Kapitel 8 – Gesucht, tot oder lebendig
Als Ike sich mit William Murdoch am Schiffsbug der Titanic getroffen hatte, hatten Marko Rijken und Piet Klaasen zeitgleich die Frachträume sowie den Postraum inspiziert. Die Geheimagenten aus der Zukunft mussten unbedingt sicherstellen, dass der vorderste Schiffsrumpf nicht manipuliert oder mit einem Kraftfeld versehen worden war. Falls sie an der Steuerbordseite tatsächlich eine technische Installation entdecken würden, wären sie gezwungen, sich in die vordersten zwei Kesselräume einzuschleichen, um die unsichtbaren Schutzschilder dort ebenfalls zu deaktivieren. Dieses Vorhaben wäre jedoch wesentlich schwieriger umzusetzen als im Frachtraum, schließlich arbeiteten in allen sechs vorhandenen Kesselräumen insgesamt 167 Heizer, und zwar in Wechselschichten rund um die Uhr.
Die Frachträume befanden sich im untersten Deck des Schiffsbugs. Weil die Geheimagenten als Zweite-Klasse-Passagiere eingecheckt hatten, ihre Kabine sich also im hinteren Abteil des Schiffes befand, hatten sie einen langen Weg dorthin zurückgelegt, wobei sie zwangsweise einige Bereiche der First-Class durchqueren mussten.
Während Marko und Piet durch den menschenleeren, düsteren Speisesaal der Ersten Klasse marschiert waren – es leuchtete nachts nur noch spärliches Licht an Bord –, wurden sie von zwei Matrosen überraschend aufgehalten und barsch befragt, was sie dort zu suchen hätten. Doch Piet hatte immer noch seinen Scotland-Yard-Ausweis einstecken, hielt diesen vor deren Nasen und behauptete dreist, dass sie von der White Star Line beauftragte Detektive wären und nur ihren nächtlichen Rundgang machen würden. Piet Klaasen trat selbstsicher und überzeugend auf, sodass die Matrosen schließlich eingeschüchtert wieder verschwunden waren.
Marko hatte seine unerträgliche Übelkeit zwar mit Magentropfen behandelt, die Piet ihm vom Schiffsarzt besorgt hatte, dafür wurde er aber nun von einer unbändigen Müdigkeit übermannt. Als beide den vordersten Empfangssaal erreicht hatten, war Marko aufgrund der düsteren Beleuchtung und weil er sich so unbeschreiblich müde fühlte, sogar gegen einen Tisch gelaufen, über einen Stuhl gestolpert und hingefallen, wobei er einen gehörigen Krach verursacht hatte.
„Verdomme, Marko. Kannst du denn nicht aufpassen? Soll ich dir vielleicht eine Trompete besorgen, in die du posaunen kannst, damit wir auch wirklich Aufmerksamkeit bekommen?!“, zischte Piet ihn an.
„Ist ja gut, Mann. Mir fallen ständig die Augen zu. Ich weiß auch nicht, was mit mir los ist“, verteidigte sich Marko flüsternd.
„Ich sag dir, was mit dir los ist. Du hättest nicht alles auf einmal aussaufen sollen. Jetzt bist du nämlich von einer Akteur-Medizin völlig overdose!“, meckerte Piet flüsternd. „Wahrscheinlich war in den Magentropfen mitunter Morphium enthalten. Das war in dieser Zeit so üblich.“
Während Piet Klaasen dem virtuellen Wegweiser, der in seiner Nickelbrille integriert war, zum vordersten Frachtraum unaufhörlich gefolgt war, war Marko nur gähnend hinterhergetrottet. Er war dermaßen müde geworden, dass er alles nur noch verschwommen wahrgenommen und manchmal sogar unter Halluzinationen gelitten hatte. Ständig war er stehen geblieben, hatte sich selbst ein paar Ohrfeigen verpasst und krampfhaft versucht, seine Augen offenzuhalten. Nachdem beide endlich im untersten Deck angekommen waren, Piet mithilfe seines Transmitters die verschlossene Stahlluke geöffnet hatte, standen sie vor unzähligen Seekisten, die aufeinandergestapelt waren. Ungeahnt davon, dass sich Ike van Broek unmittelbar oben auf dem Bugdeck befand und mit dem Ersten Schiffsoffizier der Titanic diskutierte, suchten sie jetzt nach Hinweisen, welche die Titanic-Katastrophe verhindern könnten.
In den unterteilten Frachträumen war es zwar stockdunkel, aber mithilfe ihrer Nickelbrillen sahen die Geheimagenten alles taghell. Vorsichtig zwängten sie sich an den sperrigen Überseekisten und Truhen vorbei und versuchten, auf die Steuerbordseite zu blicken.
Während Piet auf übereinandergestapelte Überseekisten kletterte, sich ganz oben daraufstellte und mit seiner Nickelbrille die Steuerbordseite scannte, musterte Marko fasziniert ein nagelneues Automobil. Die weinrote Karosse des Renault Type CB Coupé mit ihren beigefarbenen, klobigen Kotflügeln und Drahtspeichenrädern entzückte ihn und heiterte ihn etwas auf. Es juckte ihn förmlich in den Fingern, die an der Fahrerseite anmontierte Tröte zu betätigen.
„Wow, das nenne ich ein Meisterstück eines Autos. Der Motor leistet zwar nur 25 PS, fährt allerhöchstens 56 km/h und ist daher keine Rennmaschine, dafür ist der alte Renault aber ein wunderschönes, makelloses Sammlerstück und in unserem Jahrhundert einige hundert Milliarden Euro wert. Davon könnte man sich bei der TTA eine exklusive Auswanderung buchen, um in einer Zeitepoche als ein wohlhabender Mann zu leben“, bekundete Marko bewundernd. „Echte Handarbeit hatten die damaligen Franzmänner da verrichtet. Die Karosse ist absolut robust, nicht ein einziges Teilchen Kunststoff wurde verarbeitet. Damit würde ich gerne mal quer durchs Centrum kutschieren.“
„Hey Marko, bist du überhaupt online? Keine Ahnung, was du an der Knatterkiste so faszinierend findest. Der Kasten auf vier Rädern sieht eher wie eine Kutsche ohne Pferdegespann aus, anstatt wie ein echtes Auto“, erwiderte Piet gelangweilt, sprang von den hölzernen Überseekisten runter, gesellte sich zu ihm und schnaufte erleichtert.
