... für Leser und Schreiber.  

Die abenteuerliche Reise nach Persien/2

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©  rosmarin   
   
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Maren legte das Lesezeichen zwischen die aufgeschlagenen Seiten.
"Dürfte ich noch etwas zu trinken bekommen?", lächelte sie Falken schelmisch an. "Ich habe mir schon den Mund fusselig gelesen."
"Was soll's denn sein?", ging Falken auf ihren scherzhaften Ton ein. "Wasser, Cola, Milch. Oder noch mehr Wein?"
"Also, ein guter Schluck Wein wäre schon noch angebracht."
"Natürlich. Ich hole gleich noch eine Flasche. Bin schon unterwegs."
Während Falken in den Keller Wein holen ging, dachte Maren über ihre nicht ganz zufällige Begegnung nach.

"Die Fete hat ihren Höhepunkt erreicht", hatte sie gesagt, nachdem sie Falken das Du angeboten und ihn auf die Wange geküsst hatte. "Es ist Zeit, den Trubel zu verlassen."
"Wir müssen noch das Manuskript aus deinem Wagen holen", hatte Falken zugestimmt. "Komm. Beeilen wir uns."

Falken legte Maren die rosa Stola um die Schultern, bevor sie Arm in Arm in die Tiefgarage des Verlages gingen, um das unfertige Manuskript - Ein seltsamer Frühling - oder - Die Reise nach Persien - vom Rücksitz Marens Fiat zu nehmen. Gut gelaunt setzte sie sich dann neben Falken in sein weißes Cabriolett BMW.
"Welchen Titel wirst du nehmen?", fragte sie neugierig. "Beide gehen wohl nicht."
"Wer weiß."
‚Sehr rätselhaft, dieser Mann‘, dachte Maren.
Aber das war es ja gerade, was ihn für sie so interessant machte. Aus dem sollte einer klug werden.

Es war eine laue Sommernacht. Kein Lüftchen wehte. In den Gräben rechts und links der Landsraße zirpten die Grillen. Maren kuschelte sich wohlig entspannt in die Polster. Falken lenkte in Richtung Landhaus.
"Du bist wohl noch nicht so lange im Verlag", fragte er Maren. "Ich sehe dich heute zum ersten Mal."
"Ein paar Tage nur, also nicht so lange", erwiderte sie höflich. "Ich wurde Frau Clemens empfohlen."
"Wo hast du vorher gearbeitet? Wenn ich fragen darf."
"In einem großen Verlag. Als Volontärin."
"Oh."
"Nicht der Rede wert", winkte Maren ab, "vielleicht erzähle ich dir später mal die ganze Geschichte."
"Das würde mich sehr freuen, Maren."
"Es sind ja auch mehr persönliche Gründe. Eine Trennung. Keine Lust mehr, in Hamburg zu leben, vier vergeudete Jahre." Maren schwieg und fragte dann unvermittelt: "Kennst du Frau Clemens schon länger?"
"So an die zehn Jahre."
"So lange schon? Da muss sie ja noch ein halbes Kind gewesen sein."
"Sie sieht nur jünger aus, wegen ihrer zarten Figur. Erst vor drei Wochen hat sie ihren dreißigsten Geburtstag gefeiert."
"Ich wunderte mich schon, dass so ein junges Ding ein so großes Unternehmen führt. Aber über dich weiß ich mehr."
"So?"
"Ja. Du bist Schriftsteller. Nichtraucher. Liebst Rotwein. Klassische Musik. Bist geschieden. Sechsunddreißig Jahre alt. Kinderlos."
"Hm, hm. Sehr interessant."
"Du hast ein kleines Theater. Inszenierst Stücke. Spielst deine eigenen Rollen. Haha."
"Bravo. Stimmt alles. Ist schon eine ganze Menge. Ich dagegen weiß von dir nur, was ich sehe. Und das ist auch eine ganze Menge. Am besten gefällt mir dein freches Stupsnäschen, das du sehr gut einzusetzen vermagst, um deine Neugierde zu befriedigen. Gibt es sonst noch was?"
"Nicht viel", lachte Maren. "Ich bin sechsundzwanzig Jahre alt, ledig und wie ich schon sagte, nach einer vierjährigen Beziehung glücklich getrennt."
"Und? Tut sie noch weh? Die Trennung."
"Soviel, als würde man sich einen Zahn ziehen und ein Jahr vergehen lassen. Es war eine Erleichterung."

Falken musste sich jetzt wieder mehr auf die Fahrt konzentrieren und schwieg. Sie hatten eine sehr kurvenreiche Strecke erreicht, die seine ganze Aufmerksamkeit erforderte. Nach einigen Minuten fuhren sie durch ein dichtes Wäldchen, bevor sie wieder auf die Landstraße einbogen.

