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10 Seiten

Dünger jederzeit willkommen

Schauriges · Kurzgeschichten
Dünger jederzeit willkommen

„Hast du es?“, fragte Vojtech leise. Er hielt die winzige Taschenlampe und leuchtete seinem Kumpan.
„Gleich“, flüsterte Roman. „Ist ein Sicherheitsschloss. Das dauert etwas länger.“
Vojtech grinste. Ein Sicherheitsschloss. Ein wahrhaftiges Sicherheitsschloss! Eines von den ganz sicheren welchen! Absolut sicher. So sicher wie das Amen in der Kirche. Vielleicht sogar noch sicherer. Er musste ein Lachen unterdrücken.
Sicherheitsschloss!
Da konnte man bloß den Kopf schütteln. Es war ein Witz. Aber so waren sie nun mal, die Leute. Oben hatten sie einbruchsichere Fenster mit verstärktem Rahmen, den man nicht aushebeln konnte, manchmal sogar mit dieser neumodischen Spezialfolie beklebt, so dass man keine Scheibe einschlagen konnte.
Sie hatten Fensterläden mit speziellen Verriegelungen und an jeder Tür innen einen schweren Verschlussriegel aus Stahl, der über die ganze Breite der Tür reichte und rechts und links mit schweren Halterungen gesichert war, so dass es nichts nutzte, das Türschloss aufzubrechen. Der Riegel hielt die Tür zu.
Der Schwachpunkt war immer der Keller. Es war immer das Gleiche. Die Kellertür war aus Stahlblech, ein richtig festes Teil, das man nicht aufbrechen konnte und meistens in Spezialangeln eingehängt, so dass man die Tür nicht mit dem Brecheisen aushebeln konnte.
Aber ausgerechnet an der Kellertür gab es nie diesen massiven Sperrriegel, der von innen vorgelegt wurde. Die Tür bestand schließlich aus bestem Stahl und sie hatte ein Sicherheitsschloss.
Wieder musste Vojtech ein Lachen unterdrücken. Ein Sicherheitsschloss! Die Dinger waren fast genauso leicht zu knacken wie ein normales Zylinderschloss. Es dauerte bloß ein bisschen länger.
Sein Blick fiel auf das Schild neben der Kellertür. Wieder schüttelte er den Kopf. Was sollte das bedeuten? Der Typ, der hier lebte, war plemplem, das stand für Vojtech fest. Er richtete den Strahl der kleinen Taschenlampe auf das Schild neben der Tür. DÜNGER JEDERZEIT WILLKOMMEN!, stand da in Großbuchstaben.
Wieder schüttelte Vojtech den Kopf. DÜNGER JEDERZEIT WILLKOMMEN! Was zum Teufel sollte das bedeuten?
Roman warf einen Blick auf das Schild. Er grinste Vojtech zu. „Der Kerl hat einen an der Waffel!“
„Ganz genau!“, raunte Vojtech. Er leuchtete wieder auf das Türschloss.
Roman arbeitete konzentriert. „Ich habe es gleich.“
Zwanzig Sekunden später war das Sicherheitsschloss überwunden. Eine von Romans leichtesten Übungen. Er drückte die Türklinke nieder und öffnete die Kellertür. Sie schwang lautlos auf.
Kein Sperrriegel. Hätte die Tür solche eine massive Sperre gehabt, hätte es nichts genutzt, das Schloss zu knacken. Der feste Riegel, der die Tür von innen sperrte, hätte es unmöglich gemacht, die Kellertür zu öffnen. Dann wären sie höchstens mit einem Schweißbrenner durchgekommen.
Doch es gab keinen Sperrriegel. Nur das dämliche Schild neben der Tür: DÜNGER JEDERZEIT WILLKOMMEN! Kopfschüttelnd folgte Vojtech seinem Kumpel.
