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Die Kinder von Brühl 18/Teil1 - Plumpsklo und Gänseblümchen/Episode 19/Fräulein Roth und der Rohrstock

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©  rosmarin   
   
Wir schreiben das Jahr 1945

Episode 19

Fräulein Roth und der Rohrstock

Nun bin ich schon seit einem halben Jahr ein Schulkind. Wie habe ich mich danach gesehnt. Aber jetzt bin ich doch etwas enttäuscht. Manchmal schaue ich mir das Bild mit der Zuckertüte an. Und ich staune immer wieder. Das soll ich sein? Im rosa Kleid. Mit Schnürschuhen. Weißen Söckchen. Kurzen Haaren. Das ist das Allerschlimmste. „Damit du wenigstens zum Schulanfang ordentlich aussiehst“, hat Else bestimmt, „müssen die langen Zottellocken weg. Ich komme ja gar nicht mehr durch.“
Else hat mich regelrecht zum Friseur oben am Kleffer gezerrt. Mit Gewalt hat mich Herr Dietrich dann auf den hohen Stuhl gesetzt. Doch ich bin immer wieder herunter gesprungen. „Wenn sie nicht will, dann will sie nicht“, hat Herr Dietrich zu Else gesagt. Else ist dann die Geduld geplatzt. Sie hat die Friseurschere genommen und mir ritsch ratsch die Haare selbst abgeschnitten. Dann hat sie mich an der Hand gepackt und ohne ein Wort und ohne meine langen Haare den Friseursalon verlassen. Die Zuckertüte ist ziemlich groß. Die Zuckertüte von Wally. Und weil es nicht mehr so viele schöne Sachen gibt, war sie fast bis obenhin mit alten Zeitungen gefüllt. Nur obenauf lagen zwei Tüten Bonbons. Ein Päckchen Würfelzucker und einige Plätzchen. Die hat Else selbst gebacken.Vom letzten Mehl.
Ich kann mich mich nicht erinnern, wie es weiterging. Mit der Schule. Else sagt zwar, dass wir eine schöne Feier hatten. Und zwar in der Aula. Der Rektor hätte eine herzergreifende Rede gehalten, uns Schulanfänger begrüßt und uns Fräulein Roth, unsere Klassenlehrerin, vorgestellt. Außerdem hätte der Schulchor gesungen und alle zusammen Deutschland, Deutschland über alles. Also die Nationalhymne. Eltern, Lehrer und Kinder.
Alles weg. Wohin nur? Vielleicht lebe ich ja wirklich in einer anderen Welt.
"In welcher Welt lebst du eigentlich?“, fragt Else oft.

*
„Zeig deine Hände her Rosi“, sagt Fräulein Roth in dieser Welt. Sie fuchtelt mit ihrem Rohrstock vor meinem Gesicht herum. „Los, her damit!“, schreit sie, „und die Handflächen nach oben!“

Fräulein Roth ist sehr streng. Wenn man ein loses Mundwerk hat, nicht still sitzen kann oder sich dauernd umdreht, bekommt man was mit dem Rohrstock auf die Hände.
Fräulein Roth ist sehr dünn. Sie trägt immer denselben braunen Rock. Und eine weiße Bluse. Die ist bis zum Hals zugeknöpft. Über der Bluse hängt ein brauner Schlips. Ihre blonden Haare hat sie straff nach hinten gekämmt und zu einem großen Dutt verknotet. Ihre Beine stecken in braunen Halbschuhen mit flachen Absätzen.
Jetzt ist Fräulein Roth ganz rot im Gesicht. Und echt wütend. „Mach schon dummes Ding“, sagt sie. Aber jetzt ganz leise. „Oder du kommst an den Katzentisch.“

