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3 Seiten

Rent und Elli

Amüsantes/Satirisches · Kurzgeschichten
Elli und Rent haben es geschafft. Sie sind oben. Zumindest für Rent war das gar nicht mal so einfach. Er hat, im Gegensatz zu Elli, beträchtliches Übergewicht und musste dieses zusätzlich zu sich selbst auch noch den ganzen Berg hochhieven. Obendrein hatte Elli immer wieder die tolle und spontane Idee, querfeldein zu laufen, also den regulären Weg zu verlassen. Sie kann anscheinend einfach nicht anders, egal wie unwegsam das Gelände in diesem Moment auch sein mag. Das machte den Aufstieg für Rent nicht gerade einfacher. Doch jetzt haben sie es geschafft und werden mit einem wundervollen Ausblick ins Tal hinab belohnt.
"Jetzt sind wir oben", sagt Elli verträumt, als sie nebeneinander im Gras sitzen und den Ausblick genießen. Eine Bank wurde hier nie aufgestellt, was etwas seltsam ist, weil man hier oben wirklich einen tollen Ausblick hat.
"Sind wir", bestätigt Rent lapidar und immer noch etwas außer Atem.
"Und können diesen wundervollen Ausblick genießen."
Rent schaut sich einmal kurz um. Dann sagt er bestätigend: "Können wir."
Plötzlich scheint es, als schaue Elli mehr in sich hinein, als nach außen. Sie bekommt öfters solche komischen Anwandlungen. Rent kennt das von ihr. Erklären kann er es sich aber nicht. Elli flüstert, wie zu sich selbst: "Und was haben wir davon?"
Rent scheint irritiert. Er dreht sich so abrupt zu Elli um, dass seine blonden Locken wild um ihn herumwirbeln. "Was"?, sagt er etwas verdutzt.
Elli holt einmal tief Luft und atmet dann laut wieder aus. "Ach Rent." Sie legt ihren Kopf auf seine Schulter und schließt ihre Augen.
Jetzt ist Rent noch irritierter, als zuvor. So etwas hat sie noch nie gemacht.
"Könnten wir diesen Augenblick doch ewig erleben", flüstert Elli.
"Ewig?", platzt es aus Rent heraus. "Wozu? Ich meine, ich muss doch morgen zur Schule. Wer geht denn dann für mich dorthin. Außerdem muss ich noch meine Hausaufgaben machen. Die machen sich nicht von selbst. Das sagt meine Mutti immer."
Elli muss kurz auflachen. Damit verdutzt sie Rent erneut. Nun etwas in Sorge geraten, fragt er sie vorsichtig: "Elli, ist bei dir alles in Ordnung?"
"Ach, Rent. Wenn ich mit dir zusammen bin, dann ist doch immer alles irgendwie in Ordnung."
Schwerlich, dass Rent jetzt noch verdutzter werden könnte. Er schaut erstaunt drein. So etwas hat noch nie jemand zu ihm gesagt. "Warum?", fragt er sie deshalb.
Doch Elli schweigt und genießt einfach diesen Augenblick, von dem sie sich wirklich wünscht, dass es für immer so sein würde. Doch sie weiß, dass dem nicht so sein wird. Sie weiß, dass sich die Wege von Rent und von ihr irgendwann trennen werden. Sie ist sich bewusst, dass ihre gemeinsame Zeit begrenzt sein wird. Sie spürt sehr genau, dass sie beide sehr unterschiedlich sind und dass ihre Eltern genaue Vorstellungen davon haben, wie ihr weiterer Weg verlaufen soll. Ein Weg, der ohne Rent stattfinden muss. Sie sieht es den Gesichtern ihrer Eltern immer an, wenn sie ihnen sagt, dass sie sich mal wieder mit ihm treffen möchte. Sie sieht ihnen an, dass die das eigentlich gar nicht wollen, weil er einfach kein Umgang für sie ist. Er entspringt einer ganz anderen gesellschaftliche Klasse, als sie. Er wäre nicht vorzeigbar, zum Beispiel bei den regelmäßig stattfindenden Familientreffen, bei denen man sich stets darüber austauscht, was man alles erreicht hat, und wie toll die eigene Zukunft sein wird. Neid. In ihrer Familie geht es immer nur darum, bei anderen Menschen, auch, oder vielleicht gerade ganz besonders bei der eigenen Familie, Neid auszulösen. Aber Elli tickt da etwas anders. Am liebsten würde sie sich dem entziehen. Doch wie? Wie soll sie das anstellen? Wie könnte sie das erreichen? Bisher gelingt es ihr immer nur in der kurzen Zeit, in der sie mit Rent zusammen ist. Er ist so anders. Ganz anders. Seine ganze Familie ist anders, als ihre eigene. Sie haben eine so tiefe Herzlichkeit in sich, dass Elli manchmal den Tränen nahe ist, wenn sie mit ihnen zu tun hat. Manchmal kann sie gar nicht fassen, dass es so etwas überhaupt in der Welt gibt. Sie hatte vorher nur ihre eigene Familie gekannt, und nichts anderes. "Elli." Rent holt sie aus ihren Gedanken heraus. "Müssen wir uns nicht langsam auf den Weg machen?" Auf den Weg machen. Ja, das müssen sie. Und sie werden nie eine andere Wahl haben, als sich auf den Weg zu machen. Das ganze Leben dreht sich doch im Grunde nur darum. Immer muss es irgendwie weitergehen. Immer muss irgendetwas passieren. Alles muss immer in Entwicklung sein, in Bewegung, sonst wird man sehr schnell von den anderen abgehängt. Das bekommt sie fast jeden Tag von ihren Eltern zu hören, wie eine Art endloses Mantra, mit dem ihr Geist überflutet wird; sie sehr wahrscheinlich einer Gehirnwäsche unterzogen werden soll. Penetrant und gnadenlos. Alternativlos. Ein Weg, der schon längstens vorgezeichnet ist. Und ein Querfeldein scheint da völlig ausgeschlossen. "Ja, müssen wir", bestätigt Elli jetzt mit einer seltsamen Traurigkeit in ihrer Stimme, von der sich Rent nicht so recht erklären kann, wo das jetzt wieder so plötzlich herkommt. Und dann fügt sie noch, jetzt wieder etwas verträumter und auch irgendwie verschlafener, hinzu: "Aber lass uns wenigstens noch einen kurzen Augenblick hier bleiben, okay?"
"Ja, gerne, Elli." Rent versucht es. Er versucht, einfach nur so dazusitzen und an nichts zu denken. Und eine kurze Zeit gelingt ihm das auch tatsächlich erstaunlich gut. Doch dann sagt er plötzlich: "Aber eine Sache wäre da noch."
Elli hat immer noch ihre Augen fest verschlossen und ihren Kopf auf die Schulter von Rent gelegt. Sie hört deutlich, wie dieser von dem anstrengenden Aufstieg immer noch etwas außer Atem ist, und dass sein Herz immer noch etwas schneller schlägt. Seltsamerweise beruhigt sie dieses leise Geräusch. Und das ist etwas, das sie sich nicht so recht erklären kann. "Welche Sache?", fragt Elli mit leiser Stimme, als würde sie jeden Moment einschlafen.
"Ich habe Hunger" sagt Rent, und wie aufs Stichwort fängt sein Magen zu knurren an. Elli muss kurz auflachen. Rent scheint wirklich der einzige Mensch auf der ganzen Welt zu sein, der sie zum Lachen bringen kann. Sie sagt, während sie heimlich in sich hineingrinst: "Ist doch bei dir nun wirklich nichts Besonderes, oder Rent?"
"Komisch, das sagt meine Mutti auch immer."
Und Elli muss erneut lachen. Und wieder kann sich Rent nicht so recht erklären, weshalb eigentlich.
 
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Kommentare  

Einfach bezaubernd. Eine kleine Geschichte mit viel Herz geschrieben.

Gerald W. (01.10.2023)

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