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Die Belfast Mission - Kapitel 56

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© Francis Dille   
   
Kapitel 56 – Ein letzter Auftrag

Nicole hatte den Rasselwecker vorsorglich eine halbe Stunde früher gestellt, sodass Ike schon um 2:30 Uhr aus dem Schlaf gerissen wurde, praktisch mitten in der Nacht. Nachdem er sich mühselig aufgerappelt hatte, hockte er am Bettrand und strich sich mit beiden Händen durchs Haar. Ihm war schwindelig, sein gestriger Exzess stand ihm im Gesicht geschrieben. Ikes weißes Hemd sowie seine Hose waren verdreckt. Sogar seine Schuhe hatte er noch an.
Wie hatte er diesmal sein Bett gefunden, fragte er sich, während er noch völlig benommen seine Hosenträger richtete. Sein zweiter Gedanke war, wie jeden Morgen, wenn er erwachte: Ich brauche unbedingt einen Beamer. Doch plötzlich wurde er hellwach, weil er sich daran erinnerte, dass er pünktlich um 6:00 Uhr in Mr. Andrews Büro erscheinen musste und, dass gestern Abend ein weiblicher Cyborg erschienen und dieser bestimmt noch im Haus war.
Ike blickte starr zur geöffneten Schlafzimmertür – unten in der Wohnküche leuchtete Licht. Als er die Treppenstufen hinunterschlenderte, staunte er. Alles war ordentlich aufgeräumt und obendrein war der Fußboden geputzt worden. Eigentlich hätte er sich darüber freuen sollen, stattdessen aber fühlte sich die Ordnung für ihn befremdlich und unangenehm an, weil eine fremde Person in seine Privatsphäre eingedrungen war. Laika begrüßte ihn schwanzwedelnd, wogegen das Reh einfach nur mitten im Küchenbereich dastand und zuguckte.

Auf dem Küchentisch lag ein Brettchen mit zwei belegten Käsebroten und aus der Tasse dampfte frischer Kaffeeduft. Alles machte den Eindruck auf ihn, dass Eloise anwesend wäre und sie, anstatt der Cyborg, in der Wohnstube auf ihn wartete. Dieser Gedanke vermieste ihm jetzt schon jegliche gute Laune.
Ike schnappte sich die Kaffeetasse und ging langsam zur Wohnstube. Das Kaminfeuer knisterte und Nicole hockte im Schneidersitz barfüßig auf dem altmodischen Sofa. Ihre Kampfstiefel standen akkurat unter dem Tisch, sowie auch ihr schwarzer Koffer.
Nicole beugte sich über den Wohnzimmertisch, darauf drei aufgeschlagene Bücher lagen und einige technische Einzelteile. Sie war gerade dabei ihre zerlegte EM23 zu säubern, während sie gleichzeitig konzentriert die aufgeschlagenen Schmöker studierte. Sie blätterte die Seiten der Bücher abwechselnd um und reinigte dabei gemächlich den Schussbolzen ihrer Schnellfeuerwaffe.
„Morgen“, begrüßte Nichole mürrisch, ohne ihn dabei anzublicken. „Du stinkst barbarisch und siehst widerlich aus. Ich habe für dich alles schon vorbereitet. Du wirst sofort ein Bad nehmen und rasiere dich, sonst bist du gleich bei allen in deiner Firma unten durch. Dein Boss wird dich rausschmeißen und dann hast du die Mission vermasselt. Ich habe das komische Holzfass im Badezimmer mit Wasser aufgefüllt. Das ist doch zum Baden gedacht, oder?“
„Warst du etwa die ganze Nacht über wach? Hast du nicht geschlafen? Was machst du da eigentlich? Liest du etwa drei Bücher auf einmal?“, fragte er müde.
Nicole blickte ihn kaugummikauend an, lächelte und zwinkerte auffällig mit ihren Augenlidern. Immer diese blöden Fragen von den bescheuerten Homo Sapiens, dachte sie sich.
„Während meines Auftrags bin ich selbstverständlich im Wachmodus geschaltet, Schnucki. Und ja, ich lese grade. Also, Moby Dick und 20.000 Meilen unter dem Meer sind wirklich spannend.“ Sie tippte mit ihrem Fingernagel abwechselnd auf ihre panzerverglasten Augen. „Diese Bücher werde ich in meine private Bibliothek abspeichern. Und Die Zeitmaschine von H.G. Wells ist geradezu köstlich. Es ist amüsant zu erfahren, wie die Akteure von anno dazumal sich die Zukunft vorgestellt hatten.“
Ike schaute sie wortlos mit zerzaustem Haar nur gelangweilt an.
„Hey, als ich in der alten Fabrik war, hatte ich einen alten Kumpel von dir angetroffen. Marko Rijken. Er hat behauptet, du hättest das Bankkonto auf den Kopf gehauen. Echt jetzt?“, fragte sie lächelnd.
„Rijken ist der Prototyp eines Vollidioten. Jedes Unheil was ihm widerfährt, schreibt er erstmal mir zu, anstatt über eine realistischere Alternative nachzudenken. Der redet nur Mist und kommt oftmals damit sogar durch. Es ist mir unbegreiflich, wie man so einen Aufschneider zum Schleuser ausbilden konnte. Du solltest ihn also nicht ernst nehmen“, antwortete Ike abfällig.
„Komisch, so in etwa dasselbe behauptet er von dir. Ihr aus dem Centrum seid doch alle gleich. Arrogant, neidisch, angeberisch und jeder von euch glaubt unentbehrlich und der Beste zu sein. Darum macht ihr euch auch gegenseitig das Leben so schwer. Wir Cyborgs hingegen halten zusammen und tauschen uns gegenseitig aus; welche Software nützlich ist und welches Update man wirklich herunterladen und installieren sollte, um effektiver zu werden. Ihr Centrum-Blödis seid nur allesamt karrieregeil und haut euch gegenseitig in die Pfanne, um besser dazustehen.“
Ike sah sie starr an und schnaufte abfällig
„Und ihr aus dem Allemande-Sektor habt alle eine große Fresse, du bist das beste Beispiel dafür. Außerdem habt ihr alle ein Stecken im Arsch. Alles muss bei euch 1000-prozentig sein und ihr siezt sogar euren Nachbarn, der schon jahrelang neben euern Apartment lebt. Außerdem seid ihr geizig und feilscht um jeden Cent.“
Nicole grinste nur, während eine Kaugummiblase aus ihrem Mund aufblähte und zerplatze.
„Schön, dass wir darüber mal geredet haben. Jetzt kommen wir uns etwas näher und verstehen einander besser. Fehlt nur noch der gemeinsame Nenner, nämlich, dass ich ab sofort entscheide, wie wir das hier alles managen.“

