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16 Seiten

Ahrok - 2. Kapitel

Romane/Serien · Fantastisches · Fan-Fiction/Rollenspiele
© Jingizu
Zweites Kapitel: Eine wunderliche Begegnung

Die ersten Strahlen der Morgensonne fielen durch ein kleines Fenster in einen ebenso kleinen Raum. Sie zeichneten winzige Muster auf einen Holzfußboden, der auch schon einmal bessere Tage gesehen hatte. Einen Teppich gab es in diesem Zimmer nicht und auch die Holzwände waren kahl und schmucklos.
Zwei Betten standen, getrennt durch einen hölzernen Kleiderschrank, links und rechts an der Wand. In einem dieser Betten lag ein junger Mann mit kurzem, blondem Haar.
Ein älterer Mann stand lange in der Tür und betrachtete den Schlafenden.
Das Kissen lag auf dem Boden, die Decke halb vom Bett gezogen, ein Arm über die Bettkante hinaus. Der Junge schlief wie er alles tat, mit vollem Körpereinsatz und ohne Rücksicht auf die Welt um ihn herum. Selbst im Schlaf war er zu groß für sein Bett. Die Füße ragten über das Ende hinaus und in dem schwachen Licht des frühen Morgens konnte man die Silhouette seiner Schultern unter der verbliebenen Decke erkennen. Sie waren breiter als seine eigenen — und er war kein kleiner Mann.
Er trat einen Schritt in das Zimmer. Dann noch einen.
Es war schwer zu sagen, woran es lag. An den jetzt schon unnatürlich breiten Schultern vielleicht, oder an der Art, wie der Junge die Hand zur Faust schloss, selbst im Schlaf. Oder an diesem Ausdruck, den er manchmal hatte, wenn er wütend wurde. Das war nicht der Zorn eines Jungen, sondern etwas Tieferes, das kurz hinter den Augen aufflammte und dann wieder verschwand, bevor man es greifen konnte.
Er kannte diesen Ausdruck.
Lange Jahre hatte er geglaubt, er könnte ihn vergessen haben. Vierzehn war er gewesen… fünfzehn vielleicht und er hatte ihn so angesehen, als er ihm wieder einmal den Übungsplatz verweigert hatte. Da war es gewesen. Nur einen Herzschlag lang, bevor er wieder trotzig fortgerannt war, aber es hatte gereicht.
Unwillkürlich trat er einen halben Schritt zurück.
Er hasste sich dafür.
Das da war sein Sohn. Jemand von seinem Fleisch und Blut, das stand außer Frage. Egal wie oft der Junge ihn enttäuschte, ihm den letzten Nerv raubte, weil er das, was er von ihm verlangte, bestenfalls ignorierte… er liebte ihn mit jeder Faser seines Körpers, nur… es war gleichzeitig alles so schwer.
Seine eigene Unfähigkeit, ihre Probleme zu lösen, hatte ihn jetzt hierhergeführt. In die Tür des kleinen Zimmers, kurz nach Sonnenaufgang, um ihn schlafen zu sehen. Weil das der einzige Moment war, in dem er ihn betrachten konnte, ohne Angst zu haben.
Nein. Das stimmte nicht ganz.
Er hatte auch jetzt Angst.
Nicht vor seinem Kind. Er hatte Angst vor dem, was die Welt mit einem Mann anstellen würde, der so war wie er. Was die falschen Leute tun würden, wenn sie sahen, was er sah. Was die richtigen Leute tun würden, wenn sie begriffen, wessen Sohn er wirklich war.
Das Exil hier draußen, das abgeschiedene Haus, die Arbeit auf dem Hof, das endlose Holzhacken und Felder bestellen… all das war kein Gefängnis. Es war eine Mauer. Und solange sein Junge nur hinter dieser Mauer blieb und glaubte, er sei nichts weiter als ein zweitklassiger Bauernsohn, der Holz holen musste, statt Schwerter zu schwingen, solange war er sicher.
Das war der Plan gewesen und er hatte lange Zeit funktioniert. Jetzt aber gab es von Tag zu Tag, von Woche zu Woche mehr Risse in dem Schutzwall.
„Du schaust ihn wieder an."
Sebastian, sein Ältester, stand im Türrahmen hinter ihm. Leise wie immer, mit dem wachen Blick eines Mannes, der früh aufgestanden war und sich keine Mühe gab, das zu verbergen.
„Ich schau nur nach dem Rechten", antwortete der Mann, ohne sich umzudrehen.
Einen stillen Moment lang betrachteten sie beide den Schlafenden.
„Er wird sich eines Tages erinnern. Er wird alles wissen wollen", sagte Sebastian.
„Das stimmt wahrscheinlich, aber er wird es nicht erfahren.“ Der Alte trat auf den Gang und zog die Tür hinter sich zu. „Nicht von uns und nicht hier. Solange er nur hier ist, ist er sicher."
Sebastian sah seinen Vater lange an, dann nickte er langsam.
„Und wenn er geht?"
Darauf gab es keine Antwort. Zumindest keine, die er laut aussprechen wollte. Also schwieg er. Sebastian fragte nicht noch einmal. Beide gingen hinunter zur Küche, während der Junge weiterschlief, die Füße über das Bettende hinaus, die Hand zur Faust geschlossen.

