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DER HIMMEL UEBER ROM, Teil 14 - IM KERKER...

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© Ingrid Alias I   
   
Der Kaiser nickte Marcus zu und legte ihm kurz die Hand auf die Schulter. Er rief einen Posten herbei, der ihn in den Keller des inneren Palastes geleiten sollte, dort wo die Hochverräter des Reiches gefangen gehalten wurden.
Der Ort lag tief unter der Erde und war gut bewacht. Eine endlose Reihe von Zellen befand sich darin, und Marcus wunderte sich über deren Anzahl. Er hatte immer gedacht, Claudius wäre ein gerechter Herrscher und kein grausamer Despot. Aber so viele Zellen…
Dann machte er sich klar, dass Messalina die treibende zerstörerische Kraft im Kaiserreich war. Die Kaiserin hatte die meisten dieser armen Opfer auf dem Gewissen. Messalina mit ihrem unersättlichen Streben nach Geld, nach Anerkennung, nach sexueller Befriedigung, sie hatte mit ihren Intrigen und ihren unbegründeten Anschuldigungen unglaublich viele Menschen vernichtet. Einfach nur so, aus Rache, weil Männer nicht mit ihr schlafen wollten. Oder aus Neid, weil sie etwas hatten, das sie selber nicht hatte. Oder aus Angst, dass jemand dem Claudius verraten könnte, was sie in Wirklichkeit trieb. Möglicherweise so geschehen bei der Nichte des Kaisers, der Lesbia, der Tochter seines geliebten Bruders Germanicus… Die Messalina hatte sie verleumdet beim Claudius; die Lesbia hatte ihn zu oft besucht, mit ihm geplaudert – und deswegen musste sie verschwinden. Lesbia hatte ihren furchtbaren Bruder Caligula überlebt, aber dann war eine Frau ihr Untergang, die unerbittliche Messalina. Ihre Schwester Agrippinilla hatte sich klüger verhalten und sich kaum bei ihrem kaiserlichen Onkel blicken lassen. Deswegen wurde sie wohl verschont. Viele andere wurden aber nicht verschont, meistens wurden sie sofort zum Tode verurteilt, manchmal aber saßen sie jahrelang in den Kerkern unter dem Kaiserpalast und warteten auf ihre Hinrichtung.
Es war schlimm - auch für einen gestandenen Offizier, der fast alles an Grausamkeiten gesehen hatte - an diesen Zellen vorbeizugehen.
Manche Insassen, alle wahre Bürger des Römischen Reiches, hockten apathisch auf ihren Matratzen, andere klammerten sich schreiend an die Gitter und beschimpften jeden, der vorbeiging auf unflätigste Weise. Oder sie flehten ihn an, sie zu befreien. Sie schienen wahnsinnig zu sein vor Hass und Angst.
Marcus versuchte tapfer nicht hinzuhören und nicht hinzusehen, er ging stoisch an der Seite des Wachpostens entlang, bis dieser schließlich Halt machte vor einer Zelle, die im Gegensatz zu den anderen luxuriös ausgestattet war. Ein Bonus als enge Verwandte und Freundin der Kaiserin?
Marcus sah hinter den Gittern seine Frau. Sie kauerte in einer Ecke der Zelle auf einer Matratze und wirkte aufgelöst, dennoch war sie immer noch schön, aber auf eine furchtbare Weise.
Ihn schauderte es, was tat er hier, doch dann besann er sich und streckte seine Hand durch das Gitter. „Sidonia?“, fragte er zaghaft.
Er sah, wie sie von der Matratze aufstand und sich dem Gitter näherte. Ihr Blick wirkte wild und verrückt. So standen sie sich gegenüber, einander anschweigend.
