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Tussen de meeren, Teil 6 von 6 - ZUKUNFT

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© Ingrid Alias I   
   
Daniela verzog sich in ihre Kabine, bis sie es darin nicht mehr aushielt. Denn keine zwei Stunden später war es nahezu glutofenheiß, nicht das geringste Lüftchen wehte - und das in Holland! Sie ging an Deck und lehnte sich über die Reling. Volker war nicht zu sehen und das war auch gut so. Sie wusste nämlich nicht, wie sie ihm jetzt gegenübertreten könnte.
Seltsamerweise hatte sie das Gefühl, als würde er ihr auch aus dem Weg gehen. Gut, kein Problem, das konnte er haben. Aber sie musste doch mit ihm zurückfahren. Und während der Fahrt? Worüber würden sie sich dann unterhalten? Hilfe, nein! Es war alles so sonderbar. Also wieder in die Kabine.
Irgendwann traute sie sich dann doch an Bord, denn da waren Pflichten zu erfüllen.
-*-*-
Als sie mit Hilfe des Dieselmotors losfuhren, hingen die Segel schlapp herab. Schlapper ging es nicht. Und ja: Sie hatten trotz dieser Flaute die schweren Dinger hochziehen müssen, sie und die beiden anderen Frauen. War wohl eine Art Ritual. Sie hatte nicht hinter sich geschaut, weil Volker sicher auch an Bord war.
Leider blies kein bisschen Wind in die Segel, der Skipper musste den Schiffsmotor wieder anlassen und so fuhren sie tuckernd in der Hitze daher auf einem Meer, das aussah, als bestünde es aus geschmolzenem Blei. Ein Klischee natürlich, aber ein passendes.
Große Fliegenschwärme fielen auf einmal über das Schiff her und setzten sich auf den Segeln fest, die immer noch schlapp herabhingen. Machten die Fliegen die Segel noch schwerer und noch schlapper? Gar bewegungslos? Diese Hitze verbrannte Daniela schier das Gehirn.
Irgendjemand klammerte sich an den Hauptmast, als ob er daran festgebunden wäre. Wer war das? Sie konnte es nicht erkennen, denn die Gestalt flackerte vor ihren Augen hin und her. Litt sie schon an Halluzinationen? Es war so heiß, so furchtbar niederdrückend heiß. Und die Gedanken an Volker zwangen sie auch nieder. Er hielt sich immer noch fern von ihr. Oder war das nur eine weitere Halluzination. Hitzschlag, Sonnenstich, Einbildung?
Der schwache Schiffsmotor tuckerte immer noch leise vor sich hin, wieviel Kilometer Ijsselmeerwasser konnte er wohl hinter sich bringen in der Stunde? Bestimmt viel zu wenig. Aber er musste sie schließlich an das andere Ufer bringen. Und sie musste Mut fassen, egal in welcher Beziehung. Beziehung? Blödes Word. Es ging um Volker und sie. Wer hätte das jemals gedacht?
Daniela hoffte, dass der Schiffsmotor durchhalten würde, denn wenn nicht, dann wären sie hier mitten auf dem Ijsselmeer in dieser Flaute gefangen und würden hier auf ewig herumirren wie der Fliegende Holländer - oder herumschwirren wie die holländischen Fliegen ...
Sie ging unter Deck. Warum? Weil sie Angst hatte? Weil sie Volker vermisste? Oder weil sie Volker nicht sehen wollte? Alles war der Fall.
Und kam direkt in eine Diskussion hinein. In eine Diskussion über die Kostenverteilung fürs Schiff. Es ging um einen erhöhten Spritkostenzuschuss für einen BMW und artete fast in ein Handgemenge aus. Der Besitzer war ausgerechnet der lange Lulatsch, der für die Getränkebeschaffung zuständig war und stattdessen massenhaft Süßigkeiten besorgt hatte. Dem Himmel sei Dank verhinderte die Hitze größere Handgreiflichkeiten - und auch größere Subventionen für Nobelautos. Ach ja, U-Boot Jochen war auch unter den Diskutierenden. Er hatte es an Bord geschafft.