Langsam spazierten die kleinen Sonnenmuster immer weiter, bis sie dann, nach kurzer Wanderschaft über Decke, Hals und Kinn, die Nase des Bettbewohners kitzelten.
Müde blinzelte der junge Mann durch die verschlafenen Augen in den neuen Tag. Wieso kam der Morgen denn nur immer so schnell? Ein Blick auf das zweite, jedoch leere Bett, verriet ihm, dass sein Bruder schon vor einer Weile aufgestanden war. Es war kaum Morgen und schon nagte das schlechte Gewissen wieder an ihm. Eigentlich konnte er auch gleich liegen bleiben, denn besser würde der Tag nicht mehr werden.
Er richtete sich missmutig auf. Die Nacht war so schön gewesen.
Nach einem ausgiebigen Gähnen rieb sich der junge Mann den Schlaf aus den Augen.
Geradezu widerwillig schwang er ein Bein aus dem Bett und dann noch das Zweite. Es war natürlich doch besser jetzt schon aufzustehen, bevor sein Vater wieder ungehalten wurde, weil er die Frühstückszeit verschlief und wenn er einen der beiden Menschen, die er in dieser Welt kannte, nicht reizen sollte, dann war es sein Vater. Ein letztes Mal räkelte und streckte er sich, bis die Müdigkeit wie von Zauberhand aus seinen Knochen wich.
Ein neuer Tag, bedeutete auch immer eine neue Gelegenheit sich zu beweisen.
Er hatte keine Ahnung wie dieser banale Gedanke plötzlich in seinen Kopf kam, aber vielleicht lag es ja auch nur an diesem schönen Traum, denn der junge Mann sprang nun voller morgendlicher Energie aus dem Bett. Sein tagelang vernachlässigtes, weil selbstauferlegtes Training rief nach ihm.
Rauf, runter, rauf, runter... als er beim sechsundsiebzigsten Liegestütz angelangt war, öffnete sich knarrend die Zimmertür und sein Bruder lugte hinein. Er stoppte mitten in der Bewegung und zuckte unvermittelt zusammen, denn es fiel ihm ein, dass er gestern noch den Auftrag hatte die Scharniere der Tür zu ölen.
„Ahrok, steh bitte... Oh, du bist schon wach und du machst wieder deine… Übungen…“ Ahrok antwortete nicht, sondern blickte nur stur hinab auf den Holzfußboden, auf dem sein Schweißtropfen winzige Seen hinterließen. „Na dann, beeil dich damit, Vater hat einige Aufgaben für dich.“
Ein weiteres Knarren zeugte davon, dass er wieder allein war.
Jawohl und wie er übte! Den beiden würde er es noch zeigen.
Ja gut, die Götter hatten ihn familiär mächtig beschissen und er war nicht der Erstgeborene in diesem Haus, aber trotzdem konnte er es jederzeit mit seinem Bruder aufnehmen und ihm dieses herablassende Grinsen aus dem Gesicht prügeln! Na ja… vielleicht irgendwann einmal. Aber wenn er nur fleißig weiter trainierte, siebenundsiebzig, dann würde er es seinem Bruder, achtundsiebzig, und seinem Vater, neunundsiebzig, doch endlich zeigen, dass er kein Nichtsnutz war. Achtzig, er hasste seine Familie, einundachtzig, jawohl, er hasste sie, zweiundachtzig, dreiundachtzig!
Der Schweiß rann Ahrok mittlerweile in kleinen Rinnsalen über die zittrigen Arme und seine Motivation hatte nach der Störung durch seinen Bruder einen Tiefpunkt erreicht, von dem sie sich nicht so schnell wieder erholen würde. Er ließ sich auf den Boden fallen und schlug mit seiner Stirn rhythmisch auf die Dielen.
Dieses kleine Ritual besänftigte ihn wieder, wenn auch nur ein wenig. Verlockender war jedoch die Aussicht auf ein gutes Frühstück.
Nach einer kleinen Stärkung konnte er schließlich immer noch weitermachen oder, was wahrscheinlicher war, bei einem dieser belanglosen Aufträge seines Vaters ein bisschen Tagträumen. Diese kleinen Wunschträume vom Ritter Ahrok waren letztendlich alles, was ihm in diesem Gefängnis blieb.
Als Ahrok wie üblich demonstrativ schlecht gelaunt die Küche betrat, saßen sein Vater und sein Bruder zusammen am Tisch und unterhielten sich angeregt. Die beiden sahen selbst unter ihren weiten Leinenhemden so dermaßen durchtrainiert aus, dass es ihm den Neid bis in die Haarspitzen trieb. Wieder einmal stellte Ahrok ernüchtert fest, dass er mit keinem von ihnen die geringste Ähnlichkeit besaß.
Beide Männer waren sonnengebräunt, lang und drahtig und besaßen diese wilden, dunklen Haare und Augen, die von Abenteuer und Gefahr erzählten. Sie bewegten sich mit der Anmut von Wildkatzen - er hingegen war eher wie ein Bär. Einer dieser tapsigen Gesellen vom Jahrmarkt, um genau zu sein. Ja, er war groß und bedeutend kräftiger gebaut als die beiden, jedoch bleich wie der Mond, blond und ohne Farbe.
Der Grund für all das war auch kein Geheimnis.
Sebastians Mutter war nicht die seine.
„Guten Morgen, Sebastian. Guten Morgen, Vater“, nickte er in die Runde.
Er versuchte möglichst freundlich zu klingen, auch wenn ihm nicht nach Freundlichkeit zumute war. Es war der beste Weg weiteren Streitigkeiten aus dem Weg zu gehen und schnellstmöglich wieder Ruhe vor den beiden zu haben.
Sein Bruder nickte ihm ebenfalls kurz zu und wich dann seinem Blick aus.
Mit einem tadelnden „Guten Morgen? Wohl eher Guten Tag, mein Sohn“, ergriff die Stimme seines Vaters die Chance auf Konfrontation. „Die Sonne steht schon gewaltig hoch. In fünf Stunden ist es Mittag. Du hast dir mal wieder einen schlechten Tag zum Faulenzen ausgesucht. Wenn mich nicht alles irrt, hattest du doch den Auftrag, heute im Wald Holz zu holen!“