Ike überblickte den Tisch. Darauf lag ein schwarzes Blasrohr mit einer Zielvorrichtung und die dazugehörigen Pfeile. Diese bestanden aus Kapseln, die mit Nadeln ausgestattet waren. Über dem Sessel lag ihr ausgebreiteter Schutzanzug mit der gelben Aufschrift: SEK, und die wabbelige Gesichtsmaske lag ordentlich über der Sessellehne.
Plötzlich erstarrte Ike. Auf dem Tisch, direkt neben ihrer zerlegten Schusswaffe, lag doch tatsächlich ein Beamer. Was für ein glücklicher Zufall, dachte er. Das war doch die Lösung seines Problems, damit könnte er das Unglück vom 30. September sofort ungeschehen machen. Er müsste auch gar nicht mehr Vincenzos komplizierten Plan nachgehen, sechs Monate abwarten, danach suchen usw. Es würde dann keine Beerdigung geben und Eloise würde noch leben. Schon heute noch könnte Eloise problemlos in die Stadt reiten, zum Krämerladen von Mr. Goldsmith, um einen neuen Roman zu kaufen. Aber das Cyborg Fräulein würde das begehrte Gerät sicherlich nicht freiwillig hergeben.
Er nahm eine der Pfeilkapseln auf und betrachtete diese. Das Geschoss sah nicht sonderlich spektakulär und gefährlich aus und ihre Schusswaffe lag gerade in allen Einzelteilen säuberlich auf dem Tisch ausgebreitet. Das wäre die einmalige Chance, ihr jetzt die EM23 unter das Kinn zu halten und sie dazu zwingen, die Zeitfernsteuerung freiwillig herzugeben. Seine Schusswaffe steckte hinten in seinem Hosenbund.
„Würde ich an deiner Stelle nicht wagen. Schlag es dir besser gleich aus deinem hübschen Köpfchen. Das wäre gesünder für dich“, sagte sie, ohne ihn dabei anzuschauen. Es schien, als würde sie seine Gedanken lesen können, dabei war es aber nur so, dass sie ihn trotzdem beobachten konnte, obwohl sie in die drei Bücher vertieft war und dabei gleichzeitig ihre Waffe reinigte. Nicole hatte ihren Rundumblick aktiviert und konnte alles detailliert sehen, was sogar hinter ihr passierte.
„Es gibt da eine ganz wichtige Regel, Hase, die du unbedingt befolgen solltest, wenn du mit mir gut auskommen willst.“
Nicole starrte ihn mit ihren riesigen Augen warnend an, während sie gemächlich kaute.
„Pfoten weg von meinem Zeug! Du rührst weder meine Waffen an und erst recht nicht meinen Beamer. Na los, leg das also sofort wieder hin, aber ganz vorsichtig, mein Lieber. Diese Kapseln sind äußerst empfindlich und sollte eine davon aufplatzen, bist du tot noch bevor du registriert hast, dass du soeben scheiße gebaut hast. Diese Kapseln enthalten ein Nervengas und sind so proportioniert worden, dass es nur die Zielperson erledigt. Es verflüchtigt sich daraufhin sofort und verseucht somit nicht die Umwelt. Es würde völlig ausreichen, wenn ich meine Feinde damit in ihren Stiefel schießen würde. – Sie schnippte mit ihren Fingern – Die wären augenblicklich tot. Das Gas kriecht sekundenschnell durch alle Poren, da würde nicht einmal eine Atemschutzmaske etwas nützen. Geschnappt? Also, hab etwas Respekt vor diesen kleinen Dingern und leg es ganz, ganz vorsichtig wieder zurück. Lass dich aber von der Nadel dabei bloß nicht stechen, denn das Gas ist flüssig und dringt sofort in deine Blutbahn ein. Dann heißt es für dich ebenfalls augenblicklich Sayonara, Schätzchen.“
Ike schluckte und folgte ihre Anweisung und legte das Geschoss behutsam auf den Tisch. Während Ike wortlos in das Badezimmer ging, überlegte er, wie man ihren Beamer abluchsen könnte. Plötzlich hörte Nicole ihn laut aus dem Badezimmer aufschreien.
„AAAAH, verdomme! Das Wasser ist eiskalt! Du hast es von draußen aus der Wasserpumpe genommen! Wir haben verdammt nochmal einen Wasserboiler, der dazu da ist, Wasser zu erhitzen!“
Nicole lehnte sich zurück und blickte mit ihren großen Augen zur Decke. Sie kicherte.
„Ich hatte auch nicht beabsichtigt, dich mit einem gemütlich warmen Wellnessbad zu verwöhnen, Mäuschen. Du tauchst jetzt komplett unter und zählst langsam bis zwanzig, dann darfst du wieder auftauchen. Schumeln gilt nicht. Du weißt ja, ich sehe alles.“
„Du hast sie wohl nicht mehr alle! Ich bade doch nicht freiwillig in einem Eiswasser!“
„Lege ich dir aber nahe. Ansonsten komme ich rein, tunke dich und zähle bis sechzig. Hast du das geschnappt?“
Ike überlegte kurz. Mit der war nicht zu spaßen, dass hatte sie ihm letzte Nacht bewiesen. Er stieg kurzentschlossen mit aufgerissenen Augen bis zum Hals komplett hinein – sein Atem stockte und es fühlte sich an, als würden auf ihn tausend Eiszapfen gleichzeitig einstechen. Ike hielt sich die Nase zu, tauchte unter und zählte, wie vereinbart, langsam bis zwanzig. Das machte ihn wach und wieder klar bei Verstand. Nicole würde ihre Drohung ganz sicher wahr machen, aber vor allem wollte er es vermeiden, dass ausgerechnet SIE ihn nackt zu Gesicht bekommt.

