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Die Kinder von Brühl 18/Teil1 - Plumpsklo und Gänseblümchen/Episode 19/Frau Roth und der Rohrstock

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©  rosmarin   
   
Wir schreiben das Jahr 1945

Episode 19

Frau Roth und der Rohrstock

„Zeig deine Hände her Rosi.“ Frau Roth fuchtelt mit ihrem Rohrstock vor meiner Nase herum. „Los, her damit!“, schreit sie, „und die Handflächen nach oben!“

Frau Roth kann mich nicht leiden. Ich sie auch nicht. Wie die schon aussieht. Ganz dürr ist die. Sie trägt immer denselben braunen Rock. Dazu eine helle Bluse, die bis zum Hals zugeknöpft ist. Und unter dem Kragen mit den spitzen Ecken hängt immer ein brauner Schlips. Wie bei einem Männerhemd. Ihre blonden Haare sind streng nach hinten gekämmt und zu einem großen Dutt verknotet. Ihre stockdünnen Beine stecken in braunen Halbschuhen mit flachen Absätzen. Nein, eine Schönheit ist Frau Roth bestimmt nicht.
Jetzt ist sie ganz rot im Gesicht. Und echt wütend. „Mach schon dummes Ding“, sagt sie. Aber jetzt ganz leise. „Oder du kommst an den Katzentisch.“

*

Katzentisch? Den will ich natürlich nicht. Der Katzentisch steht gleich neben dem Lehrerpult. Dort müssen die Kinder sitzen, die höchst ungehorsam sind. Sie sitzen mit dem Gesicht zur Klasse. So, dass sie jeder sehen kann. Und sie sitzen immer allein dort. Sie sind die armen Sünder. Und die darf man verspotten.
Wenn die Roth wüsste, dass ich immer noch nicht lesen kann, würde ich wohl nur noch an diesem verhassten Katzentisch sitzen müssen. Aber sie hat nichts gemerkt. Sie gibt mir sogar immer ein „hervorragend“, wenn ich etwas vorlese. Vorlesen kann man es natürlich nicht nennen, weil ich die Texte neben den Bildern auswendig lerne, wenn sie Frau Roth vorliest. Oder die anderen Kinder. Die scheinen alle lesen zu können. Nur ich nicht. Vielleicht bin ich ja zu dumm dazu.
Else sagt ja auch immer dumme Gans. Oder dummes Ding, wenn ich sie irgendwie verärgert habe. Dabei stupst sie ihren Zeigefinger immer gegen meine Stirn. Wenn das so weitergeht, werde ich wohl bald ein Loch an der Stelle haben. Aber Else ist die Einzige, die es gemerkt oder zumindest vermutet hat. Und das kam so:
„Komm, lies mir mal was aus diesem Heft vor“, hat sie neulich gesagt, als wir auf dem Sofa saßen. „Hier, diesen Abschnitt.“ Sie tippte auf eine Stelle in ihrem Groschenheft. Wahrscheinlich ein kurzer Arztroman. Sie hat massenhaft solcher Hefte in einem Korb neben dem Sofa liegen. „Zur Entspannung“, brummelt sie manchmal, bevor sie sich auf das Sofa setzt und wieder nach so einem Heftchen greift.
Ich nahm das Heft, starrte auf die Stelle und stotterte irgendwas. Else starrte mich verwundert an. Dann lachte sie los. „Du kannst doch gar nicht lesen“, amüsierte sie sich. „Hahaha, du kannst die Wörter nicht zusammenziehen. Du kennst nur die Buchstaben. Das ist ja toll. Dabei bist du die Beste im Lesen in der Klasse. Na, Frau Roth“, wird sich wundern. Haha.“
„Bitte Mama, sag es nicht Frau Roth“, bettelte ich.
„Nein, natürlich nicht“, beruhigte mich Else. „War nur Spaß. Der Knoten wird schon noch platzen.“

Der Knoten ist bis jetzt nicht geplatzt.

