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SCHIMMER DER HOFFNUNG, Kap. 4, Teil 2 - OFFENBARUNGEN IM STALL...

Nachdenkliches · Kurzgeschichten
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Die Stallungen waren riesig. Spike wollte mehr sehen als bei dem flüchtigen Blick, den er vor seiner ersten Reitstunde mit Andy auf sie hatte.
Hauptsächlich waren dort Pferde untergebracht. Man hörte ab und zu ein leises Prusten, Wiehern und Rascheln. Der Stall war sonnenlichtdurchflutet, denn durch die kleinen verstaubten Fenster drang immer noch genügend Sonnenlicht herein, um den Stall bis in die letzten Winkel zu erhellen.
Jede Menge Heu und riesige gestapelte Strohballen waren in einem separaten Teil des Stalles gelagert.
Ein Schmatzen erregte Spikes Aufmerksamkeit. Er ging die lange Reihe der Pferdeboxen entlang dem Geräusch nach und wurde schnell fündig. Die hintere Ecke des Stalls war für Schweine reserviert. Spike sah in einem Stall eine riesige Sau, an der circa zehn, so genau konnte man das nicht einschätzen, winzige Schweinchen herumnuckelten. Über dem Verschlag befand sich eine sogenannte Ferkellampe, die den kleinen Schweinchen zusätzliche Wärme spenden sollte. Ein paar andere recht große Ställe waren leer. Ihre schweinischen Insassen hatten Freigang und waren, wie Spike sich erinnerte, auf einer eingezäunten Wiese hinter der kleinen Kirche.
Schinken und Mettwurst kommen also von euch, ihr armen Schweine, dachte Spike mitleidig. Die kleinen Würmer würden schnell erwachsen werden und dann ihr Leben lassen müssen.
Er ging wieder zurück und schaute sich links und rechts die Pferde an. Obwohl er nicht viel Ahnung von Pferdedingen hatte, sah er doch, dass es sich um stattliche gepflegte Exemplare handelte. Freddy hatte ihm erzählt, dass er zum Spaß ein wenig züchtete, er nahm warmblütige Pferde, wie zum Beispiel Hannoveraner und kreuzte sie mit gescheckten Mustangs, den ehemaligen wilden Indianerpferden, bei denen es sich eigentlich auch nur um verwilderte Hauspferde handelte, die den Spaniern damals im 16.Jahrhundert ausgebüxt waren. Diese Züchtungen erfreuten sich großer Beliebtheit. Sie verbanden die Robustheit der angeblichen Wildrasse mit dem Springvermögen der europäischen Warmblüter.
Ein großer schwarz-weiß gescheckter Mustang stand unruhig in seiner Box, und in der Box daneben träumte ein rabenschwarzer Rappe vor sich hin. In der hinteren Ecke der Box sah Spike etwas Weißes. Ein kleineres Tier vielleicht? Es schlief wohl.
Die meisten der Pferde gehörten anderen Leuten, die sie hier quasi geparkt hatten und die hier versorgt, gepflegt und auch geritten wurden. Das hatte Kitten ihm erzählt.
Spike erblickte eine Tür, die nur angelehnt war, öffnete sie und befand sich in der Reithalle, das heißt in einem schmalen Gang für Zuschauer, der durch eine brusthohe Holzbalustrade von der eigentlichen Reithalle abgetrennt war.
Zur Linken führte eine Holztreppe nach oben, Spike hatte sie bei seiner ersten Reitstunde übersehen und er entschloss sich nach kurzem Zögern, die Treppe hinaufzugehen. Zu seinem Erstaunen endete die Treppe in einer kleinen rustikalen Bar. Mit einer Theke aus groben Balken mit genauso groben Barhockern davor. Es standen auch noch zwei Tische mit Holzstühlen an der anderen Seite der Theke. Tatsächlich konnte man von den Tischen aus hinunter in die Reithalle schauen. Auch hier gab es eine Holzbalustrade, die dafür sorgte, dass man nicht hinunterfallen konnte.
Ein Reiterstübchen! Das war saumäßig gut, fand Spike. Ob’s denn auch was zu trinken gäbe? Das wäre supwer. „Na Bill, gefällt’s dir?“ Frederic Cemfort war hinter ihm in das hölzerne Gemach gekommen, das bestimmt früher ein Heuboden über dem Stall gewesen war.