Als Ike die Empfangshalle des Hauptquartiers von Harland & Wolff betrat und auf die runde Firmenuhr sah, atmete er erleichtert auf. Es war erst 5:50 Uhr. Er war überpünktlich, erst in zehn Minuten müsste er im Büro seines Chefs erscheinen. Ike sah frisch und putzunter aus. Er fühlte sich jetzt auch zugegeben, aufgrund der morgendlichen Erfrischung, viel agiler und er hatte Betriebstemperatur, was bedeutet, dass er tatsächlich mit vollem Elan die Arbeit angehen konnte.
Plötzlich sah er wie Mr. Andrews mit kurzen schnellen Schritten das Treppenhaus hinunter eilte und direkt auf ihn zukam. Ike stockte. Mr. Andrews wirkte an diesem frühen Morgen wiedermal angespannt, wie ein gehetztes Tier. Man sah es ihm an, dass er gedanklich gerade etliche Probleme zu bewältigen versuchte. Beinahe wäre der Direktor der Konstruktionsabteilung sogar an ihm achtlos vorbeigelaufen, so sehr war er in seinen Gedanken versunken, doch dann blieb er stehen und musterte Ike mit seinen dunklen, scharfsinnigen Augen. Er lächelte und wirkte plötzlich freundlich und kumpelhaft, so wie man ihn kannte.
„Oh, Mister van Broek. Guten Morgen, Ike. Schön, dass Sie wieder bei uns sind“, sagte er und klopfte ihm kurz auf die Schulter. „Sie sehen erholt aus. Der Zwangsurlaub hat Ihnen offensichtlich gutgetan. Ähm … im Sekretariat bei Misses Kelly liegen Ihre Wochenberichte, wie üblich. Also, ran an die Arbeit.“
Ike blickte dem eilenden Mann mit dem braunen Herrenanzug, der von der Sicherheitszentrale als ein Hauptakteur eingestuft wurde, wortlos hinterher. Und noch bevor er durch die Drehtür verschwand, drehte sich Mr. Thomas Andrews um und fasste sich an die Stirn.
„Ach ja, beinahe hätte ich es vergessen. Nachher, um 9 Uhr, werden die Rettungsboote auf die maximale Kapazität geprüft. Die Schiffsbauer hatten mir versichert, dass die Boote mindestens sechzig Passagiere aufnehmen können. Trommeln Sie eine Mannschaft zusammen und begeben Sie sich dann zum Victoria-Channel, am Ausrüstungskai. Ich will, dass die Boote mit mindestens siebzig Mann getestet werden und Sie …“, sagte Mr. Andrews, wobei er mit dem Finger auf ihn zeigte und verschmitzt lächelte, „Sie werden jeweils als Erster die Rettungsboote besteigen. Viel Glück und Seemannsheil.“
„Mit siebzig Leuten?!“, entwich es Ike aufgebracht, wobei er diesmal aber darauf achtete, dass er sachlich blieb und seine Stimme nicht erhob.
„Ja aber, aber Mister Andrews … Sir. Bei allem Respekt, das ist doch viel zu viel Gewicht. Die Boote könnten durchbrechen oder volllaufen. Wir-wir würden dann alle … nass werden“, stammelte Ike mit erweiterten Augen.
Mr. Thomas Andrews grinste und nickte stetig.
„Genau das, mein lieber Ike, wollen wir ja herausfinden. Es müssen so viele Menschen in die Rettungsboote passen, wie möglich. Ich brauche diese Gewissheit, weil man mich überstimmt hat. Ich verlangte mehr Sicherheit, mehr Rettungsboote, aber die Titanic wird leider nur mit der gesetzlich vorgeschriebenen Mindestzahl bestückt werden. Diese reichen aber nur ungefähr für die Hälfte der Passagiere aus. Die Narren von der White Star Line sind stur und wollen einfach nicht einsehen, dass die festgelegte Rechtsnorm vorhandener Rettungsboote lediglich für die standardgemäßen Ozeandampfer gelten, jedoch für die Olympic-Liner völlig irrelevant ist. Die wissen zwar ganz genau, dass die Titanic doppelt so viele Passagiere befördert wie ein herkömmlicher Ozeandampfer, aber deren Ambitionen ist Kosten einsparen. “
Mr. Andrews zuckte missmutig mit der Schulter.
„Es sei reine Platzverschwendung, argumentierten die hohen Herren aus Liverpool. Das Oberdeck würde nur unnötig zugestellt werden, wenn wir nochmal so viele Rettungsboote unterbringen müssten. Die meinen, die wasserdichten Schotten seien Sicherheit genug. Aber nur keine Angst, Ike“, fuhr Mr. Andrews schmunzelnd fort. „Ich bin zuversichtlich, dass die Rettungsboote dieses enorme Gewicht aushalten, aber falls eines der Boote tatsächlich durchbrechen oder aufgrund der Last volllaufen und sinken wird, müssen Sie es positiv sehen. Denn dann brauchen Sie heute Abend nicht mehr zu baden. Rettungswesten werden selbstverständlich zur Verfügung gestellt“, zwinkerte er ihm schmunzelnd zu und verschwand durch die Drehtür.
Ike sah ihm missmutig hinterher und brummelte verärgert: „Ich habe heute Morgen schon gebadet.“

PS: Bei den Tests in Belfast wurden die Rettungsboote jeweils mit 68 Männern besetzt, um ihre Tragfähigkeit zu überprüfen. Dabei zeigte sich, dass keines der Boote unter der Belastung durchbrach oder aufgrund der Last mit Wasser volllief. Dennoch waren in der Unglücksnacht die meisten der insgesamt zwanzig Rettungsboote nicht voll ausgelastet worden – darunter vierzehn herkömmliche Rettungsboote, zwei spezielle Notfallkutter und vier Faltboote.

