
Die Gedanken sind frei... so heißt es. So lautet auch der Titel eines alten Liedes, das man vielleicht noch auf Burschenschaftstreffen singt. Ansonsten...über die Freiheit, da machen wir uns keinerlei Gedanken, denn, dass wir frei sind, das steht ja immerhin auf dem Papier und das Papier pflegt selten zu lügen. Frei dürfen wir uns fühlen, wenn das Dasein reibungslos funktioniert, wenn der Kühlschrank voll ist, wenn das Geld auf dem Konto, wenn der Chef einen in Ruhe lässt. Wenn kein Gerichtsvollzieher an der Tür klingelt, wenn sich kein Sondereinsatzkommando Einlass verschafft, dann sind wir frei. Und wenn wir in Ketten liegen, was auch in dem Lied erwähnt wird, nun ja, zumindest können wir dabei denken, was wir wollen, das Elektronengewitter,, das sich zwischen den beiden Ohren abspielt, das ist der Hort der wahren Freiheit und, so geht das Lied weiter, die Gedanken reißen Schranken und Mauern entzwei. Die Botschaft hört man gerne und denkt dabei an die eine oder andere Mauer, die man nur allzu gerne fallen sähe...
Die zweite Strophe des Liedes:
„Ich denke, was ich will und was mich beglücket.
Doch alles in der Still‘ und wie es sich schicket.
Mein Wunsch und Begehren kann niemand verwehren.
Es bleibet dabei. Die Gedanken sind frei.
Allerdings, das, was sich zwischen den beiden Ohren abspielt, unsere Gedanken, sind das tatsächlich unsere eigenen Produkte? Die meisten unserer vermeintlich eigenen Gedanken, die hegen die Personen unseres täglichen Umgangs zumeist auch, die haben wir von denen, oder wir haben es irgendwo in der Zeitung gelesen, im Rundfunk gehört, aus der Gerüchteküche genascht. Vielleicht auch mal ein Buch in die Hand genommen, und dessen Inhalt durch Aufnehmen, Verdauen und Wiederkäuen zu unserem Eigenen gemacht. Weiterhin gibt es den Ablenkungstsunami aus dem Internet, man hat sämtliche Weisheiten wie auch allen Müll der Welt kinderleicht verfügbar, man kann sich den Kopf füllen mit was auch immer, im schlimmsten Fall ereilt einen die digitale Demenz, aber, wenn das geschieht, dann hat man das auch schnell wieder weggewischt… In den fünfziger Jahren erschien von Vance Packard „Die geheimen Verführer“, in dem er auf die Manipulationen der Werbeindustrie einging, ebenso, wie mittels Hintergrundmusik die Kunden dazu stimuliert werden, mehr zu kaufen, als notwendig. Mit welchen Methoden der Kundschaft Wünsche und Bedürfnisse eingeredet werden, die diese von sich aus nicht haben. Man tut etwas und meint, es sei der eigene Wunsch, doch hat man lediglich die Geschäftsinteressen Anderer bedient.
Wenn ich meine, ich denke, dann stellt sich immer die Frage, ob nicht ein Papagei in mir denkt, der einfach das nachplappert, was Andere schon vorgekaut haben. Ob mein Wunsch tatsächlich mein eigener Wunsch gewesen ist, oder ob ich nur einer Karotte hinterherlaufe, die mir unter die Nase gehalten wird. Vielleicht hat man es sogar zu etwas gebracht, man hat ein Haus, das für einen eine Spur zu protzig ist, ein Auto steht in der Garage, das man sich eigentlich nicht leisten kann, man verbringt seine Tage mit einer Tätigkeit, die einem zuwider ist, und das alles nur, um den Nachbarn zu beeindrucken, den man nicht leiden kann.