Daniela zog sich daraufhin zurück und spülte die Tassen und Teller vom Frühstück, weil die anderen Damen wohl keinen Bock drauf hatten.
Danach nahm sie sich das Klo und die Duschen vor. Es lenkte sie ab. Zum Glück gab es Handschuhe und sanfte Putzmittel und sie konnte nach Herzenslust alles schrubben, was ihr unter die Hände geriet. Wenn sie doch ihre Gefühle auch so schrubben könnte. Sie war immer noch verwirrt und hatte keine Ahnung, wie das mit Volker weitergehen könnte. Sie konnte auf keinen Fall auf ihn verzichten, denn er gehörte zu ihrem Leben wie Essen und Trinken. Und jetzt waren noch Gefühle hinzugekommen. Aber auch, wenn er diese nicht erwidern konnte, würde er immer noch ihr bester Freund sein. Ihr einzigartiger Freund.
Sie kam zu dem Schluss, während sie gerade eine Duschkabine auf Hochglanz polierte, dass sie ihre Gefühle für ihn verstecken musste. Falls nicht, dann würde sie ihn vielleicht verlieren. Und das wollte sie nicht. Sie brauchte ihn doch.
Sie griff sich an den Kopf, versuchte Volker aus diesem Kopf herauszuhalten, aber es gelang ihr nicht. Sie versuchte, sich abzulenken. Wenn sie wenigstens den kleinen Bordhund irgendwo sehen würde ... Aber der war auch nicht in Sicht. War er vielleicht über Bord gegangen? Nein, nein ...
-*-*-*-
Irgendwelche Stimmen tobten draußen lachend herum. War sie schon verrückt geworden?
Sie ging an Deck und sah, wie die beiden Weiber ein Bad im Ijsselmeer nahmen. Der Dieselmotor war abgestellt. Daniela wollte auch gerne ein erfrischendes Bad im Ijsselmeer nehmen, aber sie traute sich nicht. Wieso hatte sie immer nur Angst? Angst vor der Zukunft, Angst vor frisch erweckten Gefühlen. Warum stürzte sie sich nicht hinein in die Fluten? Vor Angst? Was konnte ihr schon groß passieren?
Also ging sie in ihre Kabine, zog ihren Bikini an und ging wieder an Deck.
Vorsichtig glitt sie die Leiter hinunter. Und tauchte kurzentschlossen in das Ijsselmeer ein. Das Wasser des Sees war erstaunlich kühl und erfrischend. Sie fühlte keinen Boden unter sich und fing an zu schwimmen.
Es war wundervoll, es war erleichternd und sie vergaß in diesem Augenblick alles, was sie belastete. Sie konnte schwimmen, sie würde nicht untergehen. Und das war die Hauptsache!
Nach dem erfrischenden Bad verschwand sie in ihrer winzigen Kabine und packte ihre Sachen. Sie musste das alles erst einmal verdauen, das Neue, das Unbegreifliche, das Unverhoffte. War das Unverhoffte nun gut oder schlecht? Sie hatte eine gewisse Ahnung.
Dennoch ging sie Volker aus dem Weg und hielt sich bis zur Ankunft im Hafen in ihrer trostlosen Einzelkabine auf.
-*-*-*-*-
Vier qualvolle Stunden später erreichte das Boot Enkhuizen.
Die beiden Frauen verließen das Boot schnell. Und die übriggebliebenen Männer mussten das Deck schrubben. Erleichterung machte sich in Daniela breit. Nein, nicht weil die Männer schrubben mussten, sondern weil die Frauen das Boot verlassen hatten.
Sie hatte jetzt nichts mehr zu tun, sondern wartete nur noch auf ihren Abgang. Abgang war gut. Wohin würde der sie führen?
Volker hatte schon auf sie gewartet und lachte sie an.
"Warum lachst du?", fragte sie ihn leicht verunsichert.
"Der Typ mit dem BMW und ohne das versprochene Pils", er machte eine Pause, bevor er weitersprach: "Der ist wirklich zu blöd, um einen Eimer Wasser auszukippen. Er hat sich dabei fast selber über Bord gespült."