„Ja, Vater.“
Beschämt senkte Ahrok den Blick. Er konnte den stechenden Augen dieses Mannes einfach nie standhalten. Dieses eklige Gefühl der Schwäche, das sich gerade seine Wirbelsäule hinab in den Magen vorarbeitete, war allgegenwärtig in der Anwesenheit der beiden. Der Mann war es gewohnt, dass man jedes seiner Worte als Befehl verstand und ohne Widerrede gehorchte.
„Hier fang!“ Sein Vater warf ihm ein Stück Brot zu. „Die Hühner und Schweine habe ich schon gefüttert, während du noch geschlafen hast. Also nimmst du heute das Beil und machst dich bitte gleich auf in den Wald. Ich muss dir hoffentlich nicht schon wieder erklären, wie man Holz hackt. Du gehst nämlich allein. Dein Bruder wird heute hier bei mir bleiben. Versuch rechtzeitig zum Mittag zurück zu sein, denn es gibt den Linseneintopf, den du so magst.“
Ahrok hob den Brotkanten auf, den er zu fangen verpasst hatte und verließ schweigend die Hütte. Was gab es auch zu sagen? Es war wieder einer dieser Tage. Einer dieser ganz normalen Tage im zweitklassigen Leben eines zweitklassigen Sohnes.
Der Hunger war ihm vergangen, also schob er sich den Kanten in die Hosentasche.
Er zog das Beil aus dem Hackklotz, der gleich neben der Tür vom Schweinestall stand.
Der Ärger wich nur langsam der Vernunft. Es hatte ja doch keinen Sinn, sich aufzuregen. Sein Leben war eben ein einziger, großer Scheißhaufen. Ein kurzer, neidischer Blick hinüber zu dem umzäunten Übungsplatz trieb ihm schon wieder die Galle hoch. Gleich dahinter war der Schuppen mit den vielen, blank geputzten Waffen. Da gab es Schwerter, Messer, Dolche, Degen und Säbel – sie alle hingen fein säuberlich aufgereiht in ihren Halterungen.
Kaum zwanzig Schritt von ihm entfernt und doch unerreichbar für ihn.
Er durfte den Platz nie betreten oder auch nur eines der Schwerter anfassen. Nicht einmal eines der Messer. Das durfte nur sein Bruder, weil der ja der Erstgeborene war. Der blöde, stinkende Erstgeborene. Wütend schlug er mit dem Beil um sich und köpfte ein paar Blumen.
„Holz, Ahrok… Ich sagte du sollst Holz hacken gehen“, tönte seines Vaters Stimme durch das Küchenfenster.
Auch das noch. Mit hochrotem Kopf festigte der zukünftige Ritter Ahrok den Griff um das Heft des Beils und rannte gen Wald.
Als er sich außer Sichtweite wähnte, hielt er an und blickte zurück nach Osten. Dort in der Richtung lag Märkteburg. Es war eine der wenigen, großen Städte in der Altmark nach dem letzten Zeitalter der Bestrafung. Nicht, dass Ahrok die Burg oder die Stadt um sie herum jemals besucht hatte, aber er hatte davon gehört.
Genaugenommen hatte er von allen Orten jenseits eines fünf Meilen Radius um ihr Häuschen nur Geschichten gehört und so wusste er nicht viel über die Außenwelt oder das sogenannte Zeitalter der Bestrafung, abgesehen davon, dass es die Zeit gewesen war, in welcher diese seltsamen, fremden Lebewesen, die sein Vater die „Dämonen“ nannte, das gesamte Land verheert hatten und sich alle Menschen, Zwerge und was es sonst noch so auf der Welt gab in unterirdischen Städten versteckten mussten, um zu überleben.
Er würde zwar gern einmal eine dieser großen Städte besuchen, so wie sein Vater es oft tat, wenn er arbeiten musste, aber Ahrok wusste genau, dass er ihn niemals mitnehmen würde. So oft hatte er schon fruchtlos gebettelt.
Seine frisch wieder aufgenommenen Schritte wurden schon wieder langsamer und lustloser. Allein die Vorstellung, den ganzen Vormittag im Wald zu verbringen, einen Baum auszusuchen, den dann zu fällen, zu entasten und ihn dann den ganzen Nachmittag lang nach Hause zu schleppen ließ seine Gelenke schmerzen und die ohnehin angeschlagene Laune weiter schrumpfen.
Was sollte das?
Er war verdammt noch mal ein richtiger Mann, mindestens ebenso sehr wie sein Bruder. Der hatte natürlich nichts mit solch niederen Arbeiten am Hut. Der durfte zusammen mit ihrem Vater irgendwelches männliche Zeugs machen. Etwas mit Waffen und Hauen und Stechen – Männersachen eben. Und er?
Es waren immer noch über zwei Meilen bis zum Wald, als ihn eine zittrige Stimme aus seinem Selbstmitleid riss: „Wohin des Wegs, Bürschchen?“
Eine runzlige, alte Frau hockte gelangweilt unter einem Baum und kaute auf einem Grashalm.
„Nichts... Ich, äh... in den Wald meine ich.“
Er stoppte kurz und beäugte die Alte missmutig.
Was wollte die denn von ihm? Ahrok hatte sie noch nie zuvor hier in dieser gottverlassenen Gegend gesehen. Wie einer dieser reisenden Trödler sah die auch nicht aus, denn dafür war sie nämlich nicht mehr rüstig genug. Sie maß kaum fünf Fuß, aber sie hatte dafür beinahe ebenso langes, schlohweißes Haar.
„Ach, das ist schön, Kleiner.“
Verwundert hob Ahrok die Augenbraue. Mit den Augen hatte die Alte es also auch, immerhin war er doch um Längen größer als diese Frau.
„Ja, wie auch immer…“
„Ich muss auch in die Richtung. Vielleicht könntest du mir helfen, meine Tasche zu tragen. Sie wird doch mit der Zeit ziemlich schwer und du siehst recht kräftig aus.“