*

Katzentisch? Den will ich natürlich nicht. Der Katzentisch steht gleich neben dem Lehrerpult. Dort müssen die Kinder sitzen, die höchst ungehorsam sind. Sie sitzen mit dem Gesicht zur Klasse. So, dass sie jeder sehen kann. Und sie sitzen immer allein dort. Sie sind die armen Sünder. Und die darf man verspotten.
Wenn Fräulein Roth wüsste, dass ich immer noch nicht lesen kann, würde ich wohl nur noch an dem Katzentisch sitzen. Aber sie hat nichts gemerkt. Sie gibt mir sogar immer ein „hervorragend“, wenn ich etwas vorlese. Vorlesen kann man es natürlich nicht nennen, weil ich die Texte neben den Bildern auswendig lerne, wenn sie Fräulein Roth vorliest. Oder die anderen Kinder. Die scheinen alle lesen zu können. Nur ich nicht. Vielleicht bin ich ja zu dumm dazu.
Else sagt ja auch oft dumme Gans. Oder dummes Ding, wenn ich sie verärgert habe. Dabei stupst sie ihren Zeigefinger gegen meine Stirn. Wenn das so weitergeht, werde ich wohl bald ein Loch an der Stelle haben. Aber Else ist die Einzige, die es gemerkt oder zumindest vermutet hat. Und das kam so:
„Komm, lies mir mal was aus diesem Heft vor“, hat sie neulich gesagt, als wir auf dem Sofa saßen. „Hier, diesen Abschnitt.“ Sie tippte auf eine Stelle in ihrem Groschenheft. Wahrscheinlich ein kurzer Arztroman. Sie hat massenhaft solcher Hefte in einem Korb neben dem Sofa liegen. „Zur Entspannung“, brummelt sie manchmal, bevor sie sich auf das Sofa setzt und wieder nach so einem Heftchen greift.
Ich nahm das Heft, starrte auf die Stelle und stotterte irgendwas. Else starrte mich verwundert an. Dann lachte sie los. „Du kannst doch gar nicht lesen“, amüsierte sie sich. „Hahaha, du kannst die Wörter nicht zusammenziehen. Du kennst nur die Buchstaben. Das ist ja toll. Dabei bist du die Beste im Lesen in der Klasse. Na, Fräulein Roth“, wird sich wundern. Haha.“
„Bitte Mama, sag es nicht Fräulein Roth“, bettelte ich.
„Nein, natürlich nicht“, beruhigte mich Else. „War nur Spaß. Der Knoten wird schon noch platzen.“

Der Knoten ist bis jetzt nicht geplatzt.

*

In der Klasse ist es mucksmäuschenstill. Alle sind gespannt, was ich nun tun werde. Katzentisch oder Stockschläge.
Langsam strecke ich meine Arme vor. Die Handflächen nach oben. Der Rohrstock saust hernieder. Doch in dem Moment, als der Stock meine Hände berühren soll, ziehe ich sie instinktiv zurück.

Einige Kinder kichern. Ich drehe mich um. Ich sitze in der ersten Reihe auf der braunen Schulbank. Sie ist aus dickem Holz. Ich sitze auf Sitz zwei. Die Bank hat sechs Sitze. Sie ist mit dem Schreibpult davor verbunden. Die Schreibfläche ist etwas abgeschrägt. Am unteren Ende befindet sich eine Rille. So kann die Fibel nicht herunterfallen.
Auf jedem Platz ist rechts oben eine Vertiefung für ein Tintenfass eingebracht. Und daneben eine Vertiefung für den Griffelkasten. Den haben wir aber noch nicht. Auch kein Tintenfass mit Tinte. Wir dürfen noch nicht mit einem Federhalter schreiben. Erst in der zweiten Klasse. In der ersten Klasse könnte allerdings in dem Tintenfass Wasser sein. Für den Schwamm. Den könnten wir dann in das Tintenfass tauchen und die Schiefertafel damit sauber wischen. Mit dem trockenen Schwamm ist sie oft ganz verschmiert.
Neben dem Lehrerpult steht auch eine Schiefertafel. Eine riesengroße. Dazu gehört auch der entsprechende Schwamm. Damit kann Fräulein Roth das, was sie an die Tafel geschrieben hat, auch wieder wegwischen.

*

Natürlich bin ich neugierig, wer da kichert. Also drehe ich mich um. Hinter mir sind noch fünf Reihen Schulbänke. Auf der anderen Seite auch. Dazwischen ist der Durchgang.
Einige Kinder fangen an zu lachen. Dann immer mehr. Zuletzt lacht die ganze Klasse. Ich auch. Nur Fräulein Roth lacht nicht. Sie wird immer wütender.

„Umdrehen!“, schreit sie. „Hände her!“

Langsam drehe ich mich wieder um. Das Lachen verstummt. Ich zeige wieder meine Hände her. Mit den Handflächen nach oben. Als ich den Rohrstock niedersausen sehe, ziehen sich meine Hände wieder automatisch zurück. Sie wollen einfach nicht gehorchen.
„Raus!“, schreit Fräulein Roth wieder los, „raus. Das gibt ein Nachspiel.“

*

Das Nachspiel kenne ich. Fräulein Roth wird es Else petzen. Und ich kann mir was anhören. Dabei habe ich mich doch zuerst nur umgedreht, weil Helga, die hinter mir sitzt, mich angeschubst hat. Und deswegen rastet Fräulein Roth so aus. „Du machst nur Ärger“, wird jetzt Else wieder sagen, „als ob ich nicht schon genug Sorgen hätte.“

