Alltag I - von: Alice.

Aktuelles und Alltägliches · Kurzgeschichten

Von:    Alice

Erstveröffentlichung: 29. August 2001
Bei Webstories eingestellt: 29. August 2001
Anzahl gesehen: 3.345
Erhaltene Punkte: 66
Seiten: 3

Sitze bei Mäcci. Meine Lieblingsecke ist von einer Horde türkischer Jugendlicher besetzt, Mädchen allesamt hübsch und schlank und mit Jennifer-Lopez-Ohrringen; Jungs in athletisch-lässiger Haltung, Pfund Gel in Haaren. Unglaubliche Reichhaltigkeit des Wortschatzes, aber sie sind alle schöne Menschen, hat leicht Nachsicht, wenn Sprache lediglich aus Fernsehwerbesprüchen besteht. Wie kann es auch anders sein, wenn Fernsehen erst das Bewußtsein ermöglicht?
Ich ziehe am Strohhalm. Cola Light, DAS Getränk (oder sollte ich besser sagen Grundnahrungsmitel?) der Menschen, für die die Waage die soziale Kompetenz des alten, guten Beichtvaters ersetzt hat. Cola Light, DIE Leberverarschung, Prost auf die kommende Zirrhose.

Tatsächlich schlecht gelaunt bin ich heute. Mein Arm fällt unkoordiniert vom grau gesprenkelten Tisch auf den Rucksack neben mir. Spüre durch den Stoff die Packung Coffeintabletten, trinke gierig mein kalorienreduziertes Getränk. (Weißt Du, lieber Leser, dass Süßstoff, wie er in Cola Light 90% der Trockenmasse ausmacht, ein Importprodukt aus der Tiermast ist?)
Die Tussi aus der Apotheke. Als ich „Grüß Gott“ ihr zuraunte, strahlte sie mir ein „Grüß Gott“ entgegen, aber ein solches, das jedem jedes Medikament ohne Gewissensbisse andrehen könnte. Doch ich fragte nach Koffeintabletten, was ja kein Medikament ist. Finsternis in ihrem Gesicht. Obwohl sie mir weiterhin ihre wunderschönen, sympathischen weißen Zähne zeigt, kann ihr Lächeln nicht mehr halten, was es verspricht. Sachlich fragte sie nach der Größe der Packung.
„So groß wie möglich,“ wollte ich sagen, aber nein, ich bin keine Heldin des Alltags. „Kommt darauf an, wie teuer die sind“, sagte meine verraucht krächzende Stimme. Sie geht zum entsprechenden Regal, blickt ihre Kollegin an. Ich habe die Bedeutung ihres Blickes nicht erfasst. Und wenn auch, so interpretierte ich die Bedeutung, die meiner Laune entsprach und dem Bild, das ich von dieser Frau haben wollte. Sie sagte mir die Preise. Dann die kleinere Packung, bitte.
Geld rausholen. Habe ich den Geldschein verlegt? Peinliche 15 Sekunden des Wühlens im Portmonnaie. (Kann mir jemand sagen, warum immer dieses Verlegenheitsgefühl hochkommt, wenn ich länger als sofort nach Geld in meiner Kleidung oder den üblichen Geldaufbewahrungsutensilien suche? Ist diese Peinlichkeit ein Tribut an den unterdrückten Konsumhass?)
Jetzt aber raus, so, nochmal die Oma anrempeln, die an der „Wir sind für Sie da“-Service-Ecke zur kostenlosen Cholesterinmessung ansteht und Sturm zum Mäcci.
Jetzt ist der Becher mit Cola Light leer.
Jetzt reiße ich meinen Rucksack vom Stuhl hoch, gehe mit bedeutungsschwangerem Gesichtsausdruck raus, zur Bushaltestelle, eine rauchen, nein, besser zwei, ah ja, die Coffeintabletten, zum Kiosk, Flüsigkeit zum Runterspülen kaufen, Cola Light als herzerwärmende handliche Dose, aufmachen, schlucken, spülen, fertig.

Busfahrt. Idole meines Lebens, ausgeglichene Menschen mit festem Arbeitsplatz, einer festen Freundin, festen Wurzeln, festem Freundeskreis und festen Hobbys fahren um mich herum mit. Würde so vieles geben, um zu sein wie sie. Natürlich kann ich so sein wie sie, darum geht es nicht. Sondern darum, so zu sein wie sie UND gleichzeitig die seelenfeste Überzeugung haben, dass ein so gelebtes Leben kein Selbstbeschiss ist.