Maren betrachtete verstohlen Falkens kantiges Profil mit der vorspringenden Nase. Eine dunkle Haarsträhne fiel ihm immer wieder ins Gesicht. Das verlieh ihm etwas sehr Keckes. Verwegenes.
"Ich habe dich den ganzen Abend beobachtet und nur auf den Augenblick gewartet, da du dich von der Chefin freimachen und zu mir kommen konntest", nahm sie das Gespräch wieder auf.
"Wirklich?"
"Ja. Du hattest dich so intensiv mit ihr unterhalten, dass ich dachte, du würdest auch noch die Nacht mit ihr verbringen."
"Die Chefin hat gedrängelt, das Buch, das ich gerade schreibe, bald abzuliefern, da es schon angekündigt sei und sie noch immer kein komplettes Manuskript im Lektorat habe", erwiderte Falken geschmeichelt.
"Und?"
"Im Augenblick läuft bei mir nichts. Gar nichts. Totaler Stillstand. Schöpferische Pause. Kein Verständnis dafür. Die Ce Ce."
"Ce Ce? Ich hörte schon einige Male, dass sie so angesprochen wird."
"Das ist ein Kosename, abgeleitet von ihren Initialen Carla Clemens, hat aber nichts mit der gleichnamigen Stechmücke zu tun. Zumindest nicht immer. Ich sagte ihr, ich könne einen tropfenden Wasserhahn jederzeit reparieren. Aber kein Buch auf Bestellung schreiben. Ich stecke eben in einer Sackgasse."
"Ihr wäret eigentlich das ideale Paar. Beide frei. Ungebunden. Auch äußerlich passt ihr gut zueinander. Ihr zieht am gleichen Strang. Hm?", provozierte Maren.
"Auf diese Idee wäre ich nie gekommen. Ist immerhin eine Überlegung wert."
"Eigentlich das Nahe liegende, wo man sich schon zehn Jahre kennt", sagte Maren, gegen ihren Willen etwas gereizt, "kennst du auch Herrn Clemens?"
"Clemens ist ihr Mädchenname. Sie hat ihn auch nach der Heirat beibehalten."
"Ach so. Was war das für ein Mann?"
"Maren, du scheinst doch nicht so viel von mir zu wissen, wie du mich glauben machen willst. Carla, ich meine Frau Clemens, ist meine geschiedene Frau."
"Autsch."
Maren biss sich in den abgewinkelten Zeigefinger. Das geschah ihr Recht. Warum war sie auch immer so neugierig.
"Jetzt bin ich mitten in etwas hinein getreten."
"Aber nur mit einem Fuß. Man kann immer noch den zweiten vorsichtig herumführen."
"Wenn man kann. Lebst du allein?"
Oh, Mann, schon wieder so eine Indiskretion. Diesmal biss Maren sich auf die Lippe. Diese verdammte Neugier.
"Nein. Ich lebe und wohne mit Herrn Pichler zusammen", lächelte Falken belustigt. "Oder er mit mir. Wie man's nimmt."
Maren brauchte eine kleine Pause, bevor sie weiter reden konnte.
"Dann ist es ja kein Wunder, dass dir Frau Clemens davongelaufen ist", sagte sie triumphierend, „das war wohl auch der Grund der Scheidung."
"Nein. Keinesfalls. Ganz im Gegenteil. Zu dritt verstanden wir uns sogar besser."
"Und dieser Herr - dieser Herr Pichler, wohnt der jetzt auch bei dir?"
"Er bei mir. Oder ich bei ihm. Sagte ich wohl schon. Je nach seiner Laune. An manchen Tagen beschlagnahmt er das ganze Haus. Ich muss das eben dulden."
"Du musst. Warum tust du das?"
"Was tut man nicht alles, wenn man jemanden liebt."

Maren verspürte plötzlich große Lust, sofort auszusteigen und die zwanzig Kilometer zur Stadt zurück zu Fuß zu laufen. Niemand hatte ihr etwas gesagt von Falkens Neigung. Obwohl sie offen von dem Mann schwärmte, von dem sie nur die Bücher kannte. Was sollte sie jetzt nur tun. Verzwickte Situation.
Nachdenklich saß sie neben Falken. Sie fuhren durch das Dorf, bogen dann rechts ab, dem Waldrand zu.
"Und dieser Herr ...?", bohrte sie nach einer Weile weiter, weil sie ihre Neugier einfach nicht zügeln konnte und wollte. So etwas hätte sie Falken niemals zugetraut. Männer und Frauen. Bi, also. Und dabei machte er so einen biederen Eindruck.
‚Das sind die Schlimmsten‘, dachte sie frustriert.
"Pichler", kam ihr Falken zu Hilfe. "Ja, er ist zu Hause. Er wartet schon auf mich. Schau mal. Da. Gleich wird das Licht im Garten angehen."
"Er kann es kaum erwarten", bemerkte Maren spitz.
"Ja, er erkennt das Motorengeräusch und macht das Gartenlicht an."
Kaum dass Falken den Satz zu Ende gesprochen hatte, wurde der Garten hell erleuchtet.
Falken zog den Zündschlüssel und öffnete Maren höflich die Tür.
Dicht nebeneinander betraten sie den Gehsteig, der zum Haus führte.
"Es wird ihm nicht Recht sein, dass ich mit komme. Oder macht es ihm nichts aus?"
"Pst", flüsterte Falken und zeigte auf den Himbeerstrauch. "Dort hält er sich versteckt. Gleich wird er uns überraschen. Erschrick nicht."

In diesem Augenblick schoss Herr Pichler aus seinem Versteck, sprang auf Falken zu und legte ihm beide Pranken auf die Schultern, so dass er ins Wanken geriet und das Gleichgewicht verlor.
"Oh, oh", jaulte er ergeben. "Verrückter Herr Pichler."
Herr Pichler sprang vor Freude um Falken herum, bellte, jaulte wie Falken und leckte sein Gesicht mit großer Zärtlichkeit.
"Ist ja gut, Herr Pichler", grunzte Falken. "Bist ja mein lieber Freund. Ja doch. Ein braver Hund bist du. Ja, doch. Ich liebe dich auch. Winsle doch nicht wie eine verstimmte Geige. Jetzt ist's aber genug." Sanft löste er Herrn Pichlers Pfoten von seiner Schulter und streichelte ihn liebevoll hinter den Ohren.
Die mausgraue Dogge, ein Rüde, gab sich damit zufrieden, demonstrierte aber noch einmal seine Wichtigkeit, lief wieder, diesmal knurrend, zurück zum Himbeerstrauch und bellte diesen böse an.

Maren stand hinter Falken und klopfte sich zweimal mit geballter Faust gegen die Stirn. Mein Gott. Eine Peinlichkeit jagte ja heute die andere. Warum musste sie auch immer gleich das Schlimmste befürchten, was diesen Mann betraf.
‚Maren, Maren, du bist doch nicht etwa in den Kerl verliebt‘, wies sie sich selbst zurecht. Das durfte sie auf keinen Fall. Sie hatte noch genug von ihrer letzten Beziehung und sich hoch und heilig versprochen, erstmal einige Zeit ihre wieder gewonnene Freiheit in großen Zügen zu genießen und vor allem, beruflich weiter zu kommen.

