... für Leser und Schreiber.  

SIE

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© Wolfgang Reuter   
   
(Gedicht zum Zweimal-Lesen)

Sie fühlt sich schön, schon fast perfekt,
dank Schminke, Sprays und Creme.
Doch leider ist ihr Ruf defekt -
Vergangenheitsprobleme.

Sie geht schon auf die Rente zu.
Gefärbt sind ihre Haare
und viel zu hoch die Stöckelschuh. -
Wo sind sie hin, die Jahre?

Sehr oft denkt sie daran zurück,
wie's ihr als Kind ergangen.
Kurz nach dem Krieg, da hat ihr Glück
ganz plötzlich angefangen.

Die Mutter war sehr deutsch und reich,
war Diva am Theater,
die kriegte alle Männer weich,
auch Konrad, ihren Vater.

Beschützt begann ihr Lebenslauf,
zum Glück war's ein gesunder.
Und bald schon ging es steil bergauf.
Es kam das Wirtschaftswunder.

Mit neunzehn spürte sie entzückt
die Kraft der wilden Triebe.
Sie spielte nächtelang verrückt
und „Recht auf freie Liebe“.

Doch als sie Samy traf, stand gleich
ihr Herz in hellen Flammen.
Lebt der auch hinterm großen Teich -
noch heut gehen sie zusammen.

Mit vierzig war die Freude groß,
ihr widerfuhr was Feines:
Die Liebe war so grenzenlos,
sie kriegte noch was Kleines.

Heut ist sie ältlich, unsre Maid,
quält sich mit Aids und Schnupfen.
Sie motzt sich auf mit einem Kleid,
tiefschwarz, mit gelben Tupfen.

Sie lächelt krampfhaft und verspannt
und ist behäbig dick.
Du hast sie sicher längst erkannt,
die Bundesrepublik?

www.wolfgang-reuter.com, 15. 02. 2006, leicht aktualisiert im April 2013
 

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