Nach Feierabend preschte Ike seinen Fuhrwagengespann über den Feldweg, als wäre der Teufel hinter ihm her, um so früh wie möglich Zuhause zu erscheinen. Zuerst hatte er es nur für einen Zufall gehalten aber je mehr er darüber nachgedacht hatte, desto überzeugter wurde er. Die Pfeilgeschosse mit dem Nervengas sowie der gepanzerte SEK-Schutzanzug über dem Sessel hatten ihm die Erleuchtung gebracht: Nicole war möglicherweise einer der mysteriösen Lebensretter gewesen.
Kaum hatte er die Haustür geöffnet, rief er nach ihr und stürmte in die Wohnstube hinein. Der Beamer und ihre Waffen lagen immer noch auf dem Tisch, sowie auch der SEK-Anzug noch ordentlich über dem Sessel lag. Das Reh stand neben dem Schaukelstuhl und guckte mit seinen dunklen Augen nur zu, wie Laika ihn freudig ansprang und dabei bellte. Doch Nicole war nirgends zu finden.
„Nicole? Sergeant Kalbach, wo verdammt nochmal steckst du?!“, rief er energisch.
„Hier oben bin ich, Schätzchen!“, antwortete sie schließlich.
Ikes Blick verfinsterte sich, während er auf ihren Beamer starrte, der immer noch auf dem Wohnzimmertisch lag. Was hatte sie oben in seinem privaten Bereich zu suchen, fragte er sich, und eilte sofort die Treppenstufen hinauf. Nicole stand im Schlafzimmer vor dem Mahagonischranktisch, hielt einen karierten Schottenrock an ihrem Leib und betrachtete sich im Spiegel. Eloise hatte der Rock bis zu ihren Knöcheln geragt, Nicole dagegen gerade einmal knapp unter ihren Knien.
„Wie cool“, sprach sie Kaugummi knatschend. „Gefällt mir. Sieht so mittelalterlich aus. Ist das heutzutage etwa modern?“
„Leg das auf der Stelle wieder zurück!“, brüllte Ike aufgebracht. Er ging auf sie zu, entriss ihr den Schottenrock und blickte sie zornig an. Diesmal war sie zu weit gegangen und wenn es sein müsste, würde er sich mit ihr anlegen. Selbst mit der Gewissheit, dass es chancenlos für ihn ausgehen würde.
„Dieser Rock gehört Eloise! Du rührst nichts von ihr an! Und was in allen Schubladen sowie Kleiderschrank liegt, geht dich ebenfalls nichts an! Das sind alles Sachen, die Eloise gehören!“
Nicole verdrehte genervt die Augen und seufzte.
„Hey Schnucki, sei mal gechillt. Komm wieder runter und höre mir jetzt genau zu! Dieses Haus und die komplette Einrichtung gehören weder dir noch deiner verstorbenen Frau, sondern der Regierung von United Europe. Das hier ist jetzt eine Basis des Geheimdienstes und ich muss mich bekleiden. Ich will mich draußen etwas umsehen.“ – Sie deutete mit ihren Händen auf ihre hautenge schwarze Latexkleidung – „So kann ich schließlich nicht rausgehen und mich präsentieren, meinst du nicht? Ich muss mich zeitgemäß bekleiden. Das schnappst du doch, oder? Aber diese Mickey Maus Kleidung hier passt mir leider nicht. Ist alles viel zu kurz. Sag, war Eloise etwa ein Zwerg?“
Ike blickte sie wütend an.
„Nimm dir aus diesem verfluchten Haus, was du willst, aber du lässt die Finger von ihren Sachen!“, fauchte er. „Geh nach unten in Annes Zimmer. Sie hat extra ein paar Klamotten dagelassen. Diese werden dir wohl eher passen, denke ich.“
Ike beruhigte sich und sprach wieder in einem normalen Ton. Nicht unbedingt, weil er ihren Würgegriff fürchtete, sondern eher, weil er ab sofort ihre Hilfe benötigte.

Allzu groß war die Klamottenauswahl jedoch nicht. Anne hatte bloß ihren blauen Rüschenrock, einen beigefarbenen Pullover, ein paar Käppis, den reifengroßen Ladyhut und einen Pelzmantel zurückgelassen. Zudem musste Nicole, aufgrund ihres gebleichten Bürstenhaarschnittes (hauptsächlich war ihr rasierter Nacken und Seitenkopf für eine Frau dieser Zeitepoche absolut undenkbar), unbedingt ein Kopftuch tragen.
Nicole äußerte den Wunsch, wenn sie schon ein Kopftuch tragen müsste, dann bitte schön eines mit Tarnfarben oder wenigstens ein schwarzes Kopftuch. Leider übergab Ike ihr jedoch ein rotes Kopftuch mit weißen Punkten, welches Nicole ihm daraufhin mit regungsloser Miene ruppig aus der Hand riss. Zu guter Letzt überreichte Ike ihr eine verspiegelte Pilotenbrille, die ihre großen Augen völlig abdeckten.
Nicole protestierte, als sie die Kleidung angezogen hatte und meinte, dass die verspiegelte Pilotenbrille viel zu auffällig wäre, weil es solche im Jahre 1911 noch gar nicht geben würde. Aber Ike konterte, dass ihre Computeraugen, wie er sich ausdrückte, um einiges auffälliger wäre.
Nicole betrachtete sich im Spiegel. Sie war nun mit einem blauen Rüschenrock und einem Pelzmantel bekleidet, zudem trug sie ein rotes Kopftuch, das unter ihrem Kinn festgebunden war und mit der Pilotenbrille machte sie keinen besonderen glücklichen Eindruck. Regungslos betrachtete sie sich im Spiegel und kaute langsamer.
„Scheiße, Mann. Mit diesem Outfit kann ich mich ja selbst nicht mal mehr ernst nehmen. Mit der Pilotenbrille, Pelzmantel, Rüschenrock und dem roten Kopftuch sehe ich wie ein durchgeknalltes Rotkäppchen aus, das voll auf Drogen ist“, meinte sie griesgrämig.
Ike hielt sich die Hand vor dem Mund, um sein Schmunzeln zu verbergen.
„Ehrlich, Nicole. Es ist besser, dass du so aussiehst. Andernfalls würden die Akteure vielleicht meinen, du wärst ein Außerirdischer vom Mars.“