„Puh, Glück gehabt. Kein Energiefeld zu sehen. Ich war ohnehin nicht besonders erpicht darauf, mich nur mit einer Cordhose und Unterhemd zu verkleiden, genauso wie die Heizer, um dann in den Kesselräumen rumzustöbern, wo sich die restlichen Installer befinden. Nicht bei dieser brütenden Hitze die dort herrscht. Die armen Schweine müssen dort nämlich bei fast 50 Grad Celsius schuften, und das ohne irgendwelche Sicherheitskleidung“, erklärte er.
„Mittlerweile halte ich diese Idee sowieso für unwahrscheinlich, dass jemand ein magnetisches Kraftfeld von innen an die Außenhaut des Schiffes installiert hat. Ich habe einen weiteren Download erhalten und einiges über das Leck der Titanic erfahren. Der Schiffsrumpf wurde auf der Steuerbordseite circa neunzig Meter lang aufgerissen, allerdings waren die meisten Risse nur wenige Meter lang. Also, um dieses Leck vorzubeugen, hätte man einen ganzen Sack voll Tychnomen benötigt. Der Aufwand wäre viel zu groß gewesen, zudem hätte man genau wissen müssen, wo und in welchem Abstand die Lecks entstehen“, meinte Piet.
„Tychnomen? Sind das etwa diese Dinger, mit denen man Kraftfelder erzeugt?“, fragte Marko während er zwar sichtlich müde, aber dennoch begeistert das Fahrzeug umrundete und dabei die gepolsterten Ledersitze betätschelte.
„Ja, genau. Ein Tychnom ist nicht größer als eine Münze, haftet auf jedem Material und muss im Abstand von 20 Zentimetern waagerecht oder zu einem Rechteck installiert werden, um ein Leck zu verhindern. Es gibt noch weitere Tychnom-Modelle in verschiedenen Varianten, die aber hauptsächlich für bereits vorhandene Löcher und Lecks geeignet sind. Wie beispielsweise bei der alten Fabrik in Southampton, dort das Dach ja völlig demoliert ist. Es war einfacher und ließ sich schneller bewerkstelligen, dieses riesige Loch mit größeren Tychnomen zu versehen, um vor Niederschläge und ähnliches zu schützen. Und für Reaktorlecks gibt es spezielle Tychnome.“ Piet blickte ihn nach seiner Aufklärung verdutzt an. „Sag mal, lernt ihr Schleuser während eurer Ausbildung etwa nichts über die Kraftfeldtechnologie?“
„Einige Schleuser schon, dazu muss man aber Speziallehrgänge absolvieren, und diese müssen aus der eigenen Tasche bezahlt werden“, antwortete Marko, als er auf dem Fahrersitz Platz genommen hatte und am klobigen Lenkrad drehte. An der Tröte würde ich gerne mal kräftig zupacken, dachte er sich im Stillen.
„Aber ich sagte bereits, dass ich nur für das frühe Mittelalter und für das antike Zeitalter ausgebildet wurde. Da braucht man solche Dinger nicht und falls doch, dann seid ihr Agenten dafür zuständig. Ich besitze auch nur Grundkenntnisse über moderne Schusswaffen, mehr nicht. Dafür bin ich aber mit dem Schwert, mit Pfeil und Bogen, der Armbrust und mit jeder anderen altertümlichen Waffe vertraut. Ich weiß also nicht genau, wie man jemand effektiv mit einem Nervengas zur Strecke bringt, dafür aber, wie man jemanden mit bloßen Händen die Eingeweide rausholt und ihn damit erwürgt. Außerdem lernt man in meiner Ausbildung, wie man seinen Gegner mit dem Schwert einen ehrenvollen Tod beschert“, erklärte er, woraufhin Piet prustete.
„Was gibt’s da zu lachen? Soll ich es dir etwa am eigenen Leib beweisen? Soll ich dir mal die Gurgel umdrehen? Dann wirst du aber ganz schön blöd aus der Wäsche gucken, Präsident Junior“, scherzte er.
„Nein, Marko. Ich glaube dir, dass man dich zu einem Barbaren ausgebildet hat. Irgendwie bist du auch der Typ dazu. Es ist nur so, dass ich mir dich gerade als einen bärtigen Highlander mit Schottenrock und langen Haaren vorgestellt habe“, lachte er.
Marko zuckte mit den Augenbrauen: „Die Akteurinnen im Mittelalter fanden mich jedenfalls anziehend. Um mit dem Look eine geeignete Lebensgefährtin zu ergattern, hatte ich nie Probleme.“
Während Marko sich mit Piet unterhielt, sah er sich gähnend um. Doch plötzlich wurde er hellwach, als er auf eine der unzähligen Überseekisten blickte. Marko wischte mit seinem Daumen kurz über das Brillenglas seiner Nickelbrille, woraufhin er den Inhalt des fokussierten Objekts näher durchleuchtete. In dieser vernagelten Holzkiste war ein vergoldeter, hölzerner Sarg verstaut. Marko erkannte sofort, dass es sich eindeutig um einen altägyptischen Sarkophag handelte. Mit starrem Blick marschierte er sogleich auf diese Überseekiste zu.
„Der Frachtraum ist ja die reinste Schatztruhe“, raunte er begeistert.
