Kapitel 1 – Das Omen
Mittwoch 10. April 1912, Southampton
Nachdem die R.M.S. Titanic pünktlich um zwölf Uhr mittags abgelegt hatte, wurde der Ozeangigant von fünf Schleppern mühsam aus dem Hafenbecken gezogen. Tausende Menschen waren in die englische Hafenstadt Southampton gereist, um das Ablegen des größten Schiffes der Welt mitzuerleben. Etliche Leute waren gekommen, um ihre Angehörigen zu verabschieden. Es waren überdies zahlreiche Journalisten erschienen, die das Auslaufen des Schiffes für ihre Tageszeitungen fotografierten. Weil es als ein großartiger Moment für die Menschheit galt, wurde dieses Ereignis sogar mit einer neuartigen Filmkamera festgehalten.
Aufgrund des aktuellen Kohlestreiks ankerten zahlreiche Passagierschiffe an den Piers, weil der wertvolle Brennstoff aus ihren Kesselräumen zur Titanic hinübertransportiert wurde. Die Jungfernfahrt der Titanic hatte höchste Priorität, denn in jenen Tagen galt sie als das bedeutendste Passagierschiff auf der Route zwischen Europa und Amerika.
Die meisten Passagiere waren darüber sogar erfreut, denn nun konnten auch sie mit dem angepriesenen Ozeandampfer reisen, von dem in allen Zeitungen auf der Welt berichtet wurde. Andere Herrschaften hingegen waren skeptisch, da ihnen eine Reise auf einem derart gigantischen Stahlkoloss nicht geheuer war.
Das Signalhorn der Titanic dröhnte dreimal hintereinander laut auf, sodass selbst die Fensterscheiben der umliegenden Häuser leicht vibrierten, während das Schiff langsam von der Pier fortgezogen wurde. Unzählige Menschen jubelten und winkten mit ihren Taschentüchern dem gemächlich abdriftenden Ozeanriesen zu.
Auf dem überdachten Promenadendeck, der Zutritt sowie Aufenthalt dort selbstverständlich ausschließlich für die Erste-Klasse-Passagiere erlaubt war, standen die Zeitreisenden Mara und Jean Corbusier. Sie blickten erstaunt zur Hafenmole hinüber und beobachteten die Menschen, wie sie jubelten und winkten.
Das Ehepaar Corbusier hatte zwar schon häufiger bei der Time Travel Agentur Zeitreisen gebucht und unternommen, aber niemals zuvor ins frühe Zwanzigsten Jahrhundert, wo die Leute nur nach ihrer gesellschaftlichen Rangordnung beurteilt wurden. Zudem befanden sie sich an Bord der Titanic, inmitten der wohlhabenden und einflussreichen Gesellschaft, weshalb sie unbedingt auf ihre tadellosen Manieren achten mussten, wenn sie nicht als Neureiche abgestempelt werden wollten und man hinter vorgehaltener Hand spöttische Bemerkungen über sie machte.
Zu Beginn ihrer Zeitreise hatten sie einen Vertrag bei der Time Travel Agentur unterzeichnet, dass sie keinesfalls Aufsehen erregen durften und sich bei gegebenen Streitigkeiten stets defensiv verhalten mussten. Außerdem wurde beiden von der TTA unter anderem aufgetragen, mit wem sie sich unterhalten durften und welche Personen sie unbedingt meiden mussten. Alle Schiffsoffiziere und der Kapitän wurden von der Sicherheitszentrale zu Hauptakteuren erklärt, die von gewöhnlichen Zeitreisenden gemieden werden mussten, damit ihre schicksalhaften Entscheidungen nicht beeinflusst werden. Selbstverständlich war es zudem strikt untersagt, über zukünftige Ereignisse zu plaudern oder diese gar nur anzudeuten.
Einen Vertragsbruch würde für das Ehepaar Corbusier bedeuten, dass dies vorerst ihre letzte Zeitreise gewesen war, woraufhin ihrer implantierten Mikrochips von der Sicherheitszentrale deaktiviert werden würde. Dann müssten die Akademiker, Jean und Mara, ihre Privatschule schließen, weil sie ihre Zeitreisen hauptsächlich aus beruflichen Gründen unternahmen.