Sie gingen den geraden Weg zu Falkens Landhaus. Herr Pichler lief artig neben ihnen her. Doch am Haus angekommen, warf er sich mit voller Wucht gegen die Tür, stürmte als erster hindurch, kam laut bellend zurück, schwänzelte zu Maren und lehnte zu Falkens großer Überraschung seinen Kopf an sie, in der Hoffnung, von ihr gestreichelt zu werden.
"Scheint Liebe auf den ersten Blick zu sein", wunderte er sich. "Kraule ihn hinter den Ohren, und du hast einen Freund gewonnen."

„Herr Pichler ist ganz zufällig ins Haus gekommen“, erzählte Falken. „Seine Mutter wurde zwei Tage nach seiner Geburt von einem Auto überfahren und tödlich verletzt. Danach war Metzgermeister Pichler froh, Leute zu finden, die ihm die Welpen abnahmen, denn er sah in seiner Unbeholfenheit nur die Möglichkeit, die Hundebabys einschläfern zu lassen. Als ich davon hörte, nahm ich ihm einen von den dreien ab. Ich zog ihn mit der Flasche auf und ersetzte ihm so die Mutter. Ich nahm den Welpen sogar mit in mein Bett, wärmte ihn mit meinem Körper. Der Kleine steckte vertrauensvoll sein Schnäuzchen in meine Achselmulde und wir schliefen zusammen ein.
Als Herr Pichler größer wurde, entdeckte er sein Reich durch Zufall. Beim Hin - und Herlaufen hatte der Bewegungsmelder auf seine Nähe reagiert und gewitzt, wie Herr Pichler ist, hatte er dies genutzt, wenn er spät nachts auf mich wartete, und empfing mich nun stets bei Licht. Schon bald wurde der Welpe meine große Liebe. Ich war strikt dagegen, den Hund dressieren zu lassen. So etwas ist für die Polizei gut. Aber mein Hund soll sich frei und natürlich entwickeln und selbst entscheiden können, wer Freund und wer Feind ist. Außerdem ist Herr Pichler ohnehin gescheiter als ich selbst.

„Erzähl bitte weiter“, bat Maren, als Falken eine nachdenkliche Pause einlegte. „Das ist ja eine rührende Geschichte.“
„Na, gut, wenn du mich so nett bittest. Also, der Welpe tat alles, was ihm Spaß bereitete, lernte schnell, fast zu schnell, lief schon nach kurzer Zeit täglich über die Straße, sprang dem Postboten, der radelnd daher kam, entgegen, wartete, bis dieser ihm die Post in die Schnauze schob und trug sie dann stolz ins Haus zu mir, damit ich ihm seine Streicheleinheiten hinter dem Ohr zukommen lassen konnte.
Einmal, als keine Post da war, der Postbote achtlos an ihm vorbeifuhr, fühlte sich Herr Pichler übergangen. So rannte er dem Postboten nach, biss in das Hinterrad, bis die die Luft aus dem Reifen zischte, lief erschreckt zurück in den Garten, versteckte sich schuldbewusst hinter dem Himbeerstrauch, lunste nach einer Weile ängstlich hervor und jaulte gar jämmerlich. Seitdem trug der Postbote vorsichtshalber immer ein paar Illustrierte bei sich, die er im Notfall an den Hund abgab.
Den meisten Ärger hatten und haben Herr Pichler und ich jedoch wegen der Blumen. Während ich nie Blumen abreiße, weil ich der Meinung bin, sie haben ohnehin ein viel zu kurzes Dasein, ist Herr Pichler fast süchtig, hie und da eine abzubeißen und wie ein Flamencotänzer mit der Blume zwischen den Zähnen herum zu springen, obwohl er sich bewusst ist, etwas Verbotenes zu tun. Er setzt sich nämlich dann jedes Mal auf den Boden und guckt mich mit gesenktem Kopf aus den Augenwinkeln an, weil er zur Strafe keine Streicheleinheiten bekommt, was ihn natürlich sehr kränkt. Doch die Sucht ist stärker. Herr Pichler kann es einfach nicht lassen.
"Wenn sich jemand an der Schönheit der Blumen erfreuen will, dann soll er hingehen, wo sie wachsen und ein Weilchen dort verbleiben", belehre ich ihn immer wieder. "Die Blumen haben Freude daran, bewundert, aber nicht getötet zu werden. Ja, so ist das."

"Eine schöne Geschichte", sagte Maren leise. "Und eine große Liebe zwischen Mensch und Tier."

*

Falkens Keller war ein Weinkeller mit unzähligen Flaschen seines Lieblingsweins. Schön geordnet in extra dafür angefertigten Holzregalen lagen sie wie umgefallene Soldaten.
Gerade als Falken eine Flasche Wein aus dem Holzregal nehmen wollte, überfiel ihn ein seltsamer Gedanke: Wenn er und Maren den Wein tränken, könnte es doch passieren, dass sie auf der Rückfahrt in die Stadt in eine Polizeikontrolle gerieten. An den Wochenenden waren diese besonders verstärkt. Das wäre also zu riskant. Wenn sie keinen Wein tränken, wäre alles in Ordnung. Oder, sie trinken und bleiben beide übers Wochenende hier. Ja. Das wäre die Lösung.
Zufrieden schmunzelnd über diese Erkenntnis, nahm Falken eine Flasche Rotwein aus dem vorderen Regal und begab sich wieder nach oben. Er dachte daran, dass er das Anwesen vor zehn Jahren, kurz nach der Hochzeit mit der Ce Ce, erworben und den alten Bauernhof umbauen lassen hatte. Aber nur im Wohnbereich, da sonst die Finanzen nicht gereicht hätten. Dafür aber aufs Modernste.
In der unteren Etage befand sich das große Wohnzimmer, von wo aus man das Arbeitszimmer und den Korridor erreichen konnte. Von da ging es ins Bad und in die Küche. Eine Wand im Wohnzimmer bestand aus Panzerglas, so dass man das ganze Dorf, das etwas tiefer lag, überschauen konnte. Die Wand gegenüber bildete ein Bücherregal bis zur Tür. Dann gab es, außer einer großzügigen, blauen Sitzlandschaft, noch eine Reihe in Öl gemalter Bilder, eine Musikanlage, bestehend aus einem Radio aus den siebziger Jahren, ein Tonbandgerät und ein altes Grammophon in dem großen Raum. Alles Sammlerstücke, worauf er sehr stolz war. Er hielt nichts von dem modischen Zeugs, wie er sich ausdrückte. Es war einfach nicht seine Welt, harmonierte auch nicht mit seinem Musikgeschmack.
Vom Wohnzimmer führte eine gebogene Treppe aus Holz in die obere Etage zu den fünf Schlafzimmern, zwei Bädern, einer Dusche. Am Ende des umgebauten Teils des Hauses befanden sich Geräte - und Lagerräume, sowie ehemalige Stallungen.
Herr Pichler benutzte einen separaten Eingang hinter dem Haus; so konnte er jeder Zeit aus - und eingehen.