„Was hast du denn jetzt schon wieder moderiges entdeckt?“, stöhnte Piet entnervt, als er ihm folgte. „Lass uns endlich zurück zur Kabine gehen und schlafen. Ich denke, du bist todmüde. Morgen, beziehungsweise in etwa eine Stunde, ist es Freitag. Wir müssen unbedingt topfit sein.“
Marko Rijken ignorierte ihn, drehte stattdessen vorsichtig am Brillenglas, bis sich der Röntgenmodus einschaltete, und zoomte das Objekt nahe heran, bis er die Inschrift des Sarkophags deutlich lesen konnte. Wortlos stand er mit offenem Mund da. Piet verzog den Mund und durchleuchtete mit seiner Brille ebenfalls den Inhalt dieser Überseekiste, um herauszufinden, was seinen Vorgesetzten so faszinierte.
„Unfassbar. Ich glaube, das ist der Sarkophag der Nefertari aus der 19. Dynastie des Neuen Reiches von Ägypten“, raunte er. „Aber noch bin ich mir nicht ganz sicher.“
„Wer zum Geier ist, Nefertari?“, fragte Piet stirnrunzelnd.
„Deine Geier-Frage ist absolut berechtigt“, erwiderte Marko völlig erstaunt. „Die erste Hieroglyphe der Kartusche ist nämlich ein Geier. Unter anderem ist sogar die Feder der Mut abgebildet. Auf der Kartusche steht geschrieben: Neferet iri merit en Mut. Übersetzt heißt es: Die Schönste von allen – Geliebte der Mut“, erklärte Marko und starrte weiterhin angestrengt auf die geschnitzten und farbig bemalten Hieroglyphen, um sie weiter zu entziffern. Dann fuhr er fort:
„Mut ist eine altägyptische Göttin und wurde als Mutter des Thronfolgers angesehen. Nur die Große königliche Gemahlin eines Pharaos wurde als Mut bezeichnet. Diese Mumie muss Nefertari sein, die erste Ehefrau des weltberühmten Ramses II, also Ramses des Großen. Beide waren damals schon verheiratet, also ungefähr 1280 Jahre vor Christus, als Ramses noch ein Prinz gewesen war und noch sein Vater regiert hatte: Pharao Sethos I. Ramses der Große hatte ihr sogar einen eigenen Felsentempel in Abu Simbel errichten lassen, genau neben seinem berühmten Felsentempel. Solch ein gewaltiges Monument hatte ein Pharao, der vom Volk als ein lebender Gott angebetet wurde, seiner Königin noch nie zuvor und danach gewidmet.“
Piet hockte sich auf eine Überseekiste, ließ die Beine baumeln und nahm den Bowler ab.
„Okay, diese beiden Felsentempel in Abu Simbel sagen mir was. Und wie ist die schöne Nefertari in diesen Sarkophag gelangt? Ich meine, wie ist diese Königin gestorben?“, fragte Piet interessiert.
„Eine Krankheit hatte sie vermutlich dahingerafft, denn ab dem 24. Regierungsjahr, noch vor der Einweihung beider Felsentempel, wurde sie nicht mehr erwähnt. Sie wurde vielleicht 40 oder allerhöchstens 50 Jahre alt. Ramses der Große hatte seine Lieblingsfrau also überlebt. Dieser Pharao wurde ohnehin steinalt – mindestens über 90 Jahre – und musste sogar einige seiner Söhne und Enkelsöhne beerdigen. Die Grabinschriften bezeugen es. Der Name Nefertari bedeutet: Die mit dem hübschen Gesicht.“
Marko machte von dem Sarkophag samt Mumie sofort enthusiastisch einige Fotos mit seiner Nickelbrille.
„Wenn wir wieder im Centrum sind, dann werde ich für alle Professoren in United Europe ein wahrer Held sein, weil neue geschichtliche Ereignisse im Archiv eingetragen werden können. Denn, stell dir mal vor: Die Ägyptologen der vergangenen Welt hatten zwar das Grabmal der Nefertari 1904 im Tal der Königinnen gefunden, doch es war wie alle ausgeplündert gewesen. Selbst der Sarkophag war verschwunden. Der Fund ihrer Mumie wäre für die Ägyptologen eine Sensation gewesen, denn die Ramses-Mumie wurde unversehrt gefunden. Jetzt ist es aber gewiss und ich habe das Rätsel gelöst, dass die mit dem hübschen Gesicht knapp 4.000 Meter im Nordatlantik begraben liegt.“
Piet nickte anerkennend.
„Ja, da stimme ich dir zu. Wenn ich mir das Bild der berühmten Büste anschaue, sehe ich ein hübsches Gesicht. Du hast eine wertvolle Entdeckung gemacht. Dafür wirst du gewiss ausgezeichnet werden. Ich frage mich nur … ich meine, irgendein Passagier muss diese Old Lady schließlich verschifft haben. Wie krank sind diese Akteure bloß, dass sie verschimmelte Akteure als Souvenirs mitnehmen. War das heutzutage überhaupt legal? Sowas muss doch im Museum ausgestellt werden“, fragte Piet verwundert.
„Du verwechselst da was. Die berühmte Büste, die du meinst, ist die Königin Nofretete, die sogar noch etwas älter ist als Nefertari.“ Marko nahm seinen Hut ab und wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn. „Lass uns zurück in die Kabine gehen, ich bin todmüde.“
Es war bereits nach Mitternacht, als Marko und Piet zurück zu ihrer Kabine schlenderten, wobei Piet seinen hundemüden Kollegen stützen musste, weil er sogar beim Laufen manchmal einschlief. Piet machte sogar einen kleinen Umweg, beförderte seinen schlaftrunkenen Kollegen hinauf zum Promenadendeck, damit er etwas frische Luft einatmen konnte. Die Nacht mitten auf dem Nordatlantik war wiedermal kalt und ihre Atemhauche waren sichtbar.
Doch plötzlich begegnete ihnen mitten in der Nacht eine chinesische Großfamilie, die sich scheinbar auf dem riesigen Schiff verirrt hatte und verzweifelt nach ihrer Dritte-Klasse-Kabine suchten. Der älteste Mann von ihnen – er trug einen traditionellen chinesischen Hut – humpelte mit einem Spazierstock auf sie zu.
