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Hallo Ossi!

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© Wolfgang Reuter   
   
Heut traf ich Oswald, den gescheiten,
den kenn ich – das ist lange her –
noch aus den "guten alten Zeiten",
da war er Spitzen-Funktionär.

Sein Ehrgeiz war einst ohnegleichen.
Wenn er was sagte, dann sprach Gott.
So stellte er im Kreis die Weichen
wie vorher in der FDJ.

Jetzt, sagt er, sei ja alles mieser,
vielleicht mit Ausnahme vom Bier.
Und ruiniert sei er von dieser
Gesellschaft, lebe von Hartz vier.

Sein Weib war immer schon Friseuse,
heut heißt's Frisörin. Doch sie nimmt
das gar nicht übel, ist nicht böse,
solange nur das Trinkgeld stimmt.

Das gehe so schon viele Jahre,
er lebe gut damit zumeist:
Sie macht den Leuten schöne Haare,
derweil er halt den Haushalt schmeißt.

„Ach Oswald, wie die Jahre rennen“,
sag ich, „dass man's kaum glauben kann.“
„Du kannst mich ruhig Ossi nennen!“,
sagt er und grinst mich freundlich an.

„Mach's gut!“, sag ich, und ich entweiche.
Ich schau ihm nach und glaub es kaum:
Wie wurde aus ostdeutscher Eiche
ein solcher schlapper Gummibaum?

www.wolfgang-reuter.com, 16. 01. 2006
 

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