Sehr unvorsichtig, lieber Hausbesitzer, dachte er, so weit draußen vorm Dorf keinen Sicherheitsriegel an der Kellertür zu haben. Da können Einbrecher dann leicht einsteigen. Vojtech grinste. Jetzt mussten sie nur noch den Zaster finden. Der war wahrscheinlich nicht in einem Tresor eingeschlossen sondern wartete in mehreren Münzalben darauf, mitgenommen zu werden.
Goldmünzen.
Der Hausbesitzer sammelte Goldmünzen. Das hatten sie bei der Vorab-Recherche herausgefunden. Man musste nur Augen und Ohren aufhalten. Der Typ, der hier wohnte, bekam alle naslang Goldmünzen per Post zugestellt.
Alleinstehend. Auch das hatten sie rausgefunden. Ein komischer Kauz, der für sich allein lebte und fast nie Besuch bekam. Ein Mann in den Vierzigern, der vor einigen Jahren einen hohen Lotteriegewinn gemacht hatte.
Hatte sich das alte Bauernhaus gekauft und top restauriert. Dann hatte er einen großen Garten angelegt und zog seitdem sein Gemüse selbst.
Vojtech verzog abschätzig das Gesicht. Wie blöd konnte einer sein? Hat Millionen auf der Bank und schuftet den lieben langen Tag im Garten. Was für ein Depp! Warum kauft er sein Gemüse nicht im Supermarkt, wo er doch mehr als genug Geld hat?
Wollte er sparen? Wozu? Der Blödian war Multimillionär. Aber der Idiot hatte ja auch das Geld für einen Sperrriegel an der Kellertür gespart.
Vojtech grinste. Er hätte ein anderes Schild neben die Kellertür hängen sollen, dachte er. Eines wo draufsteht: Einbrecher jederzeit willkommen!
Er grinste noch breiter und schlich hinter Roman her. Sie schritten durch einen langen Gang. Rechts und links befanden sich die einzelnen Kellerräume. Roman richtete die kleine Taschenlampe in jeden Raum. Es gab eine Waschküche mit zwei Waschmaschinen und einem Wäschetrockner, einen Heizungsraum und mehrere Lagerräume. In einem Raum erkannte Vojtech Plastiksäcke auf einem stabilen Regal. Es waren Säcke mit Dünger.
Dünger jederzeit willkommen!, dachte er und grinste. In diesem komischen Haus kam man aus dem Grinsen gar nicht mehr heraus.
„Was meinst du?“, flüsterte er. „Ob der Typ seine Goldmünzen wirklich im Keller aufbewahrt?“
„Scheint jedenfalls so“, antwortete Roman im gleichen Flüsterton. „Wir haben lange genug alles ausgespäht. Er geht dauernd in den Keller. Es muss hier irgendwo einen Raum geben, wo er das Zeug hortet. Wahrscheinlich abgesperrt.“
Vojtech grinste noch breiter. „Ja sicher doch. Eine Tür mit einem Sicherheitsschloss! Wirst sehen, Alter!“ Er hörte Roman leise kichern.
„Und wenn er die Münzen im Tresor hat, werden wir ihn befragen“, meinte Vojtech. „Wie den Alten im Nachbardorf. Das Haus liegt weit draußen. Keiner kann was hören, wenn wir unsere Fragen stellen.“
„Keiner“, bestätigte Roman. „Wir werden sehr leise fragen.“ Wieder kicherte er. „Die Antworten werden wohl lauter ausfallen. Das tun sie immer, was Alter?“
Jetzt kicherten sie beide.
Plötzlich erstarrte Roman. „Still!“, wisperte er.
Vojtech war alarmiert. Er blieb stehen und lauschte angestrengt.
Nichts.
„War was?“, flüsterte er. Er hatte die Taschenlampe ausgeschaltet. Sie standen im Dunkeln. Es war nichts zu hören, nur ihr unterdrücktes Atmen.
