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Mortal Sin Herbst 2006- Chain Reaction Of Insanity

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©  JoHo24   
   
Der Einzelne musste schon immer kämpfen, damit er nicht von der Meute überwältigt wird.
- Friedrich Nietzsche


Ein dumpfer Schmerz saß in seiner verspannten Nackenmuskulatur, der sich langsam nach oben arbeitete, um ihn zu quälen und seinen Kopf in Besitz zu nehmen. Er war umzingelt; er wurde eingekreist von zahlreichen Reizimpulsen, denen er versuchte Herr zu werden, doch er scheiterte und musste weitere Peinigungen über sich ergehen lassen.
Der wachsende Druck unter seiner Schädeldecke machte ihn wahnsinnig und führte bei ihm zu Sinnestäuschungen. Sein Wohnzimmer verschwamm vor seinen Augen und verwandelte sich in einen fremden Ort voller dichtem Nebel und formlosen Schemen, der ihn über schmale und zahlreiche Pfade in die Verwirrung führte. Es fiel ihm zunehmend schwer Realität und Fiktion differenzieren zu können.
Ein angestrengter Seufzer entfleuchte seiner Kehle, der im lautlosen Raum echote. Betäubt von seiner eigenen Stimme, lehnte er sich gegen das bequeme Rückenpolster und ließ seine Knie locker auseinanderfallen, sodass er breitbeinig auf der Couch saß.
Die entspanntere Sitzposition hatte umgehend eine entlastende Wirkung auf seine Muskulatur und trug dazu bei, dass der Schmerz merklich abnahm und er sich wohlfühlte.

Allerdings hielt dieser Zustand nicht allzu lange an und er wurde gestört. Ein Klicken drang an seine Ohren, das die himmlische Ruhe unterbrach, die geherrscht und er genossen hatte.
Es kam von der Eingangstür, an der sich offensichtlich jemand zuschaffen machte. Dieser jemand rechnete allerdings nicht damit, dass er noch wach war. Zwar herrschte in der Woh-nung tiefste Dunkelheit, doch Patton Massey III saß auf seiner Couch und genehmigte sich ein Glas Whiskey. Dies war sein alltägliches Ritual, was der Eindringling nicht wissen konnte. Die Eindringlinge, genauer gesagt, denn er konnte hören, dass es zwei Männer waren, da sie sich miteinander unterhielten und das nicht gerade leise.
„Amateure“, murmelte er kopfschüttelnd, ehe er das Glas auf den niedrigen Tisch vor sich stellte und sich ächzend erhob. Wegen ihnen musste er seinen wohlverdienten Feierabend vorerst beendet, was in dem Ex-Soldaten eine Mordswut entfachte. Dazu kam ihr stümperhaftes Vorgehen, was das Aufbrechen seines Türschlosses betraf.
Was für Versager!, dachte er und schnaubte. Versager, die das Pech haben ausgerechnet bei mir einzubrechen. Tja, sorry Jungs, aber diese Nacht werdet ihr nicht überleben. Mit einem vorfreudigen und grausamen Lächeln positionierte er sich lautlos an der Tür zum Flur und wartete.
Nach einer gefühlten Ewigkeit hatten sie endlich Erfolg, was ihm ein leises Klacken verriet. Das war für ihn der Startschuss; der Moment, in dem es Ernst wurde und er sich konzentrieren musste. Patton senkte die Lider und verließ sich ganz auf sein Gehör. Die Beiden betraten vorsichtig und bedacht seine Wohnung, soweit es ihnen mit ihren schlurfenden und plumpen Schritten möglich war. Auch jetzt noch unterhielten sie sich unentwegt, indes sie weiter pie-tätlos in seine Privatsphäre eindrangen. Der Killer fletschte wild die Zähne.
Diese Kerle waren lästige Insekten; Schädlinge, die sich ins Haus schlichen und es galt gnadenlos auszurotten. Daher bereitete sich Patton auf seine Attacke vor, indem er durch das Kreisen des Kopfes seine steife Nackenmuskulatur lockerte und die Hände zu Fäusten ballte.
