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18 Seiten

Macht und Wahrheit 1. Band - 11.Kapitel

Romane/Serien · Spannendes
© Palifin
Grau und ruhig lag die Ronganische See. Raito hatte gerade die kleine Fracht in sein Boot verladen. Der Fischer sah erschöpft aus, seine Arme und sein ganzer Körper wirkten hager. Die Hände waren rau und rissig von der vielen Arbeit. Er blickte zum Himmel und kniff die faltigen Augenlider ein wenig zusammen. Zu ruhig, viel zu ruhig erschien ihm heute die See.
Er dachte zurück. Damals, da hatte SIE alle gewarnt! SIE hatte es geahnt und vorausgesagt, dass eine große Flut kommen würde, aber niemand hatte sie ernst genommen und auch er hatte nur über sie gelacht.
War nun doch jener Tag gekommen, an welchem sich ihre Vorhersage bewahrheiten würde?
Die Stille, diese seltsame Stille wirkte beklemmend auf ihn. Kein Vogel flog. Der Himmel war fast so grau wie das Meer. Ein gelblicher Streifen am Horizont ließ die Sonne vermuten. Das Meer schien zu schlafen. Es sah aus wie ein riesiger Spiegel. Geheimnisvoll darin wirkten außerdem die vielen kleinen silbrig glänzenden Kräuselwellen.
Was hatte SIE doch gleich gesagt? Flüchtet weit ins Land hinein. Er strich sich nachdenklich das sonnengebleichte, salzverkrustete Haar aus dem Gesicht. Das hatte niemand von ihnen getan, doch plötzlich hatte er sich entschlossen. Er musste zumindest von hier wegkommen, so schnell wie möglich das kleinste Lüftchen ausnutzen, um noch rechtzeitig ans Ufer zu gelangen, denn er befand sich vielleicht bald in einem brodelnden Hexenkessel.
Schnell hisste er das Segel, doch schlaff hing es am Mast. „Absolute Flaute!“, brummelte er vor sich hin.
Er wartet also und die Zeit erschien ihm endlos. Endlich nach einer gefühlten Ewigkeit erhob sich ein angenehmes Lüftchen. Die Segel blähten sich sogar ein wenig und es ging vorwärts.
Geschickt lenkte er sein Boot, nutzte jeden Windhauch, denn immer noch quälte ihn diese merkwürdige Angst.
Mein Gott, er war bestimmt heute nur überarbeitet, denn er musste immer mehr leisten, nur damit seine Familie überleben konnte.
So viele Jahre war er nun schon hier entlang geschippert und eine wildfremde Frau, die noch dazu lediglich eine Barani war, konnte doch gar nichts wissen, über die verschiedenen Gesichter des Meeres. Es war seltsam, aber solch eine Angst hatte er noch nie bei sich erlebt. Dann war das wohl vielmehr ein innerer, anscheinend völlig unbegründeter Instinkt, der ihn so eilig vorwärtstrieb.
„Hallo Raito“, hörte er plötzlich eine raue Stimme aus der Ferne. Raito erkannte ihn nicht nur an der Stimme, auch schon an der grünen selbstgestrickten Mütze. Es war Breok, sein alter Gefährte, der da ganz gemütlich in seinem Kahn hockte. Die beiden halfen sich oft beim Fischen, immer wenn es nötig war. Aber Breok hatte wohl genug Fische gefangen. Nun wendete ihm dieser sein runzeliges Gesicht zu und lachte. Unter dem dichten Bart blitzten dabei krumme Zähne hervor. „Kein Schwätzchen mehr? Du hast es aber heute verdammt eilig nach Hause zu kommen.“
„Instinkt, mein Lieber, Instinkt!“
„Was faselst du da?“
„Ich meine“, brüllte Raito zu ihm hinüber, „dass mich ein unheimliches Gefühl, sagen wir mal, der Instinkt einer Seemöwe, zum Ufer treibt.“
„Du meinst, es gibt bald einen heftigen Sturm?“, rief Breok zurück.
„Mehr als das!“
„Was …echt jetzt? Die anderen sind doch noch auf dem Meer und fischen in aller Seelenruhe!“
„Kannst du sie warnen Breok? Du weißt, auf mich wartet eine große Familie.“
„Warnen?“ Breok wurde auf einmal kreidebleich, dann würgte er mühsam hervor: „Wer sagt mir, dass dein seltsamer Möweninstinkt richtig ist, du alter Albatros, hm?“
„Ich sage dir das!“, brüllte Raito.
Wortlos drehte der bärtige Blonde jetzt den Kahn. Schweißperlen standen ihm auf der Stirn. Raito kannte das Meer wie kein anderer. Und es verhielt sich heute wirklich merkwürdig. Er spähte blinzelnd zum Horizont. Braute sich da wirklich etwas zusammen? Plötzlich erhellte sich sein Gesicht. Waren da nicht in der Ferne ein paar schwarze Punkte, die sich ihm näherten? Langsam wurden sie größer. Er zählte zwei, vier, sechs Punkte und ganz weit hinten kam noch einer.
„Sie kommen, sie kommen!“, brüllte er hysterisch. Er hatte sich seine merkwürdige Mütze vom Kopf gezogen und schwenkte sie wild herum. „Raito, du Seemöwe, wir sind alle gerettet, hast du das gehört, du Federvieh!“
Doch als Breok sich umschaute, hatte sich sein Freund schon weit von ihm entfernt, sich auf das Eiligste zur Küste begeben. Breok schüttelte den Kopf. Raiko benahm sich wirklich etwas übertrieben. Lag es am Ende etwa daran, dass er doch so eine bisschen abergläubisch war und plötzlich den Worten der Wetterhexe glaubte, obwohl er am lautesten mitgelacht hatte? Raito konnte seinem hysterischen Gehabe einem wirklich Angst machen. Er setzte sich die Mütze in aller Ruhe wieder wieder auf. Dabei hatte es hier doch schon so oft Stürme gegeben, die sich ähnlich angezeigt hatten. Obwohl ihm das Ganze immer noch so ein bisschen unheimlich war, wollte er jetzt nicht eine derartige Eile an den Tag legen, um heim zu kommen.