„Mir war, als hätte ich was gehört“, wisperte Roman. „Als wir gekichert haben. So ein Schaben. Ganz leise.“
„Ich höre nichts“, flüsterte Vojtech. „Absolut nichts. Vielleicht hast du etwas mit deiner Jacke gestreift? Hier im Gang sind Regale mit Werkzeug drauf und mit allem möglichen Zeug.“
„Es war nicht hier bei uns“, wisperte Roman. „Es kam von weiter vorne.“
„Dort ist die Kellertreppe. Sie führt nach oben in die Wohnräume. Wenn jemand von dort kommt, werden wir hören, wie die Tür geöffnet wird und er die Stufen herab kommt. Da war nichts, Roman! Deine Ohren haben dir einen Streich gespielt.“
Ein Schaben, überlegte er. Ein verstohlenes Geräusch. Als ob jemand im Keller wäre und sich leicht bewegt hätte. Aber sie waren allein im Keller. Wenn jemand herunter gekommen wäre, das hätten sie gehört. Ganz sicher.
Und wenn der Kerl schon im Keller war, als wir die Tür knackten?
Quatsch! Wie sollte das denn gehen? Kein Mensch lauerte jede Nacht bis zum frühen Morgen in seinem Keller auf Einbrecher.
Er gab Roman einen sanften Schubs. „Du hast dich verhört, Alter. Lass uns weitermachen.“
Roman schaltete seine Taschenlampe ein. Nach der totalen Finsternis erschien ihr Licht Vojtech sehr hell. Sie liefen weiter den Gang entlang. Vor ihnen tauchte die Kellertreppe auf. Direkt davor befand sich noch ein Kellerraum. Eine Tür verschloss diesen Raum.
Roman versuchte die Türklinke. Die Tür ließ sich problemlos öffnen. Es war nicht abgesperrt.
Dahinter befand sich ein gemütlich eingerichtetes Zimmer. Regale standen an den Wänden. Ein großer Schreibtisch mit bequemem Stuhl davor stand mitten auf einem Teppich.
Vojtech ließ den Blick über die Regale wandern. Es gab Bücher über Münzen, Münzkataloge und jede Menge Münzalben. Es mussten drei Dutzend oder mehr sein. Er trat zu dem Regal und zog ein Album heraus. Er legte es auf den Tisch und schlug es auf.
„Wow!“, flüsterte er. Goldmünzen! Dutzende davon.
Roman holte weitere Alben aus dem Regal. Auch sie enthielten Goldmünzen.
„Der Typ, dem das Haus gehört, ist echt bescheuert“, wisperte er. „Lässt das Zeug hier ungeschützt herumliegen. Es ist nicht mal in einem Tresor eingeschlossen.“
„Gut für uns“, flüsterte Vojtech. Ihm lief ein wohliger Schauer über den Rücken. Die Alben enthielten Gold im Wert von mehreren hunderttausend Euro. Sie hatten einen echten Glückstreffer gelandet.
Sie begannen, die Münzhüllen aus den Alben zu nehmen und in ihre Säcke zu verstauen. Sie arbeiteten leise und konzentriert.
Roman hielt mitten in der Bewegung inne. „Still!“
Vojtech erstarrte zu völliger Bewegungslosigkeit. Er lauschte angestrengt.
Roman brachte seinen Mund ganz nah an Vojtechs Ohr. „Ich habe wieder dieses leise Schaben gehört“, wisperte er.
„Vielleicht eine Ratte“, gab Vojtech ebenso leise zurück. Er wandte sich der Tür zu, um nachzusehen.
Im selben Moment fiel etwas von oben herab und schlug krachend auf dem Boden auf.
Roman fuhr herum. Der Schein seiner Minilampe drehte sich mit ihm. Er stieß gegen die Stuhllehne und die Lampe fiel ihm aus der Hand. Sie flog in hohem Bogen davon, prallte auf den Kellerboden direkt neben dem Teppich und rollte in einem Halbkreis aus dem Raum hinaus in den Kellergang.