*

Sorgen hat Else wahrlich. Da werde ich mal lieber lieb sein. Damit sie sich nicht aufregt.
Ich packe die Fibel, die Schiefertafel und die bunte Rechenmaschine in den Schulranzen. An der Schiefertafel hängt an der rechten Seite in einem Loch der Schwamm und der Schieferstift. Den nennen wir Griffel. Da ist das Wort nicht so lang. Schwamm und Griffel dürfen nicht mit in den Ranzen. Die müssen an der Seite heraushängen. Deswegen ist zwischen der Klappe und dem Ranzen etwas Raum.
An den Ranzen aus echtem Kuhfell kann ich mich einfach nicht gewöhnen. Dem Geschenk von Wally. Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn meine Schecke geschlachtet worden wäre und ich aus ihrem Fell jetzt den Ranzen trägen müsste. Bestimmt würden mich ihre großen blauen Augen ganz traurig anblicken. Es ist zu schrecklich. Aber was soll ich machen. Ich habe keinen anderen Ranzen. Außerdem beneiden mich alle Kinder darum. Aber das ist mir egal. Sie haben ja keine Kühe im Stall. Außer Lotholz. Das ist der größte Bauer im Ort. Ein Großbauer. Gesehen habe ich von dem allerdings noch keine Kühe. Nur ganz viele Knechte. Bestimmt aus Polen. Die müssen hier arbeiten. Russen, Juden und Kommunisten sind auch dabei. Sie bekommen ganz wenig zu essen. Und fast kein Geld. Jedenfalls sagen das die Leute. Manche haben Mitleid mit den jungen Männern und würden ihnen gern etwas zustecken. Auch wenn sie selbst nur wenig haben. Aber das ist streng verboten. Und wer es doch wagen sollte, wird abtransportiert. Wohin weiß niemand.
Manchmal sehen wir auch junge Frauen. Die sind noch dünner als die Männer.
Mit dem Lothar Lotholz habe ich noch nicht gesprochen. Der sitzt hinten in der letzten Reihe. Der ist ein bisschen dick. Und ein bisschen hochnäsig.

Ich gucke mir die Schiefertafel und die Fibel und die Rechenmaschine nochmal an. Dann gehe ich langsam zur Tür. Doch ich vergesse, sie wieder zu schließen. So höre ich noch, dass Fräulein Roth zu den Kindern sagt:
„Da seht ihr Kinder, was die Rosi für ein ungezogenes Kind ist. Ich hoffe, ihr nehmt euch kein Beispiel an ihr.“

*

Die Haustür ist verschlossen. Niemand da. Alle ausgeflogen. Das macht Else öfters. Sie hält es einfach nicht aus in dem Haus. Ich bin ja auch so ein Unruhegeist, wie sie sagt, und muss meine Nase auch überall hineinstecken.
Ich versuche es noch einmal mit dem Stock, der im Hauseingang steht. Doch auf der Ablage ist kein Schlüssel. Else hat ihn diesmal mitgenommen. Sie kann ja nicht wissen, dass ich heute aus der Schule geflogen bin und drei Stunden früher zurückkomme.
So klingle ich bei Frau Schmids. Ihr Hitlermann ist bestimmt nicht zuhause. Er ist, obwohl er schon das Alter überschritten hat, noch eingezogen worden. Er muss das Deutsche Vaterland verteidigen. Das sei seine Pflicht, hat Frau Schmids gesagt.
Neulich hat Herr Schmids zu Richard gesagt: „Denk an den 14. Februar Richard. Die Zerstörung Dresdens war ein sinnloser Terrorakt. Eine militärische Notwendigkeit für den Angriff bestand nicht. Dresden ist weder ein Verkehrsknotenpunkt für Truppenverschiebungen noch ein Industriezentrum, in dem etwa kriegswichtige Waffen oder Geräte hergestellt werden.“
„Ja“, stimmte Richard zu, „alle waren ja von der Wertlosigkeit Dresdens als Bombenziel der RAF überzeugt. Und somit hat Dresden auf alle Vorkehrungsmaßnahmen verzichtet. Und der ohnehin geringe Schutz der Stadt durch die Flak entfiel zu dem Zeitpunkt des Angriffs völlig. Die Kanonen zur Panzerbekämpfung sind ja an die Ostfront transportiert worden.“
„Und außerdem war die Stadt überfüllt von Vertriebenen aus den deutschen Ostgebieten“, sagte Herr Schmids, „und die haben sich ausgerechnet Dresden als Ziel ihrer Flucht ausgesucht.“ Herr Schmids wackelte empört mit seinem Kopf. „Weil sie sich in Sachsens Hauptstadt vor Bombenangriffen der Alliierten sicher wähnten.“
„Es muss furchtbar gewesen sein", sagte Richard, „Flüchtlinge, Frauen und Kinder. Entsetzlich.“
„Und deswegen werde ich jetzt auch kämpfen.“ Herr Schmids machte sich ganz gerade. „Bis auf den letzten Mann“, sagte er stolz. „Lieber sterben, als sich ergeben. Die Wunderwaffe kommt bestimmt. Dann stecken wir die unterirdischen Tommies und Iwans alle in den Sack. Sieg heil!“
Herr Schmids streckte seinen Hitlerarm entschlossen von sich.

