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SCHIMMER DER HOFFNUNG, Kap. 3, Teil 1 - EIN BRIEF MIT FOLGEN

Nachdenkliches · Kurzgeschichten
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Lieber Bill,
durch Zufall haben wir erfahren, dass Lilah mit Dir verheiratet war und dass Ihr einen gemeinsamen Sohn habt.
Wir waren natürlich entsetzt über Lilahs tragischen Tod. Ich habe sie immer gern gehabt, sie war die jüngere Schwester meiner Frau, die sehr früh im Kindbett gestorben ist.
Leider hatte Lilah sich seit ungefähr zwei Jahren nicht mehr bei uns gemeldet, was uns unverständlich war, denn bis dahin hatte sie uns wenigstens einmal im Jahr besucht, vor allem wegen meiner kleinen Tochter. Die beiden waren immer wie Schwestern, trotz des Altersunterschieds. All unsere Versuche, mit Lilah telefonischen Kontakt aufzunehmen, scheiterten und wir waren sehr besorgt. Auch bei ihrer Firma konnte man uns letztes Jahr keine Auskunft geben. Und dann mussten wir aus der Zeitung erfahren, dass Lilah von eben dieser Firma ermordet worden war.
Wir, das heißt ich und mein Töchterchen möchten nun gerne Lilahs Sohn (und deinen natürlich auch) kennen lernen. Natürlich nur, wenn Du das möchtest.
Ruf' einfach an, wir haben Platz genug. Du kannst gerne noch jemanden mitbringen und Du kannst so lange bleiben, wie Du willst. Du wirst feststellen, dass Newcem ein netter Ort ist, ein bisschen altmodisch vielleicht, aber sehr angenehm.
In der Hoffnung auf Deinen baldigen Besuch verbleibe ich
Frederic Cemfort
-*-*-*-*-*-*-
„Ich hab' da einen Brief bekommen“, erzählte Spike ziemlich locker. „Was für einen Brief?“ Einen Augenblick lang war Buffy geschockt, weil sie glaubte, Lilah hätte auch Spike einen Brief aus dem Jenseits geschickt, ähnlich wie sie selber vor ein paar Monaten einen Brief von ihr erhalten hatte. Diesen hatte sie Spike verschwiegen, weil sie Angst vor seiner Reaktion darauf hatte. Mittlerweile hatte sie den Brief oft gelesen und konnte ihn auswendig hersagen.
„Er ist von einem Verwandten von Lilah.“ Spike schaute Buffy vorsichtig an, denn man konnte nie wissen, wie sie auf das Wort ‚Lilah’ reagieren würde. „Ach“, sagte Buffy nur. Ein Stein fiel ihr vom Herzen. Der Brief war nicht von Lilah!
„Er hat mich und Gwydion eingeladen. Er ist ein Onkel von Lilah, und er hat erst jetzt erfahren, dass Lilah einen Sohn hat.“ „Und jetzt will er ihn wohl kennen lernen“, stellte Buffy eher fest als dass sie fragte.
„So ist es“, sagte Spike, auch er erleichtert, weil sie es so leicht aufgenommen hatte, denn normalerweise ging ihr alles, was mit Lilah zu tun hatte, schwer auf die Nerven. Also sagte er: „Ich bin es Gwydion schuldig. Er muss seine Verwandten kennen lernen.“ „Du willst also hinfahren?“
„Ich denke schon. Es ist allerdings ein bisschen weit weg. Im südwestlichsten Zipfel von Idaho. Und wahrscheinlich am Arsch der Welt ...“ Buffy musste lachen, sagte aber nichts dazu.
„Diesmal fahren wir mit dem Auto“, schlug Spike vor. „Ich habe es satt, dauernd irgendwas waschen zu müssen und nie genug Klamotten zu haben.“
„Es ist eine lange Fahrt“, gab Buffy zu bedenken. Ihr Herz hatte einen Sprung gemacht, als er 'Diesmal fahren wir mit dem Auto' sagte, denn die Einladung galt wohl nur für ihn und Gwydion, und er wollte sie trotzdem mitnehmen. Das war gut! Denn nach ihrer langen Trennung jetzt sofort wieder ohne ihn zu sein, das wäre entsetzlich.