Dabei beleuchtete sie ganz kurz etwas in der Dunkelheit. Ein Gitter. Ein massives Gitter. Es war von oben heruntergefallen und verschloss den Raum. Er und Vojtech waren in dem Kellerraum gefangen.
Vojtech erschrak. „Verdammt!“, flüsterte er. „Das war eine Falle!“
Sie saßen fest. Anscheinend war das Gitter durch einen Bewegungsmelder ausgelöst worden.
„Komm!“, wisperte er und gab Roman einen Schubs. „Sehen wir zu, dass wir das Gitter hochheben und dann verduften wir!“
Die Taschenlampe war unter dem Gitter hindurch in den Kellergang gerollt und lag seitlich neben dem Eingang des Raums. Sie konnten nur den Lichtkegel sehen. Die Lampe war außer Sicht gerollt.
„Wir müssen weg, ehe der Hausbesitzer kommt!“, flüsterte Vojtech drängend. „Wahrscheinlich hat das Fallgitter einen Alarm ausgelöst und der Kerl kommt gleich angedampft.“ Sie liefen zum Gitter.
Nichts wie weg!, dachte Vojtech. Er wollte hier raus und zwar schleunigst. Der Schreck saß ihm in den Knochen. Dieses Gitter. Oh Mann! Eine perfide Falle! Wer immer sich das ausgedacht hatte, war ein Mensch, mit dem nicht gut Kirschen essen war. Sie mussten zusehen, dass sie das verdammte Gitter hochhoben und sich davon machten.
Die Taschenlampe im Gang erlosch.
Vojtech erstarrte. Er und Roman standen in völliger Dunkelheit.
Er bekam eine Gänsehaut am ganzen Körper. Verdammt, das sah übel aus! Verflucht übel!
Er hörte ein leises Geräusch, eine Art sanftes Schaben. Draußen im Gang war jemand.
Fffffumpp!
Ein seltsam schleifender Ton, eine Art langgezogenes Ploppen.
Roman zischte auf. „Fuck! Etwas hat mich gestochen!“
Vojtech wich vom Gitter zurück. Er taumelte rückwärts in den Kellerraum, stieß gegen den Tisch und wäre beinahe hingefallen.
Dieses Geräusch! Er kannte es. Von früher. Als er ein kleiner Junge war, hatte er ein Blasrohr gehabt, mit dem man kleine Plastikpfeile mit einem Saugnapf vorne verschießen konnte. Die Pfeile blieben an Fensterscheiben und Möbelstücken haften.
Er hörte Roman stöhnen. Dann fiel etwas um.
Ffffumpp!
Etwas stach in Vojtechs Oberschenkel. Es tat gemein weh, wie der Stich einer Hornisse.
Er erinnerte sich an eine Doku im TV. Im Zoo musste ein Bär betäubt werden, um sein Gebiss zu untersuchen. Der Tierarzt schoss mit einem Blasrohr einen Betäubungspfeil auf das Tier ab, dass nach wenigen Sekunden zusammenbrach.
Betäubungspfeil!, dachte er. Jemand hat auf mich geschossen. Mit einem Blasrohr. Mit einem Betäu …
Dann war da nichts mehr. Nur noch Schwärze.

*

Vojtech kam langsam zu sich. Zuerst hörte er nur Geräusche. Ein leises Zischen: Swisch! Dann ein lauteres: Tschoff! Die Geräusche wiederholten sich: Swisch! Tschoff!
Bei Tschoff spürte er etwas in seinen Beinen, eine Erschütterung.
So ging es eine Weile. Swisch! Kurze Pause. Tschoff! Wieder von vorne: Swisch! Kurze Pause. Tschoff!
