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Hellseher

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© Gerald W.   
   
Frau Schmidt sitzt im muffigen Büro und denkt an die Ferien. Alle können verreisen, nur sie nicht. Und es ist gerade heute so heiß. Sie schwitzt fürchterlich. Es gibt hier keine Klimaanlage- zu teuer für die winzige Firma.
Frau Schmidt reißt die Fenster weit auf. Na, das kühlt leider auch kaum ab. Von hier aus kann sie direkt auf die Straße blicken.
Besonders schön ist der Anblick nicht. Alles ist umgeben von Wänden. Häuser, Häuser und nichts als Häuser- und auch noch so hoch! Glücklicherweise verschafft sich die Sonne mit ihren goldenen Strahlen auch hier ein bisschen Platz.
Es stinkt von irgendwo her, reger Verkehr ist dort unten, die Leute laufen hastig. Niemand sieht das Sonnenlicht, niemand sieht Frau Schmidt. Man hetzt in die Läden oder sonst wo hin.
Lisa Schmidt kraust die Nase. Sie hat genug von diesem Bild, denkt sich einfach das Ganze weg und stellt sich stattdessen vor, sie säße in einem netten Restaurant auf der Dachterrasse. Keine Häuser mehr, wenn dann nur ganz niedrige.
Der Ostseewind erfrischt sie angenehm, es duftet nach leckerem Essen, während diese köstliche Sonne die zarte Bräune auf ihren nackten Schultern noch vertieft.
Vor einer halben Stunde war sie noch im Wasser gewesen und.... Da hört sie Schritte hinter sich.
„Hallo Fräulein Schmidt!“ Jemand tippt sie von hinten an.
„Ping!“, macht es bei ihr im Geiste und aus ist der schöne Traum. Stattdessen sieht sie direkt in die – von vielen kleinen Fältchen umgebenen - Augen ihres Chefs.
Wie sie das hasst, wenn der alte Junggeselle, sie Fräulein nennt. Zwar ist sie auch nicht mehr die Jüngste, aber solch eine Anrede ist nun wirklich alter Hut!
„Haben Sie inzwischen alles fertig?“, fragt er freundlich.
„Fertig? Oh, ...äh..ja!“, stottert sie verwirrt, noch immer ein wenig eingelullt vom schönen Gedanken an Wasser und Wellen.
Sie reicht ihm die Seiten. Er verschwindet damit ins Nebenzimmer. Sie seufzt verdrießlich während sie weiter schwitzt und mit dem Bleistift ein tiefes Loch in den dicken Radiergummi bohrt. Ach, könnte sie doch jetzt gleich ins Wasser und dann in einer dieser kuscheligen Dünen liegen. Würde sie den neuen Tanga oder lieber einen normalen Bikini anziehen? Sie kichert in sich hinein, weil sie über das Wort „normal“ nachdenken muss.
Da tippt ihr wieder jemand von hinten auf die Schulter. Nein, das hat sie heute nicht so gerne.
„Fräulein...ach, ich weiß ja, dass Sie diese Anrede nicht mögen, also, Frau Schmidt geht es Ihnen auch so, dass Sie bei diesem köstlichen Sommerwetter immer wieder schönste Gedanken haben?
Sie stutzt und findet, dass er ihr bei dieser Frage eigentlich etwas zu tief in die Augen schaut. Nun arbeitet sie hier schon drei Jahre, aber dieser- ohnehin eigenbrötlerische- Mann ist ihr heute erst recht ein Rätsel.
Sie schaut mutig zurück. Donnerwetter, hatte Herbert Strauch eigentlich immer schon derart hübsche Augen? Sie sind blau – blau wie das Wasser, wie das Meer in das sie sich hinein werfen möchte.
Er trägt den Hemdkragen heute offen. Das sieht irgendwie verwegen aus. Sie blinzelt irritiert. Tja, schöne Gedanken, was meint Herr Strauch eigentlich mit seiner Frage?