„Du könntest ja auch mal fahren“, sagte Spike vielsagend. „Oh Gott, du weißt ja, ich und die Technik ...“
„Gut. Überredet. Ich glaube, ich hätte keine ruhige Minute, wenn du fahren würdest“, sagte Spike erleichtert.
„Ich habe fast nichts zum Anziehen“, gab Buffy zu bedenken. „Natürlich nicht!“, meinte Spike grinsend. „Also fahren wir morgen nach Cleveland und decken uns mit Klamotten ein. Vielleicht hat Frederic ja ein Schloss, und es finden dauernd irgendwelche Bälle statt.“ „Dein Verwandter heißt Frederic?“
„Ja tatsächlich, der Typ heißt Frederic Cemfort.“ Spike musste lachen. „Hört sich an wie mitteleuropäischer Landadel. Und der Witz an der Sache ist: Der Ort, in dem er lebt, heißt Newcem. Ich frage mich, ob die Cemforts diesen Ort gegründet haben.“ „Hört sich fast so an, Cemfort, reimt sich auf Cemlord“, sagte Buffy. „So gesehen ist ein Schloss gar nicht unwahrscheinlich.“
„Gut, wir werden auf alles vorbereitet sein. Im Guten wie im Schlechten. Wenn der Typ nur eine Bauernkate hat, dann nimmst du eben eine Schürze mit, denn dann musst du vielleicht für seine unehelichen Bälger kochen. Und ich muss im Schweinestall arbeiten. So werden wir unseren Unterhalt bestreiten.“
„Ach du lieber Himmel, so schlimm wird es doch wohl nicht sein!“ „Zur Not können wir immer noch abhauen.“
„Vielleicht hat er ja doch ein Schloss. Muss ja nicht groß sein“, hoffte Buffy.
-*-*-*-*-*-
Spikes Angebot, mit Buffy einkaufen zu gehen, war nicht ganz so uneigennützig, wie sie vielleicht dachte. Er hatte schon jetzt ein schlechtes Gewissen wegen der Bitte, die er an sie stellen würde. Und er wollte sie besänftigen, obwohl er ahnte, dass sie nicht besänftigt sein würde, nein, im Gegenteil, sie würde stinksauer sein. Und sie hatte ja auch Recht ...
Er trug ihr seine Bitte kurz vor dem Einkaufsbummel vor. Schlechtes Timing, wie er hinterher dachte. Sie war wirklich stinksauer. „Wie bitte! WAS willst du? Da bleib' ich lieber hier!“ Buffy funkelte ihn wütend mit aufgerissenen braungrünen Augen an.
„Ist doch halb so wild.“ Spike, der diesen Ausbruch erwartet hatte, versuchte sie zu besänftigen, ohne viel Hoffnung auf Erfolg. „Du spinnst doch wohl! Ich soll mich als dein Kindermädchen ausgeben? Das ist ja wohl das Letzte!“ Buffy funkelte ihn nicht nur wütend an, sondern sie war durch und durch wütend.
„Nicht als mein Kindermädchen, sondern als das von den Kindern. Ach Quatsch, was rede ich denn da! Als eine alte Freundin, die auf...“ „Alte Freundin? Das wird ja immer besser!“
„Buffy, bitte versteh' doch. Wofür würden sie mich halten, wenn ich ein paar Monate nach Lilahs Tod mit einer neuen Frau ankomme?“
„Und mit noch einem Kind!“, sagte Buffy empört. „Willst du Morgan etwa verleugnen? Ich glaube es nicht!“
„Natürlich will ich Morgan nicht verleugnen. Ich dachte so ungefähr an die gleiche Geschichte, die wir deinem Vater erzählt haben, allerdings ohne die darauf folgende Hochzeit und ohne den Kitsch mit der wiedererwachten oder nie verlorengegangenen Liebe ...“ Spike grinste ironisch.
