... für Leser und Schreiber.  

Zuhause

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© Aves    
   
Sanft scheint das Sonnenlicht durch die Fenster der Kutsche und weckt mich schliesslich aus meinem Schlaf auf. Erholt, als hätte ich in einem Daunenbett geschlafen, öffne ich die Augen. Ich brauche einige Minuten bis ich erkenne, wo ich bin. Unter mir rattern die Räder der Kutsche, unregelmässig und holprig. Die grosse Strasse kann das nicht sein.
Langsam, immer noch ein wenig trunken vom Schlaf, schlage ich die blauen Vorhänge zurück. Ich blicke hinaus und mein Herz vollführt einen kleinen Hüpfer. Wie schön die Landschaft ist!
Ich hatte Recht, wir befinden uns nicht mehr auf der grossen Strasse. Die Kutsche holpert über einen etwas breiteren Weg, der durch einen lichten Wald führt. Sonnenstrahlen dringen durch das Blätterdach und von weiter weg höre ich das unregelmässige Schlagen einer Axt.
Ich strecke den Kopf aus dem Fenster und atme die würzige Luft dieses idyllischen Ortes ein. So vieles hat sich verändert. Rechter Hand erblicke ich grosse, gelbe Bienenstöcke, um die herum dicke Brummer surren. Weiter im Wald drin erkenne ich die ersten Häuser. Keine schäbigen Blockhütten mehr, sondern grosse Häuser. Aus den steinernen Schornsteinen kommt hellgrauer Rauch und dann erkenne ich die ersten Menschen.
Als wir an ihnen vorbeikommen, halten sie mit der Arbeit inne und blicken der Kutsche interessiert nach. Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen; anscheinend hat sich doch noch nicht alles verändert.
„Sind wir da?“, erklingt die Stimme meiner Frau neben mir. An ihren halb geöffneten Augen sehe ich, dass auch sie geschlafen haben musste. Der durch das Fenster kommende Fahrtwind spielt mit einer Strähne ihres Haares und sogleich durchfliesst die Liebe wieder mein Herz.
„Ja, wir sind da.“, antworte ich leise. Beinahe überrollen mich die Gefühle. Nach so langer Zeit bin ich wieder hier, mit meiner immer noch wunderschönen Frau.
„Ist alles in Ordnung?“, fragt sie leise. Anscheinend sieht man mir den Gefühlssturm an. Ich nicke. Wieder spielt der Wind mit der Strähne und sie schiebt sie energisch hinter das linke Ohr. Ich lächle. Genau wie damals…
„Geht es dir wirklich gut?“
Wieder nicke ich. Ja, mir geht es gut. „Es ist nur…“, fange ich an und breche dann verwirrt ab. Sie lacht leise.
„Genau wie früher.“, grinst sie. „Du konntest noch nie gut über deine Gefühle reden. Aber ich kann mir denken, was du empfindest. Mir geht es ähnlich.“
Dankbar schliesse ich sie in die Arme und rieche ihren lieblichen Duft. Ich kann nicht verhindern, dass eine Träne meine Wange hinunterrollt.
Einige Minuten später hält die Kutsche an. Ich höre Schritte und dann wird die Tür geöffnet.
„Wir sind da, Sire.“, sagt Julius. Ich lächle. Der gute, alte Julius.
„Danke.“, antwortet meine Frau. „Komm, Schatz.“ Sie umfasst meine Hand und wir steigen gemeinsam aus der Kutsche aus.
Vor uns steht ein weisses, prächtiges Haus aus Holz und Stein. Es liegt auf einer kleinen Lichtung, neben einem Wendeplatz für die Kutschen. Weiter hinten sehe ich Ställe und mehrere andere Gebäude. Längst nicht so prachtvoll wie das Herrenhaus, aber die Bauweise deutet auf einen gewissen Wohlstand hin.
Auf dem Weg, der zum Haus führt, bleibe ich unwillkürlich stehen. Ich schliesse die Augen und atme tief ein. Der Duft wilder Rosen, frischen Harzes und des Waldes berauscht mich.
„Opa! Opa!“
Ich öffne die Augen wieder. Vom Herrenhaus rennen mir zwei Jungs entgegen. Es sind Blarren und Wilard. Meine Enkel.
Sie rennen mir entgegen, werfen sich in meine Arme.
„Hallo, Jungs.“, sage ich und wirble die beiden herum. Trotz meines Alters steckt immer noch Kraft in meinen Armen.
„Aber, aber, Kinder.“, ertönt eine Stimme vom Haus herab. „Was habe ich euch gesagt? Ihr sollt euren Opa nicht überstrapazieren.“
Blarren und Wilard lassen mich los und umarmen stattdessen meine Frau. Vom Haus kommt nun die Besitzerin angelaufen. Sonja, meine Tochter.
