxrot, braun, dunkelgrün, flaschengrün, schwarz. Oder sie hatten helle Pastelltöne.
Er kam an einem Fahrradgeschäft vorbei. Im Schaufenster lag ein Katalog. „Stakenbroks Radkatalog für das Jahr 1909“, lautete die Überschrift auf dem Deckblatt. Das versprach eine interessante Lektüre zu werden. Martin aß seine Wurst auf. Dann betrat er den Laden.
Der Inhaber verkaufte ihm den Katalog für drei Kreuzer. „Alles, was Ihr darin vorfindet, könnt Ihr bei uns erwerben, junger Herr“, sprach er freundlich.
Für Martin war es völlig ungewohnt, von einem Erwachsenen so nett und zuvorkommend behandelt zu werden. Fast schämte er sich vor dem Mann.
„Danke sehr“, sagte er, wobei er nicht verhindern konnte, dass Traurigkeit in seiner Stimme mitschwang. „Ich werde bestimmt viel Freude an dem Katalog haben, aber ich glaube nicht, dass ich mir ein Fahrrad kaufen kann.“
Das Lächeln des Mannes war gewinnend: „Es gibt Räder bereits ab fünfzehn Taler, junger Mann.“
Martin bezahlte, steckte den Katalog in seine Schultasche und ging. „Es ist, weil ich das Rad unmöglich mit nach Hause nehmen könnte“, sagte er im Fortgehen. Das würde nicht gehen. Unmöglich, ein nagelneues Herrenrad mit nach Bexbach zu nehmen. Wie sollte er das erklären? Doch hier im Königreich Bayern ein eigenes Rad zu besitzen musste der Himmel auf Erden sein auf diesen Straßen ohne jeden Autoverkehr. Martin seufzte. Es sollte halt nicht sein.
Als er die Tür des Ladens öffnete, um zu gehen, sagte der Besitzer etwas, das Martin elektrisierte: „Ihr könntet gleich nebenan einen günstigen Stellplatz für Euer Fahrrad mieten.“
Martin fuhr herum.
Der Mann lächelte freundlich: „Festes, regendichtes Dach. Dem guten Stück würde nichts passieren.“
„Ich … ich …“ Martin geriet ins Stottern. „Das wäre möglich?“
„Aber ja“, bestätigte der Ladeninhaber. Er zwinkerte Martin fröhlich zu: „Recht praktisch für einen jungen Herrn wie Euch. Ihr könntet Euer Rad bei uns im Lande unterstellen und immer, wenn Ihr uns besucht, könnt Ihr nach Herzenslust damit durch die Gegend reisen.“
Martin fühlte unbändige Freude in sich aufsteigen. Ab fünfzehn Taler. Für eine oder zwei Silbermünzen bekäme er ein absolut fantastisches Rad, eins mit großen 26-Zoll-Laufrädern und echter Gangschaltung und mit einem Kilometerzähler!
„Ich suche mir eins im Katalog aus“, sagte Martin. „Nächste Woche komme ich wieder her. Wie lange dauert denn eine Radbestellung, falls mein Wunschrad nicht da ist?“
„Das würde etwa sieben Tage in Anspruch nehmen, junger Herr. Auf keinen Fall länger. Doch unsere Auswahl ist sehr groß, wie Ihr seht.“
„Auf Wiedersehen“, rief Martin und verließ den Laden.
„Adieu“, rief der Ladenbesitzer ihm hinterher. „Bis nächsten Mittwoch.“
Martin lief wie auf Wolken durch die Straßen. Ein eigenes Fahrrad! Ein richtiges Herrenrad, nicht so eine Krücke von Klapprad! Und das hier, wo es die herrlichsten Straßen gab, ohne jeglichen Autoverkehr.
Ich muss mehr Silbermünzen mitbringen, nahm er sich vor, als er die Bayerische Landbank betrat und seine Münze in Taler tauschte. Danach schlenderte er weiter.
Er kam an einem Geschäft mit Bürowaren vorbei. Kurz entschlossen trat er ein. Schließlich brauchte er ein Heft für seinen Lebensbericht. Warum das komplette Schreibzeug nicht hier im Königreich Bayern kaufen, wo er ein reicher Krösus war? Eine freundliche Dame fragte nach seinen Wünschen und legte ihm geduldig vor, was ihn interessierte. Martin entschied sich für ein Reiseschreibset. In einem kleinen Lederkästchen fanden Federhalter, verschiedene Stahlfedern und ein Gläschen Tinte Platz. Dazu kaufte er ein extradickes Schreibheft im Format DIN-A5. Für seine Fortsetzungsgeschichten kaufte er lose DIN-A5-Blätter aus feinem Werkdruckpapier. Einmal gefaltet, würde jedes DIN-A5-Blatt vier Seiten im Format DIN-A6 ergeben. So ausgerüstet marschierte er zum Bahnhof zurück.
Aus Neugier machte er einen Umweg durch ein Wohnviertel. Abseits der Hauptstraßen gab es nicht überall Kopfsteinpflaster. Viele Straßen waren im Naturzustand belassen. Rechts und links standen kleine Häuschen aus Sandstein oder aus roten Ziegelsteinen gemauert. Zu jedem Haus gehörte ein ausgedehnter Bauerngarten. Etliche der Häuser waren bunt angestrichen. Alles war farbenfroh, auch die Fensterläden. Manchmal sah Martin einige frei laufende Hühner in den Gärten. Auf der Straße lief ihm ein Hund entgegen. Er wedelte freundlich mit dem Schwanz.