Er sah noch einmal prüfend zum Horizont. Ja, da kamen sie, sieben kleine Fischerboote, die gelben ausgebleichten Segel im Wind, fuhren sie Richtung Küste und direkt auf ihn zu.
Er wendete. Der Wind hatte zugenommen. Hoffentlich gelang es den anderen auch noch rechtzeitig heim zu kommen, denn schön war ja so ein Sturm nie.
Als er schließlich mit seinem Boot knirschend auf das Ufer lief, hatte Raito schon längst das seinige über den steinigen, grauen Sand gezogen und an einem Pfosten, den sie eigens dafür in Schlamm und Wasser geschlagen hatten, vertäut. Er war gerade dabei die Fische in Körbe zu packen.
Der Wind wurde leider stärker, als auch Breok sein Boot über den Kies zog und an einem ebensolchen Pfosten festsurrte. Die Wellen wurden höher und schoben sich diesmal weiter ins Land als sonst. Sie schäumten schließlich um seine barfen Füße und bis hin zu den Stäben, wo sie sonst immer ihre Netze zum Trocknen und Flicken spannten.

#


Marka machte sich indes Vorwürfe, dass sie so eigenmächtig gehandelt hatte, aber warum sollte sie nicht ihren Vater früher abholen als sonst? Sie war heimlich zum Stall gegangen und hatte das Mauleselchen herausgeführt, das die Körbe mit den Fischen tragen sollte. Sie hatte eigentlich alle Hausarbeit gemacht, während die Mutter mit den übrigen Geschwistern dem Großbauern bei der Arbeit half. Marka war die Jüngste, etwa sieben Jahre alt und der Bauer hatte heute keine Verwendung für sie gehabt. Noch einmal musterte sie prüfend ihre Kleider, sah sie auch ordentlich genug aus? Wenn die anderen Fischer kamen, wollte sie nicht wie ein schlampiges Mädchen wirken. Und die Haare, sie fühlte nach, waren auch zu zwei ordentlichen Zöpfen geflochten. Da konnte sie eigentlich ihren Weg fortsetzen. Warum sie heute so früh losging, wusste sie sich selbst nicht zu erklären. Wahrscheinlich war es der gelblichgraue Himmel und diese völlige Stille, die sie beunruhigten. Ihr Blick schweifte nun über das karge struppige Land. Es wirkte hier alles gelblich grau. Jetzt musste sie nur noch an jenem großen Hügel dort hinten vorbei, der auf der linken Seite lag, dann konnte man schon die Küste mit dem Wall sehen.
Und in diesem Moment fiel ihr alles wieder ein und es war ihr klar, weshalb sie diese merkwürdige Angst hatte. Dort oben auf dem Hügel hatte sie eine auffallend bunt gekleidete Frau klettern gesehen, die hatte wohl versucht die Spitze des kleinen Berges zu erreichen. Marka hatte das damals als unsinnig empfunden, denn weshalb wollte die Frau da hoch? Der Hügel war sehr steil, wenn sie abstürzte! Marka war darum zur Hilfe geeilt, doch am Fuße des Berges, hatte ein Herr mit einem großen Schlapphut gestanden, den er sich tief ins Gesicht gezogen hatte. Der Mann war elegant gekleidet gewesen und hatte unter dem Arm zwei große Krüge getragen. Er hatte in aller Seelenruhe der Frau bei ihren Kletterkünsten zugeschaut. Ärgerlich war Marka an ihm vorbeigelaufen, ohne noch einen weiteren Blick nach ihm zu werfen.
„Soll ich euch helfen?“, hatte sie der Frau zugerufen, die ihre üppigen krausen Haare, mit einem grellbunten Kopftuch zusammengehalten hatte „Ich kann gut klettern.“
Die Frau hatte daraufhin ihr Gesicht Marka zugewendet und gelächelt. Riesige Ohrringe klapperten zu beiden Seiten ihrer dunkelbrauen Wangen. „Danke mein Kind“, hatte die seltsame Frau gesagt, zwar mit einer etwas schrillen, jedoch auch sanften Stimme. „Du bist sehr aufmerksam. Ich komme aber schon alleine zurecht.“ Und dann hatte sie sich nach Marka vollends umgewendet und ihre Hand ausgestreckt. „Du bist anders als die Anderen!“, hatte sie leise gesagt. „Viele bunte Armbänder klirrten an ihren Handgelenken, als sie Markas Stirn berührte. „Marka!“, hatte sie schließlich gemurmelt, „du …ja DU wirst also die nächste sein!“
Marka war darüber so entsetzt gewesen, dass sie dadurch beinahe jenes Stück den Hügel wieder hinab gerollt wäre, das sie zuvor mühsam erklommen hatte. Als sie unten angekommen war und sich an dem Mann hatte vorbeischleichen wollen, hatte der plötzlich fest seine Hand auf ihre Schulter gelegt und mit seiner rauen Stimme geknurrt: „Seru- wan- ta -hoja!“
Sie hatte eine unerklärbare Angst davor gehabt, sich umzudrehen um dem Mann ins Gesicht zu sehen. Seine Hand hatte sie aber auch sofort losgelassen und Marka war schnellstens zu ihrem Maultier gelaufen, ohne sich umzuschauen.
Schnell bewegte sie sich nun von diesem Hügel fort, mit dem diese seltsame Erinnerung verknüpft war. Ach, wenn sie doch bloß schon bei ihrem Vater sein könnte. Sie hoffte inbrünstig, dass er auch da sein würde, wenn sie bei ihm ankam.
Ihre nackten Füße waren den rauen Kies gewohnt. Sie hatten eine Hornhaut und darum konnten sie auch hurtig über die vielen harten Steinchen flitzen. Auch die Hufe des Esels hoppelten geschickt über den rutschigen Kies.
„Vater!“, jubelte Marka wenig später erleichtert. Ein lauter Freudenschrei entrang sich ihrer Kehle und Markas dürre Kinderarme streckten sich nach ihm aus. Schon wirbelten ihre Füße in der Luft herum.
