... für Leser und Schreiber.  

Gefangen

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© Margit Schaafberg   
   
Ich wache auf. Alles dreht sich. Es ist dunkel. Ich weiß nicht wo ich bin. Verdammt, was haben sie mit mir gemacht? Ich versuche mich zu bewegen, aber es geht nicht. Meine Hände sind mir auf den Rücken gefesselt. Die Fesseln sitzen fest. Das Blut wird abgeschnürt. Ich spüre meine Finger schon nicht mehr richtig. Auch meine Beine scheinen gefesselt zu sein, an den Knien und an den Füßen.

Die Unterlage ist hart. Was ist es? Ich glaube nicht, daß es der blanke Fußboden ist. Wenn ich vorsichtig hin und her rolle, fühle ich Vibrationen. Mein Mund ist trocken. Endlich erinnere ich mich daran, zu schreien. Mein Kopf wird langsam wieder klarer. Sie müssen mir irgendwas gegeben haben, von einem Schlag auf den Kopf kann das nicht kommen. Ich habe auch keine Schmerzen. Ich versuche den Mund zu öffnen und es funktioniert. Warum sie mich wohl nicht geknebelt haben? Ich schreie.

Der Raum in dem ich bin muß groß und leer sein, meine Stimme hallt von den Wänden wider. Aber sonst passiert nichts. Ich lausche in die Dunkelheit, aber es ist nichts zu hören. Ich schreie noch einmal ? wieder nichts. Es war wohl nicht nötig mich zu knebeln, es ist niemand da, der mich hören könnte. Sie haben aus mir rausgeholt, was sie wissen wollten, und jetzt lassen sie mich hier elendig verrecken vor Hunger und Durst. Warum haben sie mich denn nicht gleich umgelegt?

Verzweifelt reiße ich an den Fesseln, aber sie schneiden nur noch tiefer ins Fleisch. Wenn ich nur ein Messer hätte oder ein Stück Glas oder einen scharfen Stein. Wer weiß, vielleicht liegt hier im Raum ja etwas geeignetes herum, und ich kann es nicht sehen. Verdammter Mist. Was kann ich tun? Ich könnte mich rumrollen. Wenn ich Pech habe falle ich irgendwo runter und breche mir den Hals. Aber tot bin ich so oder so bald. Ich nehme meine ganze Kraft zusammen und drehe mich um meine eigene Achse.

Glück gehabt. Ich spüre, wie ich auf einer Kante lande. Ich bin am Rande von dem, auf das sie mich gelegt haben und sehe in das Dunkel dieses Raumes. Bisher muß ich mit dem Gesicht zur Wand gelegen haben. Jetzt kann ich auch etwas sehen. Wenige Schritte von mir entfernt sehe ich grüne Zahlen leuchten. 1:04:36. Das muß eine Uhr sein. Es ist also nachts um eins. Aber welcher Tag ist heute? Geschnappt haben sie mich am Montag nachmittag. Aber wer weiß, wie lange ich schon hier liege. Ich sehe noch einmal hin und erschrecke,

Jetzt zeigen Die Zahlen 1:02:58. Eine Uhr die rückwärts zählt? Aber es können doch unmöglich schon zwei Minuten vergangen sein. Ich erschrecke. Was sie mir dagelassen haben ist kein digitaler Wecker, das muß eine Zeitbombe sein. Oh Gott, scheiße. Ich will nicht sterben. Ich will hier raus!

Wie ein verrückter reiße ich an den Fesseln. Aber es nützt nichts. Nur nach und nach rutsche ich jetzt über die Kante. Rums, ich bin auf das Gesicht gefallen. Das tut weh, aber jetzt bin ich wenigstens wieder voll da. Reiß dich zusammen, sage ich mir. Wenn du in Panik gerätst, hast du keine Chance. Erinnere dich daran, was sie dir während der Ausbildung beigebracht haben. Immer kühlen Kopf bewahren. Aber das ist etwas anderes als im Training.