„Mista, Nín néng b?ngb?ng w?men ma? W?men mílù le. “, fragte er auf Chinesisch. (Können Sie uns helfen? Wir haben uns verlaufen.)
Piet blickte ihn ernst an, denn diese Menschengruppe kam ihm jetzt sehr ungelegen. Zumal eine junge Frau unter ihnen war, die einen Säugling in ihren Armen hielt. Zu allem Überfluss fing das Baby plötzlich an zu plärren.
„Sorry, aber ich kann dich leider nicht verstehen. Mein Freund und ich, wir haben es sehr eilig. Understand? Also, zischt alle ab!“
Aber der alte Mann hielt an seinem Jackett fest und penetrierte ihn weiter.
„Nín néng b?ngb?ng w?men ma? W?men mílù le!“, wiederholte der Chinese verzweifelt, wobei er etwas langsamer redete, in der Hoffnung, der Engländer würde ihn verstehen. Aber es war zwecklos. Klaasen beherrschte die chinesische Sprache nicht.
Piet legte seinen schlafenden Kollegen vorsichtig auf den Dielenboden ab, nahm schnaufend seinen Bowler vom Kopf und fuhr mit der Hand durch sein blondes Haar. Es war dunkel, nur die glitzernden Sterne am Himmel spendeten auf hoher See etwas Licht.
„Nochmal … Ich kann dich nicht verstehen. Also, verschwindet … Go away! Verpisst euch!“, schnauzte Piet keuchend.
Klaasen war überdies sehr verärgert, weil die Translator-App bislang noch nicht heruntergeladen war. Der alte Chinese blickte ihn mit seinen mandelförmigen Augen emotionslos an.
„N? wèishénme zhème bù y?uh?o? Zhège rén z?nme le? T? shì bú shì s? le?!“, schimpfte er lautstark, wobei er mit seinem Spazierstock rumfuchtelte und ihm drohte. (Warum bist du so unfreundlich? Was ist mit diesem Mann los? Ist er etwa tot?)
Piet wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht und blickte auf die Großfamilie, die allesamt einen Chinesenhut trugen und ihn ängstlich anschauten. Er versuchte Marko wachzurütteln, aber als er nur vor sich hinbrabbelte, zerrte er an seinen Arm und schleifte ihn an der verängstigten Großfamilie einfach wortlos vorbei. Doch der alte Chinese zerrte erneut an seinem Jackett und schimpfte immer lauter. Piet wurde sichtlich nervös, weil er befürchtete, dass durch das Gezeter die wachhabenden Matrosen aufmerksam werden würden. Zudem plärrte das Baby.
Er legte Marko vorsichtig zu Boden – der aufgrund des Geschreis etwas munter wurde und benommen nur zuschaute –, zog seine EM23 und hielt die Schnellfeuerwaffe dem alten Greis gegen die Stirn, woraufhin dieser verstummte und ihn einfach nur emotionslos anblickte.
„Wenn du verdammter Akteur jetzt nicht gleich die Schnauze hältst, knall ich dich ab und werfe dich mitsamt deiner Familie über Bord! Begreife doch endlich, dass ich deine verdomme Sprache nicht verstehe! Und du verstehst mich nicht! Aber diese Sprache versteht jeder!“, fauchte er ihn zähnefletschend an, während er ihm die EM23 an die Stirn hielt. „Go away!“
Für einen Augenblick dachte Piet daran, seine Worte in die Tat umzusetzen. Immerhin hatten die Chinesen jetzt eine futuristische Waffe gesehen und es offensichtlich so aufgefasst, dass er ein Verbrecher sei. Zudem schleppte er einen halbohnmächtigen Mann mit sich herum. Aber als der alte Mann nicht antwortete, ihn nur furchtlos anblickte aber sich seine Familie hingegen von ihm ängstlich abwandte, entschied sich Piet, diese verarmten Leute zu verschonen.
Der greise Chinese konnte sich sowieso nicht in englischer Sprache ausdrücken und dieses Szenario dem Kapitän melden. Zudem hätte ihm die Exekution mehrerer Akteure einige Schwierigkeiten bereitet, diese er in seinem Jahrhundert hätte verantworten müssen. Wortlos schleppte Piet seinen Kollegen, der sich todmüde auf seiner Schulter abstützte, über das dunkle Promenadendeck und sah hin und wieder über seine Schulter, wie die chinesische Familie ihn beobachtete. Aufgrund seines Erbarmens hatte er nichtsdestotrotz die Mission gefährdet und hoffte, dass dieser Vorfall keine unerwarteten Schwierigkeiten bedeuten würde.
Als sie endlich angekommen waren und Piet die Kabinentür aufgeschlossen hatte, schleppte er den schlafenden Marko zum Bett, warf ihn einfach drauf und zog ihm nur noch die Schuhe aus. Piet wischte sich den Schweiß von der Stirn. Weil er durch diese Anstrengung und die Aufregung auf dem Promenadendeck nun hellwach war, beabsichtigte er, noch draußen auf dem Achterdeck eine Zigarette zu rauchen, um wieder runterzukommen. Er tastete sein Jackett ab, um sich zu vergewissern, dass er sein zerknittertes Zigarettenpäckchen und die Streichhölzer auch eingesteckt hatte. Marko lag mit ausgebreiteten Armen auf dem Rücken und schnarchte leise. Dann ging er zur Tür und schaltete das Licht aus. „Schlaf gut, Marko“, sagte er erschöpft.
Als Piet Klaasen den beleuchteten Korridor betrat, die Kabinentür verschloss und neben sich schaute, erstarrte er. Zuerst zweifelte er kurz an seiner Wahrnehmung, weil er selbst übermüdet war und es einfach nicht fassen konnte. Zudem hätte Piet auf dem Korridor mit jeder erdenklichen Begegnung gerechnet, jedoch niemals mit ihm. Aber Piet erkannte ihn sofort, obwohl er einen langen Mantel trug und eine Schirmmütze das Gesicht etwas verdeckte.
