Kapitel 6 – Blinder Passagier
Als Ike aufwachte, musste er einen Augenblick überlegen, wo er sich gerade aufhielt. Die letzten Wochen hatte er sich schließlich nie länger als einen Tag an einem Ort aufgehalten. Schlaftrunken schaute er sich in der stockdunklen Kabine um, dann saß er aufgeschreckt und kerzengerade im Bett. „Ich bin an Bord der Titanic“, murmelte er vor sich hin. Er knipste die Nachttischlampe an und schaute auf seine Taschenuhr. Er atmete erleichtert auf, denn es war erst 19.38 Uhr.
Er öffnete vorsichtig die Kabinentür und linste durch den Spalt. Es war niemand auf dem Korridor zu sehen. Nur dezent hörte er Stimmen aus anderen Kabinen. Es war Dinnerzeit – die meisten Passagiere hatten sich bereits zum Speisesaal begeben.
Jetzt war die beste Gelegenheit, um unbemerkt zum Bug der Titanic zu schleichen und den Ersten Schiffsoffizier Murdoch irgendwie zu kontaktieren. Während er zügig die menschenleeren Korridore entlanglief, vernahm er ganz schwach das permanente Schrubben der Maschinen, das weit unten aus dem Schiffsrumpf hervordrang.
Ike wollte unbedingt vermeiden, dass ihm ein bekanntes Gesicht über den Weg lief. Schließlich waren genügend Handwerker von Harland & Wolff an Bord, die zwar in Kajüten auf den unteren Decks untergebracht waren, aber da sie nun mal zur Garantiegruppe gehörten, konnten sie ihm durchaus überall überraschend begegnen. Nicht zu vergessen war, dass auch Aaron an Bord war und er dem Lausebengel durchaus zutraute, dass er irgendwann heimlich aus der Kajüte schleicht, um die Titanic zu erkunden – obwohl ihm dies strikt verboten war.
Aaron würde sicherlich einen Freudenschrei ausstoßen und sofort seine Kameraden herbeirufen, wenn Ike plötzlich vor ihm stünde. Zudem befand sich sein ehemaliger Chef an Bord: der Schiffskonstrukteur Thomas Andrews. Diesem Mann wollte er auf gar keinen Fall begegnen. Ike hatte ihn nämlich bezüglich seiner Kündigung mit der Ausrede angelogen, dass er wieder zurück in die Niederlande reisen wolle, zu seiner Familie und seinen Freunden, weil ihn nun nichts mehr in Irland hielt. Diese Begründung hatte Mr. Andrews auch anstandslos hingenommen und nicht einmal versucht, ihn mit einer Gehaltserhöhung zu ködern, damit Ike seine Absichten noch einmal überdenken würde.
Ike marschierte zügig durch die hell beleuchteten Korridore und eilte einige Treppenaufgänge hoch. Hin und wieder begegneten ihm dennoch einzelne Passagiere, an denen er aber grußlos vorbeihuschte. Manchmal musste er sich kurzzeitig hinter einer großen Topfpalme verstecken, die man insbesondere in den großen Treppenhäusern vorfand, oder er stellte sich einfach vor eine fremde Kabinentür und tat so, als würde er aufschließen, wenn gerade zu viele Leute anwesend waren und er einen unerlaubten Treppenaufgang benutzen wollte. Um den Ersten Offizier William Murdoch zu kontaktieren, musste es ihm irgendwie gelingen, mindestens in die Nähe der Kommandobrücke zu gelangen. Dazu kam er jedoch nicht umhin, die Bereiche der Ersten Klasse zu betreten, wobei er sich keinesfalls erwischen lassen durfte. Aber er kannte ja die Schlupflöcher, durch die man heimlich nach oben kam.
Durch eine Luke gelangte er schließlich nach draußen und erreichte eine Stahltreppe, die hinauf zum Promenadendeck führte. Allerdings war dieser Aufstieg bereits mit einer Eisenkette abgesperrt worden. Aber diese Barriere stellte wirklich kein großes Hindernis dar – er stieg einfach über die Kette, flitzte hinauf und eilte daraufhin die nächste Stahltreppe hoch, bis er endlich auf dem Bootsdeck angekommen war.
