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Der Fremde

Nachdenkliches · Kurzgeschichten
Mein Name ist Bella. Ich arbeite in einem Nachtklub als Tänzerin. Bella ist mein Rufname, meinen richtigen Namen kennen die Klubbesucher nicht. In meinem Pass steht aber Rita Schönbächler. Ich mag meine Arbeit nur bedingt, sie bringt mir aber Geld, damit ich meine Rechnungen pünktlich bezahlen kann. Ich mache diese Arbeit seit 10 Jahren, aber ich wäre gerne Tierärztin geworden. Doch dafür reichte das Geld nicht, und das Durchbeissen für das Studium, es wäre zu anstrengend gewesen. Zudem hatte ich zu jener Zeit alles andere im Kopf. So arbeitete ich nach der Schule zuerst in einem Restaurant als Kellnerin. Da entdeckte mich ein Mann, der sehr viel Geld besass. Er schlug mir vor, in seinem Klub zu arbeiten, weil er mich schön fand.

Meinen Vater kenne ich nicht, er ist vor meiner Geburt verschwunden. Meine Mutter weiss nicht, wohin er gegangen war. Sie zog mich und meinen Bruder alleine auf. Wenn meine Mutter von meinem Vater spricht, dann spricht sie immer nur von "ihm", "meinem Vater", "meinem Erzeuger", vom "Schönbächler". In meiner Jugend vermisste ich ihn nicht, für mich war es normal gewesen, dass mein Vater nicht da war. Ich kannte ihn auch nicht.

Seit dem 20. Lebensjahr tanze ich im Klub. Meine Arbeit beginnt jeweils am späteren Abend und zieht sich bis in die früheren Morgenstunden hin. Manche denken jetzt, dass das ein aufregender Beruf ist, doch in Wirklichkeit begann mich die Arbeit mit der Zeit zu langweilen, auch die Männer, für die ich tanze und mit denen ich trinke, langweilen mich, und trotzdem muss ich immer wieder gute Miene zum bösen Spiel machen. Ab und zu will mich einer der Männer mitnehmen für eine Nacht oder länger, ich lehne jeweils ab.

In den letzten Jahren fragte ich mich immer wieder, wer wohl mein Vater sei, wie er wohl aussehen würde, ob er noch lebte, denn meine Mutter sagte oft, vor allem wenn es negativ gemeint war, dass ich das sicherlich von meinem Vater geerbt hätte. Es gibt aber keine Fotos von ihm, die hat meine Mutter alle entsorgt.

Neulich war ich wieder am Tanzen, ich bin jetzt 30 Jahre alt, meine Mutter ist 52, als ein älterer Herr in der hinteren Reihe sass. Er fiel mir sofort auf, als ich die Bühne betreten hatte. Nach meiner Show erhielt ich vom Klubbesitzer eine Karte mit einer Handynummer und einer Botschaft: "Rufen Sie mich doch einmal an." Ich drehte die Karte um. Auf der Rückseite stand geschrieben: "Peter Schönbächler, Handelsreisender."
 
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