Na, da hatte er es ja auch schon. Natürlich sprach ihn niemand an, der nichts von ihm wollte. War er denn der Packesel der ganzen Altmark?
Ahrok verdrehte die Augen.
„Naaaa gut, Alte. Wenn´s sein muss.“
Mürrisch griff er mit der Linken nach dem Beutel der neben ihr lag – und vermochte ihn kaum anzuheben.
Verdutzt sah er die alte Frau an: „Oh Mann, was habt Ihr da drin? Steine?“
„Och, Jungchen, nur dies und das was ich so zum Leben benötige. Ist das Säckchen dir etwa zu schwer?“
„Na... natürlich nicht.“
Das konnte Ahrok nicht auf sich sitzen lassen. Den Beutel einer alten Frau nicht heben zu können, war ja wohl der Tiefpunkt seines erbärmlich langweiligen Lebens. Er legte das Beil beiseite, umfasste den Beutel nun mit beiden Händen und wuchtete ihn sich auf den Rücken. Ahroks malträtiertes Ego schätzte das Gewicht des Jutesäckchens großzügig auf einige Zentner.
„Na gut, Kleiner, dann wollen wir mal“, grinste die Alte und ergriff ihren Wanderstab.
`Kleiner. Kleiner!´ Er konnte die Alte schon jetzt nicht mehr leiden. Die konnte ja wenigstens nett zu ihm sein, wenn er schon ihre beschissen schweren und wahrscheinlich ebenso wertlosen Sachen durch die Gegend hievte.
„Sagt mal: Wo wollt Ihr denn eigentlich hin?“, keuchte er nach etlichen Schritten.
Wenn er den Beutel noch viel weiter schleppen musste, dann würde er der Alten lieber vorlügen, dass er keine Zeit mehr hatte oder in eine ganz andere Richtung musste.
Sie antwortete nicht und marschierte schnurstracks weiter.
Na herrlich, taub war die Alte also auch noch.
„Wer seid Ihr überhaupt? Ich hab Euch hier noch nie gesehen“, fragte er nun etwas lauter.
Verschmitzt grinste sie ihn an.
„Ich wohne etwas tiefer im Wald und komme deshalb nicht so oft unter andere Leute. Ist mir in meinem Alter auch lieber, allein zu sein. Mein Name ist Mia.“
„Mia… meine Mama hieß auch so“, sinnierte er.
„Ja, ich weiß“, ein unbeabsichtigtes Grinsen huschte von ihm unbemerkt über ihre Züge. Sofort schritt sie noch kräftiger aus.
„Ihr wisst? Ihr... ihr kanntet meine Mutter? Hey! Hey wartet doch! Ach, Scheiße.“ Die Alte hatte nun schon einen Vorsprung von gut zwanzig Schritten. „Verdammt! So wartet doch etwas!“
Ahrok rannte der alten Frau hinterher und bei jedem Schritt schlug ihm der steinharte Inhalt des Beutels schmerzhaft gegen seinen Rücken.
Erst nach einer halben Meile holte Ahrok sie endlich am Waldrand ein.
„Uff... puh ... Ihr legt ganz schön was vor. Das hätte ich Euch gar nicht zugetraut in dem Alter.“
Erschöpft setzte er sich zu Boden, lehnte sich an einen Baum und rang nach Luft. Dieser kurze Sprint mit dem schweren Beutel auf dem Rücken war ja schlimmer, als einen Morgen tiefgefrorenen Boden umzugraben.
„Na, na, na, na! Diese strammen Muskeln wollen jetzt doch wohl nicht schon schlapp machen? Nun gut, du erwischst mich heute auf gesprächigem Fuß. Wenn du dich jetzt aufrappelst und weiter mitkommst, werde ich dir auch ein paar deiner Fragen beantworten, die du sicherlich hast. Das ist dann doch wohl ein guter Tausch, oder?“ Mia stützte sich auf ihren Stab und blickte ihn belustigt an.
„Ist es noch weit?“, fragte Ahrok vorsichtig.
Sie zuckte nur mit den Schultern und schritt schon wieder weiter.
„Ja, ja, ich komm ja schon. Blöde alte Schachtel“, murmelte Ahrok für sich. Er hob den zentnerschweren Beutel voller Unrat auf und trottete ihr lustlos hinterher. Kurz darauf hatte er den kleinen Vorsprung schon wieder aufgeholt.
„Also was nun...? Ihr habt gesagt, dass Ihr meine Mutter kanntet. Was wisst Ihr von ihr? Ich meine, ich kann mich kaum an sie erinnern. Sie starb als ich noch ein kleines Kind war.“
Die Alte hielt inne und sah ihn daraufhin mit seltsam traurigen Augen an.
„Ach, kleiner Ahrok. Gestorben? Wer hat dir nur erzählt, dass deine Mutter tot ist? Das war doch bestimmt dein Vater, oder?“ Ahrok nickte. „Nun, dann lass dir von mir sagen, dass sie noch nicht gestorben ist. Sie musste nur... fort von all dem hier.“
Das war zu viel für Ahrok. Seine Beine gaben zitternd nach und er plumpste auf den Hintern.
„Pass auf den Beutel auf, Jungchen! Na komm schon, ist das nicht eine freudige Nachricht für dich?“
In Ahroks Kopf schwirrten die Gedanken wie ein ganzer Mückenschwarm.
„Ihr lügt! Das ist doch gelogen! Wie... wie war sie... ich meine wie ist sie denn so? Wo ist sie jetzt? Was macht sie denn so?“
„Oh, sie war eine schöne und besonders starke Frau.“
„Ja? Mein Vater hat mir aber was ganz anderes erzählt“, antwortete Ahrok skeptisch.
„Glaub mir, Kleiner, ich kenne deine Mutter besser, als dein Vater sie je kannte. Lass dir von ihm keine Märchen über sie erzählen… In seinen guten Tagen war er einmal ein ganz passabler Kämpfer, habe ich zumindest gehört, und du siehst auch ganz kräftig aus. Hat er dich also ebenfalls in so etwas ausgebildet? Der Fechtkunst meine ich.“
Sie musterte ihn bei diesen Worten abschätzig wie einen Gaul, der zum Verkauf stand.
„Mich? Nein. Mein Vater unterrichtet nur meinen älteren Bruder. Sebastian. Iss ´ne alte Familientradition, dass der Erstgeborene alles bekommt und der Ahrok immer der Arsch ist.“