Indes kamen sie unwissend seinem Versteck immer näher, sodass er ihre angestrengten Atem-züge vernehmen konnte. Er öffnete langsam seine Augen und erkannte die Schemen der Eindringlinge, die an ihm vorbeigingen und sich gar nicht die Mühe machten die Wohnung zu durchsuchen. Sie gingen planlos vor; unbedacht und völlig naiv. Seiner Einschätzung nach waren die beiden jung und sehr unerfahren im Bereich der Kriminalität. Zu dumm, dass er trotz dessen keinerlei Mitleid mit ihnen haben oder Gnade zeigen würde. Wer sich in seine Nähe wagte, musste nun mal damit rechnen Opfer seiner Gefährlichkeit und Brutalität zu werden.
Als die zwei Männer ihm den Rücken zuwandten, trat er aus seinem Versteck hervor und griff sich von hinten den ersten von ihnen, dessen Genick er in Sekundenschnelle brach. Das abscheuliche Knacken ließ seinen Vordermann plötzlich herumwirbeln. Aufgrund des fehlenden Lichtes war es Patton nicht möglich den Gesichtsausdruck seines Gegenübers zu erkennen, doch er hörte den entsetzten Laut aus seinem Mund, als jener realisierte, dass er in der Falle saß. Der Ex-Soldat machte einen großen Schritt über den toten Körper vor seinen Füßen und fixierte sein nächstes Opfer, welches beinahe stolperte, als es übereilig vor ihm zurückwich.
„Es ist zu spät. Du entkommst mir nicht, Arschloch“, knurrte Patton tollwütig, ehe er auf ihn zustürmte und mit einem Schlag auf den Boden beförderte. Er verlor keine Zeit und trat mit gewaltiger Kraft und unter Einsatz seines gesamten Körpergewichts immer wieder auf den Schädel des Fremdlings. Die dabei entstehenden Geräusche waren ein Gemisch aus Krachen und Knacken, begleitet von qualvollem Röcheln und erbärmlichen Wimmern.
Es klang wie eine eigenwillige Komposition; eine Symphonie des Todes, die eine wohlige Gänsehaut bei ihm auslöste, aber bereits nach wenigen Augenblicken an Lautstärke verlor und in einer schaurig-schönen Stille endete.
Der Ex-Soldat ließ nach getaner Arbeit von seinem Opfer ab und machte sich auf den Weg zum nächsten Lichtschalter. Frisches Blut klebte unter der Sohle seines rechten Schuhs, wo-durch bei jedem Schritt ein widerliches Schmatzen erklang. Als er am Ende des Flures ankam, betätigte er den Schalter der Deckenlampe, deren Licht ihn im ersten Moment kurzzeitig blendete. Nachdem sich seine Augen an die plötzlich veränderten Lichtverhältnisse gewöhnt hat-ten, hatte er zum ersten Mal die Möglichkeit seine Angreifer genauer zu betrachten.
Die beiden Männer, die unweit voneinander tot in seiner Wohnung lagen, waren, wie von ihm bereits vermutet, verdammt jung. Er schätzte sie auf gerade mal Anfang Zwanzig. Wahrscheinlich waren sie irgendwelche Kleinkriminellen; Möchtegerne, die sonst auf dicke Hose machten und überheblicher Weise dem Glauben unterlegen waren, dass niemand ihnen etwas anhaben konnte. Heute Nacht waren sie allerdings an den Falschen geraten, der ihnen gezeigt hatte, wer wahre Macht und Stärke besaß.
Patton Massey III umrundete wie in Zeitlupe die Leichen und ließ seine blauen Augen über diese schweifen. In diesem Moment sagte ihm ein plötzlich auftretendes Gefühl, dass er sie durchsuchen sollte. Es drängte ihn regelrecht, also gab er nach und wurde tatsächlich nach wenigen Sekunden fündig.
Beide trugen Schusswaffen bei sich, die sie in ihre Hosenbünde gesteckt und mithilfe ihrer weit geschnittenen und abgetragenen Jerseyjacken versteckt hatten. Dazu hatte der Größere von ihnen, dem er den Schädel fast zu Brei zerstampft hatte, ein Notizbuch dabei, welches er voller Neugierde aufschlug. Schon auf der ersten Seite entdeckte er Daten über seinen Tagesablauf. Genauer gesagt waren es aufgelistete Uhrzeiten, wann er sein Wohnhaus verlassen und dann wiedergekommen war.