„Es ist allerliebst“, sagte Spike gelassen und musste grinsen. „Gibt‘s hier auch was zu trinken? Denn es könnte sein, dass ich mich vor meinen Reitstunden ein wenig locker machen sollte.“
„Lockerheit ist alles, Bill.“ Freddy begab sich hinter die Theke, öffnete den großen in der Ecke stehenden Kühlschrank, holte zwei Flaschen Bier heraus und machte sie auf. „Du musst nur aufpassen, dass du nicht zuu locker wirst... Das ist übrigens unser hauseigenes Bier.“ Er reichte Spike eine Flasche.
„Ist korrekt“ , meinte Spike, nachdem er einen kräftigen Schluck genommen hatte. Das war nicht gelogen, das Bier schmeckte richtig nach Bier, war aber nicht so herb, dass jeder andere Geschmack dadurch totgeschlagen wurde. Und hatte - so hoffte Spike jedenfalls - genug Alkohol intus, um einen ein bisschen besoffen zu machen.
„Was meinst du, Bill, hast du Lust, mal einer Bierprobe beizuwohnen?“ Freddy trank genüsslich seine Flasche leer.
„Eine Bierprobe?“ Spike musste nicht lange überlegen. „Ich glaube, das würde mir gefallen. Das würde mir sogar sehr gefallen.“
„Nächste Woche?“ „Klar. Warum nicht? Ist bestimmt interessant.“
„Am Anfang ja“, sagte Freddy. „Hinterher ist es einfach nur lustig ...“ Er musste laut auflachen, weil er wohl an irgend etwas Lustiges gedacht hatte.
Leises Hufgetrappel war zu hören. Jemand führte ein Pferd in die Reithalle. Spike sah interessiert zu. Wenn er jemanden beim Reiten zusehen würde, konnte er bestimmt was lernen, denn seine Reitkünste waren wirklich nicht berauschend.
Die Person, die das Pferd in die Reithalle führte, war Andy. Wieder war Spike verwundert über die Ähnlichkeit, die sie von weitem mit Lilah hatte. Er war nicht nur verwundert, sondern auch betroffen.
Andy saß mühelos auf und das Pferd fiel in einen leichten Trab. Spikes Augen folgten ihr fasziniert. „Sie hat eine tadellose Haltung“, sagte er anerkennend zu seinem Schwager Freddy.
„Das hat sie, das arme Kind.“ „Wieso armes Kind?“, fragte Spike. „Ich habe dir doch geschrieben, dass ihre Mutter bei der Geburt gestorben ist.“ „Ja. Natürlich.“ „Ich wollte ihr eine neue Mutter verschaffen und habe kurz nach Kassiopeias Tod wieder geheiratet. Ein Mädchen aus dem Dorf.“ Freddy schwieg eine Weile, dann sagte er: „Sie und Kassiopeia waren befreundet, aber Kassiopeia war die große Liebe meines Lebens. Ich war dreißig, als ich mich in sie verliebt habe, und sie war zwanzig.“ Freddy lächelte, aber seine Augen blickten traurig. „Wie auch immer, es klappte nicht mit Zirza. Sie ist nicht der Typ, um Mutter zu sein. Zwei Jahre später verlor sie ihr eigenes Kind, unser Kind, und danach hatte sie keinerlei Interesse mehr, sich um Andy zu kümmern. Hatte sie vorher eigentlich auch nicht.“ „Arme Andy“, meinte Spike bedauernd.
„Es geht noch weiter, Bill. Kurz nach Kassiopeias Tod besorgten wir Andy eine Amme, es war Tante Bernadettes Tochter, die auch gerade ein Kind bekommen hatte. Aber die ist dann ganz plötzlich an einer Pilzvergiftung gestorben, und ihr Baby auch kurz darauf, das arme Ding. Wir mussten Andy mit der Flasche großziehen. Manchmal denke ich, das war wirklich zu viel Unglück auf einmal“, sagte Freddy nachdenklich. „Wie Murphys Gesetz – wenn etwas schief geht, dann geht aber auch alles schief.“
„Hört sich alles ziemlich seltsam an“, meinte Spike. „Aber Andy hat es anscheinend gut überstanden. Habe ich dir erzählt, dass Gwydion auch mit der Flasche großgezogen wurde?“ Spike überlegte und sagte dann schließlich: „Lilah hatte nach zwei Monaten keine Milch mehr für ihn, aber Gwydion ist trotzdem kräftig und gesund, na ja, du weißt ja wie er ist.“
„Er ist ein Prachtkerl!“, sagt Freddy ernst. „Gut. Andy ist auch ein gesundes kräftiges Baby geworden, aber als sie ein Jahr alt war, da wurde sie entführt. Kein Mensch weiß genau, was damals passiert ist.“
„Das ist ja furchtbar!“, sagte Spike entsetzt. „Aber wir hatten Glück. Nach drei furchtbaren Tagen wurde sie im Wald gefunden, zwar stark unterkühlt und abgemagert, aber sie lebte und sie hat sich unheimlich schnell wieder erholt. Es war übrigens Ricky Lukaste, unser Verwalter, der sie gefunden hat. Damals war der Junge erst fünfzehn.“
„Das grenzt an ein Wunder“, sagte Spike und schaute hinunter zu der jungen Andy, die so gekonnt ihr Pferd dirigierte, ohne dass man sehen konnte, wie sie es eigentlich machte. So etwas nannte man Reitkunst.