*

In der Klasse ist es mucksmäuschenstill. Alle sind gespannt, was ich nun tun werde. Katzentisch oder Stockschläge. Die Kinder halten buchstäblich den Atem an.
Langsam strecke ich meine Arme vor. Die Handflächen nach oben. Frau Roth grinst zynisch. Dann holt sie aus. Der Rohrstock saust hernieder. Doch in dem Moment, als der Stock meine Hände berühren soll, ziehe ich sie instinktiv zurück.
„Aua“, schreie ich, „aua!“

Einige Kinder kichern. Ich drehe mich um. Ich sitze in der ersten Reihe auf der braunen Schulbank. Sie ist aus dickem Holz. Ich sitze auf Sitz zwei. Die Bank hat vier Sitze. Davor steht der Schreibtisch. Er ist so lang, wie die Bank. Die Schreibfläche ist etwas abgeschrägt. Am unteren Ende befindet sich eine Rille. So So können die Schreibutensilien nicht herunterfallen. Auf jedem Platz ist rechts oben eine Vertiefung für ein Tintenfass eingebracht. Wir haben allerdings noch kein Tintenfass mit Tinte. Wir dürfen ja noch nicht mit einem Federhalter schreiben. Erst in der zweiten Klasse. In der ersten Klasse könnte allerdings in dem Tintenfass Wasser sein. Für den Schwamm. Den könnten wir dann in das Tintenfass tauchen und die Schiefertafel damit sauber wischen. Mit dem trockenen Schwamm ist sie ja oft ganz verschmiert.
Neben dem Lehrerpult steht auch eine Schiefertafel. Eine riesengroße. Dazu gehört auch der entsprechende Schwamm. Damit kann Frau Roth das, was sie an die Tafel geschrieben hat, auch wieder wegwischen.

*

Jetzt bin ich mal neugierig, wer da kichert. Also drehe ich mich um. Hinter mir sind ja noch fünf Reihen Schulbänke. Auf der anderen Seite auch. Dazwischen ist der Durchgang.
Irgendwie wird es jetzt lustig. Einige Kinder fangen an zu lachen. Dann immer mehr. Zuletzt lacht die ganze Klasse. Ich auch. Nur Frau Roth lacht nicht. Sie wird immer wütender.

„Umdrehen!“, schreit sie außer sich. „Hände her!“

Langsam drehe ich mich wieder um. Das Lachen verstummt. Ich zeige wieder meine Hände her. Mit den Handflächen nach oben. Als ich den Rohrstock niedersausen sehe, wiederholt sich das Spiel. Meine Hände ziehen sich automatisch zurück. Sie wollen einfach nicht gehorchen.
„Raus!“, schreit Frau Roth wieder los, „raus. Das gibt ein Nachspiel.“

*

Das Nachspiel kenne ich. Sie wird es Else petzen. Und ich kann mir was anhören. Dabei habe ich mich doch zuerst nur umgedreht, weil Helga, die hinter mir sitzt, mich angeschubst hat. Und deswegen rastet die Roth so aus. Neulich, als sie etwas wissen wollte, hab ich mich gemeldet und gleich geantwortet, als sie mich noch nicht aufgefordert hatte, zu reden. Da kam sie auch mit dem Rohrstock. Und hat mich nach Hause geschickt, als es nicht klappte. Den Katzentisch hatte ich auch verweigert. Ich lasse mich doch nicht anstarren.
„Du machst nur Ärger“, wird jetzt Else wieder sagen, „als ob ich nicht schon genug Sorgen hätte.“