Das bedeutete, dass diese Drecksschweine ihn die letzten Tage beobachtet hatten. Ihm dämmerte, dass sie keine Einbrecher waren, die sich zufällig ein Opfer gesucht hatten. Nein, sie waren beauftragt worden. Jemand hatte sie gezielt hierher geschickt, vermutlich um ihn zu töten. Dies verrieten ihm nicht nur die Waffen, sondern auch die tagelangen und akribischen Beobachtungen seiner Wenigkeit.
In dem blonden Killer wurde eine zornige Bestie entfesselt, der es nach mehr Blut und Schmerz dürstete. Zu seinem Leidwesen hatte er allerdings keinen lebendigen Menschen in seiner unmittelbaren Nähe, den er nun hätte quälen und töten können.
„AHHHHH, verfickte Scheiße!“, fluchte Patton rasend und trat wie im Blutrausch und Wahn gegen den noch unbeschadeten Kopf seines ersten Opfers. Diesen malträtierte er so lange mit kräftigen Tritten, bis man auch ihn nicht mehr als den eines Menschen identifizieren konnte.
Erst dann begann sich der Ex-Soldat zu beruhigen. Er atmete einige Male tief ein und aus, ehe er im Stande war einen klaren Gedanken zu fassen und zu versuchen, das Rätsel um die Identitäten der Männer und deren Auftrag zu lösen.
Aber wie sollte er das? Er hatte bloß die Waffen und das Notizbuch gefunden, nichts Persönliches, was etwas über sie verriet. Scheiße, was…
Inmitten seines Gedankens brach er ab, denn ihm kam plötzlich sein Boss in den Sinn, den er über den Angriff informieren musste. Und vielleicht hatte er ja eine Idee, wer die beiden waren und vor allem, wer sie beauftragt hatte.
Patton Massey wählte die Nummer von William Cunningham und wartete, rastlos durch die Wohnung laufend, darauf, dass er ran ging.
„Was gibt es, Massey?“, erklang endlich seine Stimme, die durchzogen war von Ernst, aber auch unterschwelliger Besorgnis, als ahne er, dass etwas geschehen war.
„Ich denke wir haben ein Problem, William.“
„Was bedeutet das konkret?“, erkundigte er sich ungeduldig, weil sich sein Mitarbeiter mit jeglichen Informationen zurückhielt.
„Vor wenigen Minuten sind zwei Typen in meine Wohnung eingebrochen. Diese Hurensöhne waren bewaffnet und haben mich zwei Wochen lang beschattet.“ Der blonde Killer verlor in Sekundenschnelle die Fassung und rastete am Telefon völlig aus.
„Die Drecksschweine wollten mich töten! Sie sind in meine Privatsphäre eingedrungen und hatten vor mich zu töten!“ Sein Gebrüll war ohrenbetäubend und geprägt von zügelloser Raserei, die er an seinem Boss ausließ. Jener blieb verhältnismäßig ruhig, als er das Wort ergriff.
„Konnten Sie die Angreifer stoppen, Massey?“ Seine Frage war für ihn eine herbe Beleidigung seines Könnens.
„NATÜRLICH! Sie scheinen vergessen zu haben, mit wem Sie gerade reden“, rotzte er ihm unverschämt hin, was er sich nicht gefallen ließ.
„Ich habe es nicht vergessen! Ich spreche mit einem hochmütigen Hitzkopf, dessen Problem es ist schneller zu handeln, als zu denken“, blaffte William Cunningham zurück und legte gleich nach. „Sie hingegen haben vergessen, dass ich ihr Boss bin, der Respekt verdient und sich nicht von Ihnen anschreien lässt.“ Anschließend herrschte fünf Atemzüge lang ein angespanntes Schweigen, das der Ex-Soldat letztlich unterbrach.
„Ich habe nur das Offensichtliche deutlich machen wollen: dass ich mich von niemandem überwältigen lassen. Ich werde mit jedem fertig, der sich mir in den Weg stellt“, rechtfertigte sich Patton etwas zähneknirschend und umging somit gekonnt und absichtlich eine Entschuldigung an ihn.
„Das ist mir bewusst, Massey. Es war nicht meine Absicht Ihnen etwas anderes zu unterstellen.“ Er schlug einen milden und versöhnlichen Ton an, um das Missverständnis zwischen ihnen auszuräumen. Der Ex-Soldat war tatsächlich bereit die Sache zwischen ihnen zu vergessen und sich wieder auf seine Angreifer und deren Herkunft zu konzentrieren.