Vojtech versuchte die Augen zu öffnen. Er fühlte sich schrecklich müde und zu Tode erschöpft. Nur langsam bekam er seine Gedanken in die Reihe. Der Einbruch in den ungesicherten Keller. Der Raum mit den Goldmünzen. Das krachend herabfallende Gitter. Das Geräusch des Blasrohrs. Fffumpp! Der Einstich im Oberschenkel. Betäubung.
Vojtech wollte sich die Augen reiben. Es ging nicht. Er lag auf dem Rücken und seine Arme befanden sich unter seinem Körper. Dort tat es im Kreuz weh. Er lag auf etwas Hartem. Als er versuchte, seine Arme unter dem Körper hervorzuziehen, ging es nicht. Das Harte hielt seine Hände hinterm Rücken fest.
Handschellen! Ich trage Handschellen!
Als er die Beine bewegen wollte, spürte er auch an den Knöcheln hartes Metall.
Und da war noch etwas. Etwas steckte in Vojtechs Mund, ein Lappen oder ähnliches und er war mit einer Schnur, die um seinen Kopf herumlief, gesichert. Vojtech war geknebelt.
Derweil gingen die eintönigen Geräusche weiter. Swisch! Kurze Pause. Tschoff! Bei Tschoff gab es jedes Mal eine leichte Erschütterung in Vojtechs Beinen.
Vojtech bemühte sich mit aller Kraft, seine Augen zu öffnen. Es ging fast nicht. Er war völlig ausgepumpt, erschöpft, todmüde. Das kam wohl von dem Betäubungsmittel.
Swisch! Kurze Pause. Tschoff!
Vojtech kämpfte gegen die bleierne Schwere, die seinen Körper lahmlegte. Er riss die Augen auf. Er schaffte es.
Swisch! Kurze Pause. Tschoff!
Es musste früher Morgen sein. Es wurde gerade hell.
Swisch! Kurze Pause. Tschoff!
Mit Mühe konnte Vojtech seinen Blick scharf stellen. Er lag auf dem Rücken auf dem Boden. Über ihm stand ein Mann. Er hielt einen Holzstiel in der Hand und stach damit nach etwas, was außerhalb Vojtechs Sehfeld lag. Swisch!
Dann hob der Mann den Holzstecken an und schwenkte ihn in Richtung Vojtech. Er erkannte, dass es eine Schaufel war. Sie war mit Gartenerde beladen. Der Mann ließ die Erde auf Vojtechs Beine fallen. Tschoff.
Weiter ging es. Swisch! Kurze Pause. Tschoff!
Swisch war das Zischen, wenn die Schaufel in einen Sandhaufen fuhr und es machte Tschoff, wenn der Sand über Vojtech abgeladen wurde.
Vojtechs Blick wurde schärfer. Jetzt konnte er alles deutlich erkennen. Er sah, wie der Mann mit der Schaufel zustach, wie er sich drehte und eine Schaufel voller Gartenerde auf seinen Beinen ablud.
Vojtech schaute an sich herunter. Seine Beine waren nicht zu sehen. Sie waren mit Erde bedeckt. Er lag auch nicht auf dem Boden. Er lag in einer Grube.
Als er verstand, überkam ihn eisige Panik. Nein. Nein!
Swisch! Kurze Pause. Tschoff!
Vojtech lag nicht auf dem Boden. Vojtech lag in einer Grube. Vojtech lag in einem Grab! Er wurde bei lebendigem Leib begraben!
Seine Panik steigerte sich. Er wollte schreien, aber es ging nicht. Alles was er zustande brachte, war ein jämmerliches gedämpftes Brummen. „Mmmh! Bmmh!“
Der Mann schaute ihn an: „Oh, du bist wach. Wie schön!“ Dann schaufelte er weiter Erde auf Vojtech.