*

Im Wohnzimmer lehnte Maren am Bücherregal und blätterte in einem Buch. Als sie Falken erblickte, schaute sie ihn nachdenklich an, während er überlegte, wie er ihr seinen Vorschlag mitteilen sollte.

"Wir könnten ja hier das Wochenende …, " stotterte er verlegen.
"Morgen ist ohnehin Sonntag", half ihm Maren. "Da kann ich natürlich hier übernachten."
"Aber, ja, doch." Maren machte es ihm wirklich leicht. "Da oben sind eine Menge leere Zimmer."
"Ich weiß. Hab mich schon etwas umgeschaut. Ich nehme das erste neben dem Bad. Das mit dem lindgrünen Bettbezug. Und dem Aquarell von Unbekannt. Die Uhr braucht eine neue Batterie. Die Windjacke im Schrank stört mich nicht. Ich dachte auch schon an so eine Möglichkeit. Es wäre doch eine Sünde, bei dir gewesen zu sein, ohne deinen guten Rotwein, von dem das ganze Büro schwärmt, gekostet zu haben."
"Na, das haben wir ja nun schon vorweg genommen", sagte Falken, "aber auf Besuch bin ich nicht vorbereitet."
"Irgendetwas Essbares wird wohl in deinem Kühlschrank zu finden sein." Maren lief Falken voraus in die Küche.
"Ja. Etwas Essbares ist immer da."
So. Das Problem wäre gelöst. Falken war zufrieden. Diese Maren war ja wirklich völlig unkompliziert. Ganz anders als die Ce Ce.

Es war tatsächlich noch Einiges da. Aber Maren und Falken begnügten sich mit ein paar belegten Broten, die sie schnell zubereiteten.
"Kommt Frau Clemens auch her?" Maren biss herzhaft in ihr drittes Brot.
"Ja, so ab und an. Ihr Zimmer ist hinten. Das letzte."
"Da war ich nicht drin. Mir hat das erste mit dem hübschen Aquarell sofort gefallen."
"Das ist von Carla. Sie findet es nicht hübsch. Deshalb signiert sie es auch nicht. Ich finde es auch schön."
"Ist es indiskret zu fragen, warum Ihr eigentlich geschieden seid?"
"Wir haben festgestellt, dass wir verschiedene Ansichten über die Ehe haben", erwiderte Falken ernst. "Ich dachte an zwei oder drei Kinder. Einige Tiere, die frei herumlaufen im Garten. Blumen und so. Sie aber wollte die Stadt und das Leben, wie sie es jetzt führt. Wir sind im Guten auseinander gegangen. Haben uns gegenseitig volle Freiheit gegeben. Mit der keiner von uns nun etwas anzufangen weiß."
"Sie ist keine Bindung mehr eingegangen?"
"So viel ich weiß - nein."
"Sie ist doch eine hübsche und kluge Frau."
"Ja, das ist sie", sagte Falken etwas pikiert. "Und unterhaltsam dazu. Und äußerst gebildet. Aber du siehst ja. Das reicht nicht fürs ganze Leben."
"Und der junge Mann, der den ganzen Abend an ihrer Seite verbrachte? Ist er nicht? Irgendwie habe ich das Gefühl, er ist hinter ihr her."
"Werner?" Falken lachte laut auf. "Den interessieren nur Männer."
"Aber nein. Dieser hübsche junge Mann ein Schwuli."
"Aber ja. Dieser junge hübsche Mann ein Schwuli."
"Und ich dachte schon ..."
"Werner ist ein sehr intelligenter junger Mann", unterbrach Falken Maren. "Für ihn ist Carla eine gute Gesprächspartnerin. Mehr nicht. Und sie unterhält sich auch immer angeregt mit ihm. Er ist viel gereist. Kennt viele Länder. Hat viel gesehen. Carla könnte mit einem jungen Mann nichts anfangen. Sie ist jedem weit überlegen. Das würde keinem Mann gefallen."

