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Die Welt des Nützlichen

Nachdenkliches · Kurzgeschichten
Die Welt des Nützlichen, Länge mal Breite mal Gewinnerwartung. Quadratisch, praktisch und vielleicht nicht einmal besonders ansprechend. Aber nützlich. Und der Nutzen ist der Gott unserer Tage, vor dem man kniet und der Gegenstand ewiger Anbetung geworden ist...
Die Frage ist nur, wem der Nutzen nützt. Und inwiefern. Und wie lange...
Der Nutzen scheint das Maß aller Dinge zu sein. Das Einzige, was zählt.
Das Ornament ein Verbrechen, so der Architekt Adolf Loos, nichts als eine Verschwendung von Arbeitskraft. Mit dem gleichen Aufwand mehr und mehr nützliche Gegenstände herstellen, seine Devise, wie reich könnten wir denn sein, wenn wir nur auf Überflüssiges verzichten würden…?

Irgendwann wurde die so funktional gewordene Welt zu einem Konglomerat an schnörkellosen Dingen, zu denen keiner eine Beziehung mehr hatte. Als schön hatte nur noch zu gelten, was nützt, was um seinen Verwendungszweck keinen Hehl mehr machte. Die Behausung wurde zur Wohnmaschine, nüchtern, sachlich, mit möglichst wenig Mitteln möglichst viel umbauter Raum.
In der Schmucklosigkeit ihrer Behausungen glichen sie sich an, die Wohlhabenden und die Habenichtse, die Mächtigen und die Machtlosen. Luxuriöse Dürfigkeit für die Einen, Massenhaltung für die Anderen.

Der Bruch mit der ästhetischen Tradition galt als mutig, als innovativ. Keine Simse mehr, keine Verzierungen, die klaren, nackten Formen, die ungeschminkte Oberfläche des Sichtbetons, die glatte Wand, die calvinistische Strenge.
Die tradierte Orchestrierung der Formen, die richtigen Verhältnisse der Bauelemente zueinander, das alles galt als überholt. Die willkürliche Anordnung an Fenstern, die Beziehungslosigkeit der Glasflächen und Wandabschnitte, einzig und alleine dem Primat der Funktionalität zugeordnet. Vielleicht auch nach dem Grundsatz, je größer der Störfaktor, desto gewichtiger die Bedeutung des Baumeisters. In einer Welt ohne Kriterien setzt sich zumeist der Lärm, die Willkür durch.

Zeit ist Geld. Man spricht, um der Sparsamkeit willen, nicht in abgewogenen Worten mit
ausgefeilter Grammatik, sondern in Satzfetzen und kürzt die Worte ab. Man kommt schnell zur Sache, hält sich nicht mit übertriebener Höflichkeit auf und lässt den Wichtigen zugunsten des Wichtigeren abrupt im Regen stehen...

Die Literatur aus vergangenen Zeiten, Goethe, Schiller, Klopstock, diese filigrane Sprache von damals, man versteht sie nicht mehr, es fehlt einem der Wortschatz und auch die Geduld, sie zu lesen.
Warum auch? Es wäre Zeitverschwendung. Die Sensation, das Spektakel hat größeren Unterhaltungswert, wer das Spektakel gewohnt ist, findet zu subtilerer Kultur keinen Zugang mehr. Diese wird nicht mehr wahrgenommen, im Rennen um die allzu knappe Ressource Aufmerksamkeit. Diese erwirbt man nicht mit Meriten, sondern mit Lärm.

Für die völlig abgestumpften Sinne ist die Musik eines Orchesters nicht nützlich. Um mit möglichst wenig Aufwand möglichst viele Dezibel zu erzeugen, da würde ein Presslufthammer genügen…
Mit Letzterem reißt man die Artefakte einer längst abgetanen Vergangenheit ein. Die unseligen Ornamente, die unnützen Gesimse, die Verzierungen. Das Sentiment, die ewige Gefühlsduselei. Die alten Herrenhäuser ersetzt man durch uniformierte Wohnmaschinen, die nach wenigen Jahrzehnten wegen Verwahrlosung wieder abgerissen und ersetzt werden müssen.