Kameraschwenk.
Ein Pärchen im Bus, sie um die 16, er nicht viel älter. Sie reden etwas zu laut über ihre Schulfreunde, die den Schulabschluss nicht schaffen werden und es deswegen verschissen haben im Leben.
(Da weitere Existenzaussicht: Kassierer/in im HL-Markt. Komisch, ich kenne eine Medizinstudentin, die die Semesterferien über im HL an der Kasse arbeitet, kriegt zwar 13,50 die Stunde, aber ist zumindest bei den Eltern daheim in Augsburg, und das ist schon was nach eigener Aussage. Ich habe schon immer gesagt, dass die Bedeutung der Dinge nur im Kontext existieren kann. Also ist Kassierer im HL-Markt nicht gleich Kassierer im HL-Markt, WOW)
Sie reden noch lauter über ein Mädchen an ihrer Schule, das total die Schlampe und überhaupt voll die Hure ist. Über ein neues Handy, das er sich kaufen will. Bei diesem Gesprächsab-schnitt gehen seine Beine wohl automatisch bzw. als vergeistigter Reflex zum Schlüsselreiz: Statussymbol sehr weit auseinander, und er sitzt so majestätisch und angegeilt da, würde ihm zu gerne in den Schritt greifen.
Sie redet plötzlich sehr leise darüber, dass ihre zahlreichen Bewerbungen um einen Ausbildungsplatz unbeantwortet geblieben sind und was sie denn tun solle, klingt flehentlich . Sandy (anscheinend ihre Freundin) gehe auf die Kosmetikschule, die sei zwar beschissen, aber zumindest schon mal was. Und Sandy muß es ja wissen, denn sie kauft sich auch voll die Cremes und so, schon in der Schule, und weiß alles, wo was die Körperpflege angeht und so. Ja, denke ich mir auch, und so.
Da gibt es nichts mehr zu sagen. Am besten bestaunt man mit ehrlicher Bewunderung die ganze Busfahrt lang dieses Pärchen zum Beispiel oder andere Menschen aus dem realen Leben und denkt sogar noch zu Hause unter der Dusche nach einer weiteren Coffeintablette über sie nach. Und so.

Punktestand der Geschichte:   66

Dir hat die Geschichte gefallen? Unterstütze diese Story auf Webstories:      Wozu?


Ähnliche Stories

Außerhalb des Kardiobereichs

3.195 Aufrufe • vor mehr als 23 Jahren, Punkte: 61, Favoriten: 0
 Romane/Serien - Spannendes
Sie kam immer Mittwochs. Ein Handtuch um die Schultern. Die rote Trinkflasche im Arm. Meistens nahm sie das Bike vorm Fenster und trat träge in die Pedale. Sie gehörte zu den Frauen, die normalerweise nicht ihre Zeit...
 Vorauss. Lesedauer: ca. 25 Min.

Vom Remote Viewing bis MK-Ultra

1.472 Aufrufe • vor mehr als 1 Jahr, Punkte: 216, Favoriten: 0
 Kurzgeschichten - Fantastisches
Liebe Webstories Gemeinschaft!
Bitte die Lachtränen Taschentücher bereithalten, denn was jetzt kommt ist unglaublich!
Nachstehend noch eine Ergänzung zu meiner Story "Liegt hinter dem Augenscheinlichen eine andere Realität?"
Noch einmal
 Vorauss. Lesedauer: ca. 5 Min.

Gedankenwelt einer Wachturmverschenkerin

2.313 Aufrufe • vor mehr als 23 Jahren, Punkte: 8, Favoriten: 0
 Kurzgeschichten - Nachdenkliches
Wie lange ich hier stehe, weiß ich nicht. Vielleicht zwei Stunden oder sechs. Dürfte ich eine Uhr tragen, wüßte ich das. Gegenüber verkauft ein Mann Zitroneneis. Es riecht deswegen hier nach Putzmittel.
 Vorauss. Lesedauer: ca. 5 Min.

