Die Welt auf dem Kopf Postkarnevalistische Betrachtungen
Ein Gespenst geht um in Europa - das Gespenst des real existierenden Karnevalismus. Alle Mächte des alten Europa, des neuen Amerika und Asiens haben sich zu einer heiligen Hetzjagd gegen dieses Gespenst verbündet, der Papst und der Springer Verlag, die Wallstreet und Disneyland.
Wo ist die Oppositionspartei, die von den regierenden Büttenrednern und den Protagonisten des unfreiwilligen Humors nicht als weltfremd verschrieen wird!
Wo ist die Oppossitionspartei, die den herrschenden Karnevalsprinzen und den mächtigsten Marionetten dieser Welt nicht diesen Vorwurf zurückschleudern würde?
Eine Opposition gibt es nicht. Die Karnevalsprinzen sind unter sich und sonnen sich im Lichte ihrer Seifenblasen. Das Mittelalter werden sie als Fortschritt anpreisen und die Schafherde frisst es. In Sonntagsreden sprechen sie vom Volk und meinen den Untertan. Die Schafherde frisst es auch. Der gute Hirte nimmt sich jedes Schaf einzeln vor und flüstert ihm ins Ohr, es sei der Schäferhund. So bewachen sich die Schafe gegenseitig.
Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde zu sein,muss man vor allen Dingen ein Schaf sein
Viele lange Jahre drückt man die Schulbänke Absurdistans, um sich das Hirn zu verbiegen, übt sich im Wissenserwerb durch unablässiges Abschreiben von Makulatur, um eines Tages in der Lage sein zu können, in den Hamsterrädern, das die Welt bedeutet, bestehen zu können. Nach vielen, langen Jahren der Lernbulämie, des Wissenfressens und des Ausspeiens bei den Prüfungen kann man nun zu der Kernfrage unseres Daseins kommen: „Wie werde ich erfolgreich?" Das Bildungssystem war erfolgreich, wenn man Machiavelli für einen aufgeschäumten Milchkaffee hält und Leibnitz für einen Butterkeks.
Der so erfolgreich ausgeleerte Kopf wird nun begierig Ausschau halten nach Rezepturen zur Daseinsbewältigung. Positives Denken soll ja bekanntlich helfen, so sagt man uns jedenfalls, und in den Buchhandlungen Absurdistans biegen sich die Regale unter dem Gewicht der Lebensratgeber mit Titeln wie: „Selber atmen" oder „Freude für Anfänger". Flieht man angewidert heraus aus der Stadt auf‘s Land, so sieht man dort ein Schwein auf einer Wiese liegen, vertieft in den Wälzer eines gewissen Porkwald Specklefsen mit dem Titel: „Schnitzel als Chance". Seien wir doch nicht so negativ, heutzutage dürfen Schweine ihre Metzger selber wählen, es herrschen porcokratische Verhältnisse. Positives Denken ist, mit Verlaub gesagt, eine Form der Lobotomie, diejenigen Teile des Gehirnes, die zu kritischem Denken fähig sind, die werden stillgelegt.
Haben wir die Lebensratgeber endlich allesamt bis zum partiellem Hirntod durchgeackert und in Provinzmetropolen wie Intrigel oder Spießburg Erfolg gehabt, so widmen wir den Rest unserer Lebenszeit der Konsolidierung des Erworbenen und erlernen Vokabeln wie Cash Flow, Dax und Performance.
Hierzu ein Gedicht des Geldsystemkritikers Andreas Clauss:
Die Kurse sind gefallen
die Börse hat gekracht
da hab‘ ich aus den Aktien
einen Papierdrachen gemacht.
Dann ging ich auf die Felder
wo die lauen Winde wehn
dort konnte ich noch einmal
meine Aktien steigen sehn....
Man lacht dann am besten, solange es nicht die eigenen Aktien sind....
Erst dann beginnt man ein System zu verstehen, wenn man damit auf die Nase gefallen ist. Effektiver als durch die Lekture von wirtschaftswissenschaftlichen Büchern erhält man einen Einblick in die Marktwirtschaft durch das Monopoly Spiel. Und wenn Sie wissen möchten, was die Ökonomie aus dem Menschen macht, dann laden Sie Ihre Freunde einmal für einen Spieleabend zu sich nach Hause ein, wir spielen heute Monopoly, und damit es nicht zu langweilig wird, so spielen wir mit echtem Geld. Sie werden sehen, wie sich im Laufe des Abends die menschlichen Beziehungen verändern...