Ike hatte sich die Schirmmütze tief ins Gesicht gezogen und den Mantelkragen hochgestellt. Er ging bei den Davits in die Hocke und versteckte sich zwischen zwei abgedeckten Rettungsbooten. Es war bitterkalt. Er rieb sich die Hände und hauchte sie an. Oben auf dem Bootsdeck war der frostige Fahrtwind ganz besonders zu spüren. Er blickte kurz hinauf zum sternenklaren Nachthimmel und blies sichtbaren Atemhauch hinaus. Nach seinen Berechnungen müsste sich der Satellit zurzeit über dem Nordatlantik befinden, also durfte Ike sich jetzt absolut keine Aufmerksamkeit erlauben.
Als er rundherum keine Menschenseele erblickte, rannte er über das Deck, um sich im Schatten eines der riesigen Schornsteine zu verstecken. Das Bootsdeck war nämlich stellenweise mit Scheinwerfern beleuchtet und er konnte keineswegs ausschließen, dass ihm selbst zur späten Abendstunde noch Spaziergänger begegnen würden.
Ike überblickte im Schutze der Dunkelheit einen Moment lang in gebückter Haltung das riesige Bootsdeck. Er befand sich bereits in der Nähe des Funkraums und ungefähr zwanzig Meter weiter, hinter dem vordersten Schornstein, war schon das Dach der Kommandobrücke zu sehen. Er beabsichtigte sich erstmal hinter dem zusätzlichen Rettungsboot zu verstecken, das am vordersten Schornstein befestigt war, um mit seiner Nickelbrille herauszufinden, ob William Murdoch in dieser Nacht das Schiff überhaupt befehligen würde. Als er gerade lossprinten wollte, wurde er plötzlich von hinten gepackt.
„Augenblick mal, Freundchen! Was hast du hier zu suchen?!“, schnauzte der kräftige uniformierte Matrose, wobei er Ike am Kragen festhielt und ihn rüttelte. „Der Aufenthalt hier oben ist für schäbige Emigranten, wie du einer bist, strengstens verboten!“
Für einen Augenblick spielte Ike mit dem Gedanken ihn einfach zu überrumpeln und niederzuschlagen, aber da der kräftige Mann regelrecht brüllte, waren sogleich zwei weitere Matrosen erschienen.
Die anderen beiden uniformierten Männer beleuchteten mit ihren Taschenlampen sein Gesicht, sodass Ike blinzeln musste. Kapitulierend hielt er die Hände hoch, woraufhin er nach Waffen abgetastet wurde. Ike war in dem Moment froh, dass er sich dazu entschlossen hatte, seine EM23 Schnellfeuerwaffe nicht bei sich zu tragen, sondern in seiner Kabine zu verstecken. Das Einzige, was sie in seiner Manteltasche fanden und ihm auch sogleich abnahmen, waren zwei Äpfel, die er unterwegs gemopst hatte.
„Gentlemen, so beruhigen Sie sich doch bitte. Ich bin kein Emigrant, sondern ein Zweite-Klasse-Passagier“, betonte er freundlich. „Ich wollte mich auf dem Schiff nur ein bisschen umsehen, sonst weiter nichts.“
„Ach ja? Dann zeig uns mal dein Ticket, Spaßvogel“, erwiderte der kräftige Matrose, der wie ein typischer Schläger aussah.
„Das, ähm … Das habe ich selbstverständlich jetzt nicht dabei. Wenn es aber unbedingt nötig ist, Sirs, dann führe ich Sie gerne zu meiner Kabine und beweise es Ihnen“, schlug Ike zähneknirschend vor, aber hoffte insgeheim, dass sie ihm glaubten. Denn, falls er nun durch das halbe Schiff zu seiner Kabine abgeführt werden würde, wäre dies alles andere als unauffällig. Zu allem Überfluss würde die Sicherheitszentrale mithilfe der unzähligen, installierten Mikrokameras unweigerlich mitbekommen, dass er sich auf der Titanic aufhielt. Zudem überflog der Satellit augenblicklich diese Zone und würde bei der kleinsten Zeitanomalie einen Masteralarm auslösen.