„Dann reden wir nicht weiter darüber“, sagte er ernst und brachte dieses Thema zu einem schnellen Ende. „Kommen wir wieder zurück zu den beiden Scheißkerlen, die mit zertrüm-merten Schädeln in meiner Wohnung liegen und durch ihr Blut das teure Parkett versauen.“ Nach diesen Worten rümpfte er angewidert die Nase und schaute entwürdigend auf die Lei-chen zu seinen Füßen.
„Haben Sie vielleicht eine Idee, wer sie beauftragt hat; wer sie zu mir geschickt hat, um mich zu beschatten und zu töten?“ Die Frage brannte ihm unter den Nägeln, seit er entdeckt hatte, dass die beiden Männer nicht bloß zufällig bei ihm eingebrochen waren.
Am anderen Ende der Leitung blieb es währenddessen lange Zeit verdächtig still, was Patton unruhig und ungeduldig werden ließ. Er war gerade im Begriff das Wort zu ergreifen, als die raue Stimme seines Bosses erklang.
„Ich habe tatsächlich eine Vermutung, wer dahinter stecken könnte“, gab er zornig und frustriert zu. Er spannte seinen Mitarbeiter auf die Folter, als er wieder in minutenlanges Schwei-gen verfiel. Der blonde Killer spürte, wie er erneut die Fassung ihm gegenüber zu verlieren drohte, also intervenierte er mit einem tiefen Atemzug, der seine Wut herunterfuhr.
„Und wer ist es?“, konnte er es trotz seiner Bemühungen nicht verhindern, dass er William Cunningham beinahe anknurrte.
„Walker McIntyre.“ Bei diesem Namen klingelte etwas bei Patton Massey, doch er konnte ihn nicht einordnen. Als sein Boss seine mangelnde Reaktion registrierte, setzte er dazu an seine Unklarheit zu beseitigen.
„Ich habe bereits seit zwei Jahren Probleme mit ihm und seiner Geschäftsführung“, betonte er das letzte Wort mit besonderer Geringschätzung. „Aber ich wollte guten Willen zeigen und habe ihm als guter Geschäftsmann Geld geliehen, als er dieses dringend brauchte und mich darum gebeten hat.“ In diesem Moment fiel bei ihm der Groschen.
„Er ist der Wichser, der das Geld absichtlich nicht zurückgezahlt hat; dessen Männer Sie durch Monroes Hände haben töten lassen.“
„Sie haben es gut zusammengefasst, Massey“, meinte er trocken. „Und nun ist er allem An-schein nach auf Rache aus und zwar nicht nur gegen Ophelia.“ Es war unschwer herauszuhören, dass er sich zunehmend Sorgen um die Entwicklungen ihrer Feindschaft machte.
„Er hat es auf alle meine Killer abgesehen. Aus diesem Grund hat er Sie offenbar von seinen Männern beschatten lassen und…“ Mitten im Satz stoppte er, bevor das Telefonat plötzlich unterbrochen wurde. Was zur Hölle…?
Entgeistert glotzte der Ex-Soldat auf sein Handy und fragte sich, was passiert war. Hatte William ihn absichtlich weggedrückt oder war er gestört worden?
Nach dem heutigen Angriff gegen ihn selbst, kam ihm schlagartig die Möglichkeit in den Sinn, dass sein Boss ebenfalls das Ziel eines Attentats sein könnte. Kaum war diese Vermutung in ihm gereift, da raste sein Verstand. Was war zu tun? Was würden seine nächsten Schritte sein? Brauchte William seine Hilfe oder sollte er auf sein Können und seine Erfahrung vertrauen?
Mehr als zehn Minuten zogen dahin, in denen sein Verstand raste und akribisch arbeitete. Seine Aufmerksamkeit galt alleine seinem Vorgehen, bis das Vibrieren seines Handys ihn automatisiert auf das Display starren ließ. Dort leuchtete die Nummer seines Bosses.
„Warum haben Sie aufgelegt?“, fragte der blonde Killer, kaum hatte er abgehoben.