Nicole war der Missmut deutlich anzumerken. Sie war über ihre Bekleidung äußerst verärgert und ließ ihren Frust ab, indem sie den Hühnerstall in einer Rekordzeit von nur 25 Minuten vollständig reparierte. Ike war damals zwei Tage damit beschäftigt gewesen, um den Hühnerstall und das Gehege zu bauen, wobei man beachten musste, dass er noch zuvor stundenlang einen Konstruktionsplan erstellt hatte.
Ein konzentrierter Blick auf das zerstörte Gehege hatte ausgereicht, um den Hühnerstall mithilfe ihres integrierten Computers gedanklich zu rekonstruieren. Sie benötigte dazu weder ein Maßband, irgendeine hilfreiche Skizze und erst recht nicht Ikes gut gemeinte Ratschläge.
Sie sägte die neuen Bretter millimetergenau zurecht und versenkte die langen Nägel jedes Mal mit einem einzigen Hieb. Ebenso stampfte sie mit ihren bloßen Händen die neuen Pfähle mühelos in den Boden; und ruckzuck umwickelte sie alles mit neuem Maschendraht, diesen sie einfach maßgerecht mit ihren Zähnen abbiss. Ike war beeindruckt, weil der Hühnerstall schließlich exakt genauso aussah, wie zuvor. Sogar etwas perfekter, diese Anerkennung er aber für sich behalten hatte.

Als Nicole und Ike abends in der Wohnstube am Kamin saßen, schien ihr Groll wieder verflossen zu sein. Sie verschlang die Romane wie ein Kind die Comicheftchen. Während Nicole weiter die Bücher las, gestattete sie Ike, ihre Personalien mit einem Augenscanner zu überprüfen.
Nicole befand sich gerade auf einem Offizierslehrgang und strebte den Dienstgrad eines Lieutenants an. Sie hatte den Checkpoint im Jahre 2471 verlassen und war seit zwei Jahren beinahe ununterbrochen auf Zeitreisen unterwegs. Ausschließlich in sogenannten modernen Kriegsgebieten, wie Korea, Vietnam, Irak oder in Afghanistan, um vermögende zeitreisende Herrschaften, die bei der Time Travel Agentur eine kostspielige Lebensversicherung abgeschlossen hatten, aus der Gefangenschaft oder anderweitigen Gefahrenzonen zu befreien.
Der Auftrag, dieses Haus vor einer Brandkatastrophe zu beschützen, war bislang ihr letzter Befehlseinsatz. Danach durfte sie wieder nach Hause in das 25. Jahrhundert, in die City Nieuw Cologne, und würde später in der Militärakademie im Centrum ihre theoretischen Prüfungen zur Offizierslaufbahn absolvieren.
Ike unterhielt sich mit ihr völlig unbefangen und erfuhr, dass sie, nachdem sie ein Lieutenant wäre, das SEK verlassen und zur MP gehen würde.
„Die ständigen Zeitreisen gehen mir voll auf`n Keks“, begründete sie ihren Entschluss, außerdem wäre es in allen Citys viel spannender. Die Beiden unterhielten sich über ihre Ausbildungen und tauschten sich gegenseitig aus. Ike erzählte ihr, was er in den vergangenen drei Jahren in Nordirland erlebt und wie er Eloise kennen gelernt hatte. Und Nicole hörte gespannt zu.
Sie lachten miteinander, die Stimmung zwischen ihnen war nun endgültig ausgelassen. Doch plötzlich blickte Nicole ihn überrascht an, wobei sich ihre ohnehin großen Augen weiteten. Die Freude, sowie Neugier, stand ihr im Gesicht geschrieben.
„Sag mal, Schätzchen, wenn du aus dem Jahr 2473 bist, dann hast du doch bestimmt noch das Endspiel der Fußballmeisterschaft mitbekommen, bevor du deine Mission angefangen hattest. Sag, wer ist Europameister geworden und wie hat Neu Cologne gespielt? Haben wir wenigstens das Viertelfinale erreicht?“ Nicole packte seinen Arm, zwinkerte und schaute ihn erwartungsvoll an. „Oder haben wir gar den Europapokal gewonnen? Das würde mich jetzt echt tierisch freuen“, lächelte sie fröhlich.
Ike lehnte sich langsam in den Sessel zurück und verschränkte die Arme hinter seinen Kopf.
„Tja, das darf ich dir leider nicht verraten“, grinste er.
„Wieso das nicht?“, fragte sie ernst, lächelte dabei zwar noch aber kaute langsamer ihren Kaugummi. Die Coolness schien ihr langsam zu entweichen, denn sie wollte unbedingt die zukünftigen Fußballergebnisse erfahren.
Ike blies die Backen auf.
„Nun ja, die Sache ist nun mal die. Du kommst aus dem Jahre 2471 und ich würde dir somit etwas aus der Zukunft verraten. Das ist aber verboten. Niemand darf etwas über seine Zukunft erfahren, so steht es im UE-Gesetzbuch geschrieben. Ich würde mich ansonsten strafbar machen.“
Nicole lachte kurz auf, aber ihre Belustigung verstummte sogleich, als sie merkte, dass es Ike scheinbar ernst meinte.
„Hey, mach keinen Quatsch und sag mir sofort, wie Neu Cologne gespielt und wer gewonnen hat.“
„Nein, sag ich dir nicht.“
Nicole kniff ihre Augen.
„Was soll das? Wenn ich diesen letzten Auftrag erledigt habe, wird mich die Sicherheitszentrale sowieso in die Gegenwart, also in das Jahr 2473, zurückholen. Du würdest mir somit gar nichts über die Zukunft verraten, sondern mich nur über aktuelle Neuigkeiten informieren. Das steht mir zu!“, argumentierte sie energisch.
„Dann warte einfach ab, bis man dich zurückbeordert, oder funk die Sicherheitszentrale an, mal sehen, was die dir antworten werden. Ich jedenfalls werde das Gesetz befolgen“, konterte Ike.
Nicole kaute schneller und blickte ihn beleidigt an.
„Die bescheuerte Sicherheitszentrale hatte mir den gleichen Bockmist erzählt, welchen du mir eben verzapft hast. Die meinten, ich müsse bis zu meiner Ankunft abwarten. Dabei will ich doch nur wissen, wer Fußballeuropameister geworden ist. Was ist daran so schlimm?“, fragte sie, wobei es bereits einen Takt aggressiver klang.
„Ganz einfach. Ich darf es dir nicht verraten, weil du dich daraufhin mit deinem Beamer in die Vergangenheit transformieren und eine lukrative Sportwette tippen könntest. Das ist der Grund, weshalb niemand etwas aus der Zukunft erfahren darf. So lautet nun mal das Gesetz“, konterte Ike lächelnd.
Nicole seufzte und schüttelte leicht mit dem Kopf.
„Komm schon, was soll das? Sag mir doch bitte nur, wie Neu Cologne gespielt und wer den verdammten Pokal gewonnen hat. Mehr will ich doch gar nicht wissen. Ich bin doch nicht so blöd, reise eine Woche vorher zum Checkpoint, um eine Wette zu tippen, um mich der Bereicherung an der Vergangenheit schuldig zu machen. So eine Dummheit kann der Geheimdienst doch nachvollziehen, wenn ich auf einmal eine reiche Frau wäre.“