Ein Ausspruch von Henry Ford ist überliefert: „Würden die Menschen das Geldsystem verstehen, dann hätten wir eine Revolution vor morgen früh." Doch wird diese Revolution wohl niemals stattfinden, denn den Menschen sind belanglose Dinge stets wichtiger als ihre eigenen Angelegenheiten. Es wird keine Revolution um 19 Uhr geben, dann da läuft die Sportschau und auch nicht um 20 Uhr 15, denn um diese Zeit kommt der Krimi im ZDF.
Und außerdem,würden Revolutionen etwas ändern, dann wären sie verboten.
Ja, man wird zum Narren gehalten in diesem Leben, und man wird geäfft und gefoppt von der Wiege bis zur Bahre. Solange man noch ein kleines Kind ist, solange kann man noch glauben, es ginge besser, wenn man einmal größer geworden wird, wenn man zur Schule gehen darf, und kaum ist man endlich dort, so wünscht man sich, dass sich die Türen des Schulgebäudes für immer hinter einem schließen werden, man wünscht sich, erwachsen geworden zu sein, und muss dann feststellen, dass die Entmündigung mit dem Eintritt der Volljährigkeit keinesfalls aufgehört hat, man stürzt sich ins Berufsleben, um nach einigen Jahren die Rente zu ersehnen, und eines Tages wird man am Ende seines Lebens angekommen sein, und man wird sich fragen, ja, wie ist es denn gewesen, dieses Leben, und man wird sich zum Fenster schleppen, es für einen Augenblick aufstoßen, es gleich wieder schließen, und aussprechen: „Ja, so ist es gewesen, das Leben, kaum hatte es angefangen, so ist es schon wieder vorbei...“
Wenn man schon genarrt wird, warum sollte man den Spieß nicht umdrehen und aus freien Stücken die Rolle eines Narren annehmen, ein Till Eulenspiegel unserer Tage, einer, der sich erlaubt, die Aufgeblasenheiten, die Eselswissenschaften und die Hirnwürmer der oberen und der unteren Etagen unserer Gesellschaft zu entlarven, mit einem Schmunzeln, mit einem Grinsen vielleicht, mit einem Lachen. Hat nicht Diogenes in einem leeren Fass gelebt und den großen Alexander gebeten, er solle ihm doch aus der Sonne gehen? Seht her, dieses Fass da habe ich ganz alleine ausgetrunken!
Der Karneval vergangener Zeiten war die Ersatzrevolution der Armen. Man wählte einen Narrenkönig, der für einen Tag und eine Nacht eine prinzipiell verkehrte Welt regierte. Kostümierte Rabauken erwachten für einen kurzen Moment zum Leben ihrer Träume. Schrill und vulgär, laut und turbulent wird die Tristesse und das Ohnmachtgefühl des Alltags vertrieben.
Klassengesellschaften kommen wahrscheinlich schwerlich ohne die Einrichtung der tollen Tage und der verkehrten Welt aus, und tragen auf diese Weise zur Erhaltung der bestehenden Verhältnisse bei. Freiräume als Überdruckventil. Tolle Tage, um die restlichen Tage des Jahres besser überstehen zu können.
Der heutige Karneval bedeutet weniger „verkehrte Welt", als die Flucht in die heilen Welten der Betäubung aus einer chronisch verkehrten Welt voll alltäglicher Absurdität. Nur der Narr ist heute noch normal, den Realisten könnte man auch als einen chronischen Psychopathen definieren.
Denn auch und vor allem außerhalb der tollen Tage steht die Welt kopf. Die Absurdität der realen Verhältnisse ist weder durch den Kölner Karneval noch durch Kabarettisten oder durch irgendwelche avantgardistische Kunst zu übertreffen.
Eine Beobachtung aus den 80er Jahren aus einem Krankenhaus, Abteilung Aphasiker, also Menschen, die unfähig sind, Sprache und Worte zu verstehen, zitiert nach dem Psychoanalytiker Arno Gruen:
„Die Patienten sahen gerade den Beginn einer Fernsehansprache von Präsident Reagan und waren begierig, sie weiter zu sehen. Sie sahen den alten Charmeur, den als Schauspieler geübten Redner, sein rhetorisches Talent, seine emotionale Ausstrahlung- und die Patienten bogen sich vor Lachen... Der Präsident wird gewöhnlich als eindrucksvoller Redner anerkannt,- aber bei den Patienten erregte er ganz offensichtlich nur Gelächter...