„Ich habe einen Anruf von Henstridge bekommen, dass auch er in seiner Wohnung attackiert worden ist“, begann er zermürbt, aber auch nachdenklich. „Dasselbe von Suffert.“ Patton konnte die steigende Anspannung spüren, die William Cunningham gefangen nahm.
„Und Ophelia.“ Als er die Brünette erwähnte, erhöhte sich, zu seinem Erstaunen, schlagartig sein Puls. Sein Körper reagierte unweigerlich auf die Tatsache, dass Ophelia heute Nacht ebenfalls angegriffen worden war. Dabei war es noch nicht einmal eine große Überraschung, schließlich stand sie ganz oben auf Walker McIntyres Abschussliste. Sie wollte er um jeden Preis erledigen und dafür bestrafen, dass sie seine Männer abgeschlachtet hatte…
„Vier Angriffe in einer Nacht“, murmelte sein Gesprächspartner indes grübelnd vor sich hin. „McIntyre macht Ernst und er hat schneller zugeschlagen, als ich.“ Er hörte bloß mit halbem Ohr den Selbstvorwürfen seines Bosses zu, weil sein Interesse ausschließlich seiner jungen Kollegin galt. Da sie William angerufen hatte, musste sie in einem stabilen Zustand sein. Dennoch brauchte der Ex-Soldat mehr Informationen. Daher beschloss er über einen unauffälligen Weg herauszufinden, was passiert war und sein Boss über den Angriff auf Ophelia wusste.
„Was haben die anderen Ihnen erzählt?“, warf er seine Frage rücksichtslos in das Gespräch, dessen aktueller Inhalt ihn nicht im Geringsten kümmerte. „Wie sahen die Angriffe auf sie aus?“ Pattons Stimme überschlug sich vor Hektik und Ungeduld. Er brauchte Antworten und zwar jetzt!
„Wie können Sie es wagen mich zu unterbrechen, Massey?“, rollte der grenzenlose Zorn von William Cunningham über ihn hinweg wie ein Tsunami. „Was hatte ich eben über Respekt mir gegenüber gesagt?“ Ob in diesem Moment die Wut über die Unverschämtheit seines Mitarbeiters oder doch auf sich selbst bei ihm überwog, konnte Patton nicht sagen.
„Es tut mir Leid, aber ich versuche nur so schnell wie möglich zu erfahren, ob es ein Muster bei der Vorgehensweise der Angriffe gab.“ Seine Erklärung klang nach militärischer Analyse; sie war professionell und nicht persönlich oder emotional, was seine eigentliche Absicht war. Dies galt es sehr gut vor seinem Boss zu verbergen. Jener schien über seine Worte gründlich nachzudenken, ehe er eine Entscheidung traf.
„Ich konnte mit keinem von ihnen lange sprechen, da immer wieder ein neuer Anruf dazwischenkam. Aber nach allem, was ich weiß, ist jeder Angriff vom Prinzip her abgelaufen, wie der auf Sie“, fiel er tatsächlich auf seine Verschleierungstaktik herein. „Die Anderen konnten McIntyres Männer ebenfalls ausschalten. Die Mistkerle sind kläglich gescheitert, immerhin sind sie keine Auftragskiller. Sie haben niemals gelernt, wie man effektiv tötet. Sie sind nichts weiter, als ein paar lausige Kriminelle, die sich für besser halten, als sie sind.“
„Warum stressen Sie sich dann? Warum machen Sie sich Gedanken über die lächerlichen und verzweifelten Versuche dieser Nichtskönner, an uns heranzukommen?“, spottete der blonde Ex-Soldat.
„Weil mir der Ehrgeiz und Biss Walker McIntyres bekannt ist und er nicht locker lassen wird, bis er meine Mitarbeiter und mich in den Boden gestampft hat.“
„Aber das wird er nicht schaffen! Und wissen Sie auch, warum? Weil seine Männer nicht dadurch erfolgreicher und besser werden, weil sie uns ständig angreifen. Quantität ist nicht gleich Qualität“, redete er inbrünstig auf ihn ein.