Und so als würde er erraten, was sie gerade skeptischer Weise denkt, fragt er:“Denken Sie dabei an das Gleiche wie ich?“ Und er kommt ihr mit seiner Nase ein wenig näher.
„Wwweiß nicht. Was denken SIE denn?“ Sie geht mit ihrer Nase ein bisschen vor ihm zurück.
„Ich denke, dass Sie an das denken, an das ich gerade denke!“, sagt er entschlossen und schaut dabei auf ihren Mund.
Automatisch muss sie ihre Lippen befeuchten. Sie macht es ganz vorsichtig. „Und was meinen Sie, was ich gerade gedacht haben könnte, während Sie dachten, dass ich das denke, was Sie denken?“, fragt sie etwas kurzatmig.
„Na, das gleiche wie ich und ich dachte, dass sie ihr Denken vielleicht heute ins tun umsetzen wollen? Vielleicht sogar augenblicklich?“
Sein Blick huscht kurz zum Ausschnitt ihrer Bluse. Oder hatte sie sich das nur eingebildet?
„Au...augenblicklich?“, ächzt sie verwirrt. Komisch, warum geht ihr Herzschlag plötzlich so schnell?
„Fräulein ...äh ...Frau Schmidt!“, verbessert er sich rasch, räuspert sich und nimmt wieder eine korekte Körperhaltung ein. „Wir kennen uns nun schon drei ganze Jahre..."
"Stimmt!",piepst sie.
"Und in diesen haben Sie sich mir als eine große Stütze erwiesen und da dachte ich ...äh ...wollen wir zwei nicht einfach ...“ Er bricht nun doch lieber ab.
Nein, sie täuschte sich nicht. Er hatte wieder auf ihre Lippen gesehen, wenn auch ganz verstohlen und ja, auch sein Atmen erscheint ihr heute etwas heftiger.
„Also, was sollten wir zwei ... äh, ich meinte eher Sie und ich ....oder ich und Sie ......wollen?“, stößt sie mutig hervor.
„Na, ich dachte mir, gib dir einen Ruck,Herbert. Alle guten Dinge sind schließlich drei und wollen wir nicht heute etwas früher Schluss mit der Arbeit machen und dann...“
„Habe nichts dagegen, aber was ist mit dem DANN?“, schnauft sie.
„Na und uns DANN vielleicht in einen der herrlichen Seen dieser Stadt werfen, weil es so verdammt...äh, sehr heiß ist? Ich stelle mir nämlich andauernd die Ostsee vor, müssen Sie wissen, und das ist wenigstens so ein ganz kleiner Ersatz."
“Ja, das wäre ein schöner Ersatz.",ächzt sie überrascht. "Gute Idee! Aber warum denken Sie an die Ostsee und nicht...zum Beispiel an die Nordsee?“
„Nein, es sind Ostseegedanken!“
„He, welch ein zufall, die meinigen auch!"
„Wußte doch, dass Sie denken könnten, was ich denke!“

Nun sitzt Frau Schmidt in Herrn Strauchs kleinem Oldtimer und sie fahren gemeinsam zu ihrem Lieblingssee. Ein bisschen misstrauisch ist Frau Schmidt aber doch geworden, und zwar in der Hinsicht, dass er vorhin wirklich das gedacht haben könnte, was sie gedacht hatte, denn ihr war eingefallen, dass sie neulich ihr Prospekt von der Ostsee bei ihm im Büro vergessen hatte.
Könnte er womöglich ein klein wenig geschummelt haben, nur um heute mit ihr an diesen See zu fahren? Sie legt vorsichtig ihre Hand auf seinen Schenkel.
"Fräulein, nein, Frau Schmidt",keucht er leise, als er ihre Hand spürt. "Denken Sie dabei gerade an dasselbe wie ich?"
"Ich denke, dass Sie darin richtig liegen, dass ich das denke, wovon sie meinen, dass ich das denken könnte."
 

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