„Gmmh! Mmmh!“, machte Vojtech. Noch mehr Panik überkam ihn. Er hatte Angst wie noch nie in seinem Leben. Er hatte Todesangst. „Mmmh! Mmmmh!“
Der Mann hörte auf zu schaufeln. Er schaute Vojtech in die Augen: „Du wolltest also meine Goldmünzen stehlen, du Mistkerl! Fragst dich wohl, woher ich wusste, dass ihr zwei Galgenvögel in meinem Keller seid.“ Der Mann grinste: „Bewegungsmelder! Draußen an der Grundstückgrenze. Überall. Ganz spezielle welche! Bei einer Maus oder einem Igel lösen sie nicht aus, aber wenn was Großes wie ein Mensch eindringt, geben die Sensoren Alarm. Ich bin in den Keller runter und habe auf euch gewartet. Ich trug eine Infrarotbrille und eine Infrarotlampe. Damit kann man im Dunkeln sehen.
Ich habe euch gesehen und jedes Wort mitangehört, dass ihr von euch gegeben habt. Jedes einzelne Wort.“
Der Mann nahm seine Arbeit wieder auf. Swisch! Schaufel in den Sandhaufen stoßen. Kurze Pause. Tschoff! Sand auf Vojtech abladen.
„Mmbmm! Mmmmh!“, machte Vojtech. Eisiges Entsetzen überspülte ihn wie eine Flutwelle. Er war außer sich vor Angst.
Swisch! Kurze Pause. Tschoff!
Inzwischen war auch sein Oberkörper halb mit Erde bedeckt.
Wieder hielt der Mann inne. „Ja, ich habe euch zugehört“, meinte er. Er sprach, als ob er etwas über Salat anpflanzen oder Mohrrüben aussäen erklären würde. Er klang vollkommen gelassen. Aber in seinen Augen stand ein schreckliches Feuer. „Ich habe euch zugehört. Ihr habt ganz schön laut geflüstert.“
Der Mann beugte sich zu Vojtech hinunter: „Ihr seid also die Befrager. Die Schweine, die den alten Mann im Nachbarort grausam gefoltert haben, um an die Kombination seines Tresors zu kommen. Weißt du, dass der arme Mensch an den Folgen der Misshandlungen gestorben ist? Ich wette, das war dir völlig egal, du Dreckschwein! Du Mörder!“
„Mmmh! Bmm! Mmbmmmh!“, machte Vojtech. Er geriet vor Panik außer sich. Das war Roman! Es war Romans Idee, den Mann zu foltern! Ich habe damit nichts zu tun! Ehrlich!
Das wollte er schreien, aber aus seinem geknebelten Mund kam nur dieses erbärmliche Brummen.
Die Schaufel kam wieder in Bewegung. Swisch! Kurze Pause. Tschoff!
Nein! Nein!, wollte Vojtech schreien. Bitte tun Sie das nicht! Ich werde nie wieder irgendwo einbrechen! Ich verspreche es! Bitte lassen Sie mich frei! Gnade! Erbarmen! Bitte!
Die Schaufel schaufelte in stetem Takt. Swisch! Schaufel in den Haufen mit ausgehobener Gartenerde stecken. Kurze Pause. Tschoff! Gartenerde auf Vojtech schaufeln.
Swisch! Kurze Pause. Tschoff!
Vojtech war halb irre vor Panik. Er versuchte zu zappeln. Er zog und zerrte an den Handfesseln. Er versuchte, sich zu befreien. Es ging nicht. Er hatte nicht den Hauch einer Chance.
Swisch! Schaufel in den Erdhaufen stoßen. Kurze Pause. Tschoff! Erde auf Vojtech schaufeln.
Swisch! Kurze Pause. Tschoff!
„Ich werde dafür sorgen, dass ihr zwei Galgenvögel nie wieder jemanden befragen könnt“, sagte der Hausbesitzer.
Swisch! Kurze Pause. Tschoff!