An diesem Punkt könnte man die Rechnung aufstellen, dass die Errichtung eines Gebäudes so viel Energie verschlingt, wie dieses ein halbes Jahrhundert lang zu beheizen. Ökonomisch wie ökologisch sinnvoll wäre eigentlich, Behausungen wie Gebrauchsgegenstände über lange Zeiträume zu nutzen, sie zu reparieren und instand zu halten. In diesem Punkt waren unsere Vorfahren unsereins ein gutes Stück voraus gewesen. Doch diese Erkenntnis widerstrebt den derzeit geltenden Glaubenssätzen und Glaubenssysteme haben immer empfindlich darauf reagiert, wenn man es wagt, sie in Frage zu stellen.

Wenn ein Industrieprodukt oder ein Gedankengebäude wenig taugt, dann bedarf es einer wirksamen Werbekampagne, um dem Käufer das mangelhafte Erzeugnis schmackhaft zu machen. Ein Getränk schmeckt abscheulich, es ist mehr als ungesund, es wird aber präsentiert als Träger eines hedonistischen Lebensgefühls, und alleine aus diesem Grund wird es gekauft. Für den Produzenten ist die Werbung nützlich gewesen, sie hat ihren Zweck erfüllt, die Taschen zu füllen. Für den Konsumenten mitunter weniger nützlich, wenn als Langzeitwirkung wegen dem überteuertem Zuckerwasser astronomische Zahnarztrechnungen ins Haus stehen.

Der Nutzen des Einen ist mitunter der Schaden des Anderen. Die Uniformität eines neuen Stadtviertels ist für den Besucher wie für den Bewohner ärgerlich, er wird wahrscheinlich niemals eine innere Beziehung dazu entwickeln, die Folgekosten einer Umgebung, mit der niemand sich zu identifizieren mag, die werden nicht niedrig sein, aber zum Glück derer, die ihr Geld mit der Entstellung des urbanen Raumes verdient haben, sind sie nicht in konkreten Zahlen auszudrücken.

Die visuelle Wahrnehmung beeinflusst unsere Biologie, sie wirkt sich auf das Nervensystem aus. Permanenter Stress durch eine Überfülle nichtssagender Eindrücke, die gesundheitlichen und gesellschaftlichen Folgeschäden zahlt weder der Bauherr noch der Stadtplaner, sondern die Allgemeinheit.

Der soziale Gedanke beim Bauhaus, bei Le Corbusier war: „Baukunst für Alle“. Ästhetik sollte bezahlbar sein, allerdings waren es immer nur Minderheiten, die sich für deren unterkühlte Ästhetik erwärmen konnten. Die Liebe zu den strengen Formen war und blieb ein Zeichen für Exklusivität, die Bewohner der Gebäude eines Le Corbusier füllten die in calvinistischer Kargheit gestalteten Wohnungen mit deren Kitsch, was für jeden Puristen ein großes Ärgernis gewesen ist. Immerhin eine Möglichkeit, die gutgemeinte Bevormundung zu unterlaufen, eine womöglich törichte Entscheidung ist zumindest eine eigene gewesen und wird der zumeist von außen aufgenötigten Perfektion vorgezogen.

Anstelle der in langen Jahren gewachsenen Strukturen die geometrische Künstlichkeit in serieller Fertigung. Gebäude fügen sich nicht mehr in die Landschaft ein, sie stehen ihr diametral entgegen. Eine Stadt zu durchqueren bedeutet ein Stakkato an nicht miteinander vereinbaren visuellen Eindrücken. Freiwillig schaut man sich nur die mittelalterlichen Stadtkerne an, die Barockfassaden, die Bauten der Gründerzeit.

Ansonsten fällt es einem schwer, eine innere Beziehung zu entwickeln zu dem Ort, an dem man lebt. Eine Stadt wird wie die andere, die immergleichen Betonungetüme, die immergleiche Lebensfeindlichkeit. Die immergleiche Nützlichkeit. In diesem Punkt gibt es zwischen Nord und Süd, Ost und West, zwischen Europa und Übersee, wenig Unterschiede. An einigen Orten ist der Glanz etwas frischer, anderswo blättert er ab, ist die Moderne in die Jahre gekommen. Möglicherweise folgt auf die Euphorie des Aufbruchs unweigerlich der Katzenjammer, die Feststellung, dass der nicht perfekte Mensch mit der Perfektion seiner Maschinen nicht Schritt halten kann.