Marcus versuchte, ihrem Blick auszuweichen, doch der hielt ihn fest, bis er ihn nicht mehr aushalten konnte, und er sagte: „Sidonia, höre mir gut zu: Der Kaiser wird dich verschonen, aber nur, wenn du dich auf den Landsitz in Capua begibst und dort bleibst.“
Das war nachsichtig ausgedrückt, denn in Wirklichkeit hieß es: „Du wirst dort in diesem Landsitz eingesperrt sein für den Rest deines Lebens, und ich werde dein Vormund und dein Kerkermeister sein.“ Sofort musste er an seinen Vater denken, auch dessen Vormund war er in den letzten Jahren gewesen. Sein Vater war damals dem Tode geweiht, bis er, Marcus, eine Möglichkeit gefunden hatte, um ihn zu retten. Hatte er das Richtige getan? Oder hätte sein Vater vielleicht den Tod vorgezogen?
Es war egal, er würde es nie erfahren, denn sein Vater war mittlerweile total verwirrt. Doch manchmal in seltenen Augenblicken erkannte er ihn. „Mein lieber Sohn, ich danke dir für alles, was du für mich getan hast. Es war sicher nicht leicht für dich“, sagte er dann immer im gleichen Wortlaut. „aber du wirst bald frei sein, es dauert bestimmt nicht mehr lange…“ Er liebte seinen Vater, er wollte seinen Tod nicht. Und würde er jemals frei sein? Er fühlte sich der Sidonia immer noch verpflichtet, ihr, seiner verrückten verderbten Frau.
Sie schaute ihn an, und ihr Blick war hasserfüllt. Marcus fragte sich, ob ihr Blick jemals anders als hasserfüllt gewesen war. Nein, das war er nie gewesen. Die Sidonia hatte ihn immer verabscheut, ahnte sie seine Gefühle etwa? Und verabscheute sie ihn deswegen? Er hatte den Vertrag erfüllt, aber zu mehr war er nicht fähig gewesen. War es deswegen? Hätte es anders kommen können? Vielleicht hätte er über seinen Schatten springen sollen, aber das konnte er nicht, wollte er nicht…
„Da bringe ich mich doch besser um! Lieber will ich sterben, als unter deiner Fürsorge zu leben!“, quoll es bitter aus ihr hervor, während sie ihn abschätzig musterte. „Die Messalina konnte sich nicht selber töten, das mussten andere für sie tun. Aber ich kann es! Und ich werde es tun!“
Marcus wandte sich betroffen ab. Sidonia würde es tun, das wusste er. So sehr hasste sie ihn. Was er nicht wusste war, ob er darüber Bedauern empfinden konnte. Vermutlich würde sein schlechtes Gewissen dies verhindern. Oh nein, warum konnte er nicht froh darüber sein?
Er gab sich selber die Antwort: Er hatte es ihr geschworen, und er musste sich selber treu bleiben. Das war dumm, denn er liebte eine andere. Aber auch die machte sich nichts aus ihm, warum auch…
Dann auf einmal kam ihm zu Bewusstsein, was Sidonia über die Kaiserin gesagt hatte: „Die Messalina konnte sich nicht töten, das mussten andere für sie tun…“ Was zum Pluto hatte das zu bedeuten? Der Kaiser war es nicht gewesen, nie im Leben war er es gewesen, der die Messalina zum ehrenhaften Selbstmord aufgefordert hatte. Hatten es stattdessen seine Sekretäre getan, die sich allesamt aus Freigelassenen zusammensetzten? Natürlich waren sie diejenigen, die den Claudius unter Drogen hielten. Die Messalina war mittlerweile eine Gefahr für sie und ihre Posten. Man munkelte, der Narcissus wäre einer ihrer Liebhaber gewesen und fühle sich nun durch ihre Ehe mit dem Gaius Silius bedroht. Natürlich bestünde dann auch für die meisten Beamten am Hofe des Kaisers keine Verwendung mehr. Aber egal aus welchen Beweggründen der Narcissus gehandelt hatte, er hatte klug gehandelt, denn die Messalina war nicht würdig, Kaiserin zu sein. Nein, nein, was dachte er da? Er durfte sich es nicht anmaßen, über sie zu richten.