Jean war mit einem schwarzen Frack und Zylinderhut bekleidet, Mara dagegen trug ein beigefarbenes Rüschenkleid mit kleinen Blümchen bestickt sowie einen beeindruckend großen Sonnenhut, dieser grad modern war. Ihre lange rothaarige Perücke trug sie an diesem Tag offen, sodass die Locken weit über ihre Schultern fielen. Beide lehnten sich gegen die Reling und schauten abwechselnd nach vorne zum Schiffsbug und nach hinten zum Achterdeck hinüber, weil sich dort unzählige Menschen versammelt hatten. Das 269 Meter lange Schiff war beeindruckend lang.
Plötzlich wurde Mara von einer betagten Dame angerempelt, die einen Mops auf ihren Arm trug. Mara drehte sich ihr zu und erschrak, als sie das Hündchen direkt erblickte. Sie wusste zwar aus Fachbüchern, dass die Menschen damals Hunde als Haustiere gehalten hatten, aber jetzt sah sie zum ersten Mal einen lebendigen Hund aus nächster Nähe. Krampfhaft versuchte sie ihre Angst vor dem Hündchen zu verbergen und lächelte gezwungen.
„Verzeihen Sie mir junge Miss, das war keine Absicht von mir. Wenn Sie erlauben, mein Constantin möchte auch mal die winkenden Menschen am Ufer sehen“, fuhr die alte Lady sie mit einem hochgestochenen, englischen Akzent an, wobei sie ihren Mops streichelte.
Constantin guckte die großgewachsene Mara mit seinen dunklen Äuglein zuerst nur an, knurrte dann und bellte schließlich giftig. Mara erschrak und zuckte kurz zusammen, als der kleine Köter seine spitzen Beißerchen fletschte und ständig nach ihr schnappte.
„Oui, selbstverständlich, gnädige Madame“, antwortete Mara und trat einen Schritt beiseite, damit die kleine Frau ihrem Hündchen einen schönen Ausblick auf den Hafen ermöglichen konnte. Die alte Lady starrte sie durch ihr feines Hut-Netz verwundert an und runzelte die Stirn, weil sie Maras unüberhörbaren französischen Akzent vernommen hatte.
„Aha, soso, Sie sind also eine Mademoiselle“, lächelte die betagte Dame vielsagend. „Paris kenne ich in- und auswendig. Reisen Sie etwa allein? Nun, das dürfte wohl für einiges Aufsehen sorgen, mein junges hübsches Fräulein. Wenn das mal keinen Skandal gibt“, fügte sie hinzu und schwenkte mahnend den Finger.
Dann schimpfte sie mit ihrem kleinen Mops, weil er einfach nicht zu kläffen aufhörte.
„Sei jetzt endlich still, Constantin! Was sollen die Leute denn von uns denken?!“
„Non Mademoiselle, Madame! Non Mademoiselle!“, konterte Mara lächelnd und zog Jean ruppig an sich heran. „Ich bin genauso wie Sie, eine Madame … Madame. Und selbstverständlich reise ich gemeinsam mit meinem Ehegatten! Sie sehen, es wird keinen Skandal geben, gnädige Madame.“
Daraufhin wurde die Dame freundlicher und lächelte. Diese großgewachsene, äußerst hübsche Frau scheint doch kein Flittchen zu sein, wie sie zuerst vermutet hatte.
„Aja, interessant. Dann entschuldige ich mich bei Ihnen … Madame. Es tut mir aufrichtig leid, Sie noch als Fräulein betitelt und Sie möglicherweise gekrängt zu haben“, antwortete sie gestelzt.