Direkt neben ihm stand doch tatsächlich Ike, der gerade sichtlich erschöpft seine Kabinentür aufschloss. Und auch er hatte jetzt bemerkt, dass jemand den Korridor betrat, und schaute zu ihm rüber.
Beide Männer sahen sich zuerst einen Augenblick nur verblüfft an, dann aber sogleich todernst, wie zwei Revolverhelden, die sich gerade duellierten. Dann zog Piet blitzschnell seine EM23-Schnellfeuerwaffe und hielt sie ihm entgegen.
„Rühre dich bloß nicht vom Fleck, van Broek, sonst knall ich dich ab! Meine Waffe ist scharf geladen! Na los, die Flossen hinter den Kopf … aber ganz sachte!“, fauchte er.
Ike starrte ihm genau in die Augen, gehorchte und verschränkte die Hände hinter dem Kopf.
„Los, runter auf die Knie. Sofort, du Scheißkerl!“, befahl Piet. Wieder gehorchte Ike und kniete sich mitten auf dem Korridor nieder.
„Nur nicht nervös werden, Bürschlein. Ich bin unbewaffnet“, lenkte Ike im ruhigen Ton ein. „Komm schon, lass es uns in deiner Kabine austragen und nicht hier mitten auf dem Korridor. Falls uns jetzt ein Akteur sieht, ist unser beider Tarnung aufgeflogen und unsere Missionen sind gescheitert. In welcher Mission bist du involviert? Wer bist du überhaupt?“, fragte Ike verärgert.
Piet tastete sich daraufhin mit seiner linken Hand hektisch das Jackett ab, suchend nach seiner Nickelbrille, wobei er Ike nicht aus seinen Augen ließ und ihn mit seiner EM23 weiterhin in Schach hielt. Anhand des Röntgenblickes erkannte er schließlich, dass Ike tatsächlich unbewaffnet und obendrein so unvorsichtig war, keine Schutzweste zu tragen. Jetzt hatte Piet ihn endgültig unter der Kontrolle. Jetzt war Ike ihm hilflos ausgeliefert. Denn wie es der Zufall wollte, hatte Ike ausgerechnet eine Zweite-Klasse-Kabine gebucht, direkt neben Piet und Marko.
„Ganz schön dreist von dir, dass du auf der Titanic eingecheckt hast. Und obendrein hast du eine Kabine gebucht, die direkt neben unsere ist. Mann, du hast vielleicht Nerven. Was hattest du vor? Etwa, uns zu belauschen, um die Mission Titanic zu sabotieren? Ich kann mir jetzt sehr gut vorstellen, dass du es bist, der die Titanic vor dem Untergang bewahrt, damit du dich in Amerika absetzen und untertauchen kannst. Und dann, fünfundzwanzig Jahre später, wirst du das Bankkonto des UE-Geheimdienstes plündern. Das Altern von euch beiden Gangster sollte eure Tarnung sein. Niemand würde euch sofort erkennen, was auch der Fall war. Ein fast perfekter Plan. Aber jetzt, Freundchen, ja jetzt hat das Katz- und Maus Spiel für dich ein Ende“, grinste Piet siegessicher.
„Ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst und wer du überhaupt bist. Lass mich raten …. Du bist nur ein Agentenanwärter, den man zu einer Kontrollfahrt der Titanic befehligt hat, um einen potenziellen TT aufzuspüren. Man hat dir lediglich eine Operation zugeteilt, die zu der Titanic Mission dazu gehört. Lass dir aber gesagt sein, dass ich ein Schleuser bin und mich ebenfalls in einer Mission befinde. Die verdammte Sicherheitszentrale hat offensichtlich schon wieder Scheiße gebaut und ein Zeitparadoxon riskiert.“ Ike blickte Piet lächelnd an. „So was ist mir damals mit Rijken passiert. Wir nennen das im Geheimdienst einen „internen Schmetterlingseffekt“. Du weißt, was ich meine? Also, runter mit der Waffe und lass mich gefälligst weiter observieren!“
Piet hielt weiterhin beidhändig die Waffe gegen ihn und blickte ihn stirnrunzelnd an. Was genau meinte er damit: Ein interner Schmetterlingseffekt? Was ein Schmetterlingseffekt ist, wusste er zwar. Aber Piet wollte sich von van Broek keinesfalls manipulieren lassen und blieb hart.
„Hör mir mal gut zu, van Broek. Ich bin Piet Klaasen, der Sohn des Präsidenten. Du wirst gesucht, tot oder lebendig! Und das weißt du auch ganz genau. Deine Belfast Mission ist längst beendet, sie wurde bereits abgespeichert und du hast deinen Exit nicht wahrgenommen. Jetzt bist du zum Abschuss bereit, ohne dass jemand dabei ein Zeitparadoxon auslöst!“, fauchte Piet.
Ike überlegte blitzschnell und versuchte, wertvolle Zeit zu gewinnen, um den jungen Agenten davon zu überzeugen, dass er vielleicht doch ein Zeitparadoxon erzeugen würde, wenn er ihn jetzt verhaften oder gar töten würde.
„Okay, Piet. Jetzt sei kein Narr und höre mir genau zu! Das habe ich sicherlich nicht so geplant. Dass wir Nachbarn sind, ist purer Zufall, oder wenn ich so darüber nachdenke, ist es sogar Schicksal. Und zwar ein ausgesprochen glückliches Schicksal. Du kommst mir nämlich sehr gelegen, weil ich deine Hilfe jetzt für meine Mission unbedingt benötige. Mache jetzt bloß keinen Fehler, ansonsten löst du ein Paradoxon aus, das uns alle in die Hölle schicken wird!“
Piets überhebliches Grinsen entschwand allmählich aus seinem Gesicht. Ihm wurde nichtsdestotrotz etwas mulmig dabei, was Ike ihm mitgeteilt hatte. Ein Zeitparadoxon auszulösen, wäre eine wahre Katastrophe, die man nicht ohne Konsequenzen berichtigen könnte. Wenn überhaupt.