„Also doch Kindermädchen!“ Buffy traute ihren Ohren nicht, als sie ihn so ironisch über ihre Liebe reden hörte.
„Buffy, bitte!“, sagte Spike eindringlich. „Wir könnten dadurch erklären, warum wir kein gemeinsames Schlafzimmer haben. Das würde doch vieles erleichtern. Oder nicht?“
„Noch leichter wäre es ...“, Buffys Stimme stockte, denn sie hatte sagen wollen, dass es noch leichter wäre, wenn sie gar keine getrennten Schlafzimmer hätten, aber sie wollte sich keine Blöße vor ihm geben. Und sie fürchtete sich vor seiner Zurückweisung.
„Was?“, fragte Spike und schaute sie immer noch eindringlich an. „Ach nichts. Gut, gehen wir einkaufen. Aber ich schwöre dir, das wird lange dauern. Das wird verdammt lange dauern!“
-*-*-*-*-*-*-
„Nicht das.“ Spike rollte mit den Augen, als Buffy aus der Umkleidekabine kam und eine seltsame Kombination trug, so eine Mischung aus... Abendkleid und Blaumann, jedenfalls stand es ihr nicht.
„Warum nicht?“
„Trag um Gottes willen keinen U-Boot-Ausschnitt. Das ist eine Sünde gegen den Körper. Trag normale Ausschnitte, egal ob rund oder V-förmig, aber trag um Gottes Willen keine U-Boot-Ausschnitte.“
„Ich liebe sie aber.“ Buffys Stimme klang verzagt.
„Ich liebe sie nicht. Ich denke immer, sie schnüren dir die Kehle ab“, sagte Spike verzweifelt, denn mittlerweile hatte er es satt, überall seinen Senf zugeben zu müssen. Es war ermüdend und stressig, eine Frau beim Einkaufen zu begleiten und sie auch noch beraten zu müssen. Das war Buffys Rache an ihm. Na gut. Trotzdem war es verdammt anstrengend, obwohl sie zugegebenermaßen eine wirkliche hübsche Frau war, aber diese U-Boot-Ausschnitte... Nein danke.
„Wie findest du dieses Cocktailkleid?“ Buffy spürte seine mieser werdende Stimmung. Diese Stimmung war natürlich kein Wunder nach einem Vier-Stunden-Trip durch diverse Boutiquen. Sie hielt das Kleid nur noch vor ihren Körper. denn sie hatte das Gefühl, als würde er gleich explodieren und deshalb probierte sie das sogenannte Cocktailkleid nicht an. Zu gefährlich.
Spike begutachtete das Kleid kritisch. Es schien okay zu sein. Kein U-Bootausschnitt, passable Farbe, fast weiß, sanfter weicher Stoff, kein bisschen Schnickschnack. Es würde ihr stehen.
„Nimm es“, sagte er schließlich. „Obwohl, Cocktailkleid... Diesen Ausdruck habe ich zuletzt in den Sechzigern gehört. Meinst du, in Newcem werden Cocktails serviert?“
„Es ist ganz schön teuer.“ Buffy machte sich mehr Sorgen um ihr Konto als um die Frage, ob in Newcem Cocktails serviert würden. Denn das was sie heute schon eingekauft hatte, sprengte eindeutig ihren Kreditrahmen.
„Nimm es!“
„Na gut!“ Buffy war erleichtert. Das bedeutete wohl, dass Spike ab nun bezahlen würde, und zwar alles. Normalerweise bezahlte jeder für sich selbst, außer in Restaurants, aber sie gingen ja kaum aus wegen der Kinder. Und wenn, dann war Dawn dabei. Buffy hatte das Gefühl, es wäre Spike lieber, wenn Dawn mit dabei war. Jedenfalls überwies er jeden Monat eine beachtliche Summe auf ihr Konto, damit konnte sie machen, was sie wollte, und sie musste ihn nicht um Geld fragen. Alle anderen Nebenkosten teilten sie untereinander auf, wobei Spike sich immer sehr großzügig zeigte. Nach den äußerst mageren letzten Jahren war Buffy auf einmal in der Lage, sich bessere Kleidung und viele neue Bücher leisten zu können. Die Zeiten, als sie in einem 'Doublemeat Palace' arbeiten musste, waren dem Himmel sei Dank vorbei. Andererseits hatte sie früher wenigstens mit Spike geschlafen, und das kam ihr im nachhinein sehr kostbar vor, während jetzt ... Aber man kann nicht alles im Leben haben.