*

Sorgen hat Else wahrlich. Ich aber auch. Ich packe langsam meine Fibel, meine Schiefertafel und die bunte Rechenmaschine in den Schulranzen. An der Schiefertafel hängt an der rechten Seite in einem Loch der Schwamm und der Schieferstift. Den nennen wir Griffel. Da ist das Wort nicht so lang. Schwamm und Griffel dürfen nicht mit in den Ranzen. Die müssen an der Seite heraushängen. Deswegen ist zwischen der Klappe und dem Ranzen auch etwas Raum. An den Ranzen aus echtem Kuhfell kann ich mich einfach nicht gewöhnen. Dem Geschenk von Wally. Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn meine Schecke geschlachtet worden wäre und ich aus ihrem Fell jetzt den Ranzen trägen müsste. Bestimmt würden mich ihre großen blauen Augen ganz traurig anblicken. Es ist zu schrecklich. Aber was soll ich machen. Ich habe keinen anderen Ranzen. Außerdem beneiden mich alle Kinder darum. Aber das ist mir egal. Sie haben ja keine Kühe im Stall. Außer Lotholz. Das ist ja der größte Bauer im Ort. Ein Großbauer. Gesehen habe ich von dem allerdings noch keine Kühe. Nur ganz viele Knechte. Bestimmt aus Polen. Die müssen ja hier arbeiten. Aber sie bekommen nur ganz wenig zu essen. Und fast kein Geld. Das sagen die Leute. Und die haben Mitleid mit den jungen Männern. Manchmal sehen wir auch junge Frauen. Die sind noch dünner als die Männer.
Mit dem Lothar Lotholz habe ich noch nicht gesprochen. Der sitzt hinten in der letzten Reihe. Der ist ein bisschen dick. Und ein bisschen hochnäsig.

Ich gucke mir die Schiefertafel und die Fibel und die Rechenmaschine nochmal an. Dann gehe ich langsam zur Tür. Doch ich vergesse, sie wieder zu schließen. So höre ich noch, dass Frau Roth zu den Kindern sagt:
„Da seht ihr Kinder, was die Rosi für ein ungezogenes Kind ist. Ich hoffe, ihr nehmt euch kein Beispiel an ihr.“

*

Die Haustür ist verschlossen. Niemand da. Alle ausgeflogen. Das macht Else öfters. Sie hält es einfach nicht aus in dem Haus. Ich bin ja auch so ein Unruhegeist, wie sie sagt, und muss meine Nase auch überall hineinstecken.
Ich versuche es noch einmal mit dem Stock, der im Hauseingang steht. Doch auf der Ablage ist kein Schlüssel. Else hat ihn diesmal mitgenommen. Sie kann ja auch nicht wissen, dass ich heute aus der Schule geflogen bin und drei Stunden früher zurückkomme.

Ich klingle bei Frau Schmids. Ihr Hitlermann ist bestimmt nicht zuhause. Er ist, obwohl er schon das Alter überschritten hat, noch eingezogen worden. Er muss ja das Deutsche Vaterland verteidigen.
Neulich hat er zu Richard gesagt: „Denk an den 14. Februar Richard. Die Zerstörung Dresdens war ein sinnloser Terrorakt. Eine militärische Notwendigkeit für den Angriff bestand nicht. Dresden ist weder ein Verkehrsknotenpunkt für Truppenverschiebungen noch ein Industriezentrum, in dem etwa kriegswichtige Waffen oder Geräte hergestellt werden.“
„Ja“, stimmte Richard zu, „alle waren ja von der Wertlosigkeit Dresdens als Bombenziel der RAF so überzeugt. Und somit hat Dresden auf alle Vorkehrungsmaßnahmen verzichtet. Und der ohnehin geringe Schutz der Stadt durch die Flak entfiel zu dem Zeitpunkt des Angriffs völlig. Die Kanonen zur Panzerbekämpfung sind ja an die Ostfront transportiert worden.“
„Und außerdem war die Stadt überfüllt von Vertriebenen aus den deutschen Ostgebieten“, sagte Herr Schmids, „und die haben sich ausgerechnet Dresden als Ziel ihrer Flucht ausgesucht.“ Herr Schmids wackelte empört mit seinem Kopf. „Weil sie sich in Sachsens Hauptstadt vor Bombenangriffen der Alliierten sicher wähnten.“
„Es muss furchtbar gewesen sein", sagte Richard, „Flüchtlinge, Frauen und Kinder. Entsetzlich.“
„Und deswegen werde ich jetzt auch kämpfen.“ Herr Schmids machte sich ganz gerade. „Bis auf den letzten Mann“, sagte er stolz. „Lieber sterben, als sich ergeben. Die Wunderwaffe kommt bestimmt. Dann stecken wir die unterirdischen Tommies und Iwans alle in den Sack. Sieg heil!“
Herr Schmids streckte seinen Hitlerarm entschlossen von sich.

