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4 Seiten

Spiegelleid

Fantastisches · Kurzgeschichten · Experimentelles
Alicia stand vor ihrem Spiegel und sah sich an. Da war es wieder, dieses junge Gesicht, welches sie selbst als so abscheulich empfand, dessen ekelhafte Züge und Formen, beinahe genau so schlimm, wie die Konturen des Geistes in ihrem Inneren, dieses verzerrten Selbst, ihrer Seele. Ihres Verstandes, dessen Fleisch von den eigenen wilden Raubtieren in alle Richtungen gerissen würde... Wie lange sollte es noch dauern, bis sie den Kadaver ihrer Psyche verschlingen sollten? Schreiend brach sie zusammen und kniete schluchzend vor ihrer eigenen, furchtbaren Reflexion. Ihr wahres Bild konnte kein anderer sehen, sie alle wußten es nicht... Hatten nicht einmal eine Ahnung von dem, der sie wirklich war. Sie durften es nicht wissen... Silberne Tränen rannen Alicia über die blassen Wangen, doch sie wischte sie sogleich mit einer ruckartigen Geste wütend hinfort. Niemand durfte sie so sehen, nicht mal ihr eigenes Spiegelbild! Oh, wie sie doch wünschte, daß sie es so einfach hätte, wie diese Illusion. Nur sich den Strömen der Realität hinzugeben und all diesem Wahnsinn zu entgehen... Sich einfach der Leere zu ergeben und für immer in ihr zu versinken. Ja, das war es was sie wollte... Aber im selben Augenblick brach es wieder hervor: Nein, das konnte sie nicht und sie wußte auch gar nicht ob sie es wirklich wollte... Schluchzend fing sie an hysterisch zu lachen und ihr Verstand zog sich erneut in die schützenden Tiefen des Limbos zurück, hinter die Schutzwälle, wo sie niemand verletzten konnte, nicht einmal sie selbst. Doch schon im nächsten Moment begann sie urplötzlich sich bebend mit beiden Armen auf den Kopf zu schlagen. Ihre ganze Kraft legte sie in die hektischen Hiebe. Der Wunsch ihren Schädel einfach zu zerspalten und vielleicht auf diese Weise endlich in sein inneres, in die letzten Abgründe ihrer eigenen Seele blicken zu können...Doch sie wollte diese Gefühle doch auch gar nicht verlieren, in ihrer Zwischenwelt existierten sie neben der Leere wie Ying und Yang... Alles war ein aussichtsloser Kampf und Alicia hatte es schon immer ganz genau gewußt... Erneut wandte sie ihren stummen, trauernden Blick zum Spiegel und dachte darüber nach wie wundervoll es sein könnte, in seinem unendlichen Kosmos gefangen zu sein... Frei zu sein... Wie ein ängstliches Kind kam sie zögernd näher an dieses bizarre Gemälde ihrer Selbst heran... Wenn sie sich doch vereinen könnten... Wenn sie doch mit jener anderen Seite ihres Ichs endlich zu einem ganzen hätte verschmelzen können...Um sich selbst endlich zu finden, sich selbst zu erfüllen. Sich selbst... Suchend fuhr sie mit ihren zarten Händen über den Spiegel. Dieser verlockende Spiegel, von dem eine erotische Ausstrahlung auszugehen schien... Mit all ihren Sinnen wollte sie sich ihm hingeben, ganz und gar. Langsam tasteten ihre Finger über das kühle Glas und begannen hinter die schwammige Oberfläche der Wirklichkeit zu dringen. Als wäre es ein Traum schien Alicia durch diese Berührung in eine andere Welt ab zu tauchen... In eine andere Wahrheit... Die kalte Fläche des Spiegels, dennoch aber durchsetzt von einem unheimlichen Feuer, das tiefer lauerte als die Furchen des Glas, versetzten sie in eine Ekstase... Ihr Atem ging schwerer, die warme Luft beschlug mit feuchten Wölkchen den Spiegel. Zitternd vor Erregung schloß sie die Augen gab sich ganz dem Gefühl und dieser wohligen Schmerzen hin. In ihr erwachte etwas, was sie noch niemals zu vor gespürt hatte... Ja, sie konnte es fühlen, zum allerersten Mal in ihrem ganzen kümmerlichen Dasein! Wie besessen von dieser Lust ließ sie ihre Lippen sanft über das kristallene Glas des Spiegels gleiten. Und als ihre Zunge zärtlich das wunderbare Reich des Kristalls erkundete, da kam es ihr vor, als würde ein pulsierendes Leben in diesem Spiegel wohnen. Als würde ihre eigenes warmes Blut durch das kalte Glas fließen. Ihr Puls begann zu rasen, die Intensität ihrer Begierde nahm von Moment zu Moment zu. Ja, die Zeit des Erwachens, auf die sie schon ewig gewartet hatte, war endlich gekommen. Der zärtliche Kuß des Spiegels durchdrang sie plötzlich von Innen und ihr ganzer Körper, ihr ganzes Herz erbebte vor Spannung. Gleichzeitig voller Angst und voller Freude fühlte Alicia wie er sich näherte... Die Schmerzen, die Gefühle wurden unkontrollierbar und immer mehr geriet sie an den Angrund, es war kaum noch auszuhalten, aber es war so wunderschön, daß sie nicht davon lassen konnte. Immer unregelmäßiger atmend wuchs die Erregung in ihr, zitterte sie am ganzen Leib, denn sie wußte, daß er nun endlich in sie eingedrungen war. Daß er sie endlich in Besitz nehmen würde. In ihren Gedärmen konnte sie ihn fühlen, seine Präsenz war wie ein gigantischer Sturm, der ihre Gedanken zu unkenntlichen Partikeln zerriß. Verrückt vor wilder Lust fuhr sie geistesabwesend erneut mit den Händen über den Körper ihres Spiegelbildes und sie konnte ihrer eigene Berührung fühlen. Ja, nun konnte Alicia nur noch fühlen! In ihr begannen sich ihre Adern zu weiten, lächelnd spürte sie wie der Schmerz in ihr wanderte, jeden dunkelsten Winkel ihrer Seele in Besitz nahm und ihre Organe von innen zerfraß. Wie er gleich einem Wurm sich in ihr Gehirn setzte und mit tausend Stimmen gleichzeitig zu flüstern begann... An jeder Stelle ihrer Haut, in jeder Faser ihrer Seele führte sie seine süße Liebkosung. Dann konnte sie ihn endlich sehen, jetzt, wo sie schließlich völlig blind war. Seine roten feurigen Augen schienen sie aus ihrem inneren zu verbrennen. Aber sie gierte nach mehr, konnte nicht von ihm ablassen, seine Macht war unwiderstehlich. Oh nein, vor ihm konnte sie sich nicht verschließen, immer tiefer ließ sie seine verzückenden und doch zerstörerischen Flammen in ihr Innerstes lecken. Jeden Augenblick konnte die Grenze überschritten sein, die letzte kaum mehr sichtbare Linie, welche sie noch von ihm trennte. Schließlich ließ Alicia sich einfach fallen, ihr nackter Körper schwebte beinahe zu Boden, während ihre entblößte Seele im letzten Akt der absoluten Vereinigung jeglichen Willen zur selbständigen Existenz verlor... Keuchend stieß Alicia immer heftiger den Atem aus, wand sich übermannt von den Schmerzen, den Gefühlen auf dem Grund. Es geschah das, was sie sich schon immer gewünscht hatte... Ihr Schatz war aus dem Dunkel getreten und mit all seinem Glanz hatte er ihren eigenen Schatten durchdrungen, ihr das Licht gezeigt. Der Geist überschlug sich vor Ekstase, ihr Herz schlug schneller und schneller, als könnte es jeden Augenblick explodieren. Blut quoll aus ihren Augen und rann ihr über die zitternden Lippen, Geist und Körper bäumten sich ein letztes Mal auf. Alicia schrie vor schmerzvoller Befriedigung, sie hatte es endlich erfahren... Zum ersten und einzigen mal durfte sie sich selbst wirklich sehen... Bis auch ihr letzter Schrei verklang... Und ihr Körper urplötzlich in eine eisige Erstarrung verfiel. Stille...