„Marka, meine kleine Marka!“, Raito schwenkte seine Tochter umher, doch dann stoppte er und blickte zum Himmel. „Wir müssen schnell machen!“, rief er besorgt. „Es gibt gleich ein Unwetter!“
Auch Breok war gerade dabei, seinen kleinen Fang in Körbe zu verfrachten, aber bei ihm fehlte derjenige, der ihn sonst immer abzuholen pflegte.
„Breok?“
„Ja, was ist Raito?“, rief Breok.
„Du kannst deine Körbe bei uns mit anhängen!“
„Sei bedankt, Sandmöwe.“ Breok kam mit den schwankenden Körben zu den Beiden herüber. Das ging, denn er wohnte in derselben Siedlung.
Der Vater strich seiner Tochter über das dichte braune Haar.
„Wie kommt es eigentlich, dass du heut so früh da bist Marka?“
„Der Himmel gefiel mir nicht und …und ….ich hatte Angst um dich. Du weißt doch die Hexe!“
„Ach, die nehmen wir doch nicht plötzlich ernst, Marka!“, murmelte der Vater leise und drückte seine Tochter zärtlich an sich. Dann flüsterte er ihr ins Ohr: „Es wird aber vielleicht etwas ungemütlicher als sonst werden. He, mit dem Wettergefühl kommst du ganz nach mir.“ Beide lachten. Sie schauten Breok dabei zu, wie der seine Körbe an dem Gurt des Maultiers befestigte. Marka streichelte dem Tier währenddessen den Hals. Sie hing sehr an Grufu, wie sie das Maultier nannte, vielleicht auch weil sie ihn ganz allein mit der Flasche aufgezogen hatte.
„Da kommen schon die anderen!“, rief der Vater erleichtert und blickte zum Meer.
Die können aber nicht auch noch ihre Körbe auf unseren Grufu laden, nicht wahr, Papa?“, entfuhr es Marka aufgeregt.
„Da hast du Recht! Breok du bist doch ohne Maultier schneller als wir.“
„Breok wusste, was jetzt gemeint war. Er sollte den Müttern, Freunden und Frauen der Seeleute Bescheid geben, dass sie früher zum Strand kommen sollten als sonst, um sie abzuholen. Als er über den Kies rannte, kam ihm eine der Frauen bereits entgegen. Ihr brauner Rock und die dunkelblaue Schürze wehten im Wind. Sie trug ein Kopftuch, das ihr rundliches Gesicht größtenteils verhüllte. Freundliche naive Augen blickten in die Ferne, aber sie hielten nur Ausschau nach Marka und Raito. Im Vorüberlaufen grüßte sie jedoch Breok freundlich, dann rannte sie auf die beiden zu.
„Fruka!“, rief Raito überrascht, „Warst du ebenfalls in Sorge und kommst, um nach mir zu schauen? Ja, es wird wohl ein bisschen gefährlicher werden als sonst!“
Seine Frau umarmte und küsste ihn. „Gefährlich? Nein, ich suchte eigentlich Marka. Sie war schon so früh weg!“, Fruka blickte nun doch etwas verärgert zu ihrer Tochter. „Aber nun war es wohl richtig?“
Er nickte, „Das Meer und der Himmel sehen seltsam aus.“ „Ach ja? Sieht das nicht immer so aus, wenn ein bisschen Sturm aufkommt? Woher weißt du denn und Marka …?“
„Instinkt, meine Liebe, Instinkt!“, erwiderte der Vater und tätschelte seiner Tochter den Kopf.
„Ihr und eure Instinkte!“ Fruka lachte die Beiden aus, dennoch bestand Raito darauf, dass sie sich schneller als sonst bewegen sollten. Marka zog in höchster Eile am Halfter ihres Maultiers, jedoch nicht, ohne sich noch einmal umzublicken. Da kamen auch schon die anderen Fischer, die wild gestikulierend einander etwas zuriefen.
„Meine Kameraden sind wohl ebenfalls Seemöwen!“, befand Raito zufrieden.
Nachdem sie den Damm hinter sich gelassen hatten, näherten die Drei sich wieder dem Hügel, mit welchem Marka noch ein weiteres unheimliches Erlebnis verband. Marka blickte wegen dieser Erinnerung nach oben. Dort auf der Spitze des kleinen Berges hatte damals Makimba die berühmte Wetterhexe gestanden. Ja, er war dieselbe Frau gewesen, der Marka noch am gleichen Tage hatte den Berg hinaufhelfen wollen. Nebel war nun rechts und links des Berges aufgestiegen und hatte die ungewöhnliche Gestalt zum Teil verhüllt. An jenem Tag war auch ein Dorffest gewesen und darum war entlang der Küste viel Volk unterwegs, die meisten davon hatten sich schließlich um den Hügel versammelt und zu Makimba nach oben geschaut, die dort mit ausgebreiteten Armen und wehendem Umhang stand . Vielen war diese Frau wohl schon bekannt gewesen, denn sie hatten immer wieder ihren Namen gerufen Makimba, Makimba, Makimba! Und sie hatten begeistert geklatscht und gerufen. Und dann hatte Makimba mit lauter kräftiger Stimme eine Rede gehalten und in dieser ganz genau geschildert , wann und auf welche Weise bald etwas sehr Schreckliches passieren würde. Die Fischer und auch die anderen die eigens wegen der Kirmes von weit her gekommen waren, hatten ihr nicht geglaubt und sie nur ausgelacht und Fidir, der den Hügel bereits zum Teil erklettert hatte, hatte schließlich jene Holzkeule nach ihr geworfen, mit welcher er sonst größere Fische totzuschlagen pflegte. „Stirb Hexe!“, hatte dabei gebrüllt und : „Tod allem Bösen!“
Ob er damals Makimba getroffen hatte, wusste Marka bis heute noch nicht zu sagen. Doch wo sie einst gestanden hatte, war plötzlich nur Nebel zu sehen gewesen.
