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Skandal im Wahl-Lokal

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© Wolfgang Reuter   
   
Bei allen Wahlen ist's dasselbe:
die Straßen von Plakaten voll.
Und Grüne, Rote, Schwarze, Gelbe
erklär'n, dass man sie wählen soll.

Herr Michel stöhnt, ihm knurrt der Magen.
Was int'ressiert ihn da die Wahl?
Um sich das Bäuchlein vollzuschlagen,
treibt's ihn zum Essen ins Lokal.

Er greift zur Karte, ihm wird übel:
Bunt wie'n Plakat! - Herr Michel zuckt;
ein jedes Essen ist penibel
verschiedenfarbig ausgedruckt.

In gelb, an allererster Stelle,
gibt’s Gelbwurz mit Sauce hollandaise,
gegart in einer Westerwelle,
als Nachtisch einen Schweizer Käs.

In rot gibt’s Roastbeef auf Radiesi,
mit Rote-Beete-Saft versehn,
und Peperoni, scharf wie Gysi,
dazu den Rotwein „La Fontaine“.

Aal grün vom Fischer wird geboten
mit grünen Bohnen und Salat,
dazu mit Lauch gefüllte Schoten
auf dunkelgrünem Blattspinat.

Pechschwarz gibt’s Schnecken, gut gesäubert,
fast ohne Schleim (man merkelt's kaum),
mit schwarzem Pfeffer fein bestoibert,
serviert in schwarzem Wurzel-Saum.

In rosa bietet man Makrelen
in wabbelweichem Saft-Gelee.
Wer Angst vor Gräten hat – die fehlen!
Dazu gibt's Pfeffermünte-Tee.

„Schluss!“, flucht Herr Michel, ruft den Ober,
er knallt die Karte hin und spricht:
„Was soll ich denn mit dem Zinnober? -
Giraffen-Futter ess ich nicht.“

„Mein Herr“, bekommt er da zu hören,
„Sie speisen bei uns stets First Class!“
Herr Michel will sich nicht beschweren:
„Dann bringen Sie mir irgendwas!“

„Auch damit, Maestro, kann ich dienen,“
Schon eilt der Ober flugs herbei.
„Mein Herr, ich präsentiere Ihnen
den guten deutschen Einheitsbrei.“

Herr Michel kaut und würgt und leidet.
Er schluckt verstört und resümiert:
Wer sich beim Wählen nicht entscheidet,
muss nehmen, was man ihm serviert.

www.wolfgang-reuter.com, 05. 08. 2006
 

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