"Echt jetzt? Das ist gut, das ist super!" Daniela musste nun auch lachen und fühlte sich auf einmal wie befreit, denn das war Volker, ihr Freund. Der vielleicht jetzt mehr als das geworden war. Aber das erschien ihr auf einmal nicht mehr bedrohlich zu sein. Nein, ganz im Gegenteil ...
Sie gingen schweigend nebeneinander her. Daniela hatte Hunger, sie stellten ihre Sachen vor der Frittenbude ab und aßen gierig Frikandel spezial in sich hinein. Die Spatzen waren auch noch da und suchten nach Frittenkrümeln.
"Oh mein Gott, das war ja grauenhaft", ächzte Daniela auf, als sie endlich im Auto saß. Doch dann fügte sie nachdenklich hinzu: "Aber auch irgendwie gut."
Volker musste lachen. "Ich hatte es mir auch ein wenig anders vorgestellt, mehr konventioneller ..."
Daniela schaute ihn von der Seite her an und nach einer Weile stellte sie fest: "Weil du konventionell bist, oder etwa nicht?"
"Ja, das bin ich! Ich würde nie mit einer Frau zusammen sein können, die noch an einen anderen denkt. "
Was meinte er damit? Daniela musste darüber ein bisschen nachgrübeln, doch dann sagte sie: "Also wirklich Volker, ich habe deine Freundinnen gesehen - und die waren echt gut, verdammt noch mal! Ich glaub sogar, die haben dich fast angebetet und bestimmt nicht an einen anderen gedacht."
Volker schaute sie daraufhin versonnen an und sagte dann: "Quatsch, das war gelogen. Eigentlich ist es mir egal, wenn eine Frau an jemand anderen denkt. Nur bei dir eben nicht ..."
Oh Gott! Konnte es wirklich sein, dass er so für sie empfand? Überhaupt und immer noch nach all diesen Jahren ihrer Freundschaft? Daniela wandte sich betroffen ab. Es musste so sein. Und seltsamerweise fühlte sie sich erleichtert, es war gar keine Bürde, es war eine Hoffnung, es war gut und es würde immer gut sein.
Aber in diesem Augenblick habe ich nicht an Michael gedacht..." Sie verstummte, weil ihr klar wurde, dass sie in diesem Augenblick wirklich nicht an Michael gedacht hatte. Und das tat ihr auch nicht leid. Doch sie musste noch etwas anderes loswerden.
Also sagte sie mühsam: "Ich war, glaube ich, immer auf deine Ehefrau eifersüchtig - und auf die vielen anderen Frauen auch ..."
Volker griff nach ihrer Hand und sagte: "Ein größeres Kompliment hättest du mir nicht machen können."
"Sei doch nicht so bescheiden!" Daniela entzog ihm ihre Hand nicht. Ganz im Gegenteil, es war schön, seine Hand ein wenig festzuhalten und einen Kuss darauf zu hauchen ...
"Wirst du am Wochenende ein Date mit mir haben", fragte er sie und schaute ihr dabei direkt in die Augen. Nur kurz natürlich, denn er musste ja fahren.
Oh ja, es war verlockend, es war ungewöhnlich, aber gut.
"Himmel, ich hatte seit zwanzig Jahren kein Date mehr, bin ein bisschen aus der Übung. Und dann noch mit dir? Du bist doch mein bester Freund", ihre Stimme zitterte etwas bei diesen Worten.
"Ich bin viel mehr als das! Und du wirst dich dran gewöhnen müssen, mein Mädel."
Himmel, er war gut, er wusste, wie er sie behandeln musste. Nicht zu nachgiebig, aber auch nicht zu streng.
An der nächsten Raststätte hielt er an. Er ging um den Wagen herum und hielt ihr die Autotür auf. Echt jetzt, sowas gab's doch gar nicht mehr. Daniela stieg vorsichtig aus, denn sie hatte Angst vor diesem Augenblick, aber sie ersehnte ihn sich, oh ja. Trotzdem hatte sie noch Bedenken. Nein, hatte sie nicht.