„Habt ihr das Schild am Kellereingang nicht gelesen? DÜNGER JEDERZEIT WILLKOMMEN! Es ist genauso gemeint, wie es geschrieben steht. Ich kann Dünger immer brauchen. Dünger ist mir jederzeit willkommen.“
Swisch! Kurze Pause. Tschoff!
Der Mann machte eine Pause. Er lehnte sich auf den Stiel der Schaufel und schaute auf Vojtech hinunter, der inzwischen fast ganz mit Erde bedeckt war. Nur sein Kopf und die Schulter waren noch frei. „Dünger jederzeit willkommen.“ Der Mann grinste breit. Er zeigte auf einen Punkt außerhalb von Vojtechs Gesichtsfeld. „Da hinten bei den Bäumen liegt einer vom letzten Jahr. Den buddele ich nächste Woche aus. Dann ist alles Fleisch abgenagt. Die Würmer, verstehst du? Sie haben die Knochen blitzsauber gemacht. Ich hole mir die Knochen. Ich schaufele alles durch ein Sieb, das ich dort aufstelle. Damit nicht mal das allerkleinste Fingerknöchelchen verloren geht. Die Knochen mache ich mit einem Schredder klein und dann landen sie in einer elektrischen Mühle, die sie zu feinem Knochenmehl mahlt. Knochenmehl ist ein hervorragender Dünger für meinen Garten.“ Wieder grinste er Vojtech an. „Wie auf dem Schild an der Kellertür steht: DÜNGER JEDERZEIT WILLKOMMEN!“
„Mmh! Mmmmh!“, machte Vojtech.
Der Mann beugte sich über ihn. „Jetzt bist du an der Reihe, Freundchen. Du wirst zu gutem Dünger für mein Land werden.“
Er griff zur Schaufel und nahm seine Arbeit wieder auf. Er begrub Vojtech bei lebendigem Leibe.
Swisch! Kurze Pause. Tschoff!
„Mmh-Mmh! Mh-Mh-Mmmh!“, machte Vojtech. Er wollte sprechen, so dringend sprechen! Er wollte dem Mann sagen, dass er ihn freilassen sollte. Bitte-Bitte! Wenn Sie mich freilassen, werde ich nie wieder irgendwo einbrechen! Ehrlich! Bitte lassen Sie mich frei! Bitte-Bitte! Erbarmen! Gnade!
Swisch! Kurze Pause. Tschoff!
Schaufel auf Schaufel gute Gartenerde landete auf Vojtechs Oberkörper.
Swisch! Kurze Pause. Tschoff!
„Nicht! Bitte nicht!“, versuche Vojtech zu schreien. Er kam vor Angst schier um. Er hatte schreckliche Angst. „Mmmh! Mmmmmmmh!“
Der Hausbesitzer unterbrach seine Arbeit. Er schaute auf Vojtech hinunter.
„Mmmh!“, machte Vojtech. „Mmmh! Mmmmmh!“
„Du scheinst mir etwas sagen zu wollen“, meinte der Hausbesitzer.
„Mmmmh!“, machte Vojtech. „Mmmh! Mmh! Mmmmmh!“
Der Mann schüttelte den Kopf. „Ich verstehe kein Wort. Du nuschelst zu sehr. Du musst schon deutlicher sprechen. Ich kann dich nicht verstehen.“
„Mmmmmh!“, brüllte Vojtech in den Knebel. „Mmmmh! Mmh! Mmmh! Bmmmh!“ Lassen Sie mich frei! Bitte-bitte! Ich schwöre ich werde nie wieder etwas Schlechtes tun! Ich schwöre es beim Leben meiner Mutter! Bitte lassen Sie mich frei! Ich flehe Sie an! Um Gottes willen! Bitte! Biiiiitte!
Der Mann winkte ab. „Kein Wort kann ich verstehen. Na lass es halt! Ich habe keine Zeit, dir zuzuhören. Ich habe zu tun. Ich muss ja auch noch den anderen Idioten eingraben.“
Er fing wieder an zu schaufeln.