„Sie ist abgestürzt!“, hatte dann jemand aus der Reihe der Fischer gerufen.
„Die arme Frau!“, entfuhr es Marka nun laut. Warum hatte man damals keine Lust gehabt, auf der anderen Seite des Hügels im hohen Gestrüpp nach der womöglich Verletzten zu suchen?
„Was heißt hier arm?“, entrüstete sich nun Markas Mutter, „Denkst du etwa schon wieder an diese Hexe? Sie hat gewiss das unruhige Meer herbei geschworen.“
„Aber sie war keine Hexe!“, protestierte Marka. „Ich habe sie damals den Hügel hinauf klettern sehen. Hexen haben so etwas nicht nötig. Sie können sich doch hinaufzaubern.“
„Auch wenn das vielleicht keine Hexe war“, entgegnete Fruka. „ist sie bestimmt mit bösen Geistern verbunden gewesen.“
„So-oh? Woher weißt du, dass sie nur das Böse wollte? Vielleicht hatte sie vor, uns zu warnen? Ja, womöglich wollte sie uns sagen, wohin genau, wir uns sicherheitshalber erst einmal begeben sollten?“
„Ganz gewiss nicht!“, beharrte Fruka, „Sie ist eine böse Frau gewesen!“
„Warum?“
„Na, weil sie anders war als alle anderen. Diese Ohrringe und vielen Armreifen! Sie war eben anders als wir!“
Marka war mit dieser Antwort überhaupt nicht zufrieden. Aber sie hatte keine Zeit, um weiter zu streiten, denn nun kamen auch die Frauen und andere Helfer der Seeleute, um sie abzuholen. Ein erregtes Gemurmel verkündete nun die vorrangegangene Aufregung.
Indes wurde es immer windiger, doch man war ja an heftige Windböen gewöhnt. Dies würde zwar ein stärkerer Sturm als sonst werden, aber niemand von ihnen wollte jetzt seine Angst zeigen.
Außerdem war man schon weit genug entfernt vom Damm und vom Meer. Lediglich der besonders abergläubische Fidir wurde laut.
„Makimba hat uns verflucht!“, stieß er gepresst hervor. „Seht ihr wie düster der Himmel jetzt geworden ist?“
Raito nickte, der Himmel war jetzt nicht nur grau, er war zum Teil bereits schwarz wie die Nacht. Das Ganze sah wirklich schlimm aus. Konnte es womöglich richtig gefährlich für sie alle werden? Hatte die Hexe Recht?“
Mara erkannte mit klopfendem Herzen ebenfalls, was sich da anbahnen wollte. Makimba hatte ihnen damals nicht Angst machen wollen. Ganz im Gegenteil hatte sie nur helfen wollen. Die Staudämme waren nicht in Ordnung, das wusste hier jedes Kind. Aber der Küstenvogt hatte keinerlei Anordnungen für Ausbesserungen erteilen lassen. Er wollte lieber die Abgaben seiner Fischer, den Erlös, wenn sie ihren Fang auf den Märkten verkauften, auf seinem Tisch liegen haben, als Pläne für einen besseren Damm.
„Was ist, wenn der Deich bricht?“, fragte Marka, als sie endlich zu Hause waren.
„Mein Gott, Marka, du kleine Schnatterente,“ seufzte Fruka genervt, frage nicht so viel! Führe lieber endlich Grufu in den Stall!“
„Und wenn der da ersäuft?“
„Blah… blah… blah!“, machte Fruka ihre Tochter in affektierter Tonlage nach. „Warum sollte er dort ersäufen, Schätzchen? Unsere Hütte ist genauso ebenerdig, wie dieser Stall. Wir ersäufen also dann auch! Hahaha!“
„Ich weiß nicht, Fruka, ein bisschen ernster könntest du unsere Tochter doch nehmen!“, versuchte Raito sein Kind zu verteidigen, während er die Körbe mit den Fischen draußen an der Tür abstellte. Drinnen hörte er seine übrigen Kinder miteinander herumtoben und so laut lachen, dass sie wohl gar nicht hörten, dass die Eltern heimgekommen waren.
„Wir hätten damals Makimba lieber hinter dem Hügel aufsuchen sollen, dort wo das Dünengewächs wuchert und wo es diese sonderbaren Büsche gibt. Dort ist sie bestimmt gelandet!“
„Du bist genau wie deine Tochter.“, schimpfte Fruka jetzt ziemlich laut mit ihm. „Wie kannst du nur so etwas Hirnrissiges ausquatschen. Die Kinder bekommen doch Angst!“ Sie nahm genau sieben der vielen kleinen Fische aus dem Korb, umso sie noch rasch zu kochen. „Aber Hauptsache der Herr sagt etwas … immer nur …reden…reden! Kannst du dir nicht denken, dass, wenn wir die Hexe aufgesucht hätten, sie uns erst recht verzaubert hätte?“
Nach einer überschwänglichen Begrüßung hatten sie alle, Raito, Fruka, Marka und drei ihrer Geschwister, um eine große Baumscheibe herum, die auf vier kleinen Baumstümpfen ruhte, Platz genommen. Die kleinen Fische waren schnell gegart, die paar Kartoffeln und das wenige Gemüse aus dem Garten bereits vorgekocht. Es stank in der Hütte nun noch mehr nach Fisch als sonst. Sehr gemütlich war der Tisch, an welchem schon die Großeltern gesessen hatten und kostbar, denn Holz gab es hier an der Küste nur wenig. Als Sitzgelegenheit dienten ihnen vier Fässer, in denen Raito sonst immer seine Heringe lagerte, über die man aber nun Bretter gelegt hatte. Der Boden der Hütte bestand aus festgetretener Erde. Wie gut, dass man weit ab von der Küste wohnte, nur in einer kleinen Siedlung, etwas entfernt vom großen Fischerdorf. Zwar war man deswegen ein wenig isoliert, aber der Boden hier war nicht so feucht. Marka kaute auf einer dicken Scheibe Brot herum. In der rechten Hand hielt sie einen Holzlöffel. Obwohl sie großen Hunger hatte, bekam sie die köstliche Fischsuppe nicht herunter.