Die Matrosen grinsten sich gegenseitig verstohlen an und nickten. Falls er tatsächlich kein Dritte- sondern ein Zweite-Klasse-Passagier war, wie er es behauptete, wäre dies sogar vorteilhafter für die Männer, weil er aufgrund dessen kein Habenichts, sondern zahlungsfähig wäre.
„Das würde dir auch nichts nützen, denn das hier ist ein Bereich der Ersten Klasse! Wenn man es also genau nimmt, bist du ein blinder Passagier. Du hättest tiefer in dein Portemonnaie greifen müssen, um dich hier etwas umzusehen, Arschling!“, zischte ihn sogleich der andere Matrose an, wobei er ihm die Taschenlampe näher ins Gesicht hielt und ihn weiter blendete, während er genüsslich in seinen beschlagnahmten Apfel biss.
„Genauso ist es!“, führte der Kräftige schadenfroh grinsend das Gespräch fort, packte ihn nochmal am Kragen und rüttelte ihn erneut, wobei er Ike genau in die Augen schaute.
„Wir sollten diesen blinden Passagier zum Zahlmeister bringen, der wird sich um diese Angelegenheit schon kümmern und ihn unter Arrest stellen. Dann hat er, bis wir New York erreicht haben, genügend Zeit, über seine Dummheit nachzudenken. Oder wie seht ihr das, Männer?“, fragte der Matrose lächelnd in die Runde, woraufhin seine Kameraden ihm schäbig lachend zustimmten. Ike seufzte.
„Okay, Gentlemen. Hört mir bitte zu. Das ist doch nun wirklich nicht nötig“, lenkte er lächelnd ein. „Ich wusste einfach nicht, dass ich mich hier oben nicht aufhalten darf. Ehrlich! Daher bitte ich euch um Gnade, und dass ihr mich einfach laufen lasst. Was habe ich denn schon Großartiges verbrochen? “
„Versuchst du uns etwa zu vergackeiern?“, zischte der kräftige Matrose ihn an. „Es steht überall geschrieben, wer sich auf dem Schiff wo und wann aufhalten darf. Oder kannst du etwa nicht lesen? Außerdem sind alle Treppenaufgänge abgesperrt – diese Botschaft müsste selbst für einen Analphabeten verständlich sein!“
Ike erkannte, dass jede weitere Ausrede vergebens wäre und er sich nur weiter verstricken würde. Deshalb wechselte er zur Taktik, den verängstigten Unschuldigen zu mimen. Er blickte die Matrosen mit großen Augen gespielt hektisch an und begann sogar zu stottern.
„I-ich entschuldige mich v-vielmals für mein törichtes Benehmen, Sirs, und verspreche Ihnen, dass ich mich fortan an die Schiffsregeln halten werde. Bitte-bitte lassen Sie mich einfach laufen. Ich hab’s ja begriffen, dass ich etwas falsch gemacht habe“, bekundete er gespielt verängstigt.
„Ach, halt die Klappe. Gar nichts hast du kapiert! Deine Einsicht schätzen wir zwar und wir nehmen deine Entschuldigung auch zur Kenntnis, aber leider ist das nicht so einfach, wie du dir das vorstellst. Wir dürfen dich nicht einfach so gehen lassen, denn wir sind dazu verpflichtet, dich dem Zahlmeister zu übergeben“, lächelte der Matrose überheblich. „Wo kämen wir sonst bloß hin, wenn jeder dahergelaufene Hanswurst auf der Titanic rumspaziert, wie es ihm beliebt? Dann wären wir ja praktisch überflüssig und arbeitslos obendrein. Aber wir alle haben zu Hause ein paar Mäuler zu stopfen. Jetzt endlich kapiert?“
Ein gehässiges Gelächter ertönte. Ike schaute abwechselnd in ihre schmunzelnden Gesichter, überlegte einen Augenblick, kniff dann seine Lippen zusammen und nickte stetig.
„Alles klar. Jetzt habe ich verstanden, Gentlemen“, antwortete er seufzend, knüpfte seinen Mantel auf, holte aus der Innentasche ein Geldbündel hervor, blätterte es durch und hielt jeweils drei englische 10-Pfund-Geldscheine in die Höhe. Diese wurden ihm sogleich aus der Hand geschnappt. Doch der bullige Matrose war offenbar noch nicht zufrieden und starrte ihn gierig an, wie er sein beachtliches Geldbündel wieder einsteckte.