„Das ist mir durchaus bewusst, Massey, aber dauerhaft im Kampfmodus zu sein ist auch keine Option. Es bedeutet nämlich mehr Konzentration, Aufmerksamkeit und Arbeit. Man muss ständig bereit sein; man muss blitzschnell agieren und das eigene Leben ist stets in Gefahr.“
„Also ich erkenne da keinen Unterschied zu unserem Killeralltag“, schnarrte Patton fast schon gelangweilt von seinen Warnungen und Belehrungen. Außerdem war er unzufrieden, weil er noch immer zu wenige Informationen über Ophelia hatte.
„Der gravierende Unterschied ist, dass Sie niemals zur Ruhe kommen. Ihnen wird keine Mi-nute zum Durchatmen gegeben“, korrigiere William ihn und musste mal wieder das letzte Wort haben.
„Wir werden schon mit McIntyre und seinen Männern fertig. Wir werden sie so schnell ver-nichten, dass sie keine Chance haben werden ein zweites Mal anzugreifen.“ Er zeigte sie ent-schlossen und kämpferisch, um seinen Boss endgültig davon zu überzeugen, dass die Situation unter Kontrolle und weniger bedrohlich war, als er es darstellte.
„Ist einer meiner Kollegen bei den Angriffen verletzt worden?“, nutzte er es aus, dass William ruhig war und nichts zu erwidern hatte.
„Keiner von ihnen hat etwas darüber gesagt, also werden es allerhöchstens nicht nennenswerte Blessuren sein.“ Normalerweise sollte Patton beruhigt über diese Nachricht sein, aber sein Instinkt sagte ihm, dass er persönlich nach Ophelia sehen sollte. Nur so würde er Gewissheit haben. Nur so würde er aufhören seine Gedanken pausenlos zu wälzen. Er musste aktiv wer-den, aber zunächst musste er seinen Boss loswerden.
„Ich schlage vor, dass Sie sich schnellstens einen Plan zurechtlegen, wie Sie zurückschlagen. Sie wollen ja schließlich keine weiteren Attacken auf Ihre Auftragskiller riskieren.“ Sein Tonfall war provokant und stichelnd, gar herausfordernd. Es wirkte, als hätten sich in diesem kur-zen Augenblick die Rolle der beiden vertauscht: der Mitarbeiter gab seinem Boss Befehle.
William Cunningham bemerkte zeitgleich die Veränderung der Machtverhältnisse und steuerte dem rechtzeitig entgegen.
„Überlassen Sie mir die Führung, Massey! Verstanden?!“, ließ er demonstrativ den strengen und knallharten Boss raushängen, was ihn dazu brachte seine Augen genervt zu verdrehen.
„Ja, ich habe verstanden, Mr. Cunningham“, blaffte er garstig zurück, bevor er ohne Vorwarnung auflegte. Unter lautem und aggressivem Gebrüll schmetterte er sein Handy gegen die nächste Wand, wo es in lauter Einzelteile zersprang.
Patton Masseys wildes und gefährliches Temperament ging mit ihm durch. Er zerstörte jeden Gegenstand, der in seiner unmittelbaren Nähe und für seine Hände greifbar war. Minutenlang wütete er in seinem Wohnzimmer, bis der immense Druck in seinem Kopf wiederkehrte, der ihn zu Beginn des Abends gepeinigt hatte. Abrupt hielt er in seinen Bewegungen inne und verfluchte William, weil er ihn respektlos behandelte und die Schmerzen zurückgebracht hat-te.
Aber er hielt sich nicht lange damit auf, denn er hatte Wichtigeres zu tun. Er musste zu Ophelia Monroe und sich vergewissern, dass es ihr gut ging. Also ignorierte er den verfluchten Druck, welcher ihn fast an den Rand des Wahnsinns trieb, und machte sich überstürzt auf den Weg. Beim Hinausgehen schnappte er sich noch seine Schlüssel und Lederjacke, ehe er, die Gedanken voll von Ophelia, die Treppe heruntereilte.

Sein schwarzer Mustang hielt direkt vor dem Haupteingang der imposanten Villa seiner Kollegin am Stadtrand, in der sie viele heiße Stunden, aber auch lautstarke und unkontrollierbare Auseinandersetzungen miteinander erlebt hatten.
Mit einem schelmischen Grinsen schaltete der blonde Killer den Motor aus und verließ seinen Wagen. Im Erdgeschoss brannte Licht und es drang gedämpfte Musik an seine Ohren. Mit einem einzigen großen Satz überwand er die Stufen zur Veranda und klingelte. Er konnte jetzt nur hoffen, dass Ophelia trotz der Musik hören würde, dass jemand an der Tür war. Patton wartete eine gefühlte Ewigkeit, doch es passierte nichts.