Immer wieder ging ihr nämlich das Erlebnis mit der Hexe durch den Kopf. „Und wenn ich nun später vielleicht auch anders aussehen würde?“, fragte sie mitten in die gefräßige Stille hinein, in welcher nur das Klappern der Holzlöffel in den Näpfen und leises Schmatzen, Rülpsen und Schlürfen zu hören war.
„Wieso solltest du später anders aussehen?“, fragte Lura verwundert, die nur ein Jahr älter als Marka war.
„Na, sie meint wohl, dass sie später alt aussehen wird.“, versuchte der elfjährige Korin das Ganze verständlicher zu machen, und wischte sich mit dem Handrücken über die fettigen Lippen.
„Nein, also ich …“ Marka dachte scharf nach, wie sie das am besten formulieren könnte. „Wenn ich mich verändern würde, durch ein Unglück vielleicht, wenn mein Körper dadurch anders aussehen würde, würdet ihr mich dann noch liebhaben können, oder wäre euch das so peinlich, ja vielleicht sogar unheimlich, dass ihr mich schließlich mit einer Keule erschlagen und …“, Sie brach ab und weinte plötzlich herzzerreißend.
Alles lachte. „Die Marka ist ja vielleicht ein Kindskopf! Was die für Einfälle hat!“, meinte Dalke, Markas große Schwester.
„Wir gehen heute früher zu Bett“, ordnete jetzt die Mutter an und streichelte Marka über den Kopf, dann wandte sich an ihren Mann: „Das Erlebnis von damals war wohl zu viel für die Kleine. Es ist ja auch schlimm, dass es solche anders aussehenden bösen Menschen geben muss!“
Das war nun die letzte Antwort auf Markas Fragen, über die sie eigentlich schon den ganzen Heimweg nachgedacht hatte.
„Wo ist Balte?“, fragte die Mutter. „Er wollte doch jetzt kommen?“
„Nein, er ist unten im Fischerdorf und wollte heute bei seinem Freund übernachten.“, entgegnete Raito.
Wenig später hockte Marka, immer noch tief in Gedanken versunken auf dem Strohsack, der in einer Ecke der Hütte lag, rechts vom Herd, der eher eine gut mit Steinen abgesicherte und erhöhte Feuerstelle war. Auf dem Sack lag eine dicke graue Binsendecke, mit der man sich zudecken konnte. Nur Lura lag jetzt darunter, froh die Decke mal allein für sich zu haben, denn den großen langen Strohsack mussten die beiden Mädchen sich stets teilen. Die anderen beiden Kinder, waren schon groß und hatten deshalb jedes seinen eigenen Sack und eine eigene Decke zum Schlafen. Sie schliefen links an der Wand auf je einem Holzbrett.
„Nun leg dich schon hin.“, meinte ihre Mutter und das war eher ein Befehl als ein Vorschlag. Marka gehorchte, aber sie hatte die Augen noch immer geöffnet und lauschte. Der Wind hatte sich inzwischen in einen rasenden Sturm verwandelt und sauste nur so um die Hütte.
„Und wenn nun doch etwas Schlimmes passiert?“, wagte Marka trotzdem zu fragen, denn sie wandte sich an ihren Vater, der gerade die Tischplatte von den Baumstümpfen gehoben und auf den Boden gelegt hatte. Er antwortete jedoch seiner Tochter nicht und schaute nur Fruka dabei zu, wie sie nun den großen Strohsack über die Holzplatte ausbreitete. Nacheinander legten sich die Eltern auf diesen Sack, streckten sich dort gemütlich aus. Raito hatte sich sofort in die muffige Decke eingekuschelt, die er ebenfalls mit seiner Frau teilte.
„Papa, was sagt dein Instinkt?“, hakte Marka dennoch nach.
„Gar nichts, Kind!“, antwortete er endlich. „Wir sind in Sicherheit! Vom Meer sind wir weit weg. Hier ist schon seit Jahren nichts Nennenswertes passiert, soweit ich zurückdenken kann!“
Marka schlief beruhigt ein, doch sie träumte schlecht. Sie hörte ein Pfeifen und Brausen, überall bebte und bewegte es sich, um sie herum und unter ihr.
Marka befand sich auf dem Meer. Sie hielt sich an einer Holzlatte fest. Als das zu anstrengend wurde, kroch sie an dieser hinauf. Legte sich auf die Platte und begann mit den Armen vorwärts zu rudern. Sie befand sich ganz allein auf dem weiten Meer und hatte Angst…nichts als Angst! Es gurgelte und plätscherte um sie herum.
Plötzlich sah sie hinter sich eine dunkle Gestalt in einem Ruderboot sitzen. Es war der Mann, welcher damals mit den zwei Krügen unter den Armen am Fuße des Hügels gestanden hatte. Er hatte seinen großen Schlapphut immer noch tief ins Gesicht gezogen und der weite Mantel wehte an den Schultern. Man konnte nicht erkennen, wer oder was er eigentlich wirklich war. Genau das ließ die Gestalt so unheimlich wirken. Marka fürchtete sich sehr und ruderte deshalb immer schneller mit ihrem Brett, aber er folgte ihr mit dem Boot und beschleunigte ebenfalls sein Tempo.
„Nein!“, schrie Marka und wurde noch schneller.
„Du wirst die neue Hexe!“, rief er ihr hinterher.
„Nein, nein!“, schrie Marka. „Ich will keine Hexe sein!“
„Doch!“, brüllte er mit finsterer Stimme, „und gleich habe ich dich!“
Er hatte eine fürchterliche dröhnende Stimme, etwa wie ein Raubtier und schließlich glich sein Gebrüll dem Bersten eines Balkens.
Marka ruderte wie eine Wilde mit den Armen, doch er holte unbarmherzig auf. Immer näher und näher kam er und der Wind heulte. Jetzt erst merkte Marka, dass er schwarze Handschuhe trug und als sie unter seinen Hut blickte, entdeckte sie NICHTS, nur die Schwärze der Nacht. Das Blut wollte ihr in den Adern gefrieren, als das Wesen dann auch noch ihre Hand berührte, denn im selben Moment merkte Marka, dass ihr Handgelenk plötzlich viele bunte Armreifen trug. Ohrringe klapperten ebenfalls zu beiden Seiten ihres Gesichts.