Einen Moment starten beide sich nur wortlos an, dann holte Ike eine Aktenmappe hervor und schleuderte diese auf den Wohnzimmertisch.
„Schau mal, was darin geschrieben steht. Das betrifft unsere jetzige Gegenwart und ist wahrlich wichtiger, als Fußballergebnisse zu erfahren. Das ist der Bericht über die Geschehnisse des 30. Septembers. Beachte insbesondere meine Aussage und mit welchen Waffen die amerikanischen Soldaten ausgeschaltet wurden. Nervengas aus United Europe wird erwähnt, mit einem Blasrohr abgeschossen.“
Nicole blätterte die dreißig Seiten des Berichts wie ein Daumenkino durch, klappte die Akte zusammen und blickte ihn ausdruckslos an. Jetzt war sie über das Geschehen am 30. September 1911 vollständig informiert.
„Verstehe. Du glaubst also, dass ich einer der Unbekannten gewesen war, der die Soldaten in den Schützengräben eliminiert hatte. Du gehst mir langsam auf die Nerven. Zuerst behauptest du, ich hätte dir auf irgendeinen Friedhof nachgestellt und jetzt soll ich sogar ein paar Amis in die Hölle geschickt haben? Du hast eben grad herausgefunden, dass ich die letzten zwei Jahre durchgehend im Raum-Zeit-Kontinuum unterwegs gewesen war. Dass ich Nervengasmunition in meinem Inventar mitführe, ist kein Zufall, sondern gehört zu meiner Standartausrüstung. Und überhaupt, wer war deiner Meinung nach der andere Unbekannte gewesen? Sie waren schließlich zu zweit, wie es in der Akte geschrieben steht.“
Ike schaute sie einen Moment scharf an, bevor er antwortete.
„Ich habe auf der Werft nachgedacht und dann war es mir klar geworden. Ich selbst war der andere Unbekannte gewesen. Wir beide haben die Soldaten erledigt.“
Nicole blickte ihn skeptisch an.
„Ach ja, wirklich? Da frag ich mich aber, wie das gehen soll. Ein Zeitsprung für dich zurück zum 30. September würde das Archiv blockieren, weil du dir dort nämlich unmittelbar begegnen würdest.“

Ike erhob sich aus dem Sessel, wanderte langsam in der Wohnstube umher und blickte dabei konzentriert vor sich hin, während er redete.
„Ich glaube, dass ich dir alles erklären kann. Ich habe mit Vincenzo einen Deal. Er benötigt unbedingt Zeitreisedaten aus einen verlorenen Beamer, woraufhin er mir eine Software übermitteln wird, mit einem Zahlencode verschlüsselt. Dieses Programm deaktiviert den Funkpeilsender meines Mikrochips und vertuscht meine Identität, sodass das Archiv getäuscht wird und mich sogar in die Nähe meines Pendants teleportiert. Hast du das geschnappt?“, fragte Ike frech.
„Ja, habe ich“, antwortete sie ebenso frech. „Dumm für dich ist nur, dass ich da nicht mitmache, weil ich genau weiß, welche Ambitionen du verfolgst. Du willst deine verstorbene Frau wieder ins Leben integrieren. Das ist absolut illegal, wenn die UE-Regierung dich nicht dazu befugt. Aber erzähl ruhig weiter, Mäuschen, wie du dir das so ausgetüftelt hast. Ich liebe nämlich nicht nur fantastische Romane, sondern auch die Brüder Grimm Märchen“, lächelte sie.
Ike griff sich an seine Schläfe. Die Wunde des Streifschusses war zwar längst verheilt, trotzdem war der rötliche Strich noch sichtbar.
„Sag mal, deine Eagle Eyes sind doch bestimmt genauso zielsicher wie ein Zielfernrohr eines Scharfschützengewehrs. Wie gut kannst du eigentlich schießen? Bist du in der Lage, jemanden einen Streifschuss zu verpassen?“
Nicole erhob sich und stützte die Hände gegen ihre Hüfte. Jetzt hatte Ike ihre Eitelkeit am Schopf gepackt.
„Da muss ich dich mal über meine Fähigkeiten aufklären, mein Süßer. Allein ein hervorragendes Scharfschützengewehr mit einem ausgezeichneten Zielfernrohr nützt einem wenig, wenn man damit nicht umgehen kann. Ein Meisterschütze zeichnet sich nicht nur allein wegen seiner Zielgenauigkeit aus, vielmehr benötigt man dazu ein ausgesprochenes ruhiges Händchen. Auf eine ausgeglichene Atmung kommt es ebenso darauf an“, erklärte sie. „Das ist ausschlaggebend. Außerdem sind meine Reflexe zehnmal schneller als die eines Menschen. Ich halte sogar eine 20 Millimeter Schnellfeuerkanone so ruhig in meiner Hand, die einiges wiegt, als würde sie auf einem Ambos liegen. Ich habe noch niemanden einen Streifschuss verpasst, weil ich noch nie daneben geschossen habe. Ein Streifschuss ist das Pech des Schützen und das Glück des Opfers.“
„Aber du könntest es“, fiel Ike ihr ins Wort, „und du hattest es auch geschafft. Du warst es gewesen, die mich mit einem Streifschuss außer Gefecht gesetzt hatte. Du wirst auf meinen Kopf schießen müssen, aber nur meine Schläfe streifen. Das wird notwendig sein, denn mein anderes Ich wird unmittelbar vor mir stehen und muss ausgeknipst werden, sodass er sein Bewusstsein verliert. Denn wenn mein Pendant und ich mich erblicken, fallen wir beide gleichzeitig in ein Wachkoma.“
Nicole zeigte ihm einen Stirnvogel.
„Du verlangst von mir, dass ich auf deinen Kopf schieße? Bestimmt will ich nicht des Mordes angeklagt werden! Der Streifschuss hat dir offensichtlich nicht gutgetan und deinen Verstand geraubt.“
„Nein, nein. Du sollst nicht mir, sondern meinem anderen Ich einen Streifschuss verpassen.“
„Ach, halt doch die Klappe. Ich bin nicht blöde und weiß genau, was du meinst“, konterte sie sogleich verärgert. „Du verlangst von mir, dass ich auf DEINEN Kopf schießen soll. So sieht die Sache aus.“