Piet schaute sich kurz nervös um, aber zu dieser späten Nachtstunde war der hell beleuchtete Korridor seelenleer. Alles war ruhig, alle Passagiere schienen zu schlafen. Er zielte mit der EM23 in Ikes Gesicht, blickte ihn dabei scharf an und trat sicherheitshalber einen Schritt zurück. Schließlich war ihm bewusst, dass man Ike keinesfalls unterschätzen durfte, selbst wenn er unbewaffnet war und seine Aussichten hoffnungslos zu sein schienen. Er hatte ihn schließlich regelrecht studiert.
War Ike etwa geisteskrank geworden oder war es pure Überheblichkeit, dass er annahm, irgendein Agent aus United Europe würde ihn in irgendeiner Weise noch beistehen wollen, nachdem, was er sich geleistet hatte?
„Du bist wohl nicht mehr ganz bei Trost! Du willst mir doch nicht weißmachen, dass du keinen blassen Schimmer davon hast, dass du im ganzen Raum-Zeit-Kontinuum gesucht wirst? Dein Mikrochip ist deaktiviert, man kann dich also nicht mehr orten, und du bist nicht zum abgemachten Termin deines Exits erschienen. Das kann nur eines bedeuten: Dass du dich hier in diesem Jahrhundert illegal einzunisten versuchst! Außerdem hast du das UE-Gemeinschaftskonto geplündert und hast dich mit einem Betrag von über fünf Milliarden Dollar in irgendeinem Jahrzehnt abgesetzt. Das ist kein Kavaliersdelikt mehr, sondern ein Schwerverbrechen. Du wirst es jetzt zwar abstreiten, weil du es momentan tatsächlich nicht gestohlen hast und es wahrscheinlich gerade nicht einmal planst, aber du wirst es tun. Ich selbst war am 1. April 1912 dabei und habe es miterlebt! Und du glaubst in der Tat, dass ausgerechnet ich dir helfen werde?“
Ike sah ihn schweigend an, während er vor ihm kniete, und schüttelte nur den Kopf.
„Erster April … Soll das etwa ein Aprilscherz sein?“, fragte er ironisch. „Warum wirft man mir diesen Bullshit ständig vor? Ich glaube langsam, dass die Sicherheitszentrale mir irgendwas in die Schuhe schieben will. Ich komme mir wie ein Sündenbock vor, und das alles habe ich Rijken zu verdanken. Wir haben uns zwar noch nie gut verstanden, aber dass er so weit geht …“
„Ach, hör auf zu lügen und halte einfach nur die Schnauze. Du hast das jetzt alles schon so geplant. Ich sage dir jetzt, was ich tun werde“, fuhr Piet unbeeindruckt fort. „Ich werde meinen Beamer programmieren und dich ins Centrum transferieren – sollen die sich mit dir doch rumärgern. Und du hast riesengroßes Glück, denn ich beabsichtige dich warm auszuliefern anstatt kalt, damit du dich vor Gericht verantworten kannst und du für deine Taten büßt. Aber ich beordere dich nur lebend zurück, wenn du auch ganz brav bleibst und keine Zicken machst. Haben wir uns verstanden, van Broek?“
„Hör mir jetzt genau zu, Präsident Junior, bevor du einen schwerwiegenden Fehler begehst!“, erwiderte Ike, wobei er weiterhin auf dem Boden kniete und seine Hände hinter dem Kopf hielt. „Du bist überhaupt nicht dazu befugt, mich irgendwohin zu teleportieren. Das darf nur der Missionsführer entscheiden und ich glaube kaum, dass man dir, der erst letztens aus der Akademie geschlüpft ist, das Kommando einer wichtigen Mission anvertraut hat. Du darfst doch nur dabei sein, weil du deinen mächtigen Daddy angebettelt hast. Beziehungen sind das halbe Leben – dieses Sprichwort kennt man selbst schon in diesem Jahrhundert. Normalerweise müsste jetzt ein kompetenterer und erfahrener Agent vor mir stehen und mich festnehmen. Verstehe mich nicht falsch, denn ich beabsichtige nicht, dich abzuwerten, sondern berufe mich nur auf die UE-Vorschriften! Also Piet Klaasen, der Sohn des Präsidenten, bring mich sofort zu deinem Vorgesetzten, bevor du irgendeine Dummheit anstellst und ein Zeitparadoxon auslöst!“, redete Ike streng auf ihn ein. „Das ist deine verdammte Pflicht! Ansonsten wirst du es nämlich sein, der sich vor Gericht verantworten muss, weil du die Zeitlinie zerstörst und deine sowie auch meine Mission zum Scheitern bringst!“
Piet Klaasen wirkte nichtsdestotrotz unbeeindruckt und schmunzelte bloß. Er war zwar noch ein sehr junger und unerfahrener Agent, aber er wusste, dass überzeugend zu lügen eine der stärksten Tugenden war, die einen hervorragenden Geheimagenten auszeichnete. Trotzdem musste er in Betracht ziehen, dass Ike die Wahrheit sprach. Zeitreisen waren nun mal komplex und sehr kompliziert. Also rückte Piet nun mit der gegenwärtigen Wahrheit raus.
„Kein Problem, van Broek. Marko Rijken, der Missionsführer, schläft zwar gerade wie ein Murmeltier, aber wenn ich ihn wecke und er dich erblickt, wird er sicherlich auf der Stelle putzmunter werden. Er wird sich ganz bestimmt freuen, dich zu sehen und dass ich dich geschnappt habe.“
Ike runzelte die Stirn und stutzte. Seine aufgesetzte Freundlichkeit war augenblicklich verschwunden. Ausgerechnet sein Erzrivale Marko Rijken führte die Mission Titanic an? Einen Augenblick lang war er sprachlos.