„Nein, nein!“, schrie Marka, „Ich will nicht anders als die anderen sein.“
Da kamen die Fischer mit ihren Booten herbei und riefen: „Seht nur …seht hier gibt es eine neue Hexe!“
Marka ruderte mit beiden Armen nun so wild, dass es nur so plätscherte. Das Wasser spritzte ihr ins Gesicht und auf einmal sah sie nichts mehr. Um sie herum war tiefe Nacht. Sie ruderte noch immer, überall gurgelte und plätscherte es. Erst ganz allmählich fand sie sich zurecht und atmete erleichtert aus. Sie lag ja nur auf dem Strohsack unter der Decke und ihre Schwester schnarchte ihr wie immer laut ins Ohr. Aber nein, es war doch nicht alles in bester Ordnung. Um sie herum schwamm doch alles? Der Strohsack, auf dem sie lagen, befand sich zwar auf jenen Brettern, die sonst immer über die Heringsfässer gelegt wurden, um eine Sitzbank zu haben, doch wegen der Nachtkälte und der Feuchtigkeit, hatten alle ihre Säcke diesmal auf Bretter gelegt.
Der ganze Strohballen war nun samt der Bretter von der Wand abgetrieben. Eines der Bretter war gerade dabei gewesen, wegzuschwimmen und auf dem lag Marka, eingehüllt in die Decke. Lura hatte keine Decke und merkte es nicht einmal. Marka hatte tatsächlich die ganze Zeit im Wasser gerudert. Ihre Hände und Arme waren noch ganz nass. Auch ihr Gesicht war bespritzt.
In der Ferne war ein unglaubliches Brausen und Krachen zu hören und noch dazu die Stimmen bekannter Menschen, die ihre Verzweiflung und Angst oder auch Schmerz laut hinausschrien.
Gerade schwamm eines von Vaters guten Heringsfässern an Marka vorbei. Verschiedene Tonkrüge und Kannen schaukelten auch im Halbdunkel umher. Das Fenster erschien Marka heute viel zu tief am Boden zu sein und die Decke, das Dach der Hütte viel zu niedrig.
„Mutter!“, schrie Marka nun entsetzt.
„Was schreist du denn so!“, nuschelte Lura undeutlich, weil sie sich noch im Halbschlaf befand. „Eine Überschwemmung, wir schwimmen!“, kreischte Marka hysterisch. „Und unsere Bretter treiben auseinander!“
„Eine …was?“, Lura warf sich hektisch zur Seite. Im gleichen Moment kippte ihre Holzplanke samt Strohsack und Lura zischte kopfüber ins Wasser. Sie war zuerst so erschrocken, dass sie gar nicht schwamm und sofort abgluckerte.
„Lura, Lura!“, brüllte Marka. Sie klammerte sich angstvoll an ihre Holzplanke, die andere war schon ohne Strohsack und ohne Lura davon geschwommen. Prustend und spuckend tauchte Lura wieder auf. „Oh, wie ist das Wasser kalt und schmutzig!“, rief sie Zähne klappernd. „Wir müssen sofort die anderen wecken! Bloß wo sind sie?“, keuchte Lura. Ihre Blicke flogen durch die Dunkelheit. „Hier ist plötzlich alles so durcheinander. Hangele mal lieber nicht weiter nach unserem Strohsack, der versinkt ohnehin bald völlig und bleibe lieber auf deinem Brett, Marka!“
„Ja!“, jammerte Marka.
„Ich bin sowieso nass und werde weiterschwimmen, um die anderen zu suchen.“ Mit kräftigen Stößen schwamm Lura durch die gesamte Hütte, immer geschickt an den wenigen schwimmenden Habseligkeiten vorbei.
Wenn nur dieses Bersten und Krachen in den Wänden nicht wäre und in der Ferne dieses unheimliche Dröhnen. Marka lauschte, hörte noch immer die Menschen jammern und schreien und hielt tapfer das Gleichgewicht auf ihrem Brett. Waren Mutter, Vater und die Geschwister überhaupt noch da?
Ein seltsames Rauschen und Heulen in der Luft, war von draußen zu vernehmen und es knackte hier drinnen in allen Ecken, das Haus schien zu wackeln.
Da, endlich vernahm sie die leise Stimme Luras und dann die ihres Vaters. Er schimpfte plötzlich laut, brüllte den Schreck und seine Ohnmacht einfach aus sich hinaus und dazu passte die aufgeregte Tonlage der Mutter.
„Oh Raito, das ist ja entsetzlich!“, hörte Marka aus jener Ecke des Raumes, wo sonst immer die Gartengeräte abgestellt waren. „Es ist ja alles so furchtbar! So furchtbar! Gut, dass wir auf der Tischplatte geschlafen haben“, Die Mutter weinte schließlich.
Marka hörte das Wimmern und ihr Herz krampfte sich dabei zusammen. Sie spürte einen Klos im Hals und kämpfte ebenfalls mit den Tränen, denn es war ein schlimmes Zeichen, dass selbst ihre sonst so tapfere Mutter mit einem Male so hilflos war.
„Wer …werden wir ertrinken?“, schrie sie hinüber und das auch noch viel lauter, als sie es eigentlich vorgehabt hatte.
Lautes hektisches Stimmengemurmel aus einer anderen Ecke der Hütte verkündete ihr, dass ihre Geschwister längst wach waren und dass sich wohl auch jeder von ihnen an jene Bretter klammerten, welche die Eltern sonst immer zu einem Regal umgebaut hatten.
Es entstand eine unglaubliche Unruhe in der kleinen Hütte und draußen heulte immer weiter gespenstisch der Sturm.
Aber was war das? War nicht im Garten noch ein heftiges Jammern zu hören? Es schien die Stimme eines Tieres zu sein und die klang schon ganz heiser.