Falken und Maren unterhielten sich weiter, verspeisten die Brote und leerten genüsslich die zwei Flaschen Falkens berühmt, berüchtigten Rotwein.
"Wo steckt denn Herr Pichler", wunderte sich Maren später. "Ich habe ihn schon eine ganze Weile nicht gehört und nicht gesehen."
"Heute, am Sonnabend, verbringen viele seiner vierbeinigen Freunde aus der Stadt das Wochenende hier", klärte sie Falken auf.
"Und woher wissen Herr Pichler und seine Freunde, dass heute Wochenende ist?"
"Das weiß ich auch nicht. Es ist aber so. Sonnabend ist Discotag."
"Sag mal, Michael. Darf ich dich mal was fragen?"
"Nur zu."
"Ich sehe hier nirgends einen Fernseher. Und auch keinen Computer. Hast du vielleicht noch woanders ein Zimmer? Ein unterirdisches vielleicht? Ein Verlies. Eine zugemauerte Tür.
"Aber Maren. So viel Räubergeschichtenfantasie?"
"Hat doch jeder so seine Leiche im Keller versteckt. Oder?"
"Kann schon sein, Maren". Falken lachte laut auf. "Aber was die Technik betrifft, solche Dinge brauche ich nicht. Ich bin völlig altmodisch in diesen Dingen. Diese Geräte stehen im Verlag zuhauf. Damit soll sich die Ce Ce rumärgern. Ich tippe meine Sachen lieber auf meiner alten Schreibmaschine. "
"Oder schreibst sie mit der Hand."
"Ja, das kommt vor. Da fließen die Gedanken vom Gehirn direkt in die Finger."
"Und brauchen nicht den Umweg über die Tastatur."
"Wo sie vielleicht wieder verloren oder andere Weg gehen könnten",lachte Falken.
"Aber ein Handy hast du doch wohl."
"Nein. Wozu. Ich nehme mir die Freiheit, nicht immer und überall verfügbar zu sein."
Maren schüttelte ihre blonde Mähne. "Na, irgendwie seltsam bist du schon", sagte sie. "Siehst so heutig aus und bist so altmodisch. Welchem Jahrhundert bist du denn entflohen?"
"Dem vorigen. Wie du auch."
"Na, so sicher bin ich mir da nicht." Maren stand auf. "Genug gefuttert. Und gesüffelt. Komm, wir arbeiten weiter."
Im Wohnzimmer setzte sich Maren wieder in den blauen Sessel, Falken sich ihr gegenüber.
"Ist diese Geschichte Fiktion?" Maren schaute Falken von unten her an. "Sie erscheint mir doch sehr befremdlich. Und dann dieser Doppeltitel"
"So unglaubwürdig sie dir auch erscheinen mag", sagte Falken, "weder die Personen noch die Handlung sind erfunden. Also, ich will damit sagen, die Geschichte ist auf keinen Fall konstruiert."
"Hm." Maren machte ein nachdenkliches Gesicht. "Da will ich dir mal glauben, da ich mich selbst in dieser Geschichte vorfinde. Ja. Es scheint tatsächlich Telepathie zu sein. So etwas soll es ja geben. Es fing also wirklich damit an, dass du am Theater eine längere Pause hattest, außerdem in einem Schreibloch stecktest und dann Werners Angebot annahmst, Autos für einen persischen Händler zu überführen. Stimmt das so?"
"Ja. Mich reizte das Abenteuer, " erwiderte Falken. "Und natürlich auch das Geld", fügte er nach einer kleinen Pause hinzu.
"Verstehe." Maren lächelte. "Aber warum erzählst du deine Geschichte nicht von deiner Person aus, sondern erfindest einen Heiko Sanders und lässt ihn dein Erlebnis erzählen?"
"Ganz einfach. So erzählt, finde ich, muss es nicht unbedingt wahr sein. Das ist doch die dichterische Freiheit. Anders wäre es ein Bericht. An dem man zweifeln könnte."
"Ist es nun wahr oder nicht?"
"Sagte ich doch."
"Also, noch mal im Klartext: Im Falle des Zweifels ist es nicht Falken, dem man nicht glaubt, sondern irgendein Heiko Sanders?"
"So ist es."
„Na, dann kann ich ja weiter lesen.“

*

- Elisabeth erschien zwar pünktlich, aber im selben Kleid am Frühstückstisch. Sanders schmunzelte in Erinnerung seiner abendlichen Gedanken. Sie wird tatsächlich kein anderes besitzen, dachte er gerührt und sagte freudig erregt:
"Schön, Sie zu sehen, Elisabeth. Haben Sie gut geschlafen? Ich wünsche Ihnen einen guten Appetit."
"Danke, ja. Ich wünsche Ihnen auch einen guten Appetit." Elisabeth setzte sich auf den Stuhl, den Sanders ihr höflich zurecht rückte. "Danke. Sehr aufmerksam."

Nach dem reichlichen Frühstück fuhren Sanders und Elisabeth in den Norden der Stadt, um sich das neue Wohnviertel Shemran am Fuße des Elbursgebirges anzusehen.
In den Süden der Stadt, in dem sich die Fabriken und die älteren Stadtteile, einschließlich der Überreste eines großen Basars befanden, wollten sie vielleicht morgen gehen. Ebenso in den Golestanpalast.
Heute verbrachten sie, wie gesagt, den Tag im Norden.