Als der kleine Mops immer noch nicht aufhörte, Mara anzukläffen, schimpfte die alte feine Lady erneut mit ihrem Hündchen. „Pschscht, Constantin! Bist du jetzt endlich still! Was ist denn heute bloß los mit dir?! Bist du nicht artig, gibt es kein Leckerli für dich, wenn es nachher Zeit für den Tee ist! Und diesmal meine ich es wirklich ernst, Constantin! Also benimm dich gefälligst!“
Daraufhin gehorchte das Hündchen, schleckte sich seine platte Schnauze aber knurrte Mara trotzdem an.
„Verzeihen Sie bitte das schlechte Benehmen meines Constantin, Madame. Er ist immer so aufgeregt, wenn wir eine Kreuzfahrt unternehmen“, entschuldigte sich die englische Lady.
Mara lächelte aufgesetzt und zwinkerte dabei auffällig mit ihren Augenlidern.
Jean zog seine Ehefrau behutsam zurück, damit die alte Lady mit ihrem Hund die Aussicht auf den Hafen genießen konnte. Die Jubelschreie und Abschiedsgrüße vom Ufer schwollen immer lauter an, als die Titanic vom Pier langsam davondriftete. Es hörte sich wie ein aufbrausendes Meeresrauschen an, ähnlich wenn ein Sturm aufzog.
„Du bist meine persönliche Expertin für das Zwanzigste Jahrhundert, denn du hast diese Zeitreiselizenz absolviert. Sag mir also, sind die Leute im Zwanzigsten Jahrhundert alle so merkwürdig?“, fragte er Mara flüsternd ins Ohr. „Die Akteurin behandelt dieses Tiergeschöpf, als wäre es ihr eigenes Kind. Nun ja, eher gesagt, ihr Enkelkind. Das ist doch völlig absurd, meinst du etwa nicht? Komm, lass uns reingehen. Ich will jetzt endlich die Innenausstattung des Schiffes bestaunen und unsere Suite sehen. Immerhin haben wir dafür 24 Milliarden Euro bezahlt.“
Mara zuckte mit ihrer Schulter, sah ihren Ehemann ratlos an und seufzte.
„Darüber bin ich selbst überrascht. Ich kann es mir nur so erklären, dass Haustiere für die Akteure ebenso wichtig waren, wie für uns die Haushaltsroboter.“
Jean grinste, während er sich in Maras Arm einhakte und beide, wie ein vornehmes Ehepaar, durch den Rauchersalon der Ersten-Klasse stolzierten. Einige historische Personen trafen sie an, die sie mit gewohnter Manier begrüßten, indem die Damen kurz mit dem Kopf nickten und die Herren ihre Zylinderhüte anhoben.
„Wie wahr, wie wahr, Cherie. Letztens hatte ich dich dabei erwischt, wie du mit Doreen-A250 ähnlich geschimpft hattest, wie die alte Dame mit ihrem Hund“, nuschelte Jean ihr ins Ohr, zog seinen Zylinderhut ab und grüßte freundlich ein vornehmes Ehepaar, das ihnen begegnete. Jean bemerkte außerdem flüsternd, dass er die ständigen Begrüßungs-Zeremonien als anstrengend empfand, woraufhin Mara leise kicherte.
Zeitgleich hatten sich unzählige Menschen aus der 2. und 3. Klasse auf dem Achterdeck versammelt, um sich von Großbritannien und Europa zu verabschieden, dort sich die Passagiere allerdings etwas euphorischer und ruppiger verhielten als auf dem Promenadendeck. Es wurde geschubst und gedrängelt, denn am liebsten wollte sich jeder zugleich über die Reling lehnen und allen Leuten am Ufer zuwinken. Die Väter nahmen ihre Kinder auf ihre Schultern, damit sie diesen tosenden Applaus miterleben konnten.
Der Schreinerlehrling Aaron O’Neill, sowie die anderen Lehrlinge aus anderen Handwerkerberufen, die genauso zu der auserwählten Garantiegruppe gehörten, eilten ebenfalls zum Achterdeck und zwängten sich durch die Menschenmasse, lehnten sich gegen die weiße Reling weit hinaus und winkten der Menschenmasse am Kai zu.
Auf Wiedersehen England … Auf Wiedersehen Europa.