„Grufu!“, entfuhr es Marka entsetzt. Er ist ja noch im Stall eingesperrt. „Grufu!“, rief sie verzweifelt. „Wir müssen ihn retten!“
Keine Antwort kam auf diese Frage. Stattdessen beratschlagte man lautstark, was jetzt am besten zu tun wäre. Das Wasser in der Hütte stieg nämlich unaufhörlich.
„Wir können nicht mehr die Tür öffnen!“, brüllte der Vater schließlich. Ja, auch er war jetzt ungewöhnlich laut geworden.
„Und was machen wir jetzt?“, jammerte die Mutter.
„Nur die Nerven behalten, Frau!“ Raitos Stimme klang aber ganz nervös. „Wir können noch froh sein, dass wir nicht unten an der Küste sind.“, versuchte er trotzdem seine Angehörigen zu beruhigen. „Das hier sind nur die Ausläufer gewaltiger Wellen, die dort unten brodeln müssen. Es ist unvorstellbar! Ich habe noch nie so etwas erlebt.“
Eigentlich hatte er sie beruhigen wollen, aber das Gegenteil war wohl eher der Fall. Fruka starrte mit entsetzten, weit aufgerissen Augen ihren Mann an. „Aber Balte ist doch noch dort unten!“ Ihre Stimme zitterte und ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Er wollte doch heute Nacht bei Jark ….“
Raito versuchte nun so gut es ging, seinen Arm in dieser wackeligen Situation, um die nun laut schluchzende Frau neben sich zu legen und die Kinder auf ihren Brettern wurden ganz still.
Marka schluckte ihre Tränen herunter, denn sie dachte immerzu an ihr Eselchen.
„Wir dürfen uns jetzt nicht ablenken“, meinte der Vater schließlich und gab sich Mühe, mit möglichst fester Stimme weiterzusprechen. „Wir müssen jetzt nur noch daran denken, möglichst rasch den Fluten zu entkommen. Sonst ist es für uns alle zu spät. Seht, die Flut ist schon so weit gestiegen, dass wir nicht mehr trocken durchs Fenster kommen. Entweder wir tauchen da durch und klettern von da auf das Dach, aber dann sind wir total durchweicht und können erfrieren, denn wir haben keine trockenen Decken mehr, oder wir klettern von innen hoch, schlagen uns ein Loch ins Dach und klettern dann auf dieses hinauf.“
„Das wird besser sein, denn auf das Dach müssen wir.“, meinte Markas Bruder.
„Und Grufu?“, entfuhr es Marka trotzdem entsetzt.
Der Vater zuckte mit den Achseln.
„Hör`nur, wie er schreit, Vater!“, rief sie unter Tränen

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Das Meer es rauschte, rauschte mit unbarmherziger Macht. Menschen und Tiere trieben durch die Flut. Marka konnte vom Dach aus alles sehen. Sie fror dort oben im kalten Wind. Die einzige Decke, die sie aus der Flut retten konnten, hatte die Schwester bekommen, die schon die ganze Zeit im Wasser gewesen war. Lura klapperte dennoch mit den Zähnen. Marka konnte nicht aufhören auf die vielen Wassermassen zu starren, denn dort schwammen Menschen im grauen Morgenlicht, bei denen sie meinte, sie sehr gut zu kennen und man konnte niemandem helfen.
Da kamen zwei Kähne angefahren. Im vordersten saß der abergläubische Fidir. Er war kreidebleich. Das Entsetzen stand ihm im Gesicht geschrieben. Stumm hielt er vor ihnen an.
„Wir konnten einige Boote retten.“, meinte Breok im zweiten Kahn hinter ihm. „Doch die meisten sind an den Klippen zerschellt. Sämtliche Netze und Strohkörbe sind zerrissen und treiben irgendwo im Wasser. Es gibt kaum noch Hütten, die den gewaltigen Wellen standhalten konnten. Der heftige Sturm hat ein Übriges getan.
„Kommt, steigt endlich bei uns ein!“, meldete sich nun auch Fidir, der wohl ein wenig aus seiner Starre erwacht war. „Sonst stürzt eure Hütte ein, noch ehe ihr vom Dach hinuntergekommen seid.“
Tatsächlich geschah alles so, wie es Fidir vorausgesehen hatte. Die Hütte brach zusammen, kaum dass Markas Bruder als Letzter ins Boot geklettert war.
Im Stall bei Grufu war es still geworden und Marka wischte sich die Augen. „Lebe wohl mein treues Mauleselchen!“, krächzte sie.

„Weine nicht! Schlimmer ist es doch seine Freunde oder gar Familienmitglieder zu verlieren.“, meinte Breok, als er schon, auf der Suche nach trockenem Land, eine ganze Weile gerudert hatte. „Die meisten unserer Fischer und deren Familien sind ertrunken und fortgespült worden- einfach irgendwo hin.“
„Hast du auch verlor …hast du selbst….?“, Marka wagte nicht weiterzusprechen, denn er nickte nur und kämpfte mit den Tränen. Plötzlich dachte Marka an ihren Bruder und ihr Herz krampfte sich vor Schmerz zusammen. Während der ganzen Fahrt betete sie inständig, dass er das Ganze doch noch überlebt haben möge.
Eine Ewigkeit dauerte die Fahrt. Gritje die Frau vom Müller, konnte noch ins Boot gezogen werden. Einige Ziegen und vor allem Hühner trieben jetzt an ihnen vorbei.
Nein, Marka konnte nicht mehr weinen, so fertig war sie. In der Ferne sah sie den Hügel auf welchem die Hexe einst gestanden hatte. Er war kein Hügel mehr. Nur ein kleines Eiland lugte aus schäumenden Wellen hervor. Marka fror immer noch und schlief schließlich ein.

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Als sie erwachte, lagen sie alle in der Dorfkirche, die sich auf einem Berg befand. Marka endeckte ihre Schwester, direkt neben sich. Lura hatte Schweißperlen auf der Stirn. Sie fieberte. Die Decke hatte bei diesem Sturm wohl nicht ausgereicht und Lura hatte sich eine schwere Unterkühlung geholt. Marka strich ihr tröstend über den Arm, dann schaute sie sich langsam um.