„Oh, Jungchen“, fiel sie ihm ins Wort. „Bedenke, wenn du der Erste gewesen wärst, hättest du jetzt solch einen sonderbaren Namen wie ´Sebastian´.“
Wie auf Kommando lachten beide lauthals los.
„Ja, hahahaha. Ihr habt Recht. Das ist wirklich ein saublöder Name. Sebastian...“, langsam beruhigte er sich wieder. Warum lachte er eigentlich? Es war doch alles zum Kotzen und wahrscheinlich log ihm die Alte die Hucke voll, nur damit er ihren Tand noch ein paar Schritte weiter schleppte.
„Aber Ahrok klingt auch nicht gerade toll. Habt Ihr jemals von einem Helden gehört, der Ahrok hieß?“
In einer seltsam anmutenden, aufmunternden Geste legte die Alte ihre Hand auf seine Schulter: „Ja, sogar von einigen. Ahrok ist ein starker Name, den deine Mutter extra für dich ausgesucht hat. Du solltest stolz auf ihn sein. Er bedeutet so viel wie ´Heißes Blut´ in... einer anderen Sprache.“
Entweder wusste die Alte eine ganze Menge, oder sie log das Blaue vom Himmel, doch in jedem Fall war es schön, mit jemandem über seine Mutter zu reden, auch wenn es nur Märchen waren.
„Nun aber, komm wieder hoch. Wir können auch im Gehen weiterreden. Auf geht´s!“
„Holla, holla! Welch illustre Gesellschaft haben wir denn hier?“, rief man ihnen plötzlich entgegen.
Ahrok und Mia schreckten auf. Nur wenige Schritt vor ihnen standen drei grün gekleidete Gestalten auf dem Weg. Der Sprecher war ein groß gewachsener Mensch, der seine Arme in die Hüften stemmte und hinter ihm standen zwei weitere Männer in Lederrüstungen mit gezückten Kurzschwertern.
„Werte Dame, junger Bursche, wir begrüßen euch aufs Herzlichste in unserem Heim. Wie ihr sicherlich schon bemerkt habt, lauft ihr hier just durch unseren Wald und nun ja, dafür müssen wir euch etwas Wegzoll berechnen. Natürlich nur, wenn es euch nichts ausmacht.“
Seine beiden Begleiter grunzten höhnisch.
„Hey, was soll das? Sieh uns doch mal an. Wir sind nur zwei arme Wanderer und haben nichts, was wir euch geben könnten“, versuchte Ahrok ihn zu beschwichtigen.
„Nun, das ist wirklich beinahe ärgerlich, aber wir sind ebenso genügsam wie gutaussehend. Gebt uns eben diesen Beutel da und alle sind zufrieden.“
Den Beutel? Das fiese Ding, welches er so weit geschleppt hatte, sollte er jetzt einfach so abgeben? Nicht, dass ihm an dem hässlichen Sack etwas lag, aber hier ging es ums Prinzip.
Ahrok sah ihn aufsässig an: „Nein. Das geht leider nicht.“
Wer waren die denn überhaupt? Immerhin war er fast jeden Tag hier im Wald und hatte Leute wie die noch nie hier gesehen. Sollten sie sich doch ihren eigenen Beutel suchen.
„So, Jungchen?“, er wandte sich an die Männer hinter ihm. „Wir haben diesmal wohl wieder einen Helden, der nicht bezahlen will. Ist es ein Ritter Siegesmund? Oder ein Nachfahre von Edgar dem Schädelspalter? Nein! Es ist nur ein Dorflümmel mit großer Klappe.“
„Ihr verschwindet jetzt besser, sonst gibt’s Saures“, fuhr er die drei Männer an.
Ahrok versuchte seine Stimme dabei fest und sicher klingen zu lassen, aber er war sich nicht sicher, ob ihm das auch wirklich gelungen war. Ein wahrer Held schlägt die Feinde schon mit seinem Auftreten in die Flucht. So hieß es doch in all den Geschichten. Bestimmt schob er Mia hinter sich und spannte die Muskeln an.
Doch seltsamerweise hatte das nicht den gewünschten Erfolg, denn anstatt panisch zu fliehen, lachten die drei nur noch lauter als zuvor. Ahrok sank leicht in sich zusammen. Die waren auch alle viel älter als er und bestimmt auch stärker.
„Nun denn wohl, kleiner Welpe mit dem großen Maul, es ist Zeit, deinen Heldenmut zu beweisen.“ Der Anführer der kleinen Schar verbeugte sich spöttisch. „Komm her. Rette dich und die Jungfrau. Du hast sogar den ersten Schlag frei.“
Herausfordernd streckte er Ahrok sein Kinn entgegen und winkte ihn heran.
Ahrok beachtete die beiden hinteren Gestalten gar nicht. Er sah nur dieses eine, vorgestreckte Kinn. Dies war die Chance, sich einmal als richtiger Kerl zu beweisen. Ahroks Augen weiteten sich in lauter Vorfreude auf den Sieg und mit einem ebenso wilden wie ungeschickten Angriff stürmte er nach vorn - aber sein Gegner blieb, anders als erwartet, nicht still stehen. Die Faust ging ins Leere und das Knie seines Gegners bohrte sich schmerzhaft in Ahroks Magengegend. Er war verdutzt, vom Schmerz überwältigt und wollte gegen diesen hinterhältigen Angriff protestieren, doch noch bevor er wusste, wie ihm geschah, traf ein Schlag sein Gesicht und schickte ihn sofort zu Boden. Wie in weiter Ferne hörte er das Lachen der drei Briganten. In seinen Ohren klingelte es unangenehm laut und sein Hals tat verdammt weh.
„Bitte...“, röchelte er leise und erntete spöttisches Gelächter.
Ein völlig neues Gefühl arbeitete sich aus der schmerzenden Magengegend empor – und diesmal war es nackte Angst, wie er sie nie zuvor gespürt hatte.
„Steh auf, Welpe, steh auf“, trällerte der Grüne.
Tränen des Zorns, der Scham und der Furcht drängten in seine Augen. Er hatte diesen dicken Kloß im Hals, der ihm sämtliche Lust am Kämpfen raubte und darauf drängte, dass er so schnell wie möglich das Weite suchen sollte.