Richard hat ihm nicht widersprochen.
Und Frau Schmids hat nichts mehr von ihm gehört.
Und ich habe wiedermal gelauscht.

Irgendwie habe ich Angst. Allerdings weiß ich nicht wovor. Vielleicht, dass die Alliierten ihre Bomben auch auf unsere Stadt abwerfen? Dass alles zurückkommt wie ein Bumerang? Wie Richard immer sagt.
Mir scheint, als hätten auch die Erwachsenen Angst. Sie werden immer stiller. Sie lachen auch nicht mehr. Und machen keine Witze. Und wenn Fliegeralarm ist, hängen sie nur noch die Decken vor die Fenster. In die beiden Luftschutzkeller geht kaum noch jemand. Auch wir nicht. Else sagt immer: „Was kommen soll, kommt. Das Grauen lauert überall.“

Nach dem Feuersturm in Dresden liegt das Grauen auch über unserer kleinen Stadt. Was in Dresden passiert ist, soll noch viel schlimmer gewesen sein, als das damals in Hamburg. In Dresden sollen die Menschen sogar als lebende Fackeln in die Elbe gesprungen sein. Aber sie konnten sich nicht retten.
Und trotzdem will der Hitlerschmids das Vaterland retten.

*

„Na Rosi“, sagt Frau Schmids und wackelt mit ihrem Kopftuchwuschelkopf, „hast du wieder die Schule geschwänzt?”
„Ich schwänze nicht”, sage ich, „die blöde Roth hat mich rausgeschmissen.”
„Warum denn das?”, will Frau Schmids wissen.
„Weil ich den Rohrstock und den Katzentisch nicht wollte.”
„Du bist mir schon ne Marke“, lacht Frau Schmids, „richtig so. Lass dir nichts gefallen. Willst du vielleicht nen Kräutertee?”
„Danke”, sage ich, „aber darf ich bitte wieder durch Ihren Hof.”

Es ist nicht das erste Mal, dass ich durch Schmids Hof in unseren Hof gewandert bin. Hinter dem Fliederbaum ist ja die Steinmauer, die mein Urgroßvater, also der mit der Schuppenflechte, seinerzeit als Abgrenzung gebaut hat. Hätte er das Land nicht verkauft, wäre unser Hof jetzt viel größer. Aber er hat das Geld gebraucht. Wofür auch immer. Vor der Mauer ist der Mist. Auf den kommen immer die Küchenabfälle. Organische Dünger. Wie Else sagt. Wenn ich von der Mauer runter springe, muss ich aufpassen, dass ich nicht auf den Mist falle. Deshalb muss ich auf den letzten Stein klettern. Davor beginnt die gepflasterte Stelle im Hof. Etwas vor dem Plumpsklo.
Jetzt haben wir März. Und der Mist ist nicht mehr gefroren. Wie noch vor Kurzem. Jetzt wühlen schon die Käfer in dem Mist herum. Und bald werden auch die Insekten darüber fliegen. Hummeln und Bienen. Und Fliegen. Besonders Fliegen. Die lieben den Mist. Die bunten Schmeißfliegen. Die mag ich am liebsten. Die schillern immer so schön im Sonnenlicht. Ja, die Sonne wird bald scheinen. Dann ist es richtig Frühling. Und dann blühen auch bald wieder die Gänseblümchen auf dem Wiesenfleckchen unter dem Zwetschgenbaum. Und der weiße Flieder hinter dem Mist duftet dann auch wieder so schön. Und vielleicht schreibt auch Else Berta wieder einen schönen Brief.

Liebe Mama, komm doch wieder, im Hof blüht schon der weiße Flieder.

Und vielleicht wird dann alles besser.

Aber wenn wir nicht siegen. Was dann?

***


Fortsetzung in Episode 20
 

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