Spike sah, dass der große schwarzhaarige Verwalter in die Halle gekommen war, sich über die Balustrade gelehnt hatte und Andromeda beim Reiten zusah. Sein Gesicht hatte einen undefinierbaren Ausdruck, möglicherweise eine Mischung aus Verlangen, Zuneigung und Resignation. Jedenfalls kam es Spike so vor.
„Ricky hat es abgelehnt, die Belohnung anzunehmen, die wir damals ausgesetzt hatten. Er ist sehr stolz und hat sein Studium selber finanziert. Wir waren froh, dass er sich entschlossen hat, für uns zu arbeiten, denn er hatte genug andere Angebote.“ Freddy war anscheinend sehr von Ricky angetan.
Spike hatte Ricky Lukaste noch nicht oft gesehen, höchstens beim Abendessen und da blieb er nicht lange, sondern verschwand kurz nach dem Essen wieder. Er wohnte in dem Häuschen, das Buffy und Spike beim ersten Hingucken als Poolhaus ohne Pool bezeichnet hatten. Spike wollte den schweigsamen jungen Mann eigentlich gerne näher kennen lernen, aber der Verwalter schien ihn aus unerfindlichen Gründen abzulehnen. So dass Spike schon gedacht hatte, er hätte ihm irgendwas getan, aber er konnte sich zum Verrecken nicht vorstellen, was .. Spike fühlte sich seltsam hingezogen zu ihm. Und das kam bei Gott nicht oft vor, dass er sich zu jemanden hingezogen fühlte. Nein, war eigentlich noch nie vorgekommen. Aber der Verwalter schien unnahbar und lehnte ihn anscheinend rigoros ab. Seltsam ...
„Das ist der Witz an der Sache ...“, Freddy musste lachen. „Sie hat mich auf dich und Gwydion aufmerksam gemacht. Zirza ist Geschäftsfrau“, fügte er erklärend hinzu. „Sie hat mehrere Boutiquen in San Francisco. Und sie weiß natürlich mehr als wir Hinterwäldler. Sie schickte uns eines Tages einen Zeitungsausschnitt, in dem über dich und Lilahs Tod berichtet wurde. Normalerweise hätten wir es gar nicht erfahren. Unsere Hauptstadt Boise ist ein hochkarätiges Provinznest, hat vielleicht 240.000 Einwohner, und die Presse ist so provinziell und mit sich selber beschäftigt, dass Skandale aus anderen Bundesstaaten zum Verrecken nicht erwähnt werden.“
„Also haben wir es Zirza zu verdanken, dass wir jetzt hier sind.“ Spike dachte nach. Zirza, ein seltsamer Name, der ihm bekannt vorkam, obwohl er nie eine Person dieses Namens gekannt hatte. Freddy und seine zweite Frau schienen nicht gerade ein inniges Verhältnis zu haben. Aber das konnte er natürlich nicht beurteilen, vielleicht war es die glücklichste Ehe der Welt. Es hatte was für sich, so weit voneinander entfernt zu leben. Das hielt die Leidenschaft wach und wirkte der ehelichen Abstumpfung entgegen. Andererseits war er mit Drusilla so viele Jahre zusammen gewesen, und ihr Liebesleben hatte nie eine Abstumpfung erfahren. Es gab eben sonne und sonne Ehen ...