Der Papagei in einem hat also gute Arbeit geleistet, man handelt so, wie man meint, dass es von einem erwartet wird, man denkt, wie man meint, es sei richtig so…
Was richtig ist und was falsch, wer entscheidet das? Folge stets der herrschenden Meinung, manchmal ist das ein Erfolgsrezept, aber nicht immer, schon gar nicht auf längere Sicht… Die Mehrheit hat sich in wesentlichen Fragen meistens geirrt, den Experten ging es nicht anders. Aber inmitten der Menge fühlt man sich sicherer…
Zumeist orientiert man sich bei der Frage, was will man und was will man nicht, einfach an der Umgebung, an der Masse, an dem, was die Mehrheit denkt, das wird dann schon richtig sein. Wenn etwas in unzähligen Wiederholungen als Endlosschleife läuft, dann fühlt sich das Gesagte als Normalität, als Richtigkeit an. Die Empfindung von richtig und falsch, von wahr oder unwahr, die folgt in erster Linie der Gewohnheit. Durch beständige Wiederholung kann man auch die absurdesten Inhalte als Normalität erscheinen lassen, als fiktives Beispiel, die gesamte Welt betet einem vor, dass der Regen von unten nach oben fällt, dass die Wassertropfen aus den Tiefen der Erde kommen und dass sie weit oben in der Stratosphäre zerstieben. Der Blick aus dem Fenster offenbart einem zwar das Gegenteil, aber wer bin ich, dass ich mich als Einzelner gegen die Mitmenschen, gegen die Autoritäten, gegen die Wetterexperten zu stellen wage und einfach mal behaupte, der Regen fiele von oben nach unten?... Also lieber die Fensterläden schließen, lieber sich eine dunkle Brille aufsetzen und den blöden Augen nicht mehr zu trauen. Und jeden, der zu behaupten wagt, der Regen käme aus den Wolken, als Aussätzigen zu behandeln…
Die Gedanken sind frei. Zumindest, solange ich sie im stillen Kämmerlein für mich behalte, solange ich den Mund halte, um keinen Ärger zu bekommen. Wenn es überhaupt meine Gedanken sind… Zumeist sind es sie nicht. Es sind die Destillate dessen, was im Laufe der Zeit an Parolen und Verlautbarungen und Unterhaltungsschnipseln eingesickert ist, welche einem den Kopf füllen und beschäftigen und was einem die Illusion gibt, es wären die eigenen Gedanken.
Was ist überhaupt das, was wir das „Eigene“ nennen? Im Grunde genommen, lassen wir spirituelle Sichtweisen einmal außen vor, sind wir Produkte der Außenwelt, der Genetik, der gesellschaftlichen Verhältnisse, dem Zeitgeist unterworfen. Abgerichtet auf den Klang der Pausenklingel beim Bildungserwerb, als Herdentier orientieren wir uns durch den Hang zum Nachahmen, ängstlich schielen wir darauf, alles schön richtig zu machen, was bedeutet, ab und zu gelingt mal etwas…
vielleicht bemüht man sich auch, alles ganz anders zu machen, aufzufallen um jeden Preis, herauszustechen aus der allgegenwärtigen Mediokrität und ist dann doch nur ein Spiegelbild derselben, denn man spielt das Spiel nach d e r e n Regeln und nicht nach den eigenen...
Können wir überhaupt denken ohne Austausch mit der Außenwelt? Die Hölle, das können doch nur die Anderen sein, frei nach Sartre… allesamt Nichtsnutze, Tagediebe, Störenfriede. Einmal alleine sein zu dürfen, ohne dass der Gedankenfluss unterbrochen wird, ohne dass die hochfliegende Idee an irgendeiner Banalität zerschellt. Doch ohne die lästige Außenwelt, ohne die leidigen Mitmenschen, ohne diejenigen, über die man sich aufregt, da versandet das Denken dann doch sehr schnell, da bewegt es sich im Kreise, da es keinerlei Anregungen mehr bekommt. Der freie, autonome Mensch, die eigenen Spielregeln, ist das eine Fiktion? Die Innenwelt verödet ohne das Außen, ohne das Umfeld, ohne das Gegenüber.
Also, ganz alleine halten wir es nicht aus in unserem Haus. Ohne das Außen, ohne die Mitmenschen, ohne die sozialen Beziehungen, da sind wir nichts. Was nützt es, auf einem Sockel zu stehen, wenn niemand da ist, der einen bewundert? Der bei jeder Flatulenz in Verzückung gerät…
Der Status innerhalb einer Gruppe, Horde, Masse, der bedeutet sehr viel, er ist das, was man verlieren kann, wenn man es mit der Freiheit des Denkens allzu ernst meint. Die Anderen schauen zu einem hinauf oder sie schauen auf einen herab. Sie scharen sich um einen oder man wird geschnitten. Und um diesen kleinen Unterschied ist man allzu gerne bereit, seine gesamte Gedankenwelt im Sinne des erhofften Ergebnisses zu formatieren. Ich werde bewundert, also bin ich. Ich werde verachtet, also bin ich nicht…
Also, mein Haus, mein Auto, mein Pferd, mein Hund, mein Vermögensberater. Meine Weisheiten, heruntergeladen von Wikipedia. Meine Käuflichkeit, die ich vor mir selbst verberge. Bin ich das wirklich?