Dennoch wollte er die Wahrheit erfahren. „Aber der Kaiser hat die Messalina nicht verurteilt, er liebt sie immer noch, ich war doch eben bei ihm und muss es wissen. Warum also ist es geschehen?“
„Frage seine Sekretäre! Frage den Narcissus - das ist übrigens der einzige von den freigelassenen Säcken, der Eier hat. Dann wirst du es wissen!“ Wieder schaute die Sidonia ihn an, als würde sie ihn zutiefst verabscheuen.
Der Blick tat ihm weh. Was hatte er ihr angetan? Er wusste es nicht und machte einen letzten Versuch zu ihrer Rettung.
„Willst du das wirklich, Sidonia?“, fragte er sie. „Willst du wirklich sterben? Das Leben als solches ist doch viel zu kostbar, um es so zu vergeu…“
„Liebst du mich so wie der Kaiser seine Frau liebt?“
Marcus war sprachlos, er versuchte seine Gefühle in Worte zu fassen, aber nichts davon kam aus seinem Mund heraus. Wie auch…
„Also halte deinen Mund! Und verschwinde! Lass mich einfach allein! Dein Anblick ist mir unerträglich, hau ab, du Wichser, du Schlappschwanz! Aber ich habe noch eine hübsche Überraschung für dich, da wirst du dich aber wundern! Es hat mit einer Frau zu tun, die dir viel bedeutet. Aber wenn ich mit ihr fertig bin, wird sie nicht mehr dieselbe sein…“ Sidonia schenkte ihm ein hämisches Lächeln und ließ das Gitter los. Sie drehte sich um und ging langsam zu ihrer Matratze und ließ sich darauf fallen. Dann kehrte sie sich zur Wand und bewegte sich nicht mehr.
Marcus sah ihr hinterher, er konnte es nicht fassen. Sie wollte lieber sterben, als in Capua auf seinem Landsitz zu leben. Dann kamen ihm ihre letzten Worte zu Bewusstsein. Was meinte sie damit? Sie konnte doch gar nichts davon wissen. Aber wenn doch? Und wie würde ihre Rache aussehen? Er hatte kein gutes Gefühl dabei. Wie erstarrt stand er vor den Gittern.
Irgendwann spürte er, dass der Wachposten ihn erst anschaute und dann seinen Arm um ihn legte. Behutsam wurde er von ihm fortgeführt in Richtung Ausgang.
„Lass sie! Es hat doch keinen Sinn“, sagte der Posten. „Diese Frau ist verstockt und außerdem schuldig, das ist erwiesen. Und da sie das Angebot des Kaisers ablehnt, unter deiner Fürsorge zu leben, wird sie den Dolch erhalten…“ Er meinte damit den Dolch, mit dem die Gefangenen zu ihrer Ehre Selbstmord begehen konnten.
Marcus sah ihn schweigend an. Er konnte nichts dazu sagen. Es war alles offenkundig, nichts konnte mehr geändert werden, also ließ er sich von der Wache aus dem Kerker hinausführen.
Draußen angekommen lehnte Marcus sich an die Mauern des Palastes und rang nach Luft. Zuviel war in der letzten Stunde auf ihn eingestürmt.
Einer von der kaiserlichen Leibgarde wurde auf ihn aufmerksam und näherte sich ihm. „Marcus, bist du das etwa?“
„Ja“, sagte Marcus zerstreut und blickte den Leibgardisten an. Er kannte ihn, sie hatten gemeinsam in Britannien gekämpft, doch danach dienten sie in verschiedenen Legionen.