„Zirza ist nicht jedermanns Sache“, Freddys tiefe sonore Stimme riss ihn aus seinen Überlegungen. „Entweder man verfällt ihr – oder man verabscheut sie. Nein das ist nicht ganz richtig: Auch wenn man sie verabscheut, kann man ihr verfallen.“
Spike überlegte, ob Freddy mit diesen Worten auf sich selber und sein Verhältnis zu seiner zweiten Frau anspielte.
„Da es Verwandtschaft ist, werde ich sie wohl nicht verabscheuen können. Und ihr verfallen werde ich wahrscheinlich auch nicht.“ Spike hatte trotz der kurzen Zeit, die er seinen angeheirateten Schwager erst kannte, ein recht vertrautes Verhältnis zu ihm, und sie verstanden sich so gut, dass sie sich einiges sagen konnten.
„Man kann nie wissen“, sagte Freddy nachdenklich.
Spike beobachtete weiterhin seine Nichte Andy bei ihren Runden durch die Bahn der Reithalle. Sie ritt gerade eine Traverse durch die Diagonale der Reithalle, und ihr Pferd, ein riesiger Brauner, setzte so korrekt seine Schritte , dass es nahezu perfekt schien. Es sah alles mühelos leicht aus, was Andy und das Pferd machten, und obwohl sie Jeans und ein schwarzes T-Shirt trug, kam es Spike vor, als würde sie die Hohe Schule der Dressur in einem schwarzen Anzug mit Zylinder vor einem verwöhnten Publikum vorführen. Und natürlich den ersten Preis machen. Sie könnte ohne weiteres in der Olympiamannschaft der Vereinigten Staaten mitreiten. Falls es so etwas gab.
Ricky Lukaste hatte seinen Posten an der Bande verlassen und war wohl gegangen. „Sie reitet verdammt gut. Ich wünschte, Buffy würde das Reiten lernen“, sagte Spike schließlich, nachdem er einen weiteren großen Schluck aus der Bierflasche genommen hatte. Buffy, immer wieder Buffy. Konnte er sie nicht einfach mal außen vor lassen?
„Buffy ist eine sehr reizvolle Frau, nicht wahr?“, sagte Freddy und nahm seinerseits einen großen Schluck aus der Bierpulle.
„Ja, das ist sie“, sagte Spike schließlich nach einer längeren Pause verdrießlich.
„Sag mal, Bill“, Freddy räusperte sich, „hättest du etwas dagegen, wenn ich Buffy ein wenig, ja wie soll ich sagen ... Eventuell den Hof mache?“
Spike fiel nun wirklich aus allen Wolken. Er hatte tatsächlich angenommen, Freddy wäre ein treuer Ehemann, der nicht irgendwelchen Frauen von entfernten Verwandten nachsteigen würde. Dann fiel ihm ein, dass Freddy gar nicht wusste, dass Buffy mit ihm, Spike, verheiratet war.
„Sie ist schließlich alt genug, um zu wissen, was sie tut.“ Diese Worte waren ruhig daher gesagt, aber in Wirklichkeit verspürte Spike urplötzlich Zorn, nein, nicht auf seinen Schwager und auch nicht auf seine Ehefrau Buffy, sondern auf diese absolut beschissene Situation mit der nicht vollzogenen Ehe. Und überhaupt ... Er verspürte auch ein wenig Zorn auf sich selber, weil er so dämlich gewesen war, die Ehe nicht zu vollziehen. Warum eigentlich nicht? Aus Angst, sie könnte wieder diese Macht über ihn erlangen? Ja das war es. Er wollte nie wieder der Liebesidiot sein. Andererseits könnte er es ja mal ausprobieren... Sie hätte bestimmt nichts dagegen. Nein, besser nicht. Wäre zu gefährlich. Wenn Freddy sie anmachen wollte, dann würde er nichts dagegen tun.
Andy hatte wirklich eine ausgezeichnete Haltung zu Pferde. Wieder kam es Spike vor, als würde er Lilah vor sich sehen, er durfte nur nicht genau auf Andy schauen, sondern ein bisschen daneben. Dann war die Illusion perfekt.
Wie wohl Zirza, Andys Stiefmutter so war? Nicht, dass es ihn interessierte. Wirklich interessieren tat ihn im Augenblick nur eines: Was wollte Freddy von Buffy? Na was wohl ... Die Vorstellung, dass Buffy in irgendeiner Art und Weise etwas mit Freddy zu tun hatte, brachte ihn auf, mehr auf, als er es sich eingestehen wollte. Aber wie gesagt, sie war erwachsen und musste wissen, was sie tat.
 
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