„Irgendwo dort unten, inmitten der Menschenmenge, ist meine Mutter und winkt mir grad zu!“, sagte Aaron O´Neill aufgebracht zu seinen Kameraden. „Stellt euch mal vor, Harland & Wolff hat uns alles bezahlt. Meine Mutter und ich durften sogar in einer Pension übernachten. Das alles haben wir Mister van Broek zu verdanken.“
Aaron lehnte sich weit über die Reling hinaus und spuckte in das schäumende Hafenwasser. Dann hielt er sich die Hände gegen seine Wangen und rief: „Mom! Sobald ich in Amerika mein erstes Gehalt bekommen habe, schicke ich dir per Post das Geld. Dann kannst du mit dem nächsten Schiff zu mir kommen!“
Daraufhin blickte der vierzehnjährige Elektrikerlehrling Sean ihn verwundert an. Sean Ryan hatte grad sein erstes Lehrjahr absolviert und wurde vom bereits verstorbenen Vorarbeiter der Elektriker, von Mr. Carl Clark, für die Garantiegruppe vorgeschlagen. Eine solche Ehre galt sowohl Lehrlingen als auch ausgelern¬ten Gesellen als einen Ritterschlag. Zur Garantiegruppe der Titanic zu gehören, bedeutete zugleich, auch in Zukunft einen sicheren Arbeitsplatz in dieser Handwerkszunft zu haben.
„Was meinst du damit, dass du deine Mutter zu dir holen wirst? Wir fahren doch alle sowieso wieder zurück nach Southampton, wenn wir Amerika erreicht haben“, meinte Sean verwundert.
„Du und die anderen gewiss, ich aber nicht“, erwiderte der siebzehnjährige Aaron überheblich lächelnd, während er eine Zigarette rauchte und sich lässig gegen die Reling lehnte. Die auserwählten Lehrlinge, die um ihn herumstanden, glotzten Aaron verwundert an und grübelten. Spinnt der etwa?
„Leute, ich sag euch das jetzt im Vertrauen. Wenn ihr mich aber verpetzt, werde ich es abstreiten und euch als Lügner bezeichnen. Obendrein wird sich jedes Plappermaul von mir eine mächtig einfangen, kapiert? Ich werde in New York aussteigen und nicht mehr zurückfahren. Ich werde mein Glück in Amerika versuchen. Jawohl, das werde ich machen!“
„Ja aber … aber das darfst du doch gar nicht!“, antwortete Sean empört. „Wir gehören zur Garantiegruppe und müssen auch während der Rückfahrt zur Verfügung stehen, falls irgendwelche Reparaturen anstehen. Dafür werden wir doch bezahlt!“
Sean sah demonstrativ zu der Brücke hinauf, die sich waagerecht über das Achterdeck erstreckte und einige Männer dort in blauen Uniformen standen. Das waren nur einige von unzähligen Matrosen der Titanic, die grimmig dreinschauten und für Zucht und Ordnung auf dem Schiff sorgten.
„Siehst du die gefährlichen Kerle dort oben? Das sind praktisch die Polizisten des Schiffes und sie werden uns genau beobachten, wenn wir New York erreicht haben. Die werden dich niemals von Bord lassen. Das ist eine Anweisung von Mister Andrews persönlich! Mensch, Aaron. Mach bloß keinen Quatsch. Allein der Versuch abzuhauen, wird dich deinen Job kosten!“, ermahnte ihn der vierzehnjährige Sean.
Aaron aber kicherte.
„Ich bin jetzt so gut wie ein Schreinergeselle, wie die anderen, und steige in Amerika selbstverständlich heimlich aus. Niemand wird mich daran hindern, nicht einmal Mister Andrews. Basta! Ich sag euch mal was, Leute. Ich habe in der Zeitung gelesen, dass die Amerikaner in New York große Hochhäuser bauen wollen und dazu benötigen sie gelernte Schreiner. Dort gibt es also mehr als genug Arbeit, ganz anders als bei uns in Irland. Und irgendwann werde ich eine eigene Firma gründen und steinreich werden. So einfach ist das“, antwortete er selbstsicher.