Marcus war immer noch wie betäubt von dem Hass, der ihm von seiner Frau entgegengeschlagen war, doch dann nahm er sich zusammen und fragte den Gardisten: „Sage Lucius, ist es wirklich wahr, dass die Messalina schon tot ist? Der Kaiser, mit dem ich vorhin sprach, wusste gar nichts davon, er sprach sogar darüber, sie zu sich zu bitten und sie anzuhören.“
„Es ist wahr, die Schlampe ist tot! Sie war zu feige, sich selber zu töten, und deswegen hat der diensthabende Offizier es getan.“ Der Leibgardist lachte auf. „Der Kaiser hat nämlich dem Narcissus die Verfügungsgewalt für einen Tag übergeben, und der Freigelassene hat die Möglichkeit genutzt und die Verurteilung der ehemaligen Kaiserin veranlasst.“ Wieder lachte der Gardist. „Vorher hat der Kaiser noch eine schöne Rede an seine Leibgarde gehalten und uns gefragt, was wir an seiner Stelle tun würden. Wir als seine Leibgarde. Es war eine wunderschöne Rede. Er machte uns klar, dass Menschen und Exkaiserinnen irren können, aber dass die Stadt Rom und ihre Werte ewig sind. Wir waren überwältigt, begeistert! So eine schöne Rede, und das Beste daran war, dass wir als Mannschaften über das Schicksal Roms bestimmen konnten. Wir waren nämlich NICHT Liebhaber der Messalina wie die ganz hohen Offiziere, wir sind normale Bürger, Leute mit Ehre! Und wir haben alle geschrien: Bring die Schlampe um! Töte sie! Schlag sie tot, Caesar! Schlag alle tot, die dabei waren!“
Marcus schaute ihn an und verstand.
„Und jetzt ist sie tot, mit all ihren Liebhabern und Anhängern, und das ist gut, ob der Kaiser es nun so wollte oder nicht!“
Marcus nickte. Und er fragte sich, ob es das Beste für das Römische Reich sein würde. Er wusste es nicht, es konnte immer noch viel Schlimmes geschehen, obwohl es im Moment das Beste war. Nachdenklich trat er aus dem Palast heraus.
Ach du lieber Himmel, dachte er, der arme Claudius. So verlieren wir beide unsere Frauen fast am selben Tag… Die Sidonia will nicht von mir abhängig sein, und nun muss ich es ihrer Tochter beibringen… Armes mutterloses Kind. Andererseits war Sidonia nie eine richtige Mutter gewesen, und er hegte den Verdacht, dass sie das Kind schon im Mutterleib loswerden wollte, und dabei war etwas geschehen, etwas Schlimmes, das Kind überlebte zwar, aber der rechte Fuß… Marcus biss sich auf die Lippen und dachte an eine andere Frau. Vielleicht war jetzt der Weg frei zu ihr. Nein, es war nicht richtig, er musste seine Wünsche vergessen, verdrängen… Aber würde ihm das jemals gelingen?
Er sah, wie ihm eine kleine Gestalt entgegenhinkte, er stutzte, das konnte nicht sein. Litt er schon unter Halluzinationen? Möglich…
Nein, es war Wirklichkeit. Beim Näherkommen erkannte er seine Tochter. „Was machst du denn hier?“, fragte er fassungslos.
„Ich, ich, ich bin so schnell gelaufen, wie… ich konnte. Die beiden… Sklaven… sie konnten… mich nicht…mehr… tragen…“ Die Colonia brach ab, weil sie nach Luft ringen musste.
„Aber was ist denn passiert?“
„Vanadis…“, keuchte die Kleine. „Sie ist…. entführt… worden!“
Marcus schaute sie verständnislos an, doch dann erinnerte er sich plötzlich an die letzten Worte der Sidonia: ‚Aber ich habe noch eine hübsche Überraschung für dich, da wirst du dich aber wundern! Es hat mit einer Frau zu tun, die dir viel bedeutet, aber wenn ich mit ihr fertig bin, wird sie nicht mehr dieselbe sein…’
Ein Fluch entfuhr ihm. Hoffentlich war es noch nicht zu spät. „Was ist passiert? Sag es! Sag es ganz kurz!“, fuhr er seine Tochter an.
Die Colonia konnte mittlerweile fast wieder normal sprechen: „Wir.. waren.. auf..dem.. Weg.. zum. Markt, kurz vor der Subura überfielen maskierte Männer die Vanadis, sie stülpten ihr irgendetwas über den Kopf und trugen sie dann fort. Die stummen Brüder versuchten sie zu verfolgen, aber die anderen hatten Messer, und es waren zu viele. Und einer von ihnen trug einen schwarzen Umhang.“
Schwarzer Umhang? Marcus fragte sich, was das zu bedeuten hatte. Vielleicht wusste es einer, der sich in Rom besser auskannte als er.