Weitere Stories des Autoren

WIRKlich lustig: ICE

3.341 Aufrufe • vor mehr als 25 Jahren, Punkte: 53, Favoriten: 0
 Kurzgeschichten - Amüsantes/Satirisches
Aussicht: 6 h Fahrt, Wochenende mit Übernachtung bei Freunden/Bekannten (Status nicht geklärt), Schachtel Zigarretten im 12-h-Takt, dumpfes Aufwachen am Montag.
Sitze also am Bahnsteig, es ist Ende Juni,
 Vorauss. Lesedauer: ca. 3 Min.

Synthese

3.756 Aufrufe • vor mehr als 25 Jahren, Punkte: 44, Favoriten: 0
 Kurzgeschichten - Amüsantes/Satirisches
Heute war jener dieser Tage. Berauschend und erfüllend. Tage mit Musik, 24 Stunden gelebt im Rhythmus von MTV. Entrückung.
 Vorauss. Lesedauer: ca. 5 Min.

Freundschaften I

3.364 Aufrufe • vor mehr als 25 Jahren, Punkte: 34, Favoriten: 0
 Kurzgeschichten - Amüsantes/Satirisches
Bin von der Uni zu einer Freundin gefahren. Gute Freundin, die Koordinatenzuweisung ist treffend. Sie hat endlich eine Wohnung finden können, nachdem sie über ein halbes Jahr lang von ihrer Vermieterin unschön behandelt wurde.
 Vorauss. Lesedauer: ca. 7 Min.

User, die diese Story mochten, mochten auch

Das könnte dir auch gefallen

Kommentare zur Story:

  Das hab ich doch echt gern gelesen! Und so. ... Schönes Ende :-)  
   Dr. Ell  -  27.09.09 02:09

   Zustimmungen: 0

  Super geschrieben, gleichgültig, involviert, ironisch und selbsterkennend zugleich.
5 Punkte, und so.  
Redfrettchen  -  08.11.03 12:26

   Zustimmungen: 0

  Richtig, richtig böse. Das wäre eine perfekte Zeitungskolumne. Erinnert mich wiederum etwas an Bridget Jones.
Grosse Satire -congratulation!  
Pascal  -  24.03.02 13:36

   Zustimmungen: 0

  Ja, mir gefällt, was Du schreibst. Authentische Augenblicksbeobachtungen in eine schöne, nachvollziehbare Form gebracht. Starke Sache, das!  
Jan  -  22.03.02 12:23

   Zustimmungen: 0

Deine Lesezeichen

Deine Lesezeichen

An der Bushaltestelle, in der Kaffeepause und Abends im Bett.


Wenn du auf deinem Smartphone und Tablet, den selben Account nutzt wie am Laptop, Mac, oder PC,


kannst du - auf all deinen Geräten - über deine Lesezeichen, immer direkt da weiter machen, wo du aufgehört hast zu Lesen!

Beliebte Kommentare

Kommentar von "darkangel" zu "Rückschlag"

ich schließe mich an. man kann wunderbar mitfühlen: womit nimmt sich so ein mensch das recht zu sagen: "das ist doch NUR ein tier"? so grausam kann kein tier denken und daher halten wir uns für klüger ...

Zur Story  

Aktuell gelesen

"Der Junge von nebenan" von Christian Dolle

Simon lebte mit seinen Eltern und seiner fünf Jahre älteren Schwester in einem tristen grauen Wohnblock in Zentrum von Bochum, der Vater war Fernfahrer, die Mutter Aushilfe in einem Supermarkt, eine …

Zur Story  

Die neusten Kommentare

Kommentar von "Francis Dille" zu "Mission Titanic - Kapitel 7"

Danke für deinen Kommi. Ich freue mich über jeden Kommentar auch wenn ich nicht immer antworte. Es wundert mich nur, dass dieses Kapitel plötzlich im Genre Kurzgeschichten aufgetaucht ist. Vor ...

Zur Story  

Beliebte Kommentare

Kommentar von "Sven Jaelin" zu "Kaputtke, unser Nachbar"

Oha! wahr!

Zur Story  

Aktuell gelesen

"Von Jägern und Sammlern" von Sommertänzerin

Es gibt Menschen, die sammeln Briefmarken. Das ist schön und gut. Die bunten Marken können in Sammelalben zur Schau gestellt werden und das ist doch sicherlich ein tolles Geburstagsgeschenk oder

Zur Story