"Das Elbursgebirge verläuft in mehreren parallelen Ketten entlang der Südküste des Kaspischen Meeres", sagte Sanders, als sie die herrliche Strandpromenade entlang schlenderten, "und bildet die nördliche Begrenzung des Hochlands von Iran…"
"Und ist durchschnittlich etwa 2 000 Meter hoch. Die größte Erhebung des Gebirges ist der vergletscherte Demawend, auf persisch Damawand, mit einer Höhe von 5 670 Metern. Herr Professor", lachte Elisabeth.
"Wenn wir schon einmal dabei sind", sagte Sanders, "könnte ich auch noch etwas Bildendes beisteuern."
"Aber bitte." Elisabeth hob graziös ihren bunten Rock, schüttelte die blonden, langen Haare und knickste vor Sanders. "Ich höre gespannt."
"Ja. Etwas über Khomeini, Ruhollah Mussawi Hendi."
"Oh. Den iranischen Ayatollah? Geboren 1900. Gestorben 1989?"
"Ja. Man nennt ihn auch - Geschenk Gottes -. Das ist ein schiitischer Ehrentitel."
"Ich weiß." Elisabeth nahm Sanders Hand. "Er war der Anführer der Revolution, die den iranischen Schah 1979 stürzte und zur Gründung der - Islamischen Republik Iran - führte. Khomeini wurde am 17. Mai 1900 in der Wüstenstadt Khomein geboren, sein richtiger Name ist Ruhollah Hendi."
"Ja. Er schrieb mehr als 20 Bücher zu islamischen Themen und wurde nach und nach als Ayatollah und Führer der Schiiten anerkannt. Seit den dreißiger Jahren war er ein aktiver Kritiker der Pahlewi-Dynastie."
"Und 1963 wurde er verhaftet, weil er sich gegen die Landreform und die Gleichberechtigung der Frau aussprach. Er ging zunächst ins Exil in die Türkei und dann in den Irak, wo er sich 1964 in an-Najaf, der heiligen Stadt der Schiiten niederließ."
"1978 wurde er aus dem Irak ausgewiesen und fand Zuflucht in einem Vorort von Paris, von wo aus er seinen Kampf gegen das Schah-Regime und dessen wichtigsten Geldgeber, die Vereinigten Staaten von Amerika, fortsetzte. Nach der Flucht von Schah Resa Pahlewi im Februar 1979 kehrte er in den Iran zurück und war der Anführer der islamischen Revolution, die den Iran von allen westlichen Einflüssen und von jeglicher Opposition gegen das Regime der Geistlichen befreien sollte." Sanders holte tief Luft; solch lange Reden führte er nur selten. "Im November 1979", fuhr er schnell fort, "führten Khomeinis Hetztiraden gegen die Vereinigten Staaten von Amerika zur Erstürmung der US-amerikanischen Botschaft in Teheran. Über 50 US-Bürger wurden bei dieser, später von Khomeini gebilligten Aktion als Geiseln genommen. Die neue Verfassung vom Dezember 1979 machte ihn zum höchsten politischen und religiösen Führer auf Lebenszeit. Das von Khomeini eingesetzte Regime unterstützte aktiv den Terrorismus und die Verbreitung von radikal-fundamentalistischen islamischen Überzeugungen."
"Toll." Elisabeth schaute bewundernd zu Sanders auf. "Aber die Geschichte kenne ich auch. Khomeini zögerte das Ende des 1. Golfkrieges zwischen dem Iran und dem Irak, das war 1980-1988 hinaus, in der Hoffnung, Saddam Hussein doch noch stürzen zu können."
"Ja. Er starb dann aber am 3. Juni 1989. Und nun, meine Liebe, haben Sie sich eine Belohnung verdient."

Sanders und Elisabeth waren an einem Blumenstand angelangt und bestaunten nun ausgiebig die exotischen Farben und Düfte der seltenen Blumen und Pflanzen.
"Bitte, suchen Sie sich etwas zur Erinnerung aus", forderte Sanders Elisabeth auf. "An diesem wunderschönen Tag."
"Aber gern."
Zu Sanders Verwunderung wählte Elisabeth zwei Zweige Flieder aus Seide, die zwischen den echten Blumen steckten, hielt sie ihm unter die Nase und streichelte ihn damit.
"Meine Lieblingsblume!", sagte sie schelmisch. "Zum Andenken an Sie."

Sanders bezahlte und sie schlenderten Hand in Hand weiter. Wie ein verliebtes Paar. Den ganzen Tag liefen sie so durch die Straßen von Teheran.
"Ich schreibe Ihnen meine Adresse auf", sagte Elisabeth plötzlich ohne ersichtlichen Zusammenhang inmitten der sehr belebten Straßen. "Moment." Sie holte einen kleinen bunten Zettel aus ihrem ebenso bunten, mit weißen Rüschen verzierten Täschchen,und einen Bleistift und kritzelte eine Anschrift auf das Papier. "Wenn Sie wieder in München sind, würde ich mich sehr freuen, Sie in der Gaststätte meiner Eltern begrüßen zu dürfen", sagte sie und überreichte Sanders den Zettel mit der Anschrift. "Und jetzt habe ich großen Durst."
"Ich auch. Setzen wie uns noch ein Weilchen in eines dieser wunderschönen, gemütlichen Cafes."

So verging die erste Hälfte der Woche viel zu schnell. Sie sahen sich noch Aliabad, die Grabstätte des Ayatollah Ruhollah Khomeini, die Ruinen der antiken Städte Rhagai, dem Geburtsort des Kalifen Harun ar - Raschid und Ra, dem Standort einer wichtigen Erdölraffinerie, an und gingen dann in das Iran - Bastan - Museum, in dem die Kunstwerke aus den antiken persischen Stätten zu bewundern waren.

Sanders fühlte sich wie im Traum. Mit der Realität schien das alles nicht viel zu tun zu haben. Bestimmt war er verliebt und sah nun die ganze Welt durch eine rosarote Brille.
Am Verrücktesten aber erschien ihm die Sache mit dem seltsamen Portier. Denn immer, wenn er Elisabeth abends zu ihrem Hotel begleitete, um sich dann höflich von ihr zu verabschieden, sah er diesen seltsamen Portier die Treppe herunter kommen, Elisabeth den Zimmerschlüssel Nummer sechsunddreißig überreichen, sein Gesicht mit der großen Narbe zu einem süffisanten Lächeln verziehen und dann lautlos im Nirgendwo verschwinden. Auf seine verwunderte Frage, woher der Mann käme, wohin er ginge, ob sie ihn kenne, erwiderte Elisabeth jedes Mal lakonisch, der Portier beende jetzt seinen Dienst und übergäbe ihr als Letzte persönlich den letzten Schlüssel. Das sei alles. Und mit dieser Auskunft musste er sich wohl oder übel begnügen, da Elisabeth zu keiner näheren Erläuterung bereit war.
"Nicht fragen", sagte sie jedes Mal, wenn er sie wieder darauf ansprach, "genießen."
Also versuchte er zu genießen. Doch die Neugierde und auch ein kleines Unbehagen blieben, besonders, wenn er allein in seinem Bett lag und grübelte.

*
Sadik hatte für Sanders eine Nachricht hinterlegt. Die Teppiche seien aufgeladen und ausfuhrrechtlich abgefertigt, stand auf einem blauem Zettel ohne Umschlag. So würde er also schon nächste Woche zurück nach München fahren können.
Eine Telefonnummer hatte dieser Sadik auch dazu gekritzelt, mit der Bitte, ihn zurückzurufen. Und so rief er ihn umgehend an.
"Sie können das Wochenende gern auf meiner Orangenplantage verbringen", sagte er höflich. "Das Haus steht Ihnen und Ihrer Begleiterin voll zur Verfügung."
"Danke", erwiderte Sanders. "Wir nehmen die Einladung gern an. Vorausgesetzt, meine Begleiterin ist einverstanden", fügte er etwas zögerlich hinzu.
"Selbstverständlich. Fühlen sie sich ganz wie zu Hause."