Spike war aufgestanden und wanderte wie ein gereizter Tiger durch die Regale. Er wollte die Sache beschleunigen und griff sich zielsicher ein paar Oberteile und Hosen. „Hier“, er zeigte Buffy den Haufen Kleidung. „Nimm das!“ Dann erspähte er noch ein gutes Teil, ein ziemlich gewagtes Kleid, legte auch das auf den Haufen und sagte mit bestimmender Stimme: „Und das auch!“
„Gute Wahl“, meinte Buffy beifällig lächelnd. „Ich nehme es.“ Spike hatte immer schon einen ausgezeichneten Geschmack gehabt, und ihre Größe schien er auch zu kennen.
„Können wir dann gehen?“, fragte Spike hoffnungsvoll. „Du Witzbold!“ In Buffys Augen funkelte ein boshaftes Licht. Jetzt gehen wir erst mal Schuhe kaufen ...“
„Ääächzz“, ächzte Spike. „Die Kinder warten bestimmt schon auf uns.“ Eine Wunschvorstellung von Spike, denn die Kinder hatten sie bei Willow und Kennedy abgegeben, und die Kinder hatten sich nicht drüber beschwert.
Spike indessen fühlte sich mittlerweile unbehaglich. Er war nicht nur wegen des stressigen Einkaufens geschafft, sondern auch wegen des Eindrucks, den Buffy auf ihn machte, als sie abwechselnd in sommermäßigen Klamotten, tiefausgeschnittenen Kleidern und kurzen Röckchen aus der Umkleidekabine kam und sich vor ihm präsentierte. So unschuldig liebreizend präsentierte, dass Spike nicht umhin konnte, eine Absicht hinter diesem unschuldigen Getue festzustellen. Und das Schlimme daran war, es verfehlte seine Wirkung nicht auf ihn, denn schließlich war er ja tatsächlich aus Fleisch und Blut (im wahrsten Sinne des Wortes mittlerweile). Und er war ein Mann. Ein Mann, der verdammt lange nicht mit einer Frau geschlafen hatte... Er wollte weg aus diesen Läden.
Eigentlich war das Leben richtig schön, dachte Buffy, wenn nur Spike... Buffy riss sich zusammen und entschloss sich, in die Vollen zu gehen. Wenn man den Mann seiner Wahl nicht kriegen konnte, dann musste man eben jede Menge Schuhe kaufen. Obwohl: Schuhe kaufen konnte sie immer.
-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-*-
Eine Woche später, es war die erste Juniwoche, fuhren sie los. Für Dawn war gesorgt, sie ging schon aufs College in Cleveland und teilte sich dort ein Zimmer mit einer Studienkollegin. An den Wochenenden würde sie bei Willow und Kennedy wohnen.
Der Van war beladen bis kurz vorm Achsenbruch. Sie hatten alles dabei, vom Kinderwagen und little Buddhas Lauflernhilfe über Spikes Gitarre bis zur Abendgarderobe. Der Hauptteil des Vans allerdings war mit Buffys Klamotten gefüllt.
Das Wetter war wunderschön, es war fast noch ein Frühlingswetter mit einem sagenhaft klaren tiefblauen Himmel. Das Gras sah besonders saftig aus, und das Laub der Bäume hatte noch dieses zarte maifarbene Grün, diese herrlich frische knackige Frühlingsfarbe, die es in den folgenden Sommermonaten bald verlieren würde.
Es war ein berauschender Tag. Buffy hatte trotz ihres Status als 'alte Freundin' einigermaßen gute Laune. Sie würde das Kindermädchen spielen, zumindest am Anfang, und dann würde man weitersehen. Und sie konnte ein bisschen Urlaub gut vertragen.
 
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