„Tja Arschling, das reicht uns aber leider noch nicht. Da musst du noch was locker machen, wenn wir dich laufen lassen sollen“, grinste er.
Daraufhin begann Ikes Gemüt zu brodeln. Er trat einen Schritt näher, sodass sich ihre Nasenspitzen beinahe berührten, und stieß den Matrosen mit dem Zeigefinger gegen die Brust.
„Jetzt hören Sie mir mal gut zu … Mister. Sie und Ihre ehrenwerten Kollegen überschätzen Ihre Position gewaltig. Denn ich glaube kaum, dass die White Star Line Korruption befürwortet. Aber wir können dies gerne in Anwesenheit des Zahlmeisters ausdiskutieren und dann herausfinden, wer tatsächlich unter Arrest gestellt werden sollte. Ich jedenfalls gehe davon aus, meine Herren, dass ihr auf der Rückfahrt nach Southampton dann nicht mehr im Dienst seid und stattdessen Wasser und Brot in einer Zelle diniert. Ich mache euch jetzt ein anderes Angebot, geehrte Sirs: Ihr lasst mich hier weiterhin umsehen, wobei ihr euch selbstverständlich zu verpissen habt, ihr dürft euer Kopfgeld, die beschissenen dreißig Pfund behalten und ich werde euch dafür nicht anschwärzen“, schlug Ike lächelnd vor. „Falls ihr es aber dennoch wagt, mich abzuführen, werde ich euch allesamt wegen räuberischer Erpressung drankriegen. Der Kapitän, Mister E.J. Smith, wird mir gewiss zustimmen. Dann wird euch verfluchte Bande der Arsch aber mächtig aufgerissen werden, verlasst euch drauf!“, fauchte Ike.
Daraufhin blickten ihn die Matrosen überrascht an, wichen gar einen Schritt zurück und hielten einen Moment inne. So ein schlagkräftiges Argument hatten sie von einem Angsthasen, wie er zuerst gewirkt hatte, absolut nicht erwartet. Zudem hatten sie solch eine vulgäre Ausdrucksweise zuvor nie gehört.
„Hört, hört, das sind starke Worte, mein Freund. Ziemlich starke Worte sogar“, antwortete der Kräftige, musterte ihn und blickte ihm finster ins Gesicht. Mittlerweile wurden aufgrund der lautstarken Diskussion einige spazierende Herrschaften angelockt, die nun neugierig umherstanden und Ike anstarrten, als wäre er ein Verbrecher. Diese Situation war für Ike mindestens genauso unangenehm, wie auch für die Matrosen. Immerhin lag es keineswegs in ihrem Interesse, dass nun einige Passagiere erfuhren, wie sie ihr Gehalt etwas aufzustocken versuchten.
„Na los, mach, dass du endlich wegkommst. Und lass dich hier oben bloß nie wieder blicken!“, raunzte ihn daraufhin der kräftige Matrose lautstark an und schubste Ike zum Treppenabgang hinüber. Mit ernsten Blicken beobachteten die Matrosen, wie Ike missmutig die Stahltreppe hinunterstieg und nach achtern im Dunkeln verschwand.
Ike musste sich eingestehen, dass sein Plan doch nicht so einfach umzusetzen war, wie er es sich`s vorgestellt hatte. Griesgrämig trottete er im Dunkeln den langen Weg zurück zum Achterdeck und überlegte dabei, wie er diese Nacht ungehindert nach vorne zum Bug des Schiffes gelangen könnte. Er schaute immer wieder hoch hinauf, wo die Matrosen ihn auf dem Bootsdeck im Blick behielten und ihm drohten, dass er endlich verschwinden solle. Der Matrose nahm sogar seinen angebissenen Apfel und bewarf ihn damit, um ihn zum Verschwinden anzutreiben.
„Dein Gesicht haben wir uns gemerkt! Wenn du uns noch einmal in die Quere kommst, dann Gnade dir Gott, Arschling!“, drohten sie ihm wütend.