Sanders legte auf. Ihn überkam plötzlich ein ganz trauriges Gefühl.
Vielleicht bedeutete das die Trennung von Elisabeth. Nur noch wenige Tage. Er würde sie bestimmt vermissen. Wie schnell man sich doch an einen Menschen gewöhnen konnte. Und er liebte sogar das altmodische bunte Kleid mit den giftgrünen Blättern. Wenn er es sich richtig überlegte, hatte er Elisabeth nur in diesem Kleid gesehen. Vielleicht besaß sie nur dieses eine. Noch heute würde er ihr moderne Kleider kaufen, natürlich nur, wenn sie damit einverstanden wäre. Vielleicht hatte sie ja keine Euros mehr. Es könnte aber auch sein, dass sie sich nichts aus den modernen Sachen machte. Oder aber, sie wollte ihre eigene Mode kreieren. Zuzutrauen wäre ihr das schon. Elisabeth war so ganz anders als die Frauen, die er kannte. Und sie wirkte so unschuldig, so zart. Aber auch sehr selbstbewusst.

Voll Rührung dachte Sanders an Elisabeth. Im schien, sie käme aus einer anderen Zeit. Einem anderen Jahrhundert. Und doch war sie auch wieder sehr real. Sie wusste so viel über die Stadt, über das Land und die Leute zu erzählen. Alles an ihr erschien ihm sehr rätselhaft. Und er war von ihr so fasziniert, dass es ihn natürlich auch sexuell nach ihr verlangte. Sobald er sie erblickte, schlug sein Herz einige Takte schneller und das wohlbekannte, aber so lange vermisste, erotische Gefühl, vibrierte verlangend durch seinen ganzen Körper. Doch wenn er glaubte, seinem Ziel etwas näher zu sein, zog sich Elisabeth immer wieder zurück. So wartete er, wenn er sich am Abend von ihr verabschiedete, schon sehnsüchtig auf den Morgen, um sie wieder zu sehen.

"Herr Sadik", sagte er vorsichtig am nächsten Morgen beim Frühstück, "hat uns eingeladen, das Wochenende auf seiner Orangenplantage zu verbringen. Ich wollte nicht wegfahren, ohne es Ihnen gesagt zu haben."
"Und ich hätte es Ihnen übel genommen, wenn Sie weggefahren wären, ohne mich mitzunehmen."
"Macht es Ihnen nichts aus, dass wir zwei Tage und zwei Nächte allein im Hause sind?" , fragte Sanders freudig überrascht. "Das hätte ich nicht erwartet", fügte er leise hinzu.
"Sie mögen mich. Und ich bin mir sicher, Sie respektieren mich."
"Es ist schön, Elisabeth, dass Sie mir vertrauen." -

*

Marens Bein war eingeschlafen.
"Komm, wir machen einen kleinen Spaziergang", schlug sie Falken vor. "Das wird uns gut tun."
"Gute Idee", war Falken einverstanden. "Ich hole nur schnell meine Wollweste, es ist draußen kühl geworden."
Aus dem Wandschrank im Flur nahm Falken seine Wollweste vom Bügel und hängte sie Maren um die Schultern. "Zur Modenschau kannst du damit nicht gehen", scherzte er. "Aber sie wärmt gut."
"Im schlimmsten Falle kann ich sie mir zweimal um den Leib wickeln."

Langsam gingen Falken und Maren durch den Garten dem Waldrand zu. Es war eine wirklich schöne Nacht. Die Sterne glitzerten in großer Zahl. Auf dem weichen Waldboden lag schon der Tau der Frühe, und die Vögel trällerten ihr Morgenlied.

"Herrlich." Maren war überwältigt ob dieser unerwarteten Schönheit. "Ein Erlebnis. Für mich. Das Stadtkind", jubelte sie.

Arm in Arm erreichten sie den Waldrand. Im Mondschein war die Landschaft weit sichtbar. Klar und deutlich zeichneten sich die etwas tiefer gelegenen Häuser des kleinen Dorfes vor dem dunklen Hintergrund des Waldes ab.

"Wunderschön", schwärmte auch Falken, der plötzlich stehen blieb. "Der hat mir gerade noch gefehlt", rief er überrascht.
"Wen meinst du?", wunderte sich Maren, während sie sich von Falken löste.
"Schau mal, dort hin." Falken deutete mit dem Kopf in die Richtung, aus der von weitem Herr Pichler im Galopp auf sie zulief. "Er wittert mich auf mehrere Kilometer Entfernung. Wenn er sich langweilt, holt er mich, wo immer ich auch bin, ab. Vom Friseur. Aus der Kneipe. Oder vom Supermarkt. Plötzlich steht er da. Wie aus dem Erdboden gestampft. Jetzt hat er uns aufgespürt. Das ist für ihn ein Erfolg, der gewürdigt sein will. Pass auf. Gleich wird er auch dich begrüßen, dann aber liegst du am Boden. Halte dich ja nur fest an mir."

Kaum dass Falken ausgesprochen hatte, prallte auch schon Herr Pichler mit solcher Wucht gegen sie, dass sie ins Wanken gerieten und sich setzen mussten.
Herr Pichler ließ sich ebenfalls nieder, erhielt seine Streicheleinheiten hinter dem Ohr, lief dann brav und sittsam voraus.

"Das verstehe ich nicht", wunderte sich Maren. "Frau Clemens ist doch so zart. Wie kommt sie nur mit Herrn Pichler zurecht."
"Das ist ganz einfach." Falken erhob sich und zog Maren mit. "Sie wirft sich schon vorher freiwillig auf den Boden. So kann er sie nicht umwerfen."
Falken erzählte, wie Herr Pichler die Clemens immer wieder warnt, wenn sie sich bückt und an den Blumen riecht.
"Vielleicht denkt er, sie will die Blumen abbeißen. Dann müsste sie sich auf den Boden setzen und vergeblich warten, dass sie hinter den Ohren gekrault wird. Ha! Ha! Er bellt ihr direkt ins Gesicht und bespuckt sie dabei, so dass ihr die Freude an den Blumen gründlich vergeht."