„Marko Rijken?“, echote Ike erstaunt. „Willst du mir damit sagen, dass Marko Rijken die Mission Titanic kommandiert? Na, das nenne ich mal eine gelungene Überraschung. Darüber bin ich sehr erfreut, denn Marko und ich verstehen uns seit der Uni hervorragend.“
Ike nutzte die mittlerweile entstandene Verbundenheit zu seinem Gegner aus. Je länger man seinen Feind hinhält und ihn in ein Gespräch verwickelt, desto eher verringert sich die Hemmschwelle, dass derjenige zu töten beabsichtigt. Das wurde in jeder Agentenausbildung gelehrt.
Ike nahm abrupt seine Hände vom Kopf, stand einfach auf, marschierte an Piet vorbei, öffnete die Kabinentür und schaltete das Licht an. Piet war völlig perplex, bedrohte ihn weiterhin mit der Schusswaffe und folgte ihm mit einem gewissen Abstand. Beidhändig hielt er die EM23 auf ihn.
Rijken lag immer noch mit ausgebreiteten Armen wie erschossen im Bett, und schlief tief und fest. Als Ike kräftig gegen das Bett trat und brüllte, dass er sofort aufwachen sollte, brummelte Marko nur etwas Unverständliches vor sich hin, blieb aber in dieser Position liegen und schlief weiter.
Daraufhin schnappte sich Ike eine Blumenvase und goss das kalte Wasser über Rijkens Gesicht, woraufhin Marko sofort senkrecht im Bett hockte und sich schüttelte. Zuerst blickte er Ike nur belämmert an, dann schaute er zu Piet und brüllte wütend.
„Sag mal, bist du noch ganz bei Trost, das Arschloch so nahe an mich ranzulassen, wenn ich schlafe?! Na los, betäube ihn! Sofort! Das ist ein Befehl, Agent Klaasen!“
„Keine Sorge, er ist unbewaffnet“, erwiderte Piet.
„Scheißegal! Betäube ihn!“
„Das-das geht im Moment nicht, weil ich scharfe Munition geladen habe. Sobald ich das Magazin rausziehe, um auf Betäubungsgeschosse umzuschalten, wird er mir die Waffe wegnehmen. Aber wenn du mir befiehlst, dass ich ihn umlegen soll, dann puste ich ihm den Schädel weg“, erwiderte der Blondschopf entschlossen, wobei er seine EM23 mit beiden Händen festhielt und auf Ikes Hinterkopf zielte.
Ike hielt sich die Faust gegen den Mund, lächelte und hüstelte kurz.
„Denke an deine Karriere, Rijken! Triff bloß keine falsche Entscheidung! Denn ich habe dir etwas mitzuteilen“, meldete sich Ike gelassen zu Wort, holte gemächlich seine Nickelbrille hervor und tippte ein paar Mal gegen das Brillengestell. Die Nickelbrille war praktisch ein kleiner Computer – Ike öffnete einen Dateiordner und suchte nach Markos Passwort. Als er fündig wurde, nahm er seine Brille ab und grinste.
„Erklimme den Kilimandscharo“, sagte Ike und blickte Marko dabei scharf in die Augen.
Marko blickte ihn pudelnass nur belämmert an.
„Erklimme … den … Kilimandscharo!“, wiederholte Ike nachdrücklich.
Marko Rijken saß senkrecht im Bett und starrte seinen Kontrahenten entgeistert an. Dann nahm er das Kopfkissen, trocknete sein Gesicht ab und zog sich die Schuhe an.
„Piet … Waffe runter. Ike übernimmt die Mission“, seufzte er schließlich.
„Was?!“, fuhr es aus Piet empört heraus. „Du kannst diesem Penner doch nicht einfach so das Kommando überlassen! Er versucht uns reinzulegen, er hat sich dein Passwort irgendwie ergaunert! Lass dich doch von ihm nicht verarschen! Er wird doch offiziell gesucht, tot oder lebendig! Diese Ansage kommt direkt aus der Sicherheitszentrale! Das ist ein Befehl von Henry persönlich … das ist ein Befehl meines Vaters, dem Präsident von United Europe!“
„Piet, du folgst deinem Vorgesetzten und legst sofort die Waffe nieder!“, ermahnte ihn Ike. „Wenn das eigene Passwort erwähnt wird, bedeutet das: Schichtwechsel, mein Freund. Oder willst du etwa ein Zeitparadoxon auslösen? Also, Knarre weg! Auf der Stelle, oder ich suspendiere dich und beordere dich nach Hause, ins Centrum. Ich bin jetzt der Boss hier, verstanden?! Außerdem händigst du mir sofort deinen Beamer aus! Hörst du? Abliefern!“, befahl Ike.
Als Piet trotzdem nicht reagierte, ihn weiterhin mit der EM23 bedrohte und dabei Marko ungläubig anschaute, schüttelte Ike verständnislos den Kopf und schnaufte genervt.
„So ist das, wenn man mit Grünschnäbeln arbeiten muss, die sich ihren Posten nur durch Beziehungen ergaunert haben und keinerlei Erfahrung gesammelt haben. Sie erkennen den Ernst der Lage nicht. Marko, dein Anstandswauwau will nicht funktionieren. Tu was dagegen, oder du wirst die Konsequenzen für diesen Schlamassel verantworten müssen!“, schnauzte er Marko an.
Nachdem Rijken auf seinen jungen Kollegen eingeredet hatte, übergab Piet dem verhassten Ike zähneknirschend seinen Beamer. Alle drei Männer waren nach dieser Aufregung sehr erschöpft, schließlich war es bereits kurz nach drei Uhr nachts.
Ike führte nun offiziell die Mission Titanic an und war befugt, seinen Kollegen Befehle zu erteilen. Er unterrichtete beide darüber, dass sich eine Diebin an Bord befinde und befahl ihnen, die vermissten Wertsachen von William Murdoch wiederzubeschaffen. Die Ermittlung sollte auf alle Fälle diskret durchgeführt werden. Überdies befahl er ihnen, dass sie sich die Passagierliste vom Zahlmeister beschaffen sollten, um zu überprüfen, ob sich eventuell eine fremde Person unter den historischen Passagieren geschmuggelt hatte. Dass sich Ike aber eigentlich nur für die Kabinennummer der Zeitreisenden Mara und Jean interessierte, verschwieg er ihnen. Ebenso verschwieg er, dass sein eigener Transmitter verschollen war und er hauptsächlich danach suchte.