Halb Ranedorf schien hier versammelt zu sein. Ranedorf hatte eigentlich schon so viele Einwohner, dass man es als Kleinstadt bezeichnen konnte und lag wesentlich höher als Markas winzige Siedlung.
Marka war entsetzt, konnte das Wasser etwa auch bis in diese Stadt hineingeflutet sein? Und da entdeckte sie auch den Großbauern, bei welchem ihre Familie bisher und sie selbst auch manchmal gearbeitet hatte. Um Jahre schien er älter geworden zu sein. Seine Lippen bebten, als er die Faust zum kleinen Glockenturm gerichtet hielt. „Der Graf von Alaxis ist schuld!“, schrie er seinen Zorn hinaus. Nie hatten wir Zeit unseren Damm auszubessern oder gar einen neuen höheren zu bauen. Ständig mussten wir für seine Sonderwünsche arbeiten und der Meier, dieses Schwein, ging stets brutal gegen uns vor. Nieder mit Ottman, nieder mit Konrath und nieder mit allem adeligen Gesocks!“
„Er hat Recht!“, tönte es jetzt von allen Seiten. „Es sollten Köpfe rollen!“
„Ja, lasst uns die Köpfe von Ottman, Konrath und auch von König Leopold holen und jenen der holden Prinzessin!“, tönte es von irgendwo aus dem Hintergrund.
„Aber, meine Lieben“, gemahnte sie der Abt mit Namen Ridesam, „vergesst nicht, dass ihr euch in einer Kirche befindet.“
Dennoch waren sie nicht zu halten, wurde einfach weiter geschimpft und herumgeschrien und dabei wurden auch leider geradezu abscheuliche Wünsche geäußert. Sie waren so schlimm, dass sich Marka die Ohren zuhalten musste. Die ganze Angst und Trauer wurde wohl nun in Hass und Wut umgewandelt, so lange bis sich sogar der abergläubische Fidir zu Worte meldete: „Nieder auch mit allen Hexen.“, brüllte der.
„Sie tragen in Wahrheit die meiste Schuld. So auch Makimba! Lasst die Hexen brennen!“
Mit einem Male war es völlig still in der kleinen Kirche.
„Makimba?“, meldete sich schließlich die Müllersfrau, als erste. „Das ist keine richtige Hexe! Sie warnt nur vor Katastrophen! Sonst ist sie eine großartige Frau!“
Und viele der Umstehenden stimmten ihr laut durcheinander schwatzend zu, jeder von ihnen schien etwas Gutes über sie berichten zu wollen.
„Ja, auch unsere Küstenbewohner wurden durch sie vor genau diesem Unwetter gewarnt!“, fuhr nun ein alter Mann an Stelle der Müllersfrau fort. „Manche hörten auf sie….“ Der hagere Kerl legte eine kleine Pause zwischen seinen Worten ein, „und die leben deshalb noch heute. So wie ich!“
„Ja, es ist Unsinn“, hörte man nun auch den Bürgermeister mit kräftiger Stimme, „alles auf Frauen zu schieben, die sich irgendwie geheimnisvoll gebärden. So modern sollten wir heute sein. Es ist die führende Schicht, welche die sogenannte Unterschicht immer wieder versklavt und ausbeutet. Ganz Ronganien leidet unter König Legold und seiner Tochter Alconia, die nichts anderes zu tun hat, als ständig vor dem Spiegel zu sitzen und ihre Zahnlücke zu bewundern.“
„Und ihre Knubbelnase!“, rief jemand hämisch aus der Menge.
„Aber sie liest auch Bücher!“, hörte man wieder einen der Geretteten.
„ …und WIR können nicht lesen!“, schrie aufgebracht einer der Fischer aus dem Hintergrund. „Weil uns das niemand beigebacht hat. Wir durften nie ein Buch in den Händen halten!“
„Aber arbeiten für einen Hungerlohn dürfen wir und das sogar bis tief in die Nacht hinein!“, brüllte wieder jemand.
Marka bekam erneut Angst. Diesmal nicht um sich selbst, auch nicht mehr um die Hexe, die man offenbar duldete, sondern eher um die Prinzessin, denn sie begriff nicht, weshalb es so schlimm sein sollte, Bücher zu lesen. Wurde man nicht dadurch sogar schlauer? Und alles was man mit Alconia, deswegen zur Strafe, anstellen wollte, war so schrecklich, dass sie sich schon wieder die Ohren zuhielt.
Als sie wieder die Hände senkte, hörte sie noch folgende Worte: „Sobald das Unwetter vorbei ist, lasst uns zu den Nachbarstädten und Dörfern gehen und zwar als geschlossener Zug. Wenn wir genug Leute geworden sind, nehmen wir uns den Meier Ottman und danach den Grafen von Alaxis und dann dessen Burg vor.“
„Ich bin auch dafür, dass mit sämtlichen Regierenden endlich mal ein Ende gemacht wird. Wir brauchen keine Führung. Es lebe die Freiheit- jawoll!“
„Auf die völlige Freiheit!“, tönte es nun von allen Seiten, „Ja, auf die Freiheit!“
Marka sah auf die vielen geballten hoch erhobenen Fäuste,
und es gab ihr einen Stich ins Herz, dass die Faust ihres Vaters, ihrer Mutter und auch sämtlicher Geschwister dabei war. Ihr Augen suchten in der Menge, nach Balte ihrem vermissten Bruder. War er unter den Anwesenden? Nein, er war nicht dabei. Plötzlich gingen ihre Gedanken weit zurück. Sie dachte daran, wie sie gerade mit Balte immer am Strand herumgetobt hatte und dann sah sie ihr Eselchen vor sich, hörte ihn schreien in seinem Stall. Es waren seine letzten Schreie! Tränen traten in ihre Augen und sie ballte ihre Kinderhände zu zwei festen kleinen Fäusten und hob sie ebenfalls in Höhe.


Fortsetzung folgt:
 
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