Aus diesem Grund hämmerte er wie ein Irrer gegen das edle Holz, als wolle er es mit bloßen Händen einschlagen. Dies zeigte endlich die gewünschte Wirkung und Ophelia Monroe riss energisch die Tür auf. Zuerst schaute er allerdings in die Mündung ihrer Waffe, die genau zwischen seine arktisblauen Augen zielte, bevor sein Blick auf sie fiel. Wie immer sah sie einfach umwerfend aus.
Sie trug ein Schottenmuster-Ensemble aus einem hochtaillierten kurzen Rock und einem passenden bauchfreien, langärmeligen Cardigan in verschiedenen Herbsttönen. Ihre endlos langen Beine bekleideten schwarze, leicht transparente Kniestrümpfe und die Füße steckten in schwarzen Boots. Die todbringende Waffe in ihrer Hand wollte nicht zu ihrem schulmädchenhaften Outfit passen, das gekrönt wurde durch eine knallrote Schleife, die ihr dunkles Haar zu einem hohen und strengen Pferdeschwanz zusammenhielt.
„Was für eine liebreizende Begrüßung, Monroe“, meinte er sarkastisch und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Ich dachte du wärst einer von McIntyres Männern“, erklärte sie düster den Grund für ihre Bewaffnung, die sie trotz Entwarnung nicht aufhob.
„Die werden wohl kaum an deiner Tür klingeln, meine Schöne.“
„Wag es nicht dich über mich lustig zu machen, Massey. Heute nicht“, raunte die junge Killerin angepisst, bevor sie die Waffe senkte und ihn herausfordernd ansah. Der Ex-Soldat ging nicht auf Konfrontation, sondern er trat schweigend auf sie zu und gab ihr einen sanften Kuss auf die vollen Lippen. Ophelia entfleuchte ein leises Geräusch der Überraschung, als er ihr Gesicht in seine Hände nahm und den Kuss intensivierte.
Ihr Geschmack berauschte ihn, sowie die Erkenntnis, dass es ihr tatsächlich gut ging. Sie stand vor ihm; er berührte sie und konnte ihren warmen Atem auf seiner Haut spüren.
„Was zur Hölle ist denn in dich gefahren?“, jappste sie kurzatmig, nachdem sie ihren Kopf zurückgezogen und somit den Kuss unterbrochen hatte.
„Ich wollte eine Begrüßungssituation schaffen, die meiner würdig ist.“ Er stellte demonstrativ seine Arroganz und Selbstgefälligkeit zur Schau, damit seine wahren Motive nicht offenbart wurden. Es stand außer Frage, dass er ihr sagen konnte, weshalb er wirklich gekommen war. Die Brünette würde ihn dafür verspotten und als emotionales Weichei abstempeln.
„Nun, dann heiße ich dich im Haus des Irrsinns willkommen“, verkündete sie mit übertriebener und künstlicher Freundlichkeit und lud ihn mit einer Handbewegung offiziell in ihre Villa ein. Zunächst konnte er sich ihren Ausspruch nicht erklären, aber je weiter er in die Räumlichkeiten vordrang, desto mehr Klarheit erhielt er.
Bereits im Korridor entdeckte er die ersten Spuren eines Kampfes. Einzelne Bluttropfen befleckten den Boden und waren an die beigefarbenen Wände gespritzt. Pattons Blick folgte dem Rot, das ihn magisch anzog und ins Wohnzimmer führte, wo ihn das reinste Chaos er-wartete. Aus den kleinen Tropfen waren mittlerweile Schlieren geworden, die sich über das Parkett erstreckten und dicken Pinselstrichen auf einem Gemälde erinnerten. Die Luft war stickig und stank bestialisch nach Blut. Und mitten im Raum lagen unweit voneinander vier tote Männer. Trotz dessen, dass er seine Kollegin schon ein paar Jahre kannte, war es ihm manchmal unbegreiflich, wie sie problemlos mit solchen Kerlen fertig wurde.