„Mensch, Aaron. Überlege dir genau, was du tust!“, antwortete Sean aufgebracht. „Harland & Wolff bietet dir eine Arbeitsstelle auf Lebzeiten an. Zurzeit wird der dritte Ozeanliner gebaut, die Britanic, und danach folgen ganz bestimmt weitere Aufträge, aber wenn Mister Andrews von deinem Vorhaben erfährt, wird er den Zahlmeister beauftragen, dich einsperren zu lassen. Sei doch kein Narr und einfach nur glücklich darüber, dass du ein Auserwählter für die Garantiegruppe bist. Was glaubst du, welche berufliche Möglichkeiten sich jetzt für dich in ganz Irland ergeben wird, weil du dabei bist“, versuchte Sean ihn zu überzeugen
Aaron O`Neill schnappte sich blitzschnell Seans Schirmmütze, schleuderte sie wie ein Frisbee über dutzende Menschenköpfe hinweg und sah ihn ernst an, während er paffte.
„Du hast doch keine Ahnung, du kleiner Knirps“, sagte er, woraufhin er schallendes Gelächter von seinen Kameraden erntete. „Wer bist du denn? Nur ein Knabe, der ins zweite Lehrjahr kommt und noch gar nichts geleistet hat. Wieso wurdest du überhaupt auserwählt? Dir steht so eine Ehre doch gar nicht zu. Hattest du der Mistsau Clark etwa nach Feierabend immer die Schuhe geputzt?“, fragte Aaron spöttisch, woraufhin erneut lautes Gelächter seiner Artgenossen erklang.
„Du kleiner Knilch hast doch absolut keine Ahnung, wie es in der Welt zugeht. Amerika ist die Zukunft, nicht Europa und schon gar nicht Irland. Kapiert? Merk dir das, du kleiner Hosenscheißer. Was glaubst du denn, weshalb jeder aus Irland abhaut? Aber wehe du verpfeifst mich, dann kriegst du es mit mir zu tun. Ist-das-klar?!“, ermahnte er Sean, wobei er ihm in die Wange kniff und daran rüttelte „Das gilt für euch alle! Ansonsten gibt’s einen Satz heiße Ohren!“, fauchte Aaron, wobei er die anderen Lehrlinge ebenso ernst ansah.
Über die Mundwinkel des Siebzehnjährigen huschte ein müdes Lächeln.
„Ihr seid meine braven Jungs. Hier auf dem Schiff habe ich nämlich das Sagen, weil ich der Älteste von euch und so gut wie ein Geselle bin. Ich war beim Bau der Titanic von Anfang an dabei gewesen. Außerdem habe ich Mister Andrews schon einmal die Hand schütteln dürfen, an Mister van Broeks Hochzeit. Ihr aber habt noch nicht diese Ehre bekommen. Weil ihr nämlich alle noch kleine Hosenscheißer seid“, fügte er großkotzig hinzu.
Der junge Bursche O’Neill mit dem rotgelockten Haar, der einst unter den Fittichen seines Lehrmeisters Ike van Broek gestanden hatte, war fest entschlossen, in New York illegal auszusteigen. Aus dem einst kleinen, vorlauten Bengel war mittlerweile ein großgewachsener, dominanter Bursche geworden, der mit seinem selbstbewussten Auftreten insgeheim das Sagen unter den Lehrjungen der Garantiegruppe errungen hatte.
Die Jungen blickten zu ihm auf und sahen in ihm ihren Anführer, weil er tatsächlich von Anfang an beim Bau der Titanic dabei gewesen war, was ihm ihren Respekt einbrachte.
Erneut dröhnten die Signalhörner der Titanic dreimal laut auf, und ihr dumpfer Klang drang durch Mark und Bein. Während die Titanic von Schlepperschiffen gezogen wurde und gemächlich durch das Hafenbecken glitt, peitschten plötzlich unheilvolle Knalle durch die Luft, so laut wie Gewehrschüsse. Die faustdicken Taue der R.M.S New York waren gerissen, weil sie vom Sog des Ozeanriesen erfasst wurde, woraufhin das Passagierschiff New York langsam sowie unaufhaltsam auf die Titanic driftete.