Nicole hielt ihren Daumen und Zeigefinge zusammen und zeigte ihm den Abstand ihrer Fingerkuppen, um Ike zu erläutern, wie knapp dieser Gewehrschuss erfolgen müsste, um ihn nicht tödlich zu treffen. Dass seine Idee purer Wahnsinn wäre.
„Wir reden hier von Millimeter, Darling, der über dein Leben oder Tod entscheidet. Schlägt die Kugel nur einen halben Millimeter zu tief in deinen Kopf ein, ist es aus. Sollte das Projektil aber einen Millimeter an der Schläfe deines anderen Ichs vorbei sausen, würde dein Pendant nur einen kurzen Windhauch spüren, sich dann selbst erblicken, also dich, und sofort in ein Wachkoma fallen. Im gleichen Augenblick würde es logischerweise auch dir widerfahren.“
Ike kniete vor ihr nieder, nahm ihre kühle Hand und sah sie verheißungsvoll an, während er flüsternd sprach: „Das wird aber nicht geschehen, Nicole. Du siehst doch, dass ich grad vor dir kniee und der Streifschuss an meiner Schläfe ist sichtbar, also der Beweis, dass es klappt. Vertraue mir, es wird funktionieren. Ich vertraue dir doch ebenso, sonst würde ich dich nicht darum bitten, auf mich zu schießen.“
Nicole aber schüttelte mit dem Kopf.
„Du vertraust einem Cyborg? Das ehrt mich zwar aber beweist, dass du nicht mehr klar denken kannst. Vergiss es, Schnucki. Bei diesem Irrsinn mache ich nicht mit.“
„Du musst aber, sonst wird es ein Zeitparadoxon geben. Außerdem würde das SEK-Kommando in eine Falle laufen. Die Scharfschützengewehre wurden getestet. Die Projektile bestehen aus einem unbekannten chemischen Metall, welches die Amerikaner offensichtlich entwickelt hatten. Die Wucht der Geschosse sind enorm und sogar fähig, massive Baumstämme und sogar euren Schutzanzug zu durchschlagen. Henry wäre der Erste, der fallen würde, denn er war nur mit einem Herrenanzug bekleidet“, redete Ike energisch auf sie ein.
„Du hast einen mächtigen Knall, weiß du das überhaupt? Wie kann man nur dazu entschlossen sein, sich freiwillig gegen seinen eigenen Kopf schießen zu lassen, und dass allein nur wegen einer Akteurin?“
Ike seufzte.
„Du verstehst es scheinbar nicht. Der Erfolg der Mission hat zwar Priorität, aber unschuldige Akteure dürfen dabei nicht zu schaden kommen. Sicher, ich gebe es zu. Selbstverständlich beabsichtige ich, Eloise zu retten.“
Er blickte sie einen Moment nur an, bevor er sich erhob. Sie saß im Schneidersitz auf der Couch, streichelte Laika und küsste ihr auf die lange Schnauze. Ike überlegte. Wie konnte er bloß einen weiblichen Cyborg überzeugen? Er konnte sie zwar zu seinem Zweck mittels ihres Passwortes dazu zwingen, aber dieses letzte Ass im Ärmel wollte er vorerst zurückhalten. Ike war es wichtig, dass sie von ihm überzeugt war und ihm aufrichtig helfen würde.

Nachdem sich beide eine Weile angeschwiegen hatten, schlug er die Hände auf seine Beine, rieb sie und zupfte sich an der Nase.
„Na ja, ich kann es dir nicht verübeln. Du bist nun mal, was du bist. Es ist allgemein bekannt, dass hybride Menschen irgendwann unfähig sind, irgendwelche menschliche Gefühle nachzuvollziehen. Was weißt du schon von Zuneigung und Liebe. Ihr Cyborgs seid nur auf euch fixiert und geht ausschließlich rational vor.“
Nicole blickte ihn verwundert an.
„Was soll ‘n das heißen? Nur zu deiner Info … Ich habe einen Freund und der wartet auf mich. Der ist aber kein Centrum-Fuzi, so einer wie du“, spottete sie.
„Ach ja?“, erwiderte Ike, wobei ein sachtes Schmunzeln seine Mundwinkel verzierte. „Und wer ist das? Der Terminator oder etwa Robocop?“
Nicole blickte ihn stirnrunzelnd an.
„Diesen Witz schnapp ich jetzt nicht. Was soll das alles auch? Weshalb höre ich dir überhaupt zu? Im Bericht steht eindeutig, dass einer der Scharfschützen unkonzentriert gewesen war und deshalb deinen Todesschuss vermasselt hatte. Das alles klingt für mich nach einem hektischen Gerangel, wie es schon im Bericht erwähnt wurde. Das ging blitzschnell. Schnappst du eigentlich, dass mir allerhöchstens ein Augenschlag Zeit bleiben würde, um solch einen präzisen Schuss hinzubekommen? Ich will nicht sagen, dass ich es nicht gebacken kriegen würde aber …“
„Nicole“, unterbrach er, „Überleg doch Mal. Glaubst du tatsächlich, dass ein ausgebildeter Scharfschütze, mit einem technologischen Schnellfeuergewehr bewaffnet, aus einer lächerlichen Distanz von weniger als dreißig Metern daneben schießt?“
Nicole blickte ihn nur ratlos an. Darauf hatte sie keine Antwort.