Swisch! Kurze Pause. Tschoff!
Swisch! Schaufel in den Erdhaufen stoßen. Kurze Pause. Tschoff! Eine Schaufel voll Erde auf Vojtech werfen. Inzwischen war sein ganzer Körper mit Erde bedeckt. Nur noch sein Gesicht lugte aus der Erde hervor.
Swisch! Kurze Pause. Tschoff!
„Nein! Nein! Oh Gott, nein!“, brüllte Vojtech. Er war von eisigem Entsetzen erfüllt. Er hätte alles, wirklich alles getan, um loszukommen. „Nein! Vergraben Sie mich nicht! Nein! Bitte nicht!“
„Mmmmh! Gnn! Mmmh! Mmmmmmmh!“
Swisch! Kurze Pause. Tschoff!
Schaufel um Schaufel.
„Neiiiiin!“, kreischte Vojtech.
Eine Ladung Erde traf sein Gesicht. Sand geriet in sein rechtes Auge. Es brannte wie Feuer. Er kniff das Auge zu. Noch eine Ladung Sand. Tschoff!
„Nein! Nein! Nein-nein-nein!“, heulte Vojtech, beziehungsweise, versuchte er zu heulen. Heraus kam nur ein erbärmliches leises Quäken, weil er geknebelt war. „Nein! Neiiiiin!“
Swisch! Kurze Pause. Tschoff!
Noch eine Ladung Erde. Vojtechs Gesicht war fast zur Gänze bedeckt. Nur noch sein linkes Auge war frei. Er kreischte vor Entsetzen. Er flehte den Hausbesitzer pausenlos um Gnade an.
Swisch! Kurze Pause. Tschoff!
Vojtech sah nichts mehr. Er war komplett mit Erde bedeckt. Er machte sich vor Angst in die Hose. Er pisste sich voll.
„Mmmh! Mmmrg!“, brummte er.
Swisch! Kurze Pause. Tschoff!
Noch mehr Erde auf seinem Gesicht. Immer mehr. Es hörte nicht auf.
Vojtech bekam kaum noch Luft. Vor seiner Nase befand sich ein kleiner Luftraum, eine winzige Blase in der Erde, aber mit jeder Schaufel voll Bodengrund wurde es weniger. Verzweifelt versuchte er, zu atmen. Sein linkes Nasenloch füllte sich mit Sand.
Nein! Nein! Nein-nein-nein! Bitte nicht! Bitte nicht! Bitte-bitte-bitte nicht!
Noch mehr Erde. Noch mehr Sand in seiner Nase. Vojtech atmete ein. Es ging nicht mehr. Er bekam keine Luft mehr. Überhaupt keine Luft mehr.
Seine Panik steigerte sich noch, falls dies möglich war. Er zitterte vor Todesangst. Er fühlte nichts als Angst und eisiges Entsetzen. Er erstickte qualvoll. Es war entsetzlich. Vojtech litt unvorstellbar.
Bis zuletzt versuchte er zu schreien. Der Knebel verhinderte es. Der Knebel machte ihn stumm. Die Erde auf seinem Gesicht erstickte ihn.
Ganz leise hörte er über sich das regelmäßige Geräusch: Swisch! Kurze Pause. Tschoff! Swisch! Kurze Pause. Tschoff!
Wieder pisste er sich die Hosen voll. Er versuchte, seine gefesselten Hände freizubekommen. Er versuchte zu atmen.
Ich bekomme keine Luft! Ich bekomme überhaupt keine Luft! Ich bekomme keine LUFT! Ich bekomme …
Vojtech starb. Er verreckte unter unendlichen Qualen, außer sich vor Entsetzen. Vojtech starb.
Das letzte, was er fühlte, war, wie die Würmer von allen Seiten langsam auf ihn zu krochen.

ENDE
 
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