„Vater!“ Sie schliesst mich ebenfalls in die Arme, jedoch wesentlich sanfter als die beiden Racker.
„Sonja.“, sage ich, beinahe wieder von Gefühlen überwältigt. „Es tut so gut, dich wieder zu sehen.“
Sie umfasst mein von Falten durchzogenes Gesicht zärtlich und schaut mir in die Augen. „Du siehst genauso aus wie deine Mutter.“, sage ich leise. Sie schluckt leer und ich merke, dass auch sie mit den Tränen zu kämpfen hat.
Sie sieht wirklich aus wie ihre Mutter. Fast genau so, wie diese vor vierzig Jahren ausgesehen hat. Mir kommt unwillkürlich ein altes Lied der Lândian wieder in den Sinn, dass ich einmal gehört habe.
Die Sonne, die Sterne tragen Kunde von dir, jeder Lufthauch erzählt mir von dir, jeder Atemzug, jeder Schritt, trägt deine Schönheit weit mit sich mit…
Nun trägt also auch noch meine Tochter die Schönheit meiner Frau mit sich mit…
Als Sonja auch meine Frau begrüsst hat, gehen wir gemeinsam ins Haus.
Es ist ein schönes Haus, auch von Innen. Nicht mehr das alte Haus, wie ich es von damals in Erinnerung habe. Sonja und Triers müssen ganz schön gearbeitet haben. Apropos Triers…
„Wo ist denn mein Schwiegersohn?“, frage ich Sonja. Sie, die gerade Brot und Käse aus der Vorratskammer holt, ruft: „Er ist noch im Wald. Wir wussten nicht, wann ihr ankommt, deshalb…“
„Ist schon gut.“, unterbreche ich sie. „Ich habe alle Zeit der Welt.“ Meine Frau neben mir schmunzelt, als hätte ich etwas sehr komisches gesagt.
„Es ist schön hier, nicht wahr.“, sage ich leise, als wir auf den kleinen Hinterhof hinaustreten. Ein Wasserspeier in Form eines Bären mit zwei Köpfen lässt sprudelnd klares Wasser in ein Becken fliessen.
„Ja.“, nickt sie. „Es ist nicht mehr wie früher, aber es ist schön. Wunderschön.“ Meine Hand findet die ihre und wir stehen einen Moment still da, während wir gegen Westen in den nahen Wald schauen.
Dann lasse ich sie los und sage leise: „Ich… ich gehe mal eben meine Freunde grüssen.“ Meine Frau schaut mich mit jenem Blick an, der mir auch nach Jahrzehnten immer noch eine leichte Gänsehaut beschert. Ich schwöre, sie ist die einzige auf der ganzen bekannten Welt, die so blicken kann. Eine Mischung aus Verständnis und stummer Frage, einzigartig.
Langsam gehe ich auf den Wald zu. Mit jedem Schritt wächst eine innere Unruhe in mir. Doch ich überwinde sie und gelange schliesslich an den Waldrand.
Dort, im Schatten der mächtigen Kiefern, liegt ein kleiner Friedhof. Einfache, aus Marmor und Stein hergestellte Grabsteine ragen aus grasbewachsenen Hügeln. Mit Freude erkenne ich, dass sie selbst nach über vierzig Jahren frisch und gepflegt aussehen.
Es sind nicht viele, so dass ich nach kurzer Zeit bei einer Reihe aus sechs Grabsteinen ankomme. Das irritiert mich. Sechs? Sollten es nicht nur fünf sein?
Langsam und in Gedenken an die Toten, gehe ich sie der Reihe nach ab. Lese die Namen, die anscheinend immer wieder neu eingemeisselt worden sind. Ich werde Sonja und Triers dafür danken und den Göttern ein Opfer bringen, dass die Gräber so gut gepflegt worden sind.
Bei jedem einzelnen der Namen kommen Erinnerungen hoch. Starke, gefühlsvolle Erinnerungen. Ich kann die Gesichter der Gestorbenen sehen, ihre Stimmen hören, ihr Lachen…
Und doch, die Tränen kommen nicht. Nein, denke ich, das müssen sie auch nicht. Es ist vorbei, die Toten kann man nicht durch alle Tränen Ehbs zurückholen.
Während ich in die Hocke gehe, rede ich leise mit meinen verstorbenen Gefährten.
„Ich komme auch bald zu euch in die ewige Freiheit, Freunde.“, flüstere ich. „Wisst ihr, meinen Angehörigen habe ich nie etwas gesagt, doch ihr werdet es ja kaum weitererzählen.“ Ich lache leise und fühle tief in mir drin, dass meine Freunde dies jetzt auch tun, dort hinter dem blauen Wasser der Ewigkeit.
„Ich fühle, wie mein Lebensfeuer erlischt.“, spreche ich leise weiter. „Ich bin jetzt über sechzig Jahre alt, und ich denke, das genügt auch irgendwann.“ Nun kommen sie doch, die verfluchten Tränen. Unwirsch wische ich mit dem Handrücken über mein Gesicht.