„Bleib hier und rühr dich nicht vom Fleck! Ich komme gleich wieder!“
Er ging zurück in den Palast, traf dort seinen früheren Mitstreiter und fragte ihn nach Leuten in schwarzen Umhängen aus.
„Ach die! Das sind die Leute des Bacchus, die feiern heute ihr höchstes Fest zu Ehren ihres besoffenes Gottes - und wie man sagt, gehen sie dabei nicht zimperlich um…“
„Wie meinst du das, nicht zimperlich?“
„Man sagt, sie bringen ihm Menschenopfer dar, vorzugsweise Jungfrauen, die zuerst geschändet und dann getötet werden. Ist ein irrer Haufen, lauter Verrückte, egal ob Männer oder Frauen… Genauso irre wie diese Christen mit der Nächstenliebe!“ Der Wachposten lachte höhnisch auf.
Marcus erstarrte, das war furchtbar, Vanadis, dieses wunderschöne stolze Mädchen dort? Niemals! Das würde er verhindern!
„Wo findet dieser Spuk denn statt?“, fragte er und versuchte, seiner Stimme einen gelassenen Klang zu geben.
„Vermutlich auf dem Marsfeld im Tempel des Bacchus.“
Das Marsfeld. Natürlich! Dort befanden sich jede Menge Tempel und Opferstätten, es war riesengroß – manche Leute behaupteten, die Stadt Rom wäre nur ein Anhängsel des Marsfelds…
„Sag Lucius, hast du Lust, ein paar Köpfe aneinander zu schlagen, oder in ein paar feiste Bäuche zu stechen, bis das Blut in Strömen fließt?“
„Klar doch Kamerad, hier ist ja nie was los. Ach könnte ich doch mal wieder einen richtigen Krieg mitmachen…“
„Der wird in nächster Zeit nicht stattfinden, es ist doch schon alles erobert. Aber gut, besorge dir eine Vertretung und organisiere ein paar starke Leute, die auch wild drauf sind, Köpfe einzuschlagen…“
„Kein Problem, Marcus. Davon haben wir hier genug. Aber um was geht’s denn überhaupt?“
„Wir werden heute eine Jungfrau retten, weißt du überhaupt, was das ist, eine Jungfrau? Die gibt es nur noch selten. Ja, lache nur“, Marcus musste jetzt selber grinsen, doch er wurde sofort wieder ernst. „Und wir werden ihren Peinigern in den Arsch treten, bis sie Blut kotzen! Gut, wir treffen uns gleich vor dem Palast!“
Er kehrte zurück zu seiner Tochter. Er hatte es eilig, aber dann hielt er inne, oh nein, da war doch noch etwas. Etwas Schlimmes, wie sollte es ihr beibringen?
Colonia wartete schon auf ihn: „ Was ist, kannst du sie retten?“
„Ich weiß es nicht, werde es aber versuchen. Aber verdammt, es gibt da noch etwas anderes, etwas Schreckliches. Deine Mutter ist hier im Gefängnis, sie hat Hochverrat begangen und wurde verurteilt. Ich konnte sie nicht retten, obwohl ich es versucht habe. Sie wollte es nicht.“
Colonia schaute ihn mit großen Augen an. Dann schien sie zu begreifen, und sie dachte wohl nach. Colonia hatte ihre Mutter nie lieben können, aber trotzdem musste sie jetzt zu ihr gehen. Genauso wie er zu ihr gegangen war.
„Und wenn sie mich nicht sehen will?“, sagte sie, und in ihrer Stimme schwang Verzweiflung mit.