Der Spiegel war in jener Kammer geblieben, ein schauriges Zeugnis dessen was geschehen war. Und er zeigte noch immer ohne die Regung jeglichen Gefühles das Bild von Alicia, die nun blutend am Boden ihren letzten Atemzug tat. Doch über der ganzen Reflexion schien ein Nebel zu liegen, fast unsichtbar thronte eine schwarze Silhouette über dem grausigen Gemälde. Und diese schweigende Signatur war noch viel schlimmer als das Werk des irren Künstlers selbst. Ein nebliges Gesicht, von den warmen Atemzügen des sterbenden Mädchens auf das Glas geprägt, starrte schweigend auf den Kadaver herab, aber es war nicht Mitleid, welches man in seinen kalten Augen lesen konnte. Jene feurigen Seen schienen sich vielmehr selbst aus dem leidenden Blut eines verzweifelten Menschen zu nähren. Und das blaue Haar des Dämons schien wie aus den Strängen einer verurteilten Seele gestohlen zu sein. Ja, nun waren Körper und Seele eins, das Mädchen hatte seinen Preis bezahlt... Gelassen lächelte das diabolische Wesen auf die Szenerie herab. Ließ langsam aus der Haut, dem Kristall des Spiegels seine zerbrechliche Gestalt dringen. Doch auch sein zartes Antlitz, verbarg dennoch nicht diese dämonischen Kräfte, welche hinter der Haut jenes Engels lauerten. Bedächtig kniete das Schattenwesen nieder und nahm den toten Körper der jungen Frau in seine Arme, hütete ihn wie einen wertvollen Fund darin... Die Worte die aus seinem Mund kamen, klangen wie ein Fluch: "Ich liebe dich auch, mein Schatz." Sein irres Lachen erschütterte den Raum, als er sich kraftvoll zum berstenden Spiegel umwand, dessen Scherben durch den Himmel zu schneiden schienen... Während die Engel weinend auf den Splittern seinen Namen lasen... Janus...
 
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Kommentare  

Eine Geschichte die tief blicken läßt und alle Zerrisenheit des Lebens und den Wunsch des Ganz-Seins mit heftigen Worten beschreibt. Da steckt viel Kraft und sehr viel schlechte Erfahrung hinter. Viel Mut zum (Weiter)Leben wünsche ich von Herzen.

altesbärchen (25.05.2004)

Eigentlich sehr intressant,aber Textmässig schwer verdaulich.
Die Geschichte wäre mit etwas weniger schwülstigen Umschreibungen besser zu lesen.


Wolzenburg (12.04.2002)

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