„Bitte, Freunde, haltet mir einen Platz frei in den ewigen Hallen.“, schliesse ich. „Ich vermisse euch und freue mich, euch bald zu treffen. Macht’s gut.“
Langsam stehe ich wieder auf. Die Tränen sind versiegt. Der Ort hier tut meiner wunden Seele sehr gut. Das Summen der Waldbienen, der Zwitschern der Vögel, der Wind, der sanft durch das hohe Gras streicht; das alles beruhigt mich ungemein. Es hilft mir, die Ereignisse meines turbulenten Lebens zu vergessen.
Und doch, etwas stört mich. Dieser sechste Grabstein, wem gehört er?
Vorsichtig gehe ich wieder in die Hocke, diesmal vor ihm. Anders als bei den übrigen fünf ist dieser hier in keinem guten Zustand. Farne wachsen um ihn herum und Efeu hat sich seinen Weg über den Marmor gebahnt.
Mit leicht zitternden Händen schiebe ich die Pflanzen beiseite. Mein Herz klopft schneller. Ist das, was ich tue, das Richtige? Ist es richtig, einen fremden Grabstein zu lesen? Doch er steht in einer Reihe mit meinen Freunden, also geht es mich mit Sicherheit auch etwas an.
Schliesslich habe ich genügend Efeu weggerupft, dass ich die Inschrift lesen kann. Nur… da ist gar keine Inschrift!
Meine Gedanken drehen sich und auf einmal ist mir nicht gut. Vorsichtig lasse ich die Farne wieder los und stehe auf. Hoffentlich vergeben mir die Götter diesen Frevel.
Ich klopfe mir den Staub von den Hosen und gehe zurück zum Haus. Später werde ich Sonja fragen, für wen dieser Grabstein ist. Auch wenn es gegen das Recht der Götter sein sollte, meine Neugierde würde mir sonst niemals Ruhe gönnen.
Meine Frau wartet immer noch an der selben Stelle, an der ich sie zurückgelassen habe. Stumm fasst sie meine Hand und ich drücke sie dankbar. Sie stellt keine Fragen, doch das ist auch nicht nötig.
Zurück im Haus stehen wir vor einem üppig gefüllten Tisch. Blarren und Wilard sitzen bereits an der Tafel und schliesslich nehmen auch wir Platz. Wir reden nicht viel, geniessen einfach die gute Mahlzeit. Meine Gedanken schweifen ab, wenn ich an die alte Zeit zurückdenke. An die Zeit, in der solch ein Mahl nur Fürsten und Herrschern vergönnt gewesen war. Ja, es hat sich wirklich einiges verändert…
Schritte auf dem Flur lassen mich aus meiner Gedankenwelt zurückkommen. Triers steht an der Tür zum Esszimmer. Er sieht gut aus mit seinem beigefarbenen Holzfällerhemd und den tannengrünen Arbeitshosen.
Muskeln spannen sich unter dem Stoff und er strahlt, als er mich und meine Frau sieht.
„Hallo, Vater.“, sagt er und umarmt erst mich, dann meine Frau. Triers ist für uns der Sohn, den wir nie hatten.
„Wie war die Reise?“, fragt er, nachdem er Platz genommen hat. Ich kaue den Bissen Fladenbrot, schlucke und antworte: „Gut. Sie war sehr entspannend.“
Ein wissendes Lächeln erscheint auf Triers’ Gesicht und für einen Moment weiss ich nicht so recht, was ich denken soll. Nun blicken mich auf einmal alle an.
„Was ist?“, frage ich. In den Augen dieser Menschen, meinen Liebsten, liegt ein tiefes Verständnis und so viel Liebe und Wärme, dass es mich beinahe fröstelt.
„Ich habe Gäste mitgebracht.“, sagt Triers dann und zeigt mit der Hand zur Küchentür. Er lächelt immer noch und ich blicke verwirrt zur Tür.
Als ich sehe, wer da hereinkommt, bleibt mein Herz beinahe stehen.
Nacheinander treten sie ein, alle fünf. Faiden, Marius, Titus, Samos und Rune. Sie sehen immer noch so aus, wie ich sie in Erinnerung habe. Faiden hat immer noch das lange, blonde Haar der Lân und Runes Haarschopf leuchtet in der langsam untergehenden Sonne noch röter als sonst.
„Wie… wie ist das möglich?“, frage ich und starre sie der Reihe nach an. Auch sie lächeln. „Ihr… ihr seid doch gefallen! Tot! Wie konntet ihr zurückkommen?“
Marius, der gute alte Marius mit den sanften braunen Augen, antwortet leise: „Nicht wir sind zurückgekommen, alter Freund. Nicht wir…“
Und dann begreife ich, wem der sechste Grabstein gehört.
 

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