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SCHIMMER DER HOFFNUNG, Kap. 1, Teil 5 - ERST BLUMEN, DANN TONNE

Nachdenkliches · Kurzgeschichten
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Spike hatte tatsächlich ein schlechtes Gewissen. Schließlich war er dauernd unterwegs und ließ die Frau alleine im Hotel zurück mit den Kindern. Und das mit Maja hatte ihr auch nicht geschmeckt, er hatte ihre Missbilligung an ihrer kleinen gekrausten Nase gesehen.
Er musste sich mehr um sie kümmern. Schließlich hatte sie ihm ja nichts Böses angetan. Nach kurzer Überlegung dachte er weiter: Noch nichts Böses angetan ...
Vielleicht mochte sie die Oper. Irgendwas italienisches, vielleicht Rossini, Spike hatte Plakate in der Stadt gesehen. Vielleicht würde ihr das gefallen, es wäre so Pretty Woman-mäßig. Er besorgte zwei Karten für den morgigen Abend. Sie hätten genug Zeit, sich was nettes zum Anziehen zu kaufen und Babysitter aus der Belegschaft des Hotels zu rekrutieren. Rekrutieren war gut. Spike musste lachen.
Ferner besorgte er einen Blumenstrauß und machte durch die Auswahl der Blumen die Verkäuferin fast wahnsinnig. Er wollte nämlich absolut keine Beerdigungsblumen, sondern etwas Leichtes, einen Strauß Sommerblumen, oder besser noch weißen Flieder. Und alles ohne Schnickschnack, ohne ein Stück Sackleinen, das künstlerisch um die Blumen drapiert war und leider alle Aufmerksamkeit von den Blumen ablenkte. Die Verkäuferin musste ihm natürlich klarmachen, dass Flieder zur Zeit nicht verfügbar war, aber immerhin hatte sie eine Auswahl an akzeptablen Blütenstengeln und hinterher war Spike recht zufrieden.
Er ging durch den Hintereingang ins Hotel. Er wollte nicht gesehen werden und als frischgebackener Ehemann mit Blumen den Spott der anderen auf sich ziehen. Dann fiel ihm ein, dass die anderen gar nichts von seiner Heirat mit Buffy wussten, aber er wollte trotzdem nicht gesehen werden, wie er mit Blumen ankam wie ein lästiger Freier, der seine Flamme beschenken wollte. Um Himmels Willen!
Er hatte gerade die Empfangshalle erreicht, als er ein eng umschlungenes Paar sah. Das Blut schoss ihm ins Gesicht, als er die Akteure erkannte.
Er machte auf der Stelle kehrt und ging wieder auf den Hinterhof hinaus. Das hat ja nicht lang gedauert, dachte er höhnisch.
WAATTTZZZ! Er ließ den Blumenstrauß in eine halbleere Mülltonne fallen und starrte darauf, ohne sie wirklich zu sehen. Gut, dass er den Hintereingang benutzt hatte. Wenn er vorne reingegangen wäre, hätte er die beiden voll erwischt und keine Möglichkeit gehabt, die Situation ... Ja, wie hätte er die Situation einschätzen sollen? Mit freundlicher Duldsamkeit? Klar! Gute Miene zum bösen Spiel machen? Er war ein Volltrottel! Und er hätte sich voll lächerlich gemacht mit den Blumen in der Hand.
Dieses verdammte Weib hatte keinerlei Hemmungen, in aller Öffentlichkeit mit ihrem Exlover rumzumachen, obwohl sie verheiratet war. Gut zu wissen!
Spike starrte immer noch auf die Mülltonne, aus der oben die wunderschönen bunten Sommerblumenköpfe herausragten und den Eindruck erweckten, sie stünden in einer mattsilbernen geraffelten großen Vase aus Zink. Bis Spike diesen hübschen Eindruck bemerkte, die Blumen wieder aus der Mülltonne herausnahm und sie heftig mit den Köpfen nach unten in die Tonne stopfte.
Er wartete ein paar Minuten auf dem Hof, und er hasste sich dafür.
Schließlich ging er wieder hinein, so laut wie es ihm möglich war, öffnete geräuschvoll die Tür zum Foyer – auch dafür hasste er sich, nein, eigentlich hasste er Buffy, die ihn in diese Lage gebracht hatte - und stellte schließlich fest, dass sich niemand mehr im Foyer aufhielt. Die Vögelchen waren ausgeflogen.
Er ging an der Dreiersuite vorbei, überlegte ein wenig, ging wieder zurück und blieb vor dem mittleren Zimmer stehen. Er überlegte wieder und schüttelte dann den Kopf. Er konnte sie jetzt nicht sehen, die Kinder vielleicht, aber nicht Buffy.
Dann ging er schnurstracks zu Majas Zimmer, klopfte an und wurde eingelassen.
Maja sah traurig aus, das war kein Wunder, ihr Leben war zerstört, sie hatte einen Alkoholiker zum Mann, der immer mehr abdriftete, und sie war in einem ihr fremden Land. Sie hatte diese vielen Jahre vergeudet, sie hatte nichts. Kinder waren auch nicht da, was vielleicht besser war bei einer Scheidung. Ein Kind in den USA, das andere in Schweden, das wäre nicht gut.
Ihr Ehemann Karel war auf einem Trip, der schlimmer war als alles, was er sich bisher geleistet hatte. Er schmiss mit dem Geld nur so um sich. Spike hatte da Geschichten gehört ...
Spike hatte keine Ahnung, was er Maja raten sollte. Natürlich wusste er, dass alles Mist war, aber man konnte so schlecht anderen Leuten empfehlen, was sie mit ihrem Leben anfangen sollten.