An meinem Gesicht spüre ich, daß der Fußboden aus glattem Stein oder Beton sein muß. Wieviel Zeit bleibt mir noch? Ich sehe die Uhr nicht mehr, sie muß irgendwo über mir sein. Mein Training kommt mir zugute, trotz der Fesseln kann ich mich aufrichten und kann jetzt auch wieder die Uhr sehen. Noch sechsundfünfzig Minuten und achtundvierzig Sekunden. Hinter mir steht etwas auf Holzbeinen, das wird das Bett sein, auf dem ich gelegen habe. Aber das Holz ist glatt. Daran kann ich die Fesseln nicht durchschneiden.

Wohin jetzt? Mit den zusammengefesselten Knien habe ich keine Chance, ich muß mich wieder hinlegen und weiterrollen. Auf die glühenden Zahlen zu. Ich hoffe, ich habe die richtige Richtung. Es sind wirklich nur wenige Schritte die ich hätte gehen müssen, wenn ich es denn nur könnte. So rolle ich mich zweimal um die eigene Achse und stoße gegen etwas hartes. Ich liege wieder auf dem Bauch, muß mich also erst mal auf die Seite drehen, mit den Händen zu dem was da ist.

Ich taste. Eine Mauer. Eindeutig Steine, grobe, kantige Steine. Damit müßte ich es schaffen. Wenn mir nur genügend Zeit bleibt. Jetzt habe ich natürlich keine Chance mehr, nach der Uhr zu sehen. Die Zeit muß einfach reichen. Ich muß nur ein Stück Stein finden, das besonders scharfkantig ist. Da, das könnte gehen.

Vorsichtig beginne ich, die Hände über den Stein zu ziehen. Es ist mühselig und immer diese Angst, gleich fliegt die Bombe in die Luft. Aber so nach und nach merke ich, wie ich meine Hände wieder besser bewegen kann. Sie haben mich unterschätzt. Das haben sie mir wohl nicht zugetraut. Hah!

Es scheint mir eine Ewigkeit vergangen, als ich endlich mit einem letzten Ruck meine Hände auseinanderziehe. Warum dauert es so lange, bis das Blut wieder zirkuliert und ich sie wieder fühlen und gebrauchen kann? Ich muß ja nur noch die Fesseln an den Beinen lösen und dann nichts wie weg von hier. Unsicher taste ich an meinem Körper nach unten. Da ist das Seil um meine Knie. Der Knoten sitzt fest. Meine Finger sind immer noch taub.

Aber schließlich gelingt es mir doch. Ich schüttle die Beine so gut das mit den Fußfesseln geht und mache mich dann an das letzte Stück Arbeit. Jetzt geht es schon einfacher. Schließlich bin ich frei. Nach weiteren endlosen Sekunden gelingt es mir, mich auf die Knie aufzurichten. Jetzt sehe ich auch die Uhr wieder. Sie ist über mir. Das muß eine Wandnische sein. Noch siebzehn Minuten und neunundvierzig Sekunden.

Vorsichtig taste ich mich an der Wand entlang. Meine Beine gehorchen mir immer noch nicht genug, als daß ich mich hinstellen könnte. Ich schürfe mir die Hände an der Mauer auf. Sie scheint kein Ende zu nehmen, nirgends ist eine Öffnung. Und die Zeit rennt mir davon.

Endlich, das fühlt sich an wie Stufen. Sie führen nach oben. Wohin? Egal, nur raus hier. In der Ferne sehe ich die Leuchtziffern. Vier Minuten und sechzehn Sekunden. Auf Händen und Füßen wie ein Kleinkind taste ich mich die Stufen hinauf. Es sind viele. So langsam spüre ich meine Beine besser. Soll ich es wagen? Was, wenn ich das Gleichgewicht verliere und die Stufen wieder runterfalle. Trotzdem, ich muß es riskieren. Unsicher stolpere ich die letzten Stufen hinauf. Eine Tür, aber sie ist offen. Sie haben wohl nicht damit gerechnet, daß ich so weit komme.

Ich werfe mich dagegen, sie fliegt auf, ich stehe im gleißenden Sonnenlicht. Keine Zeit mehr mich umzusehen, ich stolpere vorwärts so schnell ich nur kann. Dann hinter mir ein Knall. Ich spüre die Druckwelle der Explosion, bevor sie mich zu Boden wirft. Um mich herum wird es schwarz.
 

http://www.webstories.cc 17.04.2021 - 07:29:20