Er versuchte, auf die Beine zu kommen, aber ein Tritt in seine Rippen erstickte jeglichen Widerstand. Zusammengekrümmt lag er auf dem schmutzigen Waldboden. Von da an versuchte er nur noch, so gut es ging Körper und Kopf vor dem Hagel aus Fußtritten zu schützen, der über ihn hereinbrach.
„Gibst du uns jetzt den Beutel?“ Ein weiterer Tritt. „Gibst du ihn jetzt freiwillig her?“
„Steh auf, Junge!“, erklang hinter all dem Gelächter die Stimme der alten Frau, aber er konnte nicht, er wollte nicht. Es sollte einfach nur aufhören. Er wollte nach Hause. Mia schnalzte missmutig mit der Zunge und schüttelte schwach, aber sichtlich enttäuscht den Kopf.
„Lasst mich in R...“, ein schwerer Stiefel traf auf seine Rippen und ließ ihn verstummen.
„So, das genügt jetzt! Ihr kleinen Arschnasen habt euren Spaß gehabt. Verschwindet jetzt lieber schnell, solang euch euer Leben lieb ist.“
Mias alte Stimme wirkte nicht gerade furchteinflößend und das Lachen der Räuber wollte nun gar nicht mehr abreißen.
„Du? Du drohst uns? Wir sind zu...“
„Nun, ich hab euch gewarnt.“
Etwas Dunkles, Bösartiges lauerte in ihren Worten, aber die Männer waren viel zu sehr in ihrer eigenen Heiterkeit gefangen, um das zu erkennen. Ahrok beäugte die Situation ängstlich vom Boden aus. Vielleicht konnte er einen der Räuber niederschlagen und entkommen, wenn sie über die Alte herfielen.
Schneller als seine Augen ihr folgen konnten, stürmte die alte Frau auf sie zu. Ein kaum hörbares Knirschen erklang und das Lachen der Wegelagerer riss ab.
Das Gesicht ihres Anführers hatte sich unnatürlich weit seinem Rücken zugekehrt. Leere Augen starrten auf seine Kameraden, bevor der Leichnam langsam zu kippen begann und mit einem dumpfen Geräusch der Länge nach auf den Waldboden fiel.
Mia stand einfach nur daneben. Ein breites Grinsen drohte auf die faltigen Lippen zu springen, während sie es sichtlich genoss, zu sehen, wie pures Entsetzen die Heiterkeit vertrieb.
Ahrok lugte zwischen seiner Armbeuge hervor. Sein Atem hatte ausgesetzt und es zerriss ihn fast vor Spannung.
In den Gesichtern der Banditen spiegelte sich Wut gleichermaßen gepaart mit fassungslosem Entsetzen. Dann, nach einer gefühlten Ewigkeit, schien endlich ihre Wut die Oberhand zu gewinnen. Es gab einen kurzen Blickkontakt und dann, wie auf Kommando, griffen beide mit gezückten Schwertern an.
Ahrok staunte, wie geschickt die Alte alle Angriffe mühelos mit ihrem Stock abwehrte und in einem günstigen Moment ihrerseits attackierte. Der unscheinbare Gehstock bohrte sich tief in den Unterleib des einen Kämpfers und traf kurz darauf knirschend dessen Genick.
Ungläubig registrierte Ahrok, wie nun auch der zweite Wegelagerer zu Boden ging. Dem Dritten war offenkundig jegliche Lust an einer Auseinandersetzung mit Mia vergangen. Lange, schnelle Schritte trugen ihn sofort durch das Unterholz von ihr fort.
Mit der Linken hob die Alte eines der am Boden liegenden Kurzschwerter auf. Sie zielte nicht einmal, bevor sie es dem Fliehenden hinterher schleuderte. Wirbelnd traf ihn die blanke Klinge mitten im Lauf in den Rücken. Die Wucht warf den Mann vornüber und er blieb regungslos vor einem Himbeerstrauch liegen.
All das hatte kaum mehr als drei Atemzüge gedauert und Mias imposante Gestalt schrumpfte vor seinen Augen wieder zu der vom Alter gebeugten Frau.
„Na komm, Kleiner, steh auf, wir wollen doch weiter.“
Sie reichte Ahrok ihre Hand.
Der Drang, wild schreiend fortzulaufen lieferte sich ein erbarmungsloses Duell mit seiner Neugier. Letztendlich war es wohl besser, ihr zu gehorchen, bevor sie ähnlich wütend auf ihn wurde. Er wischte die letzten Tränen und den Rotz fort und zog sich unsicher an ihr nach oben.
„Wie... habt Ihr das gemacht?“
Voller ehrfürchtigem Misstrauen beäugte Ahrok ihre dünnen Arme und das faltige Gesicht. Ihr Atem ging ruhig, die Pupillen waren sanft und klein und nicht ein einziger Schweißtropfen war zu sehen. Schon wieder wich die Aufregung einem unguten Gefühl. Alte Frauen taten so etwas normalerweise nicht.
„Du brauchst keine Angst zu haben. Ich tu dir doch nichts.“
„I... ich hab auch keine Angst“, versuchte Ahrok noch schnell den Rest seines Ehrgefühls zu retten, doch seine schlotternden Beine bewiesen das Gegenteil. Verlegen klopfte er den Dreck von seiner Hose und fuhr sich mit dem Handrücken über den Mund. Eine kleine Blutspur zeugte davon, dass er sich die schmerzende Oberlippe nicht bloß einbildete.
„Na, da hat man dich aber ganz schön hart getroffen. Aber keine Sorge, das wird schon wieder“, tröstete ihn Mia.
Ahrok wich vor ihrer faltigen Hand zurück – nicht aus Angst, sondern aus gekränktem Ehrgefühl. Er war doch kein kleines Kind mehr, das gleich losheulte, nur weil es eine Schramme hat.
„Mir geht’s blendend“, antwortete Ahrok trotzig, warf sich den schweren Beutel über und setzte seinen Weg fort. Er könnte schon wieder heulen. Hätte er sich umgedreht, dann wäre ihm sicher das breite, fröhliche Grinsen in Mias Gesicht aufgefallen.