Mit aufgerissenen Augen und angehaltenem Atem umkreiste er ihre Opfer und scannte währenddessen die Details der Szenerie. Alle von ihnen waren jung, kräftig und hatten mehrere Schusswunden, die ihre Körper zeichneten. Passend dazu lagen mindestens fünfzehn Pistolenhülsen in der Nähe des glänzenden Flügels. Dort musste Ophelia gestanden und auf sie geschossen haben.
Mehrere Minuten schaute er sich das Ganze an, indes die Brünette auf die Toten zuschritt und jene mit einem gewissen Grad an Stolz und Macht beäugte.
„Alle Achtung, Monroe. Alle Achtung“, lobte Patton sie anerkennend. „Gleich vier auf ein-mal.“
„Mit wie vielen hattest du es denn zu tun, Massey?“
Er hob seinen Kopf und sah verwundert zu Ophelia herüber, die ihm ein freches Grinsen präsentierte.
„William hat mir von den anderen Angriffen berichtet“, befreite sie ihn sogleich von jeglichen Unklarheiten. Patton Massey wandte sich daraufhin von den Leichen ab und ging ganz nah an die junge Killerin heran.
„Es waren zwei von McIntyres hirnlosen Wichsern, die in meine Wohnung eingebrochen sind und mich angreifen wollten. Ich war jedoch schneller und habe sie mit bloßen Händen getö-tet“, wisperte er ihr genüsslich ins Ohr. „Denn ich brauche keine Waffen, Prinzessin.“ Er konnte beobachten, wie sie eine Gänsehaut bekam und beim Klang seiner Stimme ihre Augen schloss.
„Du hattest aber auch zwei Gegner weniger, als ich“, erinnerte sie ihn spaßhaft, was ihn schmunzeln ließ.
„Das erklärt natürlich alles, Monroe.“ Er begann ihren Hals zu küssen, worauf sie sich erregt auf die Unterlippe biss. „Es liegt nicht an meiner Erfahrung und meinem Können.“ Sein linker Arm umschlang ihre Taille und presste ihren anbetungswürdigen Körper an sich. Hitze stieg in ihm hoch, die ihm die ersten Schweißperlen auf die Stirn trieb. Während er in himmlischen Sphären schwebte, stöhnte Ophelia laut auf, aber nicht vor Lust, sondern vor Schmerz. Sofort lockerte er seinen Griff und stierte sie intensiv an, als könne er alleine dadurch herausfinden, wo es ihr weh tat.
„Was ist los? Wurdest du etwa von diesen Drecksschweinen verletzt?“
„Ich habe zwei gebrochene Rippen, aber nicht von heute Nacht. Die Verletzung hat mir das erste Attentat von Walker McIntyre eingebracht“, entgegnete sie bitter, was Patton Massey III rasend machte. Sie sollte nicht leiden müssen, zumindest nicht durch andere Menschen. Für ihn galt dies nicht, schließlich war es das allseits beliebte Spiel zwischen ihnen beiden, das das Quälen des anderen beinhaltete.
„Nur mir ist es gestattet dich zu verletzen und dir Schmerzen zuzufügen, niemandem sonst“, brachte er dementsprechend erzürnt hervor und stellte seinen Standpunkt klar. Ophelias Reaktion darauf war ein gehauchter Kuss auf seine Lippen, der ihn sprachlos machte.
„Aber du darfst mich auch nur verletzen, wenn ich er dir befehle“, korrigierte sie ihn, ehe sie sich ihm euphorisch in die Arme warf und dabei völlig ihre gebrochenen Rippen vergaß.
„Ich will, dass du mich fickst. Ich will, dass du dabei so brutal bist, dass ich schreie.“ Ihre blaugrünen Augen durchbohrten ihn gnadenlos und zwangen ihn in die Knie. Solch einen Wunsch konnte er ihr unmöglich abschlagen, daher hob er sie kurzerhand in seine kräftigen Arme und machte sich auf den Weg zu ihrem Schlafzimmer, das im ersten Stock lag.
Die beiden Killer würden vögeln und in den kommenden Stunden die heutigen Angriffe Vergangenheit sein lassen, bis William Cunningham sich melden und sie in seine Pläne gegen seinen Feind einweihen würde. Und so würde er sie in eine ungewisse Zukunft schicken, die für sie möglicherweise viel mehr bereit hielt, als nur ein paar gebrochene Knochen.
 

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