Der Blick von Außen offenbart individuelle und kollektive Absurditäten zumeist auf den ersten Blick, diejenigen, denen lediglich die Innenansicht bleibt, denen bleiben nur wenige Möglichkeiten, aus einem kollektiven Wahn auszubrechen. Allerdings, wer dies versucht, der überwirft sich mit seiner Umgebung, in einer Gesellschaft von Durchgedrehten gilt derjenige als verrückt, der seinen Verstand noch behalten hat. Wenn also alle sich im Kriechgang bewegen, dann wird der aufrechte Gang zum Sakrileg. Wenn alle betrunken sind, dann ist es nicht ungefährlich, als Einziger nüchtern zu bleiben, man darf dann in ein Röhrchen blasen und wehe, es befindet sich noch ein Tröpfchen Blut im Alkohol…
Die Psychologie der Massen neigt zu kollektiver Verblendung, zu Fanatismus, zur permanenten Steigerung der Verrücktheit. Jeder feuert den Anderen an, in der Herde fühlt man sich sicher. Man sieht mit den Augen der Anderen, selbst wenn diese blind geworden sind, der Fanatismus eines aufgepeitschten Kollektivs fühlt sich in seinem Inneren als Normalität an. Ein Gerücht darüber, die langanhaltende Dürre, der Dauerregen, die Wetterkapriolen würde durch die Hexen verursacht, und wenn eine gewisse Masse dieses Märchen dann für Realität hält, dann brennen die Scheiterhaufen. Wir Heutigen hingegen wissen, das mit den Hexen, ja, das zeigt nur die Dummheit und Verblendung der Damaligen, wir heute, ja, wir wissen, es ist das Kohlendioxid, das Dürre, Überschwemmung, verhungernde Eisbären verursacht… In Wirklichkeit wissen wir gar nichts, wir haben lediglich unsere Autoritäten, die uns die Welt erklären, die uns ihre Narrative vorsetzen, die uns glauben machen… Der Klerus von Heute trägt nicht mehr schwarze Soutanen, sondern weiße Kittel, er befleißigt sich nicht mehr des Kirchenlateins, sondern der Anglizismen, der rationalistischen Erklärungen, der Fachsprachen. Und, um die Massen zu gewinnen, der forcierten Emotionalität. Suggestive Bilder, die Instinkte wecken und den Verstand ausschalten. Denn es geht um Religion, um Wirtschaftsreligion, um Klimareligion, um Gesundheitsreligion, um politische Religion. Die meisten dieser Erzählungen halten zwar skeptischen Nachfragen nicht stand, die Trefferquote der Voraussagen von Wirtschaftswissenschaftlern, Gesundheitsministern, Klimaexperten entspricht zumeist der von Zeitungshoroskopen, liegt manchmal sogar noch darunter, aber trotzdem vertrauen wir den weißen Kitteln und Nachrichtensprechern und den tiefernsten Experten auf der Mattscheibe, denn wir sind Rationalisten. (Asteroid Orwell 11° 7‘ Wassermann)
Die Sprache ist der Rahmen, der das Denken erst ermöglicht. Sprachverbote sind Denkverbote, das Ausmerzen von Begriffen entzieht dem Denken zumindest in Teilbereichen die Grundlage. In Orwells Dystopie 1984 ist das beschriebene Regime damit beschäftigt, die Sprache in der Weise umzuformatieren, sodass sogenannte Gedankenverbrechen nicht mehr möglich sein würden, weil es die dafür notwendigen Begriffe nicht mehr gäbe. Die von so wohlmeinenden Pädagogen forcierte Vereinfachung der Sprache oder deren Umformatierung im Sinne einer wie auch immer formulierten „Gerechtigkeit“ hat eine Formatierung der Gedankenwelt zur Folge, die von einem deutschen Spitzenpolitiker geforderte „Lufthoheit über den Kinderbetten“ ist eine Anmaßung, die eigentlich jeden Geduldsfaden augenblicklich zerreißen lassen müsste…
Allerdings war besagter Herr die Karrieretreppe bis ganz oben hinauf gestolpert, es ist auch nur eine Anmaßung unter unzähligen gewesen, das Volk, das auf dem Papier der Souverän sein soll, das hat sich eben an alles gewöhnt und es kennt vielleicht immer noch das Lied von den Gedanken, die frei sein sollen. Wer rauf stolpert, der stolpert vielleicht auch runter, oder er wird mittels Fußtritt gestolpert, vom Superhelden zum Paria ist es nur ein winziger Schritt, die Kaiser frönen allesamt der Freikörperkultur und sie merken es nicht… denn kaum etwas ist weniger frei als deren Gedankenwelt.