Irgendwann, er wusste gar nicht mehr, wie lange es her war, hatten sie den ausgetretenen Waldweg verlassen und waren von da an quer durch das Unterholz marschiert. Ahrok achtete kaum noch auf seine Umgebung. Seine Beine schmerzten, sein Rücken war ein einziger, großer, blauer Fleck und sein Magen knurrte wie ein ganzer Käfig voller wütender Bären.
Er starrte nur stur auf den Boden direkt vor sich, um nicht schon wieder über eine verdammte Wurzel zu stolpern oder noch einmal in frische Wolfsscheiße zu treten.
Was tat er hier eigentlich? Anstatt ihm etwas von seiner Mutter zu erzählen, hatte Mia fast nur noch geschwiegen – oder Ahrok war einfach zu sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen, um ihr zuzuhören, aber wahrscheinlich war es das Erstere. Schließlich war sie mächtig unheimlich. Er konnte bestimmt nicht einmal den Beutel fortwerfen und weglaufen, denn mit Sicherheit würde die Alte ihn schon nach wenigen Augenblicken einholen und dann ebenfalls so zurichten wie die drei Wegelagerer vorhin. Mit etwas Pech lief er gerade einer Hexe des Waldes hinterher, geradewegs in ihren Kochtopf hinein.
„So, wir sind da“, bemerkte Mia fröhlich. Als Ahrok mühsam den Blick hob, sah er wirklich eine kleine Blockhütte, die sich direkt aus dem Waldboden erhob. „Warte, ich nehm dir den Beutel ab.“
Als ob es sich nur um einen kleinen Sack voll Lumpen handelte, zog ihm Mia ihr Gepäck aus seinen Händen und warf es achtlos an die Hauswand.
Irgendwo tief drin in Ahrok wollte sich noch ein Teil darüber wundern, wie die alte Frau es fertiggebracht hatte, dieses dutzende Zentner schwere Ding einfach so anzuheben und durch die Luft zu schleudern, aber langsam wunderte ihn gar nichts mehr. Die Welt außerhalb seiner kleinen Hütte war eben voller Verrückter. So musste es sein.
Das Häuschen, vor dem er stand, passte zu Mia oder aber auch den Beschreibungen von anderen bösen Frauen und Hexen. Es war nämlich uralt. Überall waren die Baumstämme schon mit dicken Moosschichten bedeckt und mannigfaltige Pilzarten wucherten in allen Ritzen und Lücken. Als einziges Zeichen, dass hier jemand lebte, stieg aus einem kleinen steinernen Schornstein ein dünner Rauchfaden auf.
Eines war besonders seltsam. Seit seiner Kindheit spielte er hier in dem Wald und ihm war noch nie aufgefallen, dass hier jemand wohnte. Ganz sicher war sie eine der bösartigen Hexen des Waldes.
„Hast du Hunger? Ich habe noch einen Rest Suppe im Kessel, natürlich nur wenn du magst.“
Die bloße Erwähnung des Wortes „Essen“ löste spürbare, seelische und körperliche Qualen in Ahrok aus. Egal ob sie nun eine Hexe war. Sie hatte etwas zu Essen bei sich.
„Danke, gute Frau. Das wäre zu gütig.“
„Ach, plötzlich bin ich keine alte Schachtel mehr, wie?“, fragte Mia lauernd, aber Ahrok ging nicht darauf ein.
Er hatte schon längst aufgehört, sich zu wundern. Die Alte konnte alles, wusste alles, kein Wunder, dass sie jetzt plötzlich auch alles sehen und hören konnte.
Das Stück Brot aus der Hosentasche und die warme Suppe aus dem Kessel, der viel zu klein war, um einen Mann seiner Größe zu kochen, beruhigten seinen Magen und hoben auch seine angeschlagene Stimmung wieder.
Während des Essens sprachen beide kein Wort, aber Ahrok schaute sich zwischen den Bissen staunend in der Hütte um und vergaß sogar von Zeit zu Zeit das Kauen. So etwas hatte er nicht erwartet.
Das Innere glich eher einer Waffenkammer als einem Wohnraum. Wo andere Leute Bilder hängen hatten, hingen hier Schwerter und Schilde an der Wand. Statt Blumensträußen lagen Dolche auf dem Nachttisch. Äxte, Keulen, Lanzen, Speere - all das schien Mia aufzubewahren wie andere Leute Besen und Schaufel.
Ein besonders gigantischer Zweihänder erregte Ahroks Aufmerksamkeit. Mia schien sich für wirklich harte Zeiten zu rüsten.
Trotz all seiner Neugier traute er sich dennoch nicht, eine Frage zu stellen, stattdessen betrachtete er nur voller Begeisterung die brachialen Stücke. In Gedanken stellte er sich vor, als Ritter Ahrok diese Waffen zu schwingen. Mit viel Eleganz und Anmut wie es sein Vater auch tat. Der Ruhm und die Ehre einer Schlacht, der Triumph im Kampf samt anschließender Belohnung vom König selber, das war es, was er sich in diesem Augenblick am meisten wünschte. Wenn er nur eine dieser Waffen gehabt hätte, dann hätte er die Räuber vorhin auch alleine fertig gemacht und hätte nicht… Der Gedanke an die Niederlage kratze und bohrte stark in seinem Inneren. Er ließ ihn nicht mehr los und die Stellen, an denen ihn die Tritte und Schläge getroffen hatten, machten sich auf einmal bemerkbar. Schlagartig verging ihm der Appetit. Man hatte ihn belacht und verprügelt wie einen wehrlosen Welpen und eine mindestens hundertjährige Frau hatte ihn dann retten müssen.
Mit einem besorgten „Schmeckt es dir nicht?“ riss ihn Mia aus seinen düsteren Gedanken.
„Doch, doch, es ist lecker. Ich meine es... ging so. Was war das denn für eine Suppe?“
„Das willst du nicht wissen. Glaub mir. Manches gefällt einem besser, wenn man nicht weiß woraus es gemacht ist.“ Sie lächelte und entblößte eine Reihe schneeweißer Zähne. „Ich danke dir für deine Hilfe und die netten Gespräche, aber musstest du nicht noch aus einem anderen Grund in den Wald?“
„Wie? Ich? Nein... Scheiße, das Holz!!!“, hastig sprang Ahrok auf und warf dabei seinen Stuhl nach hinten um. Dieser ganze Mist hier hatte ihn ja von der Arbeit abgehalten. „Wo... wo ist bloß mein Beil?“
„Nun, wenn es nicht Beine bekommen hat, dann liegt es noch immer dort, wo wir uns getroffen haben“, entgegnete Mia fröhlich.
„Verdammt! Verdammt, verdammt, verdammt! Mein Vater wird mir den Arsch aufreißen!“, unruhig wanderte Ahrok im Zimmer auf und ab. Was hatte er nur schon wieder getan? Den halben Tag hatte er verplempert, sich im Wald verlaufen und kein bisschen Holz gesammelt und wofür? Für einen Teller Suppe und die Gesellschaft einer grusligen, alten Frau.
„Junger Mann, du solltest weniger fluchen. Dies geziemt sich nicht für den Sohn deiner Mutter.“
Ahrok stoppte.
„Meine Mutter! Genau, da war noch etwas das ich unbedingt wissen muss. Bitte sag mir wo sie jetzt ist.“
Milde blickte die Alte zu ihm hinauf. Hinter ihren Augen wanderten Gedanken und Gefühle hin und her, dann lehnte sie sich zurück.
„Sie ist immer in deiner Nähe… und auch wenn du sie nicht sehen kannst, so ist sie doch jederzeit bei dir.“
Ahrok rollte die Augen. Na toll, schon wieder so ein nichts sagendes, weibisches Gewäsch bar jeder Information. Warum hatte er überhaupt gefragt? Wahrscheinlich log die Alte sowieso.
„Ja, toll, danke... ich muss jetzt los. Wie komme ich am schnellsten wieder nach Hause?“, fragte Ahrok unverhohlen enttäuscht.
„Geh geradewegs in Richtung Osten und du kannst den Weg gar nicht verfehlen.“
Ahrok hob die Augenbraue. Sah er so aus, als wäre er ein erfahrener Fährtenleser, der sich mit Himmelsrichtungen auskannte?
Mia seufzte.
„Osten ist da lang.“
Die wies mit ihrer Hand in östliche Richtung.
Warum nicht gleich so? Sie hätte ja auch sagen können „Richtung Sonnenaufgang“, aber nein, die Alte musste ihn ja wieder bloßstellen, indem sie so komplizierte Begriffe verwendete. Ahrok tat ein paar zögerliche Schritte, dann drehte er sich jedoch wieder um. Noch immer nagte das Ereignis von vorhin an seiner jugendlichen Eitelkeit.
„Mia, ich kann das mit den Räubern vorhin nicht vergessen. Ich meine Pau! Und Zack Bumm! Eine Drehung und Knack! Ich meine, das ist was ganz anderes, als das was mein Vater so macht.“
Mia lächelte belustigt und bei genauerem Hinsehen, hätte Ahrok erkennen können, dass noch etwas anderes hinter diesem Lächeln lag.
„Das hat dir wohl alles gefallen was? Lass dir sagen, dass deine Mutter mindestens ebenso gut kämpfen konnte wie ich.“
„Echt? Meine Mami?“
Sie nickte.
„Oh ja, und sie hätte bestimmt nicht gewollt, dass ihr Sohn all sein Potential in einer Küche oder auf dem Feld vergeudet. Weißt du, ich habe hier immer viel zu tun. Ich könnte gut eine helfende Hand gebrauchen und als Gegenleistung mach ich einen waschechten Krieger aus dir. Nicht so einen verweichlichten Degenwedler wie dein Bruder einer ist.“
„Was? In echt?“
„Ja, in Echt“, echote sie. „Hör auf so dämlich zu glotzen und jetzt geh. Komm morgen um die Mittagszeit wieder hierher.“
Sie drehte sich um und ging ohne ein weiteres Wort zurück in die Hütte.
Ahrok machte einen fröhlichen Luftsprung und so schnell ihn seine geschundenen Beine trugen, rannte er den Weg entlang nach Hause. Woher wusste die Alte eigentlich so viel von seinem Bruder? Ach egal! Jetzt war ihm alles egal. Morgen würde er auch anfangen zu trainieren und ein richtiger Krieger werden. So wie die Helden aus den vielen Sagen und Legenden. Egal, wie laut die Stimme in seinem Hinterkopf ´Vorsicht!´ schrie, noch nie war Ahrok so glücklich gewesen.