Richard hat ihm nicht widersprochen.
Und Frau Schmids hat nichts mehr von ihm gehört.
Und ich habe wiedermal gelauscht.

Irgendwie habe ich Angst. Allerdings weiß ich nicht wovor. Vielleicht, dass die Alliierten ihre Bomben auch auf unsere Stadt abwerfen? Dass alles zurückkommt wie ein Bumerang? Wie Richard immer sagt.
Mir scheint, als hätten auch die Erwachsenen Angst. Sie werden immer stiller. Sie lachen auch nicht mehr. Und machen keine Witze, Und wenn Fliegeralarm ist, hängen sie nur noch die Decken vor die Fenster. In die beiden Luftschutzkeller geht kaum noch jemand. Auch wir nicht. Else sagt immer: „Was kommen soll, kommt. Das Grauen lauert überall.“

Nach dem Feuersturm in Dresden liegt das Grauen auch über unserer kleinen Stadt. Was in Dresden passiert ist, soll noch viel schlimmer gewesen sein, als das damals in Hamburg. In Dresden sollen die Menschen sogar als lebende Fackeln in die Elbe gesprungen sein. Aber sie konnten sich nicht retten.
Und trotzdem will der Hitlerschmids das Vaterland retten.

*

„Na Rosi“, sagt Frau Schmids und wackelt mit ihrem Kopftuchwuschelkopf, „hast du wieder die Schule geschwänzt?”
„Ich schwänze nicht”, sage ich, „die blöde Roth hat mich rausgeschmissen.”
„Warum denn das?”, will Frau Schmids wissen.
„Weil ich den Rohrstock und den Katzentisch nicht wollte.”
„Du bist mir schon ne Marke“, lacht Frau Schmids, „richtig so. Lass dir nichts gefallen. Willst du vielleicht nen Kräutertee?”
„Danke”, sage ich, „aber darf ich bitte wieder durch Ihren Hof.”

Es ist nicht das erste Mal, dass ich durch Schmids Hof in unseren Hof gewandert bin. Hinter dem Fliederbaum ist ja die Steinmauer, die mein Urgroßvater, also der mit der Schuppenflechte, seinerzeit als Abgrenzung gebaut hat. Hätte er das Land nicht verkauft, wäre unser Hof jetzt viel größer. Aber er hat ja das Geld gebraucht. Wofür auch immer. Vor der Mauer ist der Mist. Auf den kommen immer die Küchenabfälle. Organische Dünger. Wie Else sagt. Wenn ich von der Mauer runter springe, muss ich aufpassen, dass ich nicht auf den Mist falle. Deshalb muss ich auf den letzten Stein klettern. Davor beginnt die gepflasterte Stelle im Hof. Etwas vor dem Plumpsklo.
Jetzt haben wir März. Und der Mist ist nicht mehr gefroren. Wie noch vor Kurzem. Jetzt wühlen schon die Käfer in dem Mist herum. Und bald werden auch die Insekten darüber fliegen. Hummeln und Bienen. Und Fliegen. Besonders Fliegen. Die lieben den Mist. Die bunten Schmeißfliegen. Die mag ich am liebsten. Die schillern immer so schön im Sonnenlicht. Ja, die Sonne wird bald scheinen. Dann ist es richtig Frühling. Und dann blüht auch bald der weiße Flieder. Und vielleicht schreibt auch Else Berta wieder einen schönen Brief.

Liebe Mama, komm doch wieder, denn im Hof blüht schon der weiße Flieder.

Und vielleicht wird dann alles besser.

Aber wenn wir nicht siegen. Was dann?

***


Fortsetzung in Episode 20
 

http://www.webstories.cc 19.03.2019 - 08:37:06