Wie also umgehen mit dem Wissen, dass es mit der Freiheit des Denkens, mit der Souveränität der Individuen wie mit der der Kollektive, längst nicht so weit her ist, wie allgemein behauptet? Jedes Mal, wenn man eine Zeitung aufschlägt, wenn man ein Buch in die Hand nimmt, wenn man den Fernseher anstellt oder sich im Internet herumtreibt, dann kann man sich die Frage stellen, wem gehe ich heute auf den Leim? Denn wir befinden uns in der Dauersendung: Nepper, Schlepper, Bauernfänger... Wir sollen Ideologien ebenso kaufen wie Autoreifen und Fruchtjoghurts. Uns willig von der einen Ecke in die andere dirigieren lassen, links, rechts, Mitte, Hauptsache unten. Mal Angst bekommen vor dem bösen Feind, der uns auf dem Silbertablett serviert wird, ein andermal einer Erlösergestalt hinterherlaufen, die zur rechten Zeit aufgeblasen worden ist. Es ist alles ein Spiel, das nur so lange weiterexistiert, solange sich nur genügend Leute finden, die daran glauben. Wer nicht mehr darauf hereinfällt, der quittiert die ganzen Parolen und Verlautbarungen mit einem herzlichen Gelächter...
Wer ein paar Jahre auf dem Buckel hat, der hat unzählige Angsterzählungen miterlebt, Waldsterben, Versiegen der Ölquellen, beginnende Eiszeit, Ozonloch, unmittelbar bevorstehendes nukleares Armageddon, Schnupfen, Klimakatastrophe, Apfelpocken, Elefantenröteln, Regenwurmpest, demnächst die Helmpflicht im Freien wegen der Meteoriten… im Laufe der Zeit gewöhnt man sich daran, dass wieder und wieder ein ganzer Schweinestall durchs Dorf getrieben wird. Das Leben ging trotzdem weiter, die Verbreitung kollektiver Angst war und ist immer dazu geeignet, die Herde zusammenzuhalten und zu melken, den sogenannten mündigen Bürger auf den Status des Untertanen zurückzustufen. Hierarchien beziehen ihre Legitimation daraus, Probleme am Laufen zu halten, deren Lösung sie versprechen. Was natürlich ein ketzerischer Gedanke ist. Und in Ermangelung eines Gedankenberechtigungsscheines natürlich illegitim… Also bitteschön sich der Angst hingeben und das Denken den Autoritäten überlassen… diese haben die dickeren Köpfe…
Also, es ist alles in allerbester Ordnung, auf das Massenbesäufnis folgt die Massenschlägerei und dann der Katzenjammer, es geschieht keineswegs etwas Neues unter der Sonne und der Jahrmarkt der Eitelkeiten geht in die nächste Runde. Währenddessen sind aufgrund der Problemlösungsvortäuschungskompetenz die Lautsprecher verstummt, die Überwachungskameras stellen ihre Tätigkeit wegen Strommangel ein, die Zeitungen bestehen, weil Druckerschwärze nicht mehr verfügbar ist, aus unbedrucktem Papier, die smartphone-Zombies blicken von ihren schwarz gewordenen Displays auf und sie stellen fest, dass es auch außerhalb der Nullen und Einsen eine Welt gibt, die sich zu entdecken lohnt. So kommt sie dann doch über Umwege wieder, die Freiheit der Gedanken, und deswegen sei Herrn von Fallersleben das letzte Wort gegeben:
Nun will ich auf immer
Den Sorgen entsagen,
Und will mich auch nimmer
Mit Grillen mehr plagen.
Man kann ja im Herzen
Stets lachen und scherzen
Und denken dabei:
Die Gedanken sind frei.