Mia trat aus der Tür hinaus und sah ihm nach.
Es war viel Zeit vergangen und Zeit verdarb die Menschen, aber er hatte es noch immer in sich. Das stand außer Frage. Er war zäh und stark, aus diesem hier konnte etwas werden. Vielleicht konnte dieser sogar die Rettung bringen, wenn sie ihn nur genug zu formen vermochte. Sie hob ihren Beutel von der Hauswand und schüttete einige kopfgroße Steine heraus. Ihr Blick folgte Ahrok noch bis er völlig hinter den Bäumen verschwunden war.
„Mein kleiner Ahrok... Sie werden ja immer so schnell erwachsen.“
 
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Kommentare  

Huhu Jingizu,

so jetzt komm ich auch endlich zum weiterlesen.

bis auf kleinste Kleinigkeiten, liest es sich wieder sehr gut.
Du verwendest jedoch ziemlich oft diese Satzzeichenkombi .", und ich muss zugeben, die irritiert mich immer noch etwas.
"Bettinsasse" ist ein sehr seltsames Wort...wie wäre es stattdessen mit Schläfer?
Und die ganzen "Hahaha´s, Hihihi´s und Hohoho´s braucht es auch nicht wirklich...
Doch ansonsten hab ich gar nix zu meckern.

Es beginnt so harmlos, aber dann gehts schon auf. Der Humor kommt nicht zu kurz und es gibt viele Stellen, an denen ich freiweg loskichern musste.
Hat mir wieder gut gefallen.

Liebe Grüße


Tis-Anariel (04.09.2010)

Hallo

Liest sich sehr gut. Dein Schreibstil gefällt mir.

Bin gespannt wie es weitergeht.

MfG


Alexander Bone1979 (21.08.2010)

also für mich ist es ganz neu, weil ich die ahroksachen nicht von anfang an gelesen habe. aber der junge rotzlöffel kommt gut rüber mit seinem frust und auch mit seiner unsicherheit. die alte frau hat mit sicherheit was dämonisches in sich, und vielleicht ist sie ja auch seine mutter. aber mal gucken... ;)
lieben gruß


Ingrid Alias I (10.08.2010)

Hallo Petra, hallo Jochen - schön, dass ihr euch das Ganze noch einmal durchlest und es noch einmal kommentiert. Das freut mich sehr.

Ich hoffe, dass die Charaktere durch etwas mehr Tiefe in der neu gestalteten Welt besser zur Geltung kommen und die Geschichte damit greifbarer und verständlicher wird.


Jingizu (09.08.2010)

Hach, mein lieber Ahrok. Endlich sehe ich ihn wieder. Er ist noch ganz jung und unschuldig. Sein Vater und sein Bruder scheinen ihn nicht sonderlich zu mögen. Tolle romantische Märchenwelt, mit Mia, der geheimnisvollen alten Frau, die wohl Ahroks Mutter zu kennen scheint.

Petra (09.08.2010)

Wie gesagt supergut geschrieben. Bin ja ohnehin ein Fan deines Schreibstils. In diesem Kapitel stellst du uns also den Helden vor. Er kommt sehr kindlich und höchst begeisterungsfähig rüber. Es ist alles so plastisch beschrieben, auch wie er Bekanntschaft mit Mia, einer sonderbaren Alten macht ( die ganz offensichtlich hervorragend kämpfen kann), dass man als Leser das Gefühl hat, man befände sich direkt in einem uralten Märchen der Gebrüder Grimm.

Jochen (09.08.2010)

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