Wir leben seit langem im Zeitalter des Pragmatischen, der Effizienz. Man kommt am schnellsten von A nach B, wenn man einer geraden Linie folgt. Allerdings, nach Einstein leben wir in einem gekrümmten Raum, deswegen ist die vorgeblich gerade Linie in Wirklichkeit eine Kurve. Gerade ist nicht wirklich gerade.

Die Biologie hingegen verhält sich eher verschwenderisch. Eine Fülle an Variationen, an Versionen, von denen sich einige bewähren und andere hingegen nicht. Keinerlei zentrale Planung, welcher Baum welche Früchte zu tragen hat und wie viele. Von der Vielzahl der in die Welt gesetzten Tiere erreichen nur wenige die Geschlechtsreife, es wird Unzähliges produziert, von dem nur Einzelne ans Ziel gelangen. Flüsse verlaufen, sich selbst überlassen, keinesfalls schnurgerade, sie mäandern, ihr Wasser fließt nicht geradeaus, sondern in Wirbeln. Nicht auf geradem Weg, sondern in Schleifen.

Wir leben in einer Welt, die mit unseren biologischen und psychischen Grundlagen wenig gemeinsam hat. In einer Künstlichkeit, die abfärbt und den Menschen mehr und mehr dessen eigener Natur entfremdet. Kurzfristig ist das Primat der Nützlichkeit ein Gewinn, auf längere Sicht bedeutet es wahrscheinlich ein Verlustgeschäft. Verlust an Lebendigkeit, an Autonomie, an Individualität. Der Mensch, eine seelenlos gewordene Maschine, ein kleines Rad im Getriebe. Oder unnützer Ballast in einer perfekt funktionierenden Maschinenwelt…?

Ist die Abkürzung, auf das ästhetische Beiwerk zu verzichten, womöglich ein Umweg? Das Ornament womöglich doch notwendig, die aufwendigen Gliederungen unverzichtbar? Leitete der Verzicht auf das vermeintlich Überflüssige einen Entmenschlichungsprozess ein, der sich perpetuiert und beschleunigt?
Oder ist das alles nur überflüssiger Pessimismus?

Der Zeitgeist bewegt sich nicht in einer geraden Linie, sondern im Hin und Her von Bewegungen und Gegenbewegungen. Phasen der asketischen Strenge und der Anbetung des Kitsches wechseln einander ab. Wenn beide Pole integriert werden, die Strenge und das Ornament einander ergänzen, dann bestünde die Möglichkeit, etwas von hoher künstlerischer Qualität zu schaffen.
Allerdings ist das Wissen um die klassischen Regeln der Gestaltung weitgehend abhandengekommen. Nach einem Jahrhundert des Tabula rasa wird man von Neuem wieder anfangen müssen.

Zu guter Letzt die Frage: Was tun? Man kann Zustände wortreich beklagen, man kann versuchen, sich ihnen anzupassen oder sich deren Wirkungen zu entziehen. Man kann in ketzerischer Manier das Nützlichkeitsdenken bis zur allerletzten Konsequenz fortführen und dem Sein als solches die Nützlichkeit absprechen. Wem nützt das All? Wozu braucht man ein Universum?
Um Energie zu sparen, da knipst man die Sterne einen nach dem Anderen aus und senkt die allgemeine Raumtemperatur auf -273 °C.

Das Sein als solches unnütz? Nichts als ein Zeitvertreib? Nichts als ein Spiel?
Der Nutzen an sich eine Illusion?
Gibt es also nichts zu tun. nehmen die Dinge ihren eigenen Lauf, das Geschehen im krassen Wechsel zwischen scheinbarer Rationalität und scheinbarem Rausch, zwischen dem wilden Exzess und der gähnenden Langeweile…?

Um Letzterer zu entkommen, da sucht man den Stein der Weisen, diesen stellt man auf den Sockel, bis man irgendwann feststellen muss, die Universallösung erwies sich als Scheinlösung und die allgemein verkündete Schlussbilanz vom endgültigen Sieg der Vernunft kann nur eine vorläufige gewesen sein...
 
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