Die Passagiere der Titanic, die auf dem Promenaden- und Bootsdeck standen und ihren Angehörigen zuwinkten, schrien erschrocken auf, als die manövrierunfähige New York zielstrebig auf den riesigen Ozeanliner zusteuerte. Die meisten Leute hielten sich entsetzt ihre Hand vor dem Mund, denn ein Zusammenstoß schien unvermeidlich zu sein. Dies würde für die Titanic das frühzeitige Ende der Überseereise bedeuten, denn der Schaden wäre gewaltig. Doch der erfahrene Kapitän E.J. Smith reagierte geistesgegenwärtig und befahl seiner Crew, dass allein nur die Backbordschraube auf „voller Kraft voraus“ gesteuert werden müsse. Jedoch für nur wenige Sekunden, und zwar augenblicklich!
Unten im Maschinenraum reagierten die Maschinisten genauso geistesgegenwärtig, wie der Kapitän. Eine Alarmschelle schrillte. Sie schalteten in Windeseile die Backbordschiffsschraube auf „volle Fahrt voraus“ ein und aufgrund des gewaltigen Strudels, der durch diesen mächtigen Schub entstanden war, wurde die herrenlose New York vom Schiffsrumpf der Titanic allmählich weggedrängt. Dieses Manöver war ein gewagtes Unterfangen, denn würde die riesige Titanic nur einige Sekunden länger mit einer Schiffsschraube mit voller Kraft vorwärtsfahren, würde sie die Schlepperschiffe auf der Steuerbordseite rammen und möglicherweise gar versenken.
Jeder war sofort in Alarmbereitschaft. Sogleich läutete oben im Ausguck, im sogenannten Krähennest, dreimal die Glocke als Zeichen dafür, dass das Schiff unbedingt stoppen muss. Kurz darauf ertönte minutenlang ein ohrenbetäubendes Zischen, weil der überschüssige Dampfdruck in den Kesselräumen abgelassen wurde. Weißer Rauch schoss aus den gewaltigen Schornsteinen hinaus in die Luft und verbreitete sich über den Hafen von Southampton.
Kapitän E.J. Smith eilte mit kurzen schnellen Schritten von der Kommandobrücke die Treppe hinunter, lehnte sich über die Reling und verfolgte mit ernstem Blick, wie gegenüberliegend die R.M.S. New York von Matrosen wieder an die Pier gezogen wurde.
Der stattliche Mann mit dem weißen Bart atmete erleichtert auf. Die Jungfernfahrt der Titanic sollte seine letzte Überfahrt für die Reederei White Star Line sein, danach wollte er in den Ruhestand gehen. Nun hätte ihm beinahe ein anderes Schiff, welches ausgerechnet wie das Reiseziel hieß, am Ende seiner erfolgreichen Berufskarriere eine negative Schlagzeile in allen Zeitungen der Welt beschert.
Ein Jahr zuvor hatte E.J. Smith die Olympic kommandiert, wobei das Kriegsschiff H.M.S Hawke mit dem Schwesterschiff der Titanic auf hoher See kollidiert war. Es waren nur den wasserdichten Schotten zu verdanken, die sofort heruntergelassen wurden und das vollgelaufene Abteil abgedichtet hatten, dass die Olympic wieder eigenständig zurück nach Belfast zur Schiffswerft Harland & Wolff fahren konnte. Die Reparaturen an der Olympic dauerten drei Wochen lang an, woraufhin die Bauarbeiten auf der Titanic sich kritisch verzögert hatten.
Ein aufgebrachtes Geschrei ertönte unter den Passagieren, woraufhin Aaron und die anderen Lehrlinge sich auf dem Achterdeck zur Backbordseite drängelten, um nachzuschauen, was geschehen war. Ein äußerst beunruhigender Anblick offenbarte sich den Lehrburschen. Der spitze Bug der halb so großen R.M.S. New York war, nur wenige Meter vom Schiffsrumpf der Titanic entfernt, so nahe, dass man hinüberspringen hätte können. Nur wenige Meter hätten gefehlt und der Bug der New York hätte sich in das Mittelschiff der Titanic eingerammt.