Er fing sie auf und küsste sie, seine Lippen waren sanft und dennoch fordernd. Und alles war gut.

-*-*-*-*-*- In der Zukunft -*-*-*-*-*-

"Was tust du da?" Volker beugte sich von hinten über sie und sie erinnerte sich sofort daran, wie es vor vielen Jahren gewesen war, als sie diesen Segeltrip auf dem Ijsselmeer unternommen hatten. Da legte er auch seine Arme um sie, als er hinter ihr stand. Es war in einer Disco, und es war der Anfang mit Volker und ihr. Ihre Freundschaft hatte sich in Liebe verwandelt.
Sie lehnte sich an ihn wie damals und es war wunderbar. Jetzt genauso wie damals.
"Weißt du noch? Dieser Ausflug nach Holland?"
"Aber sicher weiß ich das noch", sagte Volker. "Damals sind wir ein Liebespaar geworden. Wie könnte ich das jemals vergessen. Aber was tust du da gerade?"
Volker war ja ziemlich neugierig. "Ach das. Ich wollte doch nur die Familie zusammenführen," Ihre Stimme stockte und sie fuhr nach einer Weile fort: "Aber es wäre verkehrt gewesen!"
"Was ist denn los? Wir haben doch alles, was wir lieben. Worüber zum Teufel machst du dir Sorgen?"
Daniela wusste es eigentlich auch nicht. Aber sie hatte sich in eine bestimmte Sache verbissen.
"Weiß ich auch nicht, ich wollte nur die Erinnerung daran erneuern."
Volker schaute sie neugierig an, sagte aber nichts.
Daniela zögerte, bis sie dann bekannte: "Ich hab mir aus einem Segelprospekt ein niedliches kleines Plattbodenboot ausgesucht. Es hieß 'de Swarte Olifant'. Gerade mal sechs Personen passten darauf. Und ich hatte im Geiste schon die perfekte Mannschaft zusammen, meinen Ehemann, also dich, unseren Sohn, unsere Tochter. Und unsere Enkelkinder."
Daniela schwieg vor sich hin, bis Volker die Geduld verlor und fragte: "Was ist denn nun wirklich los, mein geliebtes Mädel?"
"Ich wollte es doch so sehr, aber es war schon ausgebucht." Daniela seufzte auf. "Und gerade habe ich gelesen, dass der 'Swarte Olifant' im Sturm gekentert ist. Es ist zwar keiner dabei umgekommen, aber das Schiff gibt es nicht mehr. Ich hätte euch alle mit meinem blöden Wunsch in Gefahr gebracht."
"Ach Gottchen", sagte Volker nach einer Minute. "Mach dir keinen Kopf deswegen. Wir hätten alle Rettungswesten getragen und wären sicher gerettet worden."
Er umarmte sie innig, und sie genoss seine Umarmung. Nahm es als Ohmen an und ließ es sein, von perfekten Segeltörns mit perfekten Leuten zu träumen. Sie hatte ja genug. Soviel Glück im Leben, es war nicht verdient und es war nicht normal. Sie hatte zweimal im Leben die große Liebe gefunden und erfahren, erst bei Michael, den sie mit all ihrer Leidenschaft liebte - und später bei Volker, bei dem es natürlich anders war, aber auch ihn liebte sie und wollte ihn glücklich machen. Seine anfängliche Angst, immer in Michaels Schatten zu stehen, war Blödsinn gewesen.
Auch die Träume von Michael, sie waren endlich gekommen. Sie sah ihn zwar immer noch nicht, aber sie fühlte es: Er stand hinter ihr, und sie hörte seine Stimme: Du musst Volker vertrauen, er liebt dich. Das hatte er ihr also sagen wollen kurz vor seinem Tode. Daniela lächelte. Sie wusste nun, dass sie Michael für immer gefunden hatte. Sie hatte ihn in sich aufgenommen, und er war eins mit ihr. Genauso wie sie eins mit Volker war.
 

http://www.webstories.cc 13.04.2024 - 05:15:00