Auf Grimassen, auf Falsches oder Unrichtiges reagieren Aphasiker mit außergewöhnlicher Sensibilität. Was echt und was unecht ist, können sie auf diese Weise erkennen, ohne die Bedeutung der Wörter zu verstehen. Die Grimassen, das Theatralische, die Gesten und vor allem Ton und Stimmführung des Präsidenten wirkten auf diese wörterlosen, aber hochsensiblen Patienten vorgetäuscht. Sie reagierten auf diese eklatanten, ja grotesken Ungereimtheiten und Unaufrichtigkeiten. Sie ließen sich nicht irreführen und waren nicht irrezuführen durch Wörter...Deshalb lachten sie über die Ansprache des Präsidenten.“
Leider lassen wir uns allzugerne blenden von Worten, von Titeln und von Hierarchien, deswegen haben die Karnevalsprinzen des realen Absurditismus so leichtes Spiel mit uns. Besorgte Stirnfalten, heruntergezogene Mundwinkel verwechseln wir mit Kompetenz, wirtschaftlichen Erfolg mit Relevanz, Status mit Meriten. Zu allem Überfluss neigen wir dazu, den Kakao, durch den man uns zieht, auch noch zu trinken.
Allzu große Worte spricht man uns vor und wir plappern sie nach und wir repetieren sie gedankenlos, wie die Papageien wiederholen wir unaufhörlich die Worthülsen und die Parolen, die man uns vorspricht. Gedenke, oh Mensch, dass du nicht der Nachfahre des Affen bist, so wie ein Darwin es dir einzureden versucht, sondern dass du in gerader Linie vom Papageien abstammst. Deine Art, jeglichen Unsinn, den man dir vorspricht, nachzuplappern, die hat es bewiesen.
Es war einmal ein Briefträger, dem der tägliche Gang zu den Briefkästen seiner Mitmenschen nicht mehr gefiel und so ersann er sich, wie er auf andere erquicklichere Weise sein täglich Brot verdiene könne. Eines Tages, als er wieder durch den Regen gelaufen war und ihn wieder ein großer Hund gebissen hatte, da sagte er sich: „Es ist genug!“ und er beschloss Arzt zu werden, einer, der sich um die Leiden seiner Mitmenschen kümmern sollte und Pillen wollte er verteilen, wunderbare Pillen gegen die Traurigkeit. Und er schrieb sich Papiere, die bescheinigten, dass er Medizin studiert habe und Arzt geworden sei, und er habe in seiner Doktorarbeit ein Syndrom an der Person von Felix Krull erklärt. Vierzig Ärzte hatten sich um diese Stelle bemüht. Der einzige Briefträger, der sich bewarb, wurde genommen. Er arbeitete zwei Jahre als Psychiater, ohne dass jemand an seiner Arbeitsweise Anstoß genommen hätte, er hielt auch einen Vortrag vor 120 Ärzten, von denen sich keiner beschwerte. Um ein Haar wäre er Chefarzt geworden, wäre er nicht durch einen Zufall enttarnt worden.
In einem äußerst amüsanten Interview erzählt er über seine Zeit als Psychiater, wie er in Gesprächen sinnlose Worthülsen aneinanderreihte und niemand von seinen Kollegen ihm Fragen stellte, niemand ihm widersprach, bis er sich irgendwann die Frage stellte: „Wer ist denn hier eigentlich der Hochstapler, die oder ich?"
Auch als Jurist hätte der als einer unverschämtesten Hochstapler Deutschlands bekanntgewordene Gerd Postel Karriere machen können, er hätte zur Freude aller Raser und Falschparker nachweisen können, dass mit dem 2. Bereinigungsgesetz von 2007 die Bestimmung, die den Geltungsbereich des Ordnungswidrigkeitsgesetzes betraf, außer Kraft gesetzt worden ist, weshalb man für überfahrene rote Ampeln oder Falschparken nicht belangtwerden darf, es sei denn,auf einem Schiff oder in einem Flugzeug mit deutschem Hohheitskennzeichen. Oder er hätte nachgewiesen, dass das Gesetz, das den Bürger zur Entrichtung von Steuern verpflichtet, aufgehoben sei, so wie überhaupt jegliches Gesetz in Deutschland, und dass das Einziehen von Steuern den Tatbestand der Plünderung erfülle, welche nach der Haager Landkriegsordnung von 1907 verboten sei.
Vielleicht könnte er auch nachweisen, dass die Bundesrepublik Deutschland in Wirklichkeit kein Staat, sondern eine Firma sei, oder eine Nichtregierungsorganisation, und den Bürgern empfehlen, eigene Ausweispapiere selbst zu drucken, da die Papiere der BRD keinerlei Gültigkeit hätten, sondern nur Augenwischerei und Täuschung seien.