„Ach du Schreck!“, rief der blutjunge Sean aufgebracht, als er beobachtete, wie dutzende Matrosen das manövrierunfähige Schiff mithilfe von etlichen Seilen wieder an die Pier zogen. „Beinahe wären wir gerammt worden“, sagte er ängstlich.
Aaron aber war begeistert.
„Junge, Junge, das war echt knapp. Mein lieber Scholli. Schade, ich hätte es gerne gesehen, wie dieser blöde Kahn uns gerammt hätte, am Schiffsrumpf der Titanic zerschellt und im Hafenbecken abgesoffen wäre. Leute, das wäre echt eine Gaudi gewesen“, kicherte Aaron.
Sean jedoch teilte nicht seine Meinung und blickte stattdessen wie erstarrt vom Achterdeck hinunter, wie das Passagierschiff New York langsam zur Pier gezogen wurde.
„Oje, ich weiß nicht so recht, Aaron. Aber ich glaube, das ist kein gutes Omen für eine Jungfernfahrt.“
„So ein Blödsinn. Du hast doch absolut keine Ahnung“, fuhr ihn Aaron ärgerlich an und schlug ihm mit der flachen Hand gegen den Hinterkopf.
„AUA!“, erwiderte Sean erbost. „Du bist voll gemein, weißt du das eigentlich? Du bist sogar gemeiner als ein Vorarbeiter!“
Aaron aber winkte verächtlich ab, versuchte mit dieser Geste aber gleichzeitig seine Artgenossen zu beruhigen.
„Ach Leute, macht euch bloß nicht die Hosen voll. Die Titanic ist nicht nur das größte Schiff der Welt, sondern sie ist auch das sicherste Schiff der Welt. Nicht einmal der Herrgott könnte dieses Schiff versenken, weil die Titanic aufgrund der wasserdichten Schotten einfach unsinkbar ist. Vertraue mir, Kumpel“, sagte Aaron.
Der bekennende Katholik bekreuzigte sich sogleich demütig und sagte: „Verzeihe meine Bemerkung und sei mir nicht böse, HERR, aber das ist nun mal ein Fakt.“
Der junge Sean sah immer noch erschrocken zu, wie Matrosen das herrenlose Schiff mühselig zum Ufer zogen.
„Mag ja sein Aron. Trotzdem ist das kein gutes Omen“, sagte der Knirps apathisch.
Nachdem infolge der vergangenen Vorkommnisse beinahe eine Stunde verstrichen war, stach die R.M.S. Titanic schließlich endgültig in See. Gegen 22 Uhr erreichte das Royal Mail Ship die französische Küste und ankerte vor Cherbourg. Vom Ufer aus erkannte man die Titanic trotz der Dunkelheit beinahe in ihrer vollen Pracht, weil sie hell beleuchtet war. Wenn man genau lauschte, konnte man sogar dezent die Musik des Orchesters hören.
In Cherbourg stiegen weitere Auswanderer und prominente Persönlichkeiten an Bord – darunter John Jacob Astor, der zurzeit reichste Mann der Welt, in Begleitung mit seiner blutjungen, schwangeren Gemahlin Madeleine, sowie die neureiche Margaret Brown, die später als die „unsinkbare Molly Brown“ Berühmtheit erlangen sollte.
Der siebenundvierzigjährige, mehrfache Milliardär John Jacob Astor verfügte über ein derart immenses Vermögen, dass er seiner achtzehnjährigen Ehefrau die Titanic zum Geburtstag hätte schenken können.
Nun setzte der legendäre Ozeandampfer seine Fahrt fort und steuerte seiner allerletzten Anlegestelle entgegen; am folgenden Mittag sollte die Titanic den südlichsten Zipfel Irlands erreichen. Unter allen anderen Passagieren, die in Queenstown einsteigen wollten, befand sich auch Ike van Broek.