Es war zwar erst Donnerstagabend und Ike hatte praktisch noch drei Tage lang Zeit, seinen Beamer zu beschaffen, bevor die Titanic sinken würde, aber auf einem Schiff, wo man sich zwangsläufig begegnen würde und die fremden Gesichter bald jedermann zuzuordnen vermochte, war es für ihn ratsam, sofort zu handeln, bevor die Leute über sein merkwürdiges Verhalten aufmerksam werden würden. Außerdem hatte er sich bereits unbeliebt gemacht und dieser Vorfall würde sich unter allen Matrosen sicherlich rasch herumsprechen.
Auf dem Achterdeck angekommen, schlenderte er zur hintersten, gerundeten Reling, zündete sich eine Zigarette an und blickte nachdenklich in die Dunkelheit. Über ihm flatterte die englische Flagge am Fahnenmast wild im Wind und unter ihm, mehr als zwanzig Meter tief, rauschte das schäumende Meerwasser, das von den Schiffsschrauben aufgewühlt wurde.
„Verdammt, was mach ich jetzt bloß?“, murmelte er verdrossen vor sich hin. „Wie komm ich heute Nacht an Murdoch ran? Es muss mir heute noch gelingen … Es muss! Dafür muss ich aber unbedingt nach vorne zur Kommandobrücke gelangen – mitten durch die verdammte Ersten Klasse.“
Plötzlich vernahm er schabende Geräusche von Pfoten, die auf dem Dielenboden entlangflitzten, ebenso ein hektisches Hecheln, als würde ein Tier herangestürmt kommen. Als er über seine Schulter blickte, sah er im Lichtschein der Scheinwerfer einen kleinen Hund, der ihn zunächst nur regungslos anstarrte. Als das Hündchen ihn dann sogar anknurrte und kläffte, schmunzelte Ike und ging in die Hocke.
„Nanu, was bist du denn für einer?“, sprach Ike beruhigend auf ihn ein. „Wem bist du denn ausgebüxt, mein kleiner Freund?“
Daraufhin wackelte sein gekringeltes Schwänzchen, während er hechelte. Der Mops nieste einmal, schüttelte sich und ließ sich von Ike schließlich problemlos streicheln. Das zuerst so giftige Hündchen schien plötzlich total in Ike vernarrt zu sein, sprang auf seinen Schoß und schleckte sein Gesicht ab.
„Constantin! … Constantin! Constantin, wo steckst du schon wieder?!“, hörte Ike eine Frauenstimme rufen. Er erblickte eine ältere Dame, die mit einem eleganten Abendkleid und einem riesigen Hut bekleidet war. Sie stolzierte über das Poopdeck und hob dabei ihren weiten Rock ein wenig an, um unter die Sitzbänke zu schauen.
„Constantin, komm sofort zu mir! Du bekommst auch ein Leckerli!“
„Ihr kleiner Racker ist hier, Ma'am!“, rief Ike und winkte ihr zu.
Die alte Dame tippelte ihm keuchend entgegen, wobei die Absätze ihrer schwarzen Lackstiefel auf dem Plankenboden klackerten.
„Gott sei Dank, Sie haben meinen Constantin eingefangen. Ich bin Ihnen sehr verbunden, junger Mann“, sprach die Dame hochgestochen und tupfte sich dabei mit einem Taschentuch das Gesicht ab.
„Mein Constantin ist mir wieder mal entwischt, nachdem er sein Häufchen gemacht hat, obwohl er mir mit seiner Pfote hoch und heilig versprochen hatte, zukünftig gehorsam zu sein.“
Ike erhob sich und lächelte.
„Sie sollten Ihren Hund lieber an der Leine lassen, geehrte Ma'am. Das Schiff ist sehr groß und er könnte in ein Schlupfloch geraten, wo er nicht mehr hinausgelangt und ihn auch niemand mehr finden kann. Es wäre wirklich schade, wenn dem Kerlchen solch ein tragisches Schicksal widerfahren würde.“
Die betagte Dame hielt sich die Hand vor dem Mund und schmunzelte. Was für ein aufregender und ungewöhnlich kultivierter Mann er doch ist, dachte sie sich insgeheim.
„Möglicherweise haben Sie recht, junger Gentleman. Ich habe zwar bereits dutzende Seereisen unternommen – schon damals, als ich noch ein junges Ding war und mein Ehegatte noch lebte – und kenne mich daher auf Dampfschiffen eigentlich gut aus. Aber die Titanic ist so unvorstellbar groß, dass ich mich wahrscheinlich erst auf der Rückfahrt nach Southampton einigermaßen zurechtfinden werde.“
Die englische Dame seufzte.