Ike beabsichtigte die beiden Geheimagenten nur zu beschäftigen, damit sie seinen eigentlichen Plan, Eloise zu retten, nicht durchschauten. Und über den TT, der die Titanic Katastrophe zu verhindern versuchte, würde er sich selbst kümmern. Dies sei ein Befehl von Henry Gudimard persönlich, behauptete Ike. Dann verließ er die beiden Geheimagenten und ging nebenan in seine Kabine, um endlich zu schlafen.
Nachdem die Kabinentür verschlossen war, blickten Piet und Marko sich missmutig an.
„Ich sag dir mal was, Marko. Ike verarscht uns mächtig. Ich glaube ihm kein Wort.“
„Er hat aber mein Passwort erwähnt, somit ist er zwangsweise glaubwürdig. Jetzt sind wir beide leider verpflichtet, seinem Kommando bedingungslos zu folgen. Obendrein hat dieses Arschloch deinen Beamer beschlagnahmt. Nun fühle ich mich äußerst unsicher, weil jetzt Ike in Momenten der Gefahr allein entscheiden darf, wann wir aus diesem Jahrhundert flüchten sollen, und wann nicht. Was wissen wir jetzt, was er mit dem Beamer anstellen wird, in welche Zeitepoche er nun damit hinreist und was er dort bewirken wird? Aber vielleicht ist auch alles rechtens. Wie dem auch sei … Van Broek ist jetzt unser Chef. Er wurde von Henry sowie von deinem Vater, offensichtlich dazu beauftragt.“
Piet jedoch lächelte zuversichtlich.
„Mach dir keine Sorgen, Marko. Ich habe vorgesorgt. Jeder Beamer wurde personalisiert, was bedeutet, dass nur ich allein über meinen Transmitter verfügen kann. Mein Beamer wird ihm also rein gar nichts nützen, solange ich nicht seine eigene Dienstnummer einprogrammiere. Ike kann demnach unmöglich durch die Zeit reisen, was ihm eigentlich bewusst ist. Aber er benötigt meinen Transmitter für einen ganz anderen Zweck, und zwar, um einen anderen Beamer zu lokalisieren. Besser gesagt, um den Beamer ausfindig zu machen, der wahrscheinlich auf seine Dienstnummer ausgestellt wurde, damit er diesen benutzen kann. Ein Schleuser besitzt schließlich keinen eigenen Beamer.“
Marko blickte ihn verdutzt an.
„Ich weiß nicht, was du meinst und worauf du hinauswillst, Präsident Junior. Sprich endlich mal Klartext“, forderte Marko ihn genervt auf.
„Als ihr beide diskutiert habt, hatte ich ein Signal von einem fremden Transmitter empfangen, hier in unmittelbarer Nähe. Es befindet sich also ein weiterer Beamer direkt auf der Titanic. Und nur auf diesen Transmitter ist er scharf, weil er nur damit auf Zeitreisen gehen kann, kapiert? Und weil jeder die Lokalisierungsfunktion nutzen kann, dazu benötigt man nämlich keine Dienstnummer, hatte ich meinen Transmitter sofort heruntergefahren, damit er seinen Beamer nicht so schnell findet, und um meinen Transmitter wieder einzuschalten, benötigt van Broek einen achtundvierzigstelligen Zahlencode, den ich ihm aber nicht verraten werde“, kicherte Piet.
Der Blondschopf nahm seinen Bowler ab und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
„Oh Mann, der wird morgen vielleicht sauer sein.“
Marko allerdings teilte ganz und gar nicht seine Belustigung.
„Du hast in der Tat deinen Beamer abgeschaltet?“, fragte er empört. „Sag mal, bist du völlig übergeschnappt? Tickst du nicht mehr richtig? Jetzt sind wir doch von United Europe völlig abgeschottet! Jetzt haben wir jegliche Funkverbindung zum Centrum verloren! Was ist, wenn dein Beamer beim Einschalten nicht mehr hochfährt? Aufgrund der ohnehin dünnen Verbindung wird es etliche Stunden dauern, vielleicht sogar Tage, bis der Transmitter wieder aktiviert ist! Und das funktioniert sowieso nur, wenn der verdomme Satellit direkt über uns fliegt. Eine UE-Vorschrift besagt ausdrücklich, dass ein Transmitter nur in äußersten Notfällen abgeschaltet werden darf!“, schimpfte Marko. „Deinetwegen werden wir mit der Titanic jetzt absaufen, du Blödmann!“
„Beruhige dich, Kollege“, entgegnete ihm Piet gelassen und winkte ab. „Ich weiß schon, was ich tue. Ich habe da ein paar Tricks auf Lager, wie ich meinen Transmitter wieder schnellstmöglich aktiviere, ohne dabei auf den dämlichen Satelliten zu warten. Vertraue mir, denn ich beherrsche mein Arbeitsgerät. Wir müssen jetzt nur dafür sorgen, dass wir van Broeks Beamer vor ihm erhaschen. Ich weiß ja jetzt schließlich, wo sich sein Transmitter befindet.“
Piet gähnte ausgiebig, legte sich mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck zurück in den Sessel und schlief ein. Marko drehte sich auf dem Sofa zur Seite und dachte nach. Seine Gedanken rumorten, aber Rijken schlief trotzdem ein. Das altertümliche Medikament gegen Seekrankheit war überdies eine opiumhaltige Arznei, die extreme Schläfrigkeit bewirkte.
Die Titanic rauschte mit mittlerweile 21 Knoten durch die Nacht über den Nordatlantik. Die Geheimagenten aus der Zukunft schliefen allesamt tief und fest. Beinahe zeitgleich gingen am Heck der Titanic zwei Lichter aus.
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