Bei uns gäbe es das nicht, dachte Martin. Wegen der Autos. Was für eine schöne Welt. Hier wäre ich gerne aufgewachsen.
An einer Kreuzung spielten ein paar Kinder. Sie trugen einfache Kleidung aus robustem Stoff, der man ansah, dass sie selbst gemacht war, und sie gingen barfuß.
Als er wieder in eine der breiteren Hauptstraßen einbog, schnaufte ein Auto an ihm vorbei. Martin starrte das Ding an. Es war ein altmodisches Schnauferl, ein Oldtimer, der mehr wie eine Kutsche ohne Pferde aussah. Was ihn jedoch am meisten beeindruckte, war der Umstand, dass das Fahrzeug nicht laut knatterte. Stattdessen schnaufte es leise und aus seinem Auspuff am Heck entwich Dampf.
„Ein Dampfauto!“, flüsterte Martin. „So ein Ding, wie es sie früher mal gab. Wie ein Stanley Steamer!“
Als zu Kaisers Zeiten die ersten Automobile auf Deutschlands Straßen fuhren, wurden beileibe nicht alle von Benzinmotoren angetrieben. Es gab Elektromobile und etliche Autos wurden von Dampfmaschinen angetrieben. Die Kessel unter der Motorhaube wurden von Paraffinbrennern geheizt. Genau solch ein Unikum fuhr die Straße hinunter. Als er Martin passierte, winkte ihm der Fahrer freundlich zu. Martin winkte zurück.
Dann lief er weiter zum Bahnhof, wo er das hübsche Mädchen treffen wollte. Er schaute auf seine Armbanduhr. 12 Uhr 46. Wann fuhr eigentlich ihr Zug ab? Er wusste es nicht. Das hatte er sich nicht gemerkt. In der Bahnhofshalle hing eine große Tafel an der Wand, auf der die Abfahrtszeiten mit Kreide aufgeschrieben waren.
„Nach Saarbrücken-Nassau: 12 Uhr 48“.
„Ach du grüne Neune!“ Martin rannte nach draußen auf Gleis 1. Der Zug fuhr gerade los. Die Lokomotive fauchte und zischte. Die großen roten Treibräder setzten sich in Bewegung. „Ist das überhaupt der richtige Zug?“
Er war es. Das Mädchen schaute aus einem der Waggonfenster. Für einen kurzen Moment trafen sich ihre Blicke. Sie sahen sich an. Dann war der Zug zu weit weg und Martin verlor das Mädchen aus den Augen.
„Oh, Mist!“ Martin war enttäuscht und glücklich zugleich. Sie hatte nach ihm geschaut. Da war er sich ganz sicher. „12 Uhr 48, das muss ich mir unbedingt merken.“
Er setzte sich auf eine freie Bank und holte den Fahrradkatalog hervor. Seine neue Flamme war fort, war ihm vor der Nase davongefahren. Gut, suchte er sich eben sein Fahrrad aus. Der Katalog war in Schwarz-Weiß gedruckt. Es gab unglaublich viel darin zu entdecken. Die Räder hatten allesamt Nabenschaltungen, doch im Gegensatz zu Martins Welt, wo es nur die Torpedo-3-Gang-Schaltung von Sachs gab, hatte er in Bayern die Wahl zwischen Naben mit 3, 5, 7 oder 9 Gängen.
„Neun Gänge! Das will ich haben!“ murmelte er. „Und Trommelbremsen vorn und hinten. Keinen dämlichen Rücktritt. Er blätterte zu den Reifen. Die waren allesamt breit, richtige Ballonreifen eben. Es gab Schnelllaufreifen, Profilreifen, Stollenreifen für Schnee und Gebirge und „Extra pannensichere Reifen für den gehobenen Tourenfahrer“ mit einer dicken Kautschukeinlage gegen Durchstiche geschützt.
Und erst die Lampen! Von einfachen Kerzenlaternen über Öllampen bis zu teuren Acetylenlaternen gab es alles, was das Radlerherz begehrte. Als Neuheit wurden elektrische Dynamolampen angepriesen. Der Dynamo lief nicht als Reibrolle an der Reifenflanke, sondern er war zusammen mit einer speziellen Trommelbremse in die Vorderradnabe integriert.
Martin begann der Kopf zu rauchen. Er konnte die vielen Informationen, die auf ihn einstürmten, nicht mehr verarbeiten. Aber eines war ihm sonnenklar: Er konnte das alles kaufen. Was immer er wollte. Das war das Schönste daran.
Er klappte den Katalog zu und steckte ihn in seine Schultasche. Sein Blick fiel auf eine kleine Verkaufsbude auf dem Bahnsteig. Ein Schild verhieß hungrigen und durstigen Reisenden Labsal. Martin kaufte sich ein Stück Nusskuchen und eine Limonade.
Verhungern werde ich hier nicht, dachte er belustigt.
 
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