Nicole von seiner Ansicht und seinen Plan zu überzeugen, war schwieriger als er es sich vorgestellt hatte. Ike konnte es aber auch nachvollziehen, denn sie müsste ein großes Risiko eingehen. Aber Ike war sich hundertprozentig sicher, dass sie es schaffen werden, schließlich war der verfasste Aktenbericht der Beweis dafür. Nicole aber würde sich nur mit einem handfesten Beweis überzeugen lassen, welcher für sie ausschlaggebend wäre. Der Bericht jedoch war für sie keineswegs ein Beweis dafür, dass beide die unbekannten Retter gewesen waren, beziehungsweise, sein werden.
Nicole kaute ihren Kaugummi und blies eine große Blase, bis diese zerplatzte.
„Nur mal angenommen, du hättest recht. Trotzdem würde ich einen Teufel tun, um mich mit acht ausgebildeten Marines anzulegen. Ich bin zwar zu fünfundfünfzig Prozent ein Cyborg, aber lange nicht hundertprozentig eine Idiotin und obendrein lebensmüde. Ich bin nämlich nicht unsterblich und kann sehr wohl draufgehen.“
Jetzt war der Moment gekommen, dass Ike sein Ass präsentiert.
„Sei unbesorgt. Selbstverständlich werde ich dein Passwort auf deine ID bestätigen. Somit wirst du meinem Befehl unterstehen und wärst von jeglicher Verantwortung befreit. Glaub mir doch endlich … Ich trage allein die Verantwortung für diese Operation.“
Nicole sprang nervös vom Sofa auf, schlenderte barfüßig zum Reh und streichelte beide Tiere.
„Pah, woher willst du denn mein Passwort wissen?“
Ike entgegnete ihr lediglich mit einem schelmischen Grinsen, schließlich waren die wichtigsten Dateien des UE-Geheimdienstes in seiner Nickelbrille abgespeichert. Unter anderem auch sämtliche Passwörter aller Personen, die sich gerade auf einer Zeitreise befinden oder es vor langer Zeit waren.

„Es gibt da aber immer noch eine klitzekleine Ungereimtheit, Mäuschen. Eloise ist gestorben und wurde beerdigt. De facto. Angenommen du würdest sie tatsächlich aus dem brennenden Auto ziehen und sie ins Centrum bringen, damit sie verarztet werden kann. Wer aber liegt dann in ihrem Grab?“
Nicole beugte sich über den Tisch und blickte ihn direkt in die Augen.
„Ja, mein Süßer. Das Grab bleibt schließlich vorhanden und irgendwer ist beerdigt worden. Da waren sogar ihre Angehörige anwesend und hatten um sie geweint. Also, wenn nicht Eloise, wer ist dann beerdigt worden? Das alles riecht nach einem Zeitparadoxon, was du mit deinem Vorhaben verursachen wirst!“
Ike erwiderte ihren durchdringlichen Blick einen Moment regungslos, dann verzierten sich seine Mundwinkel allmählich zu einem Grinsen.
„Na, wer wohl? Detective Sergeant Miller. Ich selbst hatte eine Leiche im Auto gesehen. Diese war unkenntlich verbrannt, da waren nur noch Reste übrig. Selbst die Feuerwehrleute und die Ärzte konnten mir nicht bestätigen, dass es sich dabei eindeutig um eine weibliche Leiche handelte. Und DNA-Analysen gibt es heutzutage noch nicht.“
Ike kniete wieder vor ihr nieder und griff nochmals nach ihrer kühlen Hand.
„Hör zu, Nicole. Nachdem wir die Soldaten eliminiert haben, wirst du den Detective nehmen und ihn in das Automobil tragen. Ich hole Eloise da raus. Danach zünden wir die Karre an, damit Henry mit seinen Leuten am Tatort erscheinen können. Das erklärt auch das Verschwinde des Detectives und weshalb das Automobil brannte.“
„Wieso soll ich schon wieder die Drecksarbeit erledigen und eine Leiche spazieren tragen?“, fragte sie ärgerlich.
„Weil der verfluchte Fettsack mindestens 220 Pfund wiegt, deshalb“, antwortete Ike. „Der Scheißkerl war ein Bär eines Mannes, meine Bandscheiben würden erheblich darunter leiden. Deine dagegen sind doch aus Titan oder Stahl oder was weiß ich aus was, und überdies muss alles rasch geschehen“, lächelte er verlegen.
Nicole verschränkte ihre Arme und schaute ihn griesgrämig an.
„Typisch Homo sapiens. Der dumme Cyborg ist ja stark genug und wird’s schon richten. Aber wie willst du die Karre anstecken? Erzähl mir jetzt bloß nicht, dass du mit Streichhölzern zündeln willst. Das muss innerhalb wenigen Minuten geschehen. Diesel ist nämlich nicht so leicht entzündbar, wie du denkst, zumal der Sprit ohnehin bereits im Boden versickert sein wird, wenn wir soweit wären.“
Ike nickte, während er sie nachdenklich anschaute.
„Das ist wahr, da gebe ich dir recht. Wir benötigen einen Brandbeschleuniger, und davon eine ganze Menge.“
Nicole war bald so weit. Bald würde es ihm gelingen, sie für seinen Schlachtplan zu gewinnen. Da war er sich sicher. Aber sie wäre wahrscheinlich immer noch nicht überzeugt, wenn er morgen Abend nach der Arbeit mit einem Kanister Petroleum erscheinen würde. Wohl erst dann, wenn ihr irgendein Brandbeschleuniger praktisch vor die Füße fallen würde.
 

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