„Hast du vielleicht Lust, morgen mit mir in die Oper zu gehen?“, fragte er Maja ziemlich übergangslos.
„Ich weiß nicht“, Maja zögerte, „ob Buffy das gut findet.“ Maja hatte durchaus mitbekommen, dass da irgend etwas zwischen Spike und Buffy war, das kleine Mädchen war auf jeden Fall Spikes Kind, und Maja hatte keine Ahnung, wie das alles zusammenhing. Sie wollte Spike auch nicht danach fragen.
„Die hat andere Interessen“, sagte Spike kühl. „Also was ist? Magst du Rossini? Also ich liebe ihn, vor allem seine Ouvertüren.“
Nach kurzem Zögern stimmte Maja zu, mit einem kleinen Schuldbewusstsein gegenüber dieser Buffy, die sich von ihr wohl bedroht fühlte. Lächerlich war das.
„Also morgen Abend.“ Spike lächelte sie an und ging zur Tür. „Jetzt muss ich mich aber um Buffy und die Kinder kümmern.“ Er verzog das Gesicht und ging hinaus. In seine private Hölle, wie er bei sich dachte.
---------
Buffy hatte natürlich bemerkt, dass er zuerst bei Maja gewesen war. Jede Fremde bedeutete ihm mehr als sie. Was hatten die beiden miteinander zu schaffen? Und wieso sah Spike sie so kalt an mit seinen unglaublich blauen Augen?
Fast sehnte sie die Zeit wieder herbei, als sie sich dauernd gestritten hatten, als er ihr alles mögliche vorwarf, zum Beispiel ihre Arroganz, ihre Weinerlichkeit und ihr Selbstmitleid. Das war natürlich alles Quatsch. Nein, nicht alles. Ein bisschen Wahrheit war schon darin, aber wirklich nur ein bisschen.
Jetzt redeten sie kaum noch miteinander, seitdem sie in L.A. waren. Und wenn, dann nur über die Kinder und durch die Kinder. Diese verdammte Stadt war kein guter Nährboden für ihre neue und so sensible Beziehung, quatsch Beziehung hörte sich dämlich an, Buffy verbesserte sich: Diese verdammte Stadt war kein guter Nährboden für ihre junge Ehe.
Gewiss lag es an Lilah, Spikes toter Frau, die hier immer noch herumgeisterte und wahrscheinlich alle Erinnerungen an sie wieder zum Leben erweckte. Dazu kamen noch die Jungs, mit denen er dauernd unterwegs war und die Lilah kannten und sie, Buffy, eben nicht kannten.
Spike hatte es auch nicht für nötig gehalten, sie Snikkers, der ihn abholen wollte, als seine neue Ehefrau vorzustellen. Vermutlich war es ihm peinlich, dass er zehn Wochen nach Lilahs tragischem Tod wieder geheiratet hatte.
Verständlich? Ja. Aber er hatte sie nun mal geheiratet. Wollte er sie für immer verleugnen? Und warum schaute Morgan sie so missbilligend an? Buffy war sich nun wirklich keiner Schuld bewusst. Sie konnte natürlich nicht ahnen, dass Morgan Bilder aus dem Kopf ihres Vater aufgeschnappt hatte, in denen ihre Mutter und Onkel Angel in inniger Umarmung zu sehen waren. Und Morgan, obwohl gerade fünfzehn Monate alt, brachte diese Bilder und die offenkundig grimmige Laune ihres geliebten Daddys problemlos in einen Zusammenhang. Und gab die Schuld natürlich ihrer Mutter.
„Spike?“
„Was ist?“, fragte Spike etwas unwirsch. Er hantierte gerade mit hölzernen Bauklötzen herum. Angel hatte alles mögliche an Spielzeug besorgt, wofür ihm Spike natürlich dankbar war. Aber nur für das ...
„Wann sollen wir denn nun meinen Vater besuchen?“ Buffys Stimme hörte sich verzweifelt an, denn sie hatte einen gewaltigen Bammel vor diesem Besuch.
„Weiß nicht“, sagte Spike unentschlossen. „Morgen kann ich nicht. Wie wär's mit Übermorgen?“ Morgen gehe ich in die Oper, und zwar mit allen Schikanen, dachte er höhnisch.
„Ich habe ihn schon angerufen. Oh Gott, er weiß zum Glück nicht, dass ich des Mordes angeklagt war. Er war zu der Zeit mit seiner Frau auf den Bahamas. Wir müssen ihm trotzdem einiges erklären. Ich habe Angst davor“, sagte Buffy besorgt.
„Hätte ich auch an deiner Stelle“, sagte Spike.
Es wurde ein freudloser und schweigsamer Abend, wenn man die Gespräche zwischen Spike und Morgan mal außer acht ließ. Die beiden hatten ja immer was zu quatschen, und wenn sie sich nicht durch Worte verständigten, dann eben durch gedachte Bilder.
Nachdem sie Morgan zu Bett gebracht hatten, Gwydion schlief schon, ging Spike nach einem kurzen gemurmelten Gute Nacht in sein Zimmer und konnte erst nach Stunden einschlafen. Fast bereute er es, nicht noch mal weggegangen zu sein, ins E-body zum Beispiel, um in nostalgischen Gefühlen zu schwelgen, die alle mit Lilah zu tun hatten. Doch heute verdrängten die neuen ärgerlichen Gefühle die für seine tote Frau, und niemand war darüber verwunderter als Spike selber.
Wieso hatte er überhaupt solche Gefühle? Das grenzte ja schon fast an Eifersucht und das war absurd und unmöglich.
 
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