Bis zum Haus lief Herr Pichler mit. Dann verschwand er in die Nacht.
Wieder im Wohnzimmer angekommen, kuschelte sich Maren in den blauen Sessel und las weiter:

- Am Abend, als Sanders Elisabeth zum Hotel begleitete, kam der merkwürdige Portier, wie auch sonst immer, mit dem Schlüssel, den er zwischen Daumen und Zeigefingerspitzen in Brusthöhe hielt, und überreichte ihn Elisabeth, ohne ein Wort zu sagen. Dabei starrte er ins Leere an ihr vorbei.

Mit einem kribbeligen Schauer im Rücken blickte Sanders auf diese ungewöhnlich große Ziffer 36.
‚Die Schlüssel sind viel zu groß für ein Hotel‘ ‚dachte er erschauernd. ‚Die Uniform passt auch nicht. Rot, mit goldenen Litzen verziert. Und riesigen, goldenen Knöpfen. Und diese tiefe Narbe, die sich von der Augenbraue über das Ohr bis zum Nacken zieht. Was ist das für ein gruseliges Zeichen im Gesicht dieses schrecklichen Mannes. Voll unheimlich.‘

Sanders schüttelte sich. In seinem Kopf ging alles durcheinander. Der Portier, überhaupt die ganze Atmosphäre in diesem Hotel, erschienen ihm immer unheimlicher. In welch mysteriöse Geschichte war er da geraten. Und vor allem - wie konnte Elisabeth nur in diesem Hotel wohnen. Aber vielleicht würde sich ja alles noch aufklären.

Und doch dachte Sanders oft, er befände sich in einem Traum. Besonders was diesen seltsamen Portier betraf und das ebenso seltsame, geheimnisvolle Hotel. Im Falle Elisabeths aber würde er gerne weiter träumen und demzufolge auch die weniger angenehmen Dinge in Kauf nehmen.

Am Morgen des nächsten Tages kam Herr Sadik pünktlich zum Hotel. Gleichzeitig traf Elisabeth ein. So frühstückten sie gemeinsam.

"Ich habe in der Stadt noch Einiges zu erledigen", verabschiedete sich Sadik nach einer halben Stunde. "Also, wie gesagt, fühlen Sie sich auf meiner Plantage ganz wie zu Hause." Er küsste Elisabeth die Hand. "Erholen sie sich gut, meine Liebe. Und, wenn Sie selbst kochen möchten, ganz in der Nähe ist ein kleines Geschäft. Es gehört einem meiner Brüder. Sie brauchen nichts zu bezahlen. Sie sind meine Gäste."

Sanders und Elisabeth fuhren die zwanzig Kilometer zur Plantage, dann zum Haus. Es war eine kleine Ansiedlung. Sichtlich nur für reiche Leute. Zu dieser Jahreszeit war hier allerdings nichts zu sehen. Sanders hatte den Eindruck, als wolle Sadik nur etwas prahlen mit seinem Reichtum.
Er und Elisabeth spazierten durch die endlos scheinenden, öden Felder mit den kahlen, schon längst abgeernteten, niedrig gehaltenen Orangenbäumen.
"Lange bleibe ich nicht hier." Sanders drückte Elisabeths Hand. "Das ist keine Gegend für eine junge Frau. Was meinen Sie?"
"Das Gleiche wie Sie." Elisabeth lachte fröhlich. "Wir brauchen ja nicht allzu lange hier zu bleiben."
"Am liebsten würde ich gleich morgen wieder zurück nach Teheran fahren."
"Gehen wir erst mal zum Haus, uns frisch machen", schlug Elisabeth vor.

Während sie unter der Dusche stand, packte Sanders das Eingekaufte aus. Was in den Dosen war, konnte er nicht entziffern, so blieben nur Kekse und Milch brauchbar.

Elisabeth kam aus dem Badezimmer, hatte ein Handtuch lose um ihren schlanken Körper geschlungen, ein anderes, turbanähnlich, um ihren Kopf und lächelte Sanders verführerisch an.
"Du kannst jetzt das Bad benutzen", sagte sie und setzte sich an den Tisch. "Ich warte hier auf dich."

Als Sanders das Bad betrat, war ihm, als würde er in eine Wolke von Fliederduft gehüllt. Eigenartig. Genau den gleichen Duft hatte er doch er in der Geschäftsstraße in Teheran verspürt. Als er Elisabeth zum ersten Mal begegnet war. Und genau nach diesem intensiv süßlichen Duft von Flieder roch hier alles. Wie war das möglich.
Sanders war bald wie betäubt, er kam erst wieder zu sich, als Elisabeth ihn ins Zimmer rief.
Wie im Traum wankte er nach unten. Elisabeth lag schon auf dem breiten Bett. Wieso das? Sie wollten doch gemeinsam zu Abend essen.
"Setz dich zu mir." Elisabeth rückte etwas zur Seite. "Umarme mich. Halt mich ganz fest."
Überrascht tat er was Elisabeth wünschte.
"Ich möchte leben", flüsterte sie mit ihrer sanften Stimme, während sie sich ganz fest an ihn schmiegte. "Dich lieben. Immer mit dir sein. Aber bitte nicht jetzt. Nicht heute. Und nicht hier."
Erschauernd spürte Sanders, wie auffallend kalt Elisabeth war und auch nicht mehr nach Flieder roch.
"Hast du Fliederseife benützt?, fragte er. „Und kalt geduscht?"
"Ich liebe Flieder", erwiderte Elisabeth. "Mir ist kalt. Komm. Wärme mich."
Behutsam zog er Elisabeth die Decke bis ans Kinn und legte dann seinen Kopf an ihren.
"So ist es gut", murmelte Elisabeth zufrieden. "So möchte ich es ewig haben."

***
 

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