Käme ein Gerichtsvollzieher bei Postel vorbei, dann würde der Möchtegernjurist unverzüglich den echten Gerichtsvollzieher wegen Amtsanmaßung festnehmen.
Über den ehemaligen britischen Premierminister Churchill gibt es auch eine amüsante Geschichte. Während des zweiten Weltkrieges, als in London Ausgangsverbot nach 18 Uhr herrschte, man durfte sich dann nicht auf den Straßen sehen lassen, sonst lief man Gefahr, erschossen zu werden. Eines Tages schaute sich Churchill in einem der Londoner Parks den Sonnenuntergang an, er vergaß die Zeit damit die Ausgangssperre und bemerkte, dass er zu spät dran war, dass er längst hätte zuhause sein sollen. Er sah sich um, ob er nicht irgendwo unterkommen könnte, gewiss, dass jeder ihn aufnehmen würde, wenn er ihn als den Premierminister erkannte.
Er klopfte an die Tür des ersten Hauses, das sich zufällig eine Irrenanstalt war. Jemand öffnete die Tür und Churchill sagte: „Es tut mir leid, wenn ich störe, Ich bin Winston Churchill, der Premierminister.“ Der andere Mann packte ihn einfach und zog ihn hinein. Churchill war entrüstet: „Was machen Sie denn da?“
Der andere sagte nur: „Wir haben sechs Winston Churchills hier, kommen Sie nur herein!“
Man steckte ihn zu den sechs Männern, die alle aussahen wie er, alle die gleiche Zigarre rauchten, alle das Victory Zeichen machten und alle auf die gleiche Weise redeten wie er. Der echte Churchill saß die ganze Nacht zusammen in einer Zelle mit sechs Leuten, von denen sich jeder einbildete, Churchill zu sein, und diese waren so überzeugt davon, dass dem echten Churchill irgendwann Zweifel kamen, ob er sich vielleicht nur einbilde, der wirkliche Premierminister zu sein...
Der eine bildet sich ein, der Premierminister zu sein, der andere ist es, und es ist fraglich, ob da wirklich ein Unterschied besteht. Ist die Macht nicht eine der größten Illusionen überhaupt?
Der Mensch wächst in dem festen Glauben auf, die Welt, in der er lebt und die er sinnlich erfährt, sei die wirkliche Welt. Es ist fraglich, ob das so ist. Die Wirklichkeit erfahren wir über unsere Sinnesorgane. Diese setzen die Eindrücke in elektrische Signale um, die wir als die Außenwelt annehmen. Die Frage, ob die materielle Realität unserer Welt wirklich vorhanden ist, oder ob sie eine Simulation aus einem äußerst leistungsfähigen Supercomputer ist, die lässt sich nie wirklich lösen. Es spricht einiges dafür, dass das Universum digitaler Natur ist.
Die Gottesfrage ließe sich dann auch so beantworten: Der Schöpfer der Welt ist ein gelangweilter Teenager, der am Computer sitzt, der Schöpfungsakt das Hochfahren des Betriebssystems. Wir sind die Pixelmännchen, die über den dreidimensionalen Bildschirm flimmern und allen möglichen Unsinn anstellen, die Welt wird untergehen, wenn die genervte Mutter des Teenagers den Stecker herauszieht. Dann allerdings sind jegliche philosophischen oder metaphysischen Fragen obsolet geworden. Bis dahin ist es allerdings noch ein weiter Weg.
Es kann sein, dass das Universum nicht digitaler Natur ist, unsere Gesellschaftstruktur aber ist es ganz bestimmt. Man muss kein Informatikstudium abgeschlossen haben,um zu wissen, dass die digitale Welt aus Nullen und Einsen besteht. Die Nullen behalten die Oberhand und versuchen vehement den Einsen einzureden, diese seien die Nullen. Arglos, wie die Einsen nunmal sind, gehen sie den Nullen auf den Leim. Analog dazu könnte man auch sagen: Der Satz „Der Klügere gibt nach" begründet die Weltherrschaft der Dummen.
Besser ist, die Nullen einfach auszulachen, die Straßen sind voller nackter Kaiser, die ihre neuen Kleider zur Schau stellen und dies ist kein sehr erhebender Anblick. Im besten Falle nimmt man es mit ein wenig Humor. Oder man benötigt eine XXL Packung davon.
Man könnte es auch mit dem großen Philosophen Lothar Matthäus sagen: „Wir dürfen den Sand jetzt nicht in den Kopf stecken.“