„Constantin, sei jetzt endlich artig und komm zu mir! Bei Fuß! Belästige den netten Herrn nicht!“, befahl sie ihrem kleinen Hund, doch der Mops fühlte sich bei Ike pudelwohl und genoss stattdessen seine Streicheleinheiten, anstatt seinem Frauchen zu gehorchen. Plötzlich runzelte die alte Lady die Stirn und blickte Ike verwundert an.
„Dass sich mein Constantin von Ihnen einfach anstandslos streicheln lässt, ist bemerkenswert, junger Gentleman. Normalerweise bellt er jeden Fremden an, und schnappt auch gerne mal zu.“
Ike hielt das Hündchen in seinen Armen, knuddelte ihn und ließ sich von ihm weiter abschlecken. Für einen Moment war gar etwas wie Heiterkeit in seinen blauen Augen zu erkennen.
„Na ja, wissen Sie … vor nicht allzu langer Zeit besaß ich selbst einen Hund. Einen Schäferhund allerdings. Es war eine Hündin. Sie hieß Laika. Andere Hunde spüren sowas möglicherweise, dass man ein Hundeherrchen ist“, antwortete Ike niedergeschlagen, während er den niedlichen Mops kraulte und ihn dabei nachdenklich anschaute.
„Oh, ist Ihr Hund etwa gestorben?“, hakte die Lady mit ihrer rauen Stimme interessiert nach.
„Nein, Ma'am, Laika geht es bestens und sie ist nun in sehr guten Händen. So leid es mir tat, aber ich musste sie verlassen und abgeben“, antwortete er betrübt.
Sie neigte ihren Kopf seitlich und schaute ihn durch ihr Hut-Netz mitleidig an.
„Das tut mir wirklich sehr leid für Sie. Und selbstverständlich auch für Ihre Laika, denn Ihr Hund vermisst Sie ganz bestimmt ebenso.“
Die alte Dame war ganz entzückt von dem gutaussehenden Mann und wollte von ihm unbedingt die traurige Geschichte hören, wie er seine Laika bekommen und letztendlich hatte abgeben müssen. Der reichen Lady schien es nicht wichtig zu sein, dass Ike nur ein Zweite-Klasse-Passagier war. Sie schlug ihm also vor, dass er sie hoch hinauf zum Promenadendeck begleiten sollte, um dort gemeinsam zu spazieren.
Ike war immerhin ein gutaussehender junger Mann, ein Hundefreund und obendrein ordentlich gekleidet mit tadellosen Manieren – mit solch einer attraktiven Begleitung war die betagte Frau keineswegs abgeneigt, sich in der späten Abendstunde vor den Augen der Gesellschaft zu präsentieren. Mögen sie doch alle glauben, was für einen tollen Burschen sie da als Enkelsohn hat. Oder vielleicht glaubte die eine oder andere hochnäsige Lady sogar neidisch, er wäre gar ihr Liebhaber? Bei diesem Gedanken musste die alte Dame sich kurz verschämt die Hand vor den Mund halten und schmunzeln. Dann tätschelte sie seinen kräftigen Arm.
„Wären Sie so freundlich, mich zu begleiten? Ich überlasse Ihnen auch gerne die Führung von Constantin. Er scheint ja Freundschaft mit Ihnen geschlossen zu haben“, meinte die alte Lady lächelnd, dies Ike dankend annahm, indem er anstandshalber seine Schirmmütze abzog und eine Verbeugung andeutete. Seine makellosen Manieren hatten der Dame schließlich geschmeichelt und sie überzeugt. Die betagte Engländerin hatte sich in Ikes Arm eingehakt und ließ sich von ihm führen. Nun hinderte Ike kein einziger Matrose daran, die Bereiche der Ersten Klasse zu betreten.
Ike schwelgte in Erinnerungen und dachte momentan sogar nicht an sein Vorhaben, den Ersten Schiffsoffizier William Murdoch zu kontaktieren. Er erzählte stattdessen der alten Dame enthusiastisch, wie er seine Laika damals vor drei Jahren auf dem Frühjahrsmarkt in Belfast ausgesucht und gekauft hatte, wie er mit seinem Hund gemeinsam die Freizeit verbracht und wie Laika seiner Ehefrau einst das Leben gerettet hatte. Er spazierte mit der alten Dame über das hell beleuchtete Promenadendeck, erzählte von seinem Hund und wie er von der Niederlande nach Irland gereist war. Er behauptete, dass seine Ehefrau an einer Krankheit gestorben sei und sein Onkel in Amerika ihm nun ein Erbe hinterlassen habe. So tischte er ihr weitere Lügen auf, während sie in der späten Abendstunde immer wieder das Schiff umrundeten.
Sie spazierten eingehakt auf dem Promenadendeck. Aus allen Fenstern strahlten Lichter heraus, und das Gemurmel der Leute sowie die Musik des Orchesters waren bis hinaus zu hören. Hin und wieder begegneten dem ungleichen Paar einige angetrunkene Herren, die mit Frack und Zylinderhut bekleidet in der frischen Luft eine Zigarre rauchten und dabei Scotch tranken. Das Promenadendeck war in der Abendstunde sehr belebt. Von überall her hörte man rege Gespräche und Gelächter; selbst sturzbetrunkene Leute traf man dort an, wobei diese sich dennoch weitaus stilvoller benahmen als die Trunkenbolde in einer Hafentaverne. Es begegneten ihnen aber auch vornehme Ehepaare beim nächtlichen Spaziergang, die genauso wie sie eingehakt waren und sie freundlich begrüßten. Ike hatte mittlerweile aufgrund seiner privilegierten Stellung als Vorarbeiter bei Harland & Wolff genügend Erfahrung gesammelt, um zu wissen, wie er sich auch in der High Society des anfänglichen zwanzigsten Jahrhunderts verhalten musste.
Nachdem Ike die reiche, bejahrte Engländerin anstandshalber bis vor ihre Kabine im vorderen Bereich des B-Decks geführt hatte, verabschiedete sie sich nach einer kurzen Konversation endgültig von ihm. Als sich die Kabinentür schließlich hinter ihr geschlossen hatte, atmete Ike erleichtert auf und lehnte seinen Kopf gegen die Tür.
Jetzt befand er sich endlich in der unmittelbaren Nähe der Kommandobrücke. Er eilte den Korridor entlang, öffnete eine Tür und trat hinaus auf das Bugdeck.
Dort war der Fahrtwind ganz besonders frostig zu spüren, woraufhin Ike den Mantelkragen wieder hochstellte und mit kurzen flotten Schritten eine Stahltreppe hinunterstieg. Der Zutritt zum Bugdeck bei Nacht – dem vordersten Bereich des Schiffes – war während der Überfahrt allerdings für jeden Passagier strikt verboten, weil dort die akute Gefahr bestand, bei stürmischem Seegang über Bord zu fallen. Ike lief eine weitere Stahltreppe hinunter, und dann endlich erreichte er das riesige Bugdeck der Titanic.
Ike hielt seine Schirmmütze fest und lief beharrlich über den Bug der Titanic, direkt zur Spitze des Schiffes. Der Wind pfiff ihm entgegen und die Meereswellen schlugen gegen den Schiffsrumpf.
Ike lief in der Dunkelheit langsam über das riesengroße Bugdeck, ging an der Verladeluke vorbei und passierte die imposanten Stahltrossen, die zum Festzurren des Schiffes an einer Hafenmole dienten. Schließlich lehnte er sich ganz vorne gegen die zugespitzte Reling und zündete sich mit schützenden Händen eine Zigarette an. Jetzt stand er ganz vorne am Bug der Titanic. Es war eiskalt.
Der Fahrtwind wehte ihm eisig entgegen und er hörte intensiv die Wellen gegen den Schiffsrumpf aufschlagen. Er blickte mit seiner Nickelbrille hoch hinüber zur hell beleuchteten Kommandobrücke, und er lächelte. Der Erste Schiffsoffizier, William Murdoch, befehligte diese Nacht tatsächlich die Titanic. Er beobachtete ihn, wie er mit dem Fernglas in die Ferne schaute. Nun musste er sich nur noch bemerkbar machen.