„Ich weiß, dass es dir nicht leicht fällt, aber du musst es versuchen. Denn wenn du es nicht tust, dann wirst du es immer bereuen.“
Colonia senkte den Kopf und nickte. „Ja Vater, ich werde es tun… Aber nun gehe und rette Vanadis!“
*~*~*
Langsam aber unaufhaltsam durchdringt etwas Vanadis’ seelischen Schutzschild, ein zarter Ton, der erste von vielen anderen drängt sich in ihren Sinn hinein. Die Töne haben nichts mit ihrer Mutter zu tun, und sie versucht sie zu vertreiben, kann sie noch vertreiben, aber nicht mehr lange.
Ach Mutter, meine liebe Mutter, ich muss nun gehen, ich will es nicht, aber es wird geschehen, und ich habe Angst vor dem was passieren wird. Ich kann es nicht länger verhindern.
Du musst keine Angst haben, sagt ihre Mutter, während ihre Stimme immer leiser wird, vertraue nur deinem Herzen, und alles wird gut werden.
Sprich doch weiter! Sprich bitte weiter! Bitte lass mich nicht allein. Doch die Stimme ihrer Mutter ist verstummt, quälend langsam taucht sie wieder in die bekannte Welt ein, in die verhasste Welt, zuerst in die der Geräusche.
Eine Trommel schlägt, es hört sich furchtbar an, als ob jeder Trommelschlag den Tod einleiten will. Gesang ertönt, erregte Schreie, kreischende Frauenstimmen. All das steigert sich zu einem schrillen Crescendo, Vanadis will sich die Ohren zuhalten, aber es geht nicht, sie ist immer noch gefesselt.
Dann ändert sich etwas: Neue Geräusche, sie hören sich nach Kampf an, Schwerter klirren erst leise, dann lauter, Flüche ertönen und Beschimpfungen, dann Schmerzensschreie. Sie kann Gebrüll hören, raue Befehle.
Nun kommt langsam ihre Nase wieder ins Spiel: Ihr Geruchssinn sagt ihr etwas, der Hauch von einem ekelhaften Gestank liegt in der Luft, es muss das Gewand sein, das sie trägt, dieses widerliche blutdurchtränkte Gewand. Ja, es kann nur Blut sein, das weiß sie jetzt. Und es ist in der Mitte geschlitzt. Das fühlt sie jetzt.
Auch ihre Augen können undeutlich wieder sehen. Vor ihr erscheint eine durch Fackeln schwach beleuchtete Höhle, nackte Körper glänzen im diffusen Licht, sie tanzen einen irren Reigen, liegen zusammen und vereinigen sich. Sie schließt die Augen, versucht die Bilder abzuschütteln, will sie loswerden, aber es geht nicht.
Ihre Handgelenke tun weh, sie kann sich nicht befreien. Hilflos zerrt sie an den Fesseln.
Da ist noch ein anderer Geruch, er stinkt nach Ziegenbock. Sie hat Angst, furchtbare Angst, er ist es, der Gott, er wird sie… NEIN! Wie unter Zwang öffnet sie die Augen.
Vor sich sieht sie wieder diese Gestalt, sie kann sie jetzt deutlich erkennen: Es ist ein Mann, er ist behaart, und er trägt Hörner auf dem Kopf. Er hält ein Messer in der Hand, und er ist so nahe... Geh weg, geh doch weg!
Hinter ihm erscheinen andere Körper, keine nackten, es sind Soldaten. Sie treiben die anderen vor sich her, viele entkommen durch Ausgänge, einige liegen auf dem Boden und bewegen sich nicht.
Aber der Gehörnte ist immer noch vor ihr, der Gott mit dem Messer. Vanadis’ Körper fängt an zu zittern.
In diesem Moment bricht die Gestalt zusammen und liegt vor ihr am Boden wie das Fell eines ausgeweideten Tieres.
Vanadis lächelt.
Danke Mutter, danke Mutter!
Ein Gesicht beugt sich über sie, sie kennt es, will es aber nicht kennen. Das kann nur eine Täuschung sein. Dann wird es wieder schwarz um sie.
